Die heldenhaften Jahre der Kirschkernspuckerbande: Roman

Rezensionen zu "Die heldenhaften Jahre der Kirschkernspuckerbande: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Jun 2017 

    Ich liebe die Kirschkernspuckerbande!

    Piet und seine Kirschkernspucker-Freunde aus alten Zeiten müssen sich auch mit 40 Lebensjahren noch den Widrigkeiten des Lebens stellen. Die lang ersehnte Lebensweisheit und eine lässige Abgeklärtheit lassen leider auf sich warten. Stattdessen winken die erste Midlife-Crisis, eine späte Schwangerschaft, die immer wieder turbulente Liebe und die Rettung eines vernachlässigten Mädchens. Wenn dazu die eigenen Kinder genauso viel Mist bauen wie man selbst früher, ist das Chaos komplett. Aber mit guten Freunden ist alles zu schaffen. Sogar das Leben.

    "Ich weiß nicht, ob die Wet wirklich immer schlimmer wird, ob die Menschen tatsächlich immer gröber und kaputter werden oder ob es mein Alter ist, das mich die Dinge anders wahrnehmen lässt. In den letzten zehn Jahren habe ich so viel Verwahrlosung bei den Menschen gesehen, so viel alleingelassene Kinder, so viel Kälte, Egoismus und Dummheit, dass ich dazu tendiere, zu glauben, dass die Welt generell den Bach runtergeht. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur ein alter Mann geworden und habe in den Früher-war-alles-besser-Modus geschaltet, den ich bis vor kurzem an alten Männern immer so furchtbar gefunden habe." (S. 6/7)

    Ja, Piet ist älter geworden. Bereits seinen 50. Geburtstag feiert er im Prolog - wobei: von Feiern kann eigentlich nicht die Rede sein. Zwar sind alle seine Freunde, die Familie und selbstredend die Kirschkernspuckerbande versammelt, doch Angst und Unsicherheit prägen die Szene, und draußen zuckt das Blaulicht. Keine Band, die die ollen Hits spielt, sondern stattdessen eine Durchsage der Polizei: 'Dies ist die letzte Warnung. Sie haben fünf Minuten, um...' Doch der Prolog verrät noch nicht, was da los ist - er präsentiert nur eine ähnlich schräge Eingangsszene wie schon in Band eins.

    Das erste Buch endete mit dem Erreichen des 40. Lebensjahres der Freunde, Band zwei setzt nahtlos an dieser Stelle an und begleitet die Kirschkernspuckerbande durch ein weiteres Jahrzehnt. Einen besonderen Stellenwert erhält dabei das Silvesterfest in jedem Jahr, denn seit dem Begräbnis von einem ihrer Freunde treffen sich die anderen samt Anhang stets am letzten Tag des Jahres, um ihres toten Freundes zu gedenken - und einfach, um sich wieder einmal alle zu sehen. Im Alltag ist dies nämlich nicht immer leicht, auch wenn einzelne der Kirschkernspuckerbande sich auch sonst schon mal begegnen.

    Midlife-Crisis, pubertierende Kinder und einfach das Leben machen es nicht unbedingt leichter für Piet, Susanne, Sven, Petra und Dille. Obwohl es Piet und Susanne gut geht mit ihrer kleinen Tochter, versinkt Piet unmerklich in einer Sinnkrise. Sven lebt sich mit seinem Mann Jörn allmählich auseinander - während Sven als Theaterregisseur gerade ganz groß durchstartet, führt der arbeitslose Jörn den Haushalt und fühlt sich zunehmend ungesehen. Ein Pflegekind soll helfen, den Riss zwischen den beiden zu kitten. Petra und Dille können nicht mit- und nicht ohneeinander. Sie streiten sich oft wie die Kesselflicker und sind mit der ungeplanten späten Schwangerschaft Petras fast überfordert. Dille probiert laufend neue Aktivitäten aus, weil er ständig das Gefühl hat, im Leben zu kurz zu kommen. Und Petra - sucht die Liebe.

    "Ich war mir sehr wohl der Tatsache bewusst, dass Anita das hatte, was man eine psychische Störung nennt. Doch Anita war immer gut gelaunt, sie war voller Energie und Neugier und einer atemberaubenden Offenheit für alles und jeden. Sie war glücklich. Konnte es eine Störung sein, sein Glück gefunden zu haben?" (S. 191)

    Den Leser erwartet hier wieder eine turbulente Mischung, die Begegnung mit einigen anderen besonderen Menschen eingeschlossen. Mit Adolf z.B., dem skurrilen WG-Partner von Petras und Dilles Zwillingen. Oder auch mit Anita, der langjährigen Freundin des verstorbenen Freundes der Kirschkernspuckerbande. Lebendig erzählt Gernot Gricksch hier wieder, wie es im Leben so laufen kann - nachdenklicher als im ersten Teil, aber wieder wunderbar lebensbejahend. Humorvoll, warmherzig, berührend - und fast schon hat man das Gefühl dazuzugehören. Ich habe es wieder sehr genossen...

    "Ich hoffe, die Kirschkernspuckerbnde hat Sie (wieder) amüsiert und berührt. Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut, als die schräge Truppe elf Jahre nach ihrem ersten Abenteuer plötzlich wieder vor meinem inneren Auge auftauchte und Einlass in meinen Kopf begehrte. Erst beim Schreiben habe ich bemerkt, wie sehr ich diese Querköpfe vermisst habe." (S. 315)

    Da bleibt nur zu hoffen, dass die Kirschkernspuckerbande hartnäckig bleibt und Gernot Gricksch dazu bewegt, bald wieder einmal von ihren Erlebnissen zu berichten. So - in zehn Jahren vielleicht? Ich würde mich jedenfalls sehr freuen!

    Für dieses Buch gibt es wieder eine klare Empfehlung - verbunden mit dem Hinweis, unbedingt mit Band eins zu beginnen, da es hier viele Bezüge zu den vorherigen Ereignissen gibt. Also: ran an die Kirschkernspuckerbande!

    © Parden