Loyalitäten: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Loyalitäten: Roman' von Delphine Vigan

Inhaltsangabe zu "Loyalitäten: Roman"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:174
EAN:
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Der ehrliche Finder: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der ehrliche Finder: Roman' von Lize Spit
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der ehrliche Finder: Roman"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:128
Verlag: S. FISCHER
EAN:9783103975642
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Rezensionen zu "Der ehrliche Finder: Roman"

  1. Freundschaft und vieles mehr

    Wie entsteht eine Freundschaft? Üblicherweise durch Gemeinsamkeiten! Und die haben der 9jährige Jimmy und der 11jährige Tristan im (fiktiven) Bovenmeer, Belgien – beide machen eine schwere Zeit durch. Deshalb setzte die Lehrerin auch beide vor gut einem Jahr zusammen, als Tristan neu in der Klasse dazukommt.
    Jimmys Vater hatte einen Monat vorher die Familie verlassen, mit ‚Dreck am Stecken‘, und er ruft auch nie an. Tristan hat eine Flucht aus dem Nordwesten des Kosovo hinter sich, mit viel Strapazen und dramatischen Szenen.

    Der große Unterschied bei den beiden: Tristan hat 7 Geschwister (das jüngste noch ein Säugling) – der starke Verbund der Familie ist intensiv zu spüren, am deutlichsten bei der Übernachtung bei ihnen! Jimmy ist Einzelkind und seine Mutter mit sich selbst beschäftigt. Er ist dadurch auch zum Eigenbrötler geworden und geht auf im Sammeln der Flippos (kleine bunte Plastikscheiben mit diversen Themen bedruckt, und in Chipstüten versteckt).

    Wir lesen, wie Jimmy sich in dieser Freundschaft engagiert, aber auch wie unterschiedlich die Dorfgemeinschaft auf die geflüchtete Kosovo-Familie reagiert. Als diese den Ausweisungsbescheid bekommt, hecken Tristan und seine 12jährige Schwester Jetmira einen Plan aus, in dem Jimmy eine wichtige Rolle spielt. Sogar eine Prüfung muss er dafür vor beiden ablegen.

    Von diesem Zeitpunkt konnte ich das Buch überhaupt nicht mehr aus der Hand legen, so spannend war es! Das Ende hat mich sehr aufgewühlt und es wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen (noch dazu, weil dieser Roman von einer wahren Geschichte inspiriert wurde). Ich möchte dieses kurze, aber inhaltsschwere Werk – von Helga van Beuningen übersetzt - am liebsten allen ans Herz drücken. Ich kann es mir auch sehr gut als Schullektüre vorstellen, unsere Enkelkinder bekommen es auf jeden Fall bei nächster Gelegenheit als Geschenk. Wenn die Möglichkeit bestünde, würde ich auch gerne mehr als die möglichen 5 Rezensions-Sterne vergeben!

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  1. 5
    02. Apr 2024 

    Freundschaft vor dem Hintergrund großer Probleme

    Lize Spit „ Der ehrliche Finder“ ( 2023/2024)

    Lize Spit ist eine flämische Autorin, die mit ihren ersten beiden Romanen nicht nur in ihrer Heimat sehr erfolgreich war. Beide sind sehr umfangreich und düster. Ihr neuester Roman fällt aus der Reihe, ist er doch im Gegensatz sehr schmal und sehr warmherzig. Der geringe Umfang liegt daran, dass „ Der ehrliche Finder“ eine Auftragsarbeit war. Lize Spit sollte das Buch zur alljährlichen Bücherwoche 2023 schreiben. Das sog.„ Boekenweekgeschenk“ ( Bücherwochengeschenk) wird während dieser Woche jedes Jahr im März von niederländischen Buchhändlern an ihre Kunden verschenkt. Meist handelt es sich dabei um eine Novelle.
    Und diese Gattungsbezeichnung passt hier, auch wenn der Verlag dem Buch das Etikett „ Roman“ gegeben hat.
    Die Geschichte spielt in den 1990er Jahren in der fiktiven Ortschaft Bovenmeer in Belgien. Hier wohnt der neunjährige Jimmy, ein Einzelgänger und Außenseiter, allein mit seiner Mutter. Seine Familie hat einen schweren Stand im Dorf, denn der Vater, ein Steuerberater, hat einige Menschen hier mit dubiosen Geschäften um ihr Geld gebracht. Jimmy ist sensibel und klug, ein eifriger Sammler und Sachensucher. Sein ganzer Stolz ist seine Flippo-Sammlung. Flippos sind kleine Scheiben mit Sammelbildern, die in Chipstüten zu finden sind.
    Kurz nachdem nun sein Vater verschwunden ist, tritt Tristan Ibrahimi in Jimmys Leben. Der Elfjährige ist mit seinen Eltern und seinen sieben Geschwistern aus dem Kosovo geflohen und die Familie hat hier nun eine Unterkunft gefunden. Jimmy soll sich auf Wunsch der Lehrerin um den fremden Jungen kümmern; eine Aufgabe, die er gerne erfüllt. Endlich ist er nicht mehr allein. Er hilft Tristan nicht nur beim Erlernen der Sprache und den Hausaufgaben, sondern die beiden werden richtige Freunde. Als größten Freundschaftsbeweis legt Jimmy sogar ein eigenes Flippo-Sammelalbum für Tristan an. Das will er ihm feierlich überreichen, als er zum Übernachten bei Tristan eingeladen ist. Aber dann drängt sich ein anderes Ereignis in den Vordergrund. Die Ibrahimis sollen abgeschoben werden. Um das zu verhindern, schmieden Tristan und seine zwölfjährige Schwester Jetmira einen gewagten Plan, in dem Jimmy eine nicht unerhebliche, aber gefährliche Rolle zukommt. Das ist eine Herausforderung für ihn, doch um der Freundschaft willen bekämpft er seine inneren Zweifel und Ängste.
    Sehr einfühlsam und konsequent aus der Perspektive des neunjährigen Jimmy beschreibt die Autorin die Geschehnisse. Die Einsamkeit des Jungen ist deutlich spürbar. Auch, wie sehr ihn die Gemeinschaft dieser Großfamilie anzieht. Hier erlebt er einen Zusammenhalt und eine Wärme, wie er sie nicht kennt.
    Dafür bringt Jimmy viel Verständnis auf, wenn sein älterer Freund von „ inneren Erdbeben“ erschüttert wird. Wenn Tristan plötzlich Angst bekommt vor lauten Geräuschen, vor Uniformen, vor dem Meer, dann beruhigt Jimmy ihn, ohne nachzufragen. Schließlich weiß er, dass die Familie Schlimmes erlebt hat auf ihrer langen Flucht. Die Lehrerin hat, sobald Tristan sich verständlich machen konnte, der ganzen Klasse den Fluchtweg auf einer Landkarte aufgezeigt. „ Kosovo lag in Luftlinie ungefähr zweitausend Kilometer von Belgien entfernt, aber sie waren keine Vögel, sie hatten Grenzposten passieren müssen, zweimal kehrte der Zeigestock von Italien auf dem Landweg nach Albanien zurück, zweimal waren sie nach der lebensgefährlichen Überquerung des Meeres in einen Bus nach Albanien gesetzt worden. Beim dritten Mal hatten sie es geschafft, obwohl sie einen halben Kilometer vor der Küste aus dem Boot gestoßen worden waren. Sie waren auch keine Fische, ein Kind der Familie, mit der sie das kleine Boot teilten, hatte sich nicht bis ans Ufer retten können.“
    Die Familie aus dem Kosovo ist im Dorf freundlich aufgenommen worden. Freigebig wurden alle zum „ Ausmustern bestimmten Sachen -Matratzen, Elektrogeräte, Bettwäsche, Spielzeug, Bücher, Instrumente, Trampoline, Babysachen, Werkzeuge - lieber den Ibrahimis“ geschenkt, statt beim Recyclinghof abgeliefert. Die Wohnung dort ist ein Abenteuerspielplatz für die Kinder.
    Der Roman beschreibt eine Freundschaft zwischen Kindern vor dem Hintergrund großer Probleme. Dabei schafft es die Autorin, nicht in Klischees zu verfallen oder ins Sentimentale abzurutschen. Was Flucht und Integration bedeutet, wird an konkreten Figuren nachvollziehbar dargestellt.
    Eine packende und bewegende Lektüre, die auch für ältere Kinder und Jugendliche geeignet ist, ja, sich als aktuelle Schullektüre anbietet.
    Wie es im Nachwort heißt, wurde die Autorin von einer wahren Geschichte inspiriert. Eine zehnköpfige Familie aus dem Kosovo, die nach ihrer Flucht in einem belgischen Dorf unterkam, sollte wieder ausgewiesen werden. Doch nach massivem Protest des Dorfes erhielten sie Asyl.

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  1. Wer anderen eine Grube gräbt …

    Was ich zunächst nicht wusste: Dieses schmale Büchlein von Lize Spit wurde in den Niederlanden in der boekenweek (Buchwoche) als Buchgeschenk zu einem gekauften Buch dazu gegeben. De boekenweek dauert neun Tage und findet jedes Jahr im März statt. Beim Kauf von mindestens 15 Euro an niederländischsprachiger Lektüre erhält man also ein speziell für diese boekenweek geschriebenes Buch. Diese Ehre, dieses Buchgeschenk schreiben zu dürfen, wurde also in diesem Jahr Lize Spit zuteil.

    Beim Blauen Sofa in der Bertelsmann Repräsentanz in Berlin, Anfang März 2024, durfte ich nun diese bezaubernde und charmante Autorin persönlich kennenlernen und sie hat mir dieses Buch signiert. Mit einer ganz speziellen Widmung, die ich übersetzen muss. Ich verstehe das so, dass ich den Mansch vom Papri-Club unbedingt probieren soll. Und manchmal auch „Ja“ zu Dingen sagen soll, wo ich eigentlich „Nein“ sagen würde. Mal sehen …

    Im „ehrlichen Finder“ geht es um die Freundschaft zweier Jungen und auch um das (schändliche) Ausnutzen des anderen unter der Vorspiegelung der Freundschaft. Und es zeigt sich auch, dass bei verschiedenen Nationalitäten eben unterschiedliche Werte zählen. Der kluge und einsame Jimmy kümmert sich aufopferungsvoll um den Migranten Tristan, indem er ihm nicht nur die Sprache beizubringen versucht, sondern auch die üblichen Verhaltensweisen. Jimmy gefällt auch die riesengroße Familie von Tristan. Denn er selbst hat keine Geschwister und sein Vater verschwand spurlos, nachdem er das halbe Dorf finanziell betrogen hatte. Kein guter Start für den Sohn in der Schule.

    Was nun weiterhin geschieht, kann hier nicht verraten werden, nur so viel: Jimmys Gaben weiß man nicht zu schätzen und was man von ihm verlangt, ist viel, viel zu viel.

    Lize Spit hat es verstanden, den wenigen Seiten Leben einzuhauchen und eine Geschichte aufzubauen, die es in sich hat. Und ja, manchmal braucht es viel Mut, um ein Feigling zu sein. (Frei zitiert von S. 109.) Warum das Buch aber diesen Titel trägt, das hat sich mir leider nicht erschlossen.

    Das Cover bezieht sich auf Jimmys Flipposammlung. S. 32: „Von der Time-Serie und den Pop-up-Monstern hatte er noch am wenigsten. Diese beiden, die aus insgesamt lediglich vierzig Stück bestanden, erwischte man am schwersten.“ Deshalb also sind vierzig Kreise auf dem Cover. Und die Flippos findet man in Kartoffelchips-Tüten und natürlich soll damit der Verkauf der Ware angekurbelt werden. Gab es zuvor offensichtlich schon in Korea, Griechenland, England etc. aber in Deutschland (leider) nicht. Aus den Chips kann man einen wunderbaren Mansch herstellen, den Jimmy und Tristan im Geheimen genießen. In ihrem Papri-Club.

    Fazit: Ich habe alle drei Bücher dieser fantastischen jungen Autorin gelesen und kann sie nur wärmstens empfehlen. Ihre Themen sind sehr unterschiedlich, nichts ist aufgewärmt und sie weiß genau, wovon sie schreibt und fühlt sich extrem in ihre Figuren ein. ****

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  1. Aktuelle Freundschaftsgeschichte mit Tiefgang

    Jimmy geht in die dritte Klasse und ist ein einsamer, fantasiebegabter Junge. Seine Eltern haben sich gerade erst scheiden lassen. Der Vater ist auf und davon, die Mutter nimmt sich wenig Zeit für ihren Sohn. Jimmy hat sich eine eigene innere Welt geschaffen. Er sammelt mit leidenschaftlicher Hingabe Flippo Sammelbilder aus Chipstüten, imaginiert eigene Heldengeschichten, er ist überdurchschnittlich klug und dabei leider ein Außenseiter. Letzteres ändert sich, als Tristan Ibrahimi in seine Klasse kommt. Mit elf Jahren ist Tristan zwar einiges älter, doch hat er mit seiner Familie eine tragische Flucht aus dem Kosovo hinter sich und soll nun erst einmal zur Ruhe kommen sowie die Sprache erlernen. Zu diesem Zweck wird ihm Jimmy an die Seite gestellt, der sich dieser Aufgabe auch engagiert und ideenreich widmet. Die beiden ungleichen Jungen werden dicke Freunde. Jimmy genießt Zusammenhalt und Gemeinschaft in Tristans großer Familie, in der jeder seine Aufgaben hat und gebraucht wird. Er freut sich riesig, als er zum ersten Mal zu einer Übernachtung eingeladen wird, die eine spannende Entwicklung nimmt.

    Die Figuren werden mit großer Unmittelbarkeit vorgestellt, überwiegend aus der Perspektive Jimmys. Schnell sympathisiert man mit dem ruhigen Jungen, der fast verzweifelt auf einen Anruf seines Vaters wartet. Man gönnt ihm den neuen Freund von Herzen, der seine innere Vereinsamung durchbricht. Doch auch Tristan hat seine Geheimnisse, an denen man nicht rühren darf. Er wurde stark traumatisiert, so dass ihn plötzlich auftretende Ängste lähmen können und sein Verhalten nicht immer nachvollziehbar machen. Man liest den kleinen Roman über weite Strecken wie ein spannendes Jugendbuch, bis die reale Erwachsenenwelt ins Geschehen einbricht. Familie Ibrahimi ist nämlich von Abschiebung bedroht.

    Ohne belehrende Botschaften konstruiert Lize Spit einen bewegenden Plot, der aus völlig ruhigen Fahrwassern dramatische Spannung entwickelt. Anonyme Flüchtlinge bekommen ein Gesicht und eine Identität, die Autorin zeigt deren Schicksal exemplarisch ohne Dramatisierung oder Beschönigung. Tristan möchte seine Chance nutzen, er möchte unbedingt in Belgien bleiben und ist dafür bereit, auch Risiken einzugehen.

    Am Ende des Romans muss man zweifellos nachdenken. Über Familie, Freundschaft, über Asylpolitik, Integration - vor allem aber über den Ausgang dieser Geschichte, die einiges an Interpretationsspielraum offenlässt. Ich kann mir das Buch wunderbar als Schullektüre vorstellen, die schon aufgrund ihrer Kürze und der gezeigten kindlichen Lebensrealität bestimmt gern gelesen wird. Gut und Böse verschwimmen bewusst, der Bezug zum Titel hat eine Doppeldeutigkeit. Helga von Beuningen hat den Roman hervorragend aus dem Niederländischen übersetzt.

    All Age Leseempfehlung!

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Solito

Buchseite und Rezensionen zu 'Solito' von Javier Zamora

Inhaltsangabe zu "Solito"

Format:Taschenbuch
Seiten:393
Verlag: Ambo|Anthos
EAN:9789026363887
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Marschlande: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Marschlande: Roman' von Jarka Kubsova
4.15
4.2 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Marschlande: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
Verlag: S. FISCHER
EAN:9783103974966
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Rezensionen zu "Marschlande: Roman"

  1. 5
    23. Mär 2024 

    Interessant, nachdenklich stimmend

    In dem Roman „Marschlande“ erzählt Jarka Kubsova über zwei Frauen aus dem Hamburger Marschland.
    Eine von ihnen ist die Hufnerin Abelke Bleken, die im 16. Jahrhundert einen großen Hof von ihren Eltern übernommen hatte. Sie liebte ihre Heimat und lebte für ihre Aufgaben als Bäuerin. Ihr florierender Bauernhof war dem anderen Dorfbauern ein Dorn im Auge, der Neid um ihren Erfolg und Besitz wuchs.
    Ein neues Zuhause findet im Marschland Britta Stöver, die mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Ochsenwerder zieht. Ihre Geschichte spielt in der Gegenwart. Britta, die ihren Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geographie aufgegeben hat, um sich der Familie zu widmen, ist zuerst mit dem neuen Zuhause und ihren Aufgaben als nur Hausfrau und Mutter unzufrieden. Doch dann entdeckt sie die Hinweise auf das Leben von Abelke Bleken. Die Geschichte der starken Frau, die sich gegen alle Widrigkeiten ihrer Epoche und dem Hass der Mitmenschen stellen musste, fasziniert Britta.

    Es gibt einige Parallelen in den Geschichten der beiden Frauen. Beide mussten um ihre Ziele und Überzeugungen kämpfen, beide zahlten einen hohen Preis dafür.
    Besonders interessant fand ich die Geschichte über die Hufnerin Abelke, die auf historischen Tatsachen beruht. Im Nachwort zum Buch schreibt die Autorin ausführlich darüber. Nicht nur das Schicksal der Bäuerin hat mich bewegt; auch viele historischen Fakten, wie das damalige Deichrecht oder die Enteignung der Bauern, weckten mein Interesse.
    Etwas mehr dagegen hätte ich von der Geschichte über Britta erwartet. Ich hätte viel mehr über ihr bisheriges Leben, über Beweggründe für ihre Entscheidungen erfahren wollen.

    Genossen habe ich die bildhafte Schreibweise der Autorin, die ausdrucksvoll über die Marschlandschaft schreibt:
    (ein) Stück Land, in dem Glück und Unglück sich abwechselten, wie die Gezeiten,
    wo Überfluss und Verderben kamen und gingen, wie Ebbe und Flut.“ (103)

    „Marschlande“ ist ein hochinteressanter, nachdenklich stimmender Roman, sehr zu empfehlen!

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  1. Hervorragender Vergangenheitsteil, schwache Gegenwart

    Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen, einmal in der Vergangenheit und einmal in der Gegenwart.
    Den Vergangenheitsteil finde ich unheimlich toll. Man bekommt gut die Gegebenheiten des Landstrichs vermittelt, wie die Leute ticken und wie hart des bäuerliche Leben zu dieser Zeit gewesen sein muss. Und es wird sehr deutlich, wie schwer es vor allem für eine alleinstehende Frau gewesen sein muss, die es schafft einen Hof selbst zu führen und das auch erfolgreich. Abelkes Geschichte hat mich sehr fasziniert und ihr Schicksal mich sehr berührt. Die Ungerechtigkeiten, die ihr widerfahren, haben mich wütend gemacht und ich wäre am liebsten durch die Seiten gestiegen und hätte Abelke verteidigt.

    Mit dem Gegenwartsteil habe ich so ein wenig meine Probleme. Er ist mir zu sehr gespickt mit Klischees. Das kann funktionieren, aber es fühlt sich für mich an wie eine Auflistung der größten Frauen-/Familienklischees, die man derzeit so finden kann. Dadurch fällt es mir unheimlich schwer, mich in Brittas Probleme hineinzuversetzen. Ich finde den überwiegenden Teil einfach ziemlich belanglos. Erst am Ende wird für mich ein bisschen dessen sichtbar, wie Brittas Geschichte auch hätte erzählt werden können. Ohne Klischees und ohne Feminismus-Keule.

    Ich finde ja selten ein Nachwort wirklich spannend und meistens lese ich es auch tatsächlich nicht. Aber hier ist das Nachwort wirklich gut gemacht. Interessant und informativ, es hat mich wirklich sehr gelockt sich mit einem mir eher unbekannten Thema auseinanderzusetzen, tolle Anreize zur weiteren Lektüre.
    Aber der Gegenwartsteil - der ist mir einfach zu platt, zu plakativ, zu klischeehaft und auch nicht wirklich interessant. Er kann für mich absolut nicht mit der Geschichte um Abelke Bleken mithalten. Aber alleine für diesen Teil würde ich das Buch noch einmal lesen.

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  1. Frauenschicksale

    Die Geografin Britta Stoever hat mit ihrer Familie in Hamburg gelebt und der Kinder wegen beruflich zurückgesteckt. Doch nun zieht sie ihrem Mann zuliebe ins Marschland. Das Energieeffizienzhaus, für das er sich ohne Britta entschieden hat, gefällt ihr nicht und auch sonst kommt sie nicht an. Als sie die Gegend erkunden will, fällt ihr ein Straßenschild „Abelke-Bleken-Ring“ ins Auge. Sie will wissen, wer diese Frau war und stößt bei ihren Recherchen auf eine Hexenverbrennung im 16. Jahrhundert.

    Abelke war eine selbstbewusste und selbständige Frau, die sich von niemanden sagen lassen wollte, wie sie ihr Leben zu führen hat. Als Tochter eines reichen Bauern übernimmt sie den Hof nach seinem Tod und bewirtschaftet ihn ohne Ehemann. Das ist in jener Zeit ungewöhnlich und sie hat auch Neider, weil sie das erfolgreich macht. Doch dann schlägt die Natur zu und schnell ist eine Schuldige ausgemacht. Ein Scheiterhaufen wird aufgebaut und Abelke als Hexe verbrannt.

    Je mehr Britta in die Geschichte von Abelke eintaucht, umso mehr erkennt sie, was in ihrem Leben nicht richtig läuft. Die Differenzen zwischen den Ehepartnern werden immer offensichtlicher und schon bald läuft alles auf eine Trennung hinaus.

    Die Autorin Jarka Kubsova hat einen wunderbaren Roman geschrieben über zwei Frauen, die in unterschiedlichen Zeiten leben und beide ein selbstbestimmtes Leben führen möchten. Der Handlungsstrang um Abelke Bleken hat mir dabei viel besser gefallen als der um Britta Stoever. Abelke widersetzt sich den Gepflogenheiten ihrer Zeit und so kommt es, wie es damals kommen musste. Britta dagegen wollte Familie und Beruf unter einen Hut bringen, auch weil ihr Mann sie bedrängt hat, und hat sich dabei selbst vergessen. Beruflich hat sie durch ihre Auszeit keine Chance mehr in ihrem Job.

    Dieser Roman lässt sich sehr angenehm lesen und hat mir gut gefallen.

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  1. Unvorstellbares Leid einer starken Frau

    Zwei Frauen, die 500 Jahre voneinander trennen, doch beide leben in den Vier- und Marschlanden in Ochsenwerder. Britta versucht ihren eigenen Weg zu finden und stößt dabei auf die schicksalhafte Geschichte von Abelke Bleken, die als alleinstehende Hofbesitzerin keinen leichten Stand in einer Gesellschaft voller alter Bräuche und Vorurteile hatte.

    Jarka Kubsova hat einen unvergleichlichen Schreibstil. Besonders der Blick in die Vergangenheit nimmt einen gefangen und vermittelt ein Gefühl für das harte Leben auf dem Land. Man riecht förmlich den schweren Dunst in den Häusern, fühlt sich vom Nebel auf dem Land umfangen und empfindet die Last der Protagonisten. Was ein Brack ist, habe ich erst durch die anschauliche Beschreibung des von der Flut geschlagenen Wasserloches erfahren. Besonders aber die Frauen in Gegenwart und Vergangenheit spielen eine besondere Rolle.

    Das Nachwort zum Roman hätte ich mir am Anfang als Einleitung gewünscht, da hier viele Erklärungen gegeben werden, warum der Blick auf die handelnden Frauen so besonders ist.

    "Frauen erlitten im Zuge des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus einen einzigartigen Prozess sozialer Degradierung, der für das Funktionieren des Kapitalismus bis heute grundlegend ist."
    1580 lebte Abelke Bleken als Hofbesitzerin in den Marschlanden. Zu dieser Zeit mehr als ungewöhnlich, dass eine unverheiratete Frau ein großes Hufnerhaus bewirtschaftete. Zudem war sie auch noch erfolgreich und durchaus den Männern in der Landwirtschaft qualitativ überlegen. Doch ihr Können in der Landwirtschaft und das Gespür für die Natur weckt auch Neider. Als eine große Flut viele Häuser und Ernten zerstört, kann Abelke ihr Getreide retten, weil sie rechtzeitig Vorkehrungen getroffen hat. Um so grausamer ist es, dass sie die geschuldete Deichreparatur in dem gesetzten Zeitraum nicht bewerkstelligen kann. Die darauf folgenden Ereignisse wirken in der heutigen Zeit albtraumhaft und beschämend.

    In der Gegenwart zieht die Mittvierzigerin Britta mit ihrer Familie ins Vier- und Marschland nach Ochsenwerder. Die alten Geschichten vom Ort und die heimeligen historischen Häuser gefallen ihr sehr. Zufällig wird ihr Interesse für Abelke Bleken geweckt und sie beginnt mit eigenen Recherchen. Doch das vermeintlich wohltuende Landleben birgt auch negative Seiten. Immer öfter fühlt sich Britta allein in der fremden Umgebung. Ihre Bekannten aus Hamburg sind fern und ihr Mann zeigt wenig Verständnis für ihre Sorgen und Bedürfnisse. Anders als Abelke, die ihr Leben stets selbst in die Hand nehmen musste, wirkt Britta unselbstständig und hadert oft mit sich selbst.

    Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelingt nur bedingt. Abelkes Leben ist beeindruckend und ihr Schicksal zeigt, wie sehr die Obrigkeit mit Menschenleben gespielt hat, um eigene Interessen durchzusetzen. Bei Britta hatte ich teilweise das Gefühl, dass hier stark mit Klischees gearbeitet wurde. Sie konnte ihre beruflichen Ziele nicht verfolgen, weil sie sich um ihre Kinder kümmern musste und ihr Ehemann rücksichtslos eigene Interessen in den Vordergrund gestellt hat. Hier wurde allerdings nur oberflächlich geschildert, warum sie in diese Situation geraten ist. Für die Kinder haben sich beide entschieden und es fehlt eine Erklärung, warum Britta sich nicht rigoroser positioniert hat.

    Den Ansatz der Autorin, Frauenschicksale aus der Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen, finde ich sehr gelungen, um das Interesse an feministischen Themen zu wecken und zur Diskussion anzuregen. In diesem Roman hätte mir Abelkes Geschichte ausgereicht, die von einer Erzählerin begleitet und Vergleiche zur heutigen Zeit ziehen könnte.

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  1. Frauen in Landschaft

    Kurzmeinung: Misogynie durch alle Zeiten hindurch

    In dem Roman „Marschlande“ zeichnet die Autorin wie schon in ihrem Debütroman „Bergland,“ zwei, chronologisch versetzte Frauenschicksale in eine bestimmte Landschaft.
    In dem Roman „Marschlande“ wendet sich Jarka Kubsova diesmal dem Deichland zu, irgendwo hinter Hamburg,. Die Landschaft ist karg, der Boden ist es nicht. Die Höfe hinter den Deichen, in den Marschen sind jedoch von Wind, Wetter und vor allem den Sturmfluten der Nordsee bedroht. Mensch und Natur. Wessen Interessen behalten die Oberhand?

    Der Kommentar:
    Während in dem Roman „Bergland“ die Belegschaft des zu bewirtschaftenden Innerleithofs quasi dieselbe bleibt in Vergangenheit und Gegenwart und nur die Generationen wechseln, gibt es in den Marschlanden keine organische Weiterführung eines Marschhofes.
    Abelke Bleken, eine selbständige Bäuerin aus dem 16. Jahrhundert, hat keine Nachkommen. Sie führt ihren Hof alleine und vor allem erfolgreich und wird mittels der schändlichen Praxis von Aberglauben und Verleumdung der Hexerei angeklagt, enteignet, gefoltert, verbrannt. Ihr Land geht an die Deichgrafen. Missgunst, Misogynie und Neid führten zu ihrem Untergang, sowie eine Rechtsprechung, die mit Gerechtigkeit nichts am Hut hat.
    Dass wirtschaftliche Interessen sowie die übliche Misogynie aller Zeiten die treibende Kraft waren an der tragischen Ermordung der Abelke Bleken, ist im Nachwort von „Marschlande“ sehr schön nachzulesen

    „Frauen erlitten im Zuge des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus einen einzigartigen Prozeß sozialer Degradierung, der für das Funktionieren des Kapitalismus bis heute grundlegend ist. Sie wurden zunehmend auf Reproduktionsarbeit – also auf Kindererziehung, Kochen, Haushaltsführung – festgelegt. Und das geschah parallel zu einer vollständigen Abwertung dieser Tätigkeiten.“

    Während der Roman „Bergland“ mich von vorne bis hinten faszinierte, konnte mich „Marschlande“ nicht völlig abholen. Zum einen finde ich Romane über Hexenverfolgung zutiefst anstrengend, problematisch und kaum zu ertragen, zum anderen ist der Gegenwartsstrang etwas blass. Die Stoevers, die in die Marschlande zugezogen sind, vertragen sich nicht mehr so richtig. Britta Stoever tut sich schwer mit dem Ankommen, tut sich schwer in ihrer Ehe, tut sich schwer in der Konfrontation mit ihrem zum Macho mutierenden Ehemann etc. Im Zuge ihrer Emanzipierung verfolgt sie die Geschichte der Abelke Bleken. Das ist der Zusammenhang. Das ist nicht schlecht gewählt, nur Britta selbst lässt sich erstaunlicherweise lange Zeit so ziemlich alles gefallen.

    Weil die Gemeinheiten im 16. Jahrhundert und seine Brutalität schwer zu ertragen sind, ist der zweite gegenwärtige Erzählstrang durchaus auch ein Mittel, die Leser durchatmen zu lassen und ihnen eine Pause zu gönnen, aber eigenartiger Weise gehen die Themen der Zeit, - Klima, Migration, Wokeismus, etc. etc. - an den Marschländern völlig vorbei; sie beschäftigen sich immer noch mit den gängigen Rollen der Geschlechter und arbeiten sich daran ab. Leben die Marschländer hinter dem Deich oder hinter dem Mond?

    Doch sowohl in dem einen wie in dem anderen Erzählstrang geht es um Misogynie, das eine Mal ganz unverholen, das zweite Mal etwas abgefedert, aber immer noch gesellschaftlich gebilligt.

    Im Prinzip habe ich außer der Genderei des Nachworts kaum etwas zu kritisieren, grundsätzlich mag ich die Marschlande, ich frage mich freilich, ob diese Doppelchroniken von „Frau/en in Landschaft“ das Genre ist, auf das sich die Autorin spezialisiert. Sie macht das sehr gut, ohne Frage, doch ich würde gerne mal noch etwas anders von ihr lesen.

    Fazit: Gut. Aber schwer zu ertragen. Das genderte Nachwort gibt Punktabzug. Wieder die Frage: wer gendert hier, die Autorin oder die Lektorin?

    Kategorie: Historischer Roman
    Verlag: S. Fischer

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  1. 5
    26. Aug 2023 

    Zwei starke Frauen - damals und heute

    Jarka Kubsova gelang mit ihrem Debut „ Bergland“ ein fulminanter Erfolg. Ich war von diesem Buch ebenfalls sehr begeistert, dementsprechend hoch waren meine Erwartungen und sie sind nicht enttäuscht worden.
    Auch im neuen Roman stehen wieder zwei starke Frauen im Zentrum der Geschichte, doch dieses Mal trennen sie Jahrhunderte.
    Britta, eine Frau Mitte Vierzig, ist gerade mit ihrem Mann Philipp und den beiden Kindern in die Marschlande vor den Toren Hamburgs gezogen. Obwohl mit dem eigenen Haus auf dem Land eigentlich ein Traum in Erfüllung gegangen ist, fühlt sich Britta nicht wohl hier. Sie hat Schwierigkeiten im Dorf anzukommen und ihre Arbeit als Teilzeitkraft füllt sie nicht aus. Ziellos beginnt sie die Umgebung zu erkunden. Dabei stößt sie auf das Schicksal von Abelke Bleken, die im selben Ort lebte und im Jahr 1583 als Hexe verurteilt und verbrannt wurde. Britta beginnt zu recherchieren und entdeckt dabei Parallelen zu ihrem eigenen Leben.
    Kapitelweise wechselt Jarka Kubsova von der Gegenwart in die Vergangenheit. Schon die Eingangsszene, in der der Aufbau des Scheiterhaufens beschrieben wird, erschüttert und packt gleichermaßen.
    Abelke war eine stolze und eigensinnige Frau, die ohne einen Mann ihren großen Hof bewirtschaftete. Neidisch und voller Misstrauen wird ihr Erfolg von der männlichen Nachbarschaft beäugt. Kann das mit rechten Dingen zugehen? Intrigen sorgen dafür, dass Abelke ihren Hof verliert, doch sie will sich davon nicht unterkriegen lassen. Aber ihre Gegner geben nicht auf und denunzieren sie als Hexe. Damit ist Abelkes Untergang besiegelt.
    Die Autorin hat für diesen Roman intensiv recherchiert. So gelingen ihr nun eindrucksvolle Bilder und Szenen vom Alltagsleben und den dörflichen Strukturen zu jener Zeit. Die Bauern hier hatten es nicht leicht. Überschwemmungen, Hagel und Frost machten oft ihre ganze Arbeit wieder zunichte. Doch für eine Frau war es noch ungleich härter. Sie musste zwar genauso zupacken wie mancher Mann, doch dabei sollte sie brav und geduldig im Hintergrund bleiben. „ Die Sache ist die: Man kann Frauen viel wegnehmen, man kann ihnen sehr viel antun, aber solange sie das mit sich machen lassen, bleibt es dabei.“ heißt es im Roman. Und weiter: „ Der gefährliche Moment für Frauen ist oft erst der, wenn sie anfangen, sich zu wehren.“
    Die Lebenssituation von damals kann man nicht mit der von heute vergleichen. Aber Britta stellt durch die „ Bekanntschaft“ mit Abelke ihr eigenes Leben zusehends in Frage. Hat sie nicht für die Familie ihre eigene Hochschulkarriere als Geographin geopfert? Und wird das überhaupt von ihrer Umgebung gewürdigt? Ungleichheit und Benachteiligungen erleben Frauen auch heute noch. Und sie stoßen oft auf Unverständnis, wenn sie aus ihrer Rolle fallen und Neues wagen möchten.
    Mit diesem feministischen Ansatz verknüpft die Autorin die beiden Lebensläufe.
    Die Geschehnisse in der Vergangenheit haben mich dabei stärker berührt. Es ist erschreckend zu lesen, was Abelke ertragen musste. Dabei spielen Neid und Missgunst der Nachbarn sowie der damalige Aberglaube eine große Rolle. Die tiefer liegende Motivation war aber die Gier der Oberen nach Landbesitz.
    Die Figur der Abelke Bleken ist historisch verbürgt; mehr zum historischen Hintergrund erfährt der Leser im äußerst informativen Nachwort der Autorin.
    Der Roman liest sich leicht, plastische Szenen und eindrucksvolle Landschaftsbeschreibungen sorgen für Atmosphäre.
    „ Marschlande“ ist ein spannender und bewegender Roman über zwei selbstbewusste Frauen, dem ich viele Leser wünsche.

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  1. 4
    13. Aug 2023 

    Sehr guter Stoff

    Das Buch ist sehr geschmackvoll gestaltet. Der Titel ist gut gewählt und das Titelfoto passt ausgesprochen gut zum behandelten Stoff. Das Thema des Buches ist meines Erachtens sehr aktuell und sehr wichtig.

    Britta ist eine moderne, gut qualifizierte Frau Mitte Vierzig und durchlebt ein typisches Frauenschicksal unserer Zeit: Sie heiratet, bekommt Kinder und damit beginnt die berufliche Gefährdung sowie in gewisser Weise auch ein sozialer Abstieg, die zeitliche und finanzielle Abhängigkeit vom Ehemann im repräsentativen Job. Der Umzug heraus aus Hamburg in die Marschlande verschärft diese Situation. Am neuen Wohnort entdeckt sie zunehmend die Geschichte der Frauen in diesem Landstrich, allen voran von Abelke, die im 16. Jahrhundert als Hexe verbrannt wurde.

    Die Autorin erzählt abwechselnd aus Brittas und Abelkes Perspektive und die zwei erzählten Zeiten entfalten immer mehr Parallelen. Inhaltlich ist die Entwicklung der Geschichte sehr überzeugend und leider auch sehr realistisch. Eine sehr deutliche Herausarbeitung der Tatsache, dass Frauen seit Beginn der frühen Neuzeit, teils wie selbstverständlich und teils bewusst, in existenzgefährdenden Situationen hineingetrieben werden. Es wird auch deutlich, dass trotz gewisser Errungenschaften, sich am grundsätzlichen Problem nicht viel geändert hat. Aus der Erzählung, wie auch aus dem sehr ausführlichen und sehr guten Nachwort, geht hervor, dass die Frauensolidarität historisch schon immer da gewesen ist, nur bewusst unterbunden worden bzw. durch Anpassungsverhalten und erst Recht in unseren individualistischen Zeiten wieder verloren gegangen ist. Sie ist jedoch wichtig, um an der grundsätzlichen Wahrnehmung und Stellung von Frauen - sowohl historisch betrachtet als auch für die Gegenwart - etwas verändern zu können.

    Jarka Kubsova hat ein wichtiges Buch geschrieben mit einem sehr guten Ansatz. Lediglich die stilistische Umsetzung hat mich mit voranschreitendem Lesen nicht fesseln können. Sie schafft über detaillierte Beschreibungen einerseits eine sehr dichte und sensible Atmosphäre. Andererseits fehlte mir etwas die Abwechslung in der Schreibweise. Sehr angenehm finde ich, dass es kein militant-feministisches Buch geworden ist. Die genaue Beschreibung dessen, was war bzw. ist, reicht schon aus, um zu berühren und sich auch evtl. wiederzufinden. Sehr gute Idee, das Thema im Nachwort noch außerhalb der Erzählung zu erläutern. Insgesamt eine Leseempfehlung meinerseits.

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Böses Glück: Storys

Buchseite und Rezensionen zu 'Böses Glück: Storys' von Tove Ditlevsen
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Böses Glück: Storys"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:176
Verlag: Aufbau
EAN:9783351039523
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Rezensionen zu "Böses Glück: Storys"

  1. Mein Herz wurde hart berührt...

    Ich habe schon einiges von der Autorin gelesen, was mir bisher stets gefiel. Ich bin sonst nicht der Kurzgeschichtenleser, aber hier habe ich eine Ausnahme gemacht und wurde immens belohnt.

    Auch wenn es sich "nur" um einen schmalen Kurzgeschichten Band handelt, so ist es dennoch nichts was man mal eben nebenbei kurz und knapp wegliest, denn die Geschichten gehen unter die Haut und enden einfach nie mit einem Happyend.

    Ditlevsen beschreibt diverse Alltagssituationen, die ich stets als sehr glaubhaft und realistisch wahrgenommen habe, weil sie einfach nichts beschönigen, sondern das Leben so schildern wie es für die meisten von uns ist: wenig schillernd und wenig aufregend und jeder muss seine Päckchen tragen.

    Besonders finde ich, dass die Autorin eben schon seit Ende der 70er tot ist, ihre Geschichten aber auch aus unserer Zeit stammen könnten, weil sich eben in der Gesellschaft gar nicht so viel getan hat.

    Themen sind unter anderem: Alkoholmissbrauch, schlecht laufende Beziehungen, Trennung, Einsamkeit, psychische Probleme und vieles mehr.

    Ich denke die meisten Leser werden sich darin wiedererkennen und sich zumindest damit identifizieren können, weil sie ähnliche Situationen selbst erlebt oder zumindest damit in Berührung gekommen sind.

    Fazit: Sprachlich fesselnd und inhaltlich berührend...

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Aufrappeln: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Aufrappeln: Roman' von Judith Poznan
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Aufrappeln: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783832182038
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Rezensionen zu "Aufrappeln: Roman"

  1. Ganz nett...

    Klappentext:

    „Als Judith am Morgen des Karfreitags ihr Bad betritt, ereignet sich etwas Unerwartetes: Aus dem Klo heraus schaut ihr eine Ratte entgegen. Die nächsten Tage werden auch nicht besser, denn aus heiterem Himmel trennt ihr Freund sich von ihr. Jetzt also alleinstehend mit Kind. Die nächsten Monate werden nicht einfach. Die Welt geht unter, mehrmals. Und dann wieder doch nicht. Die Seelenlage gerät durcheinander. Niemand muss den anderen nach einer Trennung am nächsten Tag noch mal wiedersehen – es sei denn, man hat ein gemeinsames Kind. Als Paar scheitern, aber zusammen Eltern bleiben ist das erklärte Ziel. Ein neuer Lebensplan muss also her, für sie drei als Patchworkfamilie, aber auch für Judith als Mutter und Single-Frau. Wie all dies gelingen kann, erzählt Judith Poznan in ›Aufrappeln‹. Sie erzählt von traurigen und ernsten, aber auch von absurden und heiteren Momenten nach einer Zäsur im Leben – aufrichtig, warmherzig und unheimlich witzig.“

    Ja, den Tulpen auf dem Cover fehlt Wasser' erst dann können sie sich wieder aufrappeln und ihre Köpfe der Sonne entgegenstrecken. Oft fehlt es an bestimmten Dingen um sich wieder aufzurappeln, so auch bei unserer Erzählerin Judith. Karfreitag wird für Judith zum Start fürs Ungemach und das zieht sich so weit bis ihr Leben wirklich komplett einmal umgekrempelt ist. Ihr Partner ist weg, nun ist sie alleinerziehend und alles Elend lastet auf ihr und das auch noch sehr lange dazu. Judiths Geschichte ist eine unter vielen und dennoch lohnt es sie zu lesen. Ihr Seelenrucksack füllt sich stets und es gelingt ihr nur bedingt immer etwas Ballast abzuwerfen. Aber wie ergeht es ihrem Ex-Freund? Autorin Judith Poznan zeigt aber mit feiner Stimme und ab und an einer guten Prise Humor, dass man sich aufrappeln muss. Vogelstrauß-Politik bringt einfach nichts. Poznan zeigt in ihrer Geschichte auf wie Judith und ihr Ex-Freund Bruno sich wahrlich aufrappeln trotz allem für ihren Sohn DIE Eltern zu sein, die er braucht und verdient. Ein harter Weg, der vor beiden steht und der nur gemeinsam zu bewerkstelligen ist.

    Poznans Sprache empfand ich als recht schnodderig und vielleicht soll es modern wirken aber richtig warm wurde ich so mit den Figuren nur bedingt. Wäre hier ein wenig mehr Niveau am Start gewesen, dann wäre das Buch wirklich großartig aber die Sprache stört halt schon gewaltig. Auch der Ausdruck leidet dadurch. Wie gesagt' soll es wohl den modernen sprachlichen Zeitgeist treffen aber den mag nunmal nicht Jeder.

    Fazit: eine ernste Familiengeschichte die aber mit der nötigen Prise Humor recht nett zu lesen ist! 3 gute Sterne hierfür!

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Das Buch der gestohlenen Träume

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Buch der gestohlenen Träume' von David Farr
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Buch der gestohlenen Träume"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
Verlag: arsEdition
EAN:9783845853314
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Rezensionen zu "Das Buch der gestohlenen Träume"

  1. 4
    25. Jun 2023 

    Düstere Zeiten...

    Rachel und ihr Bruder Robert wachsen in Krasnia auf – einem Land, in dem Bücher und Geschichten verboten sind! Der böse Präsident Charles Malstain verbreitet Angst und Schrecken und besonders hasst er Kinder. Eines Tages bekommen die Geschwister ein geheimes magisches Buch geschenkt, das Buch der gestohlenen Träume. Sie müssen alles in ihrer Macht Stehende tun, damit das Buch nicht in die falschen Hände fällt. Doch der grausame Charles Malstain ist Rachel und Robert bereits auf der Spur... (Klappentext)

    Die zu Beginn 11jährige Rachel und ihr zwei Jahre älterer Bruder Robert wachsen in Krasnia zu düsteren Zeiten auf. Es ist Kindern bei Strafe verboten, sich draußen aufzuhalten außer für den Schulweg, es gibt strenge Regeln für alle und zahllose Augen und Ohren, die jeden Regelverstoß zu melden bereit sind. Doch ihr Vater liebt Bücher und Wörter und erzählt den Kindern nicht nur Geschichten, sondern spielt mit ihnen auch Abenteuer im Wohnzimmer, so dass ihre Fantasie nicht verkümmert.

    Die Kinder staunen daher nicht schlecht, als ihr Vater sie eines Abends auffordert sich anzuziehen und mit ihm die Wohnung zu verlassen. Das sieht ihm gar nicht ähnlich, denn schließlich weiß er ebensogut wie alle anderen, dass dies eine Straftat ist und empfindlich bestraft werden kann. Die Diktatur unter Präsident Charles Malstain kennt da kein Pardon. Doch gemeinsam machen sie sich schließlich auf den Weg zur Leihbücherei, der Arbeitsstelle ihres Vaters. Dort führt er seine Kinder in eine geheime Abteilung, wo er aus einer Vitrine ein uraltes Buch entnimmt: Das Buch der gestohlenen Träume.

    Dass das Ganze kein Spaß ist, wird Rachel und Robert plötzlich klar, als die Soldaten des Diktators die Bücherei stürmen. Der Vater drückt ihnen das sonderbare Buch in die Hand und teilt ihnen mit, wohin sie es bringen sollen. Die Kinder entkommen um Haaresbreite, doch der Vater wird verhaftet. Wer hat ihn verraten? Worum geht es hier überhaupt? Und weshalb hat sich ihr Vater entschlossen, ein offenbar wertvolles Buch zu stehlen? Rachel und Robert eilen verstört nach Hause, doch da ist es auch nicht mehr sicher für sie. Ein wildes Abenteuer beginnt...

    Erwachsene sind unbegreiflich, dachte sie. Etwas geschieht mit ihnen. Vielleicht hat es mit dem zu tun, was Mama den 'moralischen Kompass' nannte. Einige verlieren ihn eine Zeit lang. Andere für immer.

    Ein spannendes und unterhaltsames Jugend-Fantasy-Buch hat David Farr da geschrieben. Die Seiten fliegen nur so dahin, und neben der Frage, worum es hier überhaupt geht, stellt sich auch schnell heraus, dass man aufpassen muss, wem man wirklich vertrauen kann. Rachel und Robert werden in ihrer Mission früh voneinander getrennt, so dass es hier zwei Handlungsstränge gibt, die abwechselnd verfolgt werden, gerne auch einmal mit einem Cliffhanger am Ende, was die Spannung selbstredend erhöht. Kleinere Plot Twists sorgen für überraschende Wendungen, doch bis kurz vor Ende erscheint es nahezu aussichtslos, dass die Kinder ihre Mission beenden und Krasnia damit befreien können.

    Die Leseempfehlung für Kinder ab 11 Jahren sehe ich allerdings etwas kritisch. Immerhin gibt es hier doch so einige heftige Gewaltszenen, die selbst manchen Erwachsenen zusammenzucken lassen dürften. Insofern sollten Eltern den Roman lieber zunächst selbst lesen, um zu entscheiden, ob sie ihn für ihr Kind für geeignet halten. Sehr schön dagegen fand ich die liebevollen Illustrationen von Kristina Kister, die sich in jedem Kapitel finden.

    Actionlastig aber auch mit Denkanstößen gespickt lässt der Roman definitiv keine Langeweile aufkommen. Es soll noch ein zweiter Teil erscheinen, doch ist dieser Band in sich abgeschlossen und lässt keine Fragen mehr offen. Ich bin natürlich trotzdem gespannt, wie es weitergeht!

    © Parden

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  1. Was wäre wenn ...

    Gestaltung:
    ------------------
    Das Titelbild lädt schon zum Träumen ein, in wunderschönen, kräftigen Farben. Die Kinder laufen mitten im Buch und es scheint etwas Magisches davon auszugehen. Auch im Inneren sind kleinere, wunderschöne Schwarz-Weiß-Illustrationen enthalten. Sehr ansprechend und toll gestaltet!

    Inhalt:
    ------------------
    Die 12-jährige Rachel und ihr zwei Jahre älterer Bruder Robert wachsen in Krasnia auf, einem Land, das von dem Kinderhasssenden Tyrannen Charles Malstain regiert wird, nachdem er den Kaiser gestürzt hat. Er hat Krasnia vollständig unter seiner Kontrolle. Alle Dinge, die Spaß machen, wie bspw. Spielen und Aufenthalt im Freien oder Lachen, sind nicht erlaubt. Auch die meisten Bücher sind verboten und der Zugang zu Bibliotheken stark eingeschränkt. Besonders fantasiereiche Bücher sollen auf einmal vernichtet werden, u. a. "Das Buch der gestohlenen Träume". Rachels Vater Felix ist Bibliothekar und muss dies verhindern. Leider wird er beim Diebstahl geschnappt und so obliegt es Rachel und Robert, das Buch in Sicherheit zu bringen und sich nicht von Charles Malstain und seinem Gefolge fangen zu lassen. Denn der Diktator hat seine eigenen, egoistischen Gründe, das Buch in seine Hände zu bekommen.

    Mein Eindruck:
    ------------------
    "Die Buchseiten waren weich und vergilbt. Neunundvierzig Träume standen darauf, geschrieben in Altkrasnisch. Für jeden Traum gab es eine eigene Seite, genau wie ihr Vater gesagt hatte. Und jede Seite war ganz wunderbar illustriert. Die Farben der Tinte leuchteten – blauer Himmel, goldenes Licht, strahlend rote Blumen, grünes Gras. Und Vögel. Überall Vögel. Aber was hatte das alles zu bedeuten?" (S. 63)

    Bereits in der Einleitung, in der Rachel bei ihrer Reise in ein anderes Land auf einen geheimnisvollen Mann trifft, hat mich das Buch in seinen Bann gezogen. Dann gibt es einen Zeitsprung, bei dem der Leser erfährt, wie das Leben von ihr und Robert bis zu diesem Moment verlaufen ist.
    Hier werden viele Themen miteinander verwoben. Beim Lesen über den Diktator und seine Anordnungen hatte ich oft das Gefühl, dass der Autor hier auf die Zeit um den zweiten Weltkrieg herum anspielt. Auch Sachen wie Ausgangssperre, Nachrichtenverbot, Untergrund-Widerstandsgruppen sowie Verhaftungen von Personen, deren Meinung dem Regenten schaden könnten, ließen mich daran denken. Neben diesen realistischen und erschreckenden Themen spielt David Farr aber auch mit der Frage, was wäre, wenn wir unsterblich wären, die Grenze zwischen Tod und Leben überwinden könnten?
    Und was wäre, wenn eine Tyrannei ewig dauern würde, weil der Tyrann nicht zu stoppen ist? Das sind viele interessante Fragen, die hier spannend in eine actionreiche Geschichte verwoben werden. Rachel und Robert wissen nie, wem sie vertrauen können, und dennoch finden sie schließlich Unterstützter bei ihrem Vorhaben und schaffen es immer wieder, den Geheimdienst von Krasnia auszutricksen.
    Obwohl ich altersmäßig längst nicht mehr zur Zielgruppe gehöre, habe ich das Buch in wenigen Stunden verschlungen und blieb am Ende gerührt und nachdenklich zurück.

    Fazit:
    ------------------
    Facettenreiches, spannendes und actionreiches Fantasie-Jugendbuch, das fesselt und einen nachdenklich zurücklässt

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Oh, William!: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Oh, William!: Roman' von Elizabeth Strout
3.65
3.7 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Oh, William!: Roman"

Lucy Barton ist eine erfolgreiche Schriftstellerin und Mutter zweier erwachsener Töchter. Frisch verwitwet versucht sie, das Leben in New York zu meistern. Da begegnet sie überraschend William wieder, ihrem ersten Ehemann. Obwohl sie neu geheiratet hatten, sind sie einander verbunden geblieben. Nun braucht William Lucys Hilfe und bittet sie um einen Gefallen ... Voller Wärme und Menschlichkeit erzählt Elizabeth Strout von der komplexen und innigen Freundschaft zweier Menschen. Von den Anfängen, als Lucy und William noch studierten, von den beiden Töchtern und vom schmerzvollen Ende ihrer Ehe. Von all den kleinen und großen Dramen, die man Leben nennt.

Format:Taschenbuch
Seiten:224
Verlag: btb Verlag
EAN:9783442773206
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Rezensionen zu "Oh, William!: Roman"

  1. Fragmentarisches Familiengedöns

    Kurzmeinung: Von Elizabeth Strout kann man mit Fug und Recht mehr erwarten!

    So leid es mir als häufige Strout-Leserin auch tut, aber das war wohl nix, Elizabeth!
    Für Leser, die wie ich, den Roman „My name is Lucy Barton“ kennen, ist es noch leidlich interessant zu erfahren, was aus Lucy geworden ist. Lucy ist jetzt bald siebzig und blickt zurück auf zwei Ehen, einige Lover (sieh an!) und eine bescheidene Karriere als Schriftstellerin. Immer wieder ist sie überrascht darüber, wenn man sie in der Öffentlichkeit erkennt, hält sie sich doch so recht eigentlich nicht nur für unscheinbar, sondern sogar für unsichtbar. Doch wer Lucy Barton aus den früheren Romanen nicht kennt, was fängt er an, mit diesem etwas fragmentarischen Roman „Oh, William“?

    Der Kommentar und das Leseerlebnis:
    Es ärgert mich gewaltig, dass man kaum eine Erklärung dafür bekommt, wie die Mutter von zwei Töchtern diese bei ihrem ersten Ehemann William zurücklassen konnte und dass man keine weiteren Informationen darüber bekommt, wie das Verhältnis der drei gewesen ist in den Folgejahren nach der Scheidung. Immerhin erfährt man in dem vorliegenden Roman, den ich nicht anders als fragmentarisch bezeichnen kann, dass William ein Womanizer war und damit auch in der Ehe mit Lucy, die ihn im Prinzip ja glücklich machte, nicht aufhören konnte. Nach dem Entdecken einer Affäre ihres Mannes (von deren Vielzahl sie jedoch keine Kenntnis hatte), verlässt Elizabeth ihren William. In der Rückschau befindet Lucy, dass sie mit William anders glücklich war als mit ihrem zweiten Mann, David. Eine umwerfende Erkenntnis.
    Wir Leser bekommen in „Oh, William“ einige Details über Williams Charakter serviert, er ist nicht besonders empathisch veranlagt, leicht egozentrisch sogar und er hing abgöttisch an seiner Mutter Catherine. Aber Catherine hatte ein Leben vor William. Wer hätte jetzt das gedacht?
    Elizabeth Strout bedient sich wieder einmal, wie jede Menge Autoren vor ihr (und wahrscheinlich nach ihr) am Zweiten Weltkrieg, dieses Welt-Geschehen muss für alles herhalten, egal für was - um mit einem halbbösen Deutschen irgendwie ein verschwiegenes Kind zu umgeheimnissen. Wofür der Zweite Weltkrieg nicht immer wieder herhalten muss! Also das Kind ist nicht von dem Deutschen (falsche Spur). Mit ihm ist Catherine aber verduftet. Irgendwann. Erst ab hier beginnt Williams Geschichte. Der halbböse Deutsche ist aber verantwortlich für jede Menge Albträume seitens Williams (*augenroll*).
    Lucy und William können immer noch gut miteinander und fahren gemeinsam im Auto im Land umher, um das verschollene Kind-Geheimnis zu lösen, dabei ergeht sich die Autorin in vielerlei Andeutungen über Lucys Kindheit; Missbrauch könnte im Spiel gewesen sein. Williams drei Ehen sind alle gescheitert und er weiß nicht, warum (Oh, William). Und Lucys Kinder himmeln ihren Vater an. Lucy auch. (Oh, Lucy). Lucys gute Beziehung zu William rührt nämlich daher, dass Lucy springt, wenn William ruft (Oh, Lucy, *augenroll*).

    Nirgendwo und niemals, bei allen breit gestreuten Andeutungen über ärmliche Verhältnisse, schwere Kindheit, gescheiterte Ehen, Tod sogar und grässliche Schwiegermütter, erreicht die Autorin auch nur annähernd so etwas wie Tiefgang, ihr Roman plätschert mit halben Andeutungen, halben Klagen und halben Familiengeschichten so dahin, bis nichts mehr davon übrigbleibt außer der lapidaren Feststellung, dass der Mensch ein seltsames Wesen sei, versehen teils mit guten und teils mit schlechten Eigenschaften. Wow! Da muss man erst mal drauf kommen!

    Fazit: Ein Satz mit x – das war wohl nix.

    Kategorie: Unterhaltung
    Verlag: Luchterhand 2021

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  1. Oh William

    Lucy Barton erzählt anfangs sehr ausufernd in einem Plauderton über William ihrem Exmann. Was ihm alles für Schicksalsschläge ereilten und wie sie als ehemalige Frau von ihm (und gute Freundin) mit diesen Ereignissen involviert ist.

    Leider war der Anfang alles andere als ansprechend. Auch zwischendurch waren die Einschübe von der Erzählerin (Lucy Barton) alles andere als ansprechend. Ich war versucht dieses Buch abzubrechen und schimpfte sehr über diese Erzählweise, da sie nicht mit den anderen Büchern von Elizabeth Strout stand hielten. Auch dieses ewige "Ach, William" und das "oh, William" hat mich mehr als genervt. Und William wirkte auf mich sehr egozentrisch und Lucy war nur interessant, wenn es ihm nicht gut ging.

    Doch das Buch entwickelt einen gewissen Lesesog, so dass meine Beanstandungen nicht mehr so sehr im Vordergrund standen. Darüber hinaus wird in diesem Buch klar die Entwicklung der Beziehung von Lucy und William beleuchtet und die Entwicklung der Persönlichkeiten.

    Inhalt des Buches:

    Williams 2. Ehe geht den Bach herunter. Estelle verlässt ihn und William erfährt, dass er eine Halbschwester in Maine hat. Zu dieser fährt mit Lucy nach Maine, um die Wurzeln seiner Herkunft zu erforschen.

    Im Endeffekt geht es um eine Rückschau von der gemeinsamen Ehe und der Scheidung. Aber es geht eigentlich auch um viel mehr. Es geht um die Kindheit, wie Lucy und William groß geworden sind und welche Verletzungen sie zugetragen haben und wie sie damit versucht haben zu leben.

    Für mich war das Buch sehr berührend und sehr intensiv und kann daher nur eine dringende Leseempfehlung für alle Lucy Barton Fans aussprechen. Und natürlich auch für Menschen, die einen längeren Atem haben und den langweiligen Start überstehen!

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  1. 4
    29. Nov 2021 

    Lucy erzählt

    Elizabeth Strout- Lesern ist die Protagonistin aus „ Oh William“, die Ich- Erzählerin Lucy Barton, keine Unbekannte. Aus bisher zwei Romanen kennen wir sie: Wir wissen um ihre Kindheit aus prekären Verhältnissen, von ihrem Aufwachsen in einer lieblosen und gewalttätigen Familie und wir kennen ihr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Mutter. ( Das Buch lässt sich aber sehr gut ohne die Vorgängerromane lesen.)
    Mittlerweile ist sie Anfang Sechzig, eine sehr erfolgreiche Autorin und in zweiter Ehe mit David, einem Cellisten, verheiratet. Lucy Barton ist wie eine alte Freundin für uns und so werden wir auch angesprochen von ihr. „ Ich muss noch etwas über meinen ersten Mann sagen, William.“ So beginnt der Roman und in diesem Plauderton erzählt sie weiter.
    Mit William, inzwischen 69 Jahre alt, war sie zwanzig Jahre lang verheiratet, die beiden haben zwei Töchter großgezogen. Doch irgendwann hat sie ihn verlassen. Trotz der Scheidung haben sie aber immer noch Kontakt zueinander, mal mehr, mal weniger intensiv. Und nun braucht William sie, ihren Zuspruch und Rat. Er leidet seit einiger Zeit unter Panikattacken und seine dritte, wesentlich jüngere Ehefrau hat sich von ihm getrennt. Auch Lucy fühlt sich gerade einsam, denn David ist nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben.
    Als William noch herausfindet, dass seine verstorbene Mutter ihm ein Leben lang Wesentliches über sich verschwiegen hat, begleitet ihn Lucy auf eine Fahrt zurück zu seinen Wurzeln. Dabei kommen sie in Gesprächen sich selbst und dem anderen sehr nahe. Es ist aber nicht das Wiederaufleben einer alten Liebe, sondern eine Vertrautheit, die sich durch viele Gemeinsamkeiten ergeben hat. „ Wir sind ein gutes Gespann“, so mailt es Lucy ihrer Tochter.
    Elizabeth Strout lässt ihre Figur sprunghaft erzählen, immer wieder schweift sie ab; geht vom Jetzt in die Vergangenheit und reflektiert alles. Mal geht es um die Höhen und Tiefen der gemeinsamen Ehe, mal um die Töchter und deren heutiges Leben, mal um Parallelen in der Kindheit.
    Was macht uns aus? Wie wurden wir zu dem Menschen, der wir heute sind? Wie ist unser Blick auf uns selbst und wie sehen uns andere? Antworten auf solche Fragen versucht Elizabeth Strout in all ihren Büchern zu finden. Dabei erzählt sie leicht und schnörkellos , in einem ruhigen Ton und einer klaren Sicht auf Details. Ihren Figuren begegnet sie mit viel Empathie und Menschenkenntnis. Das liest sich unterhaltsam und hat trotzdem Tiefe.
    „ Wir kennen niemanden wirklich, auch nicht uns selbst….Aber im Kern bleiben wir alle Geheimnisse. Mythen. Wir sind alle gleich unerforschlich,…“ heißt es am Ende.
    Elizabeth Strout hat mit „ Oh William!“ wieder einen klugen und menschenfreundlichen Roman geschrieben. Gewidmet allen, „ die es vielleicht brauchen können.“ und wer bedarf nicht des Trostes?
    Auch wenn „ Oh William!“ nicht an ihren erfolgreichsten Roman „ Mit Blick aufs Meer“ herankommt, so lohnt sich doch die Lektüre. Für Fans der amerikanischen Autorin ein unbedingtes Muss.

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Drei (detebe)

Buchseite und Rezensionen zu 'Drei (detebe)' von Dror Mishani

Inhaltsangabe zu "Drei (detebe)"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:336
Verlag: Diogenes
EAN:9783257245837
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Die Liebe an miesen Tagen

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Liebe an miesen Tagen' von  Ewald Arenz

Inhaltsangabe zu "Die Liebe an miesen Tagen"

Format:Audible Hörbuch
Seiten:0
EAN:
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