Komm, ich erzähl dir eine Geschichte (Fischer Taschenbibliothek)

Rezensionen zu "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte (Fischer Taschenbibliothek)"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Okt 2018 

    Geschichten mit viel Weisheit

    Mir haben die vielen therapeutischen Geschichten recht gut gefallen. Es war nur etwas anstrengend, die vielen Geschichten hintereinander zu lesen. Eigentlich ist das ein Buch für zwischendurch.

    Die Handlung
    Demian ist ein junger Student, der sich in Therapie begibt, da er mit seinem Leben nicht wirklich zufrieden ist. Er landet bei Jorge, ein Gestalttherapeut, der sich in seiner Methode völlig unkonventionell gibt, da Demian es langweilig findet, bei einem Analytiker sich auf die Couch zu legen. Jorge arbeitet tatsächlich anders als seine Kolleg*innen, denn er erzählt Geschichten. Immer wenn Demian in der Therapiestunde sein Problem erläutert, packt Jorge eine passende Geschichte aus seinem Petto, und überreicht sie in Erzählform Demian. Dabei bekommt Demian von Jorge auch zu jeder Therapiestunde eine Tasse Matetee angeboten. Es sind weise Geschichten und Parabeln, die aus Märchen, aus dem Buddhismus, Geschichten aus der Gegenwart und Geschichten aus der griechischen Mythologie bestehen.

    Das Schreibkonzept
    Zu dem Schreibkonzept gibt es nicht viel zu sagen. Zusammen mit dem Epilog sind es 51 Geschichten. Das Inhaltverzeichnis befindet sich auf der letzten Seite. Gewidmet ist das Buch an die Tochter des Autors.

    Cover und Buchtitel?
    Passt wunderbar. Aber ob sich der angebundene Zirkuselefant physisch betrachtet wirklich von dem Balken befreien kann, das wage ich zu bezweifeln.

    Identifikationsfigur
    Mit manchen Geschichten konnte ich mich sehr gut identifizieren.

    Meine Meinung
    Mir haben nicht alle Geschichten gefallen. Nicht alle haben mich überzeugen können und bei einigen lustigen Geschichten fehlte es mir an Humor. In vielen anderen Geschichten konnte ich mich gut hineinversetzen. Sechs Geschichten haben mir besonders gut gefallen.

    1. Der wahre Wert des Rings
    2. Die taube Ehefrau
    3. Die Exekution
    4. Wer bist du?
    5. Das weiße und das schwarze Zimmer
    6. Der gerechte Richter

    Welche von den sechs Geschichten fand ich außerordentlich gut?
    Der gerechte Richter und Der wahre Wert des Ringes.

    Welche Geschichte fand ich gar nicht gut?
    Zwei Nummern kleiner. Sich ein paar Schuhe zu kaufen, die zwei Nummern zu klein sind, damit man den ganzen Tag in beengten Schuhen sein Leben fristen kann, um abends, wenn man die Schuhe zu Hause wieder auszieht, eine Wohltat empfinden kann. Furchtbar. Nichts für mich. Dabei fällt mir der Film Barfuß ein, in dem die Protagonistin immer barfuß lief, weil sie ihre Füße nicht einsperren wollte.

    Aber meinen Kolleginnen habe ich die Geschichte Der wahre Wert des Rings auf meiner Dienststelle vorgelesen, weil diese Geschichte zu deren Lebensphase und Problematik gepasst hat. Sie fanden die Geschichte richtig gut, haben sich bedankt, und mich danach richtig wohlwollend umarmt. Und ich fand es wunderbar, den richtigen Riecher für meine Kolleginnen gehabt zu haben.

    Mein Fazit?
    Ein Buch, das für jeden Menschen für den Alltag die passende Geschichte bereithält.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Okt 2018 

    Geschichten zum Nachdenken

    Das Buch ist kein Roman im eigentlichen Sinne, d.h. es wird keine Geschichte erzählt, sondern viele kleine Geschichten. Rahmenhandlung ist eine Therapiesituation: Demian, ein Student, sucht Hilfe bei Jorge, einem Gestalttherapeuten, den er wie folgt beschreibt:
    "informell, unordentlich, chaotisch, warm, kunterbunt, unberechenbar, und warum es leugnen, ein bißchen schmuddelig."

    Jorge ist speziell, wird von Demian "der Dicke" genannt und liebt

    "Fabeln [...], Parabeln, Märchen, kluge Sätze und gelungene Metaphern. Seiner Meinung nach war der einzige Weg, etwas zu begreifen, ohne die Erfahrung am eigenen Leib machen zu müssen, der, ein konkretes symbolisches Abbild für das Ereignis zu haben."

    Jedes Kapitel beinhaltet solch eine Geschichte, eine Art Gleichnis, das auf Demians Probleme Antworten geben soll. Gleich die erste Geschichte thematisiert, warum es sinnvoll sein kann, sich in der Therapie mit sich und seinen gelernten Verhaltensweisen auseinander zu setzen.

    Ein Zirkuselefant, der seit ewiger Zeit an einen Pflock gebunden ist, wird nicht weglaufen, weil er von Anfang an gelernt hat, dass er sich nicht losreißen kann. Irgendwann hat er seine Gefangenschaft akzeptiert und glaubt, selbst wenn kein Pflock mehr da ist, dass er sich nicht mehr befreien kann.

    "Wir bewegen uns in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet."

    "Ich kann nicht, und werde es niemals können", lautet die Prämisse, unter der wir unser Leben daraufhin gestalten.

    Sowohl Mira und mir hat die Geschichte "Der wahre Wert des Rings" besonders gut gefallen:

    "Du bist wie dieser Ring: ein Schmuckstück, kostbar und einzigartig. und genau wie diesem Ring kann deinen wahren Wert nur ein Fachmann erkennen."

    Die einzelnen Geschichten bieten viele Denkanstöße und laden dazu ein, nachdem man sie gelesen, darüber nachzudenken. Allerdings geht es Jorge in der Therapie nicht darum, dass Demian seine Geschichten "richtig" interpretiert.

    "Wenn sie überhaupt eine Aussage hat, dann nur die, die sie für dich hat."

    Es ist ein Buch, das man immer wieder in die Hand nehmen kann, um die ein oder andere Geschichte, in der man sich wiedererkannt hat, erneut zu lesen.
    Interessant fand ich die Erklärung zu den unterschiedlichen Therapierichtungen - klassische Psychoanalyse, psychoanalytische, Verhaltenstherapie und die Gestalttherapie, die sich mit der Gegenwart des Patienten beschäftigt und herausfinden soll,

    "was in der Person, die sich an den Therapeuten gewandt hat, vor sich geht, und wozu sie in eine solche Situation hineingeraten ist."

    Auch philosophische Fragen werden aufgeworfen, wie die nach der Zufriedenheit und der Vorstellung, dass uns immer irgendetwas zu unserem Glück fehlt.

    "Wir haben gelernt, daß sich das Glück einstellt, sobald wir das fehlende Stück haben. Und da uns immer etwas fehlt, kehrt der Gedanke an seinen Ausgangspunkt zurück, und man kann niemals sein Leben genießen."

    Die Geschichten sind kleine Kostbarkeiten, die man mit Muße lesen sollte, "in der Tiefe jeder Geschichte" kann man, wenn sie einen anspricht und zur eigenen Lebenssituation passt, einen "Diamanten" findet.