Nikolaus Nickleby (insel taschenbuch)

Rezensionen zu "Nikolaus Nickleby (insel taschenbuch)"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Jan 2019 

    Gesellschaftskritik, wie sie wohl nur Charles Dickens kann

    Es gibt Autoren, denen man als Literaturnerd einfach nicht aus dem Weg gehen kann – sei es, weil man ihre Geschichten in unzähligen Formen und Adaptionen aus Film und Fernsehen kennt oder weil sie prägend für eine ganze Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern war. Beides trifft auf Charles Dickens zu. „Seinem“ Geizhals Ebenezer Scrooge begegnet man spätestens jedes Jahr um die Weihnachtszeit.

    Nun begab es sich, dass – nein, hier folgt nicht die Nacherzählung der biblischen Weihnachtsgeschichte. Aber regelmäßig wird um die Weihnachtszeit in einer großen Lesecommunity eine Klassikerleserunde veranstaltet, in der meistens (so auch in diesem bzw. letzten Jahr) eine Geschichte von Charles Dickens gelesen wird.

    Da ich bisher noch keinen Roman von Dickens zu Ende gelesen habe (ja ja, rollt ruhig ungläubig mit den Augen – ich stehe dazu *g*), bin ich zunächst mit Skepsis an „Nikolaus Nickleby“ herangegangen. Da ich dieses Mal jedoch auf die klassische Übersetzung von Gustav Meyrink verzichtet habe, war ich relativ schnell von der im Insel-Verlag erschienenen Übersetzung überzeugt und kann nun (um auf den Kern der Sache zu kommen) mit Stolz verkünden, meinen ersten komplett gelesenen Roman von Charles Dickens erfolgreich beendet zu haben (danke für den imaginären Applaus *g*).

    Okay, zur Handlung muss man nicht viel sagen, von daher kann ich mich voll und ganz auf meine Leseeindrücke konzentrieren.

    Zunächst fallen einem beim Lesen von Charles Dickens die teilweise endlos langen, verschachtelten Sätze auf (die auch gerne mal eine halbe Seite beanspruchen), deren Kern man bestimmt mit weniger als der Hälfte an Wörtern erklären könnte. Aber diese Schachtel- und Endlossätze machen einen Teil des „Reizes“ von Charles Dickens aus und als Kafka- und Proustleser ist man eh schon „Kummer“ gewöhnt *lol*.

    Dann sollte bzw. muss die geneigte Leserschaft sehr aufmerksam lesen, um die Ironie, die Charles Dickens seinen Charakteren oder auch der Erzählstimme in den Mund legt, zu erkennen und nicht alles für „bare Münze“ zu nehmen – eine Herausforderung, die Spaß macht, die einem manchmal aber auch das Grinsen im Gesicht „einfrieren“ lässt, weil man nicht glauben will, wie ein seriöser, durch und durch britischer Autor sich zu manch frechen Äußerung verleiten lassen konnte. Wenn man allerdings auf den britischen Humor im Allgemeinen und dann (im weiteren Verlauf der Jahrhunderte) auf Monty Python guckt, wundert einen nix mehr *breit grins*.

    Ironie hin oder her: Charles Dickens übte Gesellschaftskritik am laufenden Band (so sind es bei „Nikolaus Nickleby“ vor allem fragwürdige Erziehungseinrichtungen sowie Urheberrechtsfälschungen, was ich ziemlich „bemerkenswert“ finde, dass schon damals die Urheberrechte missbraucht wurden – eine nach wie vor aktuelle Debatte).

    Apropos aktuell: bei manchen von Charles Dickens bzw. seinen Protagonisten getätigten Aussagen fragt man sich tatsächlich, ob der Roman im 19. Jahrhundert oder in der Neuzeit spielt, was nachfolgendes Zitat beispielhaft zeigen soll:

    „Und so ereignen sich täglich um uns herum Fälle von Ungerechtigkeit, von Unterdrückung, von Tyrannei und von maßlosester Bigotterie. Gewöhnlich pflegt man laut der Welt durch Schreie der Entrüstung und der Verwundrung, die wie Trompetenstöße klingen, zu verkünden, daß die Täter solcher Handlungen der öffentlichen Meinung so ganz und gar Hohn sprechen. Aber man tut ihnen unrecht, wenn man ihnen allein die Schuld zur Last legt, denn derartige Dinge könnten nicht stattfinden und die große Welt in starres Erstaunen versetzen, wenn sie dabei nicht den Beifall ihrer eignen kleinen Welt für sich hätten.“ (S. 441)

    Es gibt scheinbar Dinge, die sich (menschlich gesehen) nie ändern werden…

    Die von Charles Dickens gezeichneten Charaktere sind entweder gut oder böse oder einfach nur nervig :-). Da die geneigte Leserschaft bei 1000 Seiten viel Zeit hat, sich auf die Figuren einzulassen, bleibt die Erkenntnis der Entwicklung der ein oder anderen Person unumstößlich. Überhaupt gibt es viele Rand- und Nebenfiguren bei Charles Dickens. Die einen sind (für die Handlung) im weitesten Sinne wichtig, die anderen tauchen erst gar nicht wieder auf, wenn sie mit ihrer „Rolle“ fertig sind. Dem Einen oder der Anderen mag das manchmal zu viel sein; mir hat es jetzt nicht so ein Kopfzerbrechen bereitet.

    Manch Szene wirkt beim lesen überflüssig (die ein oder andere ist es wahrscheinlich auch), trotzdem ergibt alles am Ende ein großes Ganzes – und das ist in diesem Fall (für mich) ein unterhaltsamer Klassiker und bekommt daher verdiente 5*.