Tod in Connecticut

Rezensionen zu "Tod in Connecticut"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Jun 2018 

    Eine Frau, für die "Mann"ch einer töten würde

    Wilson Collison muss eine Frau gewesen sein! Ich kann mir sonst nicht erklären, wie je"mann"d dermaßen einfühlsam über Frauen schreiben konnte (und kann). Wilson Collison (*1893; †1941) konnte es, wie er/sie in etlichen Romanen unter Beweis gestellt hat. Denn viele seiner /ihrer Romane haben eines gemeinsam: Die Protagonistin ist eine starke Frau in einer von Männern und gesellschaftlichen Konventionen bestimmten Welt.

    Der Roman "Tod in Connecticut" könnte dem Titel nach ein Krimi sein, ist er aber nicht. Um dem Titel gerecht zu werden, stirbt natürlich jemand in diesem Buch: Leidenschaft, Eifersucht und Alkohol sind eine schlechte Kombination unter liebestollen Rivalen.
    Die Frau, um deren Gunst gebuhlt wird, ist Nolya Noyes, eine junge Dame der amerikanischen High Society der 20er Jahre. Reiche und schöne Erbin, die sich durch ihren Wohlstand einige Freiheiten herausnehmen kann, jedoch Mädchen mit zweifelhaftem Ruf. Daher ist sie keine gute Partie. Von der Gesellschaft wird sie geduldet, schließlich ist man dies ihrem verstorbenen Vater - ehemals wichtiges Mitglied der Gesellschaft - schuldig. Bestenfalls findet man sie amüsant, so dass sie auf Parties ein gern gesehener Gast ist. Die Frauen belauern sie misstrauisch. Die Männer umschwirren sie wie die Motten das Licht. Und kaum einer der Gentlemen, der es nicht versucht hat, sie zu erobern. Was gäbe mann nicht um eine Nacht mit Nolya.

    "Menschen ... Menschen ... Sie bedeuteten ihr letztlich so wenig. Selbst Freunde ... auf eine distanzierte Art und Weise ... Freunde. Aber Menschen und Freunde hatten versucht, einen Kreis um sie zu ziehen, eine Mauer zu errichten, die ihr Leben darauf beschränken würde, einen endlosen Kreislauf der Konventionen zu folgen. Sie verlangte doch lediglich, ihre Intelligenz frei nutzen zu dürfen. Mehr nicht."

    Das ist die offizielle Sicht der Dinge: Nolyas zweifelhafter Ruf - manche nennen sie ein Flittchen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Nolya ist sehr zurückhaltend, was die Gunst ihrer Zuneigung angeht. Für sie sind Männer Party-Begleiter und Gesellschafter - mehr nicht. Sie lebt allein in ihrer Wohnung, hoch über New York und hadert mit dem Alltag einer High Society Lady: Essensverabredungen, Parties, Geld ausgeben .... laangweilig. Sie lebt in den Tag hinein, auf der Suche nach dem tieferen Sinn ihres Lebens. So versinkt sie in Melancholie und sucht nach einer Möglichkeit, aus diesem Leben auszubrechen.
    Zwei Männer nehmen in ihrem Leben eine wichtige Rolle ein:
    Neil - Komponist, mal mehr, mal weniger erfolgreich, bester und einziger Freund von Nolya. Seine Gefühle für Nolya gehen für ihn über eine Freundschaft hinaus. Leider beruht dieser Gefühlszustand nicht auf Gegenseitigkeit.
    Denn Nolya liebt Arthur Raymond - Sohn einer einflussreichen Familie, verheiratet, der unter der Fuchtel seines Vaters steht.
    Nolya und Arthur haben eine Affäre. Doch Vater Raymond schiebt dem Ganzen einen Riegel vor.
    Am Ende wird es zu einem Kräftemessen zwischen dem alten Raymond und Nolya kommen, bei dem beide um die Zukunft von Arthur ringen werden. Gibt es ein Happy End für Nolya? Ja, gibt es. Und was für eins. Nicht das, was man erwartet, aber dafür um vieles schöner.

    Wilson Collison hat mit "Tod in Connecticut" einen Roman geschrieben, der hautsächlich von den Dialogen lebt, denn die haben es in sich. Herausragend sind die Gespräche zwischen Nolya und ihrem besten Freund Neil. Beide begegnen dem Leben mit Sarkasmus. Sie haben die falsche Moral der Gesellschaft in der sie leben verstanden und lassen keine Gelegenheit aus, dem Leben in dieser Gesellschaft mit Spott und Häme zu begegnen. Dabei sind sie schonungslos, nicht nur was die Lästerei über ihre Bekannten angeht, sondern auch sich selbst gegenüber. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, und konfrontieren sich mit Wahrheiten, die man nur einem besten Freund sagen kann. Die Dialoge in diesem Buch habe ich daher sehr genossen.
    Ein weiterer Aspekt, der mir sehr gut gefallen hat, ist die Symbolik, die Wilson Collison als Stilmittel anwendet. Da stolpert man als Leser doch häufig über Banalitäten, die sich bei intensiverem Nachdenken als Momente mit tieferem Sinn erweisen. Da spiegelt auf einmal ein brennender Holzscheit im Kamin den inneren Konflikt eines unglücklich Verliebten wider. Herrlich!

    "Er starrte wieder auf die brennenden Holzscheite. In weiter Ferne hörte er die gleichmäßigen, monotonen Rhythmen von Tanzmusik. Im Kamin zischte gerade ein tapferes, kleines Stück Holz mit blauer Flamme auf. Es zischte und flüsterte und sang. Was versuchte es zu sagen? Schrie es vor Schmerz auf und versuchte zu entkommen? Oder war es einfach nur trotzig und kämpfte darum, anders zu sein als all die anderen Scheite in den züngelnden Flammen, die so feierlich knisterten?"

    Fazit:
    Meine These: Wilson Collison muss eine Frau gewesen sein - auch wenn Wikipedia etwas anderes sagt. Mir gefällt die einfühlsame Darstellung seiner Protagonistin Nolya - einerseits von der Gesellschaft abgestempelt, andererseits jedoch eine starke Frau, die auf ihre Art gegen das Diktat der Gesellschaft ankämpft. Sie gibt nichts darauf und versucht ihren eigenen Weg zu gehen, so schwer dieser auch sein mag. Der Autor beschreibt die Seele einer außergewöhnlichen Frau. Der Mann war ein Frauenversteher (oder eine Frau ;-)). Das macht ihn zu einem außergewöhnlichen Schriftsteller seiner Zeit, wie er auch in "Tod in Connecticut" wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Mär 2018 

    Ein Krimi?

    Im Mittelpunkt der Romane von Wilson Collison stehen unkonventionelle junge Frauen in den 20er und 30er Jahren in New York, wie Nancy in "Die Nacht mit Nancy" oder wie die Millionenerbin Nolya, deren zweifelhafter Ruf ihr vorauseilt - zu Recht?

    Worum geht es?
    Wir treffen die Protagonistin Nolya Noyes beim berühmten Arzt Doktor Banfield, sie ist ernsthaft krank - viel mehr erfahren wir nicht darüber. Sie reflektiert über ihr bisheriges Leben und kommt zu dem Schluss, dass Freunde versuchen,

    "einen Kreis um sie ziehen, eine Mauer zu errichten, die ihr Leben darauf beschränken würde, einem endlosen Kreislauf der Konventionen zu folgen. Sie verlangte doch lediglich, ihre Intelligenz frei nutzen zu dürfen, mehr nicht. Menschen und Freunde wurden mit einem gewissen Status geboren und veränderten sich so wenig. Sie standen fest zu ihren Moralvorstellungen und eingefahrenen Denkmustern. Und Nolyas Unwille, solche vorgegebenen Verhaltensmuster zu akzeptieren..." (S.12f.)

    Eine junge, sehr attraktive Frau, die ihre Leben selbst bestimmen will und sich nicht an den ihr vorgeschriebenen Lebensweg hält. Hinter ihr liegt eine Affäre mit einem verheirateten Mann, Arthur Raymond, der seine Frau verlassen hat, um mit ihr zu leben - bis sein Vater, ein bekannter Anwalt, eingegriffen hat. Nolya musste ihm versprechen, seinen Sohn in Ruhe zu lassen und weil sie ihn liebt, will sie dieses Opfer bringen.

    "Arthur gehörte der Vergangenheit an. Die Asche war verstreut, und verstreute Asche konnte man nicht einfach einsammeln und zu einer neuen Wirklichkeit aus Fleisch und Blut zusammensetzen. Arthur war nicht ihr Liebhaber gewesen. Er war Liebe." (S.41)

    In ihrer Gegenwart bemüht sich der Künstler Neil um sie, mit dem sich vor einigen Jahren schon verbandelt gewesen ist.

    "Wie lange war das her, seit die Leidenschaft sie in diesen Strudel mit Neil Rendon gezogen hatte? Vier Jahre, sie war einundzwanzig gewesen. Er fünfunddreißig. Jetzt war sie fünfundzwanzig, und Neil ging auf die vierzig zu. Mit einundzwanzig hatte die Leidenschaft sie zerstört. Die Liebe versuchte, sie mit fünfundzwanzig wieder aufzurichten. Aber die Liebe hatte kaum eine Chance." (S.47)

    Obwohl sich Nolya nur dieses eine Mal von ihrer Leidenschaft hat hinreißen lassen, hängt ihr der Ruf nach, sie sei ein leichtes Mädchen, ein Flittchen. In den dekadenten 20er Jahren in New York wird sie dafür bewundert und begehrt, gleichzeitig gilt sie als persona non grata der gehobenen Gesellschaft, auch wenn ihr das niemand offen ins Gesicht sagt.

    Sie selbst ist unglücklich, denn Neil liebt sie, sie liebt Arthur, kann diesen aber nicht haben. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit teuren Vergnügungen - als reiche Millionenerbin kann sie sich das leisten. Sie erwägt sogar aus New York weg zu ziehen, doch ihre Gedanken drehen sich im Kreis - um Arthur, um Neil...

    "Gedanken hatten etwas sehr Unbefriedigendes an sich. Sie waren zweifelhafte, flüchtige Gesellen, die umherflitzen und zaghafte Vorschläge machten, raffinierte, aber halbgare Pläne schmiedeten, aufrührerische Vorhaben und aufmüpfige Ideen unterbreiteten. Aber fast immer verscheuchte man die hinterlistigen kleinen Gesellen und blieb letztlich mit einem Gefühl des Scheiterns zurück." (S.108)

    Schließlich ringt sie sich Mitte Dezember durch, im Januar nach Paris zu reisen - mit dem Schiff.
    Doch zuvor gerät sie zusammen mit dem jungen, reichen Bobby Brandon auf die Silvesterparty der Raymonds, auf der sie erneut auf Arthur und dessen Vater trifft und auf der ein Mord geschieht, der die Beteiligten zum schnellen Handeln zwingt.
    Ein furioses Finale beginnt, das ein überraschendes Ende bereit hält.

    Bewertung
    Im Roman gibt es ein sehr interessantes Gespräch zwischen Arthurs Vater und Bobbys Vater, einem renommierten Psychologen. Während Mr Raymond Nolyas Verhalten scharf kritisiert und die gängige Meinung der Gesellschaft vertritt, die Nolya wider besseren Wissens als Flittchen tituliert und ihr alle möglichen Geschichten andichtet, verteidigt Mr Brandon sie.

    "Weil ich sie verstehen kann. Überschuss an Gefühlen. Ein ungewöhnliches Gehirn. Eine Rebellin gegen die Gesellschaft." (S.154)

    Er ist der Überzeugung, dass die Gesellschaft Schuld an ihrem Ruf trägt, denn sie hat es gewagt, diese gesellschaftlichen Regeln zu übertreten. Ein Umstand, den Arthurs Frau Betty ihrem Mann, mit dem sie sich wieder versöhnen will, vor Augen hält.

    "So sind die gesellschaftlichen Spielregeln, Arthur. Wir müssen sie lernen und uns daran halten. Wir müssen so große Angst davor haben, dass jemand uns und unser Leben bloßstellt, dass wir das Gesetz gar nicht erst brechen." (S.189)

    Nolya, die ihr Leben als Sonate empfindet:
    "Leidenschaft und Reue, rastloses Umhereilen, erschöpfte Passivität" (S.141),

    passt nicht in dieses Bild und hält sich auch nicht an die Spielregeln, auch wenn sie am Ende, genau wie Nancy, nicht so rebellisch handelt, wie man es vielleicht erwarten würde.
    Collison hält mit Humor der Gesellschaft der 1920er den Spiegel vor und hinter dem Spiegel entsprechen die Menschen nicht den (Vor-)Urteilen, die wir über sie gefällt haben.

    Ein Roman mit interessanten Figuren, spannend und geistreich.