Die Kriegerin: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Kriegerin: Roman' von Helene Bukowski
5
5 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Kriegerin: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: Blumenbar
EAN:9783351051075

Rezensionen zu "Die Kriegerin: Roman"

  1. Bewegendes Portrait zweier verletzter Seelen

    "Das sie Blumen aus Papier faltete, während Soldaten und Soldatinnen zur gleichen Zeit ihre Waffen benutzten, kam Lisbeth absurd vor."

    Lisbeth sieht keinen Ausweg mehr. Sie flüchtet ganz spontan aus ihrer Wohnung. Lässt ihr Kind und ihren Freund zurück. Ihr Rückzugsort ist ein Bunglow an der Ostsee. Hier trift sie die Kriegerin wieder. Auch sie scheint auf der Flucht zu sein. Doch was hat beide Frauen so tief verletzt, dass sie nur Trost beieinander finden können?

    Die Autorin hat die Geschichte rund um Lisbeth und der Kriegerin wie eine Blume geschrieben. Langsam wird das Schicksal der beiden jungen Frauen entblättert bis man schließlich zum Kern vorstößt. Der Weg dahin, ist gepflaster von Dialogen, Briefen und Träumen. Am Anfang kan man die Handlung von Lisbeth nicht nachvollziehen, doch nach und nach, wird ihre Motivation immer etwas deutlicher. Und auch die Kriegerin scheint zunächst stark und unnahbar. Aber nichts ist eben so, wie es scheint.

    Ein sehr ruhiges Buch, über das Schicksaal zwei verletzter Frauen. Ich habe es gerne gelesen und mochte den Ton der Autorin sehr.

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  1. Die andere Seite der Macht

    !ein Lesehighlight 2022!

    Klappentext:

    „Lisbeth und die Kriegerin kennen sich seit der Ausbildung bei der Bundeswehr. Sie haben sich für das Militär entschieden, weil sie einen Körper wollen, der nicht verwundbar ist – als ließe sich der Welt nur mit einem Herzen begegnen, das zur Faust geballt ist. Dabei ist Lisbeth sehr empfindsam: ihre Haut reagiert auf Gefühle und Träume anderer Menschen; schützen kann sie sich nur, indem sie die Distanz wahrt. Als sich ein Feldwebel brutal von Lisbeth nimmt, was er will, schwindet auch diese Sicherheit.

    »Die Kriegerin« ist ein Roman über zwei Frauen, deren oberstes Gebot ist, sich nicht verletzlich zu machen. Helene Bukowski erzählt von den daraus entstehenden Wunden, der Gewalt, ihren Spuren und den Traumata – den erlebten, als auch den vererbten.“

    Autorin Helene Bukowski hat „Die Kriegerin“ verfasst. Es war mein erstes Buch von ihr. Hier und da las ich bereits in den höchsten Tönen von diesem Werk und nun konnte ich mich selbst davon überzeugen. Die beiden Protagonisten führen uns in diese Geschichte und es scheint wie ein Puzzle welches sich nach und nach vervollständigt wird und zum Schluss ein Bild ergibt. Wir steigen erst zum Ende des Buches wirklich hinter diese beiden Seelen und alles hat seine Bedeutung. Lisbeth und die Kriegerin sind zwar sensible Menschen aber sind wir das nicht alle? Wie gehen wir mit seelischen Verletzungen um? Gerade mit denen, mit denen man nicht rechnet, die einem so um die Ohren gehauen werden. Es muss nicht immer etwas großes sein was dazu führt verletzt zu werden. Bei Lisbeth sind es auch kleine Dinge und deshalb ist sie noch lange kein Mimöschen. Zumal die beiden Protagonisten genau eines versuchen: ihre innere Schutzmauer zu halten. Die Frage ist dabei nur: Wir lange hält man das aus und auch stand?

    Bukowski führt uns durch verschiedene Briefe, Träume und auch Dialoge an die beiden Darstellerinnen heran. Durch diese Art bleibt immer eine gewisse Distanz zwischen uns Lesern und den beiden Damen und das finde ich sehr gelungen. Durch diese Distanz ist es auch uns möglich genügend eigene Gedanken walten zu lassen und ja, die Geschichte hallt nach jedem Beenden der Kapitel nach. Diese angesprochene Distanz zeigt aber eben auch diesen Schutzwall der beiden auf und es stellt sich die Frage: Wollen wir Leser durch diese hindurchdringen oder reichen uns die Geschehnisse um die beiden zu verstehen mit all ihrem Handeln? Die Freundschaft zwischen Lisbeth und Florentine (die Kriegerin) bleibt auch nach längerem fehlenden Kontakt bestehen. Beide teilen ihre Emotionen und ihre Ängste - auch die, die der Krieg oder gewisse Auslandseinsätze den Beiden beschert haben. Diese Erfahrungen schärfen auch ihre Sinne und manchesmal nicht gerade zum besten.

    Die Autorin hat es in meinen Augen bestens geschafft Realität, Wissen rund um das Soldatenleben inkl. Traumata, Gefühle und Emotionen jeglicher Art und eben auch die andere Seite der „Macht“ klar und deutlich auf den Punkt zu bringen. Ich schloss das Buch mit wahrlich großem Nachhall. Das Ende war für meine Begriffe gewaltig und auch hart und so musste es auch sein. Ihre Sprache ist klar und deutlich im wahrsten Sinne. Bukowski schwurbelt nicht herum oder redet um den heißen Brei. Sie benennt alles direkt und nüchtern. Ihre Geschichte hier ist wirklich besonders und verdient deshalb 5 von 5 Sterne. Ich spreche eine klare Leseempfehlung aus!

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  1. 5
    29. Sep 2022 

    Traumata und die Folgen

    Ja, was soll ich sagen. Auch mit ihrem neuen Buch, "Die Kriegerin" hat mich Helene Bukowski wieder erreicht. Denn diese intensive Schreibe, die mich ja schon bei Helene Bukowskis ersten Buch "Milchzähne" so gefesselt hatte, kehrt auch bei ihrem zweiten Roman "Die Kriegerin" wieder. Helene Bukowski wirft in ihrem Buch "Die Kriegerin" einen Blick auf ein intensives Aufeinandertreffen von 2 Frauen, ebenso wie dieses Buch auch ein tiefgründiger Blick auf das Leben mit Traumata ist und erzeugt in mir eine Stimmung, die mich das Buch wie in einem Sog inhalieren ließ.
    Traumatische Erfahrungen bestimmen diese beiden Frauen und beide reagieren auf diese Erfahrungen. Doch wie reagieren sie, die eine, Lisbeth, flieht vor dem Zuviel, was sie erdrückt, was sie triggert, was sie blühen lässt, bzw. ihre Haut blühen lässt. Und dabei begeht sie den Fauxpas, den eine Frau begehen kann, sie verlässt ihr eigenes Kind. Dies wird die Leserschaft sicherlich triggern. Hut ab vor Helene Bukowski dieses Thema im Buch anzusprechen. Mich hat dieses Verhalten nicht getriggert. Ich wollte eher wissen, warum Lisbeth macht, was sie macht, ohne Lisbeth zu verurteilen. Und Helene Bukowski dröselt natürlich die Ursachen auf, auch wenn man schon etwas psychologisches Verständnis braucht, um diese Reaktion des Charakters Lisbeth vollkommen zu verstehen.
    Als Lisbeth vor ihrem sie erdrückenden Zuhause in den Bungalow an der Ostsee flieht, der früher in der Kindheit Urlaubsziel war, begegnet ihr durch einen Zufall die Kriegerin wieder. Früher in der Grundausbildung in der Bundeswehr lernten sich beide Frauen kennen, sie näherten sich aneinander an, eine Freundschaft entstand, vielleicht auch mehr, ein traumatisches Geschehen reißt sie aber wieder auseinander. Denn ihre unterschiedlichen Reaktionen auf das Trauma trennen sie wieder. Jetzt, viele Jahre später treffen sie zufällig wieder aufeinander, reden miteinander über das zwischenzeitlich Geschehene, bemerken die Veränderungen aneinander, verzweifeln aneinander, trennen sich, treffen sich. Das Leben tobt. Lisbeth und die Kriegerin oder Florentine versuchen einander/das Handeln der Anderen und auch das eigene Handeln zu verstehen. Beide tragen ihre Traumata, beide versuchen damit zu überleben, dabei gelingt es Helene Bukowski schon beinahe irgendwie spielerisch und leicht diese tiefgreifende Thematik auszuzeichnen. Ihre Blicke auf die verletzten Gestalten sitzen und zeichnen messerscharf die Psychogramme der beiden Frauen und lassen die Thematik der Traumata, aber auch einen feministischen Ansatz durch die Geschichte schwingen. Ein intensives Buch, ein nachhallendes Buch, ein Buch, welches die Leserschaft beschäftigt. Und ein Buch, dem ich viele Leser wünsche. Helene Bukowski ist eine Autorin, der ich viele Leser wünsche, denn ihre Bücher haben für mich genau die richtige Intensität, die ein Nachdenken über das Gelesene erzwingt und ein Nachhallen erzeugt.

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  1. 5
    13. Sep 2022 

    Was ist Stärke oder: Die Einsamkeit nach dem Einsatz

    Lisbeth ist hypersensibel – nicht nur leidet sie an Neurodermitis, sie ist auch empfänglich für die Stimmungen und Gefühle ihrer Mitmenschen, die sich auf ihrer Haut niederschlagen. Um gegen ihre allzu große Durchlässigkeit gegenüber der Welt eine Abwehr aus körperlicher Stärke aufzurichten, betreibt sie zunächst Leistungssport und entscheidet sich dann, zur Bundeswehr zu gehen. Dort lernt sie „Die Kriegerin“ kennen, der von ihrer kriegstraumatisierten Oma eingebleut wurde, sich niemals verletzlich zu machen.

    Ein traumatisches Erlebnis bewegt Lisbeth dazu, die Grundausbildung abzubrechen und wieder in ihrem erlernten Beruf als Floristin zu arbeiten. Ein typischer Frauenberuf, Blumen versus Gewalt? Die Floristerei ist ein Knochenjob im Dienste der Ästhetik. Um 6 Uhr morgens auf dem Großmarkt Ware schleppen, Sträuße binden, bis die Finger schmerzen, dicke Vasen stemmen, die täglich neues Wasser benötigen, rauhe Hände mit Schwielen und Schnittwunden – Bukowski hat ihre Recherche-Hausaufgaben gemacht und zerlegt genüsslich das Klischee des zarten weiblichen Schöngeistes.

    Wir begegnen Lisbeth in dem Moment, in dem sie Partner und Kind verlässt, um an die Ostsee zu flüchten – sie ist durch die Großstadt (Berlin) und die permanente Nähe in der Partnerschaft überfordert. Mit ihren Eltern pflegte sie jedes Jahr am Meer Urlaub zu machen. Nur dort, in der salzigen Luft, konnte ihre Haut heilen. Am früheren Urlaubsort begegnet Lisbeth der Kriegerin wieder, die sich damals für 12 Jahre verpflichtet hat. Die vier Teile des Romans liegen jeweils zwei oder drei Jahre auseinander und decken somit etwa diesen Zeitraum ab. In den Jahren nach ihrer Flucht wird Lisbeth als Floristin auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten und ihren Landurlaub mit der Kriegerin verbringen. Diese, so stellt sich allmählich heraus, leidet unter einer uneingestandenen posttraumatischen Belastungsstörung. Beide Frauen bleiben sprachlos, auch miteinander.

    Regretting Motherhood – in Deutschland schon immer ein besonders tabuisiertes Thema. Mit Lisbeth, einer Mutter, die ihr Kind ohne Bedauern verlässt, bürstet Bukowski ihre LeserINNen kräftig gegen den Strich. Aber auch das Konzept weiblichen Empowerments nimmt sie auseinander. Ihre beiden Heldinnen machen sich dafür (in Ermangelung von Alternativen) traditionelle männliche Verhaltensweisen zu eigen – nicht fühlen, nicht sprechen, allein fertigwerden wollen. Das führt nicht zu Stärke, sondern Richtung Burn-out.

    Die Kriegerin macht sich immerhin Luft über lange Briefe aus dem Einsatz, kursiv gesetzt, die sie an Lisbeth schreibt. Darin offenbart sie, was sie wirklich umtreibt: Die Zusammenarbeit mit „Kameraden“, die sie dissen, weil sie nicht im Stehen pinkeln kann und somit in einer Kampfsituation eine besondere Schwachstelle aufweist. Die Einsätze in Afghanistan, die aus einer unwirklichen Mischung aus Gefahr, Anspannung und Langeweile bestehen. Die Bilder, die sie aus Kampfsituationen mitnimmt und nicht mehr loswird. Dass weibliches Empowerment nicht mit männlichen Strategien funktionieren kann, belegt Bukowskis zweiter Roman sehr eindrucksvoll.

    Das tut er in einer knappen, schnörkellosen Sprache, der Erzählton ist kühl und distanziert. Dennoch wird sie fühlbar, die Einsamkeit der Bundeswehr-VeteranINNen nach dem Einsatz. Bukowskis Roman wirft ein Schlaglicht darauf und lässt sich nicht so leicht vergessen.

    Zum Ende hin gibt es bei beiden Heldinnen eine Entwicklung: Zum Guten bei der einen und eskalierend bei der anderen. Die Auflösung hat mir nicht so recht eingeleuchtet – sie war mir nicht gut genug vorbereitet und ein wenig zu glatt.

    Dennoch: Bukowski wagt sich souverän auf ein wenig beackertes Themenfeld in der deutschen Literatur vor. 4,5 Sterne, aufgerundet auf 5. Lesenswert!

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  1. 5
    10. Sep 2022 

    Die (unglaublich authentische) Kriegerin

    In der deutschen Literaturwelt noch ein relativ unberührtes Thema aufzugreifen ist nicht so einfach. Zu fast allem ist schon vieles gesagt. Ein literarisch hochwertiger Roman über zwei Soldatinnen wirkt da regelrecht frisch und unverbraucht. Lisbeth hat ihre Grundausbildung bei der Bundeswehr vor vielen Jahren zusammen mit „Der Kriegerin“ absolviert. Die Kriegerin erhielt ihren Spitznamen in ebenjener Grundausbildung und behielt ihn seitdem. Während Lisbeth mittlerweile als Floristin arbeitet und gerade eben vor ihrem Leben in der Kleinfamilie mit Partner und Kleinkind geflohen ist, hat sich die Kriegerin für 12 Jahre verpflichtet und verbringt kaum ihre Zeit in Deutschland. Auf verschiedensten Auslandseinsätzen ist sie schon gewesen. Zuletzt ist es immer wieder Afghanistan, wohin sie geschickt wird. Nach vielen Jahren treffen sich nun die beiden zufällig im Winter an der Ostsee wieder und vertiefen eine zwischenzeitlich abgekühlte Freundschaft.

    Sehr langsam und bedächtig erzählt Bukowski davon, was sogenannte „friedenssichernde Auslandseinsätze“ mit den Soldaten und Soldatinnen psychologisch machen. Denn dieser Roman ist über einen längeren Zeitraum erzählt. Immer wieder in regelmäßigen Abständen treffen sich Lisbeth und Die Kriegerin wieder, immer mehr sieht man dem psychischen Veränderung Der Kriegerin zu und steht dem ebenso hilflos wie Lisbeth gegenüber. Lisbeth, die an Neurodermitis leidet, einer Erkrankung, die so stark wie kaum eine andere psychosomatisch ihre Spuren hinterlässt. Die eigenen aber auch die psychischen Belastungen anderer schreiben sich in die Haut von Lisbeth ein. Durch Rückblicke erfahren wir Stück für Stück, was mit Lisbeth über ihr Leben hinweg passierte, bis zu dem Punkt, an welchem sie ihre Familie verlassen hat. Der Ausgangspunkt des Romans. Gleichzeitig treibt die Autorin die Handlung um Die Kriegerin voran und lässt alles auf ein spannendes Finale hinauslaufen.

    Zwischendurch kommt es zu ein, zwei recht großen Zufällen, die den Plot vorantreiben und zum Schluss wird geht alles dann gefühlt sehr schnell. Mir hätte ein durchgängig ruhiger Erzählstil mit einem methodischen Freilegen der Vergangenheit und der Auswirkungen auf die Psyche der Personen in der Gegenwart etwas besser gefallen, als es dann letztlich die Autorin mit dem angezogenen Erzähltempo gelöst hat. Geschenkt.

    Das ist nur Gemecker auf hohem Niveau, denn insgesamt beleuchtet der Roman ein bisher übersehendes Themengebiet dermaßen authentisch und mitreißend, dass ich die volle Punktzahl dieser wichtigen Geschichte nicht vorenthalten will. Mich hat der Roman von Helene Bukowski gepackt und in eine emotionale Achterbahn gesteckt. Es ist gut, dass es Frauen in der Bundeswehr geben darf, und gleichzeitig bedarf es einer tiefgründigen Auseinandersetzung damit, was dies speziell zur Folge haben kann. Viele Eindrücke im Kampfeinsatz werden wohl bei allen Beteiligten eine ähnliche Wirkung haben, aber manche davon sind nun einmal spezifisch weiblich und sie gehören benannt. Umso besser, dass sich Bukowski nun damit beschäftigt.

    Meines Erachtens handelt es sich hierbei um ein definitiv empfehlenswertes, sehr gut recherchiertes Buch. Der Roman legt den Finger in verschiedene traumatische Wunden von Frauen, oder um im Koordinatensystem des Romans zu bleiben: er kratzt immer wieder die Wunden auf, die scheinbar in der (weiblichen) Menschheitsgeschichte nie verheilen und sich immer wieder entzünden.

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