Der Report der Magd: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Report der Magd: Roman' von Margaret Atwood
5
5 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Report der Magd: Roman"

Die provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben: Die Dienerin Desfred besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können, nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe, auf Leben ... Margaret Atwoods "Report der Magd" wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation und von Volker Schlöndorff unter dem Titel "Die Geschichte der Dienerin" verfilmt.

Format:Taschenbuch
Seiten:416
EAN:9783492311168

Rezensionen zu "Der Report der Magd: Roman"

  1. Dystopisches Meisterwerk

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Feb 2020 

    Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Margret Atwood mit „Der Report der Magd“ einen Roman geschaffen hat, der ganz verdientermaßen nicht nur viele Leser gefunden hat, sondern über seine Verfilmung in Form einer Serie („The Handmade’s tails“) auch das mehr zum sehenden Konsumieren neigende Publikum erreichen konnte. Nach mehr als 30 Jahren hat sich die Autorin nun mit „Die Zeuginnen“ der Geschichte noch einmal angenommen und eine Fortsetzung der spannenden Geschichte geschrieben. Diese Fortsetzung war für mich nun der letzte Anstoß, um den „Report der Magd“ endlich aus meiner ungelesenen Ecke zu erlösen und lesend in die Hand zu nehmen. Mich erwartete ein literarisch hochrangiger Pageturner, der mir eine düstere Zukunftsvision vor Augen führte, in dem sich die gesellschaftlichen Regeln, das Zusammenleben und die Freiheiten der Menschen gegenüber meiner Gegenwart entscheidend verändert haben. Die Menschen sind in dieser dystopischen Vision eingeteilt in ein funktionsbestimmtes Kastenwesen, das kein Ausbrechen ermöglicht und jegliche Grenzüberschreitung der Kastengrenzen, jegliches Infragestellen unmöglich macht bzw. dieses extrem hart bestraft. Die Funktion, die der ich-erzählenden Hauptfigur des Romans zugesprochen wurde, ist einzig und allein das Gebähren. Sie gehört einer sich in rot zu kleidenden Kaste an, die privilegierten Kommandeursehepaaren zugeordnet werden, um stellvertretend für nicht gebährfähige Ehefrauen dem Kommandeur zu ihm Respekt und Anerkennung verschaffenden Nachwuchs verhelfen sollen. Der dazu notwendige sexuelle Akt findet nach einem regelmäßig wiederholten, für alle Seiten entwürdigenden Ritual statt, das mit Gefühl, Würde und Wertschätzung auch nicht annähernd etwas zu tun hat. Aber dies ist doch der einzige Weg zum „Erfolg“, was auch immer Erfolg hier bedeuten mag.

    „Selig werden durch Kinderzeugen, denke ich. Was haben wir in der Zeit davor geglaubt, was uns selig machen würde?“ (S. 297)

    Das Gruseln über diese Art einer „menschlichen“ Gesellschaft hat sich für mich vor allem durch die individuelle Geschichte der Hauptfigur, die im Verborgenen in ihrem Denken immer präsent ist, verstärkt. Diese Geschichte findet in einer Zeit statt, die Atwood erkennbar in der Gegenwart ihres Schreibens in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts verortet. Damit lebt die spätere Magd vor Anbruch der geschilderten diktatorischen Zeit ein Leben mit Mann und Tochter, das sich von meinem eigenen nicht sehr entscheidend unterscheidet. Und das heißt im Umkehrschluss: Die im Roman geschilderte Geschichte ist natürlich fiktiv, könnte aber durchaus auch meine eigene geworden sein, wenn diktatorische Entwicklungen nicht abgewendet werden können sondern sich durchzusetzen wissen. Die Angreifbarkeit der heutigen Gesellschaft wird damit klar und deutlich vor Augen geführt:

    „Wir waren eine Gesellschaft, …. die an ihren zu vielen Möglichkeiten zugrunde ging.“ (S. 39)

    Bei aller Düsterheit im Leben der Magd und der Menschen ihrer Zeit ist der Roman aber nicht nur düster, sondern es ist auch immer ein Hauch von Hoffnung erkennbar. Denn zumindest ich habe immer auch das Brodeln gespürt, das unter der Oberfläche stattfindet und irgendwann der Souveränität und Würde des Menschen wieder ihren notwendigen Raum geben wird. (Oder war ich da zu idealistisch und naiv optimistisch?)
    Wird eine Revolte kommen? Wird ein Systemumschwung geschafft werden können? Oder kann sich dieses System festigen und halten?
    Diese brennende Frage steht vor mir, wenn ich bald die Fortsetzung des Romans – „Die Zeuginnen“ – in die Hand nehmen werde! Dass ich das tun werde, ist auf jeden Fall klar, denn dieser Roman hat mich mit Haut und Haaren und vor allem mit meinem Denken gepackt und wird mich lange nicht loslassen. Ich habe ein Stück Weltliteratur gelesen, dabei nicht nur lesbar, sondern spannender als jeder Thriller ist. Er berührt das Wesen unserer Gesellschaft, unseres Zusammenlebens und thematisiert, was wir verlieren können, wenn wir Würde und Menschlichkeit nicht im Zentrum unserer Gesellschaft zu verorten wissen.

  1. DISKREDITIERUNG DES WEIBLICHEN

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Okt 2019 

    Margaret Atwood sagte von ihrem 1985 veröffentlichten Roman The Handmaid’s Tale, „Das Wichtigste, was man über diese Gesellschaft, die in diesem Buch beschrieben wird, wissen sollte, ist, daß nichts neu ist, außer der Zeit, dem Schauplatz und ein paar Details. Die Taten sind alle irgendwann einmal irgendwo begangen worden.“

    Diese Aussage ist schockierend. Wann hat das angefangen, dieser Hass auf das Weibliche und der Versuch, Frauen auf ihren Körper und ihre Körperfunktionen zu reduzieren und Männer über das gesamte weibliche Geschlecht zu erheben?

    Nicht nur in streng patriarchalischen Sekten, also in religiösen Gruppierungen, sondern besonders auch in „den Geschäften mit Sex und Bodies“ werden Menschen, vornehmlich Frauen, aber nicht nur, in menschenverachtender Weise fast zu Tieren oder zu Robotern degradiert. Menschenhandel, Zwangsprostitution, alles das, ist auch heute noch an der Tagesordnung und sage mir niemand, Prostitution sei ein Beruf wie jeder andere. Kein Kind gibt als Berufswunsch „Prostituierte/r“ an. Wer leben in einer sexualisierten Gesellschaft. Selbst der Sport drängt Frauen in eine sexistische Nische.

    Es nimmt nicht wunder, dass eine Gesellschaft dagegen protestiert und dabei in das (scheinbar) andere Extrem verfällt. So wie Gilead, eine körperfeindliche Diktatur, die die Frauen jeglicher Rechte beraubt hat, nicht einmal Besitz dürfen sie haben, nicht lesen, nicht schreiben, keinerlei Beschäftigung nachgehen. Zu ihrem eigenen Besten natürlich. Was in patriarchalischen religiösen Regimen erschwerend dazu kommt, ist, dass gut böse und böse gut genannt wird. Davon handelt der Roman.

    Margaret Atwood schreibt in gewohnt witziger Manier, wie ich es schon von der MaddAddam-Trilogie gewohnt bin, zwar einen relativ emotionslosen, aber dennoch aufwühlenden Roman. Zuviel Religion? Vielleicht. Zu viel Patriarchat? Auf jeden Fall! Man fragt sich heute, woher der Zulauf der Menschen zum Islam kommt, vor allem der weiblichen Konvertiten, die in dieser Religionsgemeinschaft streng reglementiert werden und den Männern in Absolutheit nachgeordnet sind. Andererseits kommt der Kampf der Geschlechter, der viel Leid im menschlichen Beziehungsgeflecht verursacht, zum Ende. Und jede Gemeinschaft, in der die Machtverhältnisse ungleich verteilt sind, ist pervertierbar.

    FAZIT: Der uralte Hass auf das Weibliche ist auch heute nicht überwunden. Nachdenkenswerter Roman, der einen lehrt, die Demokratie gegen jeden Versuch, sie zu unterlaufen, ob von rechts, von links oder aus der Mitte, zu verteidigen.

    Kategorie: Anspruchsvoller Roman
    Verlag: Neuauflage. Piper 2019

  1. Desfreds düstere Welt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Apr 2019 

    Nach der Lektüre von "Der Report der Magd" von Margaret Atwood kann ich wieder nur staunen, was für ein unglaubliches Talent zum Schreiben diese Autorin hat. Ein mich derartig packendes Buch hatte ich schon lange nicht mehr, aber gut, das wird auch an diesem schon extrem düsteren Thema liegen und noch mehr daran, wie die Atwood das literarisch umsetzt. Perfekt gemacht in meinen Augen. Nun ist das Buch schon vor vielen Jahren erschienen (1985; deutsch 1987), man könnte denken es hätte einen etwas altbackenen Charme. Aber nein, ganz im Gegenteil, die Thematik passt sogar sehr gut in die heutige Zeit, hat ihre Relevanz nicht wirklich verloren, sondern eher in meinen Augen noch an Relevanz gewonnen. Gerade in den letzten Jahren hat es auf der Bühne der Welt viele Ereignisse gegeben, die mich etwas erschrecken lassen, mich sogar an der Intelligenz der Gattung Mensch zweifeln lassen. So dass vieles aus diesem Buch seine Entsprechung in der heutigen wie auch vergangenen Zeit findet. Gerade auch das Thema der Unterdrückung von Frauen in dieser patriarchalen Welt des Buches findet durchaus auch seine passenden Übereinstimmungen in heutigen wie auch vergangenen Zeiten quer über unseren Erdball verteilt. Und gerade das macht dieses Buch noch eine Spur düsterer in meinen Augen. Und obwohl das Buch eine Dystopie ist, wirkt manches in ihm gar nicht dystopisch, sondern erschreckend real!

    Zur Handlung: Die Erzählerin, Desfred, beschreibt ihr Leben als Magd im Hause ihres Kommandanten Fred im Staate Gilead. In diesem Staat Gilead, der auf dem Boden der heutigen USA angesiedelt ist, haben nach einer Naturkatastrophe, die einen größeren Teil der Welt verstrahlt hat, religiöse Fanatiker in einem Staatsstreich die Macht an sich gerissen. Die Bevölkerung wird durch Sicherheitskräfte dieser Fanatiker überwacht, ist in verschiedene Klassen gespalten, die durch den vorgeschriebenen Kleidungsstil ihrer weiblichen Mitglieder erkennbar sind. Durch die erwähnte Naturkatastrophe ist ein großer Teil der Bevölkerung verstrahlt und zeugungsunfähig, um ihr Volk zu erhalten müssen alle zeugungsfähigen Frauen als Mägde "arbeiten", müssen der höhergestellten Schicht zu Diensten sein, müssen empfangen, müssen gebären, haben ihre ehemaligen Namen/ihre Identität verloren, tragen nur noch eine Besitzangabe als Namen, Desfred, Deswarren, Desglen. Bei einer Weigerung der jeweiligen Frau könnte die Strafe ein Leben in den verstrahlten Kolonien sein, also ein langsames Sterben. Des Weiteren sind den Frauen arbeiten, der Besitz eines Kontos, lesen, schreiben, kommunizieren, ein selbstständiges Leben führen verboten, sie sind dem Manne untertan und verpflichtet ein sittsames/züchtiges Leben zu führen. Überwacht wird die Bevölkerung durch allgegenwärtige Sicherheitsorgane, die bei einem Zuwiderhandeln gegen das geltende Gesetz schreckliche Strafen gegen die Bevölkerung einsetzen, oft den Tod, hier zynisch die Errettung genannt. Ein Klima der Angst vor Repressalien und vor der Spionage deiner Mitbürger herrscht. Eine schreckliche Welt! noch schrecklicher ist es für Desfred, da sie sich noch an eine Zeit davor erinnern kann. In diesen Rückblicken berichtet sie wie es dazu kommen konnte. Und in diesen Erinnerungen tauchen auch ihr Mann Luke und ihre Tochter auf. Furchtbar!

    Diese Art der Geschichte ist schon schwer für die Leser zu ertragen, dazu erinnert noch vieles Geschriebene an Jetziges und Vergangenes und immer mehr erkennt man beim Lesen, dass das zwar eine Fiktion ist, aber vieles in den Köpfen von realen Menschen wiederzufinden ist. Und damit gewinnt das Buch eine unheimliche Relevanz und fördert beim Lesen eine gewisse Angst, aber auch einen starken Protest.

    Die Sprache der Atwood ist wie immer köstlich, man merkt ihr den Spaß an der Sprache an und das trotz der Übersetzung. man merkt diesen Tanz/dieses Spiel mit den Wörtern, dieses Gefühl für den Klang. Und das gefällt ungemein! Und ihr köstlicher, oft etwas zynischer Humor und eine bissige Sprache machen Spaß und lassen diese grausame Geschichte etwas leichter werden.

  1. Die Schwalbe und der Bastard

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Mär 2019 

    Gilead ist eine theokratische Diktatur irgendwo im nordamerikanischen Raum. Frauen sind in strenge Klassen eingeteilt. Ehefrauen, Marthas (Dienstbotinnen) und Mägde. Die Aufgabe der Mägde ist es zu gebären, denn der Großteil der weiblichen Bevölkerung ist unfruchtbar. Der Report der Magd ist die Geschichte von Desfred, ein aufrüttelndes Zeugnis von Unterdrückung und Einschränkung aber auch dem Mut vor dem Ungewissen.

    Was ist wohl schlimmer, in einem autoritären Regime aufzuwachsen und nie etwas anderes gekannt zu haben, oder sich an eine Zeit „davor“ zu erinnern? Desfred hatte ein Leben davor, einen Job, einen Mann, ein Kind, einen Namen. Jetzt hat sie nichts, was sie „mein“ nennen möchte. Unter der strengen Aufsicht der Ehefrau, den Wächtern und Tanten, die zur Umerziehung berufen sind, darf sie im alltäglichen Leben nur zum Einkaufen oder Errettungen, wie Hinrichtungen euphemistisch genannt werden, gehen. Das Gewand der Mägde ist rot, von Kopf bis Fuß, wie das Blut, das sie verkörpern. Eine weiße flügelartige Haube verhindert, diesen Frauen direkt ins Gesicht sehen zu müssen. Mägde tragen keinen eigenen Namen, sie führen den Namen ihres Kommandanten mit dem Zusatz „des“: Desfred, Desglen, Deswarren…So sind die Mägde austauschbar, wenn sie ihre Funktion erfüllt haben. Der Fortpflanzungsakt erfolgt im Beisein der Ehefrau, die Geburt eines Kindes ist ein fast öffentliches Schauspiel. Serena Joy, die Ehefrau des Kommandanten erscheint wie ein Fanal an Moral und Tugend, der Kommandant selbst setzt sich über alle Vorschriften hinweg und benutzt Desfred zu eigenen Zwecken. Die Tanten im Umerziehungslager stacheln die Frauen auf, sich für frühere sexuelle Übergriffe selbst die Schuld zu geben.

    Desfred erinnert sich immer wieder an ihr Leben zuvor, erst spät im Buch erfährt, wie sich das Regime entwickelt hat. Der Schluss lässt zwar viele Fragen offen, ist aber durch einen Blick in eine weiter entfernte Zukunft sehr gut gelöst. Auch wenn das Buch schon 1985 geschrieben wurde und als ein Klassiker der feministischen Dystopie gilt, ist es erschreckend in seiner Brisanz. Aufrechterhaltung traditioneller Werte vs. sexuelle Verfügbarkeit, einer der mächtigsten Männer westlichen Welt rühmt sich seiner Macht gegenüber Frauen („grab them by the pussy“), Gesetzgebung zur Geburtenkontrolle und Abtreibung liegt immer noch fest in männlicher Hand: Alles was in Gilead in übersteigerter Form passiert, ist nichts, was es nicht gibt. Immer noch.

    (Gewünscht hätte ich mir eine kleine Anmerkung zu dem immer wiederkehrenden lateinischen Zitat: „Hirundo maleficis evoltat“, weil der küchenlateinsche Kalauer im Englischen nicht funktioniert. Aber Google ist mein Freund. Im Originaltext steht „Nolite te bastardes carborundorum' was im Dog Latin „Don‘t let the bastards grind you down“ bedeutet. Da gefällt mir die fliehende Schwalbe eigentlich sowieso besser)