Sechs Koffer: Roman

Rezensionen zu "Sechs Koffer: Roman"

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 05. Jun 2019 

    Wer hat den Tate auf dem Gewissen?

    Ich mochte Maxim Biller beim "Literarischen Quartett" immer sehr, weshalb ich jetzt mal ein Buch von ihm lesen wollte. Zusätzlicher Anreiz war natürlich, dass der Roman auf der Shortlist des "Deutschen Buchpreises" stand.

    Bei dem Buch handelt es sich um eine Autofiktion, in der uns der Autor an seiner Familiengeschichte teilhaben lässt. Wer aus der Familie hat den Großvater verraten, so dass dieser hingerichtet wurde?

    Der Frage nach dem Verrat wird eher nebensächlich nachgegangen. Im Fokus steht nahezu nur Alltägliches.

    Ich wollte den Roman wirklich mögen, aber zum Schluss war ich einfach nur froh, dass er zu Ende war.

    Mir waren leider alle Figuren zu eindimensional. Mit niemanden wurde ich so recht warm oder hatte Verständnis für dessen Handeln.

    Die Emigration der Familie wird auch nur am Rande erwähnt. Gründe erfährt man keine dafür, aber ich gehe davon aus, dass sie politischer Natur waren.

    Der Schreibstil und die Wortwahl von Biller waren alles andere als schlecht, aber die Handlung hat mich leider schlichtweg gelangweilt.

    Leider hat mir auch die fehlende Offenbarung nicht gefallen, denn wir erfahren nichts darüber, wer denn nun der Verräter war, sondern können lediglich Vermutungen anstellen.

    Fazit: Sicherlich nur etwas für Biller- Fans. Ich kann leider keine Leseempfehlung aussprechen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Feb 2019 

    Familiengeheimnisse

    Der Enkel versucht in diesem Roman Licht in das Dunkel der Geschichte zu bringen, versucht einen klärenden Blick auf den Tod seines Großvaters. Und gleichzeitig ist dieses dünne Buch auch eine Familiengeschichte. Und bei der Schilderung der Familiengeschichte, seiner Familiengeschichte, entfacht der Autor einen starken Sog, eine immense Kraft. Es wird gesagt dieses Buch polarisiert stark, aber vielleicht ist es auch der Autor selbst mit vielen seiner zurückliegenden Aktionen. Ich gehöre zu denjenigen denen das Buch gefallen hat und für mich ist es auch ein Roman mit keinem vollkommen offenen Ende. Es gibt für mich im Buch schon deutliche Hinweise für eine Klärung, aber nichts Deutliches, nichts gänzlich Genaues. Aber egal. Dieses Herausarbeiten der verschiedenen Sichten auf das vergangene Geschehen und auch das Offenlegen verschiedener Missverständnisse innerhalb dieser Gruppierung von miteinander verwandten Menschen ist schon in einer geschickten Weise erfolgt und das auf diesen wenigen Seiten. Eine herausragende Leistung!!! Obwohl sich der Autor auf den ersten Blick nicht besonders viel Mühe bei der Herausarbeitung der Charaktere gegeben hat, wird trotzdem beim Lesen eine Tiefe bei der geneigten Leserin erzeugt und die Figuren wachsen einem mehr oder weniger ans Herz. Man versteht und fragt sich sicher auch wie man selbst gehandelt hätte. Aber wenn man, wie auch im Buch geschildert, denkt, dass Menschen zu allem fähig sind, trifft das ja auch auf uns als Leser zu. Und dann möchte man vielleicht manche Antworten nicht mehr wissen. Gleichzeitig ist es aber auch ein gelungener historischer Roman. Ein Blick auf den Antisemitismus in den ehemaligen sozialistischen Ländern. Mutig, aber leider wahr. Obwohl das ja in den sozialistischen Ländern nicht so gern erwähnt wurde. Ein Blick auf die Flucht einer jüdisch-russischen Familie von Moskau nach Prag und von dort weiter nach Brasilien(Rio), in die Schweiz(Luzern) und nach Deutschland(Hamburg). Und dabei wird auch ein Blick auf die Wichtigkeiten im Leben von uns Menschen hier auf Erden geworfen. Mit den schönen wie auch unschönen Seiten des Menschen. Echt gelungen dieses kleine Buch.

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 28. Okt 2018 

    Die Geschichte einer Familie und die Frage nach einem Verräter

    „Wäre ich geblieben, wäre ich geflohen, hätte ich selbst meine engsten Freunde und Verwandten verraten, wenn die Kommunisten mich erwischt hätten?“ (Zitat Seite 90)

    Inhalt:
    Der Großvater der Familie wird 1960 auf dem Flughafen von Moskau verhaftet und wegen seiner verbotenen Devisengeschäfte hingerichtet. Kurz danach war einer seiner Söhne, Dima, ebenfalls verhaftet worden, weil er, in Prag lebend, nach Westberlin flüchten wollte. Seither stellt sich in der Familie durch die Jahre und Generationen die Frage, ob es da einen Zusammenhang gibt, war es Dima, der damals den Großvater verraten hatte?

    Thema und Genre:
    Der Autor erzählt einen biografischen Generationenroman, eingebettet in eine Zeit der Geheimdienste, der Vertreibungen – eine Flucht quer durch Europa und darüber hinaus. Kernpunkt ist die Familie und ein Verdacht, der ihre Mitglieder entzweit. Es geht auch um die zeitlose Frage, wie man selbst sich verhalten hätte, unter extremem Druck und Lebensgefahr.

    Handlung und Schreibstil:
    Jemand hat den Großvater verraten, was diesen das Leben gekostet hat und der Verdacht und die Suche nach der Wahrheit zieht sich über die Generationen. Der Zeitablauf ist chronologisch, in Einzelkapitel und Einzelgeschichten gegliedert. Die Personen im Mittelpunkt wechseln, wie auch die Erzählform vom Ich zur personalen Erzählperspektive dort, wo der Ich-Erzähler eine vergangene Geschichte selbst nur kennt, weil sie ihm erzählt wurde. Die Frage nach dem Verräter aus dem Kreis der Familie baut den Spannungsbogen auf und bringt Elemente eines Kriminalromans in dieses Buch.

    Fazit:
    Das Schicksal einer russisch-jüdischen Familie, Verrat, Flucht, Ankommen und die Frage nach einem Verrat. Erzählt auf verhältnismäßig wenigen Seiten, aber so lebendig und packend, dass die Geschichte den Leser sofort in ihren Bann zieht.