Im Dezember der Wind

Buchseite und Rezensionen zu 'Im Dezember der Wind' von  Marvel Moreno
2.9
2.9 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Im Dezember der Wind"

Jeder Sturm hat seine Gründe, jedes Schicksal seinen Ursprung. Wie eine gelassene, weil machtlose Göttin sitzt die Großmutter inmitten von Zikadengezeter in der trägen Luft der Mittagshitze, als sie es Lina erklärt: warum ihre Freundin Dora einen Mann heiraten wird, der sie schlägt – und welche generationenalte Schuld sie unabwendbar ins Unglück zu führen scheint. Viele Jahre später versucht Lina zu begreifen und zu erzählen: nicht nur von Dora, auch von Catalina, Beatriz und sich selbst. Alle sind sie jung, schön und reich, Teil der so konservativen wie frivolen Elite Barranquillas, einer Stadt an der kolumbianischen Karibikküste. Es sind Geschichten von Freiheitsträumen und Demütigungen, von weiblichem Begehren, von Sex und Unterwerfung, kolonialem Erbe und den Verbrechen der Erziehung – vor allem aber Geschichten von Frauen, die zum Skandal werden. Marvel Morenos Sprache ist ein Ereignis: bildgewaltig, mal sarkastisch-fies, mal sinnlich, immer unerbittlich tiefenscharf. Ein lebenssattes lateinamerikanisches Sittengemälde der fünfziger Jahre, ein allzu lange verborgener Schatz der Weltliteratur – endlich in herausragender deutscher Erstübersetzung.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:448
EAN:9783803133540

Rezensionen zu "Im Dezember der Wind"

  1. Neutrale 2,5 Sterne

    Klappentext:

    „Jeder Sturm hat seine Gründe, jedes Schicksal seinen Ursprung. Wie eine gelassene, weil machtlose Göttin sitzt die Großmutter inmitten von Zikadengezeter in der trägen Luft der Mittagshitze, als sie es Lina erklärt: warum ihre Freundin Dora einen Mann heiraten wird, der sie schlägt – und welche generationenalte Schuld sie unabwendbar ins Unglück zu führen scheint.

    Viele Jahre später versucht Lina zu begreifen und zu erzählen: nicht nur von Dora, auch von Catalina, Beatriz und sich selbst. Alle sind sie jung, schön und reich, Teil der so konservativen wie frivolen Elite Barranquillas, einer Stadt an der kolumbianischen Karibikküste. Es sind Geschichten von Freiheitsträumen und Demütigungen, von weiblichem Begehren, von Sex und Unterwerfung, kolonialem Erbe und den Verbrechen der Erziehung – vor allem aber Geschichten von Frauen, die zum Skandal werden.

    Marvel Morenos Sprache ist ein Ereignis: bildgewaltig, mal sarkastisch-fies, mal sinnlich, immer unerbittlich tiefenscharf. Ein lebenssattes lateinamerikanisches Sittengemälde der fünfziger Jahre, ein allzu lange verborgener Schatz der Weltliteratur – endlich in herausragender deutscher Erstübersetzung.“

    Bereits 1987 erschien dieses Buch der kolumbianischen Schriftstellerin Marvel Moreno auf dem Buchmarkt ohne große Beachtung. Im Jahr 2023 erschien das Werk in deutscher Übersetzung beim Verlag Wagenbach. Morenos Geschichte rund um Lina, Linas Großmutter, Linas Freundin Dora usw. ist selbst heute noch mehr als aktuell. Es geht um sexuelle Gewalt, seelische Gewalt, das Frauenbild an sich, das kolumbianische Leben an sich und hauptsächlich eben Frauen die auffallen und somit für jeden Skandal bereit sind bzw. diesen über sich ergehen lassen müssen.

    Es ist ein schweres Buch in jeglicher Hinsicht. Einerseits ist die Thematik keine leichte Kost aber auch Morenos Schreibstil macht es äußerst schwer hier am Ball zu bleiben. Ihre philosophischen Gedankengänge, ihre Wahl von Metaphern fand ich äußerst gelungen aber dennoch ist sie rau und hart und mutet so manchesmal dem Leser richtig schwere Kost zu, die am Rande des erträglichen ist. Moreno zeichnet ein „lebenssattes lateinamerikanisches Sittengemälde der fünfziger Jahre“ - aus Gesprächen mit Einheimischen des Landes kann ich nur klar sagen, Moreno traf wohl den Kern des Problems an der empfindlichsten Stelle. Nur das keiner laut über diese Zeit redet. Moreno hat es damals getan. Allein dafür muss man ihr heute noch Respekt zollen aber dennoch empfand ich den Verlauf der Geschichte, die ganzen Begebenheiten, die knallharten Erzählungen als zu hart. Hätte sie damals eine andere, etwas moderatere Sprache gewählt, wäre ich hin und weg von diesem Roman. Da er aber ist wie er ist, fiel es mehr als schwer allem zu folgen und vor allem zu verstehen. Wer Hintergrundwissen hat zu diesem Thema kann es besser nachvollziehen aber wer komplett frei an dieses Buch geht, wird klaglos an ihm scheitern. Ob die deutsche Übersetzung herausragend ist, kann ich keineswegs beurteilen, ich kann nur beurteilen, dass mehr als einige Parts so verschachtelt waren, dass ich sie mehrfach lesen musste um überhaupt mal irgendeinen Ansatz des Verstehens zu erhalten. Fazit: ein schwer verständliches Buch in jeder Hinsicht. Neutrale 2,5 Sterne hierfür

  1. Ein quälend endloser Reigen von Sex und Gewalt

    Der Roman „Im Dezember der Wind“ hat ein ausnehmend schönes Cover, die zartgrüne Gestaltung des Einbands gefällt mir sehr gut. Ich fand es großartig, dass der sehr poetisch klingende Buchtitel sich tatsächlich auch als Satz in dem sehr umfangreichen Roman findet.

    Abgesehen von diesen wenigen Aspekten kann ich leider kaum etwas Positives an Marvel Morenos Text finden. Bereits nach einer Seite war klar: dies wird keine leichte Lektüre; nach weiteren zwanzig Seiten war ich sicher, dass es sich sehr sperrig liest und auch so bliebe und, unglücklicherweise kann ich es nicht anders formulieren, zu Beginn des zweiten Abschnitts wusste ich, dass es quälend werden würde.

    Die Gründe hierfür sind leicht zu benennen. Sprachlich wagt sich Moreno an hochkomplexe Schachtelsätze heran, die beständiges mehrfaches Lesen erfordern. Ich habe nichts gegen stilistisch herausfordernde Literatur – im Gegenteil – aber sie muss dann auch eine Berechtigung haben und nicht nur demonstrieren, dass die Autorin Sätze, die halbe Seiten und mehr umfassen, schreiben kann oder noch schlimmer, wie es hier der Fall ist, dazu dienen, die inhaltlich doch sehr dünnen Fäden und erschreckend einfachen Figuren (der „edle Wilde“!) künstlich mit Tiefe aufzuladen. Gerade in der Einfachheit kann ja auch stilistische Eleganz liegen, hier hingegen entsteht er Eindruck, dass die überbordende Sprachschwurbelei den Leser einlullen bzw. zu der Einsicht bringen soll, dass unter all unseren komplizierten Beziehungsgeflechten letztlich alles ganz einfach ist (das wäre ja sogar noch eine hinreichend angemessene Funktion), so wie eben auch in Morenos Roman, dessen Handlung und Thematik sich letztlich auf zwei Wörter reduzieren lässt: Sex und Gewalt.

    Unter der Fahne einer recht gewöhnungsbedürftigen Feminismussicht, die nicht ausreichend mit dem lateinamerikanischen Machismo begründet werden kann, befasst sich Moreno mit dem Scheitern des Zusammenlebens von Männern und Frauen, wobei es sich nie um echte Beziehungen handelt, denn Kommunikation oder positive Emotionen (kommen bei den betrachteten Paaren nie vor. Um die Tatsache, dass Männer und Frauen nur auf diesem Planeten sind, um sich getrieben von Hass, Eifersucht, Besitzdenken und Abneigung gegenseitig zu schaden, zu illustrieren und zumindest in ihrem persönlichen Erzähluniversum zu beweisen, bietet Moreno ein ganzes Figurenpanorama auf. Die gesamte Lebens- und Sexualgeschichte des jeweils zentral gesetzten Paare sowie auch die ihrer Eltern und Großeltern wird detailliert und ausführlich geschildert, diese Vorgehensweise findet sich auch bei fast allen Nebenfiguren. Wann hat wer mit wem geschlafen, wer stammt aus welchem Land und ist wie eingewandert, wer ist irgendwann mal vom Pferd gefallen, hat ein Kunstwerk gekauft, ein Haus erbaut, Klavier gespielt – bei aller Liebe: bei der Backstory der xten Figur, die kaum bis keine Relevanz für den weiteren Verlauf der Handlung hat, schalte ich als Leser auf Durchzugsmodus, genau wie bei stilistischen Rokoko-Ranken und wiederholten Ausflügen in sexuelle Vulgarität. Der Overload, dieses zugegebenermaßen sehr üppigen Romans ist so enorm, dass man es irgendwann resigniert seufzend aufgibt, noch nach literarischen Verweisen, Anspielungen, Symbolen oder Metaphern zu forschen.

    Für mich leider weder eine Empfehlung noch ein Leseglück, sondern eine Geduldsübung, bei der man die letzte Seite herbeisehnt.

  1. Nicht der richtige Zeitpunkt?

    Der Wagenbach Verlag ist seit längerem dafür bekannt, dass er Geschichten aus fremden Kulturen (wieder)entdeckt und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. Ich durfte in diesem Verlag schon manchen Schatz entdecken. So ging ich voller Neugier an die Lektüre des Werkes der kolumbianischen Autorin Marvel Moreno.

    Nach der Lektüre des Werkes fühle ich mich einmal mehr darin bestätigt, dass jede Lektüre ihre Zeit hat. Für mich und Moreno war der Zeitpunkt vermutlich durch die hochsommerlichen Temperaturen und einen extrem stressigen Arbeitsalltag recht ungünstig gewählt. DIe Lektüre empfand ich allein schon wegen der dicht bedruckten Seiten und des relativ kleinen Schriftbildes sehr anstrengend und rein technisch gesehen bereits ermüdend.

    Generell lese ich sehr gerne Literaturen aus fremden Kulturen. Ich weiß, worauf ich mich einlasse und freue mich, mehr über mir bislang weniger bekannte Kulturen zu erfahren. "Im Dezember der Wind" ist sicher so ein Buch, bei dem man Einiges über die kolumbianische Kultur lernen kann, wenn man sich richtig darauf einlassen kann sowie Zeit und Muße hat, sich auch mal durch das Buch hindurch zu "kämpfen". In jedem Fall muss man wohl den kolumbianischen Kontext wie auch die Zeit der Entstehung des Romans im Hinterkopf behalten, will man diesem Buch gerecht werden. Das ist insofern eine Herausforderung, da man Vieles, was geschildert wird, mit der eigenen Brille betrachtet nur ablehnen kann. Es fällt sehr schwer, sich gegen eine vorschnelle Verurteilung zu wehren und einen Schritt zurück zu gehen, um das Geschilderte vor dem spezifischen zeit- und kulturgeschichtlichen Hintergrund zu verstehen.

    So geht es im Roman um eine Elite, für die Herkunft und möglw. Tradition von großer Bedeutung sind. Der Erzählbogen wird entsprechend weit aufgespannt und wir lernen nicht nur die Hauptprotagonisten in der jetzt-Zeit kennen, sondern ebenso deren Ahnen. Das Figurenkarussell dreht sich permanent, so dass einem sprichwörtlich wirklich schwindelig werden kann. Mir fiel es schwer, den Überblick zu behalten. Jenseits der vier Freundinnen, die im Mittelpunkt stehen, verschwimmen die Verhältnisse für mich immer mehr.

    Es werden insbesondere die Geschichten dieser Frauen erzählt. Sie sind von Unterwerfung und einem dominanten Patriachat geprägt. Als 'westlich' sozialisierter Leser muss man hier Acht geben, nicht zu sehr auf eigene Meinungen und Sichtweisen zu pochen. Morenos Anliegen ist sicher eine scharfe Gesellschaftskritik. Diese impliziert sowohl eine Kritik des Patriachats wie auch einen Sturmlauf gegen die Moral und Sittenvorstellungen der katholischen Kirche. Dies hat im lateinamerikanischen Kontext eine völlig andere Bedeutung als bei uns.

    Dennoch entging mir durch den ungüstig gewählten Zeitpunkt der Lektüre sicher sehr viel. EIne erneute spätere Lektüre empfiehlt sich und ist meines Erachtens lohnenswert. Ich würde gerne mehr verstehen über das Kolumbien, von dem Moreno erzählt.

    Der Roman hat Potential. Mir gefällt auch die grundsätzliche Erzählkonstruktion der einzelnen Teile mit den zentralen, alttestamentarischen Bibelstellen. Allein, ich habe leider zu wenig verstanden. Mein Geist war zu müde und tat sich zu schwer mit der Herausforderung der Lektüre. Vielleicht ein Buch für den Winter, wenn zudem ausreichend Lesezeit vorhanden ist? Bei Gelegenheit werde ich es ausprobieren, denke ich.

  1. Patriarchale Gesellschaft voller Gewalt und Zwänge

    Die 1995 in Paris verstorbene kolumbianische Autorin Marvel Moreno schrieb ihren Roman „Im Dezember der Wind“ bereits 1987. Erst jetzt wurde er von Rike Bolte ins Deutsche übersetzt. Moreno zeichnet darin ein gewalttätiges Sittenporträt der Oberschicht von Barranquilla, in der sie selbst aufgewachsen ist. Sie verließ ihre Heimatstadt, die an der Karibikküste im Norden Kolumbiens liegt, im Jahre 1971 und lebte seitdem in Paris.

    „Im Dezember der Wind“ gliedert sich in drei Teile, in denen jeweils eine Freundin der Erzählerin Lina und eine ältere Verwandte Linas mit ihrer „Lebensphilosophie“ im Mittelpunkt des Interesses steht. Eingeleitet werden diese Teile durch Bibelzitate aus dem alten Testament.

    Ausgehend von den Hauptprotagonistinnen beleuchtet Moreno aber auch zentrale Ereignisse in den Biographien der jeweiligen Vorfahren, geht auf deren Erziehung und erlittene Traumata ein. Sie zeigt so, wie erlerntes Verhalten, gesellschaftliche Regeln, Denkmuster, aber auch Traumata an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden.

    Alle Frauen müssen sich mit gewalttätigen Männern, sexueller Unterdrückung, Demütigungen und der Macht des Patriarchats auseinandersetzen. Dabei kommt Moreno immer wieder zu dem Schluss, dass nur die sexuelle Befreiung der Frau der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben sein kann.

    Morenos Schreibstil zeichnet sich durch lange, verschachtelte, sperrige Satzkonstruktionen aus. Beim Lesen ist äußerste Konzentration erforderlich. Häufig musste ich Sätze mehrmals lesen, um das Erzählte zu begreifen. Das Fehlen von Absätzen erschwert das Leseverständnis zusätzlich.

    Die ersten 80 Seiten bin ich Morenos Ausführungen noch fasziniert gefolgt und habe mich gebannt in ihre Welt voller unerhörter Geschichten und Abscheulichkeiten, bizarrer Begebenheiten, zahlreicher Nebengeschichten und Abschweifungen sowie gesellschaftskritischen Einschüben begeben. Mein anfängliches Leseerlebnis bewegte sich zwischen Abscheu, Schrecken und Verwunderung; einige Male musste ich sogar aufgrund des bizarren Humors lachen. Besonders gut haben mir zu Beginn auch die Spitzen gegen die bigotte Sexualmoral der Kirche gefallen, die immer mal wieder in einem Nebensatz eingeflochten werden.

    Leider ließ meine anfängliche Faszination bald nach und wurde ersetzt durch eine unerträgliche Langeweile und einem Gefühl der Überforderung angesichts der Fülle an Personal. Ich empfand den Roman schon bald als redundant, die Fixierung auf Sexualität zu einseitig, das Frauen- und Männerbild zu eindimensional, einige Szenen zu schwülstig - ich könnte ewig so weitermachen.

    Morenos Schreibstil, der gänzlich ohne Dialoge auskommt, erzeugt eine ungeheure Distanz, die ein Mitfühlen und Erleben selbst in dramatischen Szenen unmöglich macht. Ich sehe, dass Moreno in ihrem Roman auf unterschiedlichen Ebenen mit der dort ansässigen Oberschicht abrechnet. Sicherlich lässt sich ihre Fixierung auf sexuelles Begehren, sexualisierte Gewalt nur vor dem Hintergrund der rigiden Sexualmoral der Kirche und des vorherrschenden Machismo bzw. des Patriarchats im Kolumbien der damaligen Zeit verstehen. Leider hat mich die Autorin aber aufgrund ihres Schreibstils und den zahlreichen Varianten des immer gleichen Themas nicht erreicht.

    Trotz der Fülle an Personal und der Verästelungen der erzählten Geschichten, war mir der Roman inhaltlich zu einseitig, zu wiederholend und ich habe keine Möglichkeit gefunden auf einer emotionalen Ebene in diese Welt einzutauchen. Letztendlich blieb für mich das Erzählte daher nur oberflächlich erfahrbar, die Protagonist*innen unnahbar und schablonenhaft. Ich empfehle vor der Lektüre dringend einen Blick in die Leseprobe.

  1. Eine feministische Herausforderung kolumbianischer Literatur

    Marvel Moreno (1939 - 1995) war Zeitgenossin literarischer Größen wie Gabriel Garcia Márquez. 1971 beschloss sie, Kolumbien endgültig zu verlassen, um nach Paris zu emigrieren. Dort entstand der vorliegende Roman, der in ihrer Heimat, der Küstenstadt Barranquilla, spielt und die dortige wohlhabende Oberschicht in den Fokus nimmt. Die Handlung dürfte überwiegend in den 1950er Jahren angesiedelt sein. Der Roman erschien 1987 und wurde jetzt erstmals hervorragend von Rike Bolte ins Deutsche übersetzt. Man muss bedenken, dass die von der Kirche gestützte Vorherrschaft der Männer (Machismo) keinesfalls eine Erfindung der Autorin ist, sondern Tradition in ihrem Land hat. Das mag uns europäischen Leserinnen abstrus und archaisch erscheinen, entspricht aber bis heute der (empörenden) Realität.

    Ausgehend von der Erzählinstanz Lina, die durch ihre Großmutter eine relativ freigeistige Prägung genossen hat und zum Zeitpunkt ihrer Erzählung bereits (wie die Autorin selbst) in Paris lebt, werden uns in drei Teilen des Romans die drei Frauenbiografien ihrer Freundinnen Dora, Catalina und Beatriz vorgestellt. Jedem Teil ist ein alttestamentarisches Zitat vorangestellt, das das übergeordnete Thema vorgibt. Allen drei Frauen ist gemein, dass bereits ihren Vorfahren Gewalt von männlicher Seite angetan wurde; eine „Erbschuld“, die unterbewusst an die nächste Generation weitergereicht wird und dauerhafte Spuren hinterlässt.

    Linas Freundinnen, alle aus gutem Hause und wunderschön, geraten an die falschen Männer. Manches ist vorhersehbar, denn in dieser testosterongesteuerten, patriarchischen Umgebung wachsen nur toxische, samenstrotzende Männer heran, die sich in ihrer Übermacht nehmen, was ihnen gemäß gesellschaftlicher Nomenklatur zusteht. Neben Bordellbesuchen ist das der Beischlaf mit der Ehefrau. Als Leserin wird man durch eine Achterbahn der Gefühle geschleudert. Zwischen Empörung, Ekel, Faszination, Fassungslosigkeit und Humor ist alles dabei. Die Frauen müssen sich unterwerfen, anders scheinen die maskulinen Exzesse nicht erträglich. Das Zusammenleben der Geschlechter wird vom Sex bestimmt. Wir erleben ihn in zahlreichen Bildern und Ausprägungen – nur eines lässt er vermissen: die Bedeutung von Gefühl und Liebe für die sexuelle Erfüllung. Stattdessen geht es um die Manifestierung der männlichen Dominanz. Der Roman gründet auf der These, dass die sexuelle Befreiung der Frau Grundlage sein muss für jegliches weitere Streben nach Emanzipation. Das wirkt unter hiesigen Bedingungen reichlich eindimensional, man muss es vor dem Hintergrund von Raum und Zeit betrachten.

    Moreno holt sehr weit aus, um uns jede Figur in ihrem Umfeld vorzustellen. Dabei greift sie auf überlieferte Erlebnisse und Episoden zurück, viele Namen werden erwähnt, die nur zum Teil Relevanz für den weiteren Verlauf haben. Man sollte sich nicht entmutigen lassen, wenn man sich gerade zu Anfang nicht alle Verläufe und Figuren merken kann. Die Sätze sind lang und komplex verschachtelt, der Blocksatz hat so gut wie keine Absätze. Das Lesen ist anstrengend und keine entspannende Abendlektüre. Die Aufmachung reflektiert den schwer verdaulichen Inhalt, darüber täuscht auch die wunderschöne Covergestaltung nicht hinweg.

    Man muss sich Zeit für diesen anspruchsvollen Roman nehmen, nur dann wird man belohnt. Man muss sich fallen lassen in diesen zweifellos lateinamerikanischen Stil, der viele verschiedene Figuren, ausladende Geschichten und allerlei Handlungsebenen verzahnt. Man kommt von Stöckchen auf Hölzchen, vor und zurück, alle Episoden werden aber vom zugrunde liegenden Thema und der latenten Wut der Autorin gespeist. Am Ende läuft alles irgendwie zusammen. Die Handlung verlässt besonders im dritten Teil den Boden der Wirklichkeit. Manches erscheint traumhaft, märchenhaft oder surreal (magischer Realismus?). Auf diese Art des Erzählens muss man vorbereitet sein, ich empfehle unbedingt eine Leseprobe. Man darf nicht alles an der Realität abgleichen wollen. Moreno bietet ein buntes Kaleidoskop an Geschichten, die in eine uns fremde Welt führen und doch einer strengen übergeordneten Struktur unterworfen sind. Der Roman ist ein herausforderndes Kunstwerk, das ich wirklich mit unterschiedlichen Gefühlen gelesen habe, die von Begeisterung bis Überforderung reichten. Letztlich hat mich die Autorin aber immer wieder erreicht. Der hypotaktische Satzbau hält manche Schönheit bereit, für die man sich aber die Sensibilität bis zum Ende bewahren muss, um sie zu erkennen.

    „Im Dezember der Wind“ ist bestimmt kein Buch für Jedermann. Das ideale Publikum sollte sowohl an vielschichtigen Texten als auch an der kolumbianischen Gesellschaftsgeschichte interessiert sein. Ansonsten empfehle ich den Roman allen Lesern, die das Besondere jenseits des Mainstreams schätzen.

  1. "Eine Atmosphäre verschwurbelter Lüsternheit"

    Dora heiratet den Mann, der sie prügelt, der sie während ihrer ganzen Ehe terrorisiert und sie zu einem Schatten werden lässt, der nur noch durch Medikamente existiert. Catalina heiratet den Mann, der sie systematisch niedermacht (S. 191: "Catalina hatte wie er zu denken - oder überhaupt nicht"). Beatriz, durch die Erziehung in einer Klosterschule deformiert, verliert in der Ehe mit dem dominanten Javier jede Lebendigkeit (S. 406: "Um sieben Uhr abends begann sie mit der Einnahme von Beruhigungsmitteln, und Javier fand eine willige Gattin vor.") Die drei Frauen, alle schön und von Haus aus reich, gehören zur Oberschicht der kolumbianischen Küstenstadt Barranquilla, in der ein strenges Kastenwesen einschließlich "Rassen"-Trennung (Stichwort "Gefahr der Mestizisierung") vorherrscht: Die wichtigsten Familien der Gesellschaft leiten ihre Herkunft von den spanischen Eroberern her und achten streng darauf, nur untereinander oder in nicht minder reiche und hochgestellte Familien aus Europa einzuheiraten.

    Unsere Autorin Marvel Moreno (geboren 1939) weiß, wovon sie schreibt, denn sie stammt selbst aus einer dieser Aristokratenfamilien Barranquillas. Als Zwanzigjährige wurde sie Karnevalskönigin und eine der wichtigsten jungen Frauen der Gesellschaft. Als sie sich dem intellektuellen Künstlerkreis der Region anschloss, zu dem u.a. auch Gabriel Garcia Marquez gehörte, wurde sie jedoch nicht recht ernst genommen. Erst im Exil in Paris begann sie zu publizieren. "Im Dezember der Wind" erschien 1987. Die Autorin folgt darin einem strengen Aufbau: Jede der drei genannten Frauen wird ausführlich vorgestellt, mit ihr ihre ganze Familie, auch entfernte Verwandte, Freundinnen, Bedienstete; die Erzählung zieht immer weitere Kreise wie ein ins Wasser geworfener Stein. Verbunden sind die drei Lebensgeschichten durch die Freundin und Beobachterin aller drei Frauen, Lina, die ihrerseits - wie sich am Ende herausstellt - aus dem französischen Exil und einer erheblich späteren Zeit heraus erzählt.

    Letzteres ist eigentlich schon früh zu ahnen: Die Geschichte der drei Frauen ist krass, gewaltsam, empörend, und sie sind keineswegs Einzelfälle, sondern Bestandteil einer Gesellschaft, die Frauen als Staffage oder bestenfalls als Verhandlungsmasse betrachtet - für die Familie, die Kirche oder die Politik. Es wimmelt nur so von abstoßenden Vorfällen, die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund. Trotzdem liegt über der ganzen Schilderung ein nostalgischer Schleier, der alle Szenen in eine Art Märchenlicht taucht wie eine ferne Erinnerung. Dazu trägt auch die übermäßig artifizielle, gewundene Sprache bei. Verschachtelte Sätze, die sich über eine halbe Seite und mehr erstrecken, sind keine Seltenheit, wobei die Sprache auch nicht fließt, wie wir es von unseren klassischen Autoren gewohnt sind, sondern sich windet und hakelt wie eine Schlingpflanze im Dschungel. Einfach zu lesen ist das Buch nicht, und in unserer Leserunde löste es sowohl wegen des Inhalts als auch wegen des Stils Diskussionen und z.T. herbe Kritik aus.

    Die aktuellen Rezensionen versehen den Roman gern mit dem Stempel früher feministischer Literatur, und der zornige Impetus der Autorin ist tatsächlich auf jeder Seite zu merken; vor allem auch gegen die Kirche, die die gesellschaftlichen Strukturen stützt. Letztlich wirken aber alle Personen, Männer wie Frauen, viel zu vernunftlos und von konfusen Leidenschaften getrieben, als dass das Buch im heutigen Sinn feministisch genannt werden könnte - es herrscht fast durchgehend eine "Atmosphäre verschwurbelter Lüsternheit" (S. 326 - die Autorin bewältigt ihren Stoff nicht gerade humorvoll, aber hin und wieder mit Augenzwinkern). Auch die Männer haben nichts gemeinsam mit den Machern der modernen Literatur; handeln keineswegs planvoller und organisierter als ihre Frauen, sondern mindestens genauso irrational und von spontanen Aggressionsschüben dominiert. Das Karibikklischee von augenrollenden, dolchschwingenden Kerlen, die in weißen Anzügen Ströme von Schweiß ausdünsten, wird reichlich bedient. Als europäische Leserin der Gegenwart kann ich nicht beurteilen, wie realistisch dieses Sittenbild ist; vieles klingt übertrieben und theatralisch wie von der Opernbühne.

    Am Ende verleugnet Moreno auch nicht die literarische Herkunft aus der Strömung des magischen Realismus. Spätestens mit der Schilderung von Linas weiblich dominierter Familie, in der alle Männer, die "auf die eine oder andere Weise in die Familie kamen", in jungen Jahren sterben (S. 247), dem spiralförmig gebauten Familiensitz, in dem Menschen wie Gegenstände auftauchen und wieder verschwinden, und der Musikerkarriere der geheimnisvollen Tante Irene kommt jene Atmosphäre ins Spiel, die viele lateinamerikanische Autoren berühmt gemacht hat und typischerweise die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen lässt. Morenos Roman ist krass, knallig, verträumt und öffnet ein Fenster in eine weit entfernte Welt. Es ist aber zweifellos kein Buch für jeden, und auch kein Buch für jede Stimmung: Man braucht Ruhe und Konzentration beim Lesen und vor allem den guten Willen, sich entführen zu lassen. Und es hilft vielleicht ein wenig, dieses Buch mehr als persönliches Konzentrat der Erinnerung zu lesen denn als feministische Streitschrift. Wenn ich dem Roman (etwas aufgerundete) vier Sterne gebe, dann hauptsächlich wegen dieses dick aufgetragenen Exotismus, der ihn trotz allem für mich zu einer faszinierenden Lektüre gemacht hat. Aber man sollte nichts Falsches erwarten: Die Autorin ist jedenfalls mit Marquez weit enger verwandt als mit den europäischen Feministinnen der Achtziger.

  1. 3
    18. Jul 2023 

    Weibliche Sexualität im Machismo-Kolumbien

    “Im Dezember der Wind” ist ein Roman der kolumbianischen Schriftstellerin Marvel Moreno, der bereits 1987 auf Spanisch veröffentlicht wurde und jetzt im Wagenbach-Verlag seine erste deutsche Ausgabe bekommen hat. Der Roman taucht in die Gesellschaft des kolumbianischen Küstenortes Baranquilla ein und schildert vor allem die Schicksale von Frauen in ihrem Kampf um Selbstbestimmung in einer von Machismo geprägten Umwelt. Als Kinder werden diese Frauen von ihren Eltern auf ihr Leben in der Hinsicht vorbereitet, dass sie „heiratsfertig“ gemacht werden, was die Bedeutung hat: hausfräulich, jungfräulich, ansehnlich. Auf diese Charakterzüge werden die Mädchen ausgerichtet, damit sie später einen Mann bekommen, an dessen Seite sie durch seine berufliche Stellung glänzen können und ihm selber gesellschaftlichen und moralischen Glanz verleihen. Die Männer an der Seite dieser Mädchen/Frauen huren derweil herum, bereiten sich so auf ihre Ehe vor und beweisen der Gesellschaft durch exzessive sexuelle Aktivität ihre Männlichkeit, ihren Stolz und ihre Heiratsfähigkeit. Diese abstruse „Ordnung“ der Gesellschaft führt die Frauen, auf die sich der Roman konzentriert, in auf unterschiedliche Art katastrophale Ehen: Die eine wird von ihrem Ehemann körperlich und psychisch dafür bestraft, irgendwann einmal, weit vor der Ehe, einen anderen Mann geliebt zu haben, die zweite muss ihren eigenen Vergewaltiger heiraten und die dritte gerät an einen Ehemann, der mit seiner eigenen Sexualität nie ins Reine kommt. Die vierte dagegen zieht die Konsequenzen in ihrem Leben und flieht aus dieser Gemeinschaft, verbringt ihr Leben im Ausland und schildert uns das Leben ihrer Freundinnen der Jugendzeit aus der erfrischenden Distanz zwischen Paris und Baranquilla. Dabei steht ein Aspekt des sanften Befreiungsprozesses ihrer Freundinnen deutlich im Vordergrund der Betrachtung: die Entwicklung der eigenen, der weiblichen Sexualität. Bei der Bedeutung, die die Sexualität für den anderen, den männlichen Teil der Gesellschaft hat, die gefühlt jeden Tag im Freudenhaus verbringen und die Frauen dort nehmen wie an anderen Orten die Männer in Kneipen oder Pubs ein Bier kippen, mag das tatsächlich ein erster logischer Schritt auf dem Weg eines erwachenden Feminismus sein. Doch gerade Lina, die Erzählerin aus dem fernen Paris hat durch ihre Flucht ins ferne Europa dann doch gezeigt, dass das vielleicht doch nicht das Kernstück oder zumindest nicht das einzige Thema der Befreiung bleiben kann. Und so habe ich den Roman auch als etwas zu kurz gegriffen empfunden. Der erwachende Feminismus als Opposition gegen Machismo verkürzt auf ein sexuelles Erwachen war für mich als europäische Frau in einer Gesellschaft, die viele Wellen weiblicher Emanzipation mit mehr oder weniger Erfolg durchgemacht hat, zu komprimiert, zu knapp und zu kurz gegriffen. Linas Perspektive aus dem fernen Paris hätte da eine stärker ausgleichende Rolle spielen können.
    Ein Wort muss noch verloren werden über den Sprachstil des Buches. Dieser ist sehr künstlerisch und ambitioniert. Nicht selten ist Sätzen zu folgen, die über eine Seite gehen und in denen komplexe Perspektivwechsel vorgenommen und ausschweifende Gedankenströme widergespiegelt werden. Mir als Leserin hat sich nicht immer die Schönheit dieser sprachlichen Kunstwerke aufgedrängt, sondern mein Pfadfindertum auf der Suche nach der Essenz in diesen Sprachgebilden wurde teilweise so aufwändig, dass mir der Inhalt unter all den Worten verloren ging.
    Das heißt als Fazit: für mich war es eine oftmals zu ambitionierte Lektüre, deren wichtiges Thema „weibliche Sexualität“ als vielleicht zu singulärer Baustein des Emanzipationsprozesses behandelt wurde. Geschildert ist auf jeden Fall eine Gesellschaft zum Weglaufen, was ja sowohl die Erzählerin des Romans Lina als auch die Autorin selbst getan haben. Dieses Weglaufen nehme ich ihnen nach meinen Einblicken in die kolumbianische Gesellschaft durch dieses Buch voll und ganz ab und kann sie zu diesem Entschluss und dessen Gelingen nur beglückwünschen, hoffe aber auch, dass sie auch andere Seiten der weiblichen Emanzipation erleben durften.

  1. 1
    16. Jul 2023 

    Total überfrachtet

    Morenos spät für die deutsche Leserschaft entdeckter und hochgelobter Roman spielt im Kolumbien der 1950er Jahre in der Oberschicht der Küstenstadt Baranquilla, in der auch Gabriel García Márquez gelebt und geschrieben hat. An einer Reihe von Frauenfiguren dekliniert sie die Schrecken des kolumbianischen Patriarchats durch und rechnet mit Machismo und katholischer Bigotterie ab.

    Die Struktur des Romans ist durchaus streng: Drei Teile, die jeweils von einem Bibelzitat eingeleitet werden, das das Thema umreißt. Es geht jeweils um eine ältere und eine junge Frau und ihr Erleben, berichtet aus der Sicht einer außenstehenden Erzählerin. Die Stringenz dieses Gerüsts wird jedoch konterkariert durch die Art, wie Moreno es gefüllt hat.

    Zum einen war die Sprache für mich eine einzige Qual; hätte ich nicht diese Rezension geschuldet, hätte ich nach spätestens 100 Seiten abgebrochen. Moreno konstruiert endlose Schachtelsätze, an deren Ende man Mühe hat, sich an den Anfang zu erinnern. Ich bin wahrhaftig gewohnt, anspruchsvolle Literatur zu lesen und mag es sogar, wenn lange Sätze über ganze Seiten fließen, wie bei Ransmayr oder Mann. Bei Moreno fließt gar nichts; die Sprache ist hölzern und gestelzt, es gibt viele überflüssige Adjektive und Einschübe – die Unverständlichkeit scheint gewollt zu sein. Manchmal entgleist den Sentenzen unterwegs die Grammatik und die Syntax und man fahndet vergebens nach dem Sinn; der Satz versandet. Ärgerlich ist zudem, dass Morenos Sprache den Anschein erwecken will, besonders genau zu sein, dabei aber immer wieder Irritationen produziert, die das Verständnis noch weiter erschweren.

    Zum anderen war da die ausufernde Historie der Figuren, die bis in entfernteste Verwandtschaftszweige verfolgt wird. Moreno führt uns eine lange Reihe exzeptionell schöner, reicher junger Frauen vor, die auf unterschiedliche Weise mit den Repressionen des Patriarchats umgehen. Mal unterwürfig, mal naiv, mal subversiv, dann wieder, indem sie sich die repressiven Regeln so zu eigen machen, dass sie zu Verräterinnen am eigenen Geschlecht werden. In jedem der 3 Teile werden neue Personen mit Umfeld eingeführt; zu Beginn des dritten Teils hatte ich endgültig den Überblick verloren. Trotz dieser Ausführlichkeit mangelt es den Figuren an Tiefe, denn sie sind bloße Ideenträger und erinnern in ihrer schablonenhaften Betonung körperlicher Attribute an Märchenfiguren. Bei allem Drama hat mich ihr Schicksal kaum berührt.

    Auch inhaltlich fühlte ich mich sehr herausgefordert. Die detaillierten Beschreibungen der Grausamkeiten gegenüber Frauen, des Sadismus und der Tierhaftigkeit der Männer waren schwer zu ertragen. Bald war ich so weit, dass ich für die Männer dieses Romans nur noch Abscheu und für die Frauen Verachtung empfinden konnte.

    Dazu kommen eine Reihe falsch verstandener Konzepte. Zum Beispiel bemüht Moreno zur Erklärung der oft unglaublichen Verhaltensweisen ihrer Figuren den „Instinkt“. Was sie meint, sind schlicht Gene plus Prägung und hat mit Instinkt nichts zu tun. Dass das (kolumbianische) Patriarchat eine kranke Gesellschaft ist, die kranke Menschen hervorbringt und damit eine unendliche Kaskade des Leidens, hat man spätestens am Ende von Teil 1 verstanden. Fatal ist, dass Moreno in ihrer nachvollziehbaren und berechtigten Wut über die Misogynie des kolumbianischen Machismo in genau die Misandrie rutscht, die dem Feminismus schon immer unterstellt worden ist. Für Moreno sind Männer durch die Evolution hervorgebrachte Raubtiere, die man nicht hassen sollte, denn sie können nichts für ihre niedere Natur.

    Im Feuilleton wird der Roman als „genuin feministisch“ gerühmt – darüber kann ich nur staunen. Moreno reduziert die Frauen auf ein biologistisches Klischee, denn sie sieht die Macht einer Frau vor allem in ihrer Sexualität und Reproduktionsfähigkeit: „Aus der Natur rührte die Kraft, die menschliche Spezies allem verheerenden Wahnsinn der Männer zum Trotz am Leben zu erhalten.“ Das Glück einer Frau liegt für sie darin, dass ihr "die eigene Versöhnung mit der Liebe und der Sinnlichkeit gelang, die die so weise Natur der Frau geschenkt hatte.“

    Ihre Verherrlichung der weiblichen Sexualität gipfelt in der Behauptung, dass „…kein Mann auf der Welt eine Frau befriedigen konnte, die sich mit ihrer eigenen Sexualität bis in den letzten Winkel auskannte und sie voll und ganz annahm“. Die unersättliche Männerfresserin ein Ideal?! OMG. Das prototypische Angstbild aller Maskulisten.

    Die Vielzahl schwüler und kitschiger Sexszenen haben mir den Lesespaß zusätzlich verdorben. Die Worte „sinnlich“ und „aufreizend“ werden inflationär verwendet. Allzu oft gleitet der Text auf das Niveau von Heftromanen ab, Abteilung „Adult Romance“, wenn etwa eine sich aus schierer überbordender Sexualität prostituierende Frau nach kurzer Dusche zu ihrem Liebhaber ins Bett steigt und „…wieder die liebestolle Beute Changós werden konnte, dieses Gottes, dessen heiligen Schrei nur Lorenzo verstand.“ Dann ist da noch der indigene Eros „mit den goldenen Augen“: "Er wartete auf sie in der in der riesigen Savanne, in der ihre Pferde frei herumgaloppierten, ohne auf irgendein Hindernis am Horizont zu stoßen, unter dieser unbarmherzigen Sonne, der sie beide entsprungen zu sein schienen, unbändig und wild in ihrem Willen, das Leben in vollen Zügen einzusaugen." - Noch Fragen?

    Dass eine erfüllte Sexualität nur in einer Beziehung auf Augenhöhe möglich ist, dass es geistige Gemeinsamkeiten, Nähe, Intimität geben muss: Das alles ist kein Thema in Morenos Roman. Die begehrten Sexualheroen Morenos müssen nicht mal reden, um die Frauen für sich zu gewinnen.

    Moreno packt darüber hinaus in den Roman eine Unzahl weiterer Themen, Bezüge, Symbole und Anspielungen – vielleicht ja durchaus Schätze, die zu heben wären, wenn es einem denn gelänge, den Dschungel der Schachtelsätze zu durchdringen. Hin und wieder gibt es in all dem Schwurbel einen Satz wie ein Schlag mit dem Baseballschläger, was mich dann wieder etwas mit dem Buch versöhnt hat. Mir gefiel auch der schräg-sarkastische Humor der Autorin, mit dem ich sicher noch mehr hätte anfangen können, hätte sie sich zum Schreiben von Dialogen durchgerungen.

    Im letzten Drittel des Romans gerät die Symbolik außer Rand und Band und es wird magisch. Kapitellang werden ein mystisches Gebäude, seine Innenausstattung und ätherischen Bewohner geschildert; es werden obskure Bezüge angedeutet, die zu entschlüsseln mir endgültig der Nerv fehlte. Auch das nostalgisch-nachdenkliche letzte Kapitel hat es für mich nicht mehr rausgerissen.

    Mein Fazit: Totale Überfrachtung. Zuviel Symbolik, zu viel Personal, zu viel Sex, zu viel Bildung beweisen wollen. Aber auch zu wenig: Kein soziales Bewusstsein in der Welt der reichen Mädchen. Zu wenig Subtilität, zu wenig Dialoge, zu wenig Absätze – die Seiten sind eine einförmige Buchstabenwüste, in der das Auge den Halt verliert. Zu wenig Inhalt, denn, sorry, Sex ist nicht die Lösung für alles, schon gar nicht für die Gleichstellung der Frau in der Welt. Soll die sprachliche Komplexität die inhaltliche Unterkomplexität verbergen?

    Ich habe den Roman als extrem prätentiös empfunden. So sehr ich den verlegerischen Mut von Wagenbach bewundere - seine Wiederentdeckung ist aus meiner Sicht kein Gewinn für die Literaturlandschaft.

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    15. Jul 2023 

    Overload...

    Anstrengend auf allen Ebenen - so lautet mein Fazit zu diesem ausschweifenden (1987 im Original erschienenen) Roman, dessen Handlungsort, Klappentext und Cover mich zum Lesen verlockten.

    Die geschilderte Gesellschaftsschicht Kolumbiens - reiche und konservative Weiße in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, Nachfahren früherer Eroberer, deren größtes Anliegen es ist, die Vormachtstellung in der Stadt nicht zu verlieren, dabei möglichst unter sich zu bleiben und die altehrwürdigen Namen rein zu halten - ist korrupt, machtgierig, dekadent, gelangweilt-überheblich, und in ihrer Verkommenheit oftmals jenseits des Gesetzes. Dazu ein gelebtes Patriarchat, das Frauen per se als minderwertiger und rechtloser deklariert und hier dem Machismo ungebremst die Vormachtstellung bietet. Marvel Moreno rechnet ab mit dieser Oberschicht, der sie einst selbst entstammte. Geboren wurde sie 1939, und vieles von dem, was sie im Roman schildert, hat sie offenbar selbst erlebt - bis sie aus der konservativen provinziellen Gesellschaft ausbrach und nach Paris ging, wo sie 1995 auch starb.

    Diese genannten Fakten zum Leben der Autorin lassen vermuten, dass sich hinter dem Charakter im Roman, aus dessen Perspektive im Nachhinein die Begebenheiten in ihrer Heimatstadt Barranquilla geschildert werden (Lina), in Wirklichkeit das Alter Ego von Marvel Moreno stecken könnte - es zeigen sich da jedenfalls auffällige Parallelen. Gegliedert ist der Roman in drei Teile, wobei sich jeder Teil schwerpunktmäßig dem Schicksal jeweils einer Freundin Linas widmet: Dora, Catalina und Beatriz. Es geht um die Veränderungen der Persönlichkeit der drei Frauen vor und nach der Hochzeit, wenn deutlich wird, dass Frauen nur noch rechtlose Wesen sind, die den Männern zu Diensten sein müssen und zu deren Treiben wie Bordellbesuche und Affären ansonsten am besten den Mund zu halten haben. Jede der drei Frauen findet aus dieser Falle letztlich einen anderen radikalen Ausweg. Sexuelle Befreiung ist aus der Sicht Morenos offenbar der wesentliche Schritt hin zur möglichen Emanzipation der Frau - und dementsprechend wimmelt es hier im Roman auch vor sexuellen Begebenheiten, teilweise allerdings eher im Groschenromanformat denn in poetischen Schilderungen. Von Liebe kann hier nirgendwo die Rede sein.

    'Wimmeln' ist aber auch ansonsten DAS Schlagwort des Romans. Hier gibt es keinen Bereich, bei dem man nicht das Gefühl von 'overload' hat. Da wäre zum einen der Schreibstil. Ja, Moreno kann ganz gewiss mit Sprache umgehen, Bilder schaffen, Satzkonstruktionen bilden. Diese drohen allerdings immer wieder, unter ihrem eigenen Gewicht zusammenzubrechen, zigfach verschachtelt und am Ende nicht sicher, ob man sich überhaupt noch an den Anfang erinnern kann. Immer wieder musste ich Sätze mehrach lesen, um nur den genannten Inhalt zu erfassen. Beispiel gefällig?

    "Lena war nicht bereit, ihm auf dieses Terrain zu folgen, und bevorzugte es, die Amokläufe seiner dialektischen Erörterungen aus einer gewissen Distanz zu verfolgen, von genau jener Schwelle aus, an der der Verstand diesem Unsinn noch Einhalt gebot und seine Handlung, egal welche es gerade war, schlicht und unversehrt bloßlegte und in dieser Handlung zudem jene Logik erkennen ließ, durch die man jede einzelne Tat als einen bestimmten Punkt in einem Koordinatensystem hätte erfassen können, dessen x-Wert die Intensität der Gewalt und dessen Wert auf der Y-Achse wiederum die Kraft anzeigte, die Benito Suarez dazu trieb, sich immer weiter selbst zu verlieren und den respektablen, gebildeten und gesellschaftlich bestens integrierten Chirurgen zu zerstören, mitsamt seinem Haus in El Prado, dem blauen Studebaker und der unterwürfigen, vor lauter Enttäuschung immer weiteren Migräneanfällen zum Opfer fallenden Frau." ( S. 88)

    Meine Bewunderung für den versierten Umgang mit der Sprache wich nur zu bald schon einer wachsenden Frustration. Gemeinsam mit dem winzigen Schriftbild und der seitenweise lücken- und absatzlosen Darstellung geriet das Lesen zur bloßen Anstrengung, zu einem Waten durch einen Wortsumpf, der kein Ende erkennen ließ. Spätestens nach zehn Seiten hatte ich das Gefühl, schon stundenlang gelesen zu haben - es gab einfach kein Vorankommen. Moreno musste als Teil der Schriftstellergruppe um Gabriel Garcia Márquez sicherlich versuchen, sich gegen die männlichen Autoren durchzusetzen und zu beweisen, dass sie nicht weniger fabulierfreudig war als beispielsweise der Nobelpreisträger - aber tatsächlich empfand ich den Text in der Summe als kaum lesbar.

    Hinzu kommt, dass nicht nur die Sätze endlos verschachtelt sind, sondern auch der Roman als solcher. Wird in einem Nebensatz ein neuer Name erwähnt, so hastet der Erzählstrang gleich diesem Namen hinterher und stellt Lebenslauf, Familie und wichtige Begebenheiten im Leben der neuen Person vor, nur um diese dann gleich wieder links liegen zu lassen und sich neuen Personen zuzuwenden, bis man irgendwann wieder bei den eigentlichen Protagonsit:innen landet. Um überhaupt die Chance zu haben, da noch halbwegs den Überblick zu behalten, müsste man schon stammbaummäßig mitschreiben - auf Tapete, denn ein kleineres Papierformat würde da nicht ausreichen. Taucht eine Nebenfigur ein zweites Mal und viel später wieder auf, hatte ich oftmals keine Ahnung mehr, wer das gleich noch wieder war.

    Während das Hauptthema (Abrechnung mit der reichen Oberschicht Kolumbiens und die sexuelle Befreiung der Frau) im Grunde schon nach dem ersten Teil deutlich zu erkennen war, ließ es sich die Autorin nicht nehmen, dieses zentrale Thema mit einer endlosen Zahl anderer Themen zu flankieren. Religion, Schule, Psychologie, Darwin, Musik, Kunst, Erklärungsmodelle u.v.m. - auch hier hatte ich das Gefühl von Maßlosigkeit. Spätestens im dritten Teil gesellt sich zudem noch eine gehörige Portion Magischer Realismus hinzu. Da noch über Bedeutungsebenen nachzudenken, war mir definitiv nicht mehr möglich.

    Bei aller Anerkennung der sprachlichen Versiertheit der Autorin, der Wut, mit der sie gegen die als so selbstverständlich an den Tag gelegten Attitüden der benannten Gesellschaftsschicht angeht, der Mühe, mit der sich Moreno gegen ihre männlichen Kollegen durchzusetzen versuchte: ich bin einfach nur froh, dass ich den Roman nach der letzten Seite endlich zuklappen konnte. Wirklich schade...

    © Parden

  1. Eine Familiensage der besonderen Art

    Was mir bei dieser Neuentdeckung, bzw. Erstveröffentlichung direkt ins Auge gesprungen ist, dass es zwar viele bekannte, männliche Autoren aus dem Lateinamerikanischen Raum gibt, die Frauen hingegen rar sind. Nach dem ich das nun veröffentlichte Werk von Marvel Moreno " Im Dezember der Wind" aus dem Wagenbach Verlag, den ich übrigens sehr schätze, gelesen habe, denke ich, dass dies der Autorin ebenfalls bewusst war, als sie ihren Roman schrieb. Vielleicht erklärt dies auch ein wenig ihre Ansichten bezüglich der Männer. Hinzu kommt, dass sie ihre Handlung in einer Zeit angesiedelt die einige Jahre zurück liegt, und in Kolumbien spielte, ein Land wo die Stellung der Frau doch eine andere war als hier in Deutschland.

    Im Kern geht es um die jungen Frauen, später dann um die erwachsenen Frauen, Dora, Catalina, Beatriz und Lina, die in Barranquillas leben. Lina führt durch die Geschichte und erzählt, was sie und ihre Freundinnen erlebt haben. Sie kommen allesamt aus eher reichen Häusern, doch Probleme gibt es in allen. Vor allem Dora, Catalina und Beatriz sind gebeutelt, psychische Probleme und Gewalt und Verachtung seitens der Ehemänner stehen an der Tagesordnung. Die Männer selbst, haben oft ein schwieriges Verhältnis zur Mutter oder dem Vater gehabt, wurden entweder verwöhnt, in übermäßigen Ausmaßen oder wurden zu echten Kerlen erzogen, die sich an Gewalt nicht stören, im Gegenteil. Die Frauen bekommen zusätzlich noch den Druck seitens der Familien zu spüren, da eine Heirat in den reichen Kreisen nach bestimmten Prinzipien arrangiert werden musste. Die Frauen hatten sich nach außen zu fügen, das Ansehen aller zu wahren. Bei den Männer wurde eine Menge toleriert, Bordellbesuche waren an der Tagesordnung.

    Verwirrend machte das Ganze, weil von jeder dieser Frauen die gesamte Lebensgeschichte und auch die deren Verwandten mit einbezogen wurde. Es wurde eine enorme Anzahl an Personen aufgefahren, und ich verlor mich mehr als einmal in der gesamten Fülle.
    Man merkt schnell, dass das Verhalten der Männer hier angeprangert wird, natürlich nachvollziehbar, wenn man liest was diesen Frauen geschah, doch die vehemente Art und das immer gleiche Schema ermüden, fast ebenso wie die außerordentlich langen Sätze.

    Dennoch muss man wohl anerkennen, dass Moreno gute Gründe diesen Roman zu schreiben, und sich stellvertretend für alle Frauen aus dem lateinamerikanischen Raum auch mal über die Männer zu erheben.

  1. Sexuelle Unterdrückung in einer patriarchalischen Gesellschaft

    Feministisches, überaus opulentes Buch über die kolumbianische Elite, das mich am Ende überfordert zurücklässt

    Ein Roman mit einem malerischen Cover, einer kolorierten Zeichnung vom Ende des 19.Jahrhunderts, das leicht schwülstig und dekadent wirkt und so bleibt auch mein Eindruck, als ich das Buch endlich zuklappen kann. Nein, es hat mir keine Freude gemacht es zu lesen, obwohl ich mal wieder objektiv anerkennen muss, dass die Autorin schreiben kann. Aber es ist absolut 'nicht mein Ding'.

    Dieses Buch ist in jeglicher Hinsicht eine Herausforderung:

    Es gibt zwar Kapitel, aber keine Absätze, sondern seitenweise verschachtelte oder Bandwurmsätze. Doch wer bin ich, das zu kritisieren, wenn ich das z.B. bei Thomas Mann nicht tue, der auch dem parataktischen Satzbau frönt?! Immerhin: die Autorin kann es und man gewöhnt sich beim weiteren Lesen daran.

    Wir tauchen in eine ganz fremde Kultur ein, die alte dekadente Elitegesellschaft in Kolumbien, die auf die Conquistadores und ihre Nachfolger zurückgeht, Familien, denen Namen und Herkunft alles bedeuten und die in einem festgefügten patriarchalischen System leben. Die Männer scheinen allesamt Machos zu sein, die die Frauen sexuell dominieren und unterdrücken, für die Bordellbesuche normal sind, die aber andererseits einer verlogenen Ehrbarkeit anzuhängen scheinen. Sex, das rein Körperliche, spielt eine viel zu große Rolle. Nie ist von Liebe oder irgendeiner Gemeinsamkeit die Rede.

    Bis dahin klingt es noch einigermaßen lesbar, aber leider fordert die Autorin die Leser nicht nur mit schwierigen Sätzen, sondern überschüttet sie auch mit 'allen Themen dieser Welt' – z.B. ist da von Darwin und Freud die Rede. Doch schlimmer noch: es werden ständig neue Figuren eingeführt und ihre Lebensgeschichte quasi 'von der Wiege bis zur Bahre', von Anfang bis Ende erzählt, manchmal stark gerafft und immer weiter verzweigt in Nebengeschichten. Da kann es leicht passieren, dass der Leser den Überblick verliert. Als ob es nicht genug an Schwierigkeiten wären, kommen noch zeitliche Versprünge dazu, Rück- und Vorausblicke.

    Das Verhalten der Frauen scheint verschiedene Möglichkeiten darzustellen, mit den sexistischen Forderungen der Männer umzugehen. Diese halte ich für sehr einseitig dargestellt, vorwiegend negativ und so irrational denkend und handelnd, dass es unglaubwürdig wirkt.

    Mein Fazit:

    Man fühlt sich als Leser überschüttet, zugeschüttet von Personen, Lebensgeschichten, Sachverhalten, Theorien, etc. Ich habe den Eindruck, die Autorin hätte aus diesem einen Roman viele machen können. Das führt bei mir dazu, dass ich nicht mehr klar erkennen kann, was die Autorin sagen wollte.

    Dabei gibt es durchaus interessante Lebensgeschichten, eindringliche Bilder und auch ein großes Sprachvermögen kann man der Autorin nicht absprechen. Aber: weniger ist oft mehr. So sehe ich es auch hier. Dennoch wird auch dieser Roman seine Leser finden, die sich die Zeit nehmen, tief in dieses vielschichtige, aber zu überfüllte Buch einzutauchen.

  1. Überbordende Erzähllust

    Mein Lese-Eindruck:

    Der Roman ist streng gegliedert: drei Bücher, drei weise Frauen, drei Freundinnen und drei Zitate aus dem Alten Testament, die den Tenor des jeweiligen Kapitels vorgeben.

    Innerhalb dieser Struktur entfaltet sich eine überbordende Erzähllust und Fabulierfreude. Moreno stellt ihrem Leser eine wachsende und zum Schluss fast unüberschaubare Fülle von Personen vor, deren Geschichte sie in deren Familiengeschichte hinein zurückverfolgt und von deren Geschichte sich wieder andere Geschichten abästeln.
    Sie erzählt bizarre und teilweise absurde Vorkommnisse, die im Zwischenreich von Realität und Fiktion angesiedelt sind. Damit hält sie den staunenden Leser immer wieder in der Schwebe: ist das Erzählte glaubwürdig oder schon zu phantastisch, um in der Realität Bestand zu haben? Ein Beispiel: Verlässt der millionenschwere, aber liebeskranke Javier tatsächlich seine Fabriken, seine Häuser, seine Familie, seinen Country Club etc. und sucht auf den Weltmeeren, ähnlich dem Fliegenden Holländer, als zerzaustes Gespenst seine große Liebe? Oder ist es wahr, dass die vergewaltigte Donna Eulalia tatsächlich alle männlichen Haustiere abschlachten lässt und sogar das Vaterunser verbietet? Mit solchen und ähnlichen Geschichten aus der erzählerischen Wunderkammer errichtet Moreno eine ungeheuer pralle und farbenprächtige, wenngleich auch morbide Welt.

    Auch Morenos Figuren schweben zwischen Realität und Fiktion. Sie unterscheiden sich zwar untereinander und sie finden verschiedene Wege, mit dem Patriarchat bzw. Machismo umuzugehen, aber ihnen fehlt die innere Differenzierung. Sie wirken daher eher wie Typen, an denen Moreno ihre Auffassungen zum Patriarchat bzw. zum Feminismus u. a. durchkonjugiert und weniger als Individuen.
    Die Personen bewegen sich ausnahmslos in der unendlich reichen kolumbianischen Oberschicht, die ihre Herkunft und damit ihren Anspruch auf Überlegenheit auf die spanischen Konquistadoren gründet und die daher der europäischen Kultur aufgeschlossen und bewundernd gegenübersteht - und gleichzeitig andere Ethnien verachtet.
    Aus dieser Schicht stammen die Frauen des Romans, die sich mit der Grausamkeit des herrschenden Patriarchats auseinandersetzen und verschiedene Wege - nicht immer Lösungen! - finden. Das Frauenbild (ebenso das Männerbild) fand ich allerdings entschieden zu einseitig, weil Frauen auf ihre biologischen Bedingungen reduziert werden und Emanzipation allein in der sexuellen Befreiung bzw. Selbstbestimmtheit der Frau gesehen wird. Moreno ist offensichtlich der Auffassung, dass die freie Verfügung der Frau über ihren Körper und ihre Sexualität die Grundlage aller gesellschaftlichen Veränderungen ist. Darüber kann man natürlich streiten. Die Folge dieser Auffassung zeigt sich aber im Roman: Sexualität spielt eine wesentliche Rolle und ist bis zur Übersättigung allgegenwärtig.

    Alle Handlungsfäden laufen in der Figur der Lina zusammen, die ihre Freundinnen und Verwandten beobachtet und ihr Leben aus der Rückschau erzählt. Lina hat ihr Land verlassen, wohnt im Sehnsuchtsort Paris, sie ist krank, ihr Leben neigt sich. Und jetzt blickt sie auf das Erlebte zurück, vor allem auf die alltägliche Gewalt, wie sie sich in den Ehen zeigt. Bei diesem Rückblick achtet die Autorin deutlich darauf, immer Zeugen für die Erzählungen zu benennen, und dafür nimmt sie einige Umwege in Kauf. So ist es z. B. einmal eine der Freundinnen, die dem Arzt etwas erzählt, der erzählt es einem Angehörigen, der wiederum erzählt es seinem Bruder, der seiner Tochter - und die gibt die Geschichte dann schließlich an Lina weiter.
    Damit erreicht die Autorin einerseits Authentizität, das ist unbestritten, aber andererseits verschachtelt sie damit die Handlung zu einem dichten Komplex, in dem man als Leser den roten Faden suchen muss. Der sich dann oft hinter langwierigen theoretischen Auslassungen zur Psychologie, zum Feminismus und anderen Themen verstecken muss.

    Diese Liebe zur Verschachtelung zeigt sich auch in der Sprache. Morenos Sprachkunst ist beeindruckend. Ihr gelingen starke und beeindruckende Bilder, die in ihrer Vielschichtigkeit die Handlung vertiefen. Ihre Formulierungen sind oft bitterböse und reizen zum Lachen, das einem dann am Ende des Satzes wieder im Halse stecken bleibt.
    Morenos Sprache fließt wie ein breiter und nicht endender Fluss vor sich hin.
    ABER die Verschachtelung der Sätze, die überaus komplizierte hypotaktische Syntax und die damit zusammenhängenden unklaren Kohärenzen stauten meinen persönlichen Lesefluss immer wieder auf. Das Lesen wird zu einer konzentrierten Kraftanstrengung, und erst gegen Ende, wenn das Buch auch zunehmend elegischere Töne anschlägt, wird das Lesen leichter.

    Trotzdem: mir hat der Roman letzten Endes gut gefallen. Aus dem Buch spricht nicht nur eine große Freude am Erzählen, sondern auch eine leidenschaftliche Wut, mit der die Autorin mit ihrer Gesellschaftsschicht und ihrem Land abrechnet.