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Rezension Rezension (4/5*) zu Bis die Sterne zittern von Johannes Herwig.

Dieses Thema im Forum "Historische Romane" wurde erstellt von parden, 29. April 2018.

  1. parden

    parden Forumlegende

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    Leipziger Meuten...

    Leipziger Meuten? Nie zuvor gehört.


    "In keiner anderen deutschen Stadt gab es Ende der 1930er-Jahre zahlenmäßig derart starke, untereinander vernetzte informelle Cliquen, die von der Staatslinie abwichen und die Straßen für sich beanspruchten." (S. 252)


    Das schreibt der Autor in seinem Nachwort - und doch sind die Leipziger Meuten wohl nicht nur mir kein Begriff. Hand aufs Herz: wem sind diese Jugendcliquen im Nationalsozialismus bekannt? Edelweißpiraten? Klar! Und auch von der Swing-Jugend habe ich mal was läuten hören. Aber Leipziger Jugend? Nein.

    Um so neugieriger wurde ich, als ich erfuhr, dass dieses Roman-Debüt von Johannes Herweg genau diese Meuten zum Gegenstand hat. Jugendliche, die den Konformismus nicht mitleben wollten, die sich die Freiheit nicht nehmen ließen, zu sagen und zu zeigen, was sie dachten, die aus ihrer Unangepasstheit teilweise auch in den politischen Widerstand gerieten.

    Ein gut recherchiertes Jugendbuch hat Johannes Herweg da geschrieben und mit dem 16-jährigen Harro eine zentrale Figur kreiert, aus dessen Ich-Perspektive der Leser das Geschehen erlebt. 1936 gerät Harro rein zufällig an die Leipziger Meuten, die ihm zu Hilfe eilen, als er von ein paar Hitlerjungen in eine Prügelei verwickelt wird. Als er von seinen Rettern mit an den Treffpunkt der Clique genommen wird, ahnt er zunächst nicht, was hinter der Gruppierung steckt. Ihm gefällt es einfach, dass die jungen Leute wie er auch mit der Nazi-Ideologie nichts zu tun haben wollen.


    "Die Düsternis und Trübseligkeit der Stadt voller Uniformen und Schwarz-weiß-rot blies der Frühling hier draußen einfach fort. Auf den Feldern leuchtete der Raps." (S. 204)


    Mit einzelnen aus der Gruppe freundet sich Harro allmählich an, andere bleiben oberflächlich bekannt, und Harro erfährt, dass es ähnliche Gruppierungen auch in anderen Stadtteilen in Leipzig gibt. Es gehört schon Mut dazu, sich alleine schon durch die Kleidung (kurze Lederhose und karierte Hemden beispielsweise) offen zu den Meuten zu bekennen, aber Harro ist - recht naiv zuweilen - fest entschlossen dazuzugehören. Immer wieder kommt es dadurch zu Ärger mit den 'korrekt' gesinnten Bürgern - in der Schule ebenso wie in der HJ, aber auch zu Hause reibt sich Harro mit den Eltern.

    Harro ist eigentlich ein ganz normaler Jugendlicher mit denselben Gedanken und Problemen wie heute auch: Identitätsfindung, Hormonstau, die erste Liebe, Abgrenzung von den Eltern - alles ist in Aufruhr. Doch zu Zeiten des Nationalsozialismus muss sich Harro in seinem Erwachsenwerden noch mehr Fragen stellen: soll er wie fast alle anderen mitmachen und sich still anpassen - oder soll er sich wirklich dagegen stellen?

    Johannes Herweg zeichnet diesen Charakter mit all seinen Unsicherheiten glaubhaft und authentisch. Harro begegnet auch sympathischen Menschen in der Uniform der Nationalsozialisten und fragt sich zurecht, ober er nicht genauso gut auf dieser Seite der Waagschale hätte landen können, wenn er nicht zufällig den Leipziger Meuten begegnet wäre?


    "...sprang mich die Zeichnung eines Karpfens an. Dieser stand für die Kraft, gegen den Strom zu schwimmen (...) Das Bild gefiel mir. Dann dachte ich, was ist mit jenen, die gegen den Strom schwimmen wollen, aber zu schwach sind?" (S. 38)


    Episodenhaft erhält der Leser einen Einblick in das Geschehen, das keine Geschichte mit einem großen Spannungsbogen ist, sondern punktuell aufzeigt, wie sich die Situation im Verlauf der Zeit verändert. Harro reift heran, und wo anfangs der Zufall regiert hat, trifft er immer mehr klare Entscheidungen - ahnend, dass dies gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen kann... Und dass diese kommen, lässt schon der Prolog verlauten, der wie ein Paukenschlag den Roman eröffnet.

    Tatsächlich endet der Roman sehr offen, was mir zunächst missfiel. Doch das Nachwort macht deutlich, dass danach eine weitere, ganz andere Geschichte hätte erzählt werden müssen, und so ahnt man zumindest, was weiter geschehen wäre. Auch wenn hier vieles an der Oberfläche blieb und ich mir insgeheim manchmal mehr Spannung erhoffte, gefällt mir letztlich die Botschaft des Romans.

    Hier habe ich nicht nur erfahren, worum es bei den Leipziger Meuten ging, den oppositionellen Jugendcliquen, sondern ebenso erkannt, dass es auch in Zeiten einer Diktatur eben nicht nur die Mitläufer und die Helden dagegen gibt - sondern auch andere Arten einer Opposition. Und ist es nicht gerade auch heute wieder wichtig - auch und vor allem für Jugendliche - zu erkennen, dass man Entscheidungen treffen muss: Mitmachen, sich still anpassen oder zu seiner wirklichen Meinung stehen?

    Ein Jugendbuch, dem ich viele (nicht nur jugendliche) Leser wünsche, damit nicht in Vergessenheit gerät, was es zu bewahren gilt...


    © Parden

    von: Robert Gernhardt
    von: Helmut Schmidt
    von: Aravind Adiga
     
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