Tod in Connecticut

Rezensionen zu "Tod in Connecticut"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Mär 2018 

    Ein Krimi?

    Im Mittelpunkt der Romane von Wilson Collison stehen unkonventionelle junge Frauen in den 20er und 30er Jahren in New York, wie Nancy in "Die Nacht mit Nancy" oder wie die Millionenerbin Nolya, deren zweifelhafter Ruf ihr vorauseilt - zu Recht?

    Worum geht es?
    Wir treffen die Protagonistin Nolya Noyes beim berühmten Arzt Doktor Banfield, sie ist ernsthaft krank - viel mehr erfahren wir nicht darüber. Sie reflektiert über ihr bisheriges Leben und kommt zu dem Schluss, dass Freunde versuchen,

    "einen Kreis um sie ziehen, eine Mauer zu errichten, die ihr Leben darauf beschränken würde, einem endlosen Kreislauf der Konventionen zu folgen. Sie verlangte doch lediglich, ihre Intelligenz frei nutzen zu dürfen, mehr nicht. Menschen und Freunde wurden mit einem gewissen Status geboren und veränderten sich so wenig. Sie standen fest zu ihren Moralvorstellungen und eingefahrenen Denkmustern. Und Nolyas Unwille, solche vorgegebenen Verhaltensmuster zu akzeptieren..." (S.12f.)

    Eine junge, sehr attraktive Frau, die ihre Leben selbst bestimmen will und sich nicht an den ihr vorgeschriebenen Lebensweg hält. Hinter ihr liegt eine Affäre mit einem verheirateten Mann, Arthur Raymond, der seine Frau verlassen hat, um mit ihr zu leben - bis sein Vater, ein bekannter Anwalt, eingegriffen hat. Nolya musste ihm versprechen, seinen Sohn in Ruhe zu lassen und weil sie ihn liebt, will sie dieses Opfer bringen.

    "Arthur gehörte der Vergangenheit an. Die Asche war verstreut, und verstreute Asche konnte man nicht einfach einsammeln und zu einer neuen Wirklichkeit aus Fleisch und Blut zusammensetzen. Arthur war nicht ihr Liebhaber gewesen. Er war Liebe." (S.41)

    In ihrer Gegenwart bemüht sich der Künstler Neil um sie, mit dem sich vor einigen Jahren schon verbandelt gewesen ist.

    "Wie lange war das her, seit die Leidenschaft sie in diesen Strudel mit Neil Rendon gezogen hatte? Vier Jahre, sie war einundzwanzig gewesen. Er fünfunddreißig. Jetzt war sie fünfundzwanzig, und Neil ging auf die vierzig zu. Mit einundzwanzig hatte die Leidenschaft sie zerstört. Die Liebe versuchte, sie mit fünfundzwanzig wieder aufzurichten. Aber die Liebe hatte kaum eine Chance." (S.47)

    Obwohl sich Nolya nur dieses eine Mal von ihrer Leidenschaft hat hinreißen lassen, hängt ihr der Ruf nach, sie sei ein leichtes Mädchen, ein Flittchen. In den dekadenten 20er Jahren in New York wird sie dafür bewundert und begehrt, gleichzeitig gilt sie als persona non grata der gehobenen Gesellschaft, auch wenn ihr das niemand offen ins Gesicht sagt.

    Sie selbst ist unglücklich, denn Neil liebt sie, sie liebt Arthur, kann diesen aber nicht haben. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit teuren Vergnügungen - als reiche Millionenerbin kann sie sich das leisten. Sie erwägt sogar aus New York weg zu ziehen, doch ihre Gedanken drehen sich im Kreis - um Arthur, um Neil...

    "Gedanken hatten etwas sehr Unbefriedigendes an sich. Sie waren zweifelhafte, flüchtige Gesellen, die umherflitzen und zaghafte Vorschläge machten, raffinierte, aber halbgare Pläne schmiedeten, aufrührerische Vorhaben und aufmüpfige Ideen unterbreiteten. Aber fast immer verscheuchte man die hinterlistigen kleinen Gesellen und blieb letztlich mit einem Gefühl des Scheiterns zurück." (S.108)

    Schließlich ringt sie sich Mitte Dezember durch, im Januar nach Paris zu reisen - mit dem Schiff.
    Doch zuvor gerät sie zusammen mit dem jungen, reichen Bobby Brandon auf die Silvesterparty der Raymonds, auf der sie erneut auf Arthur und dessen Vater trifft und auf der ein Mord geschieht, der die Beteiligten zum schnellen Handeln zwingt.
    Ein furioses Finale beginnt, das ein überraschendes Ende bereit hält.

    Bewertung
    Im Roman gibt es ein sehr interessantes Gespräch zwischen Arthurs Vater und Bobbys Vater, einem renommierten Psychologen. Während Mr Raymond Nolyas Verhalten scharf kritisiert und die gängige Meinung der Gesellschaft vertritt, die Nolya wider besseren Wissens als Flittchen tituliert und ihr alle möglichen Geschichten andichtet, verteidigt Mr Brandon sie.

    "Weil ich sie verstehen kann. Überschuss an Gefühlen. Ein ungewöhnliches Gehirn. Eine Rebellin gegen die Gesellschaft." (S.154)

    Er ist der Überzeugung, dass die Gesellschaft Schuld an ihrem Ruf trägt, denn sie hat es gewagt, diese gesellschaftlichen Regeln zu übertreten. Ein Umstand, den Arthurs Frau Betty ihrem Mann, mit dem sie sich wieder versöhnen will, vor Augen hält.

    "So sind die gesellschaftlichen Spielregeln, Arthur. Wir müssen sie lernen und uns daran halten. Wir müssen so große Angst davor haben, dass jemand uns und unser Leben bloßstellt, dass wir das Gesetz gar nicht erst brechen." (S.189)

    Nolya, die ihr Leben als Sonate empfindet:
    "Leidenschaft und Reue, rastloses Umhereilen, erschöpfte Passivität" (S.141),

    passt nicht in dieses Bild und hält sich auch nicht an die Spielregeln, auch wenn sie am Ende, genau wie Nancy, nicht so rebellisch handelt, wie man es vielleicht erwarten würde.
    Collison hält mit Humor der Gesellschaft der 1920er den Spiegel vor und hinter dem Spiegel entsprechen die Menschen nicht den (Vor-)Urteilen, die wir über sie gefällt haben.

    Ein Roman mit interessanten Figuren, spannend und geistreich.