Das Leben ist manchmal woanders: Roman

Rezensionen zu "Das Leben ist manchmal woanders: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Mär 2018 

    Lebensbejahend und warmherzig...

    Judith und Achim sind seit nunmehr fast 30 Jahren verheiratet, und oft haben sie sich nur noch wenig zu sagen. Derzeit ist die Situation etwas angespannt, denn Marlene ist zu Besuch - Judiths Schwester, gemeinsam mit ihrem merkwürdigen Sohn: Gregor. 14 Jahre alt ist der, doch ist er einfach - anders...

    "Ein Kind. Ein pummeliges, linkisches, zu groß und zu breit geratenes Kind mit einem Faible für wild gemusterte Klamotten und einem Gehirn, das irgendwie anders tickte als der Rest der Welt." (S. 256)

    Gregor ist anstrengend, denn er reagiert nicht so, wie man es gewohnt ist. Wenn er sich aufregt, fängt er an zu schreien und sich im Kreis zu drehen, er kann nicht lügen - und auch die ungeschminkte Wahrheit kann wehtun - und er macht stets genau das, was ihm gerade in den Sinn kommt. Gregor liebt knallige Muster, versteht keine Ironie und kennt die Wetterdaten weltweit. Vor allem aber hat er seine ureigene, unbeirrbare Logik, die merkwürdig anmutet, sich dann jedoch oftmals als unbezwinglich herausstellt, wenn sich die erste Verblüffug gelegt hat.

    Dieser unbeholfene 14Jährige ist plötzlich auf Judith und Achim angewiesen, als seine Mutter von einem Auto angefahren wird und im Krankenhaus landet. Keine reizvolle Aufgabe für die beiden, da Gregors Art eine wirkliche Herausforderung darstellt. Doch ganz allmählich und fast unsichtbar bewirkt der Junge durch seine entwaffnende Direktheit eine Veränderung im ganzen Haus. Das Paar aber auch die Nachbarn öffnen sich zusehends, fangen an miteinander zu reden, sehen die Dinge nicht mehr so verkniffen und nehmen nicht länger alles als zwangsläufig gegeben hin. Gregor bringt ein wenig Farbe in das graue Einerlei - und das nicht nur durch seine schrillen Klamotten... Vielleicht muss das Leben eben nicht immer woanders stattfinden?

    "Das Leben ist eben manchmal woanders", erwiderte Gregor. "Und irgendwann kommt es dann auch zu Ihnen." (S. 215)

    Bei solchen Büchern besteht immer die Gefahr eines 'Zuviel'. Ein Zuviel an Rührseligkeit, ein Zuviel an Komik, ein Zuviel an Schrillheiten, ein Zuviel an moralinsauren Erkenntnissen oder - noch schlimmer - Appellen. So von wegen Toleranz und so. Doch in meinen Augen ist Ulrike Herwig dieser schwierige Balanceakt gelungen. Es gab hier keine kitschige Szene, die mich gestört hätte, kein überzogenes Drama, keinen erhobenen Zeigefinger. Dieser Roman bietet genau das, was ich von ihm erhofft hatte: eine lebensbejahende Erzählung mit einem Antihelden, der sich nicht nur klammheimlich in die Herzen der Nachbarn einschleicht, sondern auch in das des Lesers.

    Dieser flüssig zu lesende warmherzige Roman hat mich zum Lachen gebracht und mir ein paar Tränen entlockt, hat mich neugierig immer weiterlesen lassen und mich schließlich berührt und lächelnd zurückgelassen. Was soll ich da anderes sagen als: unbedingt lesen!

    © Parden