Die langen Abende: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die langen Abende: Roman' von Elizabeth Strout
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die langen Abende: Roman"

In Crosby, einer kleinen Stadt an der Küste von Maine, ist nicht viel los. Und doch enthalten die Geschichten über das Leben der Menschen dort die ganze Welt. Da ist Olive Kitteridge, pensionierte Lehrerin, die sich auch mit siebzig noch in alles einmischt, so barsch wie eh und je. Da ist Jack Kennison, einst Harvardprofessor, der ihre Nähe sucht. Beide vermissen ihre Kinder, die ihnen fremd geworden sind, woran Olive und Jack selbst nicht gerade unschuldig sind … Ein bewegender Roman, der von Liebe und Verlust erzählt, vom Altern und der Einsamkeit, von Momenten des Glücks und des Staunens.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
EAN:9783630875293

Rezensionen zu "Die langen Abende: Roman"

  1. Weitermachen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Jul 2020 

    "Ein Rätsel, diese Welt. Noch war sie nicht mit ihr fertig." ("Mit Blick aufs Meer", S. 352)

    Die letzten Sätze aus Elizabeth Strouts Erzählband "Mit Blick aufs Meer" aus dem Jahr 2008, ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis 2009, ließen eine Fortsetzung offen. Nun, 2020, ist es endlich so weit. In "Die langen Abende", Originaltitel "Olive again" (2019), erfahren wir, wie es im fiktiven Städtchen Crosby, Maine, und insbesondere mit Olive Kitteridge weitergeht. Man muss den Vorgängerband nicht kennen, allerdings hat es mir besonders viel Spaß gemacht, beide Bücher nacheinander zu lesen und Vertrautes wiederzuentdecken.

    Späte Jahre
    Olive ist alt geworden. Die ehemalige Mathematiklehrerin spaltet noch immer ihre Mitmenschen. Während die einen sie für oder gerade wegen ihrer unverblümt ehrlichen Direktheit mögen oder zumindest schätzen, ist sie für andere ein „alter Giftzahn“, für ihre Schwiegertochter eine Narzisstin.

    Der Einsamkeit kann sie mit ihrem zweiten Ehemann Jack Kennison noch einmal entrinnen, kein Neuanfang, wie sie betont, vielmehr ein Weitermachen. Zwar ist der ehemalige Harvard-Professor in ihren Augen ein Snob und seine republikanische Gesinnung geht der überzeugten Demokratin, die Trump für einen „orangehaarigen Kotzbrocken“ hält, gegen den Strich. Doch Olive kann inzwischen auch mal den Mund halten und manch einer von Jacks snobistischen Einfällen – der Besuch der Fußpflege oder der Flug in der Businessklasse – erweist sich unerwartet als Zugewinn an Lebensqualität. Auch für Jack ist die Verbindung ein überraschender Glücksgriff, jedenfalls dann, wenn Olive nicht gerade zu „olive-ig“ ist:

    "Nichts davon hätte er sich je träumen lassen. Dass sie so sehr Olive sein könnte, dass er selbst so bedürftig sein könnte; nie im Leben hätte er es für möglich gehalten, seine letzten Jahre auf solche Art mit solch einer Frau zu verbringen.
    Die Sache war, bei ihr konnte er er selbst sein." (S. 181)

    Erst als die acht gemeinsamen Jahre mit Jacks Tod enden, fühlt sich die 82-Jährige wirklich alt und einsam:

    "Es war, als hätte sie – ohne sich dessen bewusst zu sein – ihr Leben lang vier stabile Räder unter sich gehabt, und jetzt plötzlich eierten sie alle vier und drohten jeden Moment abzufallen. Sie wusste nicht mehr, wer sie war oder was aus ihr werden sollte." (S. 315)

    Doch Olive wäre nicht Olive, wenn sie nicht trotz eines Herzinfarkts, des Umzugs ins Heim und der verhassten Alte-Leute-Windeln weitermachen würde.

    Kleine und große Lebenskatastrophen
    Auch der neue Erzählband umfasst wieder 13 Episoden über große und kleine Lebensdramen, deren verbindendes Element Olive Kitteridge ist. Nicht alle haben mir so ausnehmend gut gefallen und sind mir so nahegegangen wie „Licht“ mit der krebskranke Cindy Coombs, für die nur Olive mit ihrer schlagenden Ehrlichkeit die richtigen Worte findet. Herzlich gelacht habe ich bei „Geburtswehen“ über Olives Qualen bei einer in ihren Augen „schwachsinnigen“ Babyparty. Ihr Part kommt erst, als eine Teilnehmerin überraschend niederkommt und praktische Hilfe gefragt ist.

    Wer "Mit Blick aufs Meer" mochte, wird sich garantiert auch mit der ebenso leichtfüßigen, humorvollen und empathischen Fortsetzung gut unterhalten, auch wenn mir nicht alle Geschichten gleichermaßen gefallen haben. Ich jedenfalls weiß nun endgültig, dass ich die scharfzüngige, eigenwillige, pragmatische Olive mag, wenn auch mit gelegentlichen Bauchschmerzen.

  1. Ein Wiedersehen mit alten Bekannten

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Jun 2020 

    Olive Kitteridge ist wieder da. Jene unvergessliche Heldin aus Elizabeth Strout’s Roman „ Mit Blick aufs Meer“, für den sie damals mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde.
    „Olive, again“, so heißt das neue Buch im Original, was nun unter dem Titel „Die langen Abende“ auf Deutsch vorliegt.
    Wir sind wieder in der fiktiven Kleinstadt Crosby an der Küste von Maine. Olive ist mittlerweile Anfang siebzig, da lernt sie Jack Kennison, einen ehemaligen Harvard- Professor, kennen. Die beiden verbindet einige Gemeinsamkeiten. Sie sind beide viel zu dick, beide haben ihre langjährigen Ehepartner verloren und beide haben ein eher problematisches Verhältnis zu ihren erwachsenen Kindern. Olive hat bei Sohn Christopher in der Vergangenheit vieles falsch gemacht und auch jetzt noch verläuft ein Familientreffen mit ihm und seiner Frau und den vier Kindern nicht ohne Störungen..
    Jack dagegen kommt mit der Homosexualität seiner Tochter nicht zurecht.
    Jack und Olive nähern sich vorsichtig einander an, heiraten schließlich. Beide wissen um die Fehler, die sie in ihrer ersten Ehe gemacht haben und wollen es nun besser machen. Zitat Olive: „ Aber wir sind beide so alt, dass wir ein paar Dinge gelernt haben,...Hauptsächlich, wann man besser den Mund hält.“
    Doch das fällt Olive in vielen Situationen schwer.
    Der Aufbau des Buches ist der gleiche wie beim Vorgänger. Es gibt wieder Erzählungen mit wechselnden Protagonisten. In manchen steht Olive im Mittelpunkt, bei anderen taucht sie garnicht oder nur am Rande auf. Aber sie verbindet als zentrale Figur die einzelnen Episoden zu einem geschlossenen Ganzen.
    In einer Geschichte, die mich besonders berührt hat, besucht Olive eine krebskranke Frau Mitte Fünfzig. Hier zeigt es sich schön, wie gut sich Elizabeth Strout in die Gefühlslagen anderer Menschen versetzen kann. Sie zeigt die wechselnden Stimmungen, die ein Todkranker hat, die Wut, die Angst vor dem Tod, die Sorgen um die Familie. Dazu kommen die Angehörigen, die die Schwere der Krankheit nicht wahrhaben wollen. Da beweist Olive mal wieder, dass sie die richtigen Worte finden kann. Sie spricht nicht davon, dass alles wieder gut werden wird, sondern redet von der Angst vor dem Sterben, die jeder Mensch hat. Aber „ ...selbst wenn Sie sterben - die Wahrheit ist doch, wir anderen sind nur ein paar Schritte hinter Ihnen. Zwanzig Minuten hinter Ihnen, so sieht‘s doch aus.“
    Am Anfang des Buches ist Olive 73, am Ende wird sie über 80 sein. Sie wird einen Herzinfarkt überlebt haben und ihren zweiten Mann begraben. Am Schluss wohnt sie in einem Seniorenheim. Das Buch kreist allein schon deshalb vor allem um die Themen Alter, Krankheit und Tod. Dabei zeigt uns die Autorin schonungslos und bis ins Detail, was es heißt, alt zu sein. Trotzdem deprimiert die Geschichte nicht, dafür sorgt Olive‘s trockener Humor, der immer wieder aufblitzt.
    Olive ist auch in diesem Roman nicht immer sympathisch, aber sie ist milder geworden, mit sich und den anderen. Auch wenn nicht alle Geschichten das gleiche Niveau haben, so sind „ Die langen Abende“ doch ein wahres Lesevergnügen, noch mehr für die Leser, die den Vorgängerband kennen. Ein unterhaltsames Buch voller Lebensklugheit und Trost.