Mattanza

Buchseite und Rezensionen zu 'Mattanza' von Theresa Maggio
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mattanza"

Format:Taschenbuch
Seiten:320
Verlag: Penguin
EAN:9780141001609
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Rezensionen zu "Mattanza"

  1. Atmosphärisch geschrieben - wow

    Das Buch handelt von dem Zwiespalt zwischen Tradition und Fortschritt. Von einer Insel und ihren Bewohnern. Die Bewohner fühlen sich schon jahrhundertelang dem Thunfischfang verpflichtet , der ihr Leben bestimmt. Es kommt zu ungewöhnlichen Maßnahmen - die Menschen versuchen, an ihren Traditionen festzuhalten. Aber die Zeiten ändern sich einfach. Mattanza eine uralte Tradition des Thunfischfanges wird erstmals in die Hände einer Frau gelegt. Die Bewohner der Insel stehen sich aber auch anderen Problemen gegenüber, wie zum Beispiel Flüchtlingen.

    Erzählt ist das Buch im Stil einer Parabel mit sehr viel Atmosphäre - sehr bildhaft und wunderschön zu lesen.
    Das Ende hin ist sehr schnell, also es entwickelt sich alles Schlag auf Schlag, aber ich glaube, dass war auch beabsichtigt, weil die Welt sich immer schneller wandelt.

    Ein sehr ungewöhnliches Buch, welches mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird, es hat Eindruck hinterlassen.

  1. Der letzte Raìs

    Jedes Jahr führt die Route der Thunfischschwärme an der kleinen, weit abgelegenen süditalienischen Insel Katria vorbei. Traditionell leben die Bewohner der Insel vom Thunfischfang. Die „Mattanza“ - das Abschlachten des Schwarms findet nach einer seit Generationen festgelegten Methode statt, angeleitet vom Raìs, der sein umfangreiches Wissen über das Meer, den Wind, die Thunfische sowie die vorgeschriebenen Abläufe immer an einen männlichen Nachkommen weitergibt.
    Doch als wiederholt kein Junge geboren wird, beschließt der amtierende Raìs seine Enkelin Nora auszubilden. Nora lernt diese Bürde zu tragen, erfährt alles Notwendige, um das Erbe ihres Großvaters anzutreten und erwirbt sich das Vertrauen der Fischer. Doch die Welt verändert sich. Touristen interessieren sich plötzlich für die Tradition der Mattanza, Flüchtlinge stranden bzw. werden tot an die Insel gespült und die Überfischung der Meere wirkt sich massiv auf den Thunfischbestand aus.
    Die Dorfgemeinschaft kämpft zunehmend ums Überleben, versucht, mit den neuen Situationen zurecht zu kommen.
    Die sizilianische Autorin Germana Fabiano hat mit „Mattanza“ einen schnörkellosen, bewegenden und nachdenklich stimmenden Roman über Tradition und Wandel geschrieben.
    Die Abläufe einer Mattanza werden detailliert beschrieben - der Fang nach traditionellen Regeln gleicht einer festgelegten Choreographie, bei der es auf den richtigen Augenblick ankommt. Das Abschlachten eines ganzen Schwarms bedeutet harte körperliche Arbeit, ist eine blutige Angelegenheit, die die Existenz der Dorfgemeinschaft sichert.
    Doch auch scheinbar unabänderliche Traditionen sind, wie der Roman zeigt, dem Wandel unterworfen, müssen sich neuen Gegebenheiten anpassen. „Mattanza“ zeigt, dass die Folgen von hochindustrialisierten Wirtschaftssystemen, Klimawandel und Globalisierung auch in abgelegenen Teilen der Welt massiv spürbar sind und die dort lebenden Menschen zwingt, ihr Leben zu verändern.
    Sehr lebendig schildert die Autorin auch die Beziehungen der Dorfbewohner untereinander, ihre Abhängigkeiten von den auf dem Festland lebenden Obrigkeiten und ihren Gemeinschaftssinn.
    Besonders gut gefallen hat mir, dass die Autorin eine thematisch ungewöhnliche, fesselnde Geschichte erzählt, die tiefe Einblicke gewährt, nichts beschönigt und die sich verändernde Welt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Dabei überlässt sie es ihren Leser*innen, Bewertungen vorzunehmen.
    Für mich ist „Mattanza“, das von Barbara Neeb und Katharina Schmidt ins Deutsche übersetzt wurde, ein Lesehighlight im Jahr 2023.

  1. Mattanza - Eine Welt verändert sich

    Der Roman beschreibt die Entwicklung der Mattanza, der Thunfischjagd, während ca. 50 Jahren, von 1960 bis 2012 auf der fiktiven Insel Katria bei Sizilien, anhand der spannenden Lebensgeschichte einer Frau, Eleonore, des letzten Rais. Dabei geht es im Verlauf des Romans nicht mehr nur um die Tonnara, die von jahrhundertealten Ritualen geprägt ist, sondern um mehr – nämlich um eine totale Veränderung des Lebens auf dieser Insel.

    Katria lebt vom Thunfischfang. Einmal im Jahr geht der Zug der Thunfische an der Insel vorbei und die großen Fische werden von den Fischern in unterirdischen Netzsystemen gefangen, nach traditionellen Ritualen geschlachtet und schließlich in Konservenfabriken auf der Insel verarbeitet. Bezahlt werden sie vom Besitzer der Fabrik, der Familie Filangeri, die zwar eine feudale Villa auf der Insel besitzt aber woanders wohnt. Vom Thunfisch leben alle Menschen auf dieser Insel, Tourismus gibt es nur wenig.

    Der Einstieg erzeugt beim Leser sofort Interesse und Spannung. Eine Katastrophe ist geschehen. Die letzte Möglichkeit eines Nachfolgers für den Rais - den Anführer der Tonnatori – ist verpasst. Seine einzige Tochter hat wieder ein Mädchen geboren, Eleonora Greco, später Nora genannt. Es steht geschrieben, dass der nächste Rais vom Blut der Lombardo sein muss, andernfalls wird es Unglück und Katastrophen für die Insel bringen. Der Rais entscheidet, dass Eleonora seine Nachfolgerin wird, denn nirgends steht, dass es kein Mädchen sein darf, so fordert er die Tochter auf: Bring sie zu mir, sobald das Mädchen keine Mutter mehr braucht.

    Schon im ersten Kapitel lernt der Leser viele Inselbewohner kennen, die ihn über die lange Zeit begleiten werden. Auch ihre Dialoge lassen vor uns die Welt der Insel lebendig werden, zeigen uns die Gemeinschaft und den Zusammenhalt der Menschen auf der Insel.

    In elf Kapiteln, bezeichnet durch Jahreszahlen, erlebt der Leser die Ereignisse und Entwicklungen auf Katria, begegnet den Menschen dort und erfährt von ihren Schicksalen. Wir erleben mit, wie Nora, vom alten Rais gut vorbereitet in ihre Aufgabe hineinwächst und sich durch ihre Souveränität bei der Erfüllung des schweren Erbes die Anerkennung der Tonnatori erwirbt. Nicht an ihr liegt es also, dass die Thunfischjagd immer mehr an Bedeutung für die Inselbewohner verliert.

    Von den ersten Befürchtungen, als man erfährt, dass die Filangeri die Anlagen verkaufen wollen, bis zu dem Stand der Dinge im Jahr 2012 passiert sehr viel in dem Roman, von dem ich nichts vorweg nehmen möchte. Mit allen - und nicht immer zulässigen - Mitteln kämpfen die Inselbewohner um ihre Existenz. Doch im Mittelmeer geschehen Veränderungen, die von ihnen - und auch den Filangeris - nicht beeinflusst werden können. Große Fangschiffe nehmen den größten Teil der Fischschwärme auf, bevor sie die gewohnten Wege ziehen, andere Probleme, die nicht in ihrem Vorstellungsbereich möglich waren, verändern das Leben auf der Insel total.

    Die Welt der Inselbewohner, durch jahrhundertealte Traditionen geprägt, existiert am Ende des Romans so nicht mehr. Der Leser ist gefangen von dieser Erzählung von der ersten bis zur letzten Seite und kann es am Ende kaum glauben, dass soviel in nur 183 Seiten erzählt werden kann. Eine spannende Geschichte, viele Informationen über den Thunfischfang und das Leben auf einer südlichen Mittelmeerinsel, menschliche Beziehungen und vieles mehr. Das alles in einer bildhaften Sprache, die viele Stilmittel einsetzt und das Lesen zu einem Erlebnis macht. Sehr lesenswert!

  1. 5
    13. Aug 2023 

    Ein Juwel

    Eleonora kommt als Erbin für den Rais, den Anführer des traditionellen Thunfischfangs auf der Insel Katria, zur Welt. Es ist eine Jahrhunderte alte Männerdomäne, so wundert es nicht, dass die Welt dieser kleinen Insel Kopf steht. Gott muss einen Fehler gemacht haben! Doch die Inselbewohner stellen sich dieser Tatsache. Eleonora auch. Sie wächst fern von ihrer Familie beim Großvater auf, der sie an die Thunfischjagd heranführt. Diese wird ihr Leben bestimmen, mit Höhen und Tiefen.
    Ganz gefühlvoll und leise wird die Beziehung der Inselbewohner zu Eleonora gezeichnet, ebenso wie Eleonoras Beziehung zum Großvater und zu ihrem gewichtigen Erbe. Das Leben auf der Insel entfaltet sich unaufgeregt aber sehr facettenreich. Die Stimmung erinnert an einen schönen aber auch melodramatischen italienischen Film in Schwarz-Weiß. Es braucht eine Weile, in diese Welt hineinzugleiten, aber dann ist man mitten drin und verschlingt die Geschichte bis zum Schluss. Die Handlung entfaltet sich von 1960 bis 2012 und spannt einen weiten Bogen – die moderne Welt hält Einzug auf Katria; wie in einem Zeitraffer fiebert man mit der Entwicklung und ihren Folgen mit.
    Ein ganz wunderbares Stück Literatur ist der Autorin gelungen. Der Stil ist unverwechselbar und entfaltet einen faszinierenden Sog in die persönliche Geschichte Eleonoras aber auch in die ethischen Komplikationen unserer modernen Welt. Es lässt sich nicht vermeiden, spätestens am Ende des Buches, über die Auswirkungen so mancher moderner Entwicklung zu grübeln.
    Für mich war das ein ausgesprochen faszinierendes Leseerlebnis, ähnlich wie in einem Boot auf dem aufgewühlten Meer zu fahren. Gute Handlung, überzeugende Entwicklung der Personen, feinfühlige Zeichnung von Tradition und Moderne mit allen dazugehörigen Reibungen, Bezug auf reale Gegebenheiten und eine ergreifende vielschichtige Aussage – eine tolle Mischung, ein wunderbares Buch!

  1. 5
    13. Aug 2023 

    Ein Juwel

    Eleonora kommt als Erbin für den Rais, den Anführer des traditionellen Thunfischfangs auf der Insel Katria, zur Welt. Es ist eine Jahrhunderte alte Männerdomäne, so wundert es nicht, dass die Welt dieser kleinen Insel Kopf steht. Gott muss einen Fehler gemacht haben! Doch die Inselbewohner stellen sich dieser Tatsache. Eleonora auch. Sie wächst fern von ihrer Familie beim Großvater auf, der sie an die Thunfischjagd heranführt. Diese wird ihr Leben bestimmen, mit Höhen und Tiefen.
    Ganz gefühlvoll und leise wird die Beziehung der Inselbewohner zu Eleonora gezeichnet, ebenso wie Eleonoras Beziehung zum Großvater und zu ihrem gewichtigen Erbe. Das Leben auf der Insel entfaltet sich unaufgeregt aber sehr facettenreich. Die Stimmung erinnert an einen schönen aber auch melodramatischen italienischen Film in Schwarz-Weiß. Es braucht eine Weile, in diese Welt hineinzugleiten, aber dann ist man mitten drin und verschlingt die Geschichte bis zum Schluss. Die Handlung entfaltet sich von 1960 bis 2012 und spannt einen weiten Bogen – die moderne Welt hält Einzug auf Katria; wie in einem Zeitraffer fiebert man mit der Entwicklung und ihren Folgen mit.
    Ein ganz wunderbares Stück Literatur ist der Autorin gelungen. Der Stil ist unverwechselbar und entfaltet einen faszinierenden Sog in die persönliche Geschichte Eleonoras aber auch in die ethischen Komplikationen unserer modernen Welt. Es lässt sich nicht vermeiden, spätestens am Ende des Buches, über die Auswirkungen so mancher moderner Entwicklung zu grübeln.
    Für mich war das ein ausgesprochen faszinierendes Leseerlebnis, ähnlich wie in einem Boot auf dem aufgewühlten Meer zu fahren. Gute Handlung, überzeugende Entwicklung der Personen, feinfühlige Zeichnung von Tradition und Moderne mit allen dazugehörigen Reibungen, Bezug auf reale Gegebenheiten und eine ergreifende vielschichtige Aussage – eine tolle Mischung, ein wunderbares Buch!

 

Zwei Leben

Buchseite und Rezensionen zu 'Zwei Leben' von Emanuele Trevi
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Zwei Leben"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
EAN:9783772530395
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Rezensionen zu "Zwei Leben"

  1. Erinnerungsmonolog

    Kurzmeinung: Hat mir weder italienische Lebensart noch italienische Literatur nähergebracht.

    Der Autor widmet sich den Erinnerungen an zwei verstorbene italienische Literaturkollegen, ein Mann, eine Frau: Rocco Carbone (1962-2008) und Pia Pera (1956-2016). Bekanntester Roman von Pera dürfte „Die Weisheit meines Gartens“ sein und Rocco ist durch "L’apparizione" zumindest in Italien bekannt. Ist es überhaupt übersetzt worden? Rocco war vermutlich bipolar und starb durch einen Motorradunfall. Nicht weit von dem Unglücksort entfernt, pflanzten befreundete Literaten einen Olivenbaum – mitten in der Stadt. Pia Pera starb an ALS. Sie zog sich im mittleren Alter von der Stadt zurück und lebte auf dem Land inmitten ihres wunderbaren Gartens.

    Der Kommentar und das Leseerlebnis:
    Ich bin nicht beschlagen in der intellektuellen italienischen Literatur und fühle mich deshalb inmitten des Namedroppings des Autors wie in einem Irrgarten. Gerade einmal „Die katholische Schule“ von Edoardo Albinati ist eine meiner Lektüren gewesen. Die von Emanuele Trevi erinnerten Autoren Rocco Carbone und Pia Pera sind mir nicht einmal vom Namen her bekannt gewesen. Das hätte nichts ausgemacht, hätte der Autor es vermocht, mir die Personen vor Augen zu malen und sie zum Leben zu erwecken.
    Aber das hat er nicht. Diese Autoren sind mir keinen Deut näher gerückt. Denn der Alltag dieser Menschen wird nicht ausgeleuchtet, der Autor legt den Fokus allein auf seine eigene, innere Nähe zu ihnen. Das ist legitim, im Sinne von, "mir alles von der Seele schreiben" - jedoch kann es mir als Leserin nicht in gleichem Maße wichtig sein wie Trevi! Das Gebotene ist zu einseitig und zu wenig!

    Zwar erwähnt Trevi auch Grundlegendes, jedoch sehr knapp, viele Fragen, die ich gehabt hätte, werden nicht einmal angeschnitten. Woher hatte Pia Pera so gediegene Kenntnisse im Russischen, sie war Übersetzerin. Was für ein Verhältnis hatten die beiden zu ihren Kernfamilien, etc. etc. Warum hatten beide keine Kinder, welche politische Einstellung besaßen sie, was war diesen Leuten wichtig außerhalb der Literatur? Wer waren die Menschen, mit denen sie zusammenlebten? Zusammenzusitzen und literaturintellektuelle Fragestellungen zu wälzen, die niemanden interessieren außer einem winzigen Kreis von Experten, ist als Lebensentwurf so gut wie jeder andere - aber selbst Sartres CaféSessions und dessen existenzialistischer theoretischer Überbau wurden (von anderen Autoren) lebendiger geschildert als die Gespräche Trevis mit Rocco und Pera. Die Erinnerungen Trevis kommen mir vor wie pseudophilosophische Luftblasen. Ich habe kaum ein Wort verstanden. Wikipedia bietet bietet dieselben handfesten Informationen an, viel mehr erfährt man auch von Trevi nicht. Was interessiert es mich, dass Trevi nach Roccos Tod nicht schlafen konnte und sich von seinem Geist heimgesucht fühlte?

    Für Leser aus Italien oder für Kundige in der italienischen intellektuellen Literaturszene mögen die Erinnerungen Trevis von Belang sein, aber der deutsche Leser ist verratzt, falls die Erinnerten, Rocco Carbone und Pia Pera, ihm von vorneherein nichts sagen. Es ist ein sehr persönliches Buch, in einem einzigen Fließmonolog gehalten, sprachlich leider recht abgehoben.

    Fazit: Hat mich nicht inspiriert. Schade.

    Kategorie: Memoiren.
    Verlag: Freies Geistesleben, 2024

 

Die schöne Frau bedarf der Zügel nicht

Buchseite und Rezensionen zu 'Die schöne Frau bedarf der Zügel nicht' von Margherita Costa
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die schöne Frau bedarf der Zügel nicht"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:348
EAN:
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Rezensionen zu "Die schöne Frau bedarf der Zügel nicht"

  1. Kurtisane und noch vieles mehr

    Christine Wunnicke wurde am 29. Sept. 1966 als Tochter und einziges Kind eines Ärzte-Paares in München geboren. Nach dem Abitur 1985 in München studierte sie in Berlin und Glasgow Linguistik, Altgermanistik und Psychologie und schloss 1991 in Berlin ihr Studium mit einem Diplom in Psychologie und einem Magister in Linguistik ab.
    Zahlreiche Romane und Erzählungen von ihr sind oft von historischen Stoffen und Figuren inspiriert. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1701-1778) diente ihr als Anregung für den Roman "Die Kunst der Bestimmung" (2003), angesiedelt im barocken London.
    Im Jahr 2022 wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit ihrem Roman "Die Dame mit der bemalten Hand" (2020) gelang ihr den Sprung auf die Shortlist und damit ins Finale. Auch diese kurze Geschichte verankert sie tief in die Historie und begleitet den Bremischen Forschungsreisenden Carsten Niebuhr auf die Insel Elephanta vor der Indien-Metropole Mumbai.

    »Ein Lady-Gaga-likes Icon!«
    VERENA HERTZ, HERTZLESE (INSTAGRAM)
    Quelle: Berenberg Verlag GmbH, Berlin

    Christine Wunnicke stellt nun die Römerin Margherita Costa vor, die jetzt auch bei uns nach 400 Jahren als Dichterin in den Fokus gestellt wird. Margherita Costa, geboren um 1600, gestorben 1657, vielleicht auch später, war ein Opernstar, eine außergewöhnliche Autorin, eine Kurtisane und noch vieles mehr. Sie schrieb 15 Bücher, die noch zu Lebzeiten teils mehrfach aufgelegt wurden.

    Ich lebte wechselvoll, auf tausend Arten,
    nach meinem Willen, Gut und Schlecht vermengt.
    Ich lebte frei, bis mich zwei Augen narrten,
    die mich in Liebesfesseln eingeengt.
    Ich sah die Tugend, ich sah Missetaten,
    bald war ich glücklich, bald in Gram versenkt,
    doch niemals führte ich ein stilles Leben;
    nach froher Ruhe will ich fortan streben. (S.13)

    Die barocke Dichterin führt als Kurtisane und Schauspielerin ein für die Zeit ausschweifendes und bewegtes Leben. Sie verkehrt in den Kreisen der Medici und des Vatikans, aber sie pflegt auch eine lange Verbindung mit einem kalabresischen Raubmörder. Sie singt in Opern und dichtet, wechselt zwischen dem komischen und dem ernsten Fach und schlägt Rom und Paris gleichermaßen in ihren Bann. Beeindruckend sind ihre poetischen Fähigkeiten zu ihrer Zeit. Sie schreibt Textsorten aller Art, Prosa, Liebeslyrik und auch ein Pferdeballett. Mit diesen Talenten ausgestattet, werden ihr zeitweise die Türen bei den Medici und auch bei anderen einflussreichen Familien geöffnet. Sie ist gut vernetzt, auch ohne moderne soziale Netzwerke wie z.B. Facebook oder Instagram. Zwar ist sie eine Außenseiterin, weil sie ihr Geld, wie man weiß, als Kurtisane verdient. Das ist damals in Rom legal, wenn auch mit Auflagen verbunden. Sie darf sich unter anderem keinen Mann näheren, der Waffen trägt, doch das kümmert Margherita Costa wenig. Sie verliebt sich in einen kalabresischen Raubmörder, der ein Auftragskiller im Vatikan wird. Mit ihm führt sie ein schillerndes, fast märchenhaftes anmutendes Leben. Sie ist Lebensgefährtin dubioser Männer und auch Mutter von mindestens fünf Töchtern.

    Selbst ihr eigens Leben klingt schon wie ein Roman, ohne ein eindeutiges Ende zu haben. Ihre Spur verliert sich um 1750, aber Gerüchte sagen, dass sie 100 Jahre alt geworden sei.
    Christine Wunnicke zeichnet ein Porträt einer ungewöhnlichen, für damalige Verhältnisse äußerst selbstbewussten, eigenständigen Frau. Sie trifft eine ausgezeichnete Werkauswahl und schafft mit ihrer eigenen Übersetzung aus dem Italienischen eine hervorragende Studie. Sie schreibt witzig und leicht, grotesk und hintergründig, trotzdem bildet sie meisterhaft eine literarische Wissenschafts- und Entdeckungsstudie über Margherita Costa ab.

    Margherita Costa liebt das Skurrile und Groteske, sie überzeichnet und schockiert. Sie scheut nicht vor Zweideutigkeiten zurück, sie parodiert und schreibt komische Stücke, die bisher noch nie von einer Frau verfasst wurde.
    Diese barocken Verse überträgt Christine Wunnicke ungeschminkt in ein klar verständliches Deutsch.

    Aus „Li buffoni“ („Die Narren“):

    "Du nimmersatte Maus, so vollgefressen, / wie eine Schiffslaterne fett und rund, / welch netter Schwanz an dieser Meise hängt, / welch dicken Bauch hat die verfluchte Mieze, / die zu viel Stängel schluckte auf der Wiese, / auch du, du Schnepfe, des Gevögels Köder, / oh, in den Pappardelle endet jeder! / Oh meine Küche! Meine Ofenhitze! / Ich koch euch, brat euch, stopf euch in die Sülze!“
    (S. 285)

    Die Autorin führt in einem wunderbaren Vorwort in die Lebensgeschichte Margherita Costa ein und der/die Leser:in lernt eine Menge über die zeitgeschichtlichen, sozialen und politischen Hintergründe der damaligen Zeit.
    Die ambivalenten Texte der Dichterin Margherita Costa öffnen ein Spektrum eines Lebens in einer Gesellschaft, die Männern vorbehalten war, die abhing von der unmittelbaren Umgebung und von den richtigen Freunden und mächtigen Familien.

    Es bereitet einen besonderen Lesegenuss, die Welt dieser einzigartigen und mutigen Barockdichterin zu entdecken. Man staunt, lacht und wundert sich und meint, die Geschichten sind nicht vor 400 Jahren geschrieben, sondern es sind Geschichten, die heute passieren und aktuell sind.

    Ausschnitt: "Eine schöne Frau im Scherz an die schönen Frauen"

    Die schöne Frau muss klug sein und soll wissen,
    dass nur die Liebe nicht verfängt.
    Liebst du nur den, wirst du den Frieden missen,
    und man hält dich allseits für beschränkt.
    Für einen Einzigen nur zu zerfließen,
    für ihn nur fackelheiß das Herz versengt –
    nein, solche Schande ist nicht zu vergeben,
    es sei denn, Wahnwitz ist dein Ziel im Leben. (S. 101)

    Margherita Costa: Die schöne Frau bedarf der Zügel nicht
    Aus dem Italienischen von Christine Wunnicke; Berenberg Verlag GmbH, Berlin 2023

 

Limonow (MSB Paperback)

Buchseite und Rezensionen zu 'Limonow (MSB Paperback)' von Emmanuel Carrère

Inhaltsangabe zu "Limonow (MSB Paperback)"

Format:Taschenbuch
Seiten:414
EAN:9783751801133
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Meine Reise mit Charley

Buchseite und Rezensionen zu 'Meine Reise mit Charley' von John Steinbeck

Inhaltsangabe zu "Meine Reise mit Charley"

Format:Taschenbuch
Seiten:216
EAN:9783423108799
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Italienische Reise

Buchseite und Rezensionen zu 'Italienische Reise' von Johann Wolfgang Goethe

Inhaltsangabe zu "Italienische Reise"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:446
Verlag: Hofenberg
EAN:
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The Year of Magical Thinking.Das Jahr magischen Denkens, englische Ausgabe

Buchseite und Rezensionen zu 'The Year of Magical Thinking.Das Jahr magischen Denkens, englische Ausgabe' von Joan Didion

Inhaltsangabe zu "The Year of Magical Thinking.Das Jahr magischen Denkens, englische Ausgabe"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:227
Verlag: Fourth Estate
EAN:9780007216840
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Liebe Renata

Buchseite und Rezensionen zu 'Liebe Renata' von Else Hueck-Dehio

Inhaltsangabe zu "Liebe Renata"

Format:Taschenbuch
Seiten:512
EAN:9783765537516
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Lass die Sonne scheinen

Buchseite und Rezensionen zu 'Lass die Sonne scheinen' von José Mauro de Vasconcelos
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Lass die Sonne scheinen"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:319
EAN:
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Rezensionen zu "Lass die Sonne scheinen"

  1. Berührend, poetisch

    „Ich hatte einen Freund gefunden, hatte eine Woche frei und konnte es kaum erwarten zu erfahren, wie mein Leben sich verbessern würde.“ (Zitat Seite 24)

    Inhalt
    José „Sesé“ aus „Mein kleiner Orangenbaum“ ist inzwischen zehn Jahre alt und lebt als Pflegesohn bei einer begüterten Arztfamilie. Daher kann er die höhere Maristen-Klosterschule besuchen, doch er fühlt sich als Außenseiter und die strenge Einteilung seiner Tage in seiner neuen Familie engt ihn ein. „Sie wollen mich perfekt machen, wozu weiß ich nicht.“ (Zitat Seite 33) Die innere Traurigkeit nach seinen prägenden Verlusten der Kinderzeit ist geblieben, doch auch seine lebhafte Phantasie und die Ideen für besondere Streiche. Verständnis findet er bei Bruder Fayolle, bei Maurice und natürlich bei seinem besonderen Freund, der Cururu-Kröte Adão, der sich bemüht, endlich die Sonne in Sesés Herz zu bringen.

    Thema und Genre
    In diesem Roman mit autobiografischem Hintergrund geht es um die Probleme von Jugendlichen, die Zweifel und Hoffnungen, ihre innere Einsamkeit und das teilweise Unverständnis der Erwachsenen.

    Erzählform und Sprache
    Sesé ist das erzählende Ich seiner Geschichte, die er in chronologischen Episoden schildert, ergänzt durch seine Erinnerungen. Durch diese Erzählform erhalten wir auch tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt, seine Gedanken, Vorstellungen und natürlich auch in seine Zweifel und Konflikte. Immer wieder schildert er seine Ideen, wie es zu seinen zahlreichen Streichen in der Schule und auch in der Nachbarschaft kam und beschreibt auch, wie er seine Pläne dann ausführt, sowie die jeweiligen Folgen für ihn selbst. Teilweise beginnen diese Streiche die Geschichte zu dominieren und im Gegensatz zu seinen phantasievollen Geschichten, die er in einer Realität seiner Gedanken durchlebt, finden sie tatsächlich statt. Die Sprache übernimmt einfühlsam und authentisch die Gedankenwelt eines Heranwachsenden.

    Fazit
    Eine berührende, poetische, manchmal sehr traurige Geschichte über die schwierigen Jahre des Heranwachsens eines einsamen, durch frühe Verluste geprägten Jungen. Eine Zeit, die geprägt ist von Fragen, Sehnsüchten, der ersten Liebe, aber auch von phantasievoll ausgeheckten Streichen.

 

Ein Bild von Lydia: Roman (detebe)

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein Bild von Lydia: Roman (detebe)' von Lukas Hartmann

Inhaltsangabe zu "Ein Bild von Lydia: Roman (detebe)"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:352
EAN:
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