Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch

Buchseite und Rezensionen zu 'Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch' von Baek Sehee

Inhaltsangabe zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Diskussionen zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:192
EAN:9783499012723
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Reise durch ein fremdes Land: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Reise durch ein fremdes Land: Roman' von David Park
4.65
4.7 von 5 (6 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Reise durch ein fremdes Land: Roman"

Diskussionen zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:192
EAN:9783832166526
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Rezensionen zu "Reise durch ein fremdes Land: Roman"

  1. Schmerzhaftes Loslassen

    Der nordirische Schriftsteller David Park hat eine äußerst intensive, emotional bewegende und atmosphärische Erzählung geschaffen. Kurz vor Weihnachten macht sich Fotograf Tom auf den Weg, seinen kranken Sohn Luke nach Hause zu holen. Es herrscht Schneechaos, vor unnötigen Reisen wird gewarnt, sämtliche Flüge wurden gestrichen. Nichts ist aber für die Familie wichtiger als Luke sicher zuhause zu wissen und so macht sich Tom mit dem Auto auf den Weg ins mehrere hundert Kilometer entfernte Sunderland, um seinen Sohn aus seinem Studentenzimmer abzuholen. Während der Fahrt durch die monochrome Schneelandschaft blitzen bei Tom Erinnerungen auf: Bilder und Szenen aus vergangenen Tagen - erste Begegnungen mit seiner Frau, die Geburt seines ersten Kindes Daniel, Augenblicke aus dem Familienleben, berufliche Episoden als Fotograf. Seine Gedanken fließen und werden nur durch kurze Zwischenstopps, die Stimme des Navigationsgeräts und Telefonate mit seiner Frau Lorna, seiner Tochter Lilly und Luke unterbrochen. Immer wieder glaubt Tom Daniel, seinen ältesten Sohn, zu sehen. Kaum meint er ihn lokalisiert zu haben, entgleitet er ihm jedoch wieder. Bald drehen sich Toms Gedanken überwiegend um Daniel und kreisen um seine Schuldgefühle. Er glaubt als Vater und Ehemann versagt zu haben. Während der Fahrt wird deutlich, was mit Daniel geschehen ist und warum die Familie daran zu zerbrechen droht.

    David Park schreibt wunderbar poetisch. Er erschafft starke Bilder und eine große Nähe zum Ich-Erzähler Tom, dessen Schmerz, Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung sich unmittelbar mitteilen. Doch es geht auch um Zusammenhalt, die Hoffnung auf Vergebung und die fast unmenschliche Aufgabe loszulassen und Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Immer wieder richtet sich der Fokus auch auf Fotografien, ihre Ausdruckskraft, die Komposition und die Essenz eines Bildes. Tom sagt über sein Bedürfnis zu fotografieren: „(…) ich glaube, es ist der Moment dicht unter der Oberfläche oder der Blick auf das Vertraute aus einer anderen Perspektive“, was ich fotografieren will.

    Ergänzt wird das Buch durch einen Link zu einer Playlist mit Songs, die Tom auf seiner Fahrt hört: Nick Cave, The National, R.E.M., The Smiths treffen genau meinen Musikgeschmack und sind in der Literatur nicht so häufig anzutreffen. Dafür gibt es von mir einen sechsten Zusatzstern. Wer ein tief emotionales Leseerlebnis mit wenig Handlung, aber starken inneren und äußeren Bildern sucht, ist auf dieser Fahrt durch ein fremdes Land genau richtig.

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  1. 5
    27. Feb 2022 

    Eine ungewöhnliche Reise

    Es ist kurz vor Weihnachten, das Land steckt in Klauen des Winters fest. Alle Flüge sind abgesagt worden, die verschneiten Straßen kaum passierbar. Luke, der in einer entfernten Stadt studiert, kann nicht zum Weihnachtsfest nach Hause kommen. Tom macht sich mit dem Auto auf den Weg, um seinen Sohn nach Hause zu bringen. Denn weder er noch seine Frau Lorna können sich diesjährige Weihnachten ohne Luke vorstellen. Tom leidet besonders unter den Gedanken, dass er sich bisher nicht genug über seine Familie und den ältesten Sohn Daniel gekümmert hat.

    Während der langen, beschwerlichen Autofahrt wurde Tom von Gedanken an seine Familie und sein bisheriges Leben übermannt. Die Reise zu seinem Sohn ist gleichzeitig eine Reise durch seine Gedankenwelt; eine Reise, die tief emotional verläuft. Tom, der von Beruf Fotograf ist, hat ein ausgeprägtes fotografisches Gedächtnis. Seine Erinnerungen nehmen die Gestalt von Fotos an, die er selbst so oft gemacht hat. Es sind die Erinnerungen an bestimmte bedeutende Ereignisse, die sein Gedächtnis gespeichert hat und die jetzt vor seinem inneren Auge erscheinen.

    Nach und nach setzten sich diese Momentaufnahmen zu einem Puzzle zusammen und das Geheimnis um das tragische Ereignis in Toms Leben wurde gelüftet. Plausibel und nachvollziehbar erscheinen dann seine Selbstvorwürfe und Sorgen um seine Familie.

    Der Roman ist zwar kurz, dafür seine Handlung sehr intensiv und eindrucksvoll. Der sympathischer Protagonist Tom, der an seinem Schicksal fast zu zerbrechen droht, überzeugt sowohl als ein fürsorglicher Familienvater und Ehemann, wie auch als ein hilfsbereiter und einfühlsamer Mensch. Die tragische Geschichte um seinen älteren Sohn, feinfühlig erzählt, erzeugt enorme Spannung, berührt und bewegt.

    Der Roman bleibt lange in meiner Erinnerung. Eine klare Leseempfehlung!

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  1. Intensive Auseinandersetzung mit einem verlorenen Sohn

    Nordirland ist im Schnee versunken, der Flugverkehr wurde eingestellt. Trotz widriger Wetterverhältnisse beschließt Ich-Erzähler Tom, seinen im rund 400 km entfernten Sunderland (an der Ostküste Englands) studierenden Sohn Luke mit dem Auto an Weihnachten nach Hause zu holen. Mutter Lorna sorgt sich, weil sich Luke offenbar eine schwere Grippe zugezogen hat. Fast heroisch bricht der Vater auf. Als Leser spürt man sehr schnell die tiefere Bedeutung dieser Unternehmung. Tom nimmt bewusst Gefahren auf sich, um den Sohn zu „retten“. Was zunächst vollkommen übertrieben erscheint, bekommt im Verlauf der Geschichte einen tieferen Sinn. Neben der 10-jährigen Tochter Lilly hat das Ehepaar nämlich noch ein weiteres Kind, den ältesten Sohn Daniel. Um ihn kreisen Toms Gedanken auf der Reise, der Leser wird lange im Unklaren darüber gelassen, was konkret die Ursachen für Toms offensichtliche Schuldgefühle sowie für sein Bedürfnis mit dieser Reise etwas wieder gutmachen zu wollen, sind. Daniel ist das beherrschende Thema in Toms Gedankenstrom:

    „Manchmal blitzt er beim Autofahren im Augenwinkel auf, und manchmal ist er kurz vor dem Einschlafen da, aber immer ein Stück entfernt, und ich frage mich, soll ich aufstehen und nachsehen, ob die Tür auch wirklich nicht verriegelt ist, damit er nach Hause kommen kann, wenn er will.“ (S.24)

    Der Roman hat mehrere Ebenen. Neben den beiden Erzählebenen, die einerseits aus den Erlebnissen und Begegnungen Toms auf der beschwerlichen Reise und andererseits aus seinen erwähnten Reflexionen bestehen, ergibt sich eine tiefere Metaphorik. Der Schnee, die Gefahren durch Eis und Glätte, die Suche nach dem richtigen Weg – in vielem steckt hier Mehrdeutigkeit. Die Reise zum Sohn wird zur Reise ins eigene Selbst.

    Tom berichtet über wesentliche Ereignisse aus seinem Familien- und Berufsleben als Fotograf, der immer durch eine Linse schaut und nur einen eingeschränkten Blick auf die Welt hat. Seine Erinnerungen springen durch die Zeit und wirken tatsächlich wie eingefangene Momentaufnahmen. Nach und nach komplettiert sich aber das Gesamtbild, zeigt sich Ursache und Wirkung.

    „Die Leute verstehen nicht, was ein Foto ist. Sie glauben, es würde den Augenblick einfrieren, dabei befreit es ihn aus der Zeit. Was die Kamera erfasst hat, tritt für immer heraus aus dem unaufhaltsamen Lauf der Zeit. Es wird immer da sein, immer genau so leben, wie es exakt in dieser einen Sekunde war, mit demselben Lächeln oder Stirnrunzeln, derselben Himmelsfärbung, demselben Licht- und Schattenfall, demselben Gedanken und Herzschlag.“ (S. 175)

    Tom reflektiert auch seine eigene Person kritisch. Er hat wenig Heldenhaftes an sich, beschreibt sich als schwach, zu Depressionen neigend, oft den Weg des geringsten Widerstands gehend. Er möchte ein guter Vater und Ehemann sein, der Schaden von seiner Familie fernhält. In diesem Bewusstsein ist er unterwegs, das ist sein Mantra. Wenn es ihm gelingt, Luke rechtzeitig zum Weihnachtsfest nach Hause zu holen, kann er Vergebung finden. Aber was ist konkret geschehen, von dem außer ihm niemand weiß und das sein Gewissen enorm belastet?

    „Ich kann die Schuld, die er mir zuschreibt, nicht mehr auf mich nehmen, denn sie würde mich so tief runterziehen, dass ich nie wieder auf die Beine käme.“ (S. 44)

    David Park führt den Leser sehr langsam und in Umwegen an den Kern seiner Geschichte heran. Man braucht etwas Geduld. Es passiert nicht viel, dennoch entwickelt sich ein starker Sog. Die Sprache ist ein Genuss, ich würde sie als extrem bildlich, ausdrucksstark, intensiv und fast lyrisch bezeichnen. Die Beschreibungen der verschneiten Landschaft, die Fragmente seiner Erinnerung, die aktuellen Erlebnisse während der Reise – alles wird in vielfältigen Details ausgeleuchtet, die die Vorstellungskraft des Lesers befeuern. Das in diesem Maße zu beherrschen, ist große Schreibkunst. Der Autor hat eine phänomenale Beobachtungsgabe, man findet unzählige tiefgründige, nachdenkenswerte Sätze. An dieser Stelle sei die gelungene Übersetzung von Michaela Grabinger, die gewiss keine leichte Aufgabe war, ausdrücklich hervorgehoben.

    Das Buch erfordert einen aufmerksamen Leser und passt wunderbar in die dunkle, winterliche Jahreszeit. Ich habe mich völlig in dieser ruhigen, melancholischen Erzählung verlieren können, die aus meiner Sicht ein kleines Meisterwerk ist und gewiss noch Literaturpreise gewinnen wird. Hoffentlich macht der DuMont Verlag dem deutschen Publikum noch weitere Werke von David Park zugänglich.

    Riesengroße Lese-Empfehlung an alle Leser, die das Besondere schätzen und sich gerne mit einer intensiven, vielschichtigen und sehr atmosphärischen Geschichte auseinandersetzen wollen.

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  1. Eingefrorene Kameralinse

    Klappentext:

    „Von Beruf Fotograf sieht Tom die durch den Winter zum Erliegen gekommene Welt um sich herum wie durch die Linse seiner Kamera. Schon immer hat er sein Leben auf diese Art betrachtet, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass er es anhand von Fotografien erzählen kann. All diese Bilder kommen ihm nun in den Sinn: das erste Foto, das er von seiner Frau geschossen hat, die Aufnahmen von Familienfeiern, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern, und diejenigen, die er stets zu machen geträumt hat, Fotos jenseits der gängigen Sehgewohnheiten.

    Tom hat sich längst damit abgefunden, dass er kein großer Künstler ist. Doch wie soll er damit leben, dass er kein perfekter Ehemann ist? Und dass er vor allem seinem anderen, seinem ältesten Sohn Daniel kein guter Vater war? Tief in seiner Kamera versteckt, gibt es ein Foto von Daniel, das Toms ganze Schuld und ganzes Leid zeigt. Je intensiver Toms innere Zwiegespräche mit Daniel auf dieser Reise werden, desto mehr hofft er, Erlösung und Vergebung zu finden.“

    Autor David Park hat mit „Reise durch ein fremdes Land“ eine äußerst lesenswerte und intensive Geschichte verfasst. Seinen Protagonisten Tom lernen wir deutlicher kennen als er es selbst tut. Tom sieht alles durch seine Linse der Kamera und genau dies wird beim erlesen eine sehr intensive Erfahrung für den Leser. Tom hat ein besonderes Sichtfeld zu allen Dingen, so auch zu seiner Familie und seiner Umgebung. Er hält Dinge fest und auf dem Foto sind dann dieser eine Moment mit dem entsprechenden Hauptakteur verewigt. Man kann es als Metapher ansehen oder als den eigentlichen Beruf von Tom aber erschreckender ist es, als wir Leser feststellen müssen, das Tom‘s Blick darauf hin ein anderer geworden ist. Wir reden hier nicht von Betriebsblindheit sondern vom „hinsehen“ auf das Leben und seine Akteuere umzu. Ohne diesen Blick, ohne diese Beobachtungsgabe verlieren Menschen die Realität aus den Augen und genau darauf will Park hier hinaus. Hier geht es um die Suche nach dem Blick hinter die Kamera, auf den Blick ganz tief in den Bildern, auf die Situation die da festgehalten wurde, denn sie läuft weiter, auch ohne das ein Bild gemacht wurde…Wir Leser merken schnell, dass Tom einen gewissen „Film nicht entwickelt“ hat, weil er es einfach nicht kann….Es gibt hier eben Dinge, die Tom gern verdrängt, ausblendet, überbelichtet, retuschiert, unterbelichtet…um in der Fachsprache der Fotografie zu sprechen.

    Tom‘s Erinnerungen scheinen unter dem Schnee, der in diesem Buch genau wie auf dem Cover allgegenwärtig ist, begraben zu sein. Das er seinen kranken Sohn an Weihnachten bei sich haben will, ist dies verständlich und auch noch so viel mehr. Der Schnee wird hier zum Schutzmantel der Geschichte und zeigt mit jeder Flocke wie vergänglich alles ist - das kann man nicht in Bildern festhalten, genau wie das Leben an einem vorbei zieht und alles vergänglich ist…“Bilder sagen mehr als tausend Worte“ aber sie können nur den Moment festhalten und nicht den Weitergang zeigen…

    David Park hat hier einen kühlen, feinstimmigen und äußerst intensiven Roman verfasst, der sehr nachhallt und zum nachdenken viele Anregungen gibt. Für mich jedenfalls eine ganz tolle Leseerfahrung und genau deshalb gibt es sehr gute 4 von 5 Sterne!

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  1. 5
    27. Sep 2021 

    Sprachgewaltig und von emotionaler Wucht - eine Entdeckung!

    Von Beruf Fotograf sieht Tom die durch den Winter zum Erliegen gekommene Welt um sich herum wie durch die Linse seiner Kamera. Schon immer hat er sein Leben auf diese Art betrachtet, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass er es anhand von Fotografien erzählen kann. All diese Bilder kommen ihm nun in den Sinn: das erste Foto, das er von seiner Frau geschossen hat, die Aufnahmen von Familienfeiern, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern, und diejenigen, die er stets zu machen geträumt hat, Fotos jenseits der gängigen Sehgewohnheiten. Tom hat sich längst damit abgefunden, dass er kein großer Künstler ist. Doch wie soll er damit leben, dass er kein perfekter Ehemann ist? Und dass er vor allem seinem anderen, seinem ältesten Sohn Daniel kein guter Vater war? Tief in seiner Kamera versteckt, gibt es ein Foto von Daniel, das Toms ganze Schuld und ganzes Leid zeigt. Je intensiver Toms innere Zwiegespräche mit Daniel auf dieser Reise werden, desto mehr hofft er, Erlösung und Vergebung zu finden. (Klappentext)

    Erster Satz: "ich betrete das vereiste Land, ohne zu wissen, welchem Teil der Welt es angehört."

    Zu Beginn des Romans hatte ich kurz das Gefühl von übervorsorglichen Eltern, als Tom und seine Frau die letzten Vorbereitungen trafen, damit der Familienvater in aller Frühe endlich starten konnte, um einmal quer durch England zu fahren zu seinem grippeerkrankten Sohn. Ziel der Reise ist es, Luke trotz des heftigen Wintereinbruchs und der abgesagten Flüge rechtzeitig vor Weihnachten nach Hause zu holen und dort gesund zu pflegen.

    "Wir müssen ihn nach Hause bringen." Der Satz kann in dem vereisten Wagen nirgendwohin, hängt in der Luft und erstarrt zu Schweigen...

    Doch kaum hatte Tom die Wagentür zugeschlagen und nach anfänglich etwas unbeholfenen Versuchen endlich die Fahrt aufgenommen, tauchte ich wie mit einem Sog ein in die Erzählung, die, obschon im Grunde ein Kammerspiel, mich nicht mehr loslassen wollte. Abgesehen von wenigen zufälligen Begegnungen und Telefonaten mit seiner Frau und seinen Kindern ist Tom die ganze Zeit über alleine und fährt Kilometer um Kilometer durch ein schneebedecktes England, das ein so ganz anderes Bild bietet als sonst.

    Leise ist die Welt plötzlich, zusammengeschrumpft auf ein endloses Weiß, die Straße, deren Richtung die Stimme des Navis vorgibt, und Toms Gedanken. Die Gedanken springen von der Gegenwart und der gestellten Aufgabe, Luke zu erreichen und gemeinsam mit ihm heimzukehren, immer wieder in die Vergangenheit, und so entspinnt sich vor den Augen des Lesers ein Leben voller Bilder, denn Tom ist Fotograf und betrachtet die Welt meistens durch eine Linse. Aber es entpuppt sich nach und nach auch ein ganzes Leben, und was anfangs nur andeutungsweise auftaucht, wird letztlich zu dem alles beherrschenden Thema: Daniel, Toms älterster Sohn.

    "Ich stolpere schneeblind dahin, voller Angst, ich könnte jeden Augenblick in eine offene Spalte stürzen oder an der Felskante in die plötzliche Leere treten und mit rudernden Armen etwas zu fassen suchen, woran ich mich festhalten kann, um den unaufhörlichen Fall zu beenden."

    Was im Alltag gelingt - das Verdrängen von Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen - schafft Tom nun auf seiner langen einsamen Fahrt durch die weiße Kälte nicht mehr. Anfangs versucht er noch, aufkommende Bilder durch laute Musik zu übertönen, doch schließlich überlässt er sich einzelnen Szenen der Vergangenheit, Bildschnipseln eines Familienlebens, das irgendwann in eine Schieflage geriet, eigenen Gefühlen von Trauer, Mutlosigkeit und Schuld, nur schwer zu ertragen.

    Sprachgewaltig, voller Metaphern und Bilder, poetisch und von emotionaler Wucht - so schickt David Park den Leser mit Tom gemeinsam auf die Reise zu dessen innersten Dämonen, bis auch das letzte versteckte Bild zutage tritt. Ein sehr leiser Roman, der jedoch die innere Dynamik einer Lawine entfaltet und den Leser ohne Gnade mitreißt, literarisch ganz große Kunst.

    "Dort am anderen Ufer steht ein Haus. Ein Haus, in dem Licht brennt. (...) Doch wie soll ich hinkommen? Es geht nur über den zugefrorenen See. Wer nimmt mich bei der Hand? Wer leitet mich jetzt? Ich blicke hinter mich, aber es ist nur der brausende Wind in den Bäumen zu hören, der den Schnee verstäubt und die ganze Welt frösteln lässt."

    Äußerlich geschieht nicht viel, innerlich bebt die Erde - die Spannung zieht sich durch, was war mit Daniel, was ist geschehen, und wird Tom die erhoffte Erlösung endlich finden? Selten, dass ich derart empathisch bei einer Romanfigur war, die Melancholie und Trauer mich so berührte, und der Funke Hoffnung am Ende mich derart erleichterte. Der Weg ist nicht zuende, der Schnee beginnt zu schmelzen...

    Für mich eine großartige Entdeckung, und ich hoffe, dass künftig noch mehr Romane von David Park ins Deutsche übersetzt werden...

    © Parden

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  1. Gedanken eines Vaters

    „Die Reise durch ein fremdes Land“ ist ein sehr zurückgenommes, ja melancholisches Buch. Auch mich hat diese Stimmung beim Lesen erfasst. Wir begleiten einen Vater auf eine Autofahrt durch Schottland in den Süden. Extreme Schneefälle haben fast alles lahmgelegt und er macht sich auf die Reise seinen Sohn Luke aus der Universitätsstadt über die Weihnachtstage nach Hause zu holen.

    Während der Reise schweifen seine Gedanken immer wieder in die Vergangenheit. Er wollte einmal ein berühmter Fotograf werden, aber nun sind seine Aufträge Hochzeiten, Familienfeiern und ab und zu ein Werbeauftrag. Er denkt an die Bilder seiner Kinder und immer wieder kommt Daniel in seine Gedanken. Den Sohn, den er verloren hat, den er nicht beschützen konnte. Wie eine schwere Last liegt da sein Versagen auf den Schultern. Immer näher kommen wir dem Protagonisten.

    Durch die eindrückliche Sprache und die Reduzierung auf einige Stunden im Auto bekommt der Roman eine ganz besondere Intensität. Er dringt tief in die Seelen seiner Figuren und dem konnte ich mich als Leserin auch nicht entziehen.

    Eine sehr genaue Beobachtungsgabe und eine makellose Sprache machen dieses Buch besonders.

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Reise durch ein fremdes Land: Roman

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4.65
4.7 von 5 (6 Bewertungen)

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Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:130
EAN:
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  1. Schmerzhaftes Loslassen

    Der nordirische Schriftsteller David Park hat eine äußerst intensive, emotional bewegende und atmosphärische Erzählung geschaffen. Kurz vor Weihnachten macht sich Fotograf Tom auf den Weg, seinen kranken Sohn Luke nach Hause zu holen. Es herrscht Schneechaos, vor unnötigen Reisen wird gewarnt, sämtliche Flüge wurden gestrichen. Nichts ist aber für die Familie wichtiger als Luke sicher zuhause zu wissen und so macht sich Tom mit dem Auto auf den Weg ins mehrere hundert Kilometer entfernte Sunderland, um seinen Sohn aus seinem Studentenzimmer abzuholen. Während der Fahrt durch die monochrome Schneelandschaft blitzen bei Tom Erinnerungen auf: Bilder und Szenen aus vergangenen Tagen - erste Begegnungen mit seiner Frau, die Geburt seines ersten Kindes Daniel, Augenblicke aus dem Familienleben, berufliche Episoden als Fotograf. Seine Gedanken fließen und werden nur durch kurze Zwischenstopps, die Stimme des Navigationsgeräts und Telefonate mit seiner Frau Lorna, seiner Tochter Lilly und Luke unterbrochen. Immer wieder glaubt Tom Daniel, seinen ältesten Sohn, zu sehen. Kaum meint er ihn lokalisiert zu haben, entgleitet er ihm jedoch wieder. Bald drehen sich Toms Gedanken überwiegend um Daniel und kreisen um seine Schuldgefühle. Er glaubt als Vater und Ehemann versagt zu haben. Während der Fahrt wird deutlich, was mit Daniel geschehen ist und warum die Familie daran zu zerbrechen droht.

    David Park schreibt wunderbar poetisch. Er erschafft starke Bilder und eine große Nähe zum Ich-Erzähler Tom, dessen Schmerz, Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung sich unmittelbar mitteilen. Doch es geht auch um Zusammenhalt, die Hoffnung auf Vergebung und die fast unmenschliche Aufgabe loszulassen und Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Immer wieder richtet sich der Fokus auch auf Fotografien, ihre Ausdruckskraft, die Komposition und die Essenz eines Bildes. Tom sagt über sein Bedürfnis zu fotografieren: „(…) ich glaube, es ist der Moment dicht unter der Oberfläche oder der Blick auf das Vertraute aus einer anderen Perspektive“, was ich fotografieren will.

    Ergänzt wird das Buch durch einen Link zu einer Playlist mit Songs, die Tom auf seiner Fahrt hört: Nick Cave, The National, R.E.M., The Smiths treffen genau meinen Musikgeschmack und sind in der Literatur nicht so häufig anzutreffen. Dafür gibt es von mir einen sechsten Zusatzstern. Wer ein tief emotionales Leseerlebnis mit wenig Handlung, aber starken inneren und äußeren Bildern sucht, ist auf dieser Fahrt durch ein fremdes Land genau richtig.

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    27. Feb 2022 

    Eine ungewöhnliche Reise

    Es ist kurz vor Weihnachten, das Land steckt in Klauen des Winters fest. Alle Flüge sind abgesagt worden, die verschneiten Straßen kaum passierbar. Luke, der in einer entfernten Stadt studiert, kann nicht zum Weihnachtsfest nach Hause kommen. Tom macht sich mit dem Auto auf den Weg, um seinen Sohn nach Hause zu bringen. Denn weder er noch seine Frau Lorna können sich diesjährige Weihnachten ohne Luke vorstellen. Tom leidet besonders unter den Gedanken, dass er sich bisher nicht genug über seine Familie und den ältesten Sohn Daniel gekümmert hat.

    Während der langen, beschwerlichen Autofahrt wurde Tom von Gedanken an seine Familie und sein bisheriges Leben übermannt. Die Reise zu seinem Sohn ist gleichzeitig eine Reise durch seine Gedankenwelt; eine Reise, die tief emotional verläuft. Tom, der von Beruf Fotograf ist, hat ein ausgeprägtes fotografisches Gedächtnis. Seine Erinnerungen nehmen die Gestalt von Fotos an, die er selbst so oft gemacht hat. Es sind die Erinnerungen an bestimmte bedeutende Ereignisse, die sein Gedächtnis gespeichert hat und die jetzt vor seinem inneren Auge erscheinen.

    Nach und nach setzten sich diese Momentaufnahmen zu einem Puzzle zusammen und das Geheimnis um das tragische Ereignis in Toms Leben wurde gelüftet. Plausibel und nachvollziehbar erscheinen dann seine Selbstvorwürfe und Sorgen um seine Familie.

    Der Roman ist zwar kurz, dafür seine Handlung sehr intensiv und eindrucksvoll. Der sympathischer Protagonist Tom, der an seinem Schicksal fast zu zerbrechen droht, überzeugt sowohl als ein fürsorglicher Familienvater und Ehemann, wie auch als ein hilfsbereiter und einfühlsamer Mensch. Die tragische Geschichte um seinen älteren Sohn, feinfühlig erzählt, erzeugt enorme Spannung, berührt und bewegt.

    Der Roman bleibt lange in meiner Erinnerung. Eine klare Leseempfehlung!

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  1. Intensive Auseinandersetzung mit einem verlorenen Sohn

    Nordirland ist im Schnee versunken, der Flugverkehr wurde eingestellt. Trotz widriger Wetterverhältnisse beschließt Ich-Erzähler Tom, seinen im rund 400 km entfernten Sunderland (an der Ostküste Englands) studierenden Sohn Luke mit dem Auto an Weihnachten nach Hause zu holen. Mutter Lorna sorgt sich, weil sich Luke offenbar eine schwere Grippe zugezogen hat. Fast heroisch bricht der Vater auf. Als Leser spürt man sehr schnell die tiefere Bedeutung dieser Unternehmung. Tom nimmt bewusst Gefahren auf sich, um den Sohn zu „retten“. Was zunächst vollkommen übertrieben erscheint, bekommt im Verlauf der Geschichte einen tieferen Sinn. Neben der 10-jährigen Tochter Lilly hat das Ehepaar nämlich noch ein weiteres Kind, den ältesten Sohn Daniel. Um ihn kreisen Toms Gedanken auf der Reise, der Leser wird lange im Unklaren darüber gelassen, was konkret die Ursachen für Toms offensichtliche Schuldgefühle sowie für sein Bedürfnis mit dieser Reise etwas wieder gutmachen zu wollen, sind. Daniel ist das beherrschende Thema in Toms Gedankenstrom:

    „Manchmal blitzt er beim Autofahren im Augenwinkel auf, und manchmal ist er kurz vor dem Einschlafen da, aber immer ein Stück entfernt, und ich frage mich, soll ich aufstehen und nachsehen, ob die Tür auch wirklich nicht verriegelt ist, damit er nach Hause kommen kann, wenn er will.“ (S.24)

    Der Roman hat mehrere Ebenen. Neben den beiden Erzählebenen, die einerseits aus den Erlebnissen und Begegnungen Toms auf der beschwerlichen Reise und andererseits aus seinen erwähnten Reflexionen bestehen, ergibt sich eine tiefere Metaphorik. Der Schnee, die Gefahren durch Eis und Glätte, die Suche nach dem richtigen Weg – in vielem steckt hier Mehrdeutigkeit. Die Reise zum Sohn wird zur Reise ins eigene Selbst.

    Tom berichtet über wesentliche Ereignisse aus seinem Familien- und Berufsleben als Fotograf, der immer durch eine Linse schaut und nur einen eingeschränkten Blick auf die Welt hat. Seine Erinnerungen springen durch die Zeit und wirken tatsächlich wie eingefangene Momentaufnahmen. Nach und nach komplettiert sich aber das Gesamtbild, zeigt sich Ursache und Wirkung.

    „Die Leute verstehen nicht, was ein Foto ist. Sie glauben, es würde den Augenblick einfrieren, dabei befreit es ihn aus der Zeit. Was die Kamera erfasst hat, tritt für immer heraus aus dem unaufhaltsamen Lauf der Zeit. Es wird immer da sein, immer genau so leben, wie es exakt in dieser einen Sekunde war, mit demselben Lächeln oder Stirnrunzeln, derselben Himmelsfärbung, demselben Licht- und Schattenfall, demselben Gedanken und Herzschlag.“ (S. 175)

    Tom reflektiert auch seine eigene Person kritisch. Er hat wenig Heldenhaftes an sich, beschreibt sich als schwach, zu Depressionen neigend, oft den Weg des geringsten Widerstands gehend. Er möchte ein guter Vater und Ehemann sein, der Schaden von seiner Familie fernhält. In diesem Bewusstsein ist er unterwegs, das ist sein Mantra. Wenn es ihm gelingt, Luke rechtzeitig zum Weihnachtsfest nach Hause zu holen, kann er Vergebung finden. Aber was ist konkret geschehen, von dem außer ihm niemand weiß und das sein Gewissen enorm belastet?

    „Ich kann die Schuld, die er mir zuschreibt, nicht mehr auf mich nehmen, denn sie würde mich so tief runterziehen, dass ich nie wieder auf die Beine käme.“ (S. 44)

    David Park führt den Leser sehr langsam und in Umwegen an den Kern seiner Geschichte heran. Man braucht etwas Geduld. Es passiert nicht viel, dennoch entwickelt sich ein starker Sog. Die Sprache ist ein Genuss, ich würde sie als extrem bildlich, ausdrucksstark, intensiv und fast lyrisch bezeichnen. Die Beschreibungen der verschneiten Landschaft, die Fragmente seiner Erinnerung, die aktuellen Erlebnisse während der Reise – alles wird in vielfältigen Details ausgeleuchtet, die die Vorstellungskraft des Lesers befeuern. Das in diesem Maße zu beherrschen, ist große Schreibkunst. Der Autor hat eine phänomenale Beobachtungsgabe, man findet unzählige tiefgründige, nachdenkenswerte Sätze. An dieser Stelle sei die gelungene Übersetzung von Michaela Grabinger, die gewiss keine leichte Aufgabe war, ausdrücklich hervorgehoben.

    Das Buch erfordert einen aufmerksamen Leser und passt wunderbar in die dunkle, winterliche Jahreszeit. Ich habe mich völlig in dieser ruhigen, melancholischen Erzählung verlieren können, die aus meiner Sicht ein kleines Meisterwerk ist und gewiss noch Literaturpreise gewinnen wird. Hoffentlich macht der DuMont Verlag dem deutschen Publikum noch weitere Werke von David Park zugänglich.

    Riesengroße Lese-Empfehlung an alle Leser, die das Besondere schätzen und sich gerne mit einer intensiven, vielschichtigen und sehr atmosphärischen Geschichte auseinandersetzen wollen.

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  1. Eingefrorene Kameralinse

    Klappentext:

    „Von Beruf Fotograf sieht Tom die durch den Winter zum Erliegen gekommene Welt um sich herum wie durch die Linse seiner Kamera. Schon immer hat er sein Leben auf diese Art betrachtet, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass er es anhand von Fotografien erzählen kann. All diese Bilder kommen ihm nun in den Sinn: das erste Foto, das er von seiner Frau geschossen hat, die Aufnahmen von Familienfeiern, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern, und diejenigen, die er stets zu machen geträumt hat, Fotos jenseits der gängigen Sehgewohnheiten.

    Tom hat sich längst damit abgefunden, dass er kein großer Künstler ist. Doch wie soll er damit leben, dass er kein perfekter Ehemann ist? Und dass er vor allem seinem anderen, seinem ältesten Sohn Daniel kein guter Vater war? Tief in seiner Kamera versteckt, gibt es ein Foto von Daniel, das Toms ganze Schuld und ganzes Leid zeigt. Je intensiver Toms innere Zwiegespräche mit Daniel auf dieser Reise werden, desto mehr hofft er, Erlösung und Vergebung zu finden.“

    Autor David Park hat mit „Reise durch ein fremdes Land“ eine äußerst lesenswerte und intensive Geschichte verfasst. Seinen Protagonisten Tom lernen wir deutlicher kennen als er es selbst tut. Tom sieht alles durch seine Linse der Kamera und genau dies wird beim erlesen eine sehr intensive Erfahrung für den Leser. Tom hat ein besonderes Sichtfeld zu allen Dingen, so auch zu seiner Familie und seiner Umgebung. Er hält Dinge fest und auf dem Foto sind dann dieser eine Moment mit dem entsprechenden Hauptakteur verewigt. Man kann es als Metapher ansehen oder als den eigentlichen Beruf von Tom aber erschreckender ist es, als wir Leser feststellen müssen, das Tom‘s Blick darauf hin ein anderer geworden ist. Wir reden hier nicht von Betriebsblindheit sondern vom „hinsehen“ auf das Leben und seine Akteuere umzu. Ohne diesen Blick, ohne diese Beobachtungsgabe verlieren Menschen die Realität aus den Augen und genau darauf will Park hier hinaus. Hier geht es um die Suche nach dem Blick hinter die Kamera, auf den Blick ganz tief in den Bildern, auf die Situation die da festgehalten wurde, denn sie läuft weiter, auch ohne das ein Bild gemacht wurde…Wir Leser merken schnell, dass Tom einen gewissen „Film nicht entwickelt“ hat, weil er es einfach nicht kann….Es gibt hier eben Dinge, die Tom gern verdrängt, ausblendet, überbelichtet, retuschiert, unterbelichtet…um in der Fachsprache der Fotografie zu sprechen.

    Tom‘s Erinnerungen scheinen unter dem Schnee, der in diesem Buch genau wie auf dem Cover allgegenwärtig ist, begraben zu sein. Das er seinen kranken Sohn an Weihnachten bei sich haben will, ist dies verständlich und auch noch so viel mehr. Der Schnee wird hier zum Schutzmantel der Geschichte und zeigt mit jeder Flocke wie vergänglich alles ist - das kann man nicht in Bildern festhalten, genau wie das Leben an einem vorbei zieht und alles vergänglich ist…“Bilder sagen mehr als tausend Worte“ aber sie können nur den Moment festhalten und nicht den Weitergang zeigen…

    David Park hat hier einen kühlen, feinstimmigen und äußerst intensiven Roman verfasst, der sehr nachhallt und zum nachdenken viele Anregungen gibt. Für mich jedenfalls eine ganz tolle Leseerfahrung und genau deshalb gibt es sehr gute 4 von 5 Sterne!

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  1. 5
    27. Sep 2021 

    Sprachgewaltig und von emotionaler Wucht - eine Entdeckung!

    Von Beruf Fotograf sieht Tom die durch den Winter zum Erliegen gekommene Welt um sich herum wie durch die Linse seiner Kamera. Schon immer hat er sein Leben auf diese Art betrachtet, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass er es anhand von Fotografien erzählen kann. All diese Bilder kommen ihm nun in den Sinn: das erste Foto, das er von seiner Frau geschossen hat, die Aufnahmen von Familienfeiern, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern, und diejenigen, die er stets zu machen geträumt hat, Fotos jenseits der gängigen Sehgewohnheiten. Tom hat sich längst damit abgefunden, dass er kein großer Künstler ist. Doch wie soll er damit leben, dass er kein perfekter Ehemann ist? Und dass er vor allem seinem anderen, seinem ältesten Sohn Daniel kein guter Vater war? Tief in seiner Kamera versteckt, gibt es ein Foto von Daniel, das Toms ganze Schuld und ganzes Leid zeigt. Je intensiver Toms innere Zwiegespräche mit Daniel auf dieser Reise werden, desto mehr hofft er, Erlösung und Vergebung zu finden. (Klappentext)

    Erster Satz: "ich betrete das vereiste Land, ohne zu wissen, welchem Teil der Welt es angehört."

    Zu Beginn des Romans hatte ich kurz das Gefühl von übervorsorglichen Eltern, als Tom und seine Frau die letzten Vorbereitungen trafen, damit der Familienvater in aller Frühe endlich starten konnte, um einmal quer durch England zu fahren zu seinem grippeerkrankten Sohn. Ziel der Reise ist es, Luke trotz des heftigen Wintereinbruchs und der abgesagten Flüge rechtzeitig vor Weihnachten nach Hause zu holen und dort gesund zu pflegen.

    "Wir müssen ihn nach Hause bringen." Der Satz kann in dem vereisten Wagen nirgendwohin, hängt in der Luft und erstarrt zu Schweigen...

    Doch kaum hatte Tom die Wagentür zugeschlagen und nach anfänglich etwas unbeholfenen Versuchen endlich die Fahrt aufgenommen, tauchte ich wie mit einem Sog ein in die Erzählung, die, obschon im Grunde ein Kammerspiel, mich nicht mehr loslassen wollte. Abgesehen von wenigen zufälligen Begegnungen und Telefonaten mit seiner Frau und seinen Kindern ist Tom die ganze Zeit über alleine und fährt Kilometer um Kilometer durch ein schneebedecktes England, das ein so ganz anderes Bild bietet als sonst.

    Leise ist die Welt plötzlich, zusammengeschrumpft auf ein endloses Weiß, die Straße, deren Richtung die Stimme des Navis vorgibt, und Toms Gedanken. Die Gedanken springen von der Gegenwart und der gestellten Aufgabe, Luke zu erreichen und gemeinsam mit ihm heimzukehren, immer wieder in die Vergangenheit, und so entspinnt sich vor den Augen des Lesers ein Leben voller Bilder, denn Tom ist Fotograf und betrachtet die Welt meistens durch eine Linse. Aber es entpuppt sich nach und nach auch ein ganzes Leben, und was anfangs nur andeutungsweise auftaucht, wird letztlich zu dem alles beherrschenden Thema: Daniel, Toms älterster Sohn.

    "Ich stolpere schneeblind dahin, voller Angst, ich könnte jeden Augenblick in eine offene Spalte stürzen oder an der Felskante in die plötzliche Leere treten und mit rudernden Armen etwas zu fassen suchen, woran ich mich festhalten kann, um den unaufhörlichen Fall zu beenden."

    Was im Alltag gelingt - das Verdrängen von Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen - schafft Tom nun auf seiner langen einsamen Fahrt durch die weiße Kälte nicht mehr. Anfangs versucht er noch, aufkommende Bilder durch laute Musik zu übertönen, doch schließlich überlässt er sich einzelnen Szenen der Vergangenheit, Bildschnipseln eines Familienlebens, das irgendwann in eine Schieflage geriet, eigenen Gefühlen von Trauer, Mutlosigkeit und Schuld, nur schwer zu ertragen.

    Sprachgewaltig, voller Metaphern und Bilder, poetisch und von emotionaler Wucht - so schickt David Park den Leser mit Tom gemeinsam auf die Reise zu dessen innersten Dämonen, bis auch das letzte versteckte Bild zutage tritt. Ein sehr leiser Roman, der jedoch die innere Dynamik einer Lawine entfaltet und den Leser ohne Gnade mitreißt, literarisch ganz große Kunst.

    "Dort am anderen Ufer steht ein Haus. Ein Haus, in dem Licht brennt. (...) Doch wie soll ich hinkommen? Es geht nur über den zugefrorenen See. Wer nimmt mich bei der Hand? Wer leitet mich jetzt? Ich blicke hinter mich, aber es ist nur der brausende Wind in den Bäumen zu hören, der den Schnee verstäubt und die ganze Welt frösteln lässt."

    Äußerlich geschieht nicht viel, innerlich bebt die Erde - die Spannung zieht sich durch, was war mit Daniel, was ist geschehen, und wird Tom die erhoffte Erlösung endlich finden? Selten, dass ich derart empathisch bei einer Romanfigur war, die Melancholie und Trauer mich so berührte, und der Funke Hoffnung am Ende mich derart erleichterte. Der Weg ist nicht zuende, der Schnee beginnt zu schmelzen...

    Für mich eine großartige Entdeckung, und ich hoffe, dass künftig noch mehr Romane von David Park ins Deutsche übersetzt werden...

    © Parden

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  1. Gedanken eines Vaters

    „Die Reise durch ein fremdes Land“ ist ein sehr zurückgenommes, ja melancholisches Buch. Auch mich hat diese Stimmung beim Lesen erfasst. Wir begleiten einen Vater auf eine Autofahrt durch Schottland in den Süden. Extreme Schneefälle haben fast alles lahmgelegt und er macht sich auf die Reise seinen Sohn Luke aus der Universitätsstadt über die Weihnachtstage nach Hause zu holen.

    Während der Reise schweifen seine Gedanken immer wieder in die Vergangenheit. Er wollte einmal ein berühmter Fotograf werden, aber nun sind seine Aufträge Hochzeiten, Familienfeiern und ab und zu ein Werbeauftrag. Er denkt an die Bilder seiner Kinder und immer wieder kommt Daniel in seine Gedanken. Den Sohn, den er verloren hat, den er nicht beschützen konnte. Wie eine schwere Last liegt da sein Versagen auf den Schultern. Immer näher kommen wir dem Protagonisten.

    Durch die eindrückliche Sprache und die Reduzierung auf einige Stunden im Auto bekommt der Roman eine ganz besondere Intensität. Er dringt tief in die Seelen seiner Figuren und dem konnte ich mich als Leserin auch nicht entziehen.

    Eine sehr genaue Beobachtungsgabe und eine makellose Sprache machen dieses Buch besonders.

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Wie kommt das Salz ins Meer. Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Wie kommt das Salz ins Meer. Roman' von  Brigitte Schwaiger

Inhaltsangabe zu "Wie kommt das Salz ins Meer. Roman"

Diskussionen zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Format:Broschiert
Seiten:136
Verlag: Haymon Verlag
EAN:9783852188775
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Im Prinzip ist alles okay

Buchseite und Rezensionen zu 'Im Prinzip ist alles okay' von Yasmin Polat
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Im Prinzip ist alles okay"

Diskussionen zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: GOYA
EAN:9783833745638
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Rezensionen zu "Im Prinzip ist alles okay"

  1. 3
    12. Nov 2023 

    Im Prinzip ist das Buch okay

    Miryam Topal - sicherlich nicht nur zufällig fast ein Anagramm des Namens der Autorin Yasmin Polat – bekommt in 2019 ein Kind und meint zusammen mit ihrem Partner Robert nun endlich ein gutes leben zu führen. Das der Schein nur trügt, bekommen wir sehr schnell mit. Denn zunächst durch Rückblenden und später auch Gedankenkreise und Verhaltensweisen in der „Gegenwart“ 2019 erfahren wir, dass Miryam bereits seit sieben Jahren immer wieder depressive Episoden durchmacht und sich die Zeit nach der Geburt ihres Kindes nur in seinen Symptomen von anderen, älteren Episoden unterscheidet. Wir begleiten die Protagonistin nun in ihrer Erkenntnisgewinnung und in der Suche nach Auswegen aus ihren depressiven Symptomen und ihrem festgefahrenen Leben.

    Zu Beginn stellt sich die Ich-Erzählerin noch wie eine leicht überforderte, an sich selbst zweifelnde Mutter dar, die aber eigentlich doch alles im Griff zu haben scheint. Dabei geht sie einem beim Lesen ihrer ewigen selbstkritischen Gedankenkreisel doch relativ schnell auf die Nerven und stellt dies sogar selbst im Text fest: (S.53)

    „…, und ich bin eine miserable, bittere Nervkuh. […] Mir läuft eine weitere Träne die rechte Wange herunter, sein [Roberts] Stress-Kommentar hat mich verletzt. Ich bin für alle einfach immer nur Stress, meine Gefühle sind ja offenbar kleine Vulkanausbrüche, die mein Umfeld umschiffen muss.“

    Wenn Protagonistinnen trotzdem sympathisch angelegt sind, würde man an so einer Stelle in einem Bericht ihnen am liebsten zuflüstern „Nein, das bist du nicht, die anderen nehmen dich nur falsch wahr.“ Leider ist es hier aber anders. Miryam ist tatsächlich unglaublich nervig, zeigt damit aber auch gut, wie stark depressive Menschen mit ihren ewigen Selbstzweifeln ihr soziales Umfeld belasten. In diesem Falle hier, sind auch wir, die Lesenden, das soziale Umfeld und bekommen nun mal alles, aber auch alles, was Miryam durchmacht mit. Dafür muss man die entsprechenden Nerven haben. Gleichzeitig liegt aber auch ein gewisser Reiz darin, denn es ist nun einmal eine recht realistische Darstellung. Dies könnte auch daran liegen, dass die Autorin den Roman recht nahe an ihrem eigenen Leben angelegt hat und daher aus eigener Erfahrung berichten kann. Sehr interessant und auch psychologisch plausibel leitet sie mithilfe der Rückblenden her, aus welchem Milieu die Protagonistin stammt, welche Beziehungserfahrungen (sowohl innerhalb der Ursprungsfamilie als auch in früheren Liebesbeziehungen) sie gemacht hat und wie ihre Depression dadurch entstehen und sich aufrechterhalten konnte.

    Sprachlich und vom Aufbau her habe ich hingegen mehr mit dem Roman gehadert. Zum einen nutzt die Autorin über das gesamte Buch hinweg immer wieder hippe, englischsprachige Füllworte wie „seriously?“, „literally“, „obviously“, „caps lock“ (als jemand spricht wie „in Großbuchstaben“) usw. usf. Diese Worte könnte ich innerhalb von direkter Rede gut nachvollziehen, wenn die Autorin ein Milieu, in welchem sich die Protagonistin bewegt, darstellen möchte. Da diese Formen aber auch durchgängig im Fließtext genutzt werden und gegen Ende auch ein Paartherapeut als wäre es das Normalste auf der Welt von sog. „Daddy Issues“ spricht, muss ich unterm Strich sagen, dass mir die Nutzung der Anglizismen im Text eher nicht gefallen haben und ich sie mir literarisch nicht vollständig herleiten konnte. Dadurch wirkt es eher, als ob die Autorin ihren eigenen Alltagssprachgebrauch in den Roman hat einfließen lassen. Kurioserweise wirken die genutzten Anglizismen, als ob sie eigentlich besser zu einer zehn bis 15 Jahre jüngeren Person passen würden. Die Protagonistin wie auch die Autorin ist 1989 geboren, klingt aber wie eine Teenagerin oder eine Mitte Zwanzigjährige. Nun ja. Zum anderen wird gegen Ende die Konstruktion der Geschichte durch Rückblenden, die früher als im Jahre 2019 liegen, aufgebrochen und wir springen auf den letzten 60 Seiten noch einmal wild hin und her, in die Zukunft und doch wieder per „Rückblende“, die aber dann nach 2019 liegt, zurück in eine zukünftige Vergangenheit, relativ gesehen zu unserer bisher angenommenen „Gegenwart“ 2019. Und wenn man gerade denkt, jetzt hat die Autorin einen Schlusspunkt gefunden, kommt noch einmal ein Epilog hintendran, der irgendwie unpassend rangeklatscht wirkt. Auf den Seiten vor dem Epilog wird inhaltlich dann auch noch angedeutet, dass eine Depression mithilfe von einem guten, klärenden Gespräch sowie der Hilfe von Ein-Satz-Weisheiten aus den sozialen Medien überwunden werden könnten. Eine Passage, die ich fachlich äußerst kritisch sehe.

    Insgesamt finde ich den Roman durchaus gut geschrieben und auch inhaltlich lesenswert. Vor allem die Rückblenden, die die tief verwurzelten Ursachen der Depression von Miryam aufzeigen sind prägnant geschrieben und aufschlussreich. Die Gegenwartsebene empfand ich hingegen häufig als anstrengend und mitunter auch etwas zu weitschweifig in ihren Beschreibungen, hier hätte etwas mehr Verdichtung dem Text gutgetan. Im Prinzip ist das Buch also okay und auch lesenswert für Interessierte, die die oben genannten Kritikpunkte tolerieren können.

    3/5 Sterne

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Und es schmilzt: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Und es schmilzt: Roman' von Lize Spit

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Diskussionen zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:508
EAN:
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Die Räucherapotheke für die Seele

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Räucherapotheke für die Seele' von  Annemarie Herzog

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Diskussionen zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Format:Taschenbuch
Seiten:128
EAN:9783843412032
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Vom Himmel die Sterne

Buchseite und Rezensionen zu 'Vom Himmel die Sterne' von Jeannette Walls
4.2
4.2 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Vom Himmel die Sterne"

Diskussionen zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:448
EAN:9783455016284
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Rezensionen zu "Vom Himmel die Sterne"

  1. Eine starke Frau in harten Zeiten

    Inhalt:
    ------------------

    "Nach Mamas Tod, als kleines Mädchen, versuchte ich mit aller Kraft, den Duke als meinen größten Helden zu sehen, einen, der mir die Sterne vom Himmel holen kann. Es gab also vieles, was ich nicht sehen wollte. Eigentlich schon mein ganzes verdammtes Leben lang." (S. 399)

    Sallie Kincaid ist ca. 3 Jahre alt, als ihre Mutter unter mysteriösen Umständen stirbt. Ihr Vater, von allen nur "der Duke" genannt, ist ein mächtiger Mann im Claiborne County in Virginia zu Zeiten der amerikanischen Prohibition. Sie wächst bei ihm und ihrer Stiefmutter Jane auf mit ihrem neuen Halbbruder Eddie. Ihren Vater vergöttert sie. Doch dann passiert ein Unfall und sie wird zu ihrer Tante Faye auf Land gebracht. Erst mit 17 darf sie nach Hause zurück und freut sich. Doch dann stirbt ihr Vater und plötzlich muss sie sich nicht nur vielen neuen Herausforderungen stellen, sondern auch den vielen Familiengeheimnissen, die nach und nach zutage treten. Doch Sallie findet ihren eigenen Weg, sich in der harten, von Männern dominierten Welt zu behaupten.

    Mein Eindruck:
    ------------------

    »Weißt du noch«, sagt sie, »wie du in Hatfield jedes Jahr gegen Ende des Winters mit der ersten Blutwurz des Jahres in der Hand nach Hause gerannt kamst? Diese Bergblumen sehen zart aus, aber sie sind zäh, und die kleine Blutwurz hat sich von nichts und niemandem aufhalten lassen, hat sich durch den gefrorenen Boden ans Licht gekämpft, um uns zu zeigen, dass der Frühling trotz der bitteren Kälte nah war. Du musst wie diese kleine Blutwurz sein, Sallie. Du musst dich durch Kälte und Dunkelheit nach oben kämpfen. Und wenn du es schon nicht für dich selbst tun willst, dann tu’s für diejenigen, die dich brauchen. Also iss.« (S. 204, Tante Faye zu Sallie)

    Ich war angesichts der Beschreibung unsicher, ob das ein Buch nach meinem Geschmack wäre. Doch kaum hatte ich die ersten Kapitel gelesen, übte die Handlung eine Sogwirkung auf mich aus. Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive von Sallie geschrieben. Man merkt ihr die Ehrfurcht an, mit der sie ihren Vater vergöttert und ihm nachzueifern versucht. Entsprechend enttäuscht ist sie, als er sie wegschickt, nachdem ihr Bruder einen Unfall hatte. Der Leser erlebt dabei die Zeit der Prohibition nach dem Ersten Weltkrieg direkt aus Sallies Perspektive mit. Man taucht ein in die Atmosphäre und lernt viel über die Lebensweise der Menschen zu dieser Zeit. Hier herrschten oft raue Sitten, Menschen brannten und schmuggelten illegal Alkohol, vor allem Whiskey, um über die Runden zu kommen. Es gab Bandenkriege unter den Whiskeybrennern und Frauen hatten in dieser Welt nicht viel zu sagen. Sallie aber schafft es, sich durchzusetzen, indem sie quasi "ihren Mann steht". Sie kann gut Auto fahren und schießen und läuft auch öfter in Männerkleidung durch die Gegend, sodass sie von allen Seiten Respekt erfährt. Aber, wie sie selber sagt: "Ich bin nicht furchtlos. Ich fürchte mich bloß vor anderen Dingen als die meisten Menschen." (S. 382)

    Hier ist der Punkt, in dem ich manchmal schwer Zugang zu ihr fand. Auf der einen Seite ist sie vom Tod naher Angehöriger erschüttert, aber greifbar und spürbar werden ihre Gefühle nicht beschrieben. Sie fürchtet sich vor Beziehungen, vor allem vor Männern, weil sie zu viele schlechte Erfahrungen in ihrem Umfeld mitbekommen hat. Sie will nie heiraten und doch gibt es den ein oder anderen Verehrer, dem sie etwas näher kommt. Aber das alles wird aus einer gewissen innerlichen Distanz heraus beschrieben. Ihr Handeln scheint stets vernünftig und nüchtern, auch wenn die Umstände oft dramatisch und tragisch sind, so konnte ich nie wirklich fühlen, was wohl in ihr vorging.
    Das ist der einzige Kritikpunkt. Ansonsten passieren so viele Dinge in diesem Roman, dass ich das Buch bis zum Ende kaum aus der Hand legen konnte. Es kommen immer mehr tiefe Abgründe aus der Vergangenheit des Duke hervor und ich habe Sallie bewundert, wie sie nie aufgibt, für alles eine Lösung findet und am Ende ihren Weg geht.
    Aufschlussreich war auch das Nachwort der Autorin, die darin erklärt, welche realen Figuren und Ereignisse für den Roman Pate gestanden haben. Ich habe dabei sehr viel über die Prohibition gelernt, über die ich bis dato noch nicht viel wusste.

    Fazit:
    ------------------
    Sallie Kincaid ist eine Feministin zu Zeiten der Prohibition - spannend und aufschlussreich geschrieben!

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  1. Familientragödien en masse

    Mein Lese-Eindruck:

    Der Roman versetzt uns in eine abgelegene Provinzstadt in Virginia vor 100 Jahren, in die Zeit der Prohibition, mit der die Regierung von Virginia die Herstellung und den Verkauf von Alkohol unter Strafe stellte. Die Folge waren illegale Brennereien und Schmuggelverkäufe, mit denen sich vor allem die verarmten Kleinbauern des Landes über Wasser hielten.

    Sallie Kincaid, die Protagonistin, wird in eine Familie hineingeboren, die ihren Reichtum auf dem schwunghaften Handel mit Whisky gründete und im Laufe der Zeit ein weitverzweigtes Firmenimperium entwickelte. Ihr Vater, allgemein nur der „Duke“ genannt, beherrscht nicht nur dieses Firmenimperium, sondern das gesamte County: die staatlichen Gesetze gelten hier nicht, sondern die Gesetze des Dukes, dem auch der Sheriff untersteht. Auch die Rechtsprechung liegt in seinem Ermessen ebenso wie die Sorge für ärmere Mitbürger. Kurz: er herrscht über den Landkreis wie ein mittelalterlicher Duke.

    In diesem paternalistischen Denken wächst Sallie auf, und sie ist stolz darauf, „eine Kincaid“ zu sein. Sie weiß, dass nur der männliche Erbe etwas gilt, und so übernimmt sie (nach damaliger Sicht) männliche Verhaltensweisen. Sie fährt rasant Auto, fürchtet weder Tod noch Teufel, will unabhängig sein und ihr eigenes Geld verdienen, geht souverän mit Schusswaffen um, und sie lehnt die traditionelle Frauenrolle in Ehe und Familie kategorisch ab. Dieses Klischee gestaltet die Autorin noch weiter aus: auch bei ihrer Kleidung passt Sallie sich der Männerwelt an. Sie bevorzugt Latzhosen und Flanellhemden und findet die „Männerwelt… ungemein anziehend“. Damit wird ein wesentliches Thema des Romans angeschlagen: die Position von Frauen in Gesellschaft und Familie. Frauen wird keine große Wertschätzung entgegengebracht; sie werden benutzt und bei Missfallen ausgetauscht oder entfernt. Es wundert nicht, dass Sallie sich diesem Weg (anfangs) verweigert, auch wenn sie ihre Weigerung mit Einsamkeit bezahlt.

    Leider fallen dann so banale Sätze wie „Das Wahlrecht zu bekommen war gut und schön, aber es sind Autos und Straßen, die das Leben von Frauen am stärksten verändert haben, weil sie ihnen die Freiheit gaben zu fahren, wohin sie wollten, ohne dafür die Hilfe eines Mannes zu brauchen, der das Pferd vor den Wagen spannt.“
    Auch das ist keine Kunst, und das hätten die Frauen durchaus gekonnt…

    Der Roman erzählt Sallies Jugend und schlägt dabei noch andere Themen an, die für Sallies Geschichte wichtig sind und die zur Diskussion einladen könnten wie z. B. der Spagat zwischen Loyalität und Gerechtigkeitsgefühl, oder das Verhältnis von Machtmissbrauch und Religion, Legalität und Illegalität. Diese Themen werden jedoch zugedeckt von einer mehr als komplizierten Familiengeschichte, in der in rasanter Abfolge eine Familientragödie die nächste jagt. Ein großer Reigen an Personen tritt auf und tritt (selten freiwillig) wieder ab, bis schließlich Sallie die Leitung des Familienimperiums zufällt. Völlig unreflektiert folgt sie dem Vorbild ihres Vaters und stellt sich wie er über das Gesetz-mit der Folge, dass der Leser nun eine ausführliche Räuberpistole liest, die, wie die Autorin versichert, an historischen Vorbildern orientiert ist: Bandenkrieg, Schießereien, Bombenattentate und dergleichen, und auch das in gewohnt rasanter Abfolge.

    Erst gegen Schluss setzt bei Sallie ansatzweise eine Reflexion über ihren Weg ein. Sie hat inzwischen die übermächtige Figur ihres Vaters demontieren müssen und fragt sich nun nach ihrem Verhältnis zum Gesetz. Auch wenn sie keine Konsequenzen aus dieser Frage zieht, so ist das doch ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass die Selbstjustiz sich dem demokratisch verabschiedeten Gesetz beugt.

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  1. Geschichte mit viel Gefühl.

    Ich habe vor Jahren den autobiografischen Roman „Schloss aus Glas“ gelesen und seitdem leider nichts mehr von der Autorin. Als ich diesen Roman sah, musste ich zugreifen und wurde wieder einmal von dem tollen Schreibstil gefesselt.
    Sallie als Figur habe ich enorm ins Herz geschlossen, erst recht als die Innigkeit mit ihrem Vater verloren geht, nach dem dieser einen Sohn bekommt und dann lieber Eddie seine ganze Aufmerksamkeit schenkt.

    Sallie lässt uns an ihrem Leben über die Jahre vom Kind zur jungen starken Frau teilhaben und ist dabei zum Glück alles andere als mädchentypisch, sondern wild und unerschrocken. Ich hatte ab und zu Pippi Langstrumpf Vibes.

    Jeannette Walls überzeugt hier nicht nur mit einer liebenswerten Figur, die sehr authentisch rüberkommt, sondern auch mit einem fesselnden Schreibstil, der sich sehr angenehm lesen lässt.

    Fazit: Gefühlvoll, unterhaltsam, eindrücklich, so wie ich Bücher liebe. Gern spreche ich eine Empfehlung aus.

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  1. 4
    10. Sep 2023 

    Tod und Schmerz und Lug und Trug und Dreck

    Der neue Roman von Jeannette Walls ist zugleich eine Familiengeschichte und das Porträt der Familie Kincaid in Claiborne County im ländlichen Virginia in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. An der Spitze steht der mächtige Duke Kincaid, von allen nur der Duke genannt. Es ist die Zeit der Prohibition, als durch den 18. Zusatzartikel zur Verfassung die Herstellung, der Verkauf und der Transport von Alkohol verboten ist. Die Regierung hat jedoch keine Möglichkeit, die Befolgung dieses Gesetzes auch durchzusetzen. So gibt es vor allem in den auf dem Land überall illegale Schnapsbrennereien, und die verarmte Mittel- und Unterschicht hält sich mit dem verbotenen Handel über Wasser. Auch der Duke hat seinen Reichtum u.a. auf diese Weise erworben.
    Die Familiengeschichte der Kincaids ist in dieser Generation besonders kompliziert, denn der Duke ist viermal verheiratet und hat mehrere Kinder aus diesen Beziehungen. Sallie, die Tochter aus seiner zweiten Ehe, wird von ihrer Stiefmutter zu ihrer Tante Faye, einer Schwester ihrer früh unter zunächst ungeklärten Umständen verstorbenen Mutter geschickt, nachdem sie den kleinen Bruder in Gefahr gebracht hat. Sie lebt neun Jahre in äußerster Armut bei der Tante, bis sie zur Betreuung des Bruders zurückkommen darf. Sie kämpft von da an mit Mut und Stärke um ihre Position in der Familie.
    Die gesellschaftliche Stellung von Frauen und ihre fehlende Wertschätzung sind eines der zentralen Themen des Romans. Daneben geht es um die wirtschaftlichen Spätfolgen des Krieges, Korruption und Bandenkriege. Sallie macht schlechte Erfahrungen mit den Männern, nicht nur mit ihrem Vater. Sie kann niemandem vertrauen und ist in ihrem Kampf weitgehend allein. “Der Tod scheint überall zu sein. Tod und Schmerz und Lug und Trug und Dreck.“ (S. 425) Im Lauf der Zeit kommen immer mehr Familiengeheimnisse ans Licht – vor allem über Mutter und Vater und die Tante.
    Ich habe den Roman gern gelesen, obwohl es nicht ganz einfach ist, den Überblick über die weitverzweigte Familie zu behalten. Dennoch bleibt für mich “Schloss aus Glas“ das beste Buch der Autorin.

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  1. Sallie Kincaid – eine starke Frau

    Sallie Kincaid hat als Fünfjährige ihre Mutter verloren. Ihr Vater, der Duke, hat schnell wieder geheiratet. Sallies ist ihrer Stiefmutter ein Dorn im Auge, ganz besonders als Sallie mit ihrem Stiefbruder Eddie verunglückt. Dabei hat sie es nur gut gemeint und trotzdem muss sie das Anwesen in Caywood verlassen. Erst als sie siebzehn ist, darf sie nach dem Tod der Stiefmutter zurückkommen. Sie ist fest entschlossen, sich ihren Platz in der Familie zurückzuerobern. Doch dann stirbt der Duke und Sallie muss seinen Posten übernehmen und sich in einer Männerwelt durchsetzen.
    Dieser Roman der Autorin Jeannette Walls hat mich von Anfang an gepackt.
    Die Personen sind alle interessant und authentische dargestellt. Sallie ist ein starkes Mädchen, das ihren Vater vergöttert. Aber sie ist nur ein Mädchen und obwohl ihr Stiefbruder Eddie dem Duke zu schwach ist, soll er einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten. Der Duke selbst ist ein Mann der im Claiborne County wie ein König herrscht. Wenn es Probleme gibt, kommt man zu ihm und er löst sie, dafür braucht er kein Gericht. Seine Geschäfte sind nicht ganz legal, aber so ist das in der Zeit der Prohibition nun einmal. Als er stirbt, muss Sallie Hals über Kopf Verantwortung übernehme. Dabei machen ihr nicht nur alte Fehden zu schaffen, auch in ihrer Familie ist nicht jeder erfreut darüber, dass Sallie an die Stelle des Dukes tritt. Eine Frau soll halt heiraten und die Geschäfte den Männern überlassen. Doch Sallie ist stark, hat ihren eigenen Kopf und erträgt auch Rückschläge. Es geht um das Überleben von vielen Menschen im County und so tut sie, was getan werden muss. So nach und nach erfährt sie einige Familiengeheimnisse, die manche ihrer Einstellungen verändern.
    Es ist ein spannender Roman über eine starke junge Frau, der mich gut unterhalten hat. Empfehlenswert!

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Scheiß-Angst

Buchseite und Rezensionen zu 'Scheiß-Angst' von  kikidoyouloveme

Inhaltsangabe zu "Scheiß-Angst"

Diskussionen zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Format:Broschiert
Seiten:224
EAN:9783960969440
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Cleopatra und Frankenstein: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Cleopatra und Frankenstein: Roman' von Coco Mellors
3.5
3.5 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Cleopatra und Frankenstein: Roman"

Diskussionen zu "Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:512
Verlag: Eichborn
EAN:9783847901440
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Rezensionen zu "Cleopatra und Frankenstein: Roman"

  1. 2
    09. Aug 2023 

    Cleo und Frank

    Dieser Roman wird als eine Mischung zwischen "A little Life" und Sally Rooney angepriesen. Den Vergleich mit Sally Rooney kann ich durchaus verstehen. Genauso wie bei Sally Rooney's "Normal People" als auch bei "Cleopatra und Frankenstein" bin ich mir nicht sicher ob mir gefällt, was ich lese. Die Stimmung ist nicht wirklich deprimierend aber doch sehr drückend und gedämpft.
    Außerdem kann ich der Handlung und den Charakteren leider nicht viel abgewinnen. Jedoch möchte ich auch trotzdem immer weiter lesen.

    Sehr verwirrt hat es mich, als im sibten Kapitel plötzlich ohne Kennzeichnung oder Vorwarnung die Person wechselte aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Ich rätselte sehr lange darüber was nun eigentlich geschieht, bis dann Cleo auftauchte und es nun tatsächlich nicht mehr um ihre Sicht gehen konnte.

    Ich bin leider nicht sicher, ob ich das Buch beenden werde, obwohl es mich auf den ersten paar Seiten wirklich überzeugen konnte.

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  1. Cleo und Frank

    Cleo und Frank lernen sich an Sylvester kennen. Frank arbeitet in der Werbebranche und ist recht erfolgreich Cleo ist eher eine brotlose Künstlerin, die immer wenig Geld zu Verfügung hat. Die Entwicklung der Liebesbeziehung hat etwas sehr schnelles und berauschendes. Nach einem halben Jahr heiraten beide. Franks Meinung damit Cleo eine Aufenthaltsgenehmigung für Amerika erhält (da sie aus UK ursprünglich kommt und wieder zurück muss), Cleo weil sie ihn liebt. Die Hochzeit und ihre Liebe ist immer mit intensiven Exzessen verbunden (Drogen) und rauschhaften Sex. Beide neigen zum selbstzerstörendem Verhalten und sind eher Menschen, die Probleme mit sich und der Verarbeitung ihrer Kindheit haben,. Und sind wenig in der Lage aufeinander einzugehen und tiefe emotionale Nähe aufzubauen.

    Die ganzen Personen, die in diesem Buch beschrieben sind, haben größtenteils Probleme mit sich, dem Drogenkonsum oder Alkoholkonsum und können eher oberflächliche Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen. Die meisten handelnden Personen sind wirklich oberflächlich und neigen zur Destruktivität. Trotzdem finde ich ist das Buch in einer leichten Sprache geschrieben. Ich fühle mich gut unterhalten und es war für mich kein Buch, welches aufgrund seiner Thematik mich herunter gezogen hat.

    Das Buch gab gut das Lebensgefühl dieser orientierungslosen, drogenkonsumafine Menschen wider und es war auch eine sehr schönes Porträt von New York.

    Alles in allem war das Buch für mich sehr unterhaltsam und ich werde mir bestimmt auch das nächste Buch von der Autorin mir gönnen.

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  1. Hass-Liebe gesucht

    Mit "Cleopatra und Frankenstein" hat Coco Mellors es geschafft, ein Buch zu schreiben, dass zeitweise extrem unbefriedigend wirkt und dann die Leser:innen wieder einfängt und zeigt, dass nicht alles immer perfekt sein muss um doch befriedigend zu sein.

    Wir verfolgen Cleo und Frank, ein sehr ungleiches Paar über etwas mehr als ein Jahr hinweg und sehen ihnen und ihrem Umfeld zu, wie sie ihre Beziehung, ihr Alter und ihre inneren Dämonen navigieren. Dabei geht es weniger um sie als romantisches Paar, sondern mehr darum, was die beiden füreinander sind. Anfangs war ich etwas enttäuscht, dass man gerade in der frühen Phase ihrer Beziehung nicht wirklich an der Entwicklung als Paar beteiligt ist, sondern sie einfach passiert, aber je weiter man in ihre Köpfe abtaucht, desto klarer wird, warum Coco Mellors sich dafür entschieden hat und ich fand es genau richtig.

    Die Charaktere in diesem Buch sind sehr fehlerhaft und zeitweise wirklich unsympathisch. Man darf in alle ihre Perspektiven kurz eintauchen und damit Vignetten ihrer Selbst und von New York mitverfolgen. Die meisten der Charaktere passen objektiv nicht zusammen, brauchen sich aber dennoch irgendwie gegenseitig um zu wachsen und das fand ich schön zu beobachten.

    Der Schreibstil von Coco Mellors ist sehr interessant. Er ist roh, stellenweise derb und lässt sich super schnell weglesen. Ich verstehe den Vergleich zu Sally Rooney schon irgendwo.

    Für mich war Cleopatra und Frankenstein eine Hass-Liebe an New York, an ihre Charaktere und an fehlerhafte Menschen, wie man sie überall trifft. Keine typsiche Liebesgeschichte sondern vielmehr ein Microkosmos von Menschen, die ihre Probleme gemeinsam bewältigen und einfach existieren.

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  1. 3
    16. Jul 2023 

    Kein Liebesroman

    Im Buch geht es um eine Vielzahl an ungewöhnlichen Charakteren, allen voran Cleo und Frank, welche sich in einer Silvesternacht treffen und daraufhin ein Paar werden. Abseits dessen geht es aber noch um jede Menge andere Charaktere, die sich im Umkreis der beiden bewegen.

    Als ich angefangen habe, das Buch zu lesen, war ich mir unsicher, ob ich es mögen würde. So gut wie alle Charaktere sind irgendwie unsympathisch und überheblich. Sie sind einzigartig, um der Einzigartigkeit Willen und nicht weil es ihre Eigenschaften sind, sondern weil sie nicht wie andere Menschen sein wollen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob es satirisch überspitzt sein soll, da es sich dafür wieder zu ernst angefühlt hat.
    Letztendlich konnte mich das Buch aber damit überraschen, dass es geschafft hat, dass mir die Schicksale dieser größtenteils fragwürdigen Menschen erstaunlich nahe gegangen sind. Es ist dramatisch und es wird eine weite Palette an Problemen abgedeckt, durch die die einzelnen Charaktere gehen. Dafür, dass ich niemanden kenne, der sich im echten Leben so verhält wie die Romanfiguren, haben sich die Figuren erstaunlich vielschichtig angefühlt. Das Buch war an vielen Stellen sehr berührend, auf eine Weise, die ich ihm nach den ersten paar Kapiteln nicht zugetraut hätte.
    Ich denke, dass dem Roman nicht damit gedient wird, ihn als Romanze zu vermarkten, denn das hat zumindest bei mir falsche Erwartungen geweckt.

    Das Buch ist irritierend und ich bin etwas unschlüssig, ob ich es überhaupt empfehlen kann, aber ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich es nicht bereue, es gelesen zu haben.

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