Der ehrliche Finder: Roman

read more

Rezensionen zu "Der ehrliche Finder: Roman"

  1. Freundschaft und vieles mehr

    Wie entsteht eine Freundschaft? Üblicherweise durch Gemeinsamkeiten! Und die haben der 9jährige Jimmy und der 11jährige Tristan im (fiktiven) Bovenmeer, Belgien – beide machen eine schwere Zeit durch. Deshalb setzte die Lehrerin auch beide vor gut einem Jahr zusammen, als Tristan neu in der Klasse dazukommt.
    Jimmys Vater hatte einen Monat vorher die Familie verlassen, mit ‚Dreck am Stecken‘, und er ruft auch nie an. Tristan hat eine Flucht aus dem Nordwesten des Kosovo hinter sich, mit viel Strapazen und dramatischen Szenen.

    Der große Unterschied bei den beiden: Tristan hat 7 Geschwister (das jüngste noch ein Säugling) – der starke Verbund der Familie ist intensiv zu spüren, am deutlichsten bei der Übernachtung bei ihnen! Jimmy ist Einzelkind und seine Mutter mit sich selbst beschäftigt. Er ist dadurch auch zum Eigenbrötler geworden und geht auf im Sammeln der Flippos (kleine bunte Plastikscheiben mit diversen Themen bedruckt, und in Chipstüten versteckt).

    Wir lesen, wie Jimmy sich in dieser Freundschaft engagiert, aber auch wie unterschiedlich die Dorfgemeinschaft auf die geflüchtete Kosovo-Familie reagiert. Als diese den Ausweisungsbescheid bekommt, hecken Tristan und seine 12jährige Schwester Jetmira einen Plan aus, in dem Jimmy eine wichtige Rolle spielt. Sogar eine Prüfung muss er dafür vor beiden ablegen.

    Von diesem Zeitpunkt konnte ich das Buch überhaupt nicht mehr aus der Hand legen, so spannend war es! Das Ende hat mich sehr aufgewühlt und es wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen (noch dazu, weil dieser Roman von einer wahren Geschichte inspiriert wurde). Ich möchte dieses kurze, aber inhaltsschwere Werk – von Helga van Beuningen übersetzt - am liebsten allen ans Herz drücken. Ich kann es mir auch sehr gut als Schullektüre vorstellen, unsere Enkelkinder bekommen es auf jeden Fall bei nächster Gelegenheit als Geschenk. Wenn die Möglichkeit bestünde, würde ich auch gerne mehr als die möglichen 5 Rezensions-Sterne vergeben!

    Teilen
  1. 5
    02. Apr 2024 

    Freundschaft vor dem Hintergrund großer Probleme

    Lize Spit „ Der ehrliche Finder“ ( 2023/2024)

    Lize Spit ist eine flämische Autorin, die mit ihren ersten beiden Romanen nicht nur in ihrer Heimat sehr erfolgreich war. Beide sind sehr umfangreich und düster. Ihr neuester Roman fällt aus der Reihe, ist er doch im Gegensatz sehr schmal und sehr warmherzig. Der geringe Umfang liegt daran, dass „ Der ehrliche Finder“ eine Auftragsarbeit war. Lize Spit sollte das Buch zur alljährlichen Bücherwoche 2023 schreiben. Das sog.„ Boekenweekgeschenk“ ( Bücherwochengeschenk) wird während dieser Woche jedes Jahr im März von niederländischen Buchhändlern an ihre Kunden verschenkt. Meist handelt es sich dabei um eine Novelle.
    Und diese Gattungsbezeichnung passt hier, auch wenn der Verlag dem Buch das Etikett „ Roman“ gegeben hat.
    Die Geschichte spielt in den 1990er Jahren in der fiktiven Ortschaft Bovenmeer in Belgien. Hier wohnt der neunjährige Jimmy, ein Einzelgänger und Außenseiter, allein mit seiner Mutter. Seine Familie hat einen schweren Stand im Dorf, denn der Vater, ein Steuerberater, hat einige Menschen hier mit dubiosen Geschäften um ihr Geld gebracht. Jimmy ist sensibel und klug, ein eifriger Sammler und Sachensucher. Sein ganzer Stolz ist seine Flippo-Sammlung. Flippos sind kleine Scheiben mit Sammelbildern, die in Chipstüten zu finden sind.
    Kurz nachdem nun sein Vater verschwunden ist, tritt Tristan Ibrahimi in Jimmys Leben. Der Elfjährige ist mit seinen Eltern und seinen sieben Geschwistern aus dem Kosovo geflohen und die Familie hat hier nun eine Unterkunft gefunden. Jimmy soll sich auf Wunsch der Lehrerin um den fremden Jungen kümmern; eine Aufgabe, die er gerne erfüllt. Endlich ist er nicht mehr allein. Er hilft Tristan nicht nur beim Erlernen der Sprache und den Hausaufgaben, sondern die beiden werden richtige Freunde. Als größten Freundschaftsbeweis legt Jimmy sogar ein eigenes Flippo-Sammelalbum für Tristan an. Das will er ihm feierlich überreichen, als er zum Übernachten bei Tristan eingeladen ist. Aber dann drängt sich ein anderes Ereignis in den Vordergrund. Die Ibrahimis sollen abgeschoben werden. Um das zu verhindern, schmieden Tristan und seine zwölfjährige Schwester Jetmira einen gewagten Plan, in dem Jimmy eine nicht unerhebliche, aber gefährliche Rolle zukommt. Das ist eine Herausforderung für ihn, doch um der Freundschaft willen bekämpft er seine inneren Zweifel und Ängste.
    Sehr einfühlsam und konsequent aus der Perspektive des neunjährigen Jimmy beschreibt die Autorin die Geschehnisse. Die Einsamkeit des Jungen ist deutlich spürbar. Auch, wie sehr ihn die Gemeinschaft dieser Großfamilie anzieht. Hier erlebt er einen Zusammenhalt und eine Wärme, wie er sie nicht kennt.
    Dafür bringt Jimmy viel Verständnis auf, wenn sein älterer Freund von „ inneren Erdbeben“ erschüttert wird. Wenn Tristan plötzlich Angst bekommt vor lauten Geräuschen, vor Uniformen, vor dem Meer, dann beruhigt Jimmy ihn, ohne nachzufragen. Schließlich weiß er, dass die Familie Schlimmes erlebt hat auf ihrer langen Flucht. Die Lehrerin hat, sobald Tristan sich verständlich machen konnte, der ganzen Klasse den Fluchtweg auf einer Landkarte aufgezeigt. „ Kosovo lag in Luftlinie ungefähr zweitausend Kilometer von Belgien entfernt, aber sie waren keine Vögel, sie hatten Grenzposten passieren müssen, zweimal kehrte der Zeigestock von Italien auf dem Landweg nach Albanien zurück, zweimal waren sie nach der lebensgefährlichen Überquerung des Meeres in einen Bus nach Albanien gesetzt worden. Beim dritten Mal hatten sie es geschafft, obwohl sie einen halben Kilometer vor der Küste aus dem Boot gestoßen worden waren. Sie waren auch keine Fische, ein Kind der Familie, mit der sie das kleine Boot teilten, hatte sich nicht bis ans Ufer retten können.“
    Die Familie aus dem Kosovo ist im Dorf freundlich aufgenommen worden. Freigebig wurden alle zum „ Ausmustern bestimmten Sachen -Matratzen, Elektrogeräte, Bettwäsche, Spielzeug, Bücher, Instrumente, Trampoline, Babysachen, Werkzeuge - lieber den Ibrahimis“ geschenkt, statt beim Recyclinghof abgeliefert. Die Wohnung dort ist ein Abenteuerspielplatz für die Kinder.
    Der Roman beschreibt eine Freundschaft zwischen Kindern vor dem Hintergrund großer Probleme. Dabei schafft es die Autorin, nicht in Klischees zu verfallen oder ins Sentimentale abzurutschen. Was Flucht und Integration bedeutet, wird an konkreten Figuren nachvollziehbar dargestellt.
    Eine packende und bewegende Lektüre, die auch für ältere Kinder und Jugendliche geeignet ist, ja, sich als aktuelle Schullektüre anbietet.
    Wie es im Nachwort heißt, wurde die Autorin von einer wahren Geschichte inspiriert. Eine zehnköpfige Familie aus dem Kosovo, die nach ihrer Flucht in einem belgischen Dorf unterkam, sollte wieder ausgewiesen werden. Doch nach massivem Protest des Dorfes erhielten sie Asyl.

    Teilen
  1. Wer anderen eine Grube gräbt …

    Was ich zunächst nicht wusste: Dieses schmale Büchlein von Lize Spit wurde in den Niederlanden in der boekenweek (Buchwoche) als Buchgeschenk zu einem gekauften Buch dazu gegeben. De boekenweek dauert neun Tage und findet jedes Jahr im März statt. Beim Kauf von mindestens 15 Euro an niederländischsprachiger Lektüre erhält man also ein speziell für diese boekenweek geschriebenes Buch. Diese Ehre, dieses Buchgeschenk schreiben zu dürfen, wurde also in diesem Jahr Lize Spit zuteil.

    Beim Blauen Sofa in der Bertelsmann Repräsentanz in Berlin, Anfang März 2024, durfte ich nun diese bezaubernde und charmante Autorin persönlich kennenlernen und sie hat mir dieses Buch signiert. Mit einer ganz speziellen Widmung, die ich übersetzen muss. Ich verstehe das so, dass ich den Mansch vom Papri-Club unbedingt probieren soll. Und manchmal auch „Ja“ zu Dingen sagen soll, wo ich eigentlich „Nein“ sagen würde. Mal sehen …

    Im „ehrlichen Finder“ geht es um die Freundschaft zweier Jungen und auch um das (schändliche) Ausnutzen des anderen unter der Vorspiegelung der Freundschaft. Und es zeigt sich auch, dass bei verschiedenen Nationalitäten eben unterschiedliche Werte zählen. Der kluge und einsame Jimmy kümmert sich aufopferungsvoll um den Migranten Tristan, indem er ihm nicht nur die Sprache beizubringen versucht, sondern auch die üblichen Verhaltensweisen. Jimmy gefällt auch die riesengroße Familie von Tristan. Denn er selbst hat keine Geschwister und sein Vater verschwand spurlos, nachdem er das halbe Dorf finanziell betrogen hatte. Kein guter Start für den Sohn in der Schule.

    Was nun weiterhin geschieht, kann hier nicht verraten werden, nur so viel: Jimmys Gaben weiß man nicht zu schätzen und was man von ihm verlangt, ist viel, viel zu viel.

    Lize Spit hat es verstanden, den wenigen Seiten Leben einzuhauchen und eine Geschichte aufzubauen, die es in sich hat. Und ja, manchmal braucht es viel Mut, um ein Feigling zu sein. (Frei zitiert von S. 109.) Warum das Buch aber diesen Titel trägt, das hat sich mir leider nicht erschlossen.

    Das Cover bezieht sich auf Jimmys Flipposammlung. S. 32: „Von der Time-Serie und den Pop-up-Monstern hatte er noch am wenigsten. Diese beiden, die aus insgesamt lediglich vierzig Stück bestanden, erwischte man am schwersten.“ Deshalb also sind vierzig Kreise auf dem Cover. Und die Flippos findet man in Kartoffelchips-Tüten und natürlich soll damit der Verkauf der Ware angekurbelt werden. Gab es zuvor offensichtlich schon in Korea, Griechenland, England etc. aber in Deutschland (leider) nicht. Aus den Chips kann man einen wunderbaren Mansch herstellen, den Jimmy und Tristan im Geheimen genießen. In ihrem Papri-Club.

    Fazit: Ich habe alle drei Bücher dieser fantastischen jungen Autorin gelesen und kann sie nur wärmstens empfehlen. Ihre Themen sind sehr unterschiedlich, nichts ist aufgewärmt und sie weiß genau, wovon sie schreibt und fühlt sich extrem in ihre Figuren ein. ****

    Teilen
  1. Aktuelle Freundschaftsgeschichte mit Tiefgang

    Jimmy geht in die dritte Klasse und ist ein einsamer, fantasiebegabter Junge. Seine Eltern haben sich gerade erst scheiden lassen. Der Vater ist auf und davon, die Mutter nimmt sich wenig Zeit für ihren Sohn. Jimmy hat sich eine eigene innere Welt geschaffen. Er sammelt mit leidenschaftlicher Hingabe Flippo Sammelbilder aus Chipstüten, imaginiert eigene Heldengeschichten, er ist überdurchschnittlich klug und dabei leider ein Außenseiter. Letzteres ändert sich, als Tristan Ibrahimi in seine Klasse kommt. Mit elf Jahren ist Tristan zwar einiges älter, doch hat er mit seiner Familie eine tragische Flucht aus dem Kosovo hinter sich und soll nun erst einmal zur Ruhe kommen sowie die Sprache erlernen. Zu diesem Zweck wird ihm Jimmy an die Seite gestellt, der sich dieser Aufgabe auch engagiert und ideenreich widmet. Die beiden ungleichen Jungen werden dicke Freunde. Jimmy genießt Zusammenhalt und Gemeinschaft in Tristans großer Familie, in der jeder seine Aufgaben hat und gebraucht wird. Er freut sich riesig, als er zum ersten Mal zu einer Übernachtung eingeladen wird, die eine spannende Entwicklung nimmt.

    Die Figuren werden mit großer Unmittelbarkeit vorgestellt, überwiegend aus der Perspektive Jimmys. Schnell sympathisiert man mit dem ruhigen Jungen, der fast verzweifelt auf einen Anruf seines Vaters wartet. Man gönnt ihm den neuen Freund von Herzen, der seine innere Vereinsamung durchbricht. Doch auch Tristan hat seine Geheimnisse, an denen man nicht rühren darf. Er wurde stark traumatisiert, so dass ihn plötzlich auftretende Ängste lähmen können und sein Verhalten nicht immer nachvollziehbar machen. Man liest den kleinen Roman über weite Strecken wie ein spannendes Jugendbuch, bis die reale Erwachsenenwelt ins Geschehen einbricht. Familie Ibrahimi ist nämlich von Abschiebung bedroht.

    Ohne belehrende Botschaften konstruiert Lize Spit einen bewegenden Plot, der aus völlig ruhigen Fahrwassern dramatische Spannung entwickelt. Anonyme Flüchtlinge bekommen ein Gesicht und eine Identität, die Autorin zeigt deren Schicksal exemplarisch ohne Dramatisierung oder Beschönigung. Tristan möchte seine Chance nutzen, er möchte unbedingt in Belgien bleiben und ist dafür bereit, auch Risiken einzugehen.

    Am Ende des Romans muss man zweifellos nachdenken. Über Familie, Freundschaft, über Asylpolitik, Integration - vor allem aber über den Ausgang dieser Geschichte, die einiges an Interpretationsspielraum offenlässt. Ich kann mir das Buch wunderbar als Schullektüre vorstellen, die schon aufgrund ihrer Kürze und der gezeigten kindlichen Lebensrealität bestimmt gern gelesen wird. Gut und Böse verschwimmen bewusst, der Bezug zum Titel hat eine Doppeldeutigkeit. Helga von Beuningen hat den Roman hervorragend aus dem Niederländischen übersetzt.

    All Age Leseempfehlung!

    Teilen
 

Da waren Tage: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Da waren Tage: Roman' von Luna Ali

Inhaltsangabe zu "Da waren Tage: Roman"

Aras nimmt die syrische Revolution zunächst aus der Entfernung wahr, geboren in Aleppo, aufgewachsen in Deutschland, ist er 2011 im ersten Semester seines Jurastudiums. Doch mit der Entgrenzung der Gewalt in Syrien wird der Konflikt mehr und mehr zum Teil seines Alltags. Im Hörsaal und in der Ausländerbehörde, beim Praktikum in Jordanien oder als Gast einer politischen Talkshow erlebt er den Jahrestag der Revolution jedes Jahr aufs Neue als Wechselspiel zwischen Realität und Imagination. In ihrem eindrucksvollen Debütroman erzählt Luna Ali, wie sich die Ereignisse in Syrien in das Leben, das Handeln und die Sprache ihres Protagonisten einschreibt. Und so stellt »Da waren Tage« drängende Fragen über die Bedeutung politischen Handelns und kollektiven Begehrens in unserer Gegenwart.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
Verlag: S. FISCHER
EAN:9783103975505
read more
 

Krieg, ein Übel für Mensch, Tier, Natur und alle Kreaturen

Buchseite und Rezensionen zu 'Krieg, ein Übel für Mensch, Tier, Natur und alle Kreaturen' von Jürgen Zwilling

Inhaltsangabe zu "Krieg, ein Übel für Mensch, Tier, Natur und alle Kreaturen"

Format:Taschenbuch
Seiten:360
EAN:9783988850812
read more
 

Er & sein Ich

read more
 

Ein Appell gegen Tierleid und Naturzerstörung

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein Appell gegen Tierleid und Naturzerstörung' von Jürgen Zwilling

Inhaltsangabe zu "Ein Appell gegen Tierleid und Naturzerstörung"

Format:Taschenbuch
Seiten:336
EAN:9783961037858
read more
 

Die deutsche Seele

read more

Rezensionen zu "Die deutsche Seele"

  1. Ein Gang durch deutsche Kulturgeschichte

    Kurzmeinung: Mag ich!

    Ich mag dieses Hörbuch, gesprochen von Doris Wolters und Hubert Gertzen, wirklich gern. Dieses Buch ist freilich keines, das man, wie einen Roman mehr oder weniger an einem Stück von vorne bis hinten durchliest, sondern, das man häppchenweise zu sich nimmt. Dann aber entfaltet es seine Wirkung. Doris Wolters Stimme ähnelt der Stimme von Thea Dorn sehr, so dass ich manchmal meinte, Thea Dorns so eigenes Timbre zu hören. Ich mag es, wenn Thea Dorn ihre Bücher selber einliest.
    Von Abendbrot bis Zerrissenheit handelt "Die deutsche Seele" selbstredend nur von ausgewählten Häppchen deutscher Kulturgeschichte. Freizeitverhalten und Freikörperkultur wird auf den Grund gegangen, unter Musik haben wir einen längeren Exkurs über klassische Musik, wobei ich meine, "Wagner" hätte ein eigenes Schlagwort verdient gehabt.
    Bei jedem Begriff graben die Autoren tief und spüren die Ursprünge auf, wer hat den Gedanken des Kindergartens zuerst gehabt, wer meinte, Kindern müsse man die Natur nahe bringen und wie und warum entstand das Grundgesetz? Dabei mäandern die Gedanken der beiden Autoren auch einmal ein wenig umher; auf alle Fälle sind ihre Einlassungen immer informativ und interessant. Wer hat denn noch gewusst, dass Konrad Adenauer den Wiedergutmachungsgedanken in Bezug auf Israel und den Einsatz der damit verbundenen Geldmittel nur mit der Unterstützung der SPD durchsetzen konnte? Ich nicht.

    Den einzigen Kritikpunkt, den ich habe, betrifft die Kürzungen. Eine Kürzung eines Hörbuchs ist fast schon ein Vergehen. Ich möchte "alles", wenn ich ein Hörbuch kaufe, den ganzen Inhalt. Auch aus einem Roman in Buchform streicht man nicht einige Kapitel und verkauft eine Lightform. Das ist Bevormundung und kostet einen Stern.
    Wegen der Kürzungen kann ich also nicht sagen, ob die fehlenden Begriffe den Autoren fehlten oder nur der Kürzung des Verlags zum Opfer fielen. „Malerei und Kunstgeschichte kamen so wenig vor wie Hitler und Nationalsozialismus oder Schlager und Deutsche Welle“. Gut, für manches davon bräuchte man eigene Bücher. Aber Synagoge fehlt auch. Ebenso christliches Abendland und Uwe Seeler. Und Kreuzzüge und Rockkonzert und Auswandern. Volksmusik. Jodeln. Und Sauerkraut. Anyway.

    Fazit: Ein dicker durch die deutsche Kulturgeschichte führender Wälzer, der durch seine Häppchentaktik wie ein Büchlein vorkommt, dass spannend und informativ ist und dem nur eines fehlt – die Kapitel, die der Kürzung zum Opfer fielen.

    Kategorie: Hörbuch, Sachbuch zur Kulturgeschichte
    Verlag: Argon, 2014

    Teilen
 

Diese eine Entscheidung

read more
 

Der alte Mann und der Hase

Buchseite und Rezensionen zu 'Der alte Mann und der Hase' von Berend Feddersen

Inhaltsangabe zu "Der alte Mann und der Hase"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
Verlag: Irisiana
EAN:9783424154337
read more
 

Altwerden ist nichts für Feiglinge

Buchseite und Rezensionen zu 'Altwerden ist nichts für Feiglinge' von Joachim Fuchsberger

Inhaltsangabe zu "Altwerden ist nichts für Feiglinge"

Wie man in Würde und mit einem Augenzwinkern alt werden kann


- Nachdenken über das Alter – authentisch und unterhaltsam
- Ein lesenwertes, heiter-ironisches Buch von einem Sympathieträger erster Güte


Er ist alt. Er ist bekannt und beliebt. Jetzt macht der Schauspieler Joachim Fuchsberger seinen Altersgenossen und allen Jüngeren, die ja auch irgendwann mal alt werden, Mut, locker mit diesem unvermeidlichen Vorgang im Leben umzugehen:
»Ich denke, es ist Zeit, dass sich die Alten die faltige Haut nicht länger über die Ohren ziehen lassen. Hören wir auf, im stillen Kämmerlein und vor der Glotze auf die Schwätzer aus den Amtsstuben zu hören, lassen wir uns keine Angst mehr einjagen von den Neunmalklugen, wo immer sie sitzen.«
Launig und charmant, nachdenklich, aber nie weinerlich, plaudert der große alte Mann des deutschen Unterhaltungsfilms über die Blüte seines Lebens und darüber, wie es sich anfühlt, wenn sie langsam dahinwelkt. Fuchsberger nimmt kein Blatt vor den Mund und empfiehlt, sich den Lebensabend nicht durch demographische Schwarzmalerei verderben zu lassen.


Format:Taschenbuch
Seiten:224
EAN:9783442174195
read more
 

Die rissige Brücke über den Bosporus

Buchseite und Rezensionen zu 'Die rissige Brücke über den Bosporus' von Can Dündar
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die rissige Brücke über den Bosporus"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
EAN:9783869712901
read more

Rezensionen zu "Die rissige Brücke über den Bosporus"

  1. Die Türkei feiert 100 Jahre Republik.

    Kurzmeinung: Feiern ist nicht, trauern ist angesagt.

    In „Die rissige Brücke über den Bosporus“ beklagt Can Dündar, dass die 1923 begonnene Reform der Türkei durch Kemal Mustafa Atatürk, sein gewaltiger Versuch, aus der Türkei einen modernen Staat zu machen, eine Republik mit demokratischen Grundsätzen, 2023 zu Grabe getragen wird. Zitat: „Ins Jahr 2023 geht Ankara mit dem Traum, die hundertjährige Parenthese der Republik zu schließen und unter Führung Erdoğans ein neues, auf dem Islam basierendes Reich zuu schaffen.” Bewegend beginnt Dündars Analyse der Türkei mit der Wahlnacht am 28. Mai 2023. „Es war als hätten wir keine Wahl verloren, sondern ein Land“.
    Nachdem Mustafa Kemal Atatürk seinem Land 1923 mit eiserner Hand Reformen aufgezwungen hatte, von denen manche sinnvoller gewesen sind als andere, denn warum sollte man seinem Volk „westliche Musik“ aufzwängen, versäumte er es, die Menschen für seine Reformen zu gewinnen. Fast vom ersten Moment an formte sich eine starke Gegenbewegung, die im Laufe der Jahre politischer und fordernder wurde. „Zwar hatte das Regime gewechselt, doch die Gesellschaft stand weiterhin unter dem Einfluss des religiösen Fanatismus, der sich jahrhundertelang gegen die Einführung des Buchdrucks, die Modernisierung der Armee, die Emanzipation der Frau, die Entwicklung der Kunst und gegen die Westausrichtung des Landes gewehrt hatte.“ Atatürk schlug jede Gegenbewegung blutig nieder. Er hatte weder die Zeit noch die Geduld, die Bevölkerung auf den neuen Weg mitzunehmen. Dies rächte sich bitter.

    Der Gewohnheit, sich mit dem politischen Gegner nicht zu messen und auszutauschen, das Volk nicht einzubinden, folgten (fast) sämtliche führenden Politiker. Es ging hin und her. Doch egal, welche Partei und Meinung gerade vorherrschend war, der Richtungsstreit war immer durch politische Morde, Pogrome, Folter und Wegsperren begleitet. Bis heute ist die türkische Republik geprägt von Gewalt. Bald kann man nicht mehr von einer Republik sprechen. Der Laizismus (Trennung von Staat und Religion) ist längst schon auf der Strecke geblieben.

    Der Kommentar:
    Can Dündar nimmt seine Leser mit in die wechselvolle Geschichte der letzten hundert Jahre der türkischen Politik. Er schreibt leicht verständlich, leidenschaftlich und berührend. Er arbeitet chronologisch und emotional. Das gefällt mir sehr gut.
    Der Autor zitiert Çetin Altan, wenn er die Rolle der Militärs in der Türkei beschreibt: „Die türkische Demokratie ist eine Schaukel, die zwischen Kaserne und Moschee hin und herpendelt.“ Jahrzehntelang wachte das Militär über die Verfassung. „Aufgabe der Streitkräfte ist es, die türkische Republik zu sichern und zu bewahren“ – das Militär ging dieser Aufgabe solange nach, bis es von Erdoğan ausgeschaltet wurde. Dündar meint freilich, dass die Militärputsche dem Land nicht gut getan hätten. Die Generäle, die zeitweilig die Macht übernahmen und das Land regierten, ließen politische Gegner reihenweise hinrichten. Die letzten hundert Jahre waren politisch insgesamt eine Geschichte von Gewalt und Unterdrückung, freilich mit wechselnden Protagonisten. 1993, meint der Autor, war eines der schlimmsten Jahre in der Geschichte der Türkei. Mord und Terror. Attentäter, die als Motiv einen religiösen Grund angaben, wurden oft nach wenigen Monaten Haft wieder auf freien Fuß gesetzt.

    Manchmal vermerkt man negativ, dass ein Journalist kein Historiker ist, da fehlen Bezüge hier und da; Zusammenhänge, die für Can Dündar als Türke so selbstverständlich sind, dass er sie nicht erwähnt, sind es für mich nicht. Manchmal merkt man positiv, dass ein Journalist kein Historiker ist, da wird es kenntnisreich intim und ich erfahre Wahlslogans und Spitznamen und andere Details, die mir die Geschichte dieses Landes nahe bringen und die ein Historiker um der roten Linie willen, weglässt. Man kann in einer Rezension des Buches nicht alle markanten Geschehnisse bringen, lese man das Sachbuch selber, um besser Bescheid zu wissen. Schlagworte sind Reformen, Putsche, Gezi-Park, Pogrome, das größte Journalistengefängnis der Welt, "geheimer Staat im Staat", pol. Kampf um den Anbau von Schlafmohn, wirtschaftlicher Aufschwung genauso wie Inflation, Annäherung (abwechselnd) an West und Ost, Gülen-Bewegung, etc. etc.

    Gegen Ende schlägt das türkische Erbe Can Dündars, der seit sieben Jahren im deutschen Exil lebt, durch. Er erliegt der Versuchung nach guter alter Ostmanier, den Westen, die EU, die NATO, USA, good old Germany, whosover, für die Misere der Türkei verantwortlich zu machen. Sicher, es wurden Fehler gemacht. So wie halt immer Fehler gemacht werden. Doch das Abgleiten der Türkei von einer mehr oder weniger stabilen Demokratie in eine festgemauerte Autokratie hat die Türkei und ihre Wählerschaft ! ganz allein zu verantworten.
    Eine Zeitleiste und ein Namensverzeichnis im Anhang runden dieses Sachbuch ab.

    Fazit: „Die rissige Brücke über den Bosporus“ ist eine leidenschaftliche, flüssig geschriebene, gar nicht trockene Geschichtserzählung der letzten hundert Jahre Türkei. Historiker sind oft zu trocken; Journalisten manchmal ungenau. Aber das tut der Lektüre keinen Abbruch. Ich empfehle dieses Buch!

    Kategorie: Sachbuch. Türkei. 100 Jahre Türkei
    Galiani Berlin, 2023 (Imprint von KiWi).

    Teilen
 

Seiten