Haft: Notizen und Geschichten

Buchseite und Rezensionen zu 'Haft: Notizen und Geschichten' von Oleg Senzow
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Inhaltsangabe zu "Haft: Notizen und Geschichten"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:432
EAN:9783863912925
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Rezensionen zu "Haft: Notizen und Geschichten"

  1. Beeindruckendes Hungerstreik-Tagebuch

    Tagebuch eines ukrainischen Regisseurs über seinen 145-tägigen Hungerstreik in einem russischen Straflager / Häftlingsporträts

    Bisher von mir vernachlässigt: moderne ukrainische und russische Schriftsteller, die mir Aufschluss über die Verhältnisse in diesen Ländern geben und mir helfen sollen, mehr zu verstehen, die Ungeheuerlichkeiten zu erklären, falls das überhaupt geht. Deshalb lege ich im Moment den Schwerpunkt auf diese Lektüre, hier das Tagebuch eines langen Hungerstreiks in einem Straflager am Polarkreis.

    Der Bogen spannt sich von Dostojewskis 'Aufzeichnungen aus einem toten Haus' über die Stalinzeit, den 'Archipel Gulag' bis in die heutige Diktatur: Regimekritiker und Andersdenkende unter fadenscheinigen Urteilen wegzusperren, in Straflager zu schicken, das scheint nicht aufzuhören und ist aktueller denn je.

    (Das schrieb ich vor zwei Jahren und ahnte nicht, welche Aktualität es im Februar 2024 wieder haben sollte, als der inhaftierte Regimekritiker Alexej Nawalny unter rätselhaften Umständen in einem russischen Straflager am Polarkreis zu Tode kam.)

    Der russischsprachige, ethnisch russische, von der Krim stammende ukrainischenRegisseur und Filmemacher Oleg Senzow (Sentsov) wurde plötzlich verhaftet, weil er sich auf dem Maidan engagiert und gegen die Annexion der Krim gewandt hatte. Er wurde wegen unter Folter entstandener Beschuldigungen durch andere zu 20 Jahren Haft verurteilt.

    Frage eines Arztes im Lager: 'Er wollte wissen, wofür ich zwanzig Jahre bekommen habe. Eine gute Frage. Das würde mich auch mal interessieren.' (eBook 32)

    Manchmal ist es gut, wenn man als Leser weiß, dass eine schlimme Sache gut ausgeht – soweit man das unter den heutigen Umständen (Krieg in der Ukraine) sagen kann. Aber Oleg Senzow, Regisseur, Filmemacher, Aktivist, hat seinen Hungerstreik überlebt und wurde zusammen mit anderen ukrainischen Gefangenen auf Betreiben des Präsidenten Selenskyj nach fünf Jahren im Austausch freigelassen. Jetzt kämpft er in der ukrainischen Armee und ich weiß leider nicht, ob er noch lebt.

    Damals hingen Gesundheit und Leben nach unglaublichen 145! Tagen Hungerstreik am seidenen Faden. Mit dieser Aktion wollte er seine eigene Freilassung und die von anderen politischen Gefangenen erreichen. Anfangs dachte ich, ob es sinnvoll ist, Gesundheit und Leben zu riskieren, möglicherweise erfolglos? Andererseits: wer will schon 20 Jahre in einem Straflager leben, wenn man das überhaupt Leben nennen kann. Außerdem wurde die Öffentlichkeit dadurch auf seinen Fall aufmerksam und höchste Kreise (G 7) und bekannte Politiker, z.B. Macron, setzten sich für ihn ein.

    Oleg Sentsov war42 Jahre alt und hatte schon fünf Jahre Haft hinter sich, als er seinen Hungerstreik begann und ich kann nur sagen: trotz einer gewissen Gleichförmigkeit seiner Tagebucheinträge ließ mich sein Bericht nicht mehr los und meine Bewunderung für diesen gradlinigen aufrechten Menschen wurde immer größer.

    Erstaunlich auch, dass er die Kraft aufgebracht hat, jeden Tag etwas zu schreiben, aber vielleicht hat ihm gerade das geholfen. Immer wiederkehrende Themen sind das Wetter (sehr schön beschrieben), Träume, sein körperlicher und psychischer Zustand, Filme und Bücher (Lem, Nabokov, Steinbeck u.a.), die chaotischen Ereignisse auf dem Maidan, die ärztliche Betreuung. Er darf sogar mit anderen Häftlingen die Fußballweltmeisterschaft gucken, die ihm als willkommene Ablenkung dient, die er aber auch kritisch sieht:

    'Ich kann einfach nicht ausblenden, dass dieses Fußballfest von Schurken veranstaltet wird, die hinter der schönen Fassade ihre Verbrechen verbergen und die Weltgemeinschaft ablenken wollen. Die so tun, als gäbe es weder die besetzte Krim noch die zehntausend Toten im Donbass noch die abgeschossene Boeing, das zerbombte Aleppo und, und, und (eBook 157).

    Er wird ärztlich betreut, bekommt Infusionen mit Vitaminen, Salzen, Mineralien und Aminosäuren, nimmt aber keinerlei Nahrung zu sich, obwohl ihm täglich dreimal Essen hingestellt wird. Alles wird dokumentiert, er wird ständig per Videokamera überwacht und bekommt oft Besuch von Beamten aus russischen Behörden, die ihn zum Aufgeben überreden wollen, erfolglos. Er ist ein starker Mensch und das hat mir unsagbar imponiert.

    Senzow selbst schätzt sein Buch als' monoton, ereignisarm und stilistisch schwach' ein (eBook 329). Doch da ist er zu hart mit sich selbst. Ereignisarm ja, aber ansonsten sprachlich auf erhöhtem Niveau und ein wichtiges Zeitzeugnis. Als solches habe ich es trotz einer gewissen Eintönigkeit gelesen und es nicht bereut.

    Ich denke aber, dass es nur jemand lesen sollte, der sich für das Thema 'Zustände in russischen Straflagern', hier übrigens Labytnangi am Polarkreis, interessiert. Am Ende des Buches sind noch 'Erzählungen' genannte Porträts von unterschiedlichsten Mitgefangenen angefügt, die aber gerade das Lagerleben, die Schikanen und Misshandlungen deutlich illustrieren.

    Wer Oleg Senzow sehen möchte: hier bei YouTube / European Parliament:
    https://youtu.be/5UqBMVShR0Q

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Kafka: Um sein Leben schreiben

Buchseite und Rezensionen zu 'Kafka: Um sein Leben schreiben' von Rüdiger Safranski

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„Ich habe kein litterarisches Interesse, sondern bestehe aus Litteratur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein", schrieb Franz Kafka an seine Verlobte Felice Bauer. Das Schreiben war seine Existenz, die ihm mehr bedeutete als ein vollendetes Werk. Rüdiger Safranski beobachtet Franz Kafka beim Schreiben, um den Geheimnissen seiner Texte näher zu kommen. In dessen Briefen liest er von den Augenblicken des Glücks, die Kafka am Schreibtisch erlebt, und von Momenten, in denen ihm die Welt vollkommen fremd erscheint. Versteht man Kafkas Bücher als Zeugnisse solcher Grenzerfahrungen, entfalten ihre Geheimnisse eine ganz unmittelbare Kraft. Eine solche Lektüre führt ins Zentrum eines Werks, das zu den Höhepunkten der Weltliteratur zählt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783446279728
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Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor

Buchseite und Rezensionen zu 'Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor' von Steffen Schroeder

Inhaltsangabe zu "Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
EAN:9783737101561
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Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933 - 1945. 2 Bände

Buchseite und Rezensionen zu 'Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933 - 1945. 2 Bände' von  Victor Klemperer

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Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:1694
Verlag: Aufbau Verlag
EAN:9783351023409
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Hans Grünauer: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Hans Grünauer: Roman' von Jakob Senn
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Hans Grünauer: Roman"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:360
Verlag: Limmat
EAN:9783039260652
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Rezensionen zu "Hans Grünauer: Roman"

  1. "Keine Blumenpfade"

    Zum Autor (Quelle: Verlag):

    Jakob Senn (20.03. 1824– 02.03.1879), geboren in Fischenthal, Kanton Zürich. Nach dem Besuch der Primarschule Arbeit auf dem väterlichen Hof. Erste literarische Versuche mit zwanzig Jahren, Bekanntschaft mit dem Volksschriftsteller Jakob Stutz. 1856 angestellt in einem Zürcher Antiquariat, ab 1862 freier Schriftsteller, 1864 Heirat und Übersiedlung nach St.Gallen. 1867 Ausreise nach Südamerika, Rückkehr 1878, 1879 Freitod in der Limmat.

    Mein Lese-Eindruck:

    Jakob Senn ist ein Schriftsteller, der im Schweizer Oberland und Zürich als Volksschriftsteller sicherlich eher bekannt ist als im übrigen deutschsprachigen Raum. Umso schöner ist es, dass der Limmat-Verlag zum 200. Geburtstag Jakob Senns sein Hauptwerk neu herausgibt.

    Der Roman erinnert schon im Titel an ein berühmtes Werk eines weitaus berühmteren Kollegen: an den Entwicklungsroman „Der Grüne Heinrich“ von Gottfried Keller. Auch Senns Roman trägt deutliche autobiografische Züge. Der Leser wird versetzt in die Mitte des 19. Jahrhunderts, in ein kleines Dorf im Töss-Tal in der Nähe von Zürich. Hier wird Hans Grünauer, das Alter Ego Senns, in eine Kleinbauernfamilie hineingeboren, darf fünf Jahre lang zur Schule gehen und muss dann am Webstuhl und mit harter Arbeit in der Landwirtschaft zum Unterhalt der Familie beitragen. Trotz seiner entbehrungsreichen Kindheit gibt er seine Liebe zu Büchern und zur Dichtkunst nicht auf. Er liest, was ihm in die Hände fällt, und das ist überwiegend fromme Erbauungsliteratur. Seine Eltern, vor allem seine Stiefmutter, machen ihm als Nichtsnutz das Leben schwer, aber in seinem Bruder Jakob findet er eine gleichgestimmte Seele und einen lebenslangen treuen Freund.

    Die Krisen der Zeit wie das Aufeinanderprallen von protestantischen Liberalen und katholischen Demokraten, die schlimme Hungersnot Mitte der 40er Jahre und die Gründung des Bundesstaates fließen nur am Rande in den Roman ein. Der Autor konzentriert sich auf die literarische Entwicklung seines Helden. Im Lauf der Zeit findet Hans Förderer für sein autodidaktisches Lernen, und recht launig beschreibt er z. B. den geldgierigen Dorfapotheker oder den schrulligen Volksdichter Zellberger, der als Eremit lebt und einen Kreis von ergebenen Jüngern um sich schart. Ausgesprochen burlesk ist auch die Geschichte seiner erzwungenen Brautschau, und von seinem Freigeist zeugt z. B. seine Beobachtung, dass die meisten medizinischen Werke zur Frauenheilkunde von Priestern geordert werden.

    Was den Roman so lesenswert macht, ist nicht nur diese besondere Biografie, sondern auch der Blick in die Zeit. Das harte Leben der Kleinbauern, die langen Fußwege bei Wind und Wetter, die bigotte Frömmigkeit und das pietistische Frömmlertum, Entbehrungen, das unzureichende Schulwesen, dörfliche Bräuche und vieles mehr lässt Senn vor seinem Leser auferstehen. Trotz der Härte des Lebens – „keine Blumenpfade“- findet der Autor einen humorvollen und immer versöhnlichen Ton.

    Das Nachwort liefert hilfreiche Informationen zu Jakob Senn.

    4,5/5*

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Karl Popper

Buchseite und Rezensionen zu 'Karl Popper' von Manfred Geier

Inhaltsangabe zu "Karl Popper"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:483
EAN:
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"Ich muß doch meinen Vater lieben, oder?"

Buchseite und Rezensionen zu '"Ich muß doch meinen Vater lieben, oder?"' von Matthias Kessler

Inhaltsangabe zu ""Ich muß doch meinen Vater lieben, oder?""

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: Eichborn
EAN:9783821839141
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Zwölf Jahre Ein Sklave

Buchseite und Rezensionen zu 'Zwölf Jahre Ein Sklave' von Solomon Northup

Inhaltsangabe zu "Zwölf Jahre Ein Sklave"

Dies ist die detailgetreue Übersetzung und Gesamtausgabe des Bestsellers "12 Years A Slave", verfilmt 2013, bereits heute ausgezeichnet mit dem Golden Globe als Bester Film und einer der ersten Anwärter auf den Oscar.



"Zwölf Jahre Ein Sklave" ist die Geschichte des Solomon Northup, der - obwohl als freier Mann geboren - zwölf lange Jahre versklavt wurde. Northups Geschichte war nicht nur eine der ersten ihrer Art, sondern auch eine der prägnantesten, informativsten und unverfälschtesten. Versklavt für Jahre und mehrfach weiterverkauft musste er die Peitsche, Hunger und Beleidigungen ertragen. Umso beeindruckender ist sein Bericht.



Northup war ein freier Bürger des Bundesstaats New York, als man ihn kidnappte und am Red River in Louisiana in die Sklaverei verkaufte. Dort wurde er zwölf Jahre getrieben, ausgepeitscht und von brutalen Plantagenbesitzern herumgestoßen bis ihn ein Freund aus dem Norden rettete und mit seiner Familie zusammenführte. Trotz seiner schrecklichen Leidensgeschichte ist es ihm gelungen, sein Unglück so gerecht wie möglich zu beschreiben - eine nicht unbedeutende Leistung, zu der nur wenige in seiner Situation fähig gewesen wären. Die feinsinnigen Beobachtungen und bedächtigen Abschätzungen des hochintelligenten Northup machen "Zwölf Jahre Ein Sklave" zu einem überragenden und einzigartigen Zeitzeugnis der Sklaverei. Als historisches Dokument schlägt es die bezaubernd einfache Geschichte des Vaters Henson um Längen. Geduldig, verlässlich und ohne Bosheit erzählt ist es wertvoller als die Geschichte von Beecher-Stowes Märtyrer "Onkel Tom" und ein stärkeres Argument gegen die Sklaverei als es die Berge von argumentativen Schriften und ethischen Diskursen jemals sein können

Format:Taschenbuch
Seiten:180
EAN:9783849699697
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Techno der Jaguare

Buchseite und Rezensionen zu 'Techno der Jaguare' von Manana Tandaschwili

Inhaltsangabe zu "Techno der Jaguare"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783627001926
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Sommer des Lebens: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Sommer des Lebens: Roman' von J.M. Coetzee

Inhaltsangabe zu "Sommer des Lebens: Roman"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:304
EAN:9783596186419
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