Winterjournal

Buchseite und Rezensionen zu 'Winterjournal' von Paul Auster
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Dies ist ein emotional mitreißendes, mit den ersten Zeilen packendes Buch: eine Lebensbeichte ganz aus der Warte des Körpers. Man kommt darin dem Schriftsteller Paul Auster sehr nahe, aber auch und vor allem dem Mann an der Schwelle zum Alter.
Paul Auster spricht aus, was seine Hand, seine Füße, seine Glieder im Verlauf eines langen Lebens getan haben. Er lässt seine Liebesbeziehungen Revue passieren: viele zunächst und dann – dreißig Jahre lang – nur noch die eine, große Liebe! Die Kinder, die Abtreibungen, die Krankheiten. Er spricht über die Begegnungen mit dem Tod: ein Sturz als Junge, eine Herzattacke, ein Autounfall. Über die Körperlichkeit auch, die unendliche Empfindlichkeit jenes physischen Systems, das uns am Leben erhält und über das wir so wenig nachdenken, solange es funktioniert. Alkohol, Zigarillos, Süchte – all die Versuchungen, dieses System auszutricksen, sich dem Verfall, dem Alltag zu entziehen.
«Winterjournal» ist eine Art Autobiographie, aber keine konventionelle, sondern höchste literarische Kunst: voll philosophischer Betrachtungen, poetischer Impressionen, intimer Einsichten.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: Rowohlt
EAN:9783498000875

Rezensionen zu "Winterjournal"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Aug 2018 

    Atypische Autobiografie

    Winterjournal ist eine überraschende, weil stilistisch unkonventionelle Autobiografie.

    Der 64jährige Auster blickt zurück und schildert Erinnerungen und Episoden aus seinem Leben. Dabei folgt er nicht wie üblich dem zeitlichen Ablauf. Erinnerungsfetzen, Gedanken und Anekdoten kommen fast zufällig daher, so als ob der Autor sie in der Reihenfolge ihres Auftauchens an die Oberfläche seines Bewusstseins in ein Tagebuch geschrieben hätte. Weil dabei fast immer ein Gedanke zum nächsten führt, sind die Erinnerungen thematisch verknüpft und erhalten so ihren roten Faden. Beispielsweise schildert Auster woher die Narben an seinem Körper stammen, welche Schwächen er hat, welche Frauen er geliebt hat, unter welchen Adressen er gewohnt hat und welche Erinnerungen er mit diesen Orten verbindet sowie welche Begegnungen mit dem Tod er hatte.

    Die präsentierten Lebenserinnerungen bleiben aufgrund der Darstellungsform notwendigerweise bruchstückhaft. Dem Leser wird keine vollständige Biografie und Selbstreflektion geboten. Die Lücken lassen vielmehr Raum, sich ein eigenes Bild von dem Menschen Paul Auster zu machen. Die ungewöhnliche Art der Schilderung regt zudem dazu an, sich mit dem eigenen Leben in ähnlicher Weise zu beschäftigen.

    Außergewöhnlich ist auch die Erzählweise. Auster schreibt nicht in der Ich-, sondern in der Du-Form. Es gibt keine Kapitel, sondern nur Absätze. Dadurch bekommt das Ganze den Charakter eines intimen Gesprächs, wobei nicht immer klar ist, ob Auster mit sich selbst oder mit dem Leser spricht.

    Für alle Auster-Fans, die sich fragen, wieviel Autobiografisches in den Werken des Autors steckt, ist das Buch ein Muss. In der gewohnten lockeren Art offenbart Auster nicht nur Daten und Fakten, sondern gewährt auch intime Einsichten. Am Ende hatte ich das Gefühl, dem Menschen Paul Auster sehr nahe gekommen zu sein.