Schlangen im Garten

Buchseite und Rezensionen zu 'Schlangen im Garten' von Stefanie vor Schulte
4.15
4.2 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Schlangen im Garten"

Familie Mohn hat die Mutter verloren. Jetzt steht sie im Verdacht, die Trauerarbeit zu verschleppen. Das Leben muss doch weitergehen, sagen die Nachbarn, meint das Traueramt. Doch Vater Adam, die wütende Linne, der nach Hause zurückgekehrte Student Steve und Micha, der Jüngste, wollen nicht weitergehen. Sie möchten Johanne bewahren – nicht nur in ihren eigenen Erinnerungen, sondern in unzähligen Geschichten, die deren Leben so vielleicht gar nie geschrieben hat.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: Diogenes
EAN:9783257072174

Rezensionen zu "Schlangen im Garten"

  1. Ein poetisch geschriebener Roman, der sich empathisch mit dem Th

    Inhalt: Seitdem Johanne Mohn gestorben ist, ist für die Familie Mohn nichts mehr so, wie es mal war. Vater Adam ist schlichtweg überfordert mit der Situation, der jüngere Sohn Micha zieht sich in sich selbst zurück, die Tochter Linne beginnt, sich mit anderen Kindern zu prügeln, und der älteste Sohn Steve versucht irgendwie, die Familie durchzubringen. Erschwerend kommt hinzu, dass alle den Mitgliedern der Familie Mohn vorschreiben, wie diese zu trauern (oder besser: nicht zu trauern) haben. Doch dann treffen die Mohns auf drei Personen, die nicht unterschiedlicher sein könnten: einen schweigsamen Riesen, der auf dem Friedhof sitzt, eine Obdachlose, die einen Ball Gassi führt, und eine Handwerkerin, die Besonderes herstellt – Begegnungen, die das Leben der Mohns verändern werden.

    Persönliche Meinung: „Schlangen im Garten“ ist ein Gegenwartsroman von Stefanie vor Schulte. Erzählt wird der Roman hauptsächlich aus den personalen Erzählperspektiven von Adam, Linne, Micha und Steve (später treten noch weitere Erzählinstanzen/-situationen hinzu, die ich aber hier nicht spoilern möchte). Inhaltlich dreht sich der Roman um das Thema „Trauer“ und den Verlust eines geliebten Menschen: So werden in emphatischer Weise einerseits die Trauerrituale der Mohns ausgeführt, andererseits die individuellen Bewältigungsstrategien der einzelnen Familienmitglieder erzählt. In diesen Trauerprozess treten immer wieder weitere, empathielose Figuren ein, die den Mohns vorwerfen, sie würden falsch trauern. Besonders die Nachbarn der Mohns bombardieren diese mit (scheinbar) weisen Ratschlägen, obwohl sie die Mohns wenig bis gar nicht kennen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto stärker häufen sich phantastische Elemente, sodass die Handlung immer mehr in Richtung magischer Realismus tendiert. So entsteht bei „Schlangen im Garten“ ein schönes Wechselspiel zwischen erzählter Wirklichkeit und dem Wunderbaren, bei dem man letztlich nicht eindeutig zuordnen kann, was tatsächlich die erzählte Wirklichkeit und was das Wunderbare ist. Dadurch zieht sich eine latente Spannung durch die Handlung. Nicht alles wird innerhalb der Handlung von „Schlangen im Garten“ geklärt, vieles bleibt offen. Diese Offenheit des Romans passt aber sehr gut zu seinem Inhalt: Auch auf die im Roman aufgeworfene Frage, wie man „richtig“ trauert, kann es keine allgemeingültige Antwort geben; jede*r muss einen für sich passenden Weg finden. In diesem Sinne spiegelt sich die Offenheit der Frage nach dem „richtigen“ Trauern gewissermaßen im offenen Ende des Romans. Der Schreibstil von Stefanie vor Schulte ist sehr poetisch und metaphernreich, sodass man – obschon man ein Prosawerk liest – oft den Eindruck hat, Lyrik vor sich zu haben. Durch diesen lyrischen Ton entstehen während der Lektüre einige schöne und eindrückliche Bilder. Insgesamt ist „Schlangen im Garten“ ein poetisch geschriebener, z.T. surreale Bilder erzeugender Roman, der empathisch mit dem Thema „Trauer“ umgeht, allerdings auch Fragen offenlässt. Diese Offenheit hat mich aber weniger gestört, da sie zum Inhalt des Romans passte.

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  1. Trauerarbeit der ungewöhnlichen Art

    Familie Mohn hat einen geliebten Menschen verloren. Vater Adam, die Kinder Micha, Linne und Steve versuchen irgendwie damit zurecht zu kommen, dass ihre Mutter bzw. Ehefrau gestorben ist. Alle trauern auf unterschiedliche Art und Weise, versuchen trotz der großen Lücke irgendwie die Tage zu überstehen. Micha verliert sich in Traumwelten, Linne reagiert mit Wut, fällt in der Schule durch Gewalt auf. Der Vater befindet sich in einer Art apathischen Starre, ist den Alltagsanforderungen nicht mehr gewachsen, kündigt seine Arbeit. Der älteste Sohn Steve kümmert sich so gut es geht um den Haushalt, seinen Vater und die jüngeren Geschwister. Erlösung findet er nur in kurzen Momenten hoher Geschwindigkeit auf dem Skateboard.
    „Schlangen im Garten“ beginnt mit einer überraschenden, sehr skurrilen Szene, die mich sofort fasziniert, begeistert und neugierig auf den weiteren Verlauf gemacht hat. Familie Mohn verspeist Seite um Seite Johannes Tagebücher, ohne darin zu lesen. Es gehört zu ihrem täglichen gemeinsamen Ritual, das Papier in mundgerechte Stücke zu zerreißen, es zu Gerichten zu verarbeiten oder die Schnipsel auch mal pur zu verspeisen. Das Ende des „Projekts“ ist noch nicht absehbar, schließlich war Johanne eine ambitionierte Tagebuchschreiberin.
    Längst ist das Traueramt auf die Familie aufmerksam geworden, weil die Trauerarbeit der Familie Effizienz vermissen lässt. Eine Rückkehr zur Normalität soll rasch erreicht werden; Trauernde sind Störfaktoren innerhalb der Gesellschaft, laufen Gefahr zu Außenseitern zu werden. Doch die festgesetzten Maßnahmen des Traueramts laufen ins Leere, die Familie verhält sich eigensinnig und unkooperativ.

    Vor Schulte fängt sehr gut die Verlorenheit der einzelnen Familienmitglieder ein, zeigt, dass Trauern ein komplexer, individueller Prozess ist, der nicht eben mal nach zwei Wochen abgeschlossen ist. Sie findet starke Bilder für die Befindlichkeiten der Trauernden. Unterstützung im Trauerprozess kommt von unerwarteter Seite. Je weiter der Roman fortschreitet, umso mehr drängen sich phantastische Elemente in die Geschichte, die nicht immer leicht zu deuten sind. Gegen Ende hat die Autorin die einzelnen Mitglieder der Familie Mohn für mich zu stark aus dem Blick verloren. Ich mag das Buch sehr, es hat mich berührt und nachdenklich gemacht. Trotzdem empfand ich es als nicht ganz so rund wie „Junge mit schwarzem Hahn“. Stefanie vor Schulte hat eine sehr besondere Art Geschichten zu erzählen. Obwohl ihre Sätze sehr kurz sind, haben sie eine eigentümliche Strahlkraft und Poesie. Die märchenhaften, phantastischen und skurrilen Elemente gefallen mir ausgesprochen gut. Ich bin jetzt schon gespannt auf das nächste Buch der Autorin.

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  1. Gesellschaftskonforme Trauer

    Wie das ist, wenn plötzlich die Mutter stirbt, lässt Stefanie Höfler in ihrem Jugendroman "Der große schwarze Vogel" den 14-jährigen Ben erzählen. Fassungslos müssen er, sein sechsjähriger Bruder Krümel und ihr Pa miterleben, wie Sanitäter die Mutter nicht retten können. Ben erzählt von der Woche danach, von seinen Erinnerungen, beschreibt die unterschiedlichen Verarbeitungsstrategien der Zurückgebliebenen, aber auch die Hilfe von außen, so dass der sehr realistische Roman traurig, aber zugleich hoffnungsvoll ist.

    Im zweiten Roman von Stefanie vor Schulte ist die Ausgangslage ähnlich, denn auch die Familie Mohn mit dem zwanzigjährigen Steve, der zwölfjährigen Linne, dem elfjährigen Micha und dem Vater Adam in "Schlangen im Garten" ist mitten im Trauerprozess um die Mutter Johanne. Allerdings ecken sie mit ihrer Trauer an, gar zu lang, anders, undurchsichtig und heftig wirkt ihre Trauer auf die neugierige, unempathische, ungeduldige Umgebung. Linne mit ihrer Aggressivität und der introvertierte Micha stoßen in der Schule auf Ratlosigkeit, der resignierte, weltfremde Adam kündigt und einzig der nach Hause zurückgekehrte Student Steve hält ein Minimum an Ordnung aufrecht. Darf das sein? Herr B. Ginster, der Mann vom Traueramt, ist anderer Meinung und schickt eine erste Mahnung:

    "Über einen Zeitraum von drei Wochen finden sich fünf Beschwerden, die beim Traueramt eingegangen sind. […] Die Beschwerden legen den Verdacht nahe, es handele sich hier um verschleppte Trauerarbeit." (S. 58)

    Ungehöriges Trauern
    Mit Herrn Ginster kommt die Schlaflosigkeit. Die Mohns begreifen ihre Verfehlung nicht, wollen gar nicht weniger trauern und fürchten mehr als alles den Erinnerungsverlust. Doch das Traueramt stuft verschleppte Trauerarbeit als gefährlich ein:

    "Wer beim Trauern auffällt, richtet gesellschaftlichen Schaden an." (S. 76)

    Unterstützung von überraschender Seite
    Glücklicherweise tauchen nach und nach Menschen auf, die dank ihres eigenen Außenseitertums sehr viel mehr Einfühlungsvermögen mitbringen: Brassert, der einsame Schwänefütterer, die obdachlose Bille mit ihrem Einkaufswagen voller lichterfüllter Dinge und die junge Marlene mit dem künstlichen Bein. Sie stellen keine Forderungen, sondern sind einfach nur unverstellt da und während das Zuhause der Mohns langsam untergeht, erzählen sie fantastische Geschichten über Johanne.

    Fantastik als Stilmittel
    Spätestens mit dem Auftauchen von Herrn Ginster kippt die Romanhandlung ins Fantastische, ein literarischer Kunstgriff für das schwierige Thema Trauer, mit dem ich absolut nicht gerechnet hatte. Als gänzlich ungeübte Leserin in diesem Genre hat mich die Bild-, Symbol und Metaphernfülle zwar oft überfordert, trotzdem hatte ich fast immer das Gefühl, die Absicht dahinter mit dem Bauch zu erfassen. Nicht verstanden habe ich allerdings, warum die erfundenen Geschichten über Johanne der Familie helfen, wo sie doch die realen Erinnerungen gefährden könnten? Gleitet die Handlung anfangs sacht aus der Realität und hält die Grenzen zur Fiktion im Unscharfen, was mir sehr gut gefiel, wurde es mir am Ende doch etwas zu surreal. Besser hätte mir ein Schwenk zurück in die Realität gefallen. Und doch stimmen der innerfamiliäre Zusammenhalt und der Schlusssatz hoffnungsfroh:

    "Endlich ist der Sommer vorbei." (S. 239)

    Ein mutiger, experimenteller, gesellschaftskritischer Roman voller außergewöhnlicher Ideen zum Thema Tod und Trauer, ein lesenswerter Appell für Toleranz und gegen normiertes Verhalten.

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  1. Ein Sommer der Trauer

    Was bedeutet es für eine Familie, wenn die tragende Säule, die Mutter, vor ihrer Zeit stirbt? Wie kommt der Ehemann damit und in seiner neuen Rolle zurecht? Was löst die Trauer in den drei hinterlassenen Kindern (Steve ist 20, Linne 12 und Micha 11 Jahre alt) aus? Mit diesem ernsten Thema beschäftigt sich der neue Roman von Stefanie vor Schulte, die im vergangenen Jahr ihr Debüt „Junge mit schwarzem Hahn“ vorlegte, das mir mit seiner märchenhaft erzählten Heldengeschichte sehr gut gefallen hat.

    Familie Mohn wirkt tief in ihren Grundfesten erschüttert, kein Stein steht innerlich noch auf dem anderen, nachdem Mutter Johanne verstorben ist. In der bohrenden Verzweiflung droht der familiäre Zusammenhalt verloren zu gehen. Jeder Einzelne hat seine eigene Last zu tragen, reagiert völlig unterschiedlich auf den Verlust. Es eint sie das Bestreben, die Erinnerung an Johanne wach zu halten, sie nicht zu vergessen. Die Handlung wird in einem absolut kalten, dystopisch anmutenden Umfeld angesiedelt. Die Behörden haben einen so genannten Trauerbegleiter auf die Familie angesetzt. Ginster hat jedoch nicht die Aufgabe zu helfen, sondern zu beobachten; er soll herausfinden, ob sich die Familie während ihrer Trauerzeit korrekt verhält oder ob ein Fall von ‚verschleppter Trauerarbeit‘ vorliegt. Denn „wer beim Trauern auffällt, richtet gesellschaftlichen Schaden an.“ Auch die Nachbarn im Mehrfamilienhaus verhalten sich unglaublich argwöhnisch, neugierig und unempathisch.

    Vater Adam kündigt seine Arbeitsstelle und ist mit der Situation heillos überfordert. Wäre nicht der älteste Sohn Steve wieder nach Hause gekommen, um sich um das nötigste Alltägliche zu kümmern, würde die Familie auch äußerlich zusammenbrechen. Doch auch ihm spürt man die Überforderung an, auch er braucht kleine Fluchten, um sich abzureagieren. Nachts fährt er halsbrecherisch mit seinem Longboard durch die Straßen der Stadt. Micha indessen ist ein ruhiger Junge, ein sensibler Beobachter, der kein Ventil für seinen Schmerz finden kann. Er imaginiert treffende Bilder für seine Familienangehörigen, sieht ihr Leid und leidet doch selbst. Linne reagiert mit unbändig aggressiver Wut, weshalb sie regelmäßig im Büro des Rektors vorstellig werden muss. „So anders ist das Kind, das seit dem Tod der Mutter weder eine Träne vergossen noch in den schulischen Leistungen nachgelassen hat.“ (S. 17)

    Vor Schulte findet beeindruckende, facettenreiche Metaphern für den Trauerschmerz. „Sie frieren wie Eidechsen, und es mag sein, dass sie starr auf eine heilsame Wärme warten, die sie wieder lebendig werden lässt.“ (S.47) Darüber hinaus lässt sie den Blick weiter schweifen auf die Verlassenen, die Alten und Ausgestoßenen, auf Menschen, die sich an den Rändern unserer auf Kommerz ausgerichteten Gesellschaft befinden. Die Sozialkritik zieht sich deutlich sichtbar durch den Roman.

    Die Autorin schreibt das alles in ihrer unnachahmlichen Sprache, in die man wunderbar abtauchen kann. (Ich empfehle ausdrücklich die Leseprobe.) Vor Schulte verbindet die komplexe Gefühlswelt ihrer Protagonisten mit fantastischen, märchenhaften, skurrilen und surrealen Elementen. Die Welt wird undeutlich und verschwimmt zuweilen. Die Autorin nutzt eine ausdrucks- und bildgewaltige Symbolik. Die titelgebenden Schlangen sind nur ein Teil davon. Wer einen Zugang zur Fantastik hat, gerne literarische Rätsel löst und sich von Interpretationen herausfordern lässt, wird ein anspruchsvolles, gewinnbringendes Lektüreerlebnis haben. Ich persönlich tue mich damit zugegebenermaßen etwas schwer. Zum Glück hatte ich eine kompetente Lesegruppe an meiner Seite, die half, die gekonnten und vielschichtigen textualen Bedeutungen zu verstehen.

    Bei aller Tragik, die dieser Roman beschreibt, entwickeln sich zum Ende hin auch neue, hoffnungsvolle Perspektiven. Der heiße Sommer geht zu Ende. Flüchtige Begegnungen werden bedeutsam, Gemeinschaft hilft beim Heilungsprozess. Die Schlussszene ist berührend, in der kollektiv Erinnerungen rund um die Verstorbene geteilt werden. Ob es nun wahre Geschichten sind oder erfundene, spielt in diesem Roman keine Rolle. Von dieser Vorstellung, dass alles real und nachvollziehbar sein muss, sollte man sich beim Lesen von Stefanie vor Schultes Werken verabschieden. Nur dann kann man ihre originelle und innovative Prosa genießen.

    Wenn mir auch wie erwähnt teilweise der Zugang gefehlt hat, möchte ich diesen außergewöhnlichen Roman trotzdem herzlich weiterempfehlen. Es ist sicher kein Roman für jedermann, aber in seiner Art einzigartig. Tod und Trauer sind fester Bestandteil des menschlichen Lebens. Sie gehören nicht ausgeklammert, sondern thematisiert. Niemand, der trauert, sollte sich verstecken müssen. Die Auseinandersetzung mit weiteren Bereichen anderer sozialer Schieflagen gliedert sich dabei harmonisch in diesen Kontext ein. Es bedarf großen schriftstellerischen Könnens, solche sensiblen Themen in derart einprägsamer, poetischer Sprache auszudrücken. Das gilt es zu wertzuschätzen.

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  1. Genug getrauert!

    Wir leben in einer Gesellschaft, in der Themen wie Tod und Trauer gerne verdrängt werden. Sie sind unbequem und werden gerne im Alltag ausgeblendet. Das funktioniert nur so lange, bis es einen selbst trifft und durch den Verlust eines geliebten Menschen an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert wird. 

    In ihrem Roman "Schlangen im Garten" zeichnet die Autorin Stefanie vor Schulte ein Bild einer Gesellschaft, in der diese Abwesenheit von Tod und Trauer auf die Spitze getrieben wird. Wird die Trauerarbeit verschleppt, ruft dies das sogenannte Traueramt auf den Plan. Es enthält Informationen von allerlei Denunzianten, die es zuhauf gibt. Mechanismen massiver sozialer Kontrolle sorgen dafür, dass "übertriebene" und ausufernde Trauer ein Ende gesetzt wird. Ergänzt werden diese durch stasiartige Bespitzelungen von Trauerbeamten, die auf entsprechende trauernde Personen "angesetzt" werden. Das ist die Grundidee und Ausgangskonstellation des Romans. Die beinhaltete Gesellschaftskritik an einer Gesellschaft, die das Trauern verlernt hat, gefällt mir gut und trifft meines Erachtens einen wunden Punkt in einer ansonsten individualisierten und pluralisierten Gesellschaft. 

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Familie Mohn. Vater Adam und seine Kinder Linne, Micha und Steve betrauern den Verlust von Mutter Johanne. Woran sie gestorben ist, erfährt der Leser nicht. Wohl aber, dass sie bei allen eine riesige Lücke hinterlässt, die eine lähmende Wirkung hat. Nichts ist mehr wie zuvor. Vater und Kinder sehen sich außerstande, weiter zu funktionieren wie bisher. Das Umfeld erlebt sie als "unnütze" Gesellschaftsmitglieder, die in ihrer Trauer versinken und sich weigern, die nächsten Schritte im Leben zu gehen. Die wütende Linne, der in sich gekehrte Micha, der fürsorgliche Steve und deren Vater zunehmend in Alltagsangelegenheiten überforderte Adam: Sie alle können und wollen nicht akzeptieren, dass Johanne von ihnen gegangen ist. So essen sie täglich eine Portion von Johannes Tagebucheinträgen, um sich Erinnerungen an sie wortwörtlich einzuverleiben. 

    Sie alle begegnen Außenseitern des Lebens, die ihre je individuellen Geschichten von und mit Johanne zu erzählen haben. Dies schweißt sie zusammen. Selbst Herr Ginster in seiner Funktion als Trauerbeamter wird Teil dieser skurilen Gemeinschaft. Und dann gibt es noch wiederkehrende Begegnungen mit einer Schlange...

    Ich habe zuvor bereits sehr viele Bücher über Tod und Trauer gelesen, doch keines ist wie dieses. Vor Schultes' Idee ist außergewöhnlich und hat mich gleich zu Beginn schon sehr fasziniert. Die Skizze einer trauerunfähigen Gesellschaft hat fast etwas von einer düsteren Dystopie, von der wir gar nicht so weit entfernt sind. Das Buch habe ich regelrecht verschlungen. Vor Schulte's Sprachstil mit den kurzen und prägnanten Sätzen hat es mir sehr leicht gemacht. Wäre da nicht so viel Fantastik, deren genaue Bedeutung und Symbolik ich nicht immer in all ihren Facetten verstanden habe, wäre es für mich ein klares 5 Sterne Buch gewesen. Leider habe ich ein wenig Abstriche machen müssen, da das Buch mir am Ende zu fantasylastig war und mir die Rückbindung an das reale Geschehen in und rund um Familie Mohn am Ende zu kurz kam. Dennoch eine große Leseempfehlung für alle, die sich dem Thema Trauer mal auf etwas unkonventionellere Art und Weise öffnen möchten.

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  1. Ein fantastischer Roman über das Trauern

    Nachdem ich Anfang des Jahres das Märchen "Junge mit schwarzem Hahn"von Stefanie vor Schulte gelesen hatte, das mir sehr gut gefallen hat, freute ich mich auf ihren neuen Roman, der ungewöhnlich startet.
    "Zum Abendbrot isst er jetzt immer eine Seite aus dem Tagebuch seiner verstorbenen Frau. Er isst sie roh, und er tut es aus Liebe." (5)

    Seine Frau ist Johanne Mohn, wahrscheinlich an einer Krebserkrankung gestorben, Näheres erfahren wir zunächst nicht. Sie hinterlässt ihren Mann Adam, der seine Arbeit kündigt, sowie drei Kinder. Steve, der Älteste unterbricht sein Studium, zieht wieder nach Hause und kümmert sich um seine jüngeren Geschwister Micha (11) und Linne (12), da der Vater in seiner Trauer gefangen ist.
    "Was tust du bloß hier, denkt er oft. Wo doch Trauer ein Zimmer ist, das du gut kennst. Es hat ein Fenster, Tisch, Bett und Stuhl. Es ist gefüllt mit Leben, mit Langeweile, mit anderem. Aber eines Morgens ist es anders, und du setzt die Beine aus dem Bett auf den Boden und senkst deine Füße in stumpfes Schwarz, das durch deine Fußsohlen in dir emporwächst, und wenn du aufstehst, dauert jede Bewegung eine Ewigkeit, und willst du aus dem Fenster schauen, gibt es dort nichts mehr zu sehen, weil die Scheiben blind sind und Pech an ihnen herabrinnt." (25 f.)

    In sprachgewaltigen Bildern findet vor Schulte Worte für die Gefühle der Mohns, die jeden Abend Seiten der Tagebücher der Mutter essen, ohne sie zu lesen, weil Adam ihr versprochen hat, dass niemand sie lesen werde. Als wollten sie sich ihre Erinnerungen einverleiben, um sie nicht zu vergessen. Nur Linne stiehlt Papierfetzen, um sie heimlich zu lesen.
    Auch die Gegenstände vermissen die Mutter:
    "Und als wüssten die Gegenstände um den Verlust, löschen sie sich aus. Entgleiten ihren angestammten Plätzen, Perlen aus den Regalen."(6)

    Hat man nach dem Lesen des 1.Kapitels zunächst den Eindruck erneut in einer fantastischen Welt zu sein, entspricht in den folgenden Kapiteln das Setting unserer realen Welt: Die Kinder gehen zur Schule, es gibt ein Schwimmbad, eine Straßenbahn, nervige Nachbarn. Und doch schlängelt sich das Fantastische in die Handlung.
    Linne, die eine unbändige Wut in sich trägt und sich auf dem Schulhof prügelt, ihre Art mit der Trauer umzugehen, wird zum Direktor bestellt.
    Dort hängt ein alter Stich an der Wand, auf der eine Schlange zu sehen ist - eine Aspis-Viper, ein Lauerjäger - eine "Schlange im Garten". Über die Bedeutung des Schlangen-Motivs haben wir in der Leserunde ausführlich diskutiert.

    Steve sieht in allem Gesichter, genau wie die Mutter, sie lähmen ihn, so dass er in Situationen verharrt und nicht weitergehen kann.
    Micha empfindet sich selbst als Wasser, "auch tagsüber kann er die Brandung in sich hören. Dann siehst er sich selbst, als sei er nur eine zarte äußere Micha-Linie, die sein wahres Ich umrahmt, ein Wellenspiel, das Glitzern, darüber der Himmel." (8)

    Zu Beginn trauert jeder für sich allein, sind sie ohne die Mutter keine Einheit mehr. Ihre Nachbarn denunzieren sie aufgrund ihrer unmäßigen Trauer beim Traueramt, da sie nicht mehr in zum normalen Leben fähig sind.
    Herr Ginster, der Beamte vom Traueramt, tritt auf den Plan und beobachtet die Familie fortan wegen „verschleppter Trauerarbeit“. (58), den "wer beim Trauern auffällt, richtet gesellschaftlichen Schaden an. (76)
    Das fiktive Trauerarbeit offenbart vor Schultes Kritik an der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Kultur, der Trauer nur wenig Raum zu geben, möglichst schnell wieder zum alltäglichen Leben, zur Leistungsfähigkeit zurückzufinden.
    Auch die weiteren Figuren, die aus dieser Gesellschaft herausgefallen sind und mit der Familie in Kontakt treten, verdeutlichen diese Kritik. Da ist die obdachlose Dame mit Hund, der eigentlich ein Ball ist, die Figur des Herrn Brassert auf dem Friedhof, den die Kinder jeden Nachmittag besuchen und der seine eigene Art gefunden hat, mit seiner Trauer umzugeben. Jede der Mohns freundet sich mit einer weiteren Figur an und alle bilden sie im Verlauf des Romans eine skurrile Gemeinschaft, wobei das Fantastische allmählich die Überhand gewinnt.
    Am Ende hätte ich mir einen deutlicheren Rückbezug zur Realität gewünscht, doch insgesamt haben mich die originelle Art und Weise, wie vor Schulte vom Trauern erzählt, ihre ungewöhnlichen Bilder und die Motive, die sie verwendet, überzeugt.

    Klare Leseempfehlung!

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  1. 4
    01. Sep 2022 

    Eine trauernde Familie in der Kritik der Öffentlichkeit...

    Familie Mohn hat die Mutter verloren. Jetzt steht sie im Verdacht, die Trauerarbeit zu verschleppen. Das Leben muss doch weitergehen, sagen die Nachbarn, meint das Traueramt. Doch Vater Adam, die wütende Linne, der nach Hause zurückgekehrte Student Steve und Micha, der Jüngste, wollen nicht weitergehen. Sie möchten Johanne bewahren – nicht nur in ihren eigenen Erinnerungen, sondern in unzähligen Geschichten, die deren Leben so vielleicht gar nie geschrieben hat. (Klappentext)

    Erster Satz: "Zum Abendbrot isst er jetzt immer eine Seite aus dem Tagebuch seiner verstorbenen Frau."

    Adam hat seiner Frau versprochen, ihre Tagebücher nie zu lesen. Nun ist sie gestorben, und um das Versprechen zu halten und ihr trotzdem nahe zu sein, verleiben sich Adam und die drei Kinder Abend für Abend die Seiten der Tagebücher ein. Das ist immerhin ein Ritual, das die Familie als solche zusammenhält. Denn ansonsten fühlt sich jedes Familienmitglied sehr alleine in seiner Trauer. Und jede:r hat eine eigene Art, mit der Trauer umzugehen.

    Der jüngste Sohn Micha, der Leise, der droht darin unterzugehen, die Tochter Linne, die Wütende, die Ventile für ihre Wut sucht und sich zumindest im Schmerz noch spürt, der älteste Sohn Steve, der Fürsorgliche, der bereits studiert und nach dem Tod der Mutter zur Familie zurückgekehrt ist und der sich selbst zu vergessen droht, und der Witwer Adam, dessen drohende Depression verhindert, dass er die Kinder auch nur wahrnimmt.

    "Aber eines Morgens ist es anders, und du setzt die Beine aus dem Bett auf den Boden und senkst deine Füße in stumpfes Schwarz, das durch deine Fußsohlen in dir emporwächst, und wenn du aufstehst, dauert jede Bewegung eine Ewigkeit, und willst du aus dem Fenster schauen, gibt es dort nichts mehr zu sehen, weil die Scheiben blind sind und Pech an ihnen herabrinnt. (...) Du stolperst und fällst und rutschst aus und schaffst es doch noch an den Tisch oder in das Bett, aber das Schwarz saugt sich weiter in dir empor, als wärest du ein gottverdammter Schwamm. (...) und ganz selten, wenn es einen Moment gibt, in dem du glaubst, es hinausschaffen zu können und -schafffen zu wollen, tastest du dich an der Wand entlang zur Tür, aber die ist nicht mehr da." (S. 25 f.)

    Gerade der Beginn des Romans hat mich ungemein für die Erzählung eingenommen. Die Perspektiven wechseln, und so kommt der Leser / die Leserin mit jeder Art des Trauerns unmittelbar in Berührung - und berührend ist es: diese verzweifelte, nagende, aushöhlende Trauer, die Starre, Hilflosigkeit, Sehnsucht, Ohnmacht, ein Nicht-Wissen, wohin mit seinen Gefühlen. Doch wer den ersten Roman der Autorin kennt ("Junge mit schwarzem Hahn"), den wird es nicht verwundern, dass auch hier nach und nach skurrile und fantastische Anteile Einzug halten.

    Da wäre z.B. Herr Ginster, ein Mitarbeiter des Traueramtes, der auf die Familie Mohn angesetzt wird. Der Trauerprozess der Familie scheint auf der Stelle zu treten, eine gesellschaftliche Belastung, zumal der Vater deshalb einfach seine Arbeitsstelle gekündigt hat. Die Beschwerden der Nachbarn häufen sich, unerträglich, diese ewige Trauer. Das Auftreten des Herrn Ginster erinnert an die Methoden der Stasi, und auch die bespitzelnden und denunzierenden Nachbarn reihen sich in diese Gepflogenheiten ein. Doch das stärkt wider Erwarten den Zusammenhalt der Familie...

    Stefanie vor Schulte schreibt meist in kurzen Sätzen und in einem überaus bildhaften Schreibstil.

    "Ob die Dinge die Mutter wohl auch vermissen. Zwei Wochen nach ihrem Tod zerschellt die Teekanne. Später folgen hier und da Teller und Tassen. Ein besonders alter Pfefferstreuer, eine Vase mit Fadenglas. Dinge, die niemandem außer ihr etwas bedeutet haben, vielleicht nicht mal von anderen berührt worden sind. Und als wüssten diese Gegenstände von dem Verlust, löschen sie sich aus. Entgleiten ihren angestammten Plätzen, perlen aus den Regalen." (S. 6)

    Die kontinuierliche Zunahme der surrealen Szenen im Verlauf der Erzählung störte mich nicht, weil der Roman von starken Bildern lebt, und diese gehören dazu. Die Welt ist eben ver-rückt, wenn solch ein intensiver Prozess wie die Trauer um einen nahen Angehörigen durchlebt wird. Die von der Autorin gewählten Bilder haben oft auch einen Symbolcharakter. So taucht beispielsweise die titelgebende Schlange in verschiedenen Kontexten immer wieder auf, zuletzt als eine abgestreifte Schlangenhaut - ein Bild für einen Neubeginn, was mir sehr gefallen hat. Lediglich das Ende hätte ich mir anders gewünscht - da hätte ich es lieber gesehen, wenn der Bogen zurück zur Realität klarer gezogen worden wäre.

    Ein außergewöhnlicher und durchaus auch gesellschaftskritischer Roman, der surreale und fantastische Elemente als Stilmittel nutzt, um die Individualität von Trauer zu betonen, dessen Prozess eben seine Zeit braucht. Lesenswert!

    © Parden

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  1. Wenn Trauer nur noch ein Begriff ist

    In der Familie Mohn trauert jeder anders um die verstorbene Mutter Johanne. Der älteste Sohn Steve rauscht auf seinem Skateboard durch die Straßen, den kleineren Micha überfällt eine große Leere und Schwester Linne lässt ihrem Zorn durch Gewalt auf dem Schulhof freien Lauf. Familienvater Adam scheint überfordert, denn auch sein Herz ist seit dem Tode seiner Frau zerbrochen. Auf Unterstützung durch die Umgebung kann die Familie dabei nicht hoffen, denn diese reagiert zunehmend mit Unverständnis und Verärgerung. Als der Trauerbeamte Ginster sich der Familie annimmt, scheint deren Leben vollends aus den Fugen zu geraten...

    Vor gerade einmal einem Jahr überraschte Stefanie vor Schulte mit ihrem wunderbaren Debütroman "Junge mit schwarzem Hahn", führte die Leser:innen darin in eine düstere Märchenwelt und erhielt folgerichtig den Mara-Cassens-Preis für das beste deutschsprachige Debüt. So seltsam, so anders klang das im Vergleich zu anderen Werken der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

    Nun findet man diese Andersartigkeit zwar auch in ihrem jüngst erschienenen Nachfolgewerk "Schlangen im Garten", doch letztlich ist dieser Roman im Vergleich zum Debüt eine Enttäuschung. Dabei ist der Schreibstil durchaus ähnlich und auch thematisch lassen sich Parallelen zum "Jungen" finden. In beiden Werken setzt vor Schulte auf kurze, prägnante Sätze, auf Satzfragmente. In beiden Romanen geht es vorrangig um trauernde Kinder, die zu gesellschaftlichen Außenseitern werden. Und in beiden Büchern spielt die Tiersymbolik eine entscheidende Rolle. Was im Debüt noch der schwarze Hahn als treuer Begleiter des Protagonisten war, sind hier Schlangen, die die Familie abstrakt und konkret bedrohen. Eine weitere Gemeinsamkeit sind die fantastischen Elemente, die das Debüt durchweg durchziehen und in "Schlangen im Garten" erst nach und nach zum Einsatz kommen.

    Doch anders als im Vorgänger gelingt es Stefanie vor Schulte diesmal nur in Ansätzen, mit dieser dunklen Geschichte zu berühren. Der Hauptgrund ist die Figurenkonstruktion. Die Familie Mohn bleibt vage und versteckt sich hinter zahlreichen poetischen Vergleichen, die mir keinen Zugang zu ihr gewährten. Die Protagonist:innen lassen sich gar den Rang ablaufen von einigen der zahlreich auftretenden äußerst skurrilen Nebenfiguren. Die gelungenste unter ihnen ist wohl Bille, eine Obdachlose, die mit ihrem Einkaufswagen und einem fiktiven Hund durch die Straßen spaziert und sich ganz nebenbei als Retterin oder Schutzengel des Familienvaters Adam präsentiert.

    Nicht gefallen haben mir zudem die deutlich überzogenen Reaktionen aus dem Umfeld der Mohns. Wohl keiner von ihnen hat das Buch "Im Grunde gut" von Rutger Bregman gelesen, denn sie allesamt repräsentieren fast ausschließlich das Schlechte im Menschen. Zusammen mit den immer fantastischer und unrealistischer werdenden Handlungen sorgten sie dafür, dass ich im letzten Drittel des Romans das Gefühl bekam, die eigentliche Geschichte der Familie mit einhergehender Gesellschaftskritik entgleite der Autorin. Wenn von "Blutegelfrauen", "Beinfriedhöfen" und "Drachenausgrabungen" gesprochen wird, bleibt leider kaum noch Raum für Familie Mohn. Ihre Trauer schien nur noch ein Begriff zu sein, wurde nur noch behauptet, stand aber gar nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses.

    Auch sprachlich bleibt das Werk deutlich hinter dem "Jungen" zurück, die Dialoge sind zum Teil ärgerlich. "Seit wann hast du denn Schnurrbart, Steve!", fragt Nebenfigur Marlene in einer besonders schwachen Szene. "Angespannt und verklemmt wie zu Termin", heißt es an einer anderen Stelle. Da die Autorin in ihrem poetischen Stil ansonsten jedes Wort auf die Goldwaage legt, hätte ich hier doch etwas mehr Anspruch erwartet.

    Dennoch bietet auch "Schlangen im Garten" wirklich gute Momente, in denen die bekannten Fähigkeiten vor Schultes aufblitzen. So kramt Familienvater Adam in der wohl stärksten Szene des gesamten Romans in den Erinnerungen fremder Menschen, indem er die Habseligkeiten von Obdachlosen durchforstet und kehrt gleichermaßen befleckt wie gereinigt aus ihnen zurück. Und auch die Schlange erhält als Symbol im Finale eine überraschende und gelungene Bedeutung.

    So bleibt die Hoffnung, dass Stefanie vor Schulte in ihrem dritten Werk zur alten Klasse zurückfinden wird, denn das Potenzial ist ihr in nur einem Jahr natürlich nicht abhanden gekommen. Einsteiger:innen würde ich aber zweifellos eher "Junge mit schwarzem Hahn" empfehlen.

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  1. Skurrile Trauerarbeit?

    Gibt es ein ‚Richtig‘ bei der Art zu trauern? Dieses Thema behandelt Stefanie vor Schulte in ihrem neuen Roman ‚Schlangen im Garten‘.

    Wie geht eine Familie mit dem Verlust der Ehefrau, bzw. der Mutter von drei Kindern um? Offensichtlich hat da das Umfeld seine festen Vorstellungen, angefangen bei den Nachbarn, den Lehrern und – sehr interessant – das Traueramt! Diese schickt einen Mitarbeiter, Herrn Ginster, zum Beobachten, ob das Trauern auch ‚richtig‘ ablaufe.

    Ich litt mit bei der Hilflosigkeit der Familie (nach dem Motto ‚wenn’s dicke kommt, dann g’scheit‘!), regte mich über die Nachbarn auf, schmunzelte über einen feinen Humor und freute mich über die Versuche, den Verlust aufzuarbeiten.

    Anders als bei anderen Büchern über Trauer arbeitet diese Autorin mit skurrilen und fantastischen Elementen, so dass ich schon manchmal überlegen musste, ob das jetzt real ist oder nicht. (Manche Leser*innen werden damit auch bestimmt ihre Probleme haben!) Außerdem spielt Stefanie vor Schulte auch mit Sprache, verwendet zwischen jungen Menschen den inzwischen üblichen ‚WA-Slang‘. Wer also skeptisch gegenüber solchen Stilmitteln ist, dem rate ich von dieser Lektüre ab.

    Wäre aber schade, denn ihnen entginge damit ein Roman mit wunderschönen und berührenden Schilderungen, poetischer Sprache und ‚pickelharten‘ Wahrheiten - Narzissmus ist ebenso zu beobachten wie der Reifeprozess der Protagonisten! Ich war begeistert davon und gebe sehr überzeugt 5 Sterne!

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  1. 3
    29. Aug 2022 

    Fantastische Trauer?

    Ja, Trauer kann fantastisch sein. Und zwar nicht im Wortsinne von „super, spitze, mega“ für „fantastisch“ sondern im Sinne von „unwirklich, übernatürlich, märchenhaft“. Denn so sieht die Trauer der Familie Mohn im Roman „Schlangen im Garten“ von Stefanie vor Schulte aus, fantastisch.

    Johanne, die Mutter von Steve, Linne und Micha und Ehefrau von Adam ist gestorben. Als sei dieser Schicksalsschlag nicht schon schwer genug zetern nun die Menschen im Umfeld der Familie, diese solle doch langsam mal darüber hinwegkommen und weiter machen mit diesem Ding, das Leben heißt. Trauer bewegt sich innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Normen und wer nicht ins Bild passt stört. Denn Steve treibt auf seinem Longboard mit geschlossenen Augen durch die Stadt, Linne prügelt sich mit allem und jedem, Micha zieht sich gefährlich weit zurück und Adam bekommt die alltäglichsten Dinge nicht mehr auf die Reihe. Also kommt Post vom Traueramt und mit ihr Herr Ginster ins Leben der Familie. Er ist Trauerbeamter und dafür zuständig, dass die Familie doch nun bitte mal vorankomme in ihrem Trauerprozess. Alles bürokratisch korrekt, wie es sich gehört.

    Und mit Herrn Ginster ziehen ebenso immer mehr märchenhaft-fantastische Elemente in das Leben der Mohns ein und somit auch in das Schreiben von Stefanie vor Schulte. Im Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass die Trauer der Familie nur in der Fantastik dargestellt werden kann, denn Trauer ist etwas Unausprechliches. Das Leben in Trauer ist ver-rückt. So verrückt die Realität des Romangeschehens immer weiter in eine skurrile, surreale Fantasiewelt. Immer häufiger kommt es zu unrealistischen Ereignissen. Die Bilder, die dieses Stilmittel erschafft, sind besonders im Mittelteil unglaublich stark. Die Herangehensweise der Autorin an die Thematik erscheint geradezu frisch im Vergleich zu vielen anderen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte zum Thema Trauer. Aber sie schlägt wiederum auch in eine Kerbe, welche gerade in den letzten ca. fünf Jahren häufiger in der Literatur auftaucht: Trauer und Verlust mit Absurdität bis skurriler Komik zu begegnen. Man denke an „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber, „Barbara stirbt nicht“ von Alina Bronsky oder ähnliches. Das Besondere von vor Schultes Buch ist sicherlich die Fantastik.

    Leider sehe ich hier allerdings auch die größte Schwäche des Romans. Denn gerade im letzten Drittel verschwimmt nicht nur Realität mit Fantasie, das Fantastische verdrängt vollständig das Realistische. Unglaublich viele übernatürliche Dinge geschehen und man verliert beim Lesen fast den Überblick, was jetzt eigentlich geschieht. In die Realität finden wir nicht wieder zurück und treiben verschollen in der Mystik. Ohne zu viel zum Ende zu verraten, so hätte es mir doch besser gefallen, wenn wir uns zuletzt hätten wieder in einem realistischen Raum des Trauerprozesses wiederfinden können.

    Die Haupt- und Nebenfiguren waren durchaus interessant gezeichnet, auch wenn ich ihnen nur punktuell wirklich richtig nahe war und mit ihnen gefiebert habe. Auch dieser Kontakt zu den Figuren, welcher im Mittelteil besonders eng war, verlor sich zunehmend im letzten Drittel des Buches. Der Schreibstil der Autorin ist solide und findet passende Bilder und Beschreibungen für diesen unaussprechlichen Zustand nach dem Tod einer geliebten Person.

    Über zwei Drittel des Buches hinweg wähnte ich mich in einem sehr guten, wenn auch nicht grandiosen Werk zum Thema Trauerprozess bzw. Trauerbewältigung. Das letzte Drittel schoss dann meines Erachtens jedoch etwas zu weit übers Ziel hinaus und ließ mich eher unzufrieden zurück. Wenngleich „Schlangen im Garten“ für mich mit 3,5 Sternen „nur“ ein insgesamt (überdurchschnittlich) gutes Buch darstellt, kann ich es durchaus für eine unkonventionelle Lektüre zum Thema Trauer weiterempfehlen.

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  1. Nichts ist für immer...

    Da schlendert man spontan durch den Buchladen seines Vertrauens und entdeckt einen Roman, den man innerhalb eines Tages inhaliert. Was war das denn bitte?

    Hier geht es um Familie Mohn, die nicht mehr vollzählig ist, da die Mutter Johanne seit kurzem verstorben ist. Zurück bleiben die drei Kinder und ihr Mann Adam, die von ihrem Tod hart getroffen sind, es aber jeder für sich anders verarbeiten. Der eine reagiert mit Wut, der nächste mit verdrängen, nicht wahr haben wollen, nicht begreifen,...

    Frau vor Schulte schafft es durch ihren mystischen, märchenhaften Schreibstil dem Ganzen so ein bisschen den Schrecken zu nehmen. Das Leben ist leider mit Verlusten gepflastert und man muss sich auf Trauerphasen einstellen.

    Die Idee mit dem Traueramt hatte etwas enorm Skurriles an sich und dennoch könnte es vielleicht dem ein oder anderen helfen.

    Sprachlich ist dieser Roman einfach nur ein Genuss. Nicht wie eine fettige Sahnetorte, sondern eher wie zu viele Maccarones. Sie trösten die Seele und man kann beim Verzehr zwischendrin immer wieder innehalten.

    Fazit: Ein Roman, der in mir viel bewegt hat und mich geistig noch lange beschäftigen wird. Unbedingt Lesen und für gut befinden!

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  1. Wenn die Trauer deine Seele frisst...

    Dieses Buch habe ich sehr herbeigesehnt, da ich das Debüt der Autorin "Junge mit schwarzem Hahn" geliebt habe. Und auch dieser Titel ist eine Wucht.

    Adam, Micha, Linne und Steve verstehen die Welt nicht mehr. Ihre Mutter ist tot. Einfach weg. Einfach nicht mehr da. In ihrem Leben klafft nun eine Lücke. Wie geht man damit um? Kann man ohne Mutter leben? Hat das Leben noch einen Sinn?

    Ich habe schon sehr lange keinen Roman mehr gelesen, der mich emotional so abgeholt hat wie dieser hier. Wenn ich auch oft Tränen in den Augen hatte, so gab es auch ein paar heitere Szenen, dass ich beim Lesen nicht ganz im Strudel der Trauer abglitt.

    Stefanie vor Schulte gelingt es enorm gut anhand der Familie Mohn aufzuzeigen wie sehr Verlust und Trauer um einen geliebten Menschen jemanden aus der Bahn werfen und ein Leben komplett verändern können.

    Besonders gelungen fand ich, dass wie bei ihrem Erstling die Welt teils märchenhaft daherkommt, denn wenn die Emotionen zu viel werden, verlässt man gern auch mal die echte Welt, die zu schmerzhaft ist.

    Es wird sehr gut beleuchtet wie unterschiedlich jede Figur mit dem Verlust umgeht und Menschen, die bereits einen Verlust erlebt haben, erkennen sich hier wieder.

    Was mich am meisten fasziniert hat waren die Nachbarn und Bekannten, die sich aufzwingen, Ratschläge geben und endlich wollen, dass die Trauer ein Ende hat. Aber wer entscheidet wie lange das anhalten darf?

    Schockiert und fasziniert zugleich haben mich die Notizbücher und wie mit diesen Erinnerungen umgegangen wird. Erst ist da Ekel bei mir gewesen, aber mit der Zeit versteht man diesen Akt sehr gut.

    Fazit: Definitiv ein Lesehighlight im Jahr 2022. Das dürft ihr euch nicht entgehen lassen. Klare Leseempfehlung!

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