Britt-Marie war hier: Roman

Rezensionen zu "Britt-Marie war hier: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Dez 2016 

    Wir sind Borg

    Britt-Marie hat immer gearbeitet, sie hat die Kinder ihres Mannes versorgt und ihm den Haushalt geführt. Irgendwie wollte sie auch mal eine Stelle annehmen, aber das Zuhause war dann doch wichtiger. Aber nun will sie es wagen, Britt-Marie sucht eine Anstellung. Pünktlich zu ihrem Termin geht sie zum Arbeitsamt. Dort soll sie sich registrieren lassen und Auskunft geben über ihre Fähigkeiten. Es endet damit, dass ihre Bearbeiterin mit den kurzen Haaren, ihr einen Job vermittelt in einem Ort, aus dem so viele fortgegangen sind, dass er kaum noch existiert. Und so kommt Britt-Marie nach Borg, obwohl sie nicht gerne verreist.

    Wieder hat Fredrik Backman mit Britt-Marie eine Persönlichkeit geschaffen, der man es erst nach einer Weile anmerkt, dass sie eigentlich sehr liebenswert ist. Sie wird schon mal „Meckerziege“ genannt und mit ihrem Putzfimmel kann sie auch nicht bei jedem Punkten. Allerdings kam sich Britt-Marie schon als Kind wie die falsche Tochter vor. Und wenn sie schon nicht schön und richtig war, so wollte sie es doch wenigstens schön und richtig machen. So gut ausdrücken kann sie sich damit allerdings nicht. Ihr Ehemann Kent hat das einfach so hingenommen und sich von ihr versorgen lassen. Doch die Kinder sind schon lange aus dem Haus und Kent ist auch alt genug, um für sich selbst zu sorgen. Also könnte Britt-Marie doch auch mal an sich selber denken. Der Job in dem vor der Schließung stehenden Jugendzentrum von Borg entwickelt sich allerdings ganz anders als Britt-Marie erwartet hat. Macht nichts, sie macht erstmal sauber.

    Die nervt doch, mit ihrer rechthaberischen und etwas altjüngferlichen Art, denkt man am Anfang und bedauert die Mitarbeiterin des Arbeitsamtes, die sich mit ihr abgeben muss. Doch man gewinnt Respekt vor Britt-Marie, die in dem Job klarkommt, den es eigentlich nicht gibt. Wie sie das ganze Dorf aufmischt, hat schon was. Wenn sie wieder mal daherkommt als hätte sie einen Stock verschluckt, möchte man die Augen verdrehen vor so viel Steifheit. Doch meist schmunzelt man im nächsten Moment, wenn ihre Aufgabe annimmt und den Dorfbewohnern zu einigen Einsichten verhilft und den Kindern zu ihrer Fussballmannschaft. Witzig und komisch, klug und warmherzig wirbelt Britt-Marie durch Borg. Dabei wächst sie besonders auch in den tragischen Momenten über sich selbst hinaus und bleibt sich dennoch treu. Außerdem - wer einen ordentlichen Besteckkasten hat, kann schließlich kein schlechter Mensch sein.

    4,5 Sterne

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Aug 2016 

    Spüre! Träume! Lebe!

    Britt-Marie ist eine notorische Meckerziege, pedantisch und zwanghaft und eine Ordnungsfanatikerin. Das Fensterputzmittel Faxin und Großpackungen mit Natron sind ihr ganzes Leben - alles um sie herum ist auf Hochglanz poliert. Ständig richtet sie ihre Haare und streift vermeintliche Flusen von ihrem Rock - und versucht es allen recht zu machen. Allen voran ihrem Mann Kent, mit dem sie seit über vierzig Jahren verheiratet ist. Doch nun hat sie ihn verlassen.

    Da, wo ihr Ehering saß, ziert jetzt ein weißer Streifen ihren Finger. Und mit ihren über sechzig Jahren geht Britt-Marie nun zum Arbeitsamt und meldet sich arbeitssuchend. Die junge Mitarbeiterin macht ihr wenig Hoffnung, doch da kennt sie Britt-Marie schlecht. Mit einer Hartnäckigkeit sondergleichen kontaktiert sie die junge Frau vom Arbeitsamt, so dass diese schon aus Gründen des Selbstschutzes schließlich ein verzweifeltes Angebot macht. In Borg, einem winzigen Dorf, in dem es fast nichts gibt und das Aufregendste die Straße ist, die hinein und wieder hinaus führt, gibt es eine auf drei Wochen befristete Stelle des Hausmeisters eines Jugendzentrums, das eher aus Versehen noch nicht geschlossen wurde. Und zur großen Überraschung der Dame vom Arbeitsamt nimmt Britt-Marie die Stelle an...

    Mit aller Ernsthaftigkeit taucht Britt-Marie mit ihrem Gepäck, ihren Balkonpflanzen und reichlich Putzmitteln im Kofferraum in Borg auf und muss feststellen, dass es außer dem fast geschlossenen Jugendzentrum und einer Pizzeria mit einem Parkplatz, auf dem die Kinder Fußball spielen, im Grunde nichts mehr gibt in dem Dorf. In Zeiten der Finanzkrise ist alles den Bach runter gegangen, die Läden geschlossen, der Fußballplatz verkauft, und fast vor jedem Haus steht ein bereits vergilbtes Schild: 'Zu verkaufen'. Niemand hat mehr Arbeit, die Jungen sind längst fortgezogen, nur die Alten und die Kinder sind noch geblieben, ohne Perspektive.

    Es würde zu weit führen, hier noch mehr ins Detail zu gehen. Es sei nur so viel verraten: die Geschichte lebt nicht nur von der Skurrilität und Einzigartigkeit Britt-Maries, sondern auch von vielen anderen Menschen, die Britt-Marie im Verlaufe der Erzählung begegnen, und die oftmals ebenso sonderbar und eigenartig sind. Aber wer die Bücher Fredrik Backmans kennt, der weiß, dass es nicht bei den komischen Elementen bleibt. Ist es so, dass Britt-Maries Verhalten beim Leser anfangs zu Belächeln und Kopfschütteln führt, bekommt die raue Schale der sozial so inkompetenten Frau zunehmend Risse, und man erhascht Blicke auf das, was sie wirklich bewegt - und was sie zu dem gemacht hat, was sie nun ist.

    "Ihr Spiegelbild gehört jemand anderem, jemandem, in dessen Gesicht die Winter ihre Fußabdrücke hinterlassen haben. Die Winter waren immer die schlimmste Zeit (...) Es ist die Stille, mit der Britt-Marie kämpft, die sie aushalten muss, denn in der Stille weiß man nicht, ob jemand weiß, dass es einen gibt..." (S. 117)

    Wortkarg, konfliktscheu und liebenswert - so zeichnet Fredrik Backman einmal mehr seine Charaktere. Und beherrscht dabei bis zur Perfektion die Kunst der Balance zwischen Lachen und Weinen. So viele schöne Sätze finden sich da, meist, wie gewohnt, in einem eher nüchternen Schreibstil - und selten habe ich solch ein Buch gelesen, wo Lachen und Weinen so nah beisammen lagen und ständig gegenseitig um die Vorherrschaft kämpften. Mit einem noch nicht versiegten Grinsen stiegen Tränen in die Augen und unter Tränen musste ich auch schon wieder herzhaft lachen. So eine schöne Mischung. Ich liebe Backmans Bücher!

    Eine warmherzige Geschichte, witzig erzählt mit durchaus nachdenklichen Tönen - und eine große Hymne auf das Recht, man selbst zu sein, seine Träume zu finden, sein Leben zu leben. Ein einfühlsames, stellenweise melancholisches und zugleich ungeheuer komisches Buch voller überraschender Begegnungen und Wendungen. Ein Buch, das berührt, zum Nachdenken anregt und auf eine besondere Weise wunderbar lustig ist.

    Mit anderen Worten: nur zu empfehlen!

    © Parden