Die Ehefrau: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Ehefrau: Roman' von Meg Wolitzer
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Joan Castleman hat ihrem Mann alles geopfert – sogar ihr Talent. Sie führt ein Leben in zweiter Reihe, ein Leben als Mutter und Muse. Sie ist die Frau des berühmten Schriftstellers Joe Castleman. Einst war er ihr Dozent für Kreatives Schreiben und sie seine begabteste Studentin. Ihm zuliebe hat sie ihre Karriere aufgegeben. Nun, Jahre später, steht Joe vor der Krönung der seinen: Ihm soll der renommierte Helsinki-Preis verliehen werden. Für Joan ist das der Anlass, während des langen Fluges zur Preisverleihung ihre Ehe zu rekapitulieren. Sie nimmt den Leser mit an den Anfang der Beziehung ins Amerika der Fünfzigerjahre – und führt ihn in die literarischen Zirkel der Achtzigerjahre. Vor allem aber hinterfragt sie ihre Rolle als Ehefrau, in der sie Joe hassen gelernt hat – nicht nur seiner zahlreichen Seitensprünge wegen. Die eigentliche Demütigung ist ganz anderer Natur …
Mit hintergründigem Witz entwickelt Meg Wolitzer die Psychologie einer zerrütteten Ehe mit einem meisterhaften Gespür für die Abgründe, die in ganz alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen liegen.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:270
EAN:

Rezensionen zu "Die Ehefrau: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Okt 2018 

    Jeder brauchte eine Ehefrau

    Joan ist die Ehefrau des erfolgreichen Schriftstellers Joe. Einstmals seine begabteste Schülerin in „Kreativem Schreiben“ hat sie sich nach ihrer Heirat komplett in den Dienst des Erfolgs von Joe gestellt und lebt ihr Leben in seinem Schatten als Ehefrau, Mutter und Muse.
    Im Flugzeug, auf dem Weg nach Helsinki, wo Joe eine seiner größten Ehrungen erhalten wird, trifft sie nach Jahrzehnten die Entscheidung, sich von Joe zu trennen und in Zukunft ihr eigenes Leben zu leben.
    Meg Wolitzer nimmt die Leser mit auf eine Rückschau auf Joans Leben an der Seite ihres Mannes von den 50ern in die 80er Jahre hinein. Der Leser lernt Joan als begabte und durchaus starke Frau kennen, die ihre Rolle als Ehefrau, so wie sie die Gesellschaft für sie vorgesehen hatte, erstaunlich klag- und fragenlos annimmt. Wolitzer gelingt es aber, den Leser und die Leserin sensibel hinter die Fassade dieser scheinbar so selbstverständlichen Rollenverteilung und Lebensgestaltung blicken zu lassen. So gelingt das Abbild einer alltäglichen und doch gleichzeitig auch abgründigen zwischenmenschlichen Beziehung, die in Helsinki ihr (verdientes) Ende findet.
    Der Leser/Die Leserin erkennt, dass Joes Leben ein einziges Scheitern wäre, wäre, da nicht Joan, die die Fäden spinnt und Grundlage der Erfolge ist. Oder ist sie sogar mehr als das? Diese Frage stellte ich mir als Leserin sehr schnell und bekam schließlich auch die erwartete Antwort (Aber hier nicht mehr, um nicht zu spoilern.).
    Erstaunlich ist die selbstverständliche eigene weibliche Zurücksetzung Joans in dieser Beziehung, die uns auch heute immer noch nicht ganz fremd sein dürfte. In den 50er Jahren aber noch eine weit größere Bedeutung und Verbreitung gehabt hat.
    „Er küsste und küsste mich und obwohl es schien, als wollte er mein Talent, meine Beobachtungsgabe, das, was auch immer ich in seinen Augen hatte, auflecken und verschlingen, hatte ich noch immer das Gefühl, er sei der Bedeutende von uns beiden und ich sei unvollständig.“
    Das ist von Wolitzer sehr gut beobachtet und mit Witz und Fingerspitzengefühl dargestellt. Mit scheinbarem Selbstbewusstsein lebt sich Joan in die Rolle der Ehefrau ein:
    „Ich war die Ehefrau … ich prüfte die Macht, die ihr innewohnt, auch wenn das vielen Leuten aus irgendwelchen Gründen entgeht. Ich gebe Ihnen folgenden Rat: Wenn Sie sich jemand Wichtigem annähern wollen, ist einer der besten Wege der, sich bei seiner Frau beliebt zu machen.“
    Sein Erfolg ist in dieser zwischenmenschlichen Rollenverteilung immer gleichbedeutend mit ihrem Erfolg. So einfach ist das.
    „Welche Erleichterung zu sehen, wie sich der Kegel des Scheinwerferlichts auf Joe richtete.“
    Und so ist die Rolle der Ehefrau in den Augen von Joan wirklich eine ungeheuer gewichtige:
    „Jeder brauchte eine Ehefrau; eigentlich brauchen selbst FRAUEN eine Ehefrau.“
    Ja, eigentlich. Aber mit dieser Erkenntnis entschließt sich Joan irgendwann dann doch, ihre All-Inclusive-Unterstützung für Joe aufzukündigen, d.h. die Ehe zu beenden. Eine überfällige aber wohl doch nicht zwangsläufige Entscheidung.
    Der Roman liefert eine „keineswegs verbitterte Bilanz männlicher Selbstüberschätzung und feministischer Versäumnisse“, so war im Stern über das Buch sehr treffend zu lesen.
    Ich habe mich beim Lesen amüsiert, geärgert, gefreut und vergebe für dieses Leseerlebnis dicke 4 Sterne.