Die Verlassenen: Roman

Rezensionen zu "Die Verlassenen: Roman"

  1. 5
    28. Dez 2021 

    Die Achtung vor anderen Menschen ist unser höchstes Gut

    Eine absolut interessante Thematik hat sich Matthias Jügler hier ausgewählt. Es geht um die DDR, es geht um den Verlust, es geht um die Zerstörung einer ganzen Familie. Das Ganze wird anfänglich aus den Kinderaugen heraus erzählt und je älter der Junge wird, desto mehr erweitert sich der Blickwinkel auf die Geschehnisse und die erzählte Geschichte wird erfassbar. Einige Informationen zu seiner Familie bringen den jungen Mann Johannes dann später dazu Nachforschungen anzustellen und heraus kommt eine makabre und erschreckende Geschichte über die Stasi und ihre furchtbaren Machenschaften. Eine zutiefst albtraumhafte Geschichte über die zermürbenden Möglichkeiten einer Institution, die im realen Leben intensiv genutzt wurden und in der die Menschenleben nicht viel zählten. Und das obwohl sich die Machthaber so menschenfreundlich sahen und ihren Gegnern diese absprachen. Ohne Worte! Man mag sich gar nicht vorstellen, was dieser fortlaufende Verlust mit dem Charakter Johannes angestellt hat. Und da ist dies hier ein fiktiver Johannes. Wie viele Geschichten, die ähnlich wie die von Johannes klangen, mag es wohl im realen Leben gegeben haben?

    Die Geschichte, die der Autor Matthias Jügler hier aufs Papier zaubert, ist fesselnd und ebenso auch erstaunlich, denn der Autor ist 1984 in Halle geboren und hat von daher die Stasi nicht erlebt, aber von ihren Taten wohl durchs Hörensagen erfahren. Dies muss sehr nachhallend gewesen sein. Denn dieser Roman in seiner Kürze (170 Seiten) und der trotz dieser Kürze erreichten Intensität ist schon außergewöhnlich. Außergewöhnlich gut! Und absolut real rüberkommend. Ein Vier-Sterne-Buch!

    Als ich dann aber auf MDR Kultur einen Bericht über das Buch und dessen Entstehung las, änderte ich meine Bewertung. So viel Schaffenskraft und so viel Akribie gehören einfach gewürdigt. Lest dazu am besten selbst diesen Artikel auf MDR Kultur im Netz, "Matthias Jüglers Roman "Die Verlassenen": Ein Meisterwerk der Täuschung" von Rebekka Adler, MDR Kultur. Was der Autor hier geschaffen hat und vor allem wie er das geschaffen hat, ist schon außergewöhnlich. Außergewöhnlich gut!

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  1. Elternschicksal und Kinderleid

    "Kein Mensch ist vor den Momenten sicher, in denen sich alles von Grund auf ändert und das eigene Leben plötzlich in anderen Bahnen verläuft als erhofft." (S. 27)

    Mit den Worten „Mach’s gut, Junge“ (S. 10) lässt Thomas Wagner im Juni 1994 seinen 13-jährigen Sohn Johannes bei der Großmutter in Halle zurück. Schon einmal, im Mai 1986, beim plötzlichen Tod seiner Mutter Annegret, wurde auf die gleiche Art geschwiegen. Melancholie zog damals in den Zwei-Männer-Haushalt ein, in dem das Kind Johannes gegen die Traurigkeit des Vaters ankämpfte. Nur dessen bester Freund, Wolfgang Köhler, brachte Licht und Verständnis in diese dunkle Zeit. Er half, als Johannes in bester Absicht Papierstapel seines Vaters entsorgen wollte, und beim Umzug im Februar 1988, als sie endgültig verlorengingen. Auch Wolfgang verschwand Mitte 1992 unvermittelt, wieder ohne Erklärung.

    Die Fürsorge der Großmutter bewahrt Johannes vor absoluter Einsamkeit, aber mit ihrem Tod im März 2000 scheint die letzte mögliche Informationsquelle zu versiegen. Bis Johannes zufällig einen dichtbeschriebenen zweiseitigen Brief aus Norwegen, adressiert an den Vater, abgeschickt kurz vor dessen Verschwinden, findet:

    "… kaum, dass ich ihn gelesen hatte, wusste ich, dass dies der eine Moment war, der alles änderte, nicht nur meine Zukunft, sondern vor allem meine Vergangenheit beziehungsweise das, was ich dafür gehalten hatte." (S. 27/28)

    Licht ins Dunkel bringen
    Seine Freundin Katja ist schwanger, als Johannes auf der Suche nach den Leerstellen seines Lebens zu einem entlegenen Ort in Norwegen aufbricht. Am Ende seiner Reise muss er sich entscheiden, ob er selbst für andere den Moment der totalen Veränderung bringen will.

    Jahre später beginnt Johannes mit der Niederschrift der Ereignisse. Bald wird er seinem 14-jährigen Sohn Jasper, den er schon kurz nach seiner Geburt verlassen hat, Fragen beantworten müssen: 

    "An einem dieser Tage, es mag fünf oder sechs Jahre her sein, beschloss ich, alles aufzuschreiben, was mich und meine Vergangenheit betrifft. Davon hatte ich mir Klarheit erhofft. Aber schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass viele meiner Fragen ohne Antwort bleiben würden. Ich schrieb dennoch weiter, denn bald schon merkte ich, dass jede Erinnerung, die ich heraufbeschwor, dazu beitrug, das körnige Bild meiner Vergangenheit zu schärfen." (S. 164)

    Der lange Arm der Diktatur
    Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle, erzählt in "Die Verlassenen" eine fiktionale, im Kern jedoch auf wahren Geschehnissen beruhende Geschichte, wie es sie - der Plural im Buchtitel deutet dies an - zahlreich gibt. Der Ich-Erzähler blickt auf sein Leben, in dem vor und nach der Wende zu viel geschwiegen wurde. Über 30 Jahre später wirken die Verbrechen der Stasi weiter, selbst in einer Generation, die die DDR kaum bewusst erlebte. Das Kind Johannes reagierte mit Überangepasstheit, der Jugendliche mit Zwangs- und Wahrnehmungsstörungen, Müdigkeits- und Schmerzsyndrom, der Erwachsene ist bindungsunfähig, einsam, unsicher, ambitions- und schlaflos.

    Eine beeindruckende Lektüre
    Schweigen, Unrecht, Lüge, Verrat, Verlassenwerden, Trauer, Vergebung und Einsamkeit sind die Themen dieses nur 170 Seiten umfassenden Romans, dessen Zentrum nicht erzählt, sondern anhand von Fotos fingierter Stasi-Akten auf 14 Seiten dargestellt ist. Gerade weil das melancholisch-schmerzhafte Buch extrem verdichtet und ohne Selbstmitleid ist, weil Erzählstil und Sprachmelodie mich an Per Petterson denken lassen und die Fragmente sich nicht chronologisch aneinanderreihen und nicht alles gesagt wird, hat es mich so sehr beeindruckt.

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  1. Die schmerzende Ungewissheit sitzt tief

    !ein Lesehighlight 2021!

    Klappentext:
    „Was würde man lieber vergessen, wenn man könnte? Johannes blickt zurück auf eine ostdeutsche Kindheit, die von feinen Rissen durchzogen war. Der frühe Tod seiner Mutter, das rätselhafte Verschwinden seines Vaters. All seine Fragen dazu blieben unbeantwortet, weshalb er noch als Erwachsener vorsichtig tastend durchs Leben geht. Ein melancholischer Eigenbrötler, der sich in einer stillen Existenz eingerichtet hat. Als Johannes in einer alten Kiste auf einen Brief stößt – adressiert an seinen Vater und abgeschickt nur wenige Tage, bevor dieser den Sohn wortlos verlassen hatte –, verändert dieser Fund nicht nur seine Zukunft, sondern vor allem seine Vergangenheit als Kind der Vorwende-DDR. Seine Erinnerungen sortieren sich neu und mit ihnen sein Blick auf das eigene Leben.“

    Autor Matthias Jügler hat mich mit seiner Geschichte „Die Verlassenen“ ganz tief berührt. Mit seiner punktgenauen Wortwahl und seiner Sprachmelodie ist ihm etwas ganz Großes hiermit gelungen. Die Geschichte um Johannes ist emotional in jeder Weise. Ihn hier kennenzulernen ist ein besonderer Weg, den wir Leser uns erstmal erarbeiten müssen. Wir müssen versuchen ihn mit seiner Art zu verstehen....Wer, wie er und ich, selbst in der DDR groß geworden ist, wird viele Parts in diesem Buch wiederfinden und sich daran erinnern, wie es damals war. Das war ein echter Flashback, den ich so nicht erwartet hätte (hier nur das Beispiel Kindergarten). Die Geschichte um Johannes‘ Vater ist für mich das eigentliche Mysterium und bekommt eine sanfte und bewegende Führung der besonderen Art.
    Auch hier finden wir meine liebsten Buchdetails: die Zeilen und Gedanken zwischen den Sätzen, die uns der Autor fein dosiert vor die Füße legt. Johannes‘ Gedankengänge im Hier und Jetzt aber auch die Rückblicke sind extrem feinstimmig, aber auch die Qual nach dem Ungewissem, nach alle den Antworten auf die Fragen die er hat und die nie beantwortet werden. Wir erleben ihn in seiner Welt und erfahren die Hintergründe seiner Welt in einer warmherzigen, leisen Sprache. Hier ist kein Wort zu viel, keine Emotion zu wenig - hier ist alles ganz perfekt abgestimmt!
    Ich hatte hiermit ein ganz perfektes und besonderes Leseerlebnis, welches mich noch lange beschäftigen wird. 5 von 5 Sterne

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