Der Kastanienmann: Thriller

Rezensionen zu "Der Kastanienmann: Thriller"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Feb 2020 

    Püppchen

    Naia Thulin hält nicht viel von ihrem Kollegen Msrk Hess. Er wurde an Europol entliehen und nun zeitweilig zurückgeschickt. Unter Polizisten ist es eher unrühmlich, geschickt zu werden. Als Ermittler ist er innovativ, aber auch zerstreut und sein Verhalten ist auch nicht gerade als teamfähig zu beschreiben. Thulin wird das schon aushalten, sie steht vor der nächsten Stufe auf der Karriereleiter. Nur noch dieser eine Fall der getöteten Mutter, der eine Hand abgeschnitten wurde. Eine Mutter, die mit ihrem Sohn und ihrem Lebensgefährten ein zumindest nach außen hin ein zufriedenes Leben führte.

    An diesem Buch kommt man kaum vorbei. Allenthalben wird es gelobt. Am Anfang kann man das nicht ganz nachvollziehen, doch je länger man liest, desto mehr ist man gefesselt. Mit Naia Thulin und Mark Hess werden zwei starke Charaktere zu einem Team zusammengewürfelt. Am Beginn harmonieren sie nicht gerade, da scheint jeder seinen eigenen Fall zu verfolgen. Doch irgendwie ergänzen sich die Ansätze doch. Mark Hess ist ein getriebener, dessen Hintergrund auf den ersten Blick nur aus Leere besteht. Naias kleine Tochter bemängelt, dass ihr Stammbaum nur aus drei Bildern besteht: Großvater, Naia und sie. Naja, wenn die Haustiere mitgezählt werden, sind es fünf.

    Gleichzeitig ein Schocker und ein intelligent konstruierter Kriminalroman. Da passt zunächst nichts zusammen, eine Frau, die grundlos getötet wird. Und gerade als sich eine Lösung andeutet, geschieht ein weiterer Mord, der wieder nicht passt. Und was hat das Ganze mit der Tochter der Politikerin zu tun? Das Mädchen wurde vor einem Jahr entführt und getötet. Warum nur, wurde bei dem Opfer eine kleine Figur aus Kastanien gefunden? Nach und nach ist es, als habe man eine kalte Hand im Nacken. Unbedingt muss man weiterlesen, um herauszufinden, was es mit den Kastanienpüppchen auf sich hat. Abgründe tun sich auf, in die man eigentlich nicht schauen möchte. Und doch schaut man und man schaut. Und am Ende weiß man, wer der Kastanienmann ist und man fragt sich, ob für Thulin und Hess noch weitere Fälle zu lösen sind.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Jan 2020 

    Ein echtes Lesevergnügen!

    Ein hervorragender Thriller!
    Interessant, packend, überraschend, schlüssig und zum Nachdenken anregend.

    Thulin und Hess vom Morddezernat in Kopenhagen suchen den Täter von Serienmorden an Frauen, der am Tatort Kastanienmännchen zurücklässt.
    Sie werden schnell auf eine falsche Fährte geführt.
    Aber ihre Hartnäckigkeit lohnt sich:
    Sie entdecken Verbindungen zur Sozialministerin, zur Entführung ihrer Tochter ein Jahr zuvor, zu weiteren Verbrechen und zu Ereignissen in der Vergangenheit und ermitteln schließlich den wahren Täter, der sicherlich nicht und keinesfalls entschuldigt werden kann, dessen Entwicklung, mörderische Wut und Tat aber in gewisser Weise nachvollzogen werden können.

    Dieser raffiniert und komplex komponierte Thriller ist nicht nur außerordentlich spannend, sondern auch tief berührend und zum Nachdenken anregend.
    Er richtet das Augenmerk auf brisante soziale Themen: Gewalt gegenüber Kindern, Eingreifen und Verantwortlichkeit des Staates, Versorgung und Unterbringung von Waisen in Heimen oder Pflegefamilien.

    Daneben werden psychologische Aspekte fokussiert:
    Welche Entwicklungen können derart geschädigte Menschen nehmen?
    Hier wird natürlich die kriminelle Entwicklung fokussiert.
    Das liegt in der Natur der Dinge; sonst wäre der Roman ja kein Thriller.
    Aber auch die psychische Erkrankung wird als Folge glaubhaft dargestellt und es gibt natürlich die Möglichkeit der Kompensation durch individuelle Resilienz und ausgleichende positive Erfahrungen.

    Darüber hinaus wird, hier am Beispiel der bereits oben kurz erwähnten Sozialministerin, auch die Frage nach der moralischen Schuld von Kindern aufgeworfen.
    Denn diese vermeintliche Schuld bringt hier im Roman alles ins Rollen.
    Wie ein angestoßener Dominostein, der zwangsläufig eine Kaskade von Entwicklungen und Ereignissen zur Folge hat.

    Absolute Leseempfehlung für Thrillerfans oder solche, die es werden wollen!

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Nov 2019 

    Längen und Lücken

    Vor einem Jahr wurde die Kristina, die Tochter der dänischen Sozialministerin Rosa Hartung entführt. Der Täter wurde verhaftet und verurteilt, doch ihre Leiche konnte nie gefunden werden. Jetzt ein Jahr später wird eine Frau grausam ermordet auf einem Spielplatz in Kopenhagen gefunden. Bei ihrer Leiche findet sich ein Kastanienmännchen, das Kristinas Fingerabdruck trägt. Kommissarin Naia Thulin und ihr Partner Hess stehen vor einem Rätsel, das mit weiteren Morden immer größer zu werden droht.
    Søren Sveistrup ist der Autor des dänischen Thrillers „Der Kastanienmann“ Das Krimi- und Thrillergenre ist Sveistrup nicht fremd, hat er doch die Drehbücher zu der Fernsehserie „Kommissarin Lund“ geschrieben. Auch in dem vorliegenden Thriller ist seine Handschrift erkennbar. Es gibt nicht nur eine unerklärliche Mordserie, sondern auch immer wieder Ausflüge in die dänische Politik.
    Sveistrup verknüpft den aktuellen Fall mit zwei Verbrechen aus der jüngeren und ferneren Vergangenheit. Als Leser ist man den Ermittlern gegenüber im Vorteil, weil wir aufgrund des Prologes einen Zusammenhang zwischen einem 30 Jahre zurückliegenden Verbrechen an einer Familie mit den heutigen Ereignissen in Verbindung bringen können. Die Ermittlerin Thulin, die zwar viel lieber beim Cybercrime arbeiten möchte als beim Mordermittlerteam, macht aber nicht mal Anstalten, irgendwelche Abfragen zu ähnlichen Fällen zu machen. Mark Hess, ihr zwangsläufig zugeteilter Partner, wurde bei Europol geschasst und nach Kopenhagen zurückbeordert. Der Typ „mit seinem halb lässigen Straßenjungen-Look erinnert … an irgendeinen Schauspieler“. Damit hatte der Kerl das Gesicht von David Tennant für mich, ein positiver Nebeneffekt.
    Der Thriller leidet über einige Zeit an Längen und Lücken. Es ist ein solide gemachter, nach der Hälfte durchaus spannender (weenn man solange durchhält) aber wenig origineller Thriller mit dem üblichen Gemetzel eines rach- und geltungssüchtigen Mörders. Die Auflösung kam dann auch nicht ganz überraschend.
    Im Match Lund vs. Thulin gewinnt Lund haushoch.

  1. 4
    (4 von 5 *)
     - 05. Sep 2019 

    Das Geheimnis des Kastanienmanns

    Als Drehbuchautor schon bekannt, legt Søren Sveistrup mit „Der Kastanienmann“ nun auch sein Thrillerdebüt vor. In Deutschland ist dieser in Dänemark als Bestseller gefeierte, 608-seitige Roman im August 2019 bei Goldmann erschienen.
    Ich habe dieses Jahr schon mehrere Krimis oder Thriller aus dem Norden mit dem Prädikat „Bestseller“ gelesen – und war doch eher enttäuscht. Nicht so jedoch bei diesem Buch.
    Naia Thulin und ihr neuer Kollege Mark Hess, der gerade von Europol „freigestellt“ wurde, werden an einem unwirtlichen Herbstabend in Kopenhagen zu einem verstörenden Tatort gerufen. Das Opfer ist eine junge Frau, die auf brutale Art ermordet wurde; über ihr hängt ein kleines Kastanienmännlein. Zurück lässt sie Kind und Lebensgefährten. Die Ermittler/innen tappen im Dunkeln, scheint es sich hier doch um eine fast perfekte Familie gehandelt zu haben. Dann aber finden sie auf einer Kastanie den Fingerabdruck von der vor einem Jahr entführten und vermeintlich ermordeten Kristine, Tochter der dänischen Sozialministerin. Als auch noch weitere Morde geschehen nach demselben Muster, werden langsam Zusammenhänge klar, die zurück in die Vergangenheit führen.
    Der Thriller beginnt spannend und sehr düster mit einer Reise in die Vergangenheit. Auf einem abgelegenen Gehöft kommt es zu einem Familiendrama, bei der fast alle Mitglieder und sogar ein Polizist ums Leben kommen. Dieser Abschnitt ist atmosphärisch dicht, bedrückend und sehr plastisch beschrieben, sodass man von dem Drama gleich gefangen ist. Hier werden schon das erste Mal die Kastaniemännchen erwähnt, die Leserinnen und Lesern dann auch in der Gegenwart begegnen und sie den ganzen Thriller hindurch begleiten. Der Titel des Buches ist eben Programm.
    Auch die Leichenfunde und die Ermittlungsarbeiten im weiteren Verlauf sind sehr packend und eindrücklich zu lesen, warten mit verschiedenen Motiven und Verdächtigen, überraschenden Wendungen und einer unerwarteten Auflösung des Falls auf, die aber dennoch absolut logisch und verständlich erscheint. Am Ende wird auch die Geschichte der Täter/innen erzählt, sodass man ihr Motiv gut nachvollziehen kann.
    In diesem Hauptteil des Romans zeigt Sveistrup, dass er sein Handwerk versteht. Natürlich ist der Thriller mit 600 Seiten recht lang, recht ausführlich wird auch auf Hess‘ Geschichte eingegangen, was streckenweise vom eigentlich Geschehen ablenkt und für eine gewisse Langatmigkeit sorgt, aber insgesamt dominieren eindeutig das Rätselhafte und Dunkle. So lässt einen die Geschichte während des Lesens nicht mehr los. Auch wenn mir von Anfang an klar war, das es einen Bezug zum einleitenden Kapitel gibt, habe ich doch sehr lange gerätselt, wer denn nun der Mörder ist und was es mit den Figuren auf sich hat – und war am Ende wirklich überrascht.
    Doch nicht nur die Brutalität und das Finstere sind typisch nordisch, sondern auch die Figuren selbst, die detailliert dargestellt sind. Dieses gilt insbesondere für Kommissar Mark Hess, denn ebenfalls in ihm schlummert ein Geheimnis, das sein Leben beeinflusst und ihn zu einem unsteten Charakter macht.
    Faszinierend finde ich an skandinavischen Thrillern und Krimis (im weitesten Sinne) immer wieder das Gesellschaftsbild, welches diese transportieren. Gilt insbesondere bei uns in Deutschland diese europäische Region als die gerechteste und lebenswerteste, vermittelt die dortige Literatur doch oft ein anderes Bild. So werden auch in diesem Buch – eingebettet in das Romangeschehen selbstverständlich – eine Gesellschaft und eine Politik präsentiert, in denen keinesfalls alles Gold ist, was glänzt.
    Alles in allem hat Søren Sveistrup mit „Der Kastanienmann“ einen Thriller geschrieben, der zwar einige Längen hat, der jedoch trotzdem dramatisch von Anfang bis Ende ist und Leserinnen und Leser in seinen Bann zieht. Ich persönlich würde mich freuen, noch mehr von ihm zu lesen.