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Rezension Rezension (5/5*) zu Der dritte Mann von Graham Greene.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Literaturhexle, 7. Dezember 2017.

  1. Literaturhexle

    Literaturhexle Bekanntes Mitglied

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    Klassiker der Nachkriegsliteratur in besonderer Aufmachung

    Entstanden ist diese Erzählung unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg. Wie aus dem Vorwort zu erfahren ist, handelte es sich um die Geschichte zu einem geplanten Film, der letztlich 1949 von Carol Reed gedreht werden sollte. Dem Autor erschien es unmöglich, ein bloßes Drehbuch ohne zugrunde liegende Erzählung zu schreiben.

    Was uns hier vorliegt, ist eine wunderschön gebundene Buchausgabe der Edition Büchergilde: Geheimnisvoll schon der Einband mit einem Mann ohne Gesicht. Das Buch steckt in einem „Schieber“ aus Karton, der, sobald man ihn entfernt, drei männliche Schatten freilegt. Bereits das Vorsatzpapier ist mit zahlreichen Zeichnungen bedruckt, die in die Wiener Nachkriegszeit führen: Lebensmittel-, Brennstoff-, Identitätskarten, Geldscheine und anderes mehr. Durch den gesamten Band wird der Leser von den Tuschezeichnungen der Künstlerin Annika Siems begleitet, denen man anmerkt, dass sich die Malerin intensiv mit der Geschichte und auch mit dem Film auseinander gesetzt hat. Sie fängt wesentliche Bilder und Stimmungen haarscharf ein, schafft Atmosphäre, lehnt sich an die Filmvorlage an, ohne diese jedoch zu kopieren. Zwangsläufig wird man an eine Graphic Novel erinnert, der Text ist aber vollständig abgedruckt und die Bilder bilden nur Rahmen und Begleitung. Für mich ist diese Ausgabe des Dritten Mannes eines der schönsten Bücher in meinem Regal.

    Rollo Martins kommt aus London ins zerstörte und in vier Besatzungszonen aufgeteilte Wien gereist, um eine Aufgabe für seinen alten Schulfreund Harry Lime zu übernehmen. Dort angekommen muss er feststellen, dass jener bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Hinzu kommt, dass ein Colonel Calloway behauptet, Lime sei wichtiger Teil einer hochkriminellen Schieberbande gewesen. Das kann Martins nicht glauben und verspricht, die Unschuld seines Freundes zu beweisen.
    In Folge lernt man nach und nach einige Personen kennen, in deren Umfeld Lime gelebt hat. Es gibt die Freundin Anna Koch, den Arzt Dr. Winkler, die Freunde Kurtz und Cooler. Schnell wird klar, dass es bezüglich des tödlichen Unfalls unterschiedliche Zeugenaussagen gibt. Was am Anfang noch unwichtig erscheint, bekommt spätestens dann Tragweite, als ein Nachbar aus dem Fenster heraus einen „dritten Mann“ gesehen haben will, der den tödlich Verletzten mit ins Haus hinein getragen hat. Kurz nach dieser Aussage wird er kaltblütig ermordet. Die übrigen Zeugen hatten lediglich zwei Männer beobachtet… Irgendetwas scheint da faul zu sein: War es etwa gar kein Unfall, sondern ein Mord? Oder lebt Lime am Ende noch?

    Der Leser begleitet die Ermittlungen von Rollo Martins, der von Colonel Calloway unterstützt wird. Letzterer ist auch der Ich-Erzähler, der weite Teile der Handlung aus seiner Sicht berichtet, was dem Ganzen einen besonderen Charme verleiht. In den Plot werden wunderbare, zum Teil humorige Nebenhandlungen eingebaut. So wird Gelegenheitsschreiber Martins (Pseudonym: Buck Dexter) gleich zu Beginn mit dem berühmten Autor Benjamin Dexter verwechselt, was ihm einerseits ein gutes Hotelzimmer beschert, andererseits aber auch Verpflichtungen mit sich bringt, die ihn überfordern.
    Die Erzählung hat eine wunderbare Sprache. Man findet sehr nachdenkliche Passagen (z.B. Seite 164: „Das Böse war wie Peter Pan – es brachte die schreckliche und erschreckende Gabe ewiger Jugend mit sich.“, ausdrucksstarke Metaphern (z.B. Seite 72: „ Die glatte Wand der Täuschung hatte seinen rastlosen Fingern bisher keinen echten Riss offenbart.“) oder auch lustige Momente (z.B. Seite 152: „Seine enthusiastische Stimme – wenn man nur diesen Enthusiasmus noch für eine Routinearbeit aufbringen könnte; wie viele Gelegenheiten, blitzartige Einsichten entgehen einem schlicht, weil eine Arbeit bloß noch eine Arbeit ist – vibrierte durch die Leitung.“).

    Der Text ist niemals eintönig oder langweilig, sondern fesselt von Anfang bis Ende. Vieles findet im Dunkeln statt. Wie es in guten Filmen dieses Genres üblich ist, wird der spannende Showdown nicht fehlen und der Leser wird am Ende mit der Auflösung des Falles belohnt. Rollo Martins wird seine Freundschaft zu Harry Lime im Zuge der Ereignisse neu bewerten müssen. Vielleicht findet Martins auch ein neues privates Glück? Letzteres bleibt offen, aber wie in einem guten Film die letzte Szene lässt in diesem Buch das letzte Bild die Hoffnung darauf aufkeimen.

    Ein ganz besonderes Stück Nachkriegsliteratur in einer besonderen Ausgabe der Edition Büchergilde mit zahlreichen künstlerischen Bildern versehen: Sowohl Geschichte und Handlung als eben auch die äußere Erscheinung des Buches haben mich restlos überzeugt und zu einem neuen Fan der Verlagsgenossenschaft Büchergilde Gutenberg gemacht.


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