Goyas Ungeheuer

Buchseite und Rezensionen zu 'Goyas Ungeheuer' von Berna González Harbour
4.7
4.7 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Goyas Ungeheuer"

So hat sich Comisaria María Ruiz ihre Rückkehr nach Madrid nicht vorgestellt  : eine Reihe von seltsamen Tiermorden bringt die Gerüchteküche in der Hauptstadt zum Brodeln. Die Annahme, dass es sich um einen okkulten Ritus handelt, wird schnell verworfen, als kurz darauf an einem Wehr die Leiche der Kunststudentin Sara gefunden wird. Kann es ­Zufall sein, dass die Szene stark an eine Zeichnung des ­Künstlers Goya erinnert? Comisaria María Ruiz, die sich aufgrund ihrer Suspen­dierung zurückhalten müsste, ist dennoch fest ­entschlossen, den Fall aufzuklären. ­Hilfe bekommt sie dabei von einem Kellner, einem jugendlichen Ausreißer und einem Journalistenduo.Doch ist ­diese bunt zusammengewürfelte Gruppe in der Lage, einem gefährlichen Täter das Handwerk zu ­legen, der vor nichts Halt macht, um seine Visionen Wirklichkeit werden zu lassen?

Format:Taschenbuch
Seiten:480
Verlag: Pendragon
EAN:9783865327307

Rezensionen zu "Goyas Ungeheuer"

  1. Gerne mehr davon

    Gerne mehr davon

    Die Autorin nimmt uns in diesem Krimi mit nach Spanien. Der Leser lernt Comisaria María Riuz kennen. María wurde suspendiert, doch ihr Ehrgeiz packt sie direkt, als sie von einigen toten Truthähnen hört. Sie beginnt sich zaghaft umzuhören, doch als eine junge Frau ermordet aufgefunden wird, ist sie in ihrem Element.
    Die Tote hatte eine Obsession, der Maler Goya hatte es ihr angetan. Viele Spuren gibt es dabei zu verfolgen. Einmal ihr Professor, der schnell als Täter in den Fokus rückt, und mit Sara, dem Opfer, ein Verhältnis hatte. Aber auch die Hausbesetzerszene könnte eine heiße Spur sein. Dort lernt María den Jungen Eloy kennen, der mit Sara befreundet war. Durch ihn findet sie Unterstützung, muss sich aber auch mit bitteren Dingen aus ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, ihr eigenes Kind, hätte in seinem Alter sein können.

    Das Team um María und ihre beiden Freunde die als Journalisten tätig sind, helfen ihr nur bedingt, denn alle wissen, was auf dem Spiel steht, wenn sie sich nicht an ihr Ermittlungsverbot hält. Dennoch merkt man, dass wir es hier mit einer Gruppe Menschen zu tun haben, die sich ergänzen und gemeinsam tolles zu leisten imstande sind.
    Doch auch einer ihrer Teamkollegen scheint etwas zu verheimlichen, so muss María auch dort ein Auge drauf haben, erst recht da ihr der Verdacht kommt, es könne mit dem aktuellen Fall zu tun haben, denn der Tod des Hundes ihres Kollegen wird ebenfalls auf einem Bild des Malers dargestellt, genau wie Sara, die ebenfalls einem Gemälde entsprungen scheint.

    Dieser Krimi hat mich enorm gefesselt, meine Sorge mich mit den Örtlichkeiten Spaniens nicht zurecht zu finden, hat sich als unbegründet erwiesen. Die Tatsache, dass es schon Bände um die Comisaria gibt, war kein Problem. Viele Rückblicke klären über wichtige vergangene Details auf, wie zum Beispiel ihre Beziehung zu Tomàs, einem ehemaligen Kollegen, der nun bewegungsunfähig im Rollstuhl sitzt.
    Dies ist ein weiterer Pluspunkt des Krimis, denn der Leser wird auch in ein interessantes Privatleben der Figuren involviert. Kein blutrünstiges Werk, es sind eher leise, verhaltene Andeutungen die der Spannung aber keinen Abbruch tun.
    Ganz nebenbei taucht man als Leser in die Welt des Malers Goya ein, definitiv ein weiteres Schmankerl. Viel wusste ich vor meiner Lektüre nicht, doch sie hat auf jeden Fall mein Interesse geweckt.

    Ich hoffe sehr auf weitere Teile dieser Reihe, weil mich die spanische Autorin mit diesem Werk enorm überrascht hat.

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  1. Der Künstler und seine Monster

    „Die von der Vernunft aufgegebene Fantasie bringt unmögliche Monster hervor; mit ihr vereint ist sie die Mutter der Künste und der Ursprung der Wunder.“ (Francisco de Goya)

    Es gibt ja immer noch Menschen, die an der Existenz Bielefelds zweifeln. Nun, wie erklärt es sich dann, dass ein berühmter Puddinghersteller seinen Hauptsitz dort hat und es sogar einen in meinen Augen äußerst liebenswerten und professionellen (wenn auch kleinen) Verlag in meiner Heimatstadt gibt? Okay, ist ja gut – ich höre schon auf :-).

    Nun, der angesprochene Verlag heißt Pendragon und hat (nicht nur) mich bereits mit etlichen seiner Veröffentlichungen begeistern können. Der neueste Coup des Verlags ist ein Kriminalroman der Spanierin Berna González Harbour und trägt den Titel „Goyas Ungeheuer“. Es ist der erste ins Deutsche übersetzte Krimi, jedoch nicht der erste Fall für Comisaria Maria Ruiz. An dieser Stelle spreche ich schon mal meine Hoffnung aus, dass „Goyas Ungeheuer“ so gut bei den deutschen Lesern ankommt, dass der Verlag auch die anderen Bücher der Reihe übersetzt und verlegt. Hat ja mit James Lee Burke auch schon geklappt *g*.

    Um was geht´s? Comisaria Ruiz wurde aufgrund früherer Ereignisse, die im Lauf der Lektüre (kurz) angesprochen werden und deren unmittelbare Folgen ein in diesem Band der Reihe eröffnendes Verfahren gegen sie nach sich ziehen, vom Dienst freigestellt, was sie jedoch nicht daran hindert, auf eigene Faust einer Reihe von (zunächst) bestialischen Tiermorden nachzugehen. Schnell stellt sich nämlich heraus, dass die nur der Anfang zu einer grausamen Mordserie sind, die eins gemeinsam haben: die Darstellung von Gemälden von Francisco de Goya.

    Und somit beginnt eine Tour de Force durch Madrid, die Maria und ihre Freunde sogar in den Madrider Untergrund führt – und natürlich in den Prado, das berühmte Museum, in dem zahlreiche Gemälde Goyas gezeigt werden.

    Die Autorin legt bei ihrem Krimi nicht sehr viel Wert auf blutrünstige „Der Leser schaut dem Mörder über die Schultern“-Szenen, sondern präsentiert immer erst das (nicht minder erschauernde) Ergebnis; ein Kniff, den ich als seltener Krimileser sehr begrüße. Vielmehr begleiten wir Comisaria Ruiz und ihre Freunde, wie sie Stück für Stück dem Mörder mit List, Humor, manch schrägem Zufall etc. auf die Schliche kommen. Selbst das Finale ist trotz seiner „Schlichtheit“ spannend.

    Ein weiterer Pluspunkt dieses Buches sind die abgedruckten Gemälde von Francisco de Goya, die zwar leider nur in S/W gedruckt wurden, aber das kann man dem Verlag mit einem garantiert nicht gerade üppigen (Druck-)Budget nicht übelnehmen. Schließlich sind alle Gemälde im Anhang noch einmal gelistet, so dass geneigte Leser und Kunstliebhaber sehr schnell im Internet fündig werden und sich die Bilder in Farbe ansehen können.

    Mir jedenfalls hat die Lektüre des Krimis großen Spaß (ja, an der ein oder anderen Stelle kann man lauthals lachen) gemacht und somit vergebe ich sehr gerne 5 künstlerisch wertvolle Sterne und spreche eine absolute Leseempfehlung aus!

    ©kingofmusic

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  1. Intelligenter Krimi"bilder"bogen mit feinen Charakteren

    "María nahm gleich zwei Stufen auf einmal", mit diesem charakteristischen Satz beginnt das erste Kapitel dieses fulminanten Krimis. Die Comisaria María Ruiz wurde wegen Gehorsamsverweigerung gegenüber ihrem Vorgesetzten vom Dienst suspendiert und erwartet ein Gerichtsverfahren, in dem der Vorwurf verhandelt werden soll. Einstweilen darf sie weder arbeiten noch eine Waffe tragen. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad wandert sie durch die Metropole Madrid, trifft sich privat mit ihren Freunden und früheren Mitarbeitern, dem flotten Martín, ihrem ehemaligen Stellvertreter Esteban, dem Journalisten Luna. Doch alsbald fällt María eine Serie merkwürdiger Vorfälle buchstäblich vor die Füße. In dem Viertel, in dem Martín wohnt, werden drei tote Truthähne in merkwürdiger Weise auf der Straße zur Schau gestellt, kurz darauf Martíns kleiner Hund umgebracht. Und schließlich kommt ein Mord an einer Kunststudentin dazu. Obwohl die suspendierte María sich in Teufels Küche bringen könnte, kann sie es nicht lassen, Nachforschungen anzustellen. Die Ermordete, Sara mit Namen, hat sich vor allem mit dem Maler Goya beschäftigt und wurde in auffälliger Weise einer wenig bekannten Zeichnung von Goya entsprechend auf einer Flussschleuse zur Schau gestellt. Verdächtig ist vor allem der Professor Salas, der sie betreute, aber auch ihre Wohngenossen in dem besetzten Haus "Dragona" könnten in den Fall verwickelt sein. Und es tauchen Hinweise auf einen geheimnisvollen Fremden namens Yago auf. Nebenher laufen Marías ungeklärtes dienstrechtliches Verfahren und eine unglückliche Beziehung zu einem früheren Kollegen namens Tomas, der sich aus ihrem Leben verabschiedet hat, nachdem er durch einen Unfall an den Rollstuhl gefesselt wurde. Das Buch bietet eine Unmenge Stoff. Eine interessante Abwechslung sind einige kursiv dazwischen geschaltete Kapitel, in denen persönliche Begegnungen eines anonymen Erzählers mit dem Maler Goya beschrieben werden.

    Kunstkrimis liegen im Trend. Goyas geheimnisvolle Darstellungen von Hexensabbaten und aufgewühlten Menschengruppen, die z.T. auch Kunsthistorikern noch immer Rätsel aufgeben, werden nicht zum ersten Mal in einem Thriller zitiert. Der Autorin Berna González Harbour, die selbst - wie sie in einem Interview am Ende des Buches erzählt - von Goya begeistert ist, hat dankenswerter Weise der Versuchung widerstanden, Goya ausschließlich über seine gespenstischen "schwarzen Gemälde" zu definieren. In "Goyas Ungeheuer" wird der klassiche Maler als das beschrieben, was er war: ein genialer Porträtist und klarsichtiger Chronist seiner Zeit, - darüber hinaus von finsteren Visionen heimgesucht, vermutlich infolge seiner Taubheit, die sich nach einer schweren Krankheit in seinen mittleren Jahren ausbildete. Mit Fortschreiten der Ermittlung werden immer wieder neue Bezüge zu Gemälden und Grafiken von Goya hergestellt. Das Buch enthält kleine Reproduktionen dieser Bilder, die zum Verständnis ausreichen, zum genaueren Betrachten aber auch leicht bei Wikimedia gefunden werden können. Irgendwelche Vorkenntnisse über das Leben des Malers sind für die Lektüre nicht erforderlich, aber das Buch macht entschieden Lust darauf, sich näher mit Goya zu befassen.

    Es bietet überdies noch eine Menge Feinheiten, die es weit über den gängigen Krimidurchschnitt hinausheben. Da ist einmal die feine Charakterisierung der sympathischen Hauptfiguren und ihres Milieus. Die Autorin entfaltet einen reichen Bilderbogen des aktuellen Madrid, des Stadtbilds und der Gesellschaft - von der Intellektuellenszene, für die der verdächtige Professor steht, bis hinunter zu den abenteuerlich gekleideten gesellschaftlichen Randfiguren im besetzten Haus (das es übrigens wirklich gibt, es liegt am Rand des riesigen städtischen Friedhofs) und einer Gruppe obdachloser Menschen, die mit ihrer in Einkaufswagen gebündelten Habe in einem unterirdischen Kanalsystem leben. Ein großer Pluspunkt ist die sensible, liebevolle Darstellung des jungen Eloy, dem María in dem besetzten Haus begegnet - ein Fünfzehnjähriger, der barfuß geht oder mit einem rostigen Fahrrad fährt, für das ganze Haus kocht und welkes Gemüse containert. Dieser auf sich allein gestellte Junge, der in seiner ernsthaften Integrität so verletzlich wirkt, muss jeden Leser anrühren.

    Die Autorin verweigert sich auf sympathische Weise vielen Krimiklischees. Die einzige Verfolgungsjagd findet mit klapprigen Fahrrädern statt, es gibt weder krasse Gewaltdarstellungen noch die üblichen krampfhaft-dramatischen Aufgipfelungen im Finale (das nichtsdestotrotz spannend und wendungsreich ausfällt). María erleidet die üblichen Blessuren, denen kein Krimi-Ermittler entgeht, aber bei ihr handelt es sich um Prellungen durch einen selbst herbeigeführten Fahrradunfall und den Sturz in einen Kaktus - erfrischend unkonventionelle Wendungen, die gängige Krimi-Versatzstücke gegen den Strich bürsten. Der einzige Kritikpunkt, den man anbringen könnte, ist eigentlich wieder ein Pluspunkt - "Goyas Ungeheuer" ist Teil einer Reihe, die bisher nicht auf Deutsch erschienen ist, und es gibt etliche Rückbezüge auf eine Vorgeschichte, die deutsche Krimifreundinnen und -freunde folglich nicht kennen. Das mindert die Lesefreude nur marginal, aber es wäre jedenfalls zu begrüßen, wenn sich der Verlag entschließen könnte, die ganze Reihe aufzulegen. Mich hat die agile María Ruiz und ihr Team gewonnen. Ein Highlight in der Krimiszene für Freunde anspruchsvoller Krimis, spannend und unterhaltsam - und am Ende hat man richtig Lust, Madrid kennen zu lernen (oder die Bekanntschaft aufzufrischen) und vielleicht sogar die Goya-Ausstellung im Prado zu besuchen. Leseempfehlung und dringende Bitte an den Verlag, die komplette Serie zu präsentieren. Estaría feliz de leer más, Pendragon!

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  1. Mit dem großen Künstler in die Unterwelt

    Comisaria Maria Ruiz wurde vom Dienst suspendiert, weil sie sich einen Fall von „Gehorsamsverweigerung“ hat zu Schulden kommen lassen. Sie musste ihre Waffe abgeben, ein Disziplinarverfahren läuft. Maria identifiziert sich stark mit ihrem Beruf, ist Comisaria mit Leib und Seele, so dass es ihr nicht gelingt, die Finger stillzuhalten, als in Madrid seltsame Morde passieren. Zunächst sind es nur mysteriös getötete Truthähne, dann kommt ein Hündchen auf seltsame Weise im Schlamm ums Leben.

    Schließlich findet Maria zusammen mit ihrem Kollegen Martin die grausam zu Tode gekommene Studentin Sara. Sie trägt einen massiven Metallring um den Hals, der sie offenbar an eine Art Schafott kettete und erstickte. Die Situation am Tatort deutet darauf hin, dass der Täter eine Zeichnung von Francisco de Goya nachgestellt haben könnte. Sara hat sich im Rahmen ihres Studiums intensiv mit Leben und Werk Goyas beschäftigt. Betreut wurde sie dabei von Professor Salas, der ein Verhältnis mit der hübschen jungen Frau hatte. Schnell wird der Polizei zugetragen, dass Salas Sara massiv belästigte oder sogar stalkte. Im Umfeld der Universität wird er schnell als Täter verurteilt. Während die zuständigen Beamten den verdächtigen Professor in Untersuchungshaft nehmen, mag Maria an eine derart einfache Lösung nicht glauben. Sie ermittelt weiter im Umfeld der Toten. Dabei gerät sie ins Hausbesetzermilieu und die Madrider Unterwelt, die aus einem geheimnisvollen unterirdischen Tunnelsystem besteht, wo sich Obdachlose und andere dunkle Gestalten aufhalten. Die Schauplätze könnten kaum düsterer gewählt sein. Hat Maria es etwa mit einem Psychopathen zu tun?

    Bei ihren Untersuchungen wird die Kommissarin von ehemaligen Kollegen sowie einem Enthüllungsjournalisten unterstützt, sie ist also nicht allein. Es dauert nicht lange, bis ein weiterer Mord geschieht, der erneut eine klare Inszenierung eines Bildes von Goya nachbildet. Die Polizei ist alarmiert, vieles deutet nun auf einen Serientäter hin, der jederzeit wieder zuschlagen könnte. Für Maria ist der Fall ein Drahtseilakt: Sie darf sich bei ihren Recherchen nicht erwischen lassen, sonst droht ihr der endgültige Ausschluss aus dem Polizeidienst. Still in ihrer Wohnung sitzen will sie aber auch nicht.

    Maria ist zweifellos die treibende, kombinierende und investigative Kraft, die sich auf ihr Team verlassen kann. Die genauen Gründe, warum sie suspendiert wurde, erfährt der Leser nicht. Das konfliktreiche Spannungsverhältnis zum neuen Vorgesetzten indessen wird deutlich. Auch leidet sie sehr unter Trennung von ihrer großen Liebe Tomas, der ebenfalls für die Polizei als Computerfachmann arbeitete, nun aber gehandicapt im Rollstuhl sitzt. Maria wird also nicht nur als intelligente Kommissarin, sondern auch als Mensch und sensible Frau gezeigt.

    Die Figurenzeichnung gelingt der Autorin ohnehin beispielhaft. Egal, ob Haupt- oder Nebencharakter, jeder ist besonders und bekommt vielseitige Facetten, die Glaubwürdigkeit verleihen. Man kann sich Figuren sowie Schauplätze wunderbar vorstellen und spürt, dass Berna González Harbour ihr Handwerkszeug beherrscht. Spannende Nebenhandlungen durchziehen dazu den Roman, allen voran das laufende Disziplinarverfahren. Sie ergänzen den eigentlichen Kriminalfall, ohne vom Wesentlichen abzulenken. Es werden viele kleine Puzzlesteinchen ausgelegt, die sich nach und nach zu einem schlüssigen Gesamtbild verdichten. Ein großes Kompliment für diese intelligente Gesamtkonzeption, die mich aufs Beste unterhalten hat.

    Darüber hinaus wird man als Leser kundig und atmosphärisch durch die Altstadtstraßen von Madrid geführt. Der Roman bietet wunderbares Lokalkolorit, das neugierig auf die Stadt macht. Man begleitet die Kommissarin bei ihren Studien über die Kunst des großen Malers, so dass man einiges über Goyas Werk hinzulernen kann, ohne Vorwissen zu benötigen. Im Gegenteil: Der Verlag hat 13 von Goyas Werken im Buch abgedruckt, so dass man sofort einen reizvollen visuellen Eindruck des Beschriebenen erhält, ohne ins Internet einsteigen zu müssen.

    Für mich hat hier einfach alles gestimmt: rasante Krimihandlung, intelligenter Plot, sorgfältig skizzierte Figurenzeichnungen, stimmungsvolle Schauplätze, toller Schreibstil! Völlig zu Recht hat „Goyas Ungeheuer“ den spanischen Krimipreis Premio Hammett gewonnen. Ich würde mich riesig freuen, wenn der Verlag noch weitere Kriminalromane rund um Maria Ruiz und ihr Team veröffentlicht. Das ist anspruchsvolle Kriminalliteratur vom Feinsten.

    Gerne mehr davon, Pendragon!

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  1. 4
    07. Sep 2022 

    unheimlich stimmungsvoll

    „Goyas Ungeheuer" der spanischen Autorin Berna González Harbour trägt im Original den Titel "El sueño de razón", zu Deutsch und wortwörtlich übersetzt „Der Traum von Vernunft (bzw. der Vernunft)" oder auch „Der Schlaf der Vernunft“. Goya-Kenner unter den Lesern werden natürlich an ein Bild des spanischen Malers erinnert, das den Titel „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ ("El sueño de razón produce monstruos)" trägt.
    Da die Goya-Kenner in der Leserschaft sicherlich klar in der Minderheit sind, hat der Verlag richtig daran getan, einen Titel wie "Goyas Ungeheuer" zu wählen, der in etwa eine Ahnung davon vermittelt, was den Leser in diesem Kriminalroman erwartet - anders als ein fades „Der Traum der Vernunft" es getan hätte.
    Was erwartet den Leser nun?
    Kurzgefasst: ein intelligent gemachter und unheimlicher Krimi;
    Protagonisten, mit denen man – von wenigen Ausnahmen abgesehen - im echten Leben gern Freundschaft schließen würde;
    ein Kriminalfall, der durch sein zentrales Element, dem Werk des spanischen Malers Francisco de Goya, als spektakulär bezeichnet werden kann;
    und natürlich Madrid.

    Wichtigste Figur in diesem Krimi ist Comisaria María Ruiz, die aufgrund dienstlicher Verfehlungen momentan vom Dienst freigestellt ist. Die genauen Gründe für ihre Freistellung sind nicht relevant, gehören sie doch zu einem der vorangegangenen Bände zu „Goyas Ungeheuer", der bisher vierte Roman in der Krimi-Reihe um María Ruiz ist.
    Während María also auf ihr Verfahren wartet, finden in Madrid Morde statt, die sich als nahezu originalgetreue Nachbildungen von Goyas Werken herausstellen. Goya war zeitlebens (1746 – 1828) Auftragsmaler für die Reichen und Adeligen Spaniens. Doch für den eigenen Privatgebrauch hat das malerische Genie, das mit zunehmendem Alter geisteskrank wurde, Bilder gemalt, die sich nur wenige Menschen an die Wand hängen
    würden. Denn wer blickt schon gern auf düstere und bedrohliche Motive, die Höllenqualen in unterschiedlichsten Ausprägungen darstellen.
    Und eben diese Bilder nimmt der Mörder, der Madrid unsicher macht, als Vorlage für seine
    Verbrechen.
    Auch wenn María momentan vom Polizeidienst ausgeschlossen ist, kann sie dennoch nicht die Finger von diesem Fall lassen und ermittelt auf eigene Faust. Unterstützung erhält sie dabei von Freunden bei der Presse sowie wenigen loyalen Kollegen bei der Polizei, die ihr die Treue halten. Während ihrer unerlaubten Ermittlung bekommt sie es mit Goya-Kennern zu tun, sie gerät in die Hausbesetzerszene Madrids und lernt die Unterwelt dieser Stadt kennen, in Form eines unterirdischen Tunnelsystems, in dem Obdachlose und Menschen, die untertauchen wollen, ein Versteck finden.
    Natürlich lässt sich die Autorin nicht nehmen, dem Leser einiges an Wissen über das Leben der spanischen Maler-Ikone Goya zu vermitteln, ein Wissen, das ich als Kunstbanause gern angenommen habe.
    Die Spannung in diesem Roman ist durchgängig hoch, wobei sie gar nicht so sehr durch die reine Handlung entsteht, sondern eher von dem Miteinander und der Kommunikation der Charaktere. Sicherlich gibt es beim Spannungsbogen einige Peaks, die durch die einzelnen Morde verursacht werden. Doch nie ist man bei der eigentlichen Tat dabei, sondern erlebt immer nur das Ergebnis, gefiltert durch die Sicht der Protagonisten.
    Die passenden Werke Goyas tragen jedoch dazu bei, dass der Vorstellungskraft des Lesers auf die Sprünge geholfen wird. Die Grausamkeit der Morde entsteht demnach nach nicht durch eine plakative Darstellung, sondern eher durch die Fantasie des Lesers.
    Apropos Werke Goyas. Die aktuelle Ausgabe des Pendragon Verlags enthält 13 Abbildungen derjenigen Werke Goyas, die im direkten Zusammenhang mit den Morden stehen. Das gibt der eigenen Vorstellungskraft einen zusätzlichen Kick, verstärken sie doch auf visuelle Art die unheimliche Stimmung, die einem beim Lesen überkommt.
    Mein Fazit.
    Ein Krimi der besonderen Art, der mich durch seine Kunstausrichtung gekriegt hat.
    Die Idee, Gemälde des spanischen Malers Goya als fantasievolle Vorlage für außergewöhnliche Meucheleien zu nehmen, hat schon etwas.

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  1. 4
    03. Sep 2022 

    Goya Saal

    Comisaria María Ruiz ist nach einer Sache vom Dienst suspendiert. Bald soll die Anhörung der Internen stattfinden und sie hofft, dass sie dann wieder durchstarten kann. Als einige tote Tiere aufgefunden werden, geht das Gerücht, es könne sich um rituelle Taten gehandelt haben. Ruiz ist schon klar, dass sie keine Nachforschungen anstellen darf und Kontakt mit den Kollegen darf sie auch nicht aufnehmen. Ganz so eng muss man das vielleicht nicht sehen. Als jedoch die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, ist es mit Ruiz Zurückhaltung vorbei, obwohl ihr Team alles versucht, sie von dem Fall fernzuhalten, damit sie ihre Situation nicht noch schlimmer macht.

    Dieser Band ist als Einzelband ausgewiesen, obwohl es eine Reihe um Comisaria María Ruiz gibt. Möglicherweise weil Ruiz hier wegen der Suspendierung nicht mit ihrem Team ermitteln kann. So ein Alleingang muss nicht die beste Lösung sein. Mit Energie und Weitblick geht Ruiz dennoch auf Mörderjagd. Die junge Frau kann bald identifiziert werden, es handelte sich um Sara, eine Kunststudentin, die sich besonders für den Maler Goya interessierte. Sie wollte seinen unbekannteren Werke eine Bühne geben. Doch warum musste sie sterben? María Ruiz begibt sich in ein sogar ihr weniger bekanntes Madrid.

    Nicht ganz so häufig, aber doch immer wieder mal gibt es Kriminalromane, die mit der Welt der Kund in Verbindung stehen. Oft erweisen sie sich als interessant und lehrreich. Man erfährt etwas über großartige Kunstwerke, deren Existenz auf besondere Art mit einer Tat oder einem Täter in Verbindung steht. Nicht nur dem Leser, auch dem Ermittler kann sich so viel Neues offenbaren. Wenn sich wie hier noch ein packender und vielschichtiger Fall entwickelt, bleiben kaum noch Wünsche offen. Vielleicht hätte man sich eine weniger gradlinige Auflösung erhofft, dafür bekommt man am Schluss jedoch eine Überraschung geboten, mit der wirklich nicht zu rechnen war und die einem zu vielen im Nachhinein nicht ganz sinnvollen Mutmaßungen angeregt hat.

    Dieser sehr informative und unterhaltsame Kriminalroman wird gerne empfohlen und wenigstens ein Besuch auf der Website des Prado dazu.

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  1. Spannend, interessant, facettenreich

    „Eigentlich glaubte sie auch nicht an solche Verbrechen. Sie kamen in den Filmen von John Malkovich und Quentin Tarantino vor, aber passten überhaupt nicht nach Madrid, das mit einem Fuß in der Gegenwart und mit dem anderen in der Vergangenheit stand.“ (Zitat Seite 82)

    Inhalt
    Comisaria María Ruiz ist auf Grund von angeblichen Eigenmächtigkeiten bei der Aufklärung des letzten Falles suspendiert, ein Disziplinarverfahren läuft. Der neue Chef der Madrider Polizei wartet nur darauf, dass sie trotz der Suspendierung zu ermitteln beginnt, das wäre dann auch Gehorsamsverweigerung. Doch seine Drohungen können Comisaria Ruiz nicht daran hindern, genau dies zu tun, zu ermitteln. Denn in Madrid folgt auf grausame und nicht erklärbare Tiermorde nun der Mord an der Kunststudentin Sara, deren Spezialthema die persönlichen, nicht beauftragten Zeichnungen des berühmten Malers Francisco de Goya sind. Während dieser Mord trotz der eigenartigen Szene am Tatort vom neuen Chef der Comisaria und seinem Team sofort als Eifersuchtstat eingestuft wird, mit einem passenden Verdächtigen, erkennt die Comisaria den Bezug zu Goyas Werken, denn hier stellt jemand einzelne Bilder genau nach und es gibt noch viele ähnlich brisante Werke. Wird es der Comisaria mit ihrem kleinen, sehr speziellen Team von Menschen, die sie bei ihren Recherchen unterstützen, gelingen, diesen sehr verworrenen Fall aufzuklären und weitere Morde zu verhindern?

    Themen und Genre
    Dieser Kriminalroman spielt in Madrid und ist Teil einer Serie um die Comisaria María Ruiz. Es ist der erste Band, der in deutscher Sprache herausgegeben wird. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die zeitkritischen, persönlichen Zeichnungen des Malers Francesco de Goya und die Pinturas Negras, die schwarzen Gemälde seiner letzten Jahre.

    Charaktere
    Es ist eine aus sehr unterschiedlichen Charakteren zusammengesetzte Gruppe rund um die Comisaria, die an sich schon eine sehr vielschichtige Figur ist. María Ruiz hat Psychologie studiert, ist eine erfolgreiche, kompetente Ermittlerin, aktiv und taff im Beruf, aber durch ihre berufliche und persönliche Situation und Bindungen trägt sie einige Konflikte und ungelöste Probleme in sich. Luna, der ältere Journalist im Vorruhestand, lebt den klassischen Journalismus, er recherchiert, sucht Zusammenhänge und berichtet darüber. Im Gegensatz zu ihm nützt die die junge Journalistin Nora die modernen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten. Wichtige Hinweise erhält die Comisaria auch vom Straßenjungen Eloy.

    Handlung und Schreibstil
    Die Geschichte spielt in der aktuellen Zeit, innerhalb eines knappen Zeitrahmens. Da dies bereits der vierte Teil der Serie ist, fehlt das Hintergrundwissen zur aktuellen Situation und zu den Problemen der Comisaria. Viele Details ergeben sich jedoch aus Erinnerungen und Gesprächen. Neue Hinweise und Informationen erfahren wir beim Lesen gleichzeitig mit der Comisaria und den mit ihr befreundeten Journalisten Luna und Nora und können so eigene Überlegungen über Täter und Motive anstellen. Schilderungen der lebhaften Stadt Madrid mit ihren Sonnen- und Schattenseiten und das Leben zwischen Tradition und Moderne ergänzen die Handlung, ohne sie jedoch zu unterbrechen. Es ist eine sehr komplexe Geschichte, die mit vielen interessanten Fakten um das Werk von Francesco de Goya und dreizehn entsprechenden Abbildungen ergänzt wird.

    Fazit
    Eine packende, durch das Thema Goya sehr interessante Geschichte, ein sehr gelungener Streifzug durch Madrid. Es ist wesentlich mehr als "nur" ein Kriminalroman, denn neben dem Leben und Werk von Francesco de Goya nimmt die Autorin auch immer wieder Bezug auf das reale Leben in Spanien und die aktuellen sozialen und gesellschaftspolitischen Themen. Ein spannendes, facettenreiches Lesevergnügen und eine interessante Serie, von der ich gerne mehr lesen würde, vergangene und zukünftige Fälle der sympathischen Comisaria Ruiz und ihrer Gruppe.

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