Stille: Ein Wegweiser

Buchseite und Rezensionen zu 'Stille: Ein Wegweiser' von Erling Kagge
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Stille: Ein Wegweiser"

Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je? Lange hat Erling Kagge sich mit diesen drei Fragen beschäftigt. Angeregt durch Freunde und Wegbegleiter wie Marina Abramovic, Jon Fosse, Elon Musk, Børge Ousland und Oliver Sacks, ist er in seinem Buch zu dreiunddreißig Antworten gekommen. Entstanden ist ein Wegweiser für den modernen Menschen auf seiner Suche nach Stille, Ruhe, Frieden – überall dort, wo es laut ist.
»Die Natur sprach zu mir, indem sie sich als Stille präsentierte. Je stiller es wurde, desto mehr hörte ich ... eine ohrenbetäubende Stille.« Der Weltwanderer Erling Kagge musste weit gehen, um ein Gut zu finden, das in unserer Zeit immer wichtiger wird: Stille. Auf seinen Expeditionen – zum Süd- und zum Nordpol, auf den Mount Everest – hat er sie gefunden.
Aber ist Stille auch in der Stadt zu erfahren? Im turbulenten Oslo, wo er lebt? Ja, wenn man bereit ist, die Welt auszusperren und eine Reise in sein Inneres anzutreten, kann man auf dem Weg zur Arbeit, beim Lesen, Stricken, Musikhören, beim Abwaschen, beim Yoga »seinen eigenen Südpol finden«, denn »Stille ist überall«.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:144
Verlag: Insel Verlag
EAN:9783458177241
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Rezensionen zu "Stille: Ein Wegweiser"

  1. Stille als Offenbarung

    Dieser Roman - oder auch Wegweiser, wie es so schön am schlicht weißen Cover heißt - ist recht schnell gelesen, denn er hat nur 125 Seiten. Und nein, darin findet sich keine Geschichte im eigentlichen Sinne, es ist mehr eine Autobiografie. Denn autobiografisch ist es in jedem Fall, was Erling Kagge da geschrieben hat.

    ~ Ja, reden, genau das soll die Stille tun. Sie soll reden, und du sollst mit ihr reden und das Potenzial nutzen, das darin liegt. ~
    (S. 20)

    Der Autor hat sich hierin durch und durch über die Bedeutung der Stille ausgelassen.
    Was ist das eigentlich genau, diese Stille? Hat sie einen Wert? Hat der "moderne" Mensch in der heutigen Zeit überhaupt noch die Chance, absolute Stille zu erfahren? Wenn nein, wie oder wo ist das dennoch möglich? - Das sind nur ein paar der vielen Fragen, denen Kagge in diesem kleinen Büchlein nachgeht. Und ja, er liefert Antworten dazu. Antworten, die - welch Überraschung - irgendwie still werden lassen. Antworten, die man erst fassen und sich auf der Zunge zergehen lassen muss.

    Wenn man ein Buch liest, dann kann man ja meist irgendwie wahrnehmen, in welchem Ton der Inhalt geschrieben wurde, was sich dann auf den Leser überträgt. Und beim Lesen von "Stille" wurde ich nachdenklich, melancholisch, aber auch still. Das Geschriebene hat also durchaus eine gewisse Wirkung bei mir erzielt. Nur ums Stillwerden geht es aber gar nicht. Man muss in weiterer Folge auch verstehen und erfahren wollen, was dann passiert. Im Grunde beschreibt Kagge in seinem Buch auf sehr eindrucksvolle Weise und durch persönliche Erlebnisse das gesamte Wirkungsspektrum von Stille. Für mich war der Buchinhalt hochinteressant und das, obwohl ich mit der Thematik bereits vertraut bin.

    ~ Die Stille um dich herum kann viel enthalten, aber für mich ist die interessanteste Stille diejenige, die in mir ist. Eine Stille, die ich in gewisser Weise selbst schaffe. ~
    (S. 33)

    Für jemanden, der noch nie über Stille nachgedacht hat und/oder über das, was mit selbiger einhergeht, dürfte dieses Buch ein kleiner Schatz sein, den es zu entdecken und zu bestaunen gilt. Von mir gibt es dafür also eine unbedingte Leseempfehlung!

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Vox

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Die rechtschaffenen Mörder: Roman

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Rezensionen zu "Die rechtschaffenen Mörder: Roman"

  1. Von der Macht und Ohnmacht der Literatur.

    Kurzmeinung: Ein Must-read.

    Norbert Paulini rebelliert. Er will nicht mitmachen. Beziehungsweise nur soweit, wie es unbedingt notwendig ist. Das Modell seines Ausstiegs ist ihm indes in die Wiege mitgegeben oder unters Bett geschoben worden.

    In der früheren Deutschen Demokratischen Republik gibt es wenige Inseln der Glückseligen. Norbert Paulini hat sich eine erobert. Mit Langsamkeit und Passivität mehr als durch Energie und Durchsetzungsfähigkeit. Mit seinem literarisch anspruchsvollen Antiquariat wird er sogar richtig bekannt. Später dreht man einen Dokumentarfilm über ihn. Und schreibt ein Buch dazu. Ein Buch, das ihm aber nicht gefällt. Ganz im Gegenteil, er will dem Autor gehörig einheizen, ihn mit Klagen überziehen, seinen ganzen Einfluss geltend machen, damit der Schreiberling nie wieder etwas verkauft bekommt. Das lässt sich dieser nicht gefallen.

    Dabei ist der Schreiberling, Herr Schultz, mit tz geschreiben zur Abgrenzung vom Autorenname Schulze, was ein netter Kniff ist, aber natürlich nicht verhindert, dass man lacht und gleichsetzt, nicht eins zu eins, aber dennoch, - einst sein Eleve gewesen. Damals als Norbert Paulini erklärt hat, dass er als Beruf einfach nur „Leser“ ist. Nicht mehr, nicht weniger. Doch ganz aus dem Einflussbereich des Staates, wie er es sich einbildet, ist Paulini nie gewesen.

    Vom historischen Umbruch der Wende 1989 bleibt das Antiquariat Paulinis nicht verschont. Die vorher wertvollen Erstausgaben russischer und altdeutscher Denker sind plötzlich nichts mehr wert, sie landen tonneweise auf der Müllhalde und werden von dort von Paulini geborgen. Man kann von ihrem Verkauf jedoch nicht mehr leben. Und trotzdem weigert sich Paulini wieder einmal nachzugeben und sich den neuen Gegenheiten des Kapitalismus anzupassen. Würde er sich umstellen, sein Sortiment anpassen, Schulbücher in sein Sortiment aufnehmen, könnte er sich schnell gesundstoßen und nebenbei sein Antiquariat pflegen. Sozusagen als Hobby.

    Aber Paulini ist stur und querköpfig. Er macht nicht mit und alles ist gegen ihn. So sieht er es. Doch anders als in der untergegangengen DDR arbeitet seine Dickschädlichkeit dieses Mal nicht für ihn, sondern richtet sich in aller Härte gegen ihn selbst. Keine Kompromisse zu schließen bedeutet keine Versicherungen zu haben, keine Sicherheit(en). Selbst die Natur wendet sich gegen ihn und will ihn mit einem Jahrhunderthochwasser vernichten.

    Als im zweiten Teil sein einstiger Eleve Schultz, der bei ihm und durch ihn in Literatur unterwiesen wurde, beschließt, über ihn zu schreiben, ja, eigentlich über Paulinis Niedergang, kommt es zum Streit. Im Höhepunkt deselben stellt Paulini sein bisheriges Leben zum ersten Mal in Frage. Genügen Worte alleine. Oder Gedanken? Kommt es nicht auf Taten an? Was soll das viele Bücherwissen?

    Ob Paulini und dessen Sohn in welcher Weise von Worten zu Taten übergegangen sind, bleibt verschleiert, doch gibt es hinreichende Andeutungen, die ihn in Verbindung mit rechtsextremem Gedankengut bringen. Fest steht nur, dass er seinem Sohn ein falsches Alibi gibt und dieser Sohn gewalttätig ist.

    Im dritten Teil besucht die Lektorin Schultzens die sächsische Schweiz, die häufig Schauplatz des Geschehens gewesen ist, da diverse Protagonisten zur Entspannung dort wandern gehen, und insofern ist der vorliegende Roman auch eine Huldigung an die Sächsische Schweiz, schöne Gegend, in der Tat. Vor Ort will die Lektorin nach ihrem Autor suchen, der verschwunden ist. Was ist bloß passiert? Und was ist aus der antiquarischen Buchhandlung Paulinis geworden?

    Die Figur Paulini ist vom Autor gebrochen und umgedreht worden. Der Held wird zum Antihelden. Die Anbindung an den Titel bleibt trotzdem lose. Die Motivsuche schwierig.

    Worüber schreibt der Autor Ingo Schulze augenzwickernd wirklich? Einerseits über den Untergang der DDR und darüber, dass Literatur nicht die ganze Welt abbildet. Darüber, dass sich auch Autoren in ihren Themen/Helden verirren können? Stellt er West und Ost einander gegenüber? Oder ist das ganze Buch nur eine Eifersuchtsgeschichte? Von allem etwas und noch viel mehr!

    Fazit: Es lässt sich trefflich streiten über diesen Roman. Er ist vielschichtig. Uneindeutig. Nahe an historischer Wahrheit und auch wieder ganz fern. Auf alle Fälle ist der Roman „Die rechtschaffene Mörder“ faszinierend und schlägt eine Brücke von der alten Form des Erzählens zu den Kunstformen heutiger Zeit(en). Was er nicht ist, er ist kein Kriminalroman. Und was er noch ist: kein Stück langweilig.

    Ich gebe ein klare Leseempfehlung!

    Kategorie: Belletristik
    Verlag: S. Fischer/Hätte auf die Longlist 2020 gehört.

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  1. Die Geschichte eines verschrobenen Antiquars aus Dresdnen

    „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“ (S. 9)
    Bereits dieser wohlformulierte erste Satz führt den Leser fast märchenhaft in die Geschichte des Antiquars Norbert Paulini ein. Er hat seine Mutter früh verloren, wird vom überforderten Vater und Frau Kate, die mehr als eine Nachbarin ist, aufgezogen. In der Schule Außenseiter lernt er die Faszination der Bücher kennen, die ihn in andere Welten führen.

    Als junger Mann braucht er mehrere Anläufe, um seiner Berufung zu folgen, schließlich wiedereröffnet er mit Frau Kates Hilfe das Antiquariat seiner verstorbenen Mutter. „Er hatte sich für das intensivste und angenehmste Leben entschieden, das einem Menschen möglich war, für das Leben eines Lesers.“ (S. 59)

    Es folgen Jahre der Blüte. Paulini ist in bibliophilen Kreisen höchst angesehen, die Leute kommen von nah und fern, Buchliebhaber erhalten Empfehlungen und Sonderpreise, abends finden literarische Veranstaltungen im familiären, handverlesenen Kreis statt. Ab und zu blitzen Sätze eines Ich-Erzählers im Text auf, dem man anmerkt, wie sehr er den Antiquar verehrt. Paulini verliebt sich in Friseurin Viola, sie heiraten und bekommen einen Sohn, Julian.

    Doch die politische Wende 1989 verändert das Leben Paulinis grundlegend. Mit einem Schlag werden seine Bücher nicht mehr nachgefragt. Er kann es nicht glauben, dass wertvolle Werke auf einmal zuhauf auf der Straße liegen. Der aufrechte, prinzipientreue Paulini kommt ins Wanken. Hinzu kommen Stasi-Vorwürfe gegen seine Familie, Rückübertragungsansprüche auf das Haus, seine Ehe geht in die Brüche. Paulini kann mit den Regeln des Kapitalismus nicht Schritt halten, eine Abwärtsspirale kommt in Gang, an deren Ende rechtsradikale Vorwürfe stehen, die man nicht glauben will. Fragen bleiben offen.

    In Teil II wechselt die Perspektive, hier übernimmt der zuvor nur am Rande in Erscheinung getretene Ich-Erzähler und Autor (Schultze mit tz!) die Regie, die Nebenfigur wird Protagonist – ein wunderbarer Schachzug. Der Erzähler kaufte früher seine Bücher bei Paulini und lernte viel von ihm. Es scheint, als wolle er seinem Idol ein Denkmal setzen, indem er einen biografischen Roman schreibt. Es ergeben sich für den Leser dabei erstaunliche Zusammenhänge und neue Perspektiven.
    Teil III schließt das Ganze mit dem Blick der Verlagslektorin ab, die sich als Außenstehende ihre Gedanken macht, die vorliegenden Fakten noch einmal bewertet und zu interessanten Schlüssen kommt. Spätestens dabei bekommt auch der Buchtitel seinen Sinn.

    Dieser Roman hat mich begeistert. Ingo Schulze spielt mit der Wahrheit, mit dem Leser, zwingt dazu, feste Annahmen wieder zu verlassen. Dabei bewegt er sich oft im Ungefähren, macht nur Andeutungen, kleine Nebensätze, die erst später zu ihrer Bedeutung kommen. Ein Buch, das Aufmerksamkeit erfordert, das aber dennoch kurzweilig und flüssig lesbar ist und im Grunde zu einer zweiten Entdeckungsreise einlädt. Vermutlich werden aus den neuen Bundesländern stammende Leser/innen noch viel mehr sehen können als ich, die die DDR nur aus zweiter Hand kennt. Fasziniert haben mich auch die unterschiedlichen Sprachmodi.

    Das politische Geschehen findet zwar im Hintergrund statt, begleitet den Roman aber über die Jahre, so wie auch das historische Elbhochwasser Eingang in die Geschichte findet. Das macht das Buch ungemein authentisch und lebensecht.
    Der Roman bündelt viele zeitgenössische Themen, ihn nur als Wenderoman zu bezeichnen greift viel zu kurz. Es geht auch um zwischenmenschliche Verbindungen, um Liebe und sogar um einen Todesfall.

    Der Roman eignet sich hervorragend für Lesekreise. Er ist wunderbar konzeptioniert, kurzweilig und überraschend. Volle Leseempfehlung!

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Keine Messer in den Küchen dieser Stadt

Buchseite und Rezensionen zu 'Keine Messer in den Küchen dieser Stadt' von Khaled Khalifa

Inhaltsangabe zu "Keine Messer in den Küchen dieser Stadt"

In Khaled Kahlifas neuem Roman geht es um Syrien von den achtziger Jahren bis heute. Sein erster Roman "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" war ein Überraschungserfolg. Khalifa, der immer noch in Damaskus lebt, schreibt über Syrien von innen heraus, nicht aus dem Exil, wie die meisten seiner Schriftstellerkollegen. Eine Familie lebt auf dem Land. Doch als der Vater mit einer jüngeren Frau nach Amerika abhaut, zieht die Mutter mit den drei Kindern nach Aleppo zurück, wo sie groß geworden ist. Die einst blühende liberale Stadt hat sich durch das Assad-Regime verändert. Die Nachbarn singen jetzt seine Lieder, die Kolleginnen an der Schule, an der die Mutter als Lehrerin arbeitet, treten der Partei bei. Über Außenseiter werden Berichte verfasst. Misstrauen und Angst machen sich breit. Zu Hause versucht die Mutter, die Erinnerung an das alte Aleppo mit seiner Musik, Literatur, dem bunten Basar wachzuhalten. Doch die Wirklichkeit dringt immer tiefer in die häusliche Welt ein ... Ein melancholisches, berührendes Buch über eine verlorene Stadt und Kultur und ein Lehrstück darüber, was mit Freiheiten, die man für selbstverständlich hielt, passieren kann.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
EAN:9783498035822
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TODESZIRKEL: Psychothriller

Buchseite und Rezensionen zu 'TODESZIRKEL: Psychothriller' von Inca Vogt
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "TODESZIRKEL: Psychothriller"

Der Tod ist nicht das Schlimmste. Überleben ist die wahre Hölle!

Lorenz Brandes ist Undercover-Ermittler und hat sich erfolgreich in einen Menschenhändlerclan eingeschmuggelt. Im Schulterschluss mit Hardlinern der rechten Szene handelt der Clan mit Flüchtlingskindern, die Jahr für Jahr vom Radar verschwinden. Kaum jemand sorgt sich um sie, da sie nie offiziell erfasst wurden.

Obwohl Lorenz Beweise schlüssig sind, zögern seine Vorgesetzten gegen den Clan vorzugehen. Schließlich fliegt Lorenz Tarnung auf. Seine kleine Tochter Lilly wird entführt und seine Frau Xenia lebensgefährlich verletzt.

Xenia überlebt. Aber um welchen Preis?


Psychothriller-Bestseller in Folge

AMATO-REIHE
Amato 1, Gebrannte Kinder
Amato 2, Götzenkinder
Amato 3, Verlorene Kinder
Amato 4, Nymphenjäger
Amato 5, Killerstoff
Amato 6, Cronens Brut


NEU!
TODESZIRKEL, Psychothriller



Schwarzer Humor & Thrill

SARGNAGEL-REIHE
Sargnagel 1, Mordserbe
Sargnagel 2, Pleitegeier

Die Treuetesterin
TOT BIST DU

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:358
Verlag: Inca Vogt
EAN:
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Rezensionen zu "TODESZIRKEL: Psychothriller"

  1. Rezension zu Todeszirkel

    Lorenz Brandes arbeitet seit langem als Undercover-Ermittler bei der Polizei. Für seinen neusten Ermittlungen schleust er sich erfolgreich in einen Menschenhändlerclan ein, der zusammen mit Hardlinern der rechten Szene mit Flüchtlingskindern handelt, die Jahr für Jahr spurlos verschwinden. Da sie nie offiziell erfasst wurden, kümmert sich auch keiner wirklich um dieses Problem oder macht sich Sorgen um diese Kinder. Als Lorenz schlüssige Beweise zusammen hat, möchte er endlich gegen den Clan vorgehen, aber zu seinem Entsetzen zögern seine Vorgesetzten die Sache hinaus. Bald fliegt auch noch seine Tarnung, seine Tochter wird entführt und seine Frau Xenia lebensgefährlich verletzt...

    Todeszirkel ist der neue Psychothriller aus der Feder von Inca Vogt.

    Lorenz Brandes ist mit Leib und Seele Polizist, seine Undercover-Tätigkeiten führen ihn zu den abscheulichsten Machenschaften und seine Familie kommt da oftmals zu kurz. Aber seine Frau Xenia und die kleine Lilli kennen dies und kommen damit gut zurecht. Aber als Lorenz Tarnung auffliegt scheint alles aus den Fugen zu geraten, denn seine Tochter Lilli wird entführt und seine Frau lebensgefährlich verletzt, natürlich ist sein erster Gedanke, dass dies mit seinen Ermittlungen zusammenhängen könnte.

    Ich muss zugeben, dass ich Lorenz und Xenia, die für mich der eigentliche Hauptcharakter in diesem Thriller ist, nicht wirklich greifen konnte, sie blieben mir einfach irgendwie fremd. Lilli dagegen, ihre kleine Tochter hatte ich direkt in mein Herz geschlossen und ich fieberte richtig bei ihr mit.

    Die Spannung empfand ich wirklich gut aufbaut, nach den Ereignissen der Entführung und der lebensgefährlichen Verletzung von Xenia, die einen ersten Spannungshöhepunkt darstellten, bleibt immer eine Grundspannung vorhanden, die einen durch die Geschichte treibt. Die Autorin spielt mit den einzelnen Abschnitten gekonnt, so dass man immer weiter lesen möchte um seine Neugierde zu befriedigen wie denn nun alles zusammenhängt und wohin die Geschichte den Leser führt.

    Einige Szenen sind auch nicht ohne und sie führten mich und mein persönliches Kopfkino schon an die Grenzen dessen was ich beim Lesen ertragen kann und möchte.

    Zum Ende hin nimmt die Spannung immer weiter zu und es wartet auf den Leser auch noch eine Wendung, mit der ich persönlich nicht gerechnet habe, die mir aber sehr gut gefallen hat. Auch wenn alles aufgeklärt und alle Fragen beantwortet wurden, hätte ich gerne doch ein paar Seiten mehr gehabt um noch intensiver in die Aufklärung eintauchen zu können.

    Mein Fazit:
    Ein spannender Psychothriller, bei dem meine kleinen Kritikpunkte meinen Lesespaß nicht behindert haben, sondern es eher ein Meckern auf hohem Niveau ist.

    Für mich 4,5 Sterne, die ich gerne auf 5 Sterne aufrunde.

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Familie der geflügelten Tiger: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Familie der geflügelten Tiger: Roman' von Paula Fürstenberg
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Inhaltsangabe zu "Familie der geflügelten Tiger: Roman"

Format:Taschenbuch
Seiten:240
EAN:9783462051599
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Rezensionen zu "Familie der geflügelten Tiger: Roman"

  1. Wer war mein Vater?

    Der mysteriöse Titel und der spannende Klappentext ließen mich bei diesem Buch aufhorchen, weshalb ich es dann gespannt las und regelrecht überwältigt wurde.

    In der Geschichte geht es um Johanna, die ohne ihren Vater aufgewachsen ist. Nun ruft er an, doch was will er eigentlich von ihr? Und was ist damals wirklich geschehen? Hat er die Familie tatsächlich verlassen oder steckt ein ganz anderer Grund dahinter?

    Johanna fungiert als Ich- Erzählerin und man erlebt ihre Gefühls- und Gedankenwelt sehr intensiv mit. Ich liebe gerade so eine Perspektive, weil man so noch mehr an der Hauptfigur dran ist. Johanna ihre Probleme habe ich direkt verstanden, denn wer möchte nicht seine Wurzeln kennen? Auch die Suche nach Liebe und Geborgenheit war hier für unsere heutige Zeit sehr passend dargestellt. Besonders gefallen hat mir ihre Ausdrucksweise, ganz einfach weil bei uns daheim genauso gesprochen wird. Das hat man eher selten, dass statt Hochdeutsch mal Ostdeutsch zum Tragen kommt. Da war bei mir direkt ein Wohlfühlgefühl beim Lesen da.

    Die eigentliche Handlung wird immer mal unterbrochen von vermeintlichen Stasiakten. Der Autorin ist es sehr gut gelungen mich an der Nase herumzuführen. Beim Lesen der Aktenauszüge hatte ich persönlich ein eher mulmiges Gefühl, weil die echten Akten ja wirklich durch Bespitzelung gefüllt worden sind.

    Richtig klasse fand ich zudem das Einbinden vom Straßenbahnfahrten und wie dies so abläuft. Auch wenn der Job sicher wenig Romantisches hat, so ist er dennoch wichtig. Ich bin ab und zu in Berlin und einige Strecken kamen mir direkt bekannt vor.

    Die DDR Witze von Ausbilder Reiner versteht man wahrscheinlich nur, wenn man in dieser Zeit gelebt hat. Bei längerem Nachdenken habe ich sie zwar verstanden, aber das Lachen bleibt einem irgendwie im Halse stecken.

    Das offene Ende hat mich zunächst etwas verwirrt. Am liebsten hätte ich Johanna den Brief aus der Hand gerissen, um alles zu erfahren. Aber nach einer kleinen Bedenkzeit ist diese Lösung für mich auch in Ordnung, da man als Leser sich deswegen seine eigenen Gedanken machen kann und sich vielleicht auch noch etwas längr mit dem Roman beschäftigt.

    Vom Schreibstil hat mich Frau Fürstenberg übrigens enorm an Simone Lappert erinnert, deren Roman "Der Sprung" ich ebenfalls verschlungen habe.

    Fazit: Mit Begeisterung habe ich dieses Buch gelesen und kann es uneingeschränkt weiterempfehlen. Spitzenklasse!

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Palast der Miserablen

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Rezensionen zu "Palast der Miserablen"

  1. Willkommen in der herzlichen Hölle

    Shams Hussein wächst In einem kleinen schiitischen Dorf im Süden des Iraks auf. Es sind die 1980er Jahre, die Zeit des ersten Golfkrieges und später der Invasion des Iraks in den Kuweit. Die Eltern erhoffen sich ein besseres Leben in der Hauptstadt und so zieht die Familie nach Bagdad, wo sie sich mühsam im Slum, der Blechhüttenstadt, eine kleine Existenz aufbauen. Mit findigen Ideen, vom Plastiktütenverkäufer am Basar, Wasserverkäufer bei Fußballspielen, Busfahrergehilfe, trägt Shams schon als Junge zum kargen Familieneinkommen bei. Mit Hilfe eines entfernten Verwandten bekommen er und seine ältere Schwester Qamer wieder einen Schulplatz. Shams entdeckt seine Liebe zu Büchern und der Literatur, schließt sich einem kleine Kreis von Kunst- und Literaturbegeisterten an: dem Palast der Miserablen. Es ist eine Zeit, in der es gefährlich ist zu denken und eines Tages wird Shams verhaftet und landet in den Kerkern Saddams.
    Der Autor Abbas Khider ist 1973 im Irak geboren und wurde mit 19 Jahren wegen seiner politischen Tätigkeit verhaftet. Ihm gelang nach seiner Entlassung die Flucht in den Westen, wo er seit 2000 in Deutschland lebt und schreibt. Mit Shams‘ Geschichte schreibt Abbas Khider über das Leben und Überleben im Irak. Gleich zu Beginn erfahren wir von Shams, dass er als politischer Gefangener inhaftiert ist, nach und nach erzählt Shams von seiner Kindheit und Jugend, Vergangenheit, Gegenwart und einer ungewissen Zukunft.
    „Der Krieg zog sich acht Jahre lang hin und irgendwann wurde er normal.“ Es darf niemals normal sein, wenn Krieg zum Alltag wird. Der Vater als Soldat eingezogen, die Mutter allein mit zwei Kindern, die sich tagelang im Schrank vor den „Bomben des Bush“ verstecken. Das Heimatdorf der Familie trägt einen skurrilen Namen. Helle, in der Übersetzung bedeutet das herzlich, hieß das Dorf unter der Herrschaft der Osmanen. Als die Briten die Türken vertrieben, fanden sie dort unterirdische Kerker und Folterkammern und tauften das Dorf in „hell“ - Hölle – um. Willkommen in der herzlichen Hölle, wo sich Shams Eltern trotz Krieg, Armut und Elend um ein harmonisches und liebevolles Familienleben bemühen. Die Namen der Kinder, Shams die Sonne, Qamer der Mond, zeigen, dass sich die Eltern für die Kinder ein besseres Leben wünschen.
    „Erst acht Jahre Krieg gegen den Iran, dann eine kleine Pause, bis Kuwait dran war. Das hat zum zweiten Golfkrieg geführt, der wiederum den Aufstand im Süden und Norden zur Folge hatte. Davor, danach oder dazwischen noch unzählige weitere Kampfhandlungen: Regierung gegen Opposition, Opposition gegen Opposition, Araber gegen Kurden, Araber gegen Araber, Muslime gegen Christen, Volk gegen Volk und so weiter. Die Liste an Kriegen, Schlachten und Massakern ist endlos und wird jeden Tag länger.“
    Literatur und Bücher werden für den heranwachsenden Shams Orte der Zuflucht, ein Ventil der Gedankenfreiheit. Im Palast der Miserablen trifft er auf Gleichgesinnte. Doch die richtigen Gedanken und Wort zur falschen Zeit sind lebensgefährlich im Regime von Saddam Hussein.
    Abbas Khider schreibt darüber, wenn Krieg eine Normalität ist und die Willkür einer Diktatur obsiegt. So sollte niemand leben müssen.

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  1. 5
    19. Feb 2020 

    kriegerischer Irak

    Im Irak herrscht Krieg. Das ist nichts Neues. Denn im Irak herrscht immer Krieg. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob sich die Aggression gegen andere Länder oder eigene Bevölkerungsgruppen richtet. Der Irak ist und bleibt ein hochexplosives Pulverfass. Wie es sich auf bzw. in diesem Pulverfass leben lässt schildert Abbas Khider in seinem Roman „Palast der Miserablen“.

    Der Schriftsteller weiß, wovon er spricht. Schließlich hat er bis zu seinem 23. Lebensjahr im Irak gelebt. Der irakische Alltag, geprägt von Kriegstreiberei und Verfolgung ist ein Teil seines Lebens.

    "' ... Erst acht Jahre Krieg gegen den Iran, dann eine kleine Pause, bis Kuwait dran war. Das hat zum zweiten Golfkrieg geführt, der wiederum den Aufstand im Süden und Norden zur Folge hatte. Davor, danach oder dazwischen noch unzählige weitere Kampfhandlungen: Regierung gegen Opposition, Opposition gegen Opposition, Araber gegen Kurden, Araber gegen Araber, Muslime gegen Christen, Volk gegen Volk und so weiter. Die Liste an Kriegen, Schlachten und Massakern ist endlos und wird jeden Tag länger.'"

    Protagonist in Khiders Roman ist der junge Iraker Shams Husssein, der im Süden des Landes geboren wird und hier einen Teil seiner Kindheit verbringt. Irgendwann ist seine Familie, die der Bevölkerungsgruppe der Schiiten angehört, gezwungen, den Landstrich zu verlassen. Saddam Hussein lässt den Süden des Irak „säubern“. Die Schiiten stehen auf seiner „Abschussliste“.
    Die Familie lässt sich in Bagdad nieder. Hier befinden sie sich zwar in unmittelbarer Nähe zu den Tyrannen, können jedoch im Großstadt-Völkergewirr untertauchen.
    Im sogenannten "Blechviertel" bauen sie sich ein neues Zuhause auf. Das "Blechviertel" ist ein Wildwuchs an Bebauungen inmitten der Müllhalden Bagdads. Die Familie ist hier über Jahre sicher und schafft es, zu einem geregelten Alltag zurückzufinden. Die Kinder - Shams hat noch eine ältere Schwester - gehen sogar in die Schule und haben die Möglichkeit, einen Abschluss zumachen. Shams träumt von einem Studium, das ihn auch davor bewahren würde, zum Militärdienst eingezogen zu werden.

    "Die Schule war also keine Option, sondern ein Muss. Nur so konnte ich weiterarbeiten und Geld verdienen, ohne zum Militär gehen zu müssen oder mich verstümmeln zu lassen."

    Doch das Leben in Bagdad wird immer schwieriger. Dank der Kriegstreibereien von Saddam Hussein ist der Irak vom Rest der Welt isoliert. Ein Embargo sorgt dafür, dass die Versorgung der Bevölkerung mehr als erbärmlich ist.
    Und mittendrin lebt Shams, der versucht, ein normales Leben zu führen, Geld zu verdienen, seine Familie zu versorgen, erwachsen zu werden. Er schöpft Kraft aus seiner Leidenschaft für Literatur und seinen heimlichen Treffen mit Gleichgesinnten. Es ist zwar schier unmöglich an Bücher zu kommen, die nicht der Zensur unterworfen sind, ganz zu schweigen von dem Embargo, das wirklich alle Güter des täglichen Lebens betrifft. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch.

    "Es war herrlich, die Welt draußen für ein paar Stunden einfach vergessen zu können. Die Zeit in unserer kleinen Zuflucht fühlte sich jedoch immer weniger wie ein Teil unseres Lebens an und dafür mehr und mehr so, als wären wir mit Hilfe irgendeiner Zauberformel in eine Traumwelt getreten, die nichts mit Bagdad zu tun hatte. Wir entfernten uns aus unserer Gegenwart und wurden zu neuen Menschen mit ganz anderen Problemen als Hunger, Arbeitssuche oder Krankheit. Stattdessen debattierten wir über das richtige Versmaß, schräge Metaphern oder gackerten einfach herum."

    Irgendetwas muss bei Shams Streben nach einem normalen Leben schief gelaufen sein. Das zeigt ein zweiter Handlungsstrang in diesem Roman. Denn gleich zu Beginn erfahren wir, dass Shams im Gefängnis sitzt. Während er sich also an seine Kindheit und Jugend erinnert, bangt er um sein Leben. Was ist also passiert, dass sein Schicksal diese Richtung angenommen hat?

    In Anbetracht des Ausgangs dieser Geschichte mag man es kaum glauben. Doch trotz allen Elends bedient sich Khider eines sehr quirligen und lebendigen Sprachstils. Er passt seine Sprache der jeweiligen Lebensphase seines Protagonisten an und vermittelt dadurch unterschiedliche Stimmungen: die Unbeschwertheit während Shams Kindheit in seinem Heimatdorf; Shams Verwirrung und Überforderung mit dem neuen Leben in Bagdad - erschwerend kommen in dieser Phase noch die Irrungen und Wirrungen der Pubertät hinzu; später der junge Erwachsene, der mit großer Ernsthaftigkeit durchs Leben geht und sich Gedanken über seine Zukunft macht; und letztendlich der Gefangene, der voller Verzweiflung und Angst kurz davor ist, mit dem Leben abzuschließen.
    Diese "Stimmungsschwankungen" im Erzählstil nehmen der Geschichte den Schwermut und machen das Schreckliche, das Shams widerfährt, für den Leser einigermaßen erträglich.

    Aufgrund der persönlichen Geschichte von Abbas Khider, der selbst mehrfach im Irak inhaftiert war, liegt natürlich die Frage nach dem autobiografischen Anteil in diesem Roman auf der Hand.

    In einem Interview, das er vor einigen Jahren mit der Zeitschrift "Zenith" geführt hat, antwortete der Schriftsteller auf die Frage, wie autobiografisch seine Romane seien:
    "Ich schreibe über Themen, die real sind, aber wenn ich meine Autobiografie schreiben würde, bräuchte ich 1.000 Seiten. Außerdem schreibe ich Literatur, versuche aber die Stimmung meiner Zeit, meiner Generation wiederzugeben. Es ist also alles autobiografisch, selbst das Erfundene."

    Auf "Palast der Miserablen" angewandt bedeutet dies für mich: Das Thema ist real. Khider gibt definitiv die Stimmung seiner Generation wieder. Die Frage nach dem autobiografischen Anteil ist für mich jedoch nicht relevant. Denn es ist eine Geschichte, die das Leben im Irak geschrieben hat, egal, ob es Khiders eigene oder eine fiktive Geschichte ist. Fesselnd ist sie auf jeden Fall. Und so, oder so ähnlich wird es gewesen sein.
    Leseempfehlung!

    © Renie

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  1. Gute Idee, leblos umgesetzt

    Shams ist ein Kind, als er mit seiner Familie ihr Dorf im Süden des Iraks verlässt, um in Bagdad Schutz vor dem Krieg zu finden. Sie landen im Blechviertel, den Slums direkt neben der Müllkippe, wo Obdachlose Hütten aus Müll errichtet haben und so einen ganz eigenen Stadtteil gegründet haben.
    Gleichzeitig liest man immer wieder Passagen von einem älteren Shams, der im Gefängnis ist und leidet. Nach und nach erfährt man, wie es dazu gekommen ist.

    Das ist ein hoch interessantes Thema, die Idee und Anlage des Buches großartig, leider kann der Erzählstil bei diesem ambitionierten Projekt nicht mithalten. Hier hat man es nicht geschafft, die gute Idee mit Leben zu füllen.
    Weitgehend leidenschaftslos berichtet Shams von seinem Leben, seiner Kindheit und dem Erwachsenwerden im krisengeschüttelten Irak. Er ist es gewohnt, dass kein Geld zum Leben da ist, dass er und seine Schwester mitarbeiten und mitverdienen müssen. So, wie es hier dargeboten wird, meint man fast, das Leben in der Blechsiedlung ist ganz normal und ein großer Spaß. Man kennt sich, man hilft sich, manchmal gibt es Kämpfe, manchmal verschwindet jemand, das ist halt so.

    Monoton wie in einem schlechten Schulaufsatz wird hier von übelsten Zuständen berichtet. Die sparsamen Dialoge sind holprig, die Beschreibungen dürftig, die Figuren blass. Man steckt mitten im Leid und kämpft mit dem Schlaf.
    Schon nach wenigen Seiten habe ich mich gefragt: Hat „Ohrfeige“ ein Ghostwriter verfasst? Wo ist der Witz, der Humor, die Finesse? Es geht schlank geradeaus im mäßig raffinierten Reportagestil.

    Ein weiters Beispiel für eine gute Idee, die nicht genutzt wird, ist der titelgebende „Palast der Miserablen“, ein Dichtertreff, wo sich regimekritische Literaten versammeln. Plötzlich wird Shams, der noch zur Schule geht und bis dato kaum literarische Ambitionen zeigte, dort Mitglied? Vermutlich sollte die Rolle der Literatur und der Widerstand gegen das Regime durch Intellektuelle hier ein Leitmotiv werden, schafft es aber nur zur Randerscheinung.

    Von diesem Buch hatte ich mir versprochen, auf unterhaltsame Art ein wenig über den Irak zu lernen. Leider habe ich mich herzlich gelangweilt und bin nicht klüger als vorher. Die politische Situation wird angerissen aber nicht erklärt. Diese Geschichte hätte in jedem anderen islamischen Krisengebiet genauso stattfinden können und dann sollte man sich lieber ein Buch von Rafik Shami gönnen.

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Der Krieg der Armen

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Permanent Record

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Eine Frau in New York

Buchseite und Rezensionen zu 'Eine Frau in New York' von Vivian Gornick
3.85
3.9 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Eine Frau in New York"

Wir finden zu uns, indem wir anderen begegnen. Vivian Gornick ist eine Suchende, und nichts beruhigt ihr fragendes Herz mehr als ein Fußmarsch durch die schwindelerregenden Straßenschluchten New Yorks. Auf der Suche ist sie nach sich selbst, nach der Frau, die sie sein möchte. Und so sind die alltäglichen Begegnungen ihr Elixier: Aus den Gesprächen auf der Straße erfährt sie von den Schicksalen der anderen und lernt aus deren Überlebenstechniken, sie liebt den Geschmack von Welt auf der Zunge, die Streitbarkeit der Vielfalt und genießt die Wahlfreiheit, die sie als ungebundene Frau in der Stadt hat.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
EAN:9783328600886
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Rezensionen zu "Eine Frau in New York"

  1. 3
    15. Jul 2020 

    Eine Frau streift durch New York

    Bei Vivian Gornicks Buch „Eine Frau in New York“ wird vom Verlag als Roman bezeichnet. Tatsächlich haben wir es aber eher mit Literatur zu tun, die kolumnenhaft verschiedene Eindrücke der Autorin auf Streifzügen durch ihre Stadt aneinanderreiht. Wir suchen also vergeblich nach einer Handlung, werden aber bedient mit einer Fülle von Gedankengängen der Autorin beim Anblick ihrer New Yorker Mitbürger und deren Handelns. Diese Gedankengänge und Eindrücke entspringen dem Geiste einer bewussten, feministisch denkenden Frau, die ihrer Zeit (geboren wurde sie 1935) sicher weit voraus war. Aus dieser Sichtweise der Klügeren, Weiter-Entwickelten bewertet sie oft sehr direkt und unbeugsam ihre Mitmenschen. Des Lesers Reise durch New York an der Seite von Vivian Gornick wird in dem Buch deshalb häufig zu einem Ausflug mit einer unerträglichen Besserwisserin. Viele Gedanken sind klug und geben Anreize zum Weiterdenken. Dafür bekommt das Buch für mich ein großes Lob. Allzu oft aber glitten für mich die Gedanken und Bewertungen auch ab in die Einbahnstraße einer Besserwisserin, die mir keinen Anreiz mehr gaben, weiterzudenken, sondern nur meinen Ärger heraufbeschworen. „Ich weiß es besser“ etwa ist eines der Finale einer Beobachtung auf dem Weg durch die Stadt.
    Vivian Gornick wird in Besprechungen immer wieder als eine Suchende bezeichnet. Für mich ist sie das nicht! Wer sucht, muss offen sein für Neues, neue Einblicke, neue Sichtweisen. Das ist sie in meinen Augen in diesem Buch definitiv nicht. Sie ist festgelegt und sucht nur nach Bestätigung, ohne den Geist zu öffnen. Ich kann deshalb dem Buch auch nicht die gute Bewertung geben, die es von anderen fast durchgängig erhalten hat.
    Bei mir überwiegt Ärger und das führt zu 3 mageren Sternen.

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  1. Die Seele spiegelt sich in der Stadt spiegelt sich in der Seele

    Dies ist weder Roman noch klassische Biografie, geschweige denn Bekenntnisliteratur oder Seelenstriptease. Das Buch wirkt über Genregrenzen hinweg, getragen von der starken Persönlichkeit einer außergewöhnlichen Frau.

    Es vereint zahlreiche Momentaufnahmen aus dem Leben und den Gedanken der Autorin zu einem losen Konglomerat, bar jeder Einordnung in einen starren Handlungsablauf. Der Bewusstseinsstrom erinnert meines Erachtens mal an Joyce, mal an Woolf, ist letztlich jedoch pur Vivian Gornick.

    Die Stadt ist dabei nicht nur Kulisse und Staffage.
    Nirgendwo sonst als in ihrem ganz speziellen Ambiente hätte dieses Buch entstehen können. Ich schlendere quasi mit meiner guten Freundin Vivian durch New York, und sie erzählt mir dies oder jenes, was ihr gerade einfällt, scheinbar wahllose Erinnerungsfetzen.

    Zwischendurch wird die Unterhaltung intimer, dann springt sie wieder zu einem weniger persönlichen Thema… Dies wirkt vielleicht zunächst wie eine beiläufige Plauderei, entpuppt sich jedoch schnell als keineswegs belanglos. Schöne, starke Sätze, über die sich das Nachdenken lohnt, enthüllen das Bild einer Frau, die hochintelligent, gebildet und selbstbewusst ist.

    Vielen dieser Sätze spüre ich erstmal ein Weilchen nach, bevor der Spaziergang weitergehen kann.
    So fand ich zum Beispiel ihre Gedanken zum Wesen der Freundschaft einerseits und dem Wandel der Erwartungen an die Freundschaft andererseits sehr interessant. Aber es gibt auch Passagen voller Humor, die runtergehen wie warme Butter, und solche mit großartigem Biss, die ich mit diebischer Freude las.

    Sehr oft drehen sich ihre Gedanken um Kultur und Literatur. Verschiedene Schriftsteller spielen eine Rolle, werden zitiert, versinken wieder im Fluss der Unterhaltung. Auch zum Feminismus gibt es natürlich einige Überlegungen – das lädt dazu ein, vieles nachzuschlagen, um mehr zu erfahren.

    Aber natürlich spricht Vivian nicht mit mir, sondern mit Leonard, mit dem sie eine einzigartige Freundschaft verbindet.
    Obwohl beide nichts mehr schätzen als ihre Gespräche, können sie sich nicht allzu oft treffen. Zu sehr ermüden sie sich gegenseitig mit ihrem in Sarkasmus verhülltem Weltschmerz. Zu massiv stürzt ihr hochintelligenter Schlagabtausch sie in depressive Verstimmung. Dennoch ist ihnen ihre Freundschaft diesen Preis wert.

    “In Wahrheit sind wir zwei einsame Reisende, die durch die Landschaft ihres Lebens stolpern und sich gelegentlich an den äußeren Rändern verabreden, um Grenzberichte zu erstatten.”

    Vivian Gornick ist eine echte Grande Dame, die sich mitnichten in süßlicher Nostalgie ergeht.
    Ich musste mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass sie im Jahr 1935 geboren wurde.

    Vor allem, was Emanzipation und Selbstwahrnehmung als Frau angeht, war sie ihrer Zeit weit voraus. Heute wächst man als Frau mit einer gewissen feministischen Grundausstattung auf; auch wenn man sich selber nicht als Feministin begreift, hat man das Wissen über Emanzipation und sexuelle Selbstbestimmung doch im Hinterkopf. Zu Vivians Zeiten war das noch nicht so, daher musste sie sich vieles selber erst erarbeiten.

    Sie ist eine kluge Frau, und sie weiß es. Sie beobachtet genauer, sie hinterfragt mehr, und auch das ist ihr bewusst. Manchmal mag sie vielleicht besserwisserisch wirken, weil sie das nicht versteckt, aber es ist eine echte Leistung als Frau dieser Generation, sich das Recht dazu einzufordern.

    Man muss und kann Vivian nicht immer mögen, aber das ist sicher auch nicht ihr Anliegen.
    Es ist wundervoll, wie viel Bedeutung sie in alltäglichen Zufalls-Begegnungen auf der Straße findet. Da spielt gar keine Rolle mehr, was ich eigentlich gerade lese – ob Autobiographie, Sammlung von philosophischen Essays oder Lobgesang des urbanen Lebens, in meinen Augen lohnt es sich so oder so.

    “Eine Sache oder auch alle gut zu machen, hätte bedeutet, sich leichtsinnig auf das Leben einzulassen – es mehr zu lieben als meine Ängste –, und das ging einfach nicht.”

    Fazit

    Vivian Gornick, Jahrgang 1935, lässt den Leser ganz ohne Erinnerungskitsch teilhaben an ihren vielfältigen Erfahrungen. Man sollte sich schnell von dem Gedanken verabschieden, hier eine Handlung von A bis Z vorzufinden – oder überhaupt jegliche Art von Struktur.

    Da geht es um Literatur und Gesellschaft, das postmoderne urbane Leben in all seinen Facetten, den Feminismus, dessen Vorstreiterin sie war. Sie lebt von Gesprächen mit Freunden und Begegnungen mit Fremden, zieht Energie aus dem stetigen Wandel ihrer Stadt, New York.

    Da ist alles im Fluss, von Alterssteifigkeit nicht die geringste Spur. Ich bin Vivian Gornick sehr gerne gefolgt auf ihren ziellosen, jedoch niemals sinnlosen Wanderungen durch die Stadt.

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  1. City Oddity

    New York: eine Stadt die nie schläft, ein gewaltiger Mikrokosmos, voller Gegensätze und gegensätzlicher Menschen. Dort lebt Vivian Gornick, dort begegnet sie Menschen, sucht und findet im heftig schlagenden Herz der Großstadt ihre Ruhe, ihre Bestimmung, ihren Platz.
    Vivian Gornick ist eine US-Amerikanische Journalistin, Literaturkritikern, überzeugte Feministin und Schriftstellerin. Vivian Gornick ist eine Frau in New York. Sie ist „The odd Woman and the City” (wie der Originaltitel des Buchs lautet. Das Buch ist eine „city oddity“, so kurios wie losgelöst, Episoden, die ineinander fließen, Gedanken, die um das große Ganze und die ganz kleinen Alltäglichkeiten kreisen. Die Autorin hat ein reiches Innenleben, sie beobachtet haarscharf und kommentiert mit ehrlichem und zumal auch bissigem Witz. Auf den ersten Blick mag Vivian arrogant wirken, aber damit teilt sie das Schicksal vieler anspruchsvollen, intellektuellen, denkenden Menschen.
    „Ich bin nicht die richtige für dieses Leben“, sage ich.
    „Wer ist das schon?“, sagt er.
    Er, das ist Leonard, ein homosexueller Schriftsteller, Vivians langjähriger Freund und Lebensbegleiter, ein Fixstern in Vivians Leben. Einer der sieht, was sie in ihrem Kopf herumträgt.
    Während Vivian durch die Straßen New Yorks flaniert, beschreibt sie Begegnungen, anrührende wie die Vaterliebe eines Mannes zu seinem beeinträchtigten Kind, skurrill amüsante wie der Dialog mit einer 90-jährigen über verflossene Liebhaber. Der intensive Puls der Stadt wird zu Vivians eigenem Herzschlag.
    Aus der kleinen Welt der jüdischen Bronx, wo die Autorin während der 1940er Jahre aufwuchs, aus der engen Welt der Mutter entwachsen, schildert die Autorin bisweilen sehr offenherzig über ihr sexuelles Erwachsenwerden, vom Wandel eines begehrten zu einem begehrenden Wesen. Sie berichtet von gescheiterten Beziehungen, Märchenprinzdoubletten, von Routinen und Tagträumen.
    Und von der Erkenntnis: „…mit unerwarteter Heftigkeit wurde ich mir nicht der Bedeutung, aber des Wunders der menschlichen Existenz bewusst. Da auf der Straße begriff ich, dass ich dabei war, zu mir selbst zu finden, die Gegenwart in Besitz zu nehmen.“
    „Eine Frau in New York“ ist eine Hommage an die Stadt, an die Freundschaft und vor allem an die unkonventionelle und selbstbestimmte Lebensweise. Ein intellektuelles Memoir gespickt mit klugen und merkwürdigen Sätzen. Ein Buch für das man sich Zeit nehmen muss, dem man die Langsamkeit des Flanierens entgegenbringen muss, um es wertschätzen und genießen zu können.

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  1. Hommage an New York

    Vivian Gornick ist mit ihrem Buch „Eine Frau in New York“ eine kleine Perle und Hommage an ihre Stadt New York geglückt. Die lose verknüpften Episoden mit dem Hintergrundrauschen der Großstadt mit ihren Möglichkeiten, Begegnungen und Menschen erlauben dem Leser ein Gefühl für die Autorin und für die Stadt, in der sie lebt.

    In zusammengestückelten Erinnerungsfetzen schreibt Vivian Gornick über Freundschaft, Liebe, Suche und Selbstfindung, manchmal mit journalistisch-distanziertem Blick auf die Menschen, die sie trifft, manchmal voller Nähe und Wärme für diejenigen, die sie begleiten. Sprunghaft und auf den ersten Blick zusammengestückelt begleitet man sie beim Lesen durch ihre Stadt und die Begegnungen, die für Vivian Gornick so essenziell sind. Die Stadt ist der Fluss, in dem alles schwimmt, der alles bewegt, die Stadt duldet und verzeiht, gibt keinen auf, der mit ihr verbandelt ist. Die Stadt liebt ihre Bewohner, sofern sie das nötige Temperament besitzen. Natürlich romantisiert die Autorin hier sehr, aber ich glaube der Vivian Gornick ihre Gefühle, die sie mit der Lebensart einer Stadt verbindet, in der Menschen und ihr Temperament wichtiger sind als gute Jobs und Sicherheit, und es ist großartig, genau dem Gefühl beim Lesen auf die Spur zu kommen.

    Mit äußerst wachen Blick betrachtet Vivian Gornick die Menschen und Situationen. Ich bewundere ihre Intelligenz und ihre Ehrlichkeit dahingehend, dass sie gegenüber dem Leser ihre eigenen Stachel des Unmuts und elitärem Denken zugibt. An anderen Stellen bekam ich beim Lesen Gänsehaut, so achtsam, großzügig und scharfsichtig sind ihre Analysen. Manchmal musste ich laut auflachen über klugen Witz, den sie situationsbedingt erkennt.
    Vivian Gornick betreibt Flanieren und nützliches Alleinsein, getragen von ihrer Stadt, von ihrer Suche nach sich selbst, von ihren Begegnungen, von ihrer Freundschaft und dem großen Gewinn, den sie für sich selbst daraus zieht.
    Das Buch hat mich in den Bann gezogen, nicht zuletzt wegen der sprachlichen Brillanz und wegen ihrer konsequent feministischen Betrachtungsweise.

    Es ist ein wunderbares Buch, wenn man sich darauf einlässt, dass es eben kein Roman ist sondern aneinandergereihte Episoden, die scheinbar nur ganz lose miteinander verknüpft sind aber dennoch einem Pfad folgen, nämlich dem der Stadt New York selbst, der Offenheit und Toleranz, dem Hochhalten der Freundschaft und dem „nützlichen Alleinsein“.

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  1. 3
    22. Jun 2020 

    Beobachtungen, Erinnerungen und Reflexionen

    Vivian Gornick ist eine in den USA bekannte Schriftstellerin und Feministin. Auf Deutsch ist bisher erst ihr Memoir „ Ich und meine Mutter“ erschienen. Nun ist ihr neues Buch unter dem Titel „ Eine Frau in New York “ auf Deutsch herausgekommen. Es ist kein Roman, sondern wir begleiten die Autorin auf ihren endlosen Fußmärschen durch New York , lesen von Begegnungen mit Freunden und Fremden und nehmen Teil an ihren Erinnerungen und Reflexionen. Das alles wird, scheinbar strukturlos, aneinander gereiht.
    Vivian Gornick, 1935 als Tochter jüdischer Einwanderer in der Bronx aufgewachsen ( „Als Kind in der Bronx zu leben, war, wie in einem Dorf aufzuwachsen.“), hatte schon früh einen Sehnsuchtsort, nämlich Manhattan. „ Hier zu leben, würde bedeuten, dass ich angekommen sei.“ Doch bald musste sie sich eingestehen, „ dass ich mich immer mehr zu einer gesellschaftlichen Randfigur entwickelte.“ Was ihr „ zorniges Herz“ heilen konnte, waren Spaziergänge durch die Straßen der Stadt.
    Dabei hat sie oft gewöhnliche und ungewöhnliche Begegnungen, die sie und uns unterhalten ( z.B. das Gespräch mit einer alten Trotzkistin über die mangelnden Qualitäten ihrer Liebhaber ), aber noch viel mehr Auslöser werden für Reflexionen.
    Die Begegnung im Bus mit einem Vater und seinem extrem missgestalteten, kleinen Sohn, bei der sie Zeugin wird eines intensiven, in Zeichensprache gehaltenen Gesprächs, ist eine der berührendsten Szenen im Buch.
    Oder die kleine Episode, bei der sie einem alten Mann über eine wackelige Planke hilft. Eine menschliche Geste, die keine große Dankbarkeit verlangt. Die führt zu einer banalen, aber trotzdem nicht weniger wahren Erkenntnis: „ ..., dass jeder Mensch, der in Schwierigkeiten gerät, das Recht hat, Hilfe zu erwarten, so wie jeder Zeuge die Verpflichtung, diese Hilfe anzubieten.“
    Eine Einladung bei Bekannten bewertet die Autorin knapp und vernichtend: „ Das Essen ist erlesen, die Konversation dagegen Junk Food.“
    Wir erfahren aber auch manches aus dem Leben Vivian Gornicks, lesen von ihren zwei Ehen und verschiedenen Liebhabern. „Erst nach dem Ende dieser beiden Ehen wurde ich sexuell erwachsen- das heißt, wurde ich mir meiner selbst als einem begehrenden im Unterschied zum begehrten Wesen bewusst.“
    Wir lesen vom problematischen Verhältnis zu ihrer anstrengenden Mutter. „Befreiung von den Wunden der Kindheit ist eine Aufgabe, die nie abgeschlossen ist, nicht einmal im Angesicht des Todes.“
    Sie erinnert sich an die Anfänge des radikalen Feminismus in den siebziger Jahren: „ ...dass wir , ..., primitive Anarchistinnen geworden waren. Wir wollten keine Reform, nicht mal Reparationen; wir wollten das gesamte System zerschlagen, die gesellschaftliche Ordnung zugrunde richten, egal, mit welchen Folgen.“
    Auch zahlreiche weibliche und männliche Schriftsteller und Dichter werden kommentiert und zitiert und in Beziehung zu ihren eigenen Erfahrungen gebracht. Ein Zitat von Winston Churchill z.B. „Es gibt keine dauerhaften Freundschaften, nur dauerhafte Interessen.“ ergänzt Vivian Gornick lapidar mit „ ...er irrt sich, es gibt auch keine dauerhaften Interessen.“
    Sie sieht sich in der Tradition eines Charles Dickens und Victor Hugos, die schon früh die Bedeutung der Großstadt und ihrer Bewohner erkannt haben und in der Nachfolge von Baudelaire und Walter Benjamin, die als „Flaneure“ in die Literaturgeschichte eingegangen sind.
    Dieses Buch ist ein Leseerlebnis, auf das man sich einlassen sollte; ein Buch, das man nicht verschlingt, sondern häppchenweise genießen kann. Manche Passagen haben mich berührt ( das waren dann eher Beobachtungen, weniger Reflexionen ), andere Abschnitte und Sätze haben mich zum Nachdenken gebracht, manche gelangweilt, ab und an erschien mir die Haltung der Autorin zu überheblich.
    „ Eine Frau in New York“ ist ein Buch, das mich nur teilweise erreichen konnte.

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  1. Stadtliebe

    Kurzmeinung: Dieser Roman ist nicht jedermanns Sache: ich liebte ihn.

    Dieser Roman gehört zu der literarischen Gattung „stream of consciousness“, eine Art des Romaneschreibens, die mit Victor Hugo und Walter Benjamin im 19. Jahrhundert begonnen hat, wie uns die Autorin herself im Buch mitteilt.

    Die Interaktion mit sich und dem Leser, so dass das Buch eine Art Selbstgespräch und Gespräch mit dem Lesenden geworden ist, läßt mich manchmal schmunzeln. Es ist als, ob Vivian zum Tee gekommen sei und mir von ihren letzten Spaziergängen durch die Stadt ihres Herzens und ihrer Seele erzählte. Sie greift dieses Erlebnis heraus, dann jenes, Ähnliches erzähle ich auch, wenn ich von der großen Stadt nach Hause komme.

    Die Uhren ticken anders in der Großstadt. Und besondes in New York, sagt die Autorin, die findet, dass ihre Stadt mit keiner anderen vergleichbar ist. Sie ist die Stadt des Miteinander und des Gegeneinander, immer noch ein Schmelztiegel und nicht totzukriegen, obwohl auch die Autorin über das heutige Aussterben der Urbanität nachgedacht hat, der Mittelstand bricht weg, weil die Unternehmen wegzogen in Billiglohnländer. Aber noch ist New York nicht tot und, wie Vivian glaubt, wird es auch nie sein. Es ist viel zu quirling und lebendig, als dass man sich seine Erstarrung vorstellen könnte. Hoffentlich behält die Autorin Recht!

    Der Roman hat einen großen autobiografischen Anteil: Zehn Kilometer Straße macht die Protagonistin, die eben auch die Autorin ist, jeden Tag. Zur Entspannung und zum Einsaugen des New Yorker Lebens. Ich hätte gerne gewusst, welche Schuhmarke sie bevorzugt trägt! Sie geht mit wachen Augen durch ihre Stadt, liebt sie, hasst sie, liebt sie. Sie bekommt einiges mit und davon erzählt sie in kurzen Sentenzen.

    Weiß man nun nach der Lektüre, wie New York ist? Ja und Nein. „Eine Frau in New York“ ist kein Reiseführer, das Buch gibt "lediglich" eine Seelenlage wieder, vermittelt Schwingungen, Stimmungen. Auf alle Fälle gibt es wieder, wie Vivian Gronick über New York denkt und welche Beziehung sie zu der Stadt hat.

    Aber sie erzählt auch von ihrem inneren Leben, von ihrem literarischen Leben, von Büchern, die sie kennt, von der Kunst, die sie gesehen hat, von ihren Freundschaften und von der Veränderung ihrer eigenen Lebensalter. Wie sie hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte auch die Stadt grundlegend, ja fast radikal, verändert. Ein wenig nostalgisch schaut sie zurück auf die Zeit, als die Plätze und Straßen noch niedlich und sauber waren und alles seine Ordnung hatte.

    Aber letztlich akzeptiert sie die Veränderungen, die geschahen und die geschehen. Sie sagt ja zu den urbanen Veränderungen, New York wurde wurde schmutziger, härter, aber auch realer.

    Eines der letzten Bilder des Buches ist, wie sie sich in einer großen Menschenmenge in einem riesigen Konzertsaal mit Tausender fremder Menschen eins fühlt, allesamt Fremde, die jedoch alle gleichzeitig dasselbe wollen: die Musik in sich aufnehmen, lieben, leiden und leben. Und dieses Gefühl und diese Menschenmenge, das ist New York. Das macht die Stadt aus.

    Fazit: Man muss diese Art Bücher nicht mögen, aber wenn man sich darauf einlässt wird man mit einer einzigartigen Atmosphäre belohnt und begreift amerikanisches Lebensgefühl.

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur.
    Verlag Penguin, 2020

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  1. 2
    21. Jun 2020 

    ...eine Collage aus Beobachtungen und Gedanken...

    Es fiel mir nicht so leicht, im Buch anzukommen. Das mag daran liegen, dass ich nicht darauf vorbereitet war, dass es kein Roman im eigentlichen, bzw. im von mir erwarteten Sinne ist.

    Nachdem ich mir klargemacht oder vorgestellt habe, dass ich Vivian Gornick in ihrem Alltag oder auf einem ihrer Spaziergänge durch die Straßen New Yorks begleite und dabei ihre Begegnungen, Gedanken und Erinnerungen verfolge, und nachdem ich aufgehört habe, nach einer stringenten Geschichte zu suchen, kam ich besser zurecht. Es gibt hier keinen roten Faden und keine Struktur; es ist eine Collage.

    Die Ich-Erzählerin und Autorin Vivian Gornick erzählt von ihrer seit über 20 Jahren bestehenden Freundschaft mit Leonard und von ihren verschiedenen Begegnungen in New York und sie lässt uns teilhaben an ihren Erinnerungen und Gedanken.

    Obwohl sie zeitlebens in New York gelebt hat, sehnte Vivian Gornick sich immer nach dem „richtigen New York“.
    Aufgewachsen in der Bronx, machte sie schon als Heranwachsende immer wieder Ausflüge in den gleichzeitig nahen und fernen, aufregenden, quirligen und lebendigen Sehnsuchtsort Manhattan.

    Diese Streifzüge durch Manhattans Straßen, in denen sie die Menschen beobachtet, sowie die Unterhaltungen und Begegnungen auf diesen Fußmärschen beruhigen ihren Zorn, verschaffen ihr das Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung und helfen ihr dabei, sich zu sortieren und zu sich selbst zu finden.

    Als Erwachsene zieht sie schließlich an den Ort ihrer Träume, studiert, heiratet einen Künstler und wird Schriftstellerin. Sie lässt sich scheiden, heiratet erneut und lässt sich wieder scheiden.

    „Eine Frau in New York“ ist ein Buch, das ich nicht „in einem Rutsch“ lesen konnte. Nach manchen Absätzen hatte ich das Bedürfnis innezuhalten, um über das Gelesene nachzudenken.
    Manchmal gefiel mir eine Formulierung oder ein Gedanke so gut, dass ich mir die Passage ein zweites Mal vornehmen musste.
    Und manchmal hatte ich einfach keine Lust mehr, weil es mir zu uninteressant abstrakt oder auch zu langweilig wurde.

    Man spürt ihre Freude „an abstraktem Denken in Verbindung mit dem konkreten täglichen Leben.“ (S. 60) und sollte selbst an beidem Freude haben, damit einem das Buch gefällt.

    Manchmal wirkt die Autorin etwas überheblich. So, als stünde sie im Gegensatz zu all denen, die keinen Durchblick haben, über allem.

    Dann wieder formuliert sie auf sympathisch - kluge Weise Gegebenheiten und Wahrheiten, die man ein zweites Mal lesen möchte oder muss, weil es so treffend und schön formuliert ist und zum Nachdenken anregt.

    Mir gefiel zum Beispiel ihr Verweis auf das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse, mit dem sie verdeutlichen wollte, dass viele Menschen immer nur nach der Erbse, dem Störenden und Unangenehmen in ihrem Leben, suchen, anstatt das Hier und Jetzt zu genießen.

    Ich persönlich finde es etwas schade, dass die Autorin so viele Themen anreißt und dann abrupt wieder beendet und zum nächsten geht. Das verhindert ein Eintauchen und eine tiefgründigere und komplexere Auseinandersetzung.
    Aber das ist natürlich dem von ihr gewählten Aufbau des Buches geschuldet und liegt wohl in der Natur der Dinge.
    Vivian Gornick stellt, wie oben beschrieben viele einzelne Vignetten und Ausschnitte nebeneinander. Dabei entsteht kein homogenes Bild, sondern eine zusammengestellte Collage aus vielen Einzelteilen.

    Es stellt sich durchaus die Frage, ob sie ihrem Inneren einfach freien Lauf gelassen hat. Ob ihre Gedanken, Erinnerungen und Beobachtungen schlicht freie Assoziationen sind. Ob die Abfolge der Passagen einem ungesteuerten Bewusstseinsstrom entspricht.

    Ich empfinde es nicht so. Für mich handelt es sich um eine ganz bewusst erschaffene Collage, die weniger natürlich und aus sich kommend als ziemlich „gewollt und gemacht“ auf mich wirkt.

    Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Buch seine Freunde findet, aber meinem individuellen Lesegeschmack entsprach es unter’m Strich leider nicht.

    (2,5 von 5 Sterne.
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