Spitzweg

Buchseite und Rezensionen zu 'Spitzweg' von Eckhart Nickel
3.35
3.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Spitzweg"

»Ich habe mir nie viel aus Kunst gemacht.« Als zufriedener Kunstbanause offenbart sich der Erzähler zu Beginn und berichtet davon, wie Carl, bewunderter Freund, ihn mit seiner Spitzweg-Begeisterung vom Gegenteil überzeugt. In der Mitte des Geschehens: eine Dreiecksbeziehung, ein hochbegabtes Mädchen und der verräterische Diebstahl eines Gemäldes. Durch raffinierte Rachepläne wird die Schülerfreundschaft auf ihre schwerste Probe gestellt. Eckhart Nickel erzählt wie in »Hysteria« die Geschichte einer Obsession: War darin von der Natur nur noch künstliche Reproduktion übrig, wird nun die Kunst zur zweiten Natur des Menschen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: Piper
EAN:9783492071437

Rezensionen zu "Spitzweg"

  1. 3
    08. Okt 2022 

    Nichts für Ungeduldige...

    Als zufriedener Kunstbanause offenbart sich der Erzähler zu Beginn und berichtet davon, wie Carl, bewunderter Freund, ihn mit seiner Spitzweg-Begeisterung vom Gegenteil überzeugt. In der Mitte des Geschehens: eine Dreiecksbeziehung, ein hochbegabtes Mädchen und der verräterische Diebstahl eines Gemäldes. Durch raffinierte Rachepläne wird die Schülerfreundschaft auf ihre schwerste Probe gestellt. (Klappentext)

    Zufriedener Kunstbanause - das war der Ausdruck im Klappentext, der mich einfing. Denn, ehrlich gesagt, als solchen sehe ich mich durchaus auch. Und wenn der Ich-Erzähler durch seinen Freund vom Gegenteil überzeugt werden kann, weshalb nicht auch ich? Und der Biedermeier-Maler Carl Spitzweg, immerhin, sagt mir etwas, als Vielleserin sind mir vor allem seine Werke "Der Bücherwurm" sowie "Der arme Poet" ein Begriff. Denen begegnet man hier im Roman jedoch nicht.

    Vordergründig geht es um drei Abiturient:innen, die hier ihr kleines Abenteuer erleben und damit die Erzählung zu einem Bildungsroman machen. Ich bevorzuge diesen Ausdruck anstelle des modernen "coming of age", weil auch dieser Roman mit atavistischen Begriffen nur so gespickt ist (alabaster, Mumpitz, Wonne), wie auch die gesamte Sprache sehr altertümlich wirkt, obwohl die Handlung in der Gegenwart angesiedelt zu sein scheint.

    Handlung? Nun ja, davon gibt es hier ehrlich gesagt nur wenig. Im Kunstunterricht reagiert die Lehrerin auf das Selbstportrait der einzig talentierten Schülerin mit der zweifelhaften Bemerkung vom "Mut zur Hässlichkeit". Kirsten, so der Name der Schülerin, verlässt daraufhin den Klassenraum. Der namenlose Ich-Erzähler als "Fehlpate" von Kirsten packt zum Stundenende hin ihre Sachen, der neue Mitschüler Carl eignet sich besagtes Selbstportrait an und fordert den Ich-Erzähler auf, ihm zu folgen.

    „Kirsten schluckte in die unmittelbar eingetretene Stille hinein. Nach einer ins Unerträgliche gedehnten Pause, in der alle wie gelähmt auf sie starrten, stand sie auf und rannte mit vor die Augen geschlagenen Händen nach hinten aus dem Kunstraum in das steinerne Treppenhaus.“

    Daraus entspinnt sich die gesamte Geschichte, die einen "Rachelplan" Carls verfolgt, der aber nur im Ansatz umgesetzt wird, bevor Kirsten eine eigene Dynamik ins Geschehen bringt. Die, die zum Schein verschwinden sollte, um der Kunstlehrerin einen Denkzettel zu verpassen, verschwindet schließlich tatsächlich, als sie in Carls Geheimversteck ihr eigenes Selbstportrait entdeckt. Die beiden Jungen begeben sich auf die Suche nach ihr...

    Alle drei Jugendliche wirken auf ihre Art wie aus der Zeit gefallen. Kirsten lebt in einem eigenartigen Elternhaus, gestaltet ganz nach den Bedürfnissen der Mutter, die auf alles Künstliche allergisch reagiert. Der Ich-Erzähler ist ein Eigenbrötler, der sich nach dem Besonderen in all der Normalität um sich her sehnt und sich ständig in Gedanken und Detailbetrachtungen verliert, dabei aber seine Beobachtungsgabe überaus geschärft hat. Und Carl, der kunstverständige Neue in der Klasse, scheint glatt einem Bild von Spitzweg entsprungen zu sein: "Der Hagestolz" (der im Übrigen auch das Cover ziert).

    Carl erweist sich als Liebhaber des Schönen. Er hat eine Nische im Haus zu einem geheimen Kunstversteck ausgebaut, und neben reinen Düften, kleinen Leckereien und klassischer Musik frönt er dort seiner Leidenschaft für die Kunst. Wie der Hagestolz von Spitzweg ist Carl ein Einzelgänger, der sein Wissen über Kunst und Musik freigiebig teilt und dabei zumindest den Ich-Erzähler zunehmend mit seiner Begeisterung anstecken kann.

    „Was mich am meisten beeindruckte, war der unvergleichlich angenehme Geruch des Raums, der offensichtlich keinerlei Fenster besaß. Es war eine Mischung aus Holz und kaltem süßlichen Weihrauch, die nach Honig, Wald, Tabak und Zeder zugleich duftete (…).“

    Der Roman feiert nicht nur die Liebe zur Kunst, sondern auch die zur Sprache. Schöne Sprachbilder, zahllose zitatwürdige Sätze, ein Schwelgen in altertümlichen Begriffen. Alles Dinge, die mich sehr ansprechen. Allerdings strapaziert Eckhart Nickel dabei auch die Geduld des Lesers / der Leserin. Wer nicht wie Carl oder der Ich-Erzähler die Liebe zum auch noch so kleinsten Detail teilt, der muss hier Durchhaltevermögen beweisen. Manche der Szenen wirken so, als hätten sie dem Autor als Übungsaufgabe gedient, um durch genaueste Beobachtung und die Schilderung auch wirklich jeder Kleinigkeit ein vollkommenes Bild im Kopf des Lesers / der Leserin entstehen zu lassen. Ich persönlich empfand das auf Dauer doch als recht anstrengend.

    Überhaupt ist die Erzählung alles andere als geradlinig. Ständig wird die sowieso schon minimalistische Handlung unterbrochen durch Reflexionen über gänzlich andere Themen sowie essayhaft anmutende und dozierend vorgetragene Ausführungen über einzelne Kunstwerke oder damit zusammenhängende Bereiche, so dass der Roman letztlich eher eine Aneinanderreihung von nur bedingt zusammenhängenden Szenen ist denn eine kongruente Handlungsabfolge. Auch das empfand ich oftmals als Herausforderung. Definitiv nichts für Ungeduldige.

    Was nun die Bedeutungsebene des Romans anbelangt - da bin ich raus. Sowohl eine eventuelle Bedeutung der Kunst(betrachtung) hinsichtlich des Erwachsenwerdens der drei Jugendlichen als auch eine möglichereweise implizierte Gesellschaftskritik der Moderne, beides erschloss sich mir nicht.

    In jedem Fall ist die Erzählung dazu geeignet, das eigene Beobachungsverhalten zu schärfen - nimmt man hier seitenlang beschriebene Kunstwerke hinzu und betrachtet diese gleichzeitig zum Lesevorgang, so wird man Details und Interpretationsmöglichkeiten entdecken, die einem ansonsten vermutlich verborgen bleiben.

    Handlungsarm aber sprachgewaltig und voller detailreicher Bilder, vermittelt der Roman ein intellektuelles Sehnsuchtsdenken. In jedem Fall ein eigenwilliges Leseerlebnis.

    © Parden

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  1. Alles durchdacht, das Uninteressante interessant

    Der Schüler Carl trägt altmodische Sockenhalter und kredenzt seinen Freunden in seinem dekadenten kleinen ‘Kunstversteck’ Madeira, After Eight und Edelzigaretten. Er hält mäandernde Monologe über Kunst, Musik und Literatur, wirft mit Zitaten und cleveren Anspielungen nur so um sich und pflegt eine blasierte pseudo-bescheidene Herablassung.

    Lange fiel es mir schwer, den Roman zu ‘verzeitlichen’, da Carl in seinem ekzentrischen Habitus genauso gut vor 150 Jahren hätte leben können – tatsächlich befinden wir uns indes im 21. Jahrhundert. Hier wird jugendliche Rebellion quasi umgedreht, und das hat augenzwinkernd-amüsante Momente: Rückkehr zum Biedermeier statt provokanter Kleidung oder Piercings.

    Die verschämte Anbetung des Erzählers eines selbsterklärten Kunstbanausen, der das Gefühl hat, bei soviel weltgewandter Bildung gar nicht mithalten zu können, ist Carl gewiss und wird von ihm gönnerhaft anerkannt. Mehr als einmal nennt er den Erzähler »mein Schüler, mein Geschöpf«, wenn der etwas Kluges von sich gegeben hat, und beansprucht den vermeintlichen Verdienst so für sich. Komplettiert wird diese seltsame, ungleichgewichtige Freundschaft durch die Mitschülerin Kirsten, eine überaus begabte Künstlerin, die von der Kunstlehrerin durch ein doppeldeutiges Lob bloßgestellt wurde: Kirstens Selbstporträt sei gelungen und zeuge von einem »Mut zur Hässlichkeit«. Autsch.

    Ein Affront, findet Carl, dieser »Schlachtruf der Unbarmherzigkeit« schreie nach Rache. Kurzerhand ersinnt er einen Plan, ohne Kirsten erstmal zu fragen, ob die das überhaupt will. Geht es hier überhaupt um sie, oder ist dies nur eine weitere Gelegenheit für Carl, seine Intelligenz und seine gepflegte Überlegenheit zu demonstrieren?

    Nach kurzem Widerstand willigt Kirsten ein ihren Selbstmord vorzutäuschen, indem sie ins Kunstversteck ‘verschwindet’ und nur ein von ihr angefertigtes Gemälde hinterlässt: eine zum Selbstbildnis abgewandelte Kopie des berühmten Gemäldes ‘Ophelia’ von John Everett Millais, das Hamlets tragische Geliebte zeigt, wie sie vor ihrem Ertrinken im Fluss treibt. Sicherlich wird die Kunstlehrerin nur einen Blick darauf werfen, sofort die Bedeutung erkennen und von Schuldgefühlen überwältigt werden! (Angemerkt sei, dass Kirsten solch ein meisterhaftes Gemälde anscheinend in wahrer Rekordzeit bewältigen kann.)

    Dieser Plan hat gravierende Lücken, gerät schnell auf Abwege. Das wäre angesichts des jugendlichen Alters der Verschwörer und der damit einhergehenden unvermeidlichen Selbstüberschätzung sicher zu verschmerzen, doch werden die Möglichkeiten dieses Handlungsstranges in meinen Augen nicht voll ausgeschöpft. Die Handlung löst sich hier für mein Empfinden etwas zu sehr von der Reflexion, so dass die wunderbar gewiefte Wechselwirkung zwischen dem ‘was’ und dem ‘warum’ ein wenig verloren geht.

    Übrigens: Eine Schülerin verschwindet, ein Selbstmord ist zu befürchten, und niemand ruft die Polizei? Hmm. Überhaupt bleiben Geschehnisse hier des Öfteren ohne Konsequenzen, dafür enden manche Entwicklungen abrupt und unerklärt.

    Woran ich immer wieder verzweifelte das war Carls geradezu performativ zur Schau getragene Bildung, augenscheinlich ermöglicht durch Privileg und Wohlstand. Das hat einen Beigeschmack von Gatekeeping, sieht man den Erzähler doch geradezu verzweifelt danach haschen, in Carls Augen ‘gebildet genug’ zu sein. Zwar wird dies abgemildert durch feine Ironie, durch einen altmodisch verbrämten, an Heinz Rühmann erinnernden Humor, und doch, und doch … Immer wieder beschlich mich die Frage nach der Zugänglichkeit: Wer kann diesen Roman lesen, wer kann sich an den zahlreichen kleinen ‘Ostereiern’ erfreuen, wer klappt das Buch zu mit einem frustrierten Gefühl der Unzulänglichkeit?

    Ich selber habe das Privileg genossen, an einem humanistischen, altsprachlichen Gymnasium mein Abitur gemacht zu haben, inklusive Großem Latinum. Damit bewege ich mich zumindest ein Stück weit in Carls Sphären, aber gerade deshalb kam mir immer wieder der Gedanke: So kunstsinnig und edel spricht kein Jugendlicher, gebildet oder nicht. (Was in geringerem Ausmaße auch für Kirsten und den Erzähler gilt.) Über lange Strecken des Buches wird Carl in meinen Augen daher zum Inbegriff der Künstlichkeit – nicht mal mehr literarische Kunstfigur, nur noch pure selbstherrliche Manieriertheit.

    …oder? Ist das verbose Selbstdarstellung? Ist das verzweifelt nach außen getragene Sinnsuche?

    Diese Ambivalenz ist sicher Absicht, zwingt Leser:innen jedoch, die Geschichte stets aus kritischer Distanz zu verfolgen, was sie meines Empfindens einer möglichen emotionalen Ebene beraubt. Das Emotionale tritt deutlich zurück hinter dem Intellektuellen – also der Domäne, in der Carl sich sicher und in Kontrolle fühlt.

    Zugegeben, hinter den ganzen aus der Zeit gefallenen Formulierungen verstecken sich überaus interessante Gedanken zu Kunst und Natur, Künstlichkeit und Natürlichkeit im abstrakteren Sinne, Identität zwischen Selbstaufgabe und Selbstsucht. Und natürlich verneigt sich der Roman auch vor Carl Spitzweg, weckt die Lust der Leser:innen, sich eingehender mit seiner Kunst zu beschäftigen.

    Als Aufstand gegen die schnelllebige, oberflächliche Selfie-Kultur der Gegenwart wenden sich die Mitglieder unseres jugendlichen Triumvirats der Vergangenheit zu, verweigern sich damit auch einer Gegenwart, der sinngebende Strukturen zum Opfer fallen. Gemeinsam haben die drei Jugendlichen wohl nicht von ungefähr die Dekonstruktion ihrer Familien, insbesondere durch abwesende Elternteile. Dieser Verlust jeden sicheren Halts wird in einer späteren Schlüsselszene noch einmal bildlich dargestellt, als eine Figur aus einem Gemälde herausgeschnitten wird und nur noch eine geradezu eloquente Leerstelle hinterlässt. In der Kunst finden sie sich wieder, hier suchen sie nach dem schmerzlich vermissten Sinn.

    Fazit

    Ein gebildeter junger Lebemann, wie aus der Zeit gefallen. Ein Kunstbanause, bezaubert und dennoch verunsichert. Eine Künstlerin, die aufs Schmählichste beleidigt wurde. Alle drei gehen noch auf die Schule, kommen zusammen in einem Racheplot, der mit der Vortäuschung von Selbstmord beginnt und mit einer Verfolgungsjagd im Museum eine unerwartete Wendung nimmt. Das spielt in der Gegenwart, entzieht sich jedoch der Oberflächlichkeit einer zusehends sinnentleerten Gesellschaft. Das ist raffiniert, originell, intelligent geschrieben, gehaltvoll. Das ist ein echter Bildungsroman, der dich herausfordert und dabei doch unterhält.

    Aber.

    Ja, leider gibt es für mich ein ‘Aber’ – ein ureigenes, höchstpersönliches. Für mich ist Carl der Schlüsselcharakter, mit dem alles steht und fällt. Und auch wenn sein Gebaren der Rebellion gegen eine digital regierte, sozial verkümmerte Welt entspringt, spricht daraus doch die übersättigte, prätentiöse Arroganz eines in der Vergangenheit verwurzelten Bildungsbürgertums. Das wird aufgebrochen durch spöttische Ironie und einen zunehmend magisch-realistischen Handlungsverlauf, und dennoch wirkte die detailverliebte Zuschaustellung von Bildung auf mich zunehmend ermüdend – und zunehmend künstlich. Ich hatte mit jeder Seite mehr das Gefühl, dass das genüssliche Geflecht der vielen, vielen Querverweise weniger anregend auf mich wirkte als vielmehr erdrückend.

    Gleichwohl möchte ich meine Anerkennung dafür aussprechen, wie gekonnt Eckart Nickel diese Geschichte konstruiert hat. Ich verneige mir vor diesem filigranen und dennoch tiefgründigen Wechselspiel von Gesellschaftssatire, Kunstgeschichte und schierer Sprachkunst.

    Aber.

    Da ist es wieder, das vermaledeite ‘Aber’. Aber das Buch wollte für mich im Endeffekt wohl einfach nicht zünden.

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  1. Philosophisch, Spät-Romantisch, zwischen real und surreal

    „Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich gerne über einen Speicher in meinem Gehirn verfügen, der alle Momente versammelt, in denen ich Menschen, Orte und Dinge zum ersten Mal gesehen habe, die später im Leben für mich wichtig werden.“ (Zitat Pos. 473)

    Inhalt
    Bevor der jugendliche Ich-Erzähler Carl kennenlernt, den Neuen in der Klasse, der mit niemandem spricht, etwas abgehoben in seiner eigenen Welt zu leben scheint, konnte er mit Malerei nichts anfangen. Dann kommt der Tag, an dem die Kunstlehrerin in ihrer Unterrichtsstunde das Selbstporträt der sehr talentierten Schülerin Kristen mit einer rüden Bemerkung kritisiert. Carl überredet den zunächst zögernden Ich-Erzähler, der Zeichenlehrerin eine Lektion zu erteilen. Kirsten verschwindet, nur ein von ihr gezeichnetes Bild in Anlehnung an Millais Ophelia bleibt zurück. Doch anders als besprochen, verschwindet das Mädchen tatsächlich und die beiden Freude begeben sich auf die Suche.

    Thema und Gene
    In diesem Coming-of-Age Roman geht es um die Kunst, vor allem um die Ausdrucksformen der Malerei als Spiegel und Interpretation der Wirklichkeit, um Literatur, Psychologie, Freundschaft und die erste Liebe in dieser besonderen Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenenleben, wo die Suche danach, wer man ist und wer man sein will, gerade erst beginnt.

    Charaktere
    Carl ist ein selbstbewusster junger Mann, er zelebriert sein Auftreten gleich einem modernen Romantiker unserer Zeit, beschäftigt sich intensiv mit der Malerei, besonders mit den Bildern des Malers Carl Spitzweg. Der junge Ich-Erzähler ist das genaue Gegenteil, er zieht sich zu Hause meistens sofort in sein Zimmer zurück, blickt aus dem Fenster und versinkt träumend in den Beobachtungen der Natur. Dies ändert sich durch seine Freundschaft mit Carl. „Ich litt unter der schmerzlichen Abwesenheit des Besonderen. Nur in der Kunst schien alles besonders, Carl konnte es sehen und erklären.“ (Zitat Pos. 2746)

    Handlung und Schreibstil
    Der junge Ich-Erzähler schildert die Ereignisse, die dieser besonderen Zeichenstunde folgen, im Kern chronologisch, doch mit vielen Unterbrechungen, psychologischen Betrachtungen, genauen Beobachtungen einer möglichen Realität. So ist der Ich-Erzähler ist ein unverlässlicher Erzähler, in den manchmal beinahe verzweifelten Versuchen, aus der empfundenen Langeweile seines Lebens auszubrechen, mit allen Unsicherheiten seiner jungen Jahre, führt er uns durch surreale, skurrile Schein- und Traumwelten. Die intensiven Gespräche mit seinem kunstbegeisterten Freund Carl, dessen an Monologe grenzenden Erklärungen über die Fähigkeit der Kunst, eine ästhetische, oft auch bei genauem Hinsehen kritische Variante der Realität anzubieten, umgeben und ergänzen facettenreich die Kernhandlung. Die Sprache bringt die poetischen bis ausufernden Satzgebilde der Romantik in die Gegenwart unserer Zeit.

    Fazit
    Ein trotz der surrealen Vielfältigkeit leiser, poetischer Roman über das Erwachsenwerden, die damit verbundenen verwirrenden Fragen mit der Suche nach philosophischen Antworten, und gleichzeitig ein intensiver Ausflug in die Malerei zwischen Biedermeier und Romantik.

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