Mrs Dalloway

Buchseite und Rezensionen zu 'Mrs Dalloway' von Virginia Woolf
4.1
4.1 von 5 (13 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mrs Dalloway"

Es ist ein besonderer Tag im Leben der zweiundfünfzigjährigen Clarissa Dalloway: Die Gattin eines Parlamentsabgeordneten will am Abend eine ihrer berühmten Upper-class-Partys geben. Der Tag vergeht mit Vorbereitungen, zufälligen Begegnungen mit Jugendfreunden, Konversation, nostalgischen Betrachtungen, Sinneseindrücken beim Flanieren ... Ein besonderer Tag soll es – aus ganz anderen Gründen freilich – auch für Septimus Smith werden. Auch ihn, den Kriegsheimkehrer, beschäftigt die Gegenwärtigkeit des Vergangenen in jedem einzelnen Augenblick. In permanent sich wandelnden Empfindungen, Visionen und Assoziationen der Figuren entsteht ein faszinierendes Zeit- und Gesellschaftsbild Englands, rhythmisiert vom Stundenschlag des Big Ben. Romantische, nüchterne und satirische Stimmungslagen fließen ineinander, Melancholie und Contenance, tiefgründiger Witz und leise Wehmut durchziehen Virginia Woolfs Meisterwerk moderner Erzählkunst.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:420
EAN:9783717525561

Rezensionen zu "Mrs Dalloway"

  1. In den Köpfen der Leute

    Es ist ein normaler Wochentag im Jahr 1923 und doch kein gewöhnlicher für Clarissa Dalloway. Die 52-Jährige möchte eine besondere Party geben…

    „Mrs. Dalloway“ ist ein Klassiker der modernen Literatur von Virginia Woolf, erstmals veröffentlicht im Jahr 1925.

    Meine Meinung:
    Die Struktur des Romans ist durchdacht und durchaus raffiniert, zugleich aber etwas verwirrend und nicht leicht verständlich.

    Die Art des Erzählens mag für die damalige Zeit experimentell und beeindruckend gewesen sein. Für mich hat der ausschweifende Stil mit vielen plötzlichen Perspektivwechseln und den vielen Details aber eine Herausforderung bedeutet. Zwar zeigt sich immer wieder, dass die Autorin mit Sprache sehr gut umgehen kann. Dennoch wurde ich mit dieser Erzählweise nicht warm.

    Eine Stärke des Romans ist es, dass er ein umfangreiches und unterhaltsames Gesellschaftspanorama abliefert. Der Schwerpunkt liegt auf dem Innenleben unterschiedlicher Figuren. Das Personal ist entsprechend umfangreich. Die Protagonistin ist keine Sympathieträgerin. Hervorzuheben ist, dass die Ausgestaltung der Figuren ziemlich authentisch wirkt.

    Die Handlung ist überschaubar. Inhaltlich ist der Roman in Hinsicht auf die Themen aber recht komplex. Gut gefallen haben mir vor allem die mehr oder weniger offene Gesellschaftskritik und die anklingenden feministischen Ansätze. Darüber hinaus konnte mich der Roman mit seinen mehr als 300 Seiten leider wenig fesseln. Etliche Passagen habe ich als langatmig empfunden.

    Hilfreich sind die erhellenden Anmerkungen im Anhang zu Namen, Orten und anderen Begrifflichkeiten, die sehr zum Verständnis der Lektüre beitragen. Das Nachwort von Vea Kaiser kann ebenfalls zum Erkenntnisgewinn beitragen. Schöner wäre es gewesen, wenn sich vieles davon schon vorher erschlossen hätte.

    Die vorliegende Ausgabe macht einen hochwertigen Eindruck und ist ein Schmuckstück im Regal. Der Originaltitel wurde auch bei dieser Edition wortgetreu übernommen.

    Mein Fazit:
    Die Faszination, die „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf bei einigen auslöst, kann ich nach der Erstlektüre leider nicht ganz nachvollziehen. Trotzdem werde ich diesem Roman sicherlich noch einmal eine Chance geben.

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  1. Gedanken- und Gefühlswelten

    In ihrem erhellenden Nachwort zur hübschen, handlich-kleinen Manesse-Ausgabe mit zahlreichen Fußnoten von Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" in einer Neuübersetzung von Melanie Walz stellt die Autorin Vea Kaiser das Revolutionäre dieses 1925 erstmals veröffentlichten Klassikers der modernen Literatur heraus:

    <"Mrs. Dalloway" wurde nach seinem Erscheinen zu einem für die damalige Zeit großen Erfolg und begründete Woolfs Weltruhm. […] Nicht nur aufgrund seiner bahnbrechenden, neuen Erzählweise, die bis in die zeitgenössische Literatur hineinwirkt, lohnt sich das Lesen und Wiederlesen des Romans heute, sondern vor allem aufgrund seines Interesses am Innenleben von Menschen, die nach außen hin ganz anders wirken.> (S. 388/389)

    Big Ben schlägt den Takt
    Der Roman spielt an einem einzigen Tag in London, den wie immer die Glockenschläge von Big Ben unterteilen. An diesem Werktag im Juni 1923, an dessen Beginn Mrs. Clarissa Dalloway, Anfang 50, Mitglied der Upperclass mit einem Haus in Westminister, Blumen einkauft und an dessen Ende sie eine Party gibt, lernen wir zahlreiche Personen kennen. Teils enger, teils nur durch eine zufällige Begegnung miteinander verbunden, sind sie fast alle physisch oder als Gesprächsstoff bei der Abendgesellschaft präsent.

    Da ist Clarissas Gatte Richard Dalloway, konservativer Parlamentsabgeordneter, der es nie ins Kabinett geschafft hat, die 17-jähige Tochter Elizabeth mit ihrer von Mrs. Dalloway für ihre Armut, Bildung und das enge Verhältnis zu ihrem Kind gehasste Lehrerin Miss Kilman, Clarissas verflossene Jugendliebe Peter Walsh, der nie reüssierte und ihr nachtrauert (so wie sie ihm manchmal auch), ihre Cousine und erste Liebe Sally Seaton, mit der sie linksliberales Gedankengut teilte, bevor beide konservative Ehemänner heirateten, verschiedene Bedienstete und einige andere mehr. Die mit Abstand für mich interessanteste Figur ist der ehemalige Soldat Septimus Warren Smith, der schwer kriegstraumatisiert dahinvegetiert. Dass weder seine italienische Frau Lucrezia noch seine Ärzte Art und Schwere seines Leidens einschätzen können, wird ihm zum Verhängnis.

    Nicht so fesselnd wie erhofft
    Ich habe "Mrs. Dalloway" mit lang gehegten, großen Erwartungen und viel Vorfreude begonnen, doch leider wich dieses Gefühl rasch der Ernüchterung. Schuld daran war nicht die manchmal beklagte Handlungsarmut, sondern der Umstand, dass mir die Figuren, allen voran Mrs. Dalloway, nicht nur unsympathisch waren, was Romanfiguren durchaus sein dürfen, sondern schlichtweg egal. Die Überheblichkeit, Oberflächlichkeit und Eitelkeit der Upperclass mit ihren sogenannten Problemen und der Banalität ihrer ausschließlich um sich selbst kreisenden Gedanken vermochten mich nicht zu fesseln, ja, langweilten mich sogar über weite Strecken. „Rasant“, wie Vea Kaiser schreibt, erschien mir der Roman daher keineswegs. Einzige Ausnahme war das Schicksal des traumatisierten Septimus, dessen Visionen und hilfloses Ringen Virginia Woolf überragend nachvollzieht.

    Lesenswert machen den Roman neben Septimus' Schicksal der Aufbau mit dem den Takt schlagenden Big Ben, die beständigen, volle Konzentration fordernden Perspektivsprünge, die Wechsel zwischen Dialogen und inneren Monologen, dem sogenannten „Bewusstseinsstrom“, die Themenvielfalt und die kunstvolle Verknüpfung der Einzelschicksale mit mehr oder weniger dicken Fäden.

    Ohne Zweifel ist Mrs. Dalloway ein Meilenstein der modernen Literaturgeschichte, den es zu würdigen gilt, ein Lesevergnügen war es für mich jedoch nur teilweise.

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  1. Der Londoner Stundenschlag

    "The Hours" sollte dieser ungewöhnliche Klassiker ursprünglich heißen, wie einem Tagebucheintrag der Autorin zu entnehmen ist. Die Handlung erstreckt sich über einen einzigen Tag und beginnt mit Clarissa Dalloway, einer Londoner Dame von 52 Jahren, die Blumendekoration für eine am Abend geplante Party einkaufen geht. Ihr fröhlicher Optimismus bei diesem Blumenkauf - denn die eigentliche Vorbereitungsarbeit obliegt natürlich dem Personal -, ihre Gedanken und Eindrücke machen das Geschehen der ersten Seiten aus. Doch schon bald wechselt der Fokus auf andere Leute, die ihr über den Weg laufen, und der erstaunten Leserin wird klar: In diesem Buch "passiert" im üblichen Sinn nichts, wir befinden uns in einem ungeordneten Strom von Gedanken, Eindrücken, Erinnerungen und Phantasien, der ständig zwischen den Personen des Romans hin- und herfließt.

    Clarissa Dalloway, ihr Ehemann Richard, die gemeinsame Tochter Elizabeth, Clarissas Jugendfreund Peter Walsh (der einmal sehr in sie verliebt war) und noch etliche andere Personen wandern in den Erzählfokus und wieder hinaus, auf eine so unaufdringlich fließende Weise, dass auch konzentriertem Lesen die Schnittstelle nicht immer genau auszumachen ist. Durch die Erzähltechnik des "Bewusstseinsstroms", in dem alles, was die Gedanken eines Menschen ausmacht, gleichwertig nacheinander vor den Augen des Lesers vorbeizieht, bekommen wir eine sehr intime Vorstellung von den Personen: auch Eitelkeiten, Lebenslügen, bewusst oder unbewusst verfälschende Erinnerungen haben ihren Platz neben Momenten großer Klarsicht und der Bitterkeit der Erkenntnis. Letzteres gilt besonders für Septimus W. Smith, einen tief verstörten Kriegsheimkehrer (der Roman spielt im Jahr 1923). Von Angstattacken und Kriegstraumata gequält, sucht er vergebens Hilfe bei Psychiatern, auch seine Frau Rezia, die ihm beistehen möchte, bleibt ihm in seinem Leid eine Fremde.

    Der Roman bietet nur wenig an objektiv erkennbarer Handlung; alles, was geschieht, erlesen wir durch ungefiltert wiedergegebene Eindrücke der Personen, und die einzige äußere Struktur des Romans ist der regelmäßig wiederkehrende Glockenschlag der Londoner Kirchen (daher der frühere Titel "The Hours"). Virginia Woolf handhabt das Stilmittel des Bewusstseinsstroms äußerst gekonnt. Obwohl das Lesen viel Konzentration erfordert und die Lesezeit wohl in den meisten Fällen länger ist als die "erzählte Zeit", empfand ich das Buch nicht als anstrengend oder übermäßig elaboriert. Im Gegenteil, die stilistische Vielfalt und Sicherheit der Autorin beim Finden ihrer Bilder machen das Lesen zu einem Genuss. "So ist es in Wahrheit um unsere Seele bestellt (...), unser Innerstes, das wie ein Fisch Meerestiefen bewohnt und im Dunkeln laviert, sich den Weg sucht zwischen den Stängeln riesiger Wasserpflanzen, über sonnengefleckte Stellen und immer weiter in die kalte, tiefe, unermessliche Finsternis hinein; und plötzlich springt es an die Oberfläche und hüpft auf den windgefurchten Wellen; denn es hat eindeutig den Wunsch, sich (...) plaudernd zu begeistern." (S. 285) - nur ein ausdrucksvolles Beispiel.

    England ist ein im Umbruch begriffenes Land zu dieser Zeit. Die gravitätische Bürgerlichkeit der Upperclass wird der Erfahrungswelt des ehemaligen Kolonialbeamten Walsh und des tief verstörten Kriegsteilnehmers Septimus Smith gegenübergestellt, ebenso der oft recht kleinkarierten Denkungsart der arrivierten Damen, die sich nie anders entfalten konnten als im Kinderkriegen und Blumenkaufen. So erinnert sich Mrs. Dalloway an die erotisch geprägte Zuneigung zu einer Jugendfreundin, die, wie sich abends bei der Party herausstellt, inzwischen fünf Söhne hat und angeblich "ausnehmend glücklich" geworden ist: die Menschen sind "so kompliziert", statt dessen geben ihr Blumen "inneren Frieden". Ja, so ist es in Wahrheit um unsere Seele bestellt ... Im klassischen Sinn "interessante" Romanfiguren suchen wir über weite Strecken vergebens. Die Menschen, um die es hier geht, sind alle im Kleinen gescheitert - bis auf Septimus Smith, dessen Scheitern immerhin Größe hat. Das Besondere an "Mrs. Dalloway" ist nicht das Was, sondern das Wie.

    Ein herzliches Dankeschön an den Manesse Verlag, der den Roman in der üblichen ansprechenden Weise herausgebracht hat, und an die Übersetzerin, die ausgezeichnete Arbeit geleistet hat. Das Buch enthält eine Menge erklärender Fußnoten und ein ausführliches Nachwort, das die literaturgeschichtliche Bedeutung des Romans hervorhebt und seine Entstehung beleuchtet. "Was mich betrifft, so baggere ich meinen Kopf mühsam für Mrs. Dalloway aus und bringe leichte Eimer herauf" notierte die Autorin 1922 in ihrem Tagebuch. Mühsam, das heißt tiefgründig und schonungslos, aber zugleich leicht und mit Blick auf das Besondere im Alltag: das ist der Londoner Tag der "Mrs. Dalloway".

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  1. Ein Tag in London....

    „Mrs. Dalloway sagte, sie werde die Blumen selbst kaufen.“

    Ein Tag in London in den 1920er Jahren: Clarissa Dalloway, 52 Jahre alt, Gattin eines Parlamentsabgeordneten geht ihren Besorgungen nach. Sie wird unerwarteten Besuch bekommen und von ihrem Ehemann einen Strauß Rosen. Septimus Warren Smith, ein Veteran des ersten Weltkrieges, wird an diesem Tag seinem Leben ein Ende setzen. Am Ende des Tages wird eine Party im Hause Dalloway stattfinden.

    Die Handlung in Virginia Woolfs Meisterinnenroman ist überschaubar. Hier zählt, was sich in den Köpfen der Menschen abspielt. Wir folgen dem „stream of consciousness“, dem Bewusstseinsstrom, den die englische Schriftstellerin in diesem Roman erstmals und konsequent bravourös durchzieht.

    So, als ob die Personen in diesem Buch uns an der Hand nehmen, uns durch London führen, wir den aktuellen Zeitgeist spüren, begleiten wir Haupt- und Nebenfiguren dieses Romans in deren Gedankenwelt. Die Übergänge der Szenen sind fließend, manchmal fast absatzlos.
    Alles passiert an einem Tag, immer wieder werden wir an die Zeit gemahnt, wenn Big Ben oder eine andere Glocke zur Stunde schlägt. Erinnerungen an früher – an unbeschwerte Jugend, unausgesprochene und unaussprechliche Begehrlichkeiten - lassen Clarissa über ihr Leben, ihre Ehe, ihre Entscheidungen, Getanes und Versäumtes, nachdenken.

    „Was sie liebte, war nur das Leben. - Deshalb tue ich das, sagte sie laut zum Leben.“

    Mrs. Dalloway repräsentiert die gut situierte Upperclass. Auf der anderen Seite des Spiegels findet sich Septimus Warren Smith. Er hat im ersten Weltkrieg Schreckliches erlebt. Was wir heute als Posttraumatisches Belastungssyndrom kennen, findet bei den behandelnden Ärzten kaum Beachtung. Auch er ist gedanklich in der Vergangenheit, sieht im Geiste den im Krieg getöteten Freund und Kameraden.
    Vieles an Clarissa und Septimus lässt an Virginia Woolf selbst denken. Einerseits entstammt sie auch einer gehobenen Gesellschaftsschichte, anderseits litt sie selbst immer wieder an Depressionen, Wahnvorstellungen bis hin zum Stimmenhören, fand sich von Ärzten unzureichend behandelt. Doch Virginia Woolf schaut hin auf die Ungerechtigkeiten, im Gegensatz zu ihrer Protagonistin.

    „Ihre Rosen lagen ihr ungleich mehr am Herzen als die Armenier.“

    Es steckt sehr viel Kritik an der Gesellschaft und zeitgeschichtliche Bezüge in diesem Buch: In den Jahren nach dem ersten Weltkriegt ist die Gesellschaft im Umbruch. Der Zerfall des Empires. Das Entstehen des Commonwealth. Der aufkeimende gewaltlose Widerstand in Indien. Das Erstarken der Frauenrechtsbewegung.

    Virginia Woolf hat es sich beim Schreiben dieses Buches nicht leicht gemacht. „Was mich betrifft, so baggere ich meinen Kopf für Mrs. Dalloway aus und bringe leichte Eimer herauf.“, schreibt sie am 16. August 1922 in ihrem Tagebuch. Stück um Stück entsteht ein Werk um Leben und Tod, Erinnern und Vergänglichkeit, seelischen Abgründen, unterdrückter Sexualität und Emotionen.

    Ursprünglich sollte dieser Roman „The Hours“ heißen, was auch passender wäre, denn Clarissa Dalloway nur eine von vielen Figuren in diesem Roman ist. Die Symbolik der schlagenden Glocken blieb aber erhalten. Zur Entstehungsgeschichte des Romans und zum Leben der Autorin findet sich im Nachwort von Vea Kaiser noch einiges zu erfahren.

    Ich denke, dass Virginia Woolf zurecht behaupten durfte, dies sei ihr gelungenster Roman.

    Außerordentlich gut gelungen ist jedenfalls die Ausgabe des Manesse Verlags unter dem Motto „Mehr Klassikerinnen!“. Kleinformatig, ein Cover mit grünem Rosenlaub, in dem sich beim näheren Hinschauen das Gesicht der Autorin verbirgt. Haptisch ansprechende Seiten. Die zahlreichen Fußnoten im Anhang sind eine Einladung, sich näher mit der Zeit und den Umständen des Romans zu befassen.

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  1. Ein Tag im Leben von Clarissa Dalloway

    Ein Tag im Leben von Clarissa Dalloway

    Zuerst einmal möchte ich erwähnen wie verzaubert ich von der Ausgabe des Manesse Verlages dieses Klassikers bin. Er ist sehr hochwertig verarbeitet und bietet in jeder privaten Büchersammlung einen enormen Blickfang.

    Beim lesen des Romans habe ich mich dann allerdings ein wenig schwer getan. Die Sprache ist meist sehr weitschweifig angelegt. Die Protagonistin denkt über vieles nach und wechselt oft im Geiste das Thema. Des weiteren tauchen insgesamt doch recht viele Personen auf, die nur eine untergeordnete Rolle spielen, so dass sie beim erneuten Erscheinen erneut sortiert werden mussten.
    Die Handlung beschränkt sich auf einen einzigen Tag von Mrs Dalloway. Sie bereitet eine ihrer berüchtigten Parties vor, und hat daher einiges zu erledigen. Das Blumen erwerben nimmt dabei allein schon sehr viel Raum ein, da nicht nur Londons Straßen um Big Ben herum erwähnt werden, auch ihre Gedanken zu allem und jedem fließen ein.

    Gefallen haben mir hingegen die Einschübe um Septimus Warren Smith, der an einer Kriegsneurose leidet, die erstmal unentdeckt bleibt, da nicht einmal der Hausarzt in der Lage ist diese als solche zu erkennen. Ausserdem erfährt der aufmerksame Leser, und das muss man sein, wie seine Frau damit umgeht, einen lädierten Mann zu haben.

    Alles in allem empfand ich das Ende, als der Höhepunkt, die Party, endlich gekommen ist, am interessantesten. Bis dahin haben wir viel über Peter Walsh erfahren, der Mrs Dalloway damals gerne zu seiner Frau gemacht hätte, und über einige andere Personen.

    Ich kann die Bemühungen der Autorin zwar wirklich honorieren, dennoch habe ich mich stellenweise sehr schwer getan mit der Lektüre. Das gemeinsame lesen in einer Leserunde brachte mir zum Glück einige wichtige Erkenntnisse, so dass ich mich dann doch gut durcharbeiten konnte, ohne das mir zuviel wichtiges entging. Es war wohl nicht die richtige Zeit für diesen hochgelobten Klassiker. Er findet aber auf jeden Fall einen Platz im Regal und wartet darauf erneut gelesen zu werden.

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  1. 4
    09. Jun 2022 

    Gedankenströme

    „ Mrs. Dalloway“, 1925 erschienen, zählt zu den bedeutendsten Romanen der englischen Literatur. Was das Buch so bedeutsam macht, ist seine Erzähltechnik. Virginia Woolf weicht hier von der traditionellen Erzählweise ab; sie nutzt die damals neue Form des Bewusstseinsstroms ( „ Stream of Conciousness“ ). Der eigentliche Erzähler tritt in den Hintergrund, stattdessen nimmt der Leser Teil an den ungefilterten Gedanken der Figuren, ausgelöst oftmals durch äußere Ereignisse.
    Der Roman spielt an einem einzigen Tag, einem Tag im Juni 1923 in London. Im Zentrum steht zum einen die 52jährige Clarissa Dalloway, eine Dame der gehobenen Gesellschaft. Sie ist verheiratet mit dem Parlamentarier Richard Dalloway und lebt mit ihm und der gemeinsamen Tochter Elizabeth im noblen Stadtteil Westminster. An diesem Abend will Mrs. Dalloway eine ihrer legendären Abendgesellschaften geben und deshalb macht sie sich auf den Weg, um Blumen zu besorgen. Kurz vor Mittag bekommt sie überraschend Besuch von ihrem Jugendfreund Peter Walsh und am Abend findet die große Party statt, mit vielen illustren Gästen aus der Oberschicht. Sogar der Premierminister erscheint, doch „ Er sah so gewöhnlich aus.“
    Der zweite Erzählstrang gehört Septimus Warren Smith, einem ehemaliger Kriegsteilnehmer. Seine Erlebnisse haben zu einer ernsten psychischen Erkrankung geführt und er wird am Abend des Tages seinem Leben ein Ende setzen.
    Das ist knapp umrissen die ganze Handlung. Der Leser begleitet die beiden Protagonisten und noch einige weitere Personen durch den Tag. Dabei ist er ganz dicht im Innern der Figuren. Vorgänge in der äußeren Welt sind Auslöser für Gedanken und Erinnerungen.
    Clarissa schweift zurück in ihre Jugendzeit, erinnert sich an unbeschwerte Tage. Sie stellt Überlegungen an, wo sie heute steht und ob sie noch eine eigenständige Frau ist oder nur noch Mrs. Richard Dalloway. Die Begegnung mit ihrer Jugendliebe Peter gibt Anlass zu Überlegungen, ob die Wahl ihres Ehemannes die richtige war oder ob sie mit Peter nicht hätte glücklicher werden können.
    Bei Septimus psychischer Störung und seiner Begegnung mit Psychiatern konnte Virginia Woolf auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Sehr glaubhaft schildert sie seine Verzweiflung, seine wahnhaften Gedankenströme.
    Zusammengeführt werden die beiden Erzählstränge, nachdem sie sich immer mal wieder kurz berührt hatten, erst am Ende des Romans. Der behandelnde Psychiater kommt zu spät zur Party, weil sich sein Patient kurz zuvor umgebracht hat. Clarissa reagiert erst unwillig („ Was fiel den Bradshaws ein, auf ihrer Party vom Tod zu sprechen?“) , dann erschüttert ( „ Aber er hatte alles weggeworfen. Sie würden weiterleben…“).
    Das Thema Vergänglichkeit wird auch im stündlichen Glockenschlag von Big Ben aufgegriffen. Leitmotivisch durchzieht er den Roman und gibt ihm dadurch Struktur. Der ursprüngliche Arbeitstitel war auch „ The Hours“, was mir passender erscheint. Denn die anderen Personen im Roman nehmen einen weitaus größeren Raum ein, als ihn der Titel „ Mrs. Dalloway“ vermuten lässt.
    Virginia Woolf greift viele Themen auf in ihrem Buch: Es geht um Alter und Tod, um das Voranschreiten der Zeit, um einmal getroffene Entscheidungen, um Kriegstraumata, um psychische Erkrankungen und ihre Behandlungsweisen, um eheliche Liebe und um lesbische Liebe und manches mehr. Gleichzeitig zeichnet sie ein genaues Bild der gehobenen englischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg und nicht zuletzt von der Großstadt London.
    Allerdings darf man das Buch nicht unterschätzen. Am Anfang hatte ich Probleme, einen roten Faden in all diesen Gedankenströmen auszumachen. Denn Virginia Woolf wechselt sprunghaft die Figuren, geht von einer Innenperspektive zur nächsten. Das erfordert einen langsamen und konzentrierten Leser. Bei der Erstlektüre haben bei mir Buch und meine eigene Verfassung nicht zusammengepasst. Da ich aber den Roman mögen wollte, habe ich einzelne Passagen nochmals gelesen. Und dabei hat mich beeindruckt, wie kunstvoll Virginia Woolf Gegenwart und Vergangenheit, Gedanken, Gefühle und Stimmungen mit realen Ereignissen verwebt. Das ist große Kunst. Auch sprachlich bewegt sich der Roman auf hohem Niveau. Bestimmt werde ich den Roman nochmal lesen, in einer etwas ruhigeren Phase meines Lebens.
    Lesenswert ist auch das Nachwort von Vea Kaiser. Sie beschreibt kurz die Bedeutung der Autorin Virginia Woolf und erklärt anschaulich, was das Anliegen und das Neue an diesem Roman war.
    Der Manesse- Verlag legt immer viel Wert auf eine hochwertige Ausgabe, so auch hier. Allein das sichert dem Buch einen beständigen Platz in meiner Bibliothek .

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  1. 4
    08. Jun 2022 

    Dem Gedankenfluss folgen ist nicht immer leicht

    Mrs. Dalloway, die Titelfigur eines Romans von Virginia Woolf, erlebt der Leser dieses Romans an einem Tag in London des frühen 20. Jahrhunderts, an dem sie sich und ihr Haus auf eine große Abendgesellschaft vorbereitet, oder sollte man lieber sagen vorbereiten lässt. Die Arbeit verrichten für sie größtenteils ihre Angestellten, doch die Last des Gelingens liegt dennoch sehr schwer auf ihr an diesem Tag. Der Leser begleitet sie in diesem Roman durch das London dieser Zeit, indem er einen ganz unvermittelten, direkten Blick auf ihr Innenleben, ihren Gedankenfluss und ihre Assoziationen während dieser Gänge erhält. Er steht praktisch am Ufer ihres Gedankenflusses und erhält einen eher chaotischen, da ungeordneten Blick auf alles, was sich in ihrem Kopf abspielt. Daraus ergibt sich eine Wanderung durch das London dieser Zeit, die einerseits übervoll mit Eindrücken ist, andererseits aber auch wenig wirkliche Einblicke gewährt. Dafür ist die Schreibweise zu ungeordnet, zu unstetig und zu wenig gerichtet. Es wäre aber falsch, dies als Schwäche dieses Romans abzutun. Es ist ohne Frage eine ganz bewusst gewählte Gestaltungsform der Autorin, dieses Geschehen und seine Figuren auf diese realistisch-unkonventionelle Art und Weise darzustellen.
    Im weiteren Verlauf des Romans verlässt der Leser die Hauptfigur und wandert in ähnlicher Form über den Tag mit Personen mit, die in verschiedenen Beziehungen zu Mrs. Dalloway stehen und sich am Ende des Tages bei ihr zu der Abendgesellschaft treffen werden.
    Wir lernen Peter Walsh kennen. Einen Mann, den Mrs. Dalloway einstmals beinahe geheiratet hätte, bevor sie sich dann doch für die abgesicherte Variante Mr Dalloway entschieden hat. Peter, gerade aus Indien zurückgekehrt, bringt Mrs Dalloway ins Grübeln über die Richtigkeit ihres Lebenswegs und ihr derzeitiges Dasein, ist selbst tief beschäftigt mit der Klärung seiner Angelegenheiten rund um eine verheiratete Frau und bringt immer wieder zum Ausdruck, dass er in der kolonialen britischen Gesellschaft Indiens nie die Rolle spielen konnte, die einem britischen Gentleman von wirklichem Format zugedacht ist.
    Wer lernen Septimus kennen, einen Mann hohen Standes, der zu verbergen hat, dass er psychisch tief angegriffen ist von den Zwängen seines Lebens und an dem leidet, was wir heute wohl freundlichstenfalls als „Burnout“ bezeichnen würden.
    Mein Fazit:
    Mrs Dalloway ist ein herausfordernder Roman, der einen Stil und eine Erzählweise verwendet, der dem Leser eine andere Art von Realismus präsentiert als das der übliche Realismus der Zeit getan hat. Es ist ein ungeordneter Realismus, der aber wohl gerade durch diese Ungeordnetheit der Realität sehr viel näherkommt als die realistischen Romane des 19. Jahrhunderts das konnten. Es ist ein experimenteller Roman. Wahrscheinlich könnte er auch heute noch so bezeichnet werden und war deshalb wohl seiner Zeit voraus. Das zeichnet den Roman aus und verlangt auch dem heutigen Leser noch ein Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration ab, die sicher nicht immer und sicher auch nicht von allen Lesern zu leisten ist. Die wichtige Frage ist: Gibt dieses Ungeordnet-Sein dem Leser mehr Möglichkeiten des Verständnisses und des Einlebens in die Zeit und die Charaktere? Ja und nein. Wenn der Leser es schafft, die Unordnung selber in ein System zu bringen, wenn er es quasi schafft, die Puzzleteilchen des Romans in das Bild zu verwandeln, das die Teile bei richtiger Anordnung ergeben können, dann sehe ich in dieser modernen Art des Schreibens erhebliche Vorteile und einen Fortschritt der Literatur. Das macht bestimmt auch den Wert dieses Romans aus und begründet seine Stellung in der Weltliteratur. Ich als Leserin wurde dem hohen Anspruch dieses Romans aber leider nicht durchgängig gerecht und habe es nicht geschafft, das Bild des Puzzles in seiner Ganzheit herzustellen. Und so bleibt der Roman mit seinem Geschehen und seinen Einblicken stückchenhaft und fragmentarisch beschränkt. Deshalb bleibt mein Fazit bei 4 guten Sternen und bei der Hochachtung vor diesem Stück Weltliteratur stehen.

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  1. Big Ben schlägt die Stunde

    Inhalt
    Clarissa Dalloway ist einundfünfzig. Sie ist verheiratet mit dem Parlamentsabgeordneten Richard Dalloway. Sie haben eine Tochter Elizabeth. Clarissa Dalloway lebt mit ihrer Familie in London im vornehmen Stadtteil Westminster und führt ein großes Haus mit Dienerschaft. An einem schönen Sommertag im Juni gibt sie eine ihrer berühmten, glänzenden Partys. Clarissa macht hierfür Besorgungen und trifft Vorbereitungen. Dabei werden Gedanken frei, die in ihre Vergangenheit zurückreichen. Nur die Stundenschläge des Big Ben holen sie in die Gegenwart zurück. In ihrer inneren Auseinandersetzung mit ihrem bisherigen Leben werden nach und nach Bruchstellen zwischen ihrer äußeren und inneren Existenz freigelegt.

    Sprache und Stil
    Die Handlung umspannt zwölf Stunden aus dem Leben von Clarissa Dalloway. Im Zentrum des Romans stehen Mrs. CLarissa Dalloway und Septimius Smith. Clarissa erinnert sich während ihrer Partyvorbereitungen an Ereignisse aus ihrer Jugendzeit. Septimus Warren Smith hingegen ist gefangen in seinen Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse auf dem Schlachtfeld. Die Erinnerungen werden mit weiteren Personen geteilt, die in ihrem jetzigen Leben und in ihrer Vergangenheit eine Rolle eingenommen haben. Beide Wege der Protagonisten kreuzen sich zufällig im Roman, bis am Ende durch ein unglückliches Ereignis beide Erzählstränge miteinander verbunden werden.
    Ein wichtiges Merkmal der Vergänglichkeit stellt Virgina Woolf mit Big Ben, der die Zeit anzeigt, dar. In Abständen teilt Big Ben mit seinem Glockenschlag die Gedanken der Individuen als Teil der Perspektivwechsel.
    Der Wechsel der Perspektive wird kontinuierlich vorgenommen, was die Handlung in den Hintergrund stellt und der Erzähltechnik einen besonderen Stellenwert einräumt. Woolf nutzt insbesondere eine damals neue Technik des Bewusstseinsstroms (Stream of Consciousness). Gedanken und Assoziationen der Figuren werden ungeordnet und unmittelbar wiedergegeben.

    Erzählstil
    Der Roman Mrs. Dalloway hat keine besondere äußere Handlung. Er spielt an einem Tag im Juni 1923. Das Wesentliche hat Virginia Wolf in den Köpfen ihrer Figuren verankert. Nebeneinander werden die Gedankenströme platziert, die den Leser und die Leserin in die tiefste Stelle der einzelnen Personen hinführt. Die Fassade wird durchbrochen, egal welche Klasse, Beruf, Geschlecht, Selbstbild oder Aussehen die Person ausmacht. Sie wechselt die Perspektive ständig.
    Es gibt einen allwissenden Erzähler, Monologe, indirekte Rede, direkte Rede. Geschickte Stilmittel, wie Metaphern und bildliche Sprache, lassen Gegenstände und Geräusche Erinnerungen an die Vergangenheit in den Charakteren hervorrufen.
    Gedanken und Assoziationen der Figuren werden ungeordnet und unmittelbar wiedergegeben. Sie vermitteln dem Leser einen Einblick in die Denkprozesse, nostalgische Betrachtungen und Sinneseindrücke, analysierende Gedanken, Selbstreflexion verbunden mit sehr bildlichen und emotionalen Beschreibungen.

    Der Roman beginnt mit Erinnerungen aus Clarissas Vergangenheit. Der schöne Morgen und das Quietschen der Türangeln erinnern sie an ihre Jugendzeit in Bourton.

    „Was für ein Spaß! Was für ein Aufbruch! Denn so war es ihr vorgekommen, wenn sie mit leisen Knarren der Angeln, wie sie es jetzt hören konnte, die Fenstertüren aufgerissen hatte und ins Freie nach Burton aufgebrochen war. Wie frisch, und friedlich, stiller als hier natürlich, war die frühmorgendliche Luft: wie das Plätschern einer Welle, der Kuss einer Welle, kühl und erfrischend und zugleich dennoch (für ein achtzehnjähriges Mädchen, das sie damals war) feierlich. […].“
    (S. 5)

    Clarissa nimmt die Stille und Geborgenheit der Natur wahr, im Gegensatz zur ständigen Unruhe und Geschäftigkeit des modernen Londons.

    Fazit

    „Mrs. Dalloway wurde nach seinem Erscheinen zu einem für die damalige Zeit großen Erfolg und begründete Woolfs Ruhm. 1925 wurde sie sogar für die Vogue fotografiert.“ (S. 388)

    Der Roman ist das beste literarische Werk der Autorin. Die Geschichte ist der Zeit der literarischen Moderne zuzuordnen. Im Roman gibt es keine bestimmte Handlung. Die Handlung findet hauptsächlich im Bewusstsein der Charaktere statt. Victoria Woolf hat in Mrs. Dalloway den Stil des Gedankenstroms perfektioniert. Fließende Gedanken, Erinnerungen, Hoffnungen und Träume zeigen mentale Zustände der unterschiedlichsten Personen auf. Die Hauptfigur Mrs. Dalloway denkt über ihr Leben nach, seine Bedeutung und die Essenz daraus. Sie fragt sich, ob sie glücklicher, klüger oder erfüllter sein könnte, als sie es ist. Doch am Ende erkennt sie, dass sie das Beste gewählt hat. Im Gegensatz zu Septimius, dessen Gefühle, Leiden und Schmerzen von dunklen und negativen Gedanken beherrscht werden.
    Die Geschichte wird mit weiteren Personen wie Richard Dalloway, Peter Walls, Sir William Bradshow, Elizabeth verwoben, deren Wege sich kreuzen oder in einem direkten Zusammenhang stehen.
    Einen weiteren Aspekt im Roman wird mit dem Begriff Zeit aufgegriffen. Die Zeit wird durch Big Ben symbolisiert. Geordnet schlägt er die Stunde und zeigte das Vergehen der Zeit kontinuierlich an. Vergangenheit wechselt sich ab mit Erfahrung und Erinnerung. Das Bewusstsein der Vergänglichkeit wird immer greifbarerer.

    Der Roman ist insgesamt kurz, aber durch seine durchdachte Sprache und seinen hervorragenden Aufbau ein grandioser Roman.

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  1. Grandioser Klassiker über einen Tag im Juni 1923

    Ich liebe die handlichen Manesse-Klassiker und das Motto des Verlages „Mehr Klassikerinnen“ führte nun zu einer haptisch sehr ansprechenden Neuauflage dieses berühmtesten Romans von Virginia Woolf, der meine erste Begegnung mit der Autorin ist.

    Die äußere Handlung ist schnell erzählt: Clarissa Dalloway bereitet sich auf eine ihrer legendären Partys vor, die am Abend in ihrem Londoner Stadthaus stattfinden soll. Sie geht Blumen einkaufen. Auf dem Weg lässt sie ihre Gedanken spazieren gehen. Sie sinniert über die Vergänglichkeit des Lebens nach, hadert mit dem eigenen körperlichen Verfall. Sie wird an ihre Jugendliebe Peter Walsh erinnert, dessen Heiratsantrag sie einst ablehnte, um sich ihrem heutigen Ehemann, dem Parlamentsabgeordneten Richard Dalloway zuzuwenden. Hat sie damals die richtigen Entscheidungen getroffen? Sehr kunstvoll werden unterschiedliche Handlungsstränge miteinander verwoben. Äußere Begegnungen oder Begebenheiten sorgen für einen Übergang, Big Ben schlägt den Stundentakt dazu. Woolf beschreibt das Innenleben ihrer Protagonisten als Bewusstseinsstrom, ein Stil, der damals als avantgardistisch galt.

    Als Gegenentwurf zur standesbewussten, finanziell abgesicherten Clarissa lernen wir im Regent´s Park Septimus und Rezia Warren Smith kennen, die auf dem Weg zum Psychiater sind. Septimus leidet als schwer traumatisierter Kriegsveteran unter Wahnvorstellungen und Bewusstseinsstörungen. Er hadert mit dem Leben, hegt suizidale Gedanken, während seine Frau sich vereinsamt fühlt in ihrer Hilflosigkeit. Es ist der helle Wahnsinn, wie Woolf sich in die Gefühlswelt dieses jungen Paares hineindenken kann, dem die Lebensfreude gänzlich abhanden gekommen ist. Sie zeigt uns eindrücklich, wie schmerzhaft Depressionen sein können. Man kommt sehr nah an die Figuren heran, der Kontrast zu den Luxus-Sorgen Clarissas könnte kaum größer sein.

    So lernt man im Verlauf der Lektüre verschiedene Figuren kennen, die rund um Clarissa Dalloway kreisen. Das Spannende: wir erfahren sowohl deren Innenperspektive als auch äußere Sichtweisen, indem wir daran teilhaben, wie andere über die jeweilige Figur denken. Auf diese Weise werden immer mehr Teile für das große Ganze geliefert. Die Party am Ende des Tages bildet in meinen Augen den Höhepunkt des Romans, weil dort die meisten Haupt- und Nebenfiguren zusammentreffen oder zumindest über sie gesprochen wird. Charakterisierungen, Handlungen und Erinnerungen vervollständigen sich dadurch auf imponierende Weise. Die verschiedenen Episoden und Gedankenströme ergeben ein authentisches Sittenbild einer Zeit im Umbruch, in der politische wie gesellschaftliche Normen sich permanent verändern. Die sozialen Schichten werden allerdings in unterschiedlicher Gewichtung repräsentiert, der Fokus liegt auf der Upper Class.

    „Mrs. Dalloway“ ist keine einfache Lektüre. Man braucht Zeit und Muße, um sich an den fordernden, anspruchsvollen Stil zu gewöhnen. Die Sätze sind lang und verschachtelt, man muss sich einfinden in die nahtlose Erzählweise, in den Gedankenstrom, der vom Einen zum Anderen driftet. Woolf schreibt symbol- und bildreich, pflegt eine höchst poetische Sprache. Tatsächlich habe ich mir die Straßen Londons, den Park, den See, das großzügige Stadthaus der Dalloways und die unterschiedlichen Menschen ringsherum wunderbar vorstellen können. Die Autorin wartet mit großartig lebensklugen Formulierungen, kunstvollen Beschreibungen und zeitlosen Weisheiten auf, die eine reine Wonne sind.

    Ich habe das Gefühl, ein literarisches Meisterwerk gelesen zu haben, das viel über die damalige Zeit und die Londoner Klassengesellschaft aussagt. Der Roman lädt zum wiederholten Lesen ein, ich kann verstehen, warum er für viele Menschen „das Buch für die Insel“ ist. Diese Ausgabe ist mit insgesamt 143 Anmerkungen versehen. Sie sind ein hilfreiches Angebot des Verlags. Ich habe zwar nicht alle gelesen, aber regelmäßig nachgeschlagen. Jeder Leser wird andere Verweise für sinnvoll erachten. Vea Kaiser stellt in ihrem Nachwort biografische Bezüge her und geht auf bestehende Interpretationsansätze ein. Hervorzuheben ist die Übersetzungsleistung von Melanie Walz, die die Schreibkunst und Ästhetik Virginia Woolfs exzellent ins Deutsche übertragen hat.

    Wer den Roman noch nicht kennt, sollte ihn unbedingt lesen. Aber bitte mit innerer Ruhe und der nötigen Zeit. Zum Hindurcheilen ist dieser Weltklassiker viel zu schade.

    Dringende Lese-Empfehlung!

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  1. Wer hat Angst vor dem Bewusstseinsstrom?

    Als Virginia Woolf 1925 im eigenen Verlag ihren vierten Roman "Mrs. Dalloway" veröffentlichte, galt dieser als stilistisch und sprachlich revolutionär, weil er mit den gewohnten erzählerischen Konventionen brach. Mehr als jeder andere Roman zuvor. Und auch sie selbst notierte in ihrem Tagebuch: "Ich glaube ganz ehrlich, dass dies der gelungenste meiner Romane ist." So erfahren wir es im Klappentext der jüngsten Ausgabe, die kürzlich in der Manesse Bibliothek erschienen ist. Es handelt sich dabei um eine deutsche Neuübersetzung von Melanie Walz, ergänzt und aufgewertet durch ein Nachwort der österreichischen Schriftstellerin Vea Kaiser.

    Und tatsächlich kann man Woolfs Stil als unkonventionell und modern bezeichnen, ihr in "Mrs. Dalloway" als Erzählform verwendeter Bewusstseinsstrom findet sich auch heute noch in der zeitgenössischen Literatur: meisterlich und aufregend beispielsweise in Damon Galguts mit dem Booker Prize ausgezeichneten "Das Versprechen", etwas weniger spannend in Tanguy Viels Me-Too-Krimi "Das Mädchen, das man ruft". Was die beiden letztgenannten Romane aber von "Mrs. Dalloway" grundlegend unterscheidet, ist die Handlungsebene. Denn Virginia Woolf verzichtet fast vollständig auf diese und setzt komplett auf das Innenleben ihrer Figuren.

    So lässt sich die Handlung auch knapp zusammenfassen: An einem Londoner Junitag des Jahres 1923 macht sich die 51-jährige Clarissa Dalloway auf, um Blumen für ihre am Abend stattfindende Party der sogenannten Upper Class zu besorgen. Die gesamte - überschaubare - Handlung konzentriert sich auf diesen einzigen Tag, den Rhythmus gibt dabei Big Ben mit seinem Glockenschlag als wiederkehrendes Motiv vor. Neben Mrs. Dalloway rückt als ihr Gegenpart der kriegstraumatisierte Septimus Warren Smith als nahezu gleichberechtigter zweiter Protagonist in den Mittelpunkt des Interesses.

    Dieser Septimus ist in meinen Augen dann auch die mit Abstand interessanteste Figur des Romans. Eindringlich nähert sich Woolf diesem zerbrechlichen Mann, der stets auf der schmalen Linie zwischen Leben und Tod zu balancieren scheint. Eine besondere Note erhält Septimus' Charakterisierung, wenn man im Hinterkopf behält, dass Virginia Woolf selbst im Jahre 1941 den Freitod wählte.

    Die anderen Figuren habe ich inklusive Mrs. Dalloway hingegen als recht beliebig und banal wahrgenommen. Die gesellschaftlichen Themen, die die feinen Damen und Herren beschäftigen, wirken austauschbar und bisweilen sogar platt. Wobei zu betonen ist, dass man Woolfs Absicht im Hinblick auf diesen Aspekt berücksichtigen muss: die Darstellung der britischen Nachkriegsgeneration in all ihren Aspekten. Leider konzentriert sie sich dabei jedoch auf zwei Extreme: die Upper Class und den traumatisierten Soldaten. Figuren aus der Mitte der Gesellschaft tauchen mit Ausnahme des ehemaligen Dalloway-Geliebten Peter Walsh kaum auf.

    Hinzu kommt, dass es die Sprache ebenso wenig schaffte, mich mitzureißen, wie ich es mir eigentlich erhofft hatte. Denn grundsätzlich bin ich ein Freund des erzählerischen Bewusstseinsstroms und schätze gute und ausgiebige Beschreibungen ebenso wie eine starke Atmosphäre. Zwar ist der Stil modern, aber nicht die Sprache selbst, die bisweilen arg repetitiv wirkt. Wenn beispielsweise innerhalb dreier Seiten ganze neun Mal wiederholt wird, dass Peter Walsh aktuell verliebt sei, dann hatte selbst ich es wohl nach der fünften Wiederholung begriffen.

    Hervorzuheben ist dennoch der Mut der Autorin, die nicht nur die literarischen Konventionen außer Acht lässt, sondern durchaus auch gesellschaftlich heikle Themen anspricht: Kriegsfolgen, Umgang mit psychischen Erkrankungen, Auseinanderdriften der Gesellschaft, Homosexualität, Suizid.

    Um auf den berühmten Film- und Theaterstücktitel von Edward Albee "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" zurückzugreifen, sollten sich potenzielle Leser:innen vor der Lektüre also fragen: "Wer hat Angst vor dem Bewusstseinsstrom?" und lieber einmal zu einer Leseprobe greifen, bevor sie den Roman erwerben. Ich selbst habe die Lektüre nicht bereut, mir aber mehr davon versprochen.

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  1. Die Welt der Mrs. Dalloway

    Wäre Clarissa glücklicher geworden, wenn sie anstatt mit Richard Dalloway, dem nüchternen Parlamentsabgeordneten, mit dem charmanten, aber unsteten Peter Walsh verheiratet wäre? Diese Frage stellt sie sich an einem warmen Tag im Juni in London, an dem sie abends eine Party geben will und unvermittelt ihre Jugendliebe Peter Walsh, auf Besuch aus Indien, bei ihr auftaucht.

    Es war äußerst reizvoll für mich, nicht nur Clarissas Gedanken lesen zu können, sondern auch die von Peter (und dessen Einschätzung von ihr und die wenig schmeichelhaften, ihren Mann betreffend) und allen, die durch – wenn auch dünne - Fäden mit Clarissa verbunden sind. So fällt die Diskrepanz zwischen dem Gedachten und Gesagten umso mehr auf!

    Manche Gedankengänge waren mir fremd, sind sie doch der Zeit und den Regeln der ‚upper class‘ vor knapp 100 Jahren geschuldet, einer amüsierte mich köstlich ob der Aktualität (‚die jungen Leute verstanden nicht, sich zu unterhalten‘).

    Erschütternd fand ich die Figur Septimus Warren Smith, der traumatisiert unter den Folgen des 1. Weltkrieges zu leiden hat. (In den Anmerkungen sind die ‚Shell-Shock-Symptome sehr eindringlich beschrieben!) Bei seiner italienische Frau Rezia erleben wir die Auswirkungen einer psychischen Krankheit auf ein enges Familienmitglied und bei den Ärzten Dr. Holmes und Sir William Bradshaw den Umgang diesbezüglich mit ihren Patienten.

    Der abschließende Höhepunkt ist abends die Party, die Clarissa gibt und alles, was Rang und Name hat, bei ihr zu Besuch ist. (Ich fühlte mich dabei stark an die Serie der 70er Jahre ‚Das Haus am Eaton Place‘ erinnert!)

    Restlos begeistert haben mich die Vielfältigkeit der Figuren, die Sprache, die herrlichen Beschreibungen (allein knapp zwei Seiten für das Einschlafen von Lady Bruton!) und die sehr eindrückliche Aussage des Buches, sich nicht von Oberflächlichkeiten blenden zu lassen, sondern genauer hinzusehen!

    Das fängt sogar schon beim Äußeren des Buches an: klein von Format, mit einem zart in grün gehaltenem Cover – ein Frauengesicht nur schemenhaft erkennbar – und einem farblich passenden Lesebändchen, wird es vermutlich leicht unterschätzt als Lektüre, die nebenbei gelesen werden kann. Achtung: das ist ein Trugschluss! Dieses Buch benötigt Zeit und ein ‚Drauf-Einlassen‘! Ich hätte nicht auf die vielen interessanten Anmerkungen (und das Nachwort von Vea Kaiser) verzichten wollen, auch wenn das Nachschlagen mehr Zeit benötigte!

    Ich bin schwer begeistert von diesem Meisterwerk von Virginia Woolf, das auch äußerlich ein haptischer Genuss ist! Hingerissen davon vergebe ich 5 Sterne und spreche eine volle Leseempfehlung aus!

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  1. Ein Tag in London - etwas anders erzählt

    Eigentlich müsste dieses Buch von Virginia Woolf einen anderen Titel als „Mrs. Dalloway“ tragen, denn die Mrs. Dalloway ist nur eine Figur von vielen, deren Gedanken wir an einem einzigen Tag in London begleiten. Virginia Woolf hat in diesem Buch dem Banalen eine Bühne gegeben. Mit dem Banalen sind die einfachen Dinge des Lebens und die menschlichen Gedanken die uns alle unser ganzes Leben lang begleiten gemeint.
    Bei mir hat es eine Weile gedauert, bis ich mich auf dieses Buch einlassen konnte. Die niedergeschriebenen Bewusstseinsströme kollidierten gerade am Anfang recht häufig mit meinen Bewusstseinsstrom. Der Beginn hat mich lesetechnisch wirklich ein wenig überfordert, da ich auf solch ein literarisches Wimmelbuch nicht vorbereitet war. Auch wenn es keine erkennbare äußere Handlung gibt, wird das Buch mit dem Erscheinen anderer wichtiger Figuren greifbarer. Hier denke ich vor allem an Peter Walsh, aber auch an Richard Dalloway.
    Die Gedankengänge der Hauptfiguren waren für mich nachvollziehbar, bei den Gedankenströmen der nicht so wichtigen Figuren, hatte ich teilweise zu kämpfen, weil mir da ein wenig der Zusammenhang gefehlt hat.
    Ich möchte auch noch ein Wort zum Format des Buches verlieren. Das Buch ist hübsch anzusehen, wobei es sich jetzt nicht um meine Lieblingsfarben handelt. Das Buch war mir zu klein. Es passt vielleicht sehr gut in zarte Frauenhände, aber als Mann mit sicher größeren Händen, hat mir das Format keine Freude bereitet, vor allem aufgrund der hohen Anzahl an Nachschlagezahlen. Mit dem Lesebändchen konnte man sich zwar etwas helfen, ich empfand es dennoch etwas unpraktisch. Ich würde in einer Buchhandlung nicht zu solch einem Buch greifen. Wichtiger ist aber in der Tat der Inhalt.
    Was mir wirklich gut gefallen hat, waren die immens genauen, ausgeschmückten Beschreibungen. Die braucht es aber auch um Banales erzählen zu können. Davon lebt dieses Buch.
    Wenn man sich Bewertungen dieses Werkes ansieht, dann merkt man, dass dieses Buch sehr unterschiedlich bewertet wird. Ich selbst kann es auch schwer mit anderen Büchern vergleichen, deswegen bin ich auch unsicher welche Bewertung ich vergeben soll. Ich denke ich werde dieses Buch nochmals lesen müssen um es komplett verstehen und würdigen zu können.

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  1. Das Gefühl, etwas Gewaltiges werde sich gleich ereignen

    Die Handlung:

    Das ganze Buch spielt sich an einem einzigen Tag im Juni des Jahres 1923 ab. Die ältliche Mrs Dalloway bereitet am Morgen und Vormittag eine Festlichkeit vor, bei der sie alte Freunde und Bekannte wieder zusammenführen will. Dabei trifft sie einen alten Verehrer wieder, der gerade aus Indien zurückgekehrt ist. Gleichzeitig verbringt der von Halluzinationen geplagte Kriegsveteran Septimus Warren Smith den Tag mit seiner Frau im Park, bevor er am Nachmittag in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Später am Abend findet die geplante Party statt.

    Meine Meinung:

    Für den modernen Leser liest sich das Buch ungewohnt, denn es hat keinen wirklichen Handlungsbogen. Was tatsächlich passiert, ist zweitrangig - wichtig ist, was in den Köpfen der Charaktere vor sich geht, die über die verschiedensten Themen nachdenken: Vergänglichkeit und das unaufhaltsame Verstreichen der Zeit, die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche eines Menschen (und da finden sich Parallelen zur psychischen Erkrankung der Autorin), Liebe und Sexualität, gescheiterte Hoffnungen... Fast alle denken darüber nach, was hätte sein können, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätten und ihr Leben dadurch nur ein klein wenig anders gelaufen wäre. Tatsächlich scheinen die meisten das Gefühl zu haben, dass sie etwas verpasst haben und etwas Wichtiges in ihrem Leben vermissen, und die Vergangenheit nimmt in ihren Gedanken mehr Raum ein als die Gegenwart.

    Was dieses Buch so originell macht, ist daher auch nicht die Handlung, sondern die Erzählweise: "Stream of Consciousness", Strom des Bewusstseins - eine Technik, die zum Beispiel auch James Joyce in seinem epischen Werk "Ulysses" einsetzte. Die Prosa bleibt immer ganz nahe dran an den Gedanken des Charakters, aus dessen Sicht wir die Geschehnisse gerade sehen, so gut wie ungefiltert. Das ist nicht immer einfach zu lesen, denn da springen die Gedanken schon mal unvermittelt von einem Thema zum nächsten, Worte und Satzfetzen wiederholen sich... Aber für mich hatte das etwas unwiderstehlich Hypnotisches, eine echte Sogwirkung. Ich hatte manchmal wirklich das Gefühl, für einen Moment durch fremde Augen zu sehen. Ich fand den Schreibstil großartig und einzigartig - er spricht oft über Banalitäten, aber darin verbirgt sich so viel.

    Deswegen war das Buch für mich auch nicht spannend, wie ein Krimi spannend ist, aber ich konnte es dennoch kaum weglegen, weil ich wissen wollte, ob die Charaktere im Laufe des Tages zu Schlüssen über sich selbst und ihr Leben kommen und vielleicht sogar etwas ändern würden. Tatsächlich hat der innere Tumult, der sich in den Köpfen abspielt, dann erstaunlich wenig greifbare Auswirkungen - wobei einer der Charaktere letztendlich doch eine drastische und tragische Entscheidung trifft.

    Die Charaktere kamen mir alle sehr echt und glaubhaft vor. Virginia Woolf lässt den Strom ihrer Gedanken, die sich im immer gleichen Kreise um Liebe und Verlust, Wünsche und Bedauern, Wahrheit und Wahnsinn drehen, ganz natürlich fließen. Besonders Septimus hat mich sehr berührt, denn aus seinen Gedanken spricht unendlicher Schmerz, was aber niemand zu verstehen scheint. Tragischerweise kam er mir vor wie derjenige, der von allen Charakteren noch am nächsten daran herankam, sein Leben in die Hand zu nehmen und es zu verändern.

    Interessant fand ich, dass die Autorin auch das Thema Homosexualität ganz nebenher anschneidet: Clarissa Dalloway fühlte sich in ihrer Jugend zu einer anderen Frau hingezogen, und ihre Tochter ist mit einer Frau befreundet, die ebenfalls in sie verliebt zu sein scheint.

    Auch der Krieg ist unterschwellig allgegenwärtig in diesem Buch - er ist zwar vorbei, aber die Menschen haben sich noch lange nicht davon erholt. Ich fand sehr bestürzend, wie wenig Verständnis man zu der Zeit anscheinend noch den Veteranen entgegen brachte, die von ihren Erlebnissen völlig traumatisiert waren. Die Autorin zeigt das sehr eindringlich am Beispiel von Septimus, von dem scheinbar erwartet wird, dass er sich einfach zusammenreißt und wieder zu einem produktiven Mitglied der Gesellschaft wird, obwohl er kurz vor dem Zusammenbruch steht.

    Fazit:
    "Mrs Dalloway" ist ein Buch, in dem oberflächlich gesehen wenig passiert - eine Frau plant eine Party und trifft einen alten Verehrer, ein Kriegsveteran wird in eine Klinik eingewiesen. Aber in den Gedanken der Charaktere spielt sich ganz viel ab, und die Autorin lässt den Leser unmittelbar an dieser reichen inneren Welt teilhaben, indem sie ihn einfach mitten hinein wirft, ungefiltert. Da werden existentielle Themen angesprochen, und wenn man sich darauf einlässt, ist es meiner Meinung nach ein sehr lohnendes Buch, auch wenn man sich ein bisschen anstrengen und mitdenken muss.

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