Vertraute Welt: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Vertraute Welt: Roman' von Hwang Sok-yong
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Vertraute Welt: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
Verlag:
EAN:9783958903036

Rezensionen zu "Vertraute Welt: Roman"

  1. Die dunklen Seiten Südkoreas

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Okt 2021 

    Als der 13-jährige Glupschaug zusammen mit seiner Mutter die Slums in der Nähe Seouls verlässt, um sich zur "Blumeninsel" aufzumachen, weiß er noch nicht, was die beiden dort erwartet: eine überdimensionierte Müllkippe, auf der sie fortan als Arbeiter unter der Anleitung des "Barons" eingesetzt werden. Eine unerträgliche Situation, die für Glupschaug vor allem dadurch leichter wird, dass er sich mit Glatzfleck, dem zehnjährigen Sohn des Barons anfreundet. Gemeinsam müssen sich die beiden beweisen, in dieser von Erwachsenen dominierten Welt des Schmutzes...

    Hwang Sok-Yong zeichnet in "Vertraute Welt", im koreanischen Original bereits 2011 erschienen, das düstere Bild einer Wegwerfgesellschaft zu Beginn der 1980er-Jahre, das noch immer erschreckend aktuell wirkt. In knappen, lakonischen Sätzen, lässt Hwang von Beginn an keinen Zweifel daran, wem seine Sympathien gelten: den Armen und Schwachen, den von der Gesellschaft Ausgestoßenen und Weggeworfenen. Und natürlich den Kindern, denn Protagonist Glupschaug ist mit großem Abstand die wichtigste Figur. Wenn ich mich recht erinnere, gibt es keine einzige Szene, die ohne ihn auskommt.

    Ganz wunderbar gelingt es dem Autoren, die Empathie für Glupschaug und Glatzfleck auf die Leser:innen zu übertragen. Das führte so weit, dass ich in ständiger Sorge um den kleinen Glatzfleck war und überall Gefahren witterte, wo häufig gar keine waren. Der Schreibstil wirkt dabei ein wenig aus der Zeit gefallen, vielleicht gar altmodisch, was mich aber nicht störte. Gerade in den Dialogen der Kinder fühlte ich mich manchmal an diese alten wunderbaren DEFA-Filme erinnert, wo die jungen Darsteller ihre Beiträge auch häufig einmal mit dem Ausruf "Mensch..." einleiteten.

    Insbesondere das erste Drittel des Romans hat mir in diesem Zusammenhang sehr gut gefallen. Sensibel und mit dem nötigen Ernst schildert Hwang die sich leise anbahnende Freundschaft zwischen Glupschaug und Glatzfleck, die später und aufgrund des Verhältnisses zwischen Glatzflecks Vater, dem Baron, und Glupschaugs Mutter sogar zu einer brüderlichen Beziehung wird.

    Leider kann der Roman diese Intensität nicht über die vollen gut 200 Seiten bewahren. Gerade mit der Zunahme von metaphysischen Erscheinungen und geisterhaften Gestalten kam ich nicht so gut zurecht, da der Roman zu Beginn doch auf eine harte Realität setzt. Das mag aber auch mit der fernöstlichen Literatur allgemein zusammenhängen, wo Geisterwesen wohl des Öfteren eine größere Rolle spielen.

    Auch das Ende überzeugte mich nicht vollends. Ohne zu viel zu verraten, passiert etwas so Drastisches, über das in meinen Augen einfach zu schnell hinweg gegangen wird. Auch innere Konflikte werden in der Folge dieses Ereignisses nicht austariert.

    Leichte Kritikpunkte an einem insgesamt aber überzeugenden Roman über die dunklen Seiten Südkoreas, der gleichermaßen aufrüttelt wie berührt.

  1. Ein knappes aber wichtiges Buch

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Aug 2021 

    Als Inhaber eines Second Hand-Shops mit integriertem Buchladen, war mir dieses Buch ein besonderes Anliegen. Ein kritischer Blick auf unsere Wegwerfgesellschaft kann nie schaden.

    Mittlerweile kennt wohl jeder die Bilder von gigantischen Müllhalden, auf denen sich Menschen Behausungen gebaut haben, und in von der Restbevölkerung vergessenen Kolonien die frischen Abfälle durchkämmen um überleben zu können. Kolonien von der Gesellschaft Ausgestoßener.

    Als Leser begleiten wir den 13-jährigen „Glupschaug“ und seine alleinerziehende Mutter in ihrem neuen Zuhause mit dem wundervollen Namen „Blumeninsel“. Die Blumeninsel ist eine riesige Müllhalde auf der die Bewohner vom Sortieren bzw. Verkauf von Müll leben. Auch als Bewohner von Müllhalden muss man sich einer gewissen Hackordnung unterwerfen. Chef der Kolonie ist „Der Baron“. Der Baron wird zum Unverständnis von Glupschaug zum Geliebten seiner Mutter, sein leiblicher Vater fristet sein Leben in diversen Gefängnissen bzw. Umerziehungslagern. Doch die Liaison seiner Mutter mit dem Chef der Kolonie bringt Glupschaug auch Vorteile. Freie Zeiteinteilung ist beispielsweise solch ein Vorteil. Gemeinsam mit seinem Freund „Glatzfleck“, dem Sohn des Barons, verbringt er seine freie Zeit und erkundet die Welt der Blumeninsel.

    Ein Roman der in vielen Dingen zu harmlos wirkt. Die sonderbaren Namen der Bewohner der Müllhalde sorgen für einen gedanklichen Abstand zur Realität. Die Namen entschärfen den Alltag auf der Müllhalde, der durch ein Leben mit Dreck, Ungeziefer und verdorbenen Essen geprägt ist.

    Ein Roman auf den man sich einlassen muss. Man muss sich die Zeit nehmen und selbst in die Haut der Bewohner schlupfen, nur dann ist es einem möglich einen Eindruck über die unfassbaren Lebensbedingungen zu schaffen. Wem dies gelingt, wird durch einen atmosphärisch dichten Roman belohnt.

    Die Geschichte spielt in einem Berghang-Slum in der Millionenstadt Seoul, könnte aber mittlerweile in vielen, vielen anderen Ländern dieser Erde spielen. Der Autor hat sich für einen trockenen Erzählstil entschieden, der aber absolut passend zu der Geschichte ist.

    Ein mit 200 Seiten recht knappes Buch für solch ein weltumfassendes Thema, aber ein unheimlich wichtiges. Ein Buch, dass den eigenen Horizont erweitert.