Die Mauer: Roman

Rezensionen zu "Die Mauer: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 18. Apr 2019 

    Wir gegen die Anderen

    Großbritannien, irgendwann in der Zukunft. Die gesamte Insel ist von einer Mauer umschlossen. Ein mächtiges Bollwerk, bewacht von den „Verteidigern“. Niemand darf in das Land kommen, es ist abgeschottet gegen die Anderen. Die Geschichte beginnt, als der junge Joseph Kavanagh seinen verpflichtenden Dienst auf der Mauer Antritt. Die Schichten sind lang und zäh, es dauert seine Zeit, bis Kavanagh sich in die Hierarchie einordnet und seinen Platz findet.

    „Es ist kalt auf der Mauer“

    Die Kälte ist das vorherrschende Thema dieses Buches. Für Kavanagh, für seine Kameraden, für die herrschende Macht, die die Verteidiger nach einem Angriff auf die Mauer am offenen Meer aussetzt. Und trotzdem lässt einen die Geschichte irgendwie kalt, lässt den ewigen Kampf „Wir gegen die Anderen“ wie am Beton der Mauer abprallen. Was ist denn überhaupt mit dem Land geschehen? Es gab den „Wandel“, kein punktuelles Ereignis, eher ein Prozess der Veränderung des Klimas, nicht nur des meteorologischen sondern auch des menschlichen. Hitze im Süden gegen Kälte und Fluten im Norden, Flüchtlingsbewegungen gegen Nationalismus. Die handelnden Personen bleiben aber allesamt flach, als ob sie durch die vielen Schichten ihrer kälteabwehrenden Kleidung nicht greifbar werden. Leiden sie gerade noch unter der kargen nackten Atmosphäre der Mauer, fahren sie plötzlich auf Campingurlaub und vergnügen sich. Selbst die Trainingseinsätze erinnern ein bisschen an Räuber und Gendarm Spiele. Die verhängte Strafe nach dem misslungen Einsatz mutet dafür unverhältnismäßig an. Was auch überhaupt nicht aus der Handlung hervorgeht ist, wer denn eigentlich diese „Anderen“ sind? Afrikanische Flüchtlinge, oder doch nur Franzosen. Rein geographisch liegt ja doch ein ganzer Kontinent zwischen Großbritannien und den Brennpunkten im Süden. Wenn die ummauerte Insel aber nur eine fiktive wäre, dann passt ja leider die Brexit Metapher nicht ganz so wie die Faust aufs Auge Irgendwie nahm mir das die Ernsthaftigkeit der Lektüre. Zuviel zusammengemischte Untergangsszenarien, um mich in irgendeiner Weise aufzurütteln.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Mär 2019 

    Dystopisch

    Der Autor John Lancaster schrieb seinen fünften, diesmal dystopischen Roman „Die Mauer“. Es geht um Abgrenzung und Ausgrenzung von Klimaflüchtlingen, Bedrohungen von außen und aus den eigenen Reihen, Schuldfragen der vorangegangenen Generationen in einem offenbar totalitäten System.

    Der junge Joseph Kavanagh tritt seinen zweijährigen Dienst als Verteidiger der Mauer an. Er findet seinen Platz innerhalb seiner Einheit in soldatischer Manier, als Balanceakt zwischen Befehlskette und Gehorsam, Kameradschaft und der engeren Verbindung zu einer jungen Frau namens Hifa muss er agieren, während Trainingseinsätzen wird er auf den Ernstfall eines Angriffs durch die Anderen vorbereitet. Denn der Gegner ist äußerst gefährlich, da die Anderen nichts zu verlieren haben. Und der Preis ist hoch, wenn er versagt: Kavanagh wird verstoßen und selbst aufs Meer geschickt, wird selbst zum Anderen.

    Kavanagh beschäftigt sich zu Beginn des Romans mit diesem monströsen Bauwerk Mauer, seiner Kälte, seiner Größe, seiner Ödnis und Langeweile. Zunächst ist nicht klar, wo die Mauer steht, es könnte jeder beliebige Befestigungswall sein, verbunden mit der unendlichen Langeweile und Kälte, die mit dem 12-stündigen Starren auf Meer innerhalb einer Schicht zwangsläufig aufkommt. Man denkt unwillkürlich an „Game of Thrones“ von George R.R.Martin, an Franz Kafka „Das Schloß“ oder sogar auch an den Römischen Limes oder die Berliner Mauer. Flach, knapp und kalt ist die hier Sprache gehalten, offenbar gewollt platt, wenige kalte Wörter werden zu Bildern oder zum Haiku angeordnet, und vermitteln dadurch sehr eindringlich ein Gefühl für die Kälte, die den Tod auf der Mauer bedeuten kann, für die Sinnlosigkeit und und die Geringschätzung der Menschlichkeit. Dieser Beginn ist übrigens für mich der beste Teil am ganzen Buch.

    John Lancaster hat ein Buch geschrieben, das zum einen dystopisch ist, zum anderen eine ziemlich konkrete Vorlage für die Zukunft zeigen soll mit Blick auf momentane populistische und nationalistische Bewegungen. Haltungen statt Handlungen stehen im Vordergrund, konzeptionelle Fragen spielen eine große Rolle, wie übrigens in vielen berühmten Dystopien, weniger der Hintergrund und das Hinterfragen. Doch genau das stört mich auch am Buch. Es entwickelt sich zwar im Verlauf der Handlung zu einem durchaus spannenden Abenteuerroman, sofern man Abenteuer mit Armee-Hintergrund und Heldentum mag, aber die Charaktere sind mir viel zu blaß, zu wenig mit inneren Konflikten beschäftigt, die die Situationen zwangsläufig verlangen. Die Geschichte selbst ist zudem bar jeder Hintergrundinformation. Man liest wie ein Blinder und bekommt keinerlei Hinweise darauf, was den „Wandel“ bewirkte, worin die Schuld der vorangegangenen Generation besteht, ob sie überhaupt besteht oder ob dies nur ein jugendliches Rebellieren gegen die Eltern ist.
    Natürlich könnte man als Leser Parallelen ziehen zur aktuellen klimatischen und politischen Situation, zur Zunahme der Abschottung gegenüber Flüchtlingen, zum sorglosen Umgang mit der globalen Erwärmung, aus der sich viele denkbare Katastrophen ergeben könnten, aber das Buch regt mich nicht dazu an, sondern ich habe das Gefühl, ich soll unbedingt blind bezüglich des großen Überblicks bleiben. Und das gefällt mir leider gar nicht.

    Dem Buch wird große Aktualität bescheinigt, die für mich so nicht gut nachvollziehbar ist. Denn aktuell wird es erst durch die Besprechungen oder durch den Verlag mit Hinweisen auf Brexitdiskussionen, Abschottung und Klimawandel, mögliche apokalyptische Wandlungen, die angepasstes Handeln erfordern sollen, weniger durch die Handlung und die Geschichte selbst.
    Soll ich aus dem Buch apokalyptische Vorstellungen einer möglichen Zukunft herauslesen und angstvoll mein Handeln anpassen? Ähnliche Dystopien totalitärer Systeme wie die vorliegende wurden bereits im vergangenen Jahrhundert geschrieben, im übrigen besser als hier mit sich konsequent durch die Geschichte ziehender Kälte, und die mich dadurch mehr bewegt haben.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 24. Feb 2019 

    Enttäuschung

    Gott, was bin ich enttäuscht...Hatte ich nach der Leseprobe zu "Die Mauer" von John Lanchester noch geglaubt, ein frühes literarisches Jahreshighlight in Händen zu halten, muss ich nun leider sagen, dass ich den ersten "Rohrkrepierer" des Jahres gelesen habe.

    John Lanchester erzählt der Leserschaft in "Die Mauer" die Geschichte von Joseph Kavanagh, der wie jeder junge Mensch nach dem großen Wandel auf der Grossbritannien umgebenden Mauer seinen zweijährigen Dienst ableisten muss, um "die Anderen" davon abzuhalten, über die Mauer ins Landesinnere zu gelangen. "Der Wandel" sowie „Die Anderen“ wird nicht näher erläutert; es finden sich lediglich einzelne Andeutungen, die immer in Richtung Klimawandel, Überschwemmung, gestiegenem Meeresspiegel usw. gehen. Wer bei den genannten Stichworten Mauer, Wandel usw. an die aktuelle politische Lage (nicht nur) in der EU denkt, liegt gar nicht so verkehrt. Trotzdem ist "Die Mauer" eine Dystopie.

    Bei den schon genannten Andeutungen handelt es sich um ein von John Lanchester im ganzen Roman angewandtes Stilmittel. Und genau das ist das große Problem von "Die Mauer": es wimmelt nur so von Andeutungen, kurzen Einsprengseln und sich ständig wiederholenden Phrasen. Ich habe als Leser grundsätzlich nichts dagegen, wenn der Autor oder die Autorin mir gedankliche Freiheit und Interpretationsmöglichkeiten gibt. Trotzdem habe ich das Recht oder den Anspruch, über gewisse Dinge genau oder umfassender aufgeklärt zu werden und nicht immer nur sich wiederholende Andeutungen vorgesetzt zu kriegen.

    Ich habe diesen Roman so gleichgültig und emotionslos gelesen, wie John Lanchester mir die Situation und die Stimmung auf der Mauer beschreibt: kalt, kälter, Beton. Sprich: es hat mich in keinster Weise berührt. Ich konnte zu keiner der Figuren irgendeine "Verbindung" aufbauen, was bei mir eher selten passiert.

    Für die paar guten Stellen im Text, an denen ich auch mal dezent grinsen konnte oder doch mit dem Kopf schütteln musste ob der beschriebenen Situation und das starke Cover gibt es 2* - mehr ist beim besten Willen nicht drin. Schade...