Die Schule am Meer

Rezensionen zu "Die Schule am Meer"

  1. Nahe am Wasser

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Mai 2020 

    Juist in den 1920ern: Das Ehepaar Reiner gründet auf der Nordseeinsel eine reformpädagogische Schule. Ihr Unterrichtsansatz ist neu und beruht auf den Grundsätzen von Gleichbehandlung und koedukativer Erziehung. Im Mittelpunkt des Romans stehen vor allem die jüdisch geborene Anni Reiner, der Musikpädagoge Eduard Zuckmayer, der junge Maximilian Mücke, genannt Moskito. Skeptisch beäugen die Einheimischen den bunten Haufen an Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern. Nicht alle sind der Schule und ihren Mitgliedern wohlgesonnen und die Vorurteile reichen von „Idealisten“ bis „Kommunisten“. Mit dem immer stärker aufkeimenden Nationalsozialismus kippt die positive Stimmung, bis die Schule 1935 schließen musste.
    Die Schule am Meer gab es wirklich. Die Logbücher des Schulleiters Martin Luserke dienten der deutschen Schriftstellerin Sandra Lüpkes als Vorlage für diesen Roman. Das Buch steckt voller kleiner Geschenke, warmherzig berührender Momente und Charakteren, die man von Anfang an ins Herz schließen möchte. Da ist der kleine „Moskito“, der über die Jahre vom unsicheren Jungen zu einem bemerkenswert klugen und reifen jungen Mann reift. Oder der stille schüchterne Eduard „Zuck“ Zuckmayer, der Bruder des Schriftstellers Carl, der im Musikunterricht seine Berufung findet. Die liebevolle und überraschend mutige Anni Reiner mit ihrem Mann Und den Töchtern, die sich wenn es sein muss kein Blatt vor den Mund nimmt. Die patente Kea, Köchin der Schule und ihre (Paten)Tochter, die als einzige Inselbewohnerin am Unterricht teilnimmt. Eigentlich muss man alle mögen. Nur nicht den einstigen Saisonkellner und politischen Emporkömmling Gustav Wenniger, der glühender Nazi wird und alles gegen die Schule unternimmt, die seiner verqueren Ideologie entgegen steht.
    Aus den Erinnerungen Luserkes setzt Sandra Lüpkes mit großer Erzählfreude ein buntes Mosaik aus Fakten und Fiktion zusammen. Ein kleines feines Beispiel dafür ist das Zusammentreffen von Moskito und Erich Kästner bei der Bücherverbrennung 1933 am Berliner Opernplatz.
    Die Schule am Meer hat wirklich nahe am Wasser gebaut. Die sanfte Brandung wird zur Ruhe vor dem Sturm und wenn man es nicht besser wüsste, würde man sich wünschen, dass alles anders enden würde. Ist es wirklich schon fast 100 Jahre her, dass die Welt kurz vor dem Abgrund stand, oder sind wir heute schon einen Schritt weiter?

  1. Lesenswert!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Apr 2020 

    1925 wird auf Juist die reformpädagogischorientierte „Schule am Meer“ gegründet. Schon früh gibt es Anfeindungen durch Insulaner, aber auch viele positive Meinungen. Sandra Lüpkes erzählt die Geschichte dieser Schule aus Sicht mehrerer, zum Teil fiktiver Charaktere. Im Nachwort erfährt man dann ein bisschen mehr über Fiktion und Realität.

    Anni Reiner gehört neben ihrem Mann Paul zum Lehrpersonal der Schule. Sie ist jüdischer Abstammung und Mutter mehrerer Töchter. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der Schule, die in Internatsform geführt wird. Das Familienleben kommt oft zu kurz, was Anni bedauert. Auf Grund ihrer Abstammung wird es im Laufe der Jahre immer schwieriger für sie.

    Auch der Musiker Eduard Zuckmayer ist Lehrer an der Schule, allerdings kein Gründungsmitglied. Er kann hier seine Kriegstraumata verarbeiten.

    Maximilia Mücke, genannt Moskito, ist Schüler der Schule. Seine Eltern leben in Bolivien und er hat am Anfang starkes Heimweh. Die einzelnen Kapitel des Romans geben seine Schulzeit in Schuljahren wieder. Seine Entwicklung ist interessant und gut mitzuerleben.

    Auch Marje, von der Insel stammend, ist Schülerin, klug und ehrgeizig und mit einem Geheimnis um ihre Herkunft, das sie zunächst selbst nicht kennt.

    Gustav Wenniger ist zunächst Kellner auf Juist, will aber hoch hinaus. Seine nationalsozialistische Gesinnung macht ihn schnell zu einem Gegner der Schule. Er ist der Antagonist der Geschichte.

    Auch weitere Charaktere lernt man mehr oder weniger gut kennen, sowohl Insulaner als auch Menschen, die mit der Schule zu tun haben. Alle Charaktere hat die Autorin gut gestaltet, man hat schnell Bilder vor Augen.

    Auch die Insel selbst spielt ihre Rolle, widrige Wetterverhältnisse, die eingeschränkte Erreichbarkeit, aber auch ihre wilde Naturschönheit, ihre Tier- und Pflanzenwelt. Wer Juist kennt, wird sich schnell zu Hause fühlen, ich finde es immer wieder schön, Romane von Orten zu lesen, die ich gut kenne.

    Aber auch wer Juist nicht kennt, wird sich durch die Beschreibungen ein Bild machen können, von den Örtlichkeiten der Schule z. B. auch durch einen gezeichneten Lageplan. Sehr schön sind auch die Fotos, die die Buchdeckel von innen schmücken und die das Schulleben wiedergeben. Dieses Schulleben und die Ideale, die dahinter stehen, wird im Roman ausführlich dargestellt, mit Stärken und Schwächen, insgesamt hat mir das Schulkonzept gefallen, auch heute wirkt es noch modern. Nur gegen Ende fand ich die Entwicklung weniger schön.

    Der aufkommende Nationalsozialismus macht der Schule sehr zu schaffen, und nimmt auch den Leser mit, der ja schon weiß, was noch alles kommen wird. Schön ist, dass man in einem Epilog ein bisschen darüber erfährt, wie es manchen Charakteren noch ergangen ist. Für andere allerdings bleibt es offen.

    Mir hat der Roman wirklich gut gefallen, auch wenn ich manche Entwicklung nicht so schön finde, z. B. haben mich die letzten Sätze des Epilogs erschüttert, gerade hier hätte sich die Autorin auch anders entscheiden können. Aber wahrscheinlich sollte man als Leser an dieser Stelle erschüttert werden, immerhin geht es um eine sehr dunkle Zeit.

    Sandra Lüpke stellt dem Leser eine für leider viel zu wenige Jahre real existierende Schule vor und macht sie durch historisch belegte, aber auch durch fiktive Charaktere für den Leser erlebbar. Auch die Insel Juist und der historische Hintergrund wird lebendig. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, mir eine andere Seite meiner Lieblingsinsel gezeigt und mich emotional gepackt. Sehr gerne vergebe ich volle Punktzahl und eine uneingeschränkte Leseempfehlung.