Migration

read more

Rezensionen zu "Migration"

  1. Perspektivwechsel ?

    Kurzmeinung: Habe ich gerne gelesen!

    Hein de Haas ist Professor für Soziologie und Geographie in Amsterdam, überdies Professor für Migration und Entwicklung in Maastricht und leitet das International Migration Institut in Oxford. Seit mehr als dreißig Jahren beschäftigt er sich beruflich mit den Phänomenen der Migration. Er sollte also wissen, wovon er spricht und sein Sachbuch über Migration stützt sich auf Zahlen, Fakten und wissenschaftliche Studien und Erhebungen.
    Das wirklich erhellende Sachbuch über Migration ist genauso aufgebaut, wie es der Untertitel verspricht. Es wird eine These in den Raum gestellt, ein sogenannter Mythos, und danach wird erklärt „was wirklich dahintersteckt“. Hein de Haas schreibt absolut verständlich und wenn man ihm an der Präsentation seiner Thematik überaupt etwas vorwerfen könnte, dann wäre dies vielleicht die pädagogische Absicht, seinerzeit seinen Studenten und jetzt seinen Lesern durch häufige Wiederholungen etwas ins Gehirn zu hämmern! Ich gebe zu, dass mich diese Art der Didaktik genervt hat, denn ich habe schon beim ersten Mal begriffen, dass (die allermeisten) Migranten ihr Land nicht deshalb verlassen, weil sie arme Schlucker sind und verzweifelt irgendwo anders, egal wo, Hauptsache Westen, auf ein besseres Leben hoffen (das durchaus auch), sondern, dass sie gezielt auf die Nachfrage nach Arbeitskräften reagieren. Mit anderen Worten, Konjunktur schreit laut nach Arbeitskräften (und dann kommen sie; wenn auch mit einer gewissen zeitlichen Versetzung) und Rezession hält Migranten davon ab, ins Land zu kommen und/oder lässt sie wieder abwandern. Die Wirtschaft also bestimmt den Kreislauf von Kommen und Gehen, der jedoch behindert wird, wenn Einreisebeschränkungen Migranten davon abhält, auf Konjunkturschwankungen zu reagieren. Sie bleiben hauptsächlich dann im Land, legal oder illegal, wenn ihnen das Hin- und Herreisen verwehrt wird. Das ist das Wichtigste in Kürze und ich habe es so oft gehört in dem Buch dass ich es im Schlaf herunterbeten kann.

    Die „Mythen“ lauten: 1. Die Migration bricht alle Rekorde, 2. Unsere Grenzen sind nicht mehr sicher, 3. Die Welt steht vor einer Flüchtlingskrise, 4. Unsere Gesellschaft ist vielfältiger denn je 5. Migration lässt sich mit Entwicklungshilfe eindämmen, 6. Migration ist die verzweifelte Flucht aus dem Elend, 7. Wir brauchen keine ausländischen Arbeitskräfte, 8. Ausländer nehmen uns die Arbeit weg und drücken die Löhne, 9. Zuwanderung ist eine Gefahr für den Sozialstaat, 10. Die Integration ist gescheitert, 11. Massenmigration schafft Parallelgesellschaften, 12. Zuwanderung bringt mehr Verbrechen, 13. Migration führt zu Talentschwund, 14. Zuwanderung ist das Allheilmittel für die Wirtschaft, 15. Zuwanderung ist die Lösung für die alternde Gesellschaft, 16. Die Grenzen werden dichtgemacht, 17. Linke sind für, Rechte gegen Migranten, 18. Die Öffentlichkeit hat genug von Zuwanderung, 19. Menschenschmuggel ist der Grund für illegale Migration, 20. Menschenhandel ist eine moderne Form der Sklaverei, 21. Zuwanderung lässt sich durch Beschränkungen vermindern, 22. Der Klimawandel entfesselt eine Völkerwanderung.

    Der Kommentar:
    Es ist natürlich nicht so unkompliziert, wie es sich auf den ersten Blick ausnimmt oder anhört. Und man muss die Schlussfolgerungen Hein de Haas nicht eins zu eins übernehmen, trotzdem sind die aufgeführten Erhebungen dazu angetan, manchen Sachverhalt noch einmal zu überdenken.
    Was ich vor allem mitgenommen habe: Positiv - dass die Menschheit zwar den Zenit ihrer Vermehrung noch nicht überschritten hat, dass die Forscher aber damit rechnen, dass die Menschheit sich langfristig vermindert. Der Autor macht daraus die Hypothese, dass der ungehinderte Zugriff auf „eine sozusagen unbeschränkte Anzahl von Arbeitskräften (Arbeitsmigranten)“ und das Jammern darüber, sich alsbald (na ja bald) in ein Konkurrieren um den Zuzug von Arbeitsmigranten verwandeln wird. Bei den Fachkräften ist das ja längst so, aber Hein de Haas meint, dass dieses Phänomen sich bald (na ja bald) auf die gesamte Migration beziehen wird. Dies lässt aufhorchen: also werden wir uns bald danach strecken, dass Menschen zu uns kommen. Aber wie gesagt, „bald“ ist relativ.
    Negativ - dass Migration, selbst wenn sie in großem Maßstab erfolgt, hauptsächlich der Wirtschaft nützt, die Wohlhabenden, die Unternehmer und die Reichen davon im Übermaß profitieren, während „die Masse“ unter den damit einhergehenden gesellschaftssoziologischen Verwerfungen zu leiden hat, weil sie diese Verwerfungen nämlich ausschließlich zu schultern und zu tragen hat. Ja, das wissen wir. Und deswegen sind wir sauer.
    Hein de Haas macht die Politik für die allermeisten Missstände verantwortlich und verschweigt seine Ansicht nicht: die Politik geht mit seinen Arbeitskräften mies um und hofiert die Wirtschaft. Und so war es schon immer. Aber muss es immer so bleiben?

    Hilfreich finde ich bei den Betrachtungen von Hein de Hass, dass er den Blick von der Kurzsichtigkeit unseres Lebens auf einen langfristigen Zeitraum und Zusammenhang lenkt. Diesen Pespektivwechsel müssen wir uns insgesamt angewöhnen.

    Besonders bei der These, die Integration sei gescheitert, merken wir, dass eine langfristige Betrachtung die Resultate ändert. Auf die dritte und vierte Generation hin gesehen, geschieht Integration. Das ist Fakt. Sineb al Masar beschreibt dies in launigem Kontext in ihrem Buch „Sind wir nicht alle ein bisschen Alman“. Ob wir wollen oder nicht, schreibt sie, wir (die ehemaligen Migranten) sind bereits deutscher als wir denken. Übrigens: oft schafft es schon die zweite Generation. Und "alman" ist ein Platzhalter.

    Fazit: "Migration" ist ein Sachbuch, das mit populären Thesen hart ins Gericht geht und eine kritische Sicht auf Politikerparolen wirft. Versteht mich nicht falsch bei diesem Resümee: die Arbeit der Politiker ist wichtig, schließlich muss auch sie gemacht werden, trotzdem muss man genau hinschauen und hinterfragen. Ich gebe eine Leseempfehlung.

    Kategorie: Sachbuch. Soziologie. Migration.
    S. Fischer-Verlag, 2023

    Teilen
 

Welt in Aufruhr

Buchseite und Rezensionen zu 'Welt in Aufruhr' von Herfried Münkler
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Welt in Aufruhr"

Spätestens seit dem Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan und dem russischen Überfall auf die Ukraine wissen wir, dass die bislang geltende Ordnung an ihr Ende gekommen ist. Die Welt ist in Aufruhr. Doch wie wird sie sich neu sortieren, und wie wird sie im 21. Jahrhundert aussehen? Vor welchen Umwälzungen, Brüchen und Umbrüchen stehen wir? Eine auf Werten und Normen fußende Weltordnung durchzusetzen, übersteigt die Fähigkeiten des Westens. Die USA, einst «Weltpolizist», befinden sich trotz internationalen Engagements auf dem Rückzug; die UN, der man diese Rolle ebenfalls zugedacht hatte, blockiert sich selbst. Und die Europäer sind schlicht nicht imstande, eine Weltordnung zu hüten. Eine prekäre, risikoreiche Lage, in der auch ein Blick in die Geschichte und auf frühere weltpolitische Konstellationen hilfreich ist, um Hinweise auf die künftige, sich jetzt herausbildende Ordnung zu erhalten. Herfried Münkler zeigt in dieser gedankenfunkelnden geopolitischen Analyse, wo in Zukunft die Konfliktlinien verlaufen. Viel spricht dafür, dass ein neues System regionaler Einflusszonen entsteht, dominiert von fünf Großmächten. Wo liegen die Gefahren dieser neuen Ordnung, wo ihre Chancen? Wäre es ein austariertes Mächtegleichgewicht – oder Chaos? Und wie sollten sich Europa und Deutschland in den zu erwartenden globalen Auseinandersetzungen verhalten? Ein aufregender, Maßstäbe setzender Ausblick auf die Machtkonstellationen im 21. Jahrhundert.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:528
EAN:9783737101608
read more

Rezensionen zu "Welt in Aufruhr"

  1. Grundlagen der Geopolitik

    Kurzmeinung: Interessante Schnupperstunde in die Geopolitik
    Herfried Münklers „Die Welt in Aufruhr“ ist eigentlich ein Buch über Grundlagen der Politikwissenschaft, bezogen auf die allgemeine Weltlage ever.
    Wir Leser betrachten mit Herfried Münkler die Überlegungen und Reflexionen Thukydides, einem griechischen Historiker, geschätzte Lebensdaten 454 v. Chr. bis 396 v. Chr., über den Pelopennesischen Krieg. In diesem grundlegenden Werk stellt Thukydides u.a. die Unterscheidung zwischen Anlass und (wirklichem) Grund eines Krieges anhand der damaligen Großmächte Sparta und Athen dar.
    Welches sind heute die Großmächte und sind sie zwingend die alles beherrschenden Mächte oder gäbe es theoretisch denkbar andere Konstellationen, rechnet Münkler das Gesagte in die Gegenwart. Welche thukydischen Grundwahrheiten gelten heute noch? Was ist die thukydische Falle?

    Wir betrachten auf ähnliche Weise Niccolò Machiavelli (1449- 1516) und sein Hauptwerk „Il Principe“. Bei Machiavelli geht es um Florenz als eine politisch modern geordnete Republik und um Italien, das droht, ein Spielball europäischer Mächte zu werden (Spanien und Frankreich) und seine Eigenständigkeit zu verlieren. Machiavelli zieht Parallelen zum Römischen Reich, seiner Blüte und seinem Untergang und plädiert zugunsten der Einheit und Souveränität Italiens für einen starken Mann an der Spitze. Absolutistisches Durchregieren, meint er, ist im Kampf um das Gesamte der einzige Weg.
    Diesem Weg folgen heute viele Staaten; je unruhiger die Zeiten sind, um so mehr Bürger sind bereit, ihre unveräußerlichen Menschenrechte einer Autokratie unterzuordnen.

    Schließlich beschäftigt sich Münkler noch mit Claus von Clausewitz (1780-1831), der sich in seinem Hauptwerk „Vom Kriege“ mit den Mechanismen desselben beschäftigt und sich mit den Napoleonischen Kriegen auseinandersetzt, die Europa überzogen. Clausewitz unterscheidet z.B. zwischen wirklichem und absolutem Krieg, was nichts anderes heißt, als dass es Kriege gibt, die von den Staatsoberhäuptern bzw. seinen Repräsentanten sowohl beschlossen wie auch ausgeführt werden (Staatsheer) und einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit einem anderen Staat/Staaten, in der das gesamte Volk mobil ist.
    Auch Carl Schmitt (1888 – 1985), Jurist und Philosoph, aber auch NSDAP-Mitglied, wird meines Erachtens weitgehend unkritisch und unkommentiert, ein weiter Raum zugestanden. Befremdlich. Hier wären klärende Worte von Nöten gewesen!

    All diese theoretischen Reflexionen oller Denker oller Zeiten münden in die Überlegungen ein, wie die Welt heute beschaffen ist, wer das Sagen hat und wie die Ordnung dieser Mächte sei; momentan beobachten wir eine Fünferkonstellation: USA; Europa, Russland, China, Indien. Ist Konkurrenzdenken und Machtbestreben einhegbar und wie macht man das, wer oder was bleibt dabei auf der Strecke? (Der Mensch, wer sonst und die Natur).
    Wie diese Fünfe zusammenspielen und ob eine Welt ohne gegenseitige kriegerische Bedrohung überhaupt möglich sei, eher nein, sagen die Geopolitiker, damit beschäftigt sich das Buch im Grunde. Seine Tendenz fällt überaus negativ aus. Liest man dieses Buch beziehungsweise beschäftigt man sich intensiver mit Geopolitik muss man die Hoffnung auf einen dauerhaften Weltfrieden dahingeben, ja sogar auf einen zeitweisen. Das einzig denkbare, ist ein partieller Frieden.
    In seiner äußerst kurzen Zukunftsperspektive geht der Autor davon aus, dass Russland den Krieg gegen die Ukraine verlieren wird und zieht einige Schlussfolgerungen. Leider zieht er das Gegenteil gar nicht erst in Betracht.

    Fazit: „Welt in Aufruht“ gibt hauptsächlich eine Einführung in die Geopolitik unter bestimmten Gesichtspunkten. Freilich verweilen wir drei Viertel des Buches in lange vergangenen Zeiten, bevor wir zu der aktuellen Lage kommen. Die ausufernde Beschäftigung mit Sparta-Athen, Rom-Florenz, etc. hätte durchaus kürzer ausfallen dürfen! Zu bemängeln wäre zudem das Fehlen eines Namensregisters mit Seitenangaben und eine Zeitleiste der wichtigsten genannten historischen Kriege. Der Stil ist dem Sujet angemessen.

    Kategorie: Sachbuch: Geopolitik.
    Rowohlt, 2023

    Teilen
  1. Für eine entsprechend vorgebildete Leserschaft

    Das Cover ist ansprechend für ein Sachbuch. Der Titel hat mich erst einmal verwirrt, hiess doch eine kürzliche Ausstellung über Chagall genau so. Da ging es auch um Vertreibung und Verfolgung und eine andere Weltordnung. Nur in Bildsprache. Das hätte ich vermutlich einfacher verstanden als das Buch von Herfried Münkler. Ich kann nur einen Eindruck von dem Buch wiedergeben, gelesen wie ein Sachbuch, das ich sonst zu einem Thema anschaue, habe ich es nicht. Dazu ist es zu umfangreich und zu speziell.
    In den ersten Kapiteln hatte ich manchmal den Eindruck etwas zu verstehen, einen Gedankengang oder historischen Umstand den ich selbst als Bürger miterlebte. Meist jedoch ist es beschwerlich einen Satz zu verstehen in dem viele Fremdworte vorkommen, die man schon mal gehört hat und auch einzeln aus dem Zusammenhang problemlos einfügen kann ohne nachzuschlagen. Tauchen aber bis zu zehn solcher Begriffe in einem Satz auf, dann bin ich echt überfordert. Trotz guter Schulbildung ist das Buch zu hoch für mich. Als Überblick und zum Sortieren der aktuellen Lage für ein entsprechendes Publikum sicher ein Meilenstein.

    Teilen
 

Ami go home!

read more
 

Putins Welt

read more

Rezensionen zu "Putins Welt"

  1. Russland ist für den Westen ein Problem geworden.

    Kurzmeinung: Must read!

    In ihrem 2015 veröffentlichten und zuletzt 2017 überarbeiteten Buch „Putins Welt“, zeigt Katja Gloger auf, wie die Sowjetunion sich seit Putin und mit Putin veränderte. Dabei greift die Autorin zeitlich bisweilen bis auf den Zweiten Weltkrieg zurück, bemüht sich, Gorbatschow und die Deutsche Wiedervereinigung zu erklären, aber sie beginnt in der spannenden Neuzeit. Obwohl die aktuellste Entwicklung nicht enthalten ist, da Glogers Betrachtungen 2017 aufhören, ist Glogers Buch ein Augenöffner. Und was für einer!

    Denn schon immer war Russland ein Land, das auf der einen Seite an Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem modernen Westen wie an Großmannssucht und imperialistischem Größenwahn gelitten hat. Schon Katharina die Große sagte, sie könne ihr Land nur beschützen, in dem sie es ausdehne, mit anderen Worte, die Nachbarn überfalle, erobere und ausnutze. Kontrolle war Russlands Politik über die Jahrhunderte. Zu dieser Politik ist Putin zurückgekehrt. Reaktionär und militaristisch wurde die Politik dieses Landes. Doch eine kleine Weile davor schien es, als ob sich Russland dem Westen öffnen wolle. Als ob es fähig zur friedlichen Kooperation mit seinen Nachbarn und mit der Welt wäre. Was für eine Illusion! Weder fähig noch willens.

    Gloger zeigt uns viele Schattierungen des großen, weiten Landes, das völlig auf eine harte Hand der Autokratie setzt, eine Regierungsform, die gegen das Versprechen, für die Bürger zu sorgen und sie zu beschützen (ein Versprechen, das nur ansatzweise erfüllt wird) bedingungslose Loyalität erwartet, verlangt und erpresst. Autokratie war immer das Mittel der Wahl, die bevorzugte Regierungsform Russlands, ob unter den Zaren oder unter den Präsidenten oder Vorsitzenden der kommunistischen Partei, eine andere Art zu herrschen, kennt das Land nicht. Russland ist auch das Land, in dem es keine Aufklärung westlicher Prägung gegeben hat. Trotz Revolution und Kommunismus ist es auch ein Land voller religiöser Traditionen und Mythen. Vom Kommunismus ist nicht viel übrig geblieben.

    Ein paar Schlagworte sollen hier dennoch genügen, um den bristanten Inhalt des sachkenntnisreichen Buchs anzureißen: die korrupte und rücksichtslose Russen-GmbH, der (überwältigende) Kapitalismus unter Freunden, Kleptokratie, Kapitalflucht, Hochrüstung, Gaskrieg, vernachlässigte Infrastrukturen, Eindämmung sämtlicher zivilisatorischer Rechte, Übernahme von 90 Prozent aller Medien durch den Staat, Propaganda bis zum Abwinken, Fake News, Informationskrieg gegen das Ausland -„Journalisten werden Soldaten des Krieges. Man will die westlichen Medien zersetzen und verunglimpfen, man kämpft gegen die Information an sich; gelobt sei das Narrativ. In Russia ist investigativer Journalismus lebensgefährlich.“ Einflussnahme auf die im Ausland lebenden Russen: „Millionen Russischsprachiger haben sich nach dem Zerfall der Sowjetunion außerhalb der russischen Staatsgrenzen wiedergefunden. Ihr Potential, Sprache und Kultur müsse genutzt werden, um Einfluss auf das nahe Ausland zu gewinnen. Wir müssen sie unter unsere politische Kontrolle bringen um so eine machtvolle politische Enklave zu schaffen, die zur Basis unseres politischen Einflusses wird.“ Sergei Alexandrowitsch Karaganow. Geheimpolizeistaat. Frauendiskriminierung.

    Gerhard Schröders Kumpelei mit Putin wird ebenso thematisiert wie Putins Vergangenheit in der DDR, wo er keineswegs nomale deutsche Lebensverhältnisse kennen und schätzen lernte, sondern gesellschaftlich mit seinen eigenen Geheimdienstlern und mit Stasi-Leuten verkehrte. Für Putin war der Zusammenbruch des sowjetischen Einflussbereiches eine Katastrophe historischen Ausmaßes.

    Ultrapatriotischer Rechtsnationalismus, eine ideologische Richtung, die auch im Westen Fuß fasst, sich dort aber noch in der Minderheit befindet, ist in Russland salonfähig und wird befördert. Gewaltausübung als politisches Mittel der Auseinandersetzung ist tolerabel und akzeptabel.
    Die russische Idee, die die Kontrolle des benachbarten Auslands zum Ziel hat, im Klartext, das benachbarte Ausland seiner Identität und Selbstbestimmung zu berauben, kann nur überleben in scharfer Abgrenzung zum Feindbild des „verkommenen Westens.“

    Wohlgemerkt: Katja Gloger schreibt über die POLITIK des Landes und über seine von Putin gehätschelte Oberschicht, die sogenannten Oligarchen. Den russischen Menschen gegenüber fühlt sie sich verbunden. Sie haben kaum eine Chance, sich geistig aus dem Dunstkreis der russischen Staatsprogaganda zu lösen. Wenn kritische Journalisten zu Staatsfeinden erklärt und eliminiert werden, kann man verstehen, dass sich kritisches Denken höchstens noch in einem Mäuseloch regt.

    Fazit: Russland ist ein Land, in dem man momentan nicht leben möchte. Dem einzelnen Bürger wird viel abverlangt, er wird in systematischer Unmündigkeit und Informationsferne gehalten, es wird an seine patriotische Seele appelliert, damit er auf Kurs bleibt. Wenige werden unsagbar reich, die meisten müssen sich irgendwie über Wasser halten. Freilich, in der Ukraine waren die Zustände auch nicht besser.

    Schade, dass das Buch nicht ganz bis in die Jetztzeit reicht. Das ist das einziges Manko. Es ist super verständlich geschrieben und spannend. Die Floskel „ich konnte es kaum aus der Hand legen“ nehme ich für diesmal für Glogers Recherche in Anspruch.

    Eine dicke Leseempfehlung gibt es von mir!

    Kategorie: Sachbuch: Geschichte. Politik.
    Verlag: Hierax Medien, 2022

    Teilen
 

Ich bin keine Heldin

read more
 

Zeitenwende: Putins Krieg und die Folgen

read more

Rezensionen zu "Zeitenwende: Putins Krieg und die Folgen"

  1. So schreibt man ein Sachbuch für die Allgemeinheit!

    Kurzmeinung: Gut, man kann sich das alles aus der Zeitung zusammensuchen - aber so ist es doch viel bequemer.

    Man merkt dem Büchlein an, dass sein Autor „an der Front war“ bzw. weiß, wovon er spricht und dass er sein Wissen aus tätiger Erfahrung und nicht nur aus der Schreibstube hat. Als Diplomat war er von 2014 bis 2019 Botschafter in Russland.

    Rüdiger von Fritsch schreibt: „Der russische Präsident begab sich auf eine historische Mission, die Berufung Russlands zu vollenden und sich selbst einen Platz in der Geschichte des Landes und der Weltgeschichte zu sichern. Auf schreckliche Weise sollte ihm dies gelingen.“

    Als Leser versteht man (endlich), dass das ganze wunderschöne Land dem fatalen Wahn Putins geopfert werden soll, Russland zur einstigen zaristischen Größe zurückzuführen; was die Russen (einst) einmal besaßen, wird so angesehen, dass es für immer zu ihnen gehört und nur „heimgeholt“ werden muss. Ein solches Machtverständnis erinnert an den Islam, der genau so argumentiert. Eigentlich ist die „Russifizierung der Welt“ das Ziel. Russland ist ein imperialistischer Staat bis auf die Knochen, der Kommunismus besteht quasi nur noch auf dem Papier, keine Macht geht vom Volke aus –es ist eine Diktatur geworden.

    Alles Unliebsame wird zu „ausländischer Agentenschaft“ erklärt, Furcht zu verbreiten ist das staatliche Mittel der Zeit, Korruption und Vetternwirtschaft blühen, Käuflichkeit und Erpressung sind an der Tagesordnung. Die heimische Wirtschaft jedoch liegt mehr oder weniger am Boden. Trotzdem fühlt sich „der Russe“ überlegen, die Progandanda hat ihn voll im Griff. Doch wie lange wird dies noch so weitergehen, wenn der Krieg anhält und eine generelle Mobilmachung nicht mehr verschleiern kann, dass Russland Krieg führt?

    Rüdiger von Fritsch überfordert nicht durch (unnötige) Daten, zieht dennoch einen weiten Bogen und gibt eine vorsichtige Einschätzung der Zukunft. Alles ist unterlegt durch eigene Anschauung, sauber zu Papier gebracht, stringent, in einem Guß.

    Fazit: So will ich das popälarwissenschaftliche politische Buch. Ohne Bandwurmsätze, klar verständlich, klare Meinung, klare Kante. Frisch zeigt, dass es möglich ist.

    Aufbauverlag, 2022
    Kategorie: Sachbuch. Politik.

    Teilen
 

Deutschland einig Vaterland

read more
 

Die Amerikanische Revolution

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Amerikanische Revolution' von Michael Hochgeschwender

Inhaltsangabe zu "Die Amerikanische Revolution"

Wer die USA verstehen will, muss zu ihrem Ursprungsmythos zurückgehen: zur Amerikanischen Revolution. Mit der Boston Tea Party begann 1763 der Aufstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Die Geburt der amerikanischen Nation erfolgte in zähen Schlachten. Sie sah menschliche Abgründe an Verrat und Grausamkeit, aber auch selbstlose Heldentaten und die hehren Ideale der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776. Erst im britisch-amerikanischen Krieg von 1812 bis 1815 fand sie ihren Abschluss. Michael Hochgeschwender erzählt diese dramatische Geschichte und zeichnet ein neues Bild der Revolution, das auch die Perspektive der Briten berücksichtigt.
Geschichte wird meist aus der Perspektive der Sieger geschrieben. Wer etwa Mel Gibson dem Monumentalepos „The Patriot“ britische Soldaten hinschlachten sieht, für den ist klar, dass freiheitsliebende Helden despotischen Besatzern gegenüberstanden. Doch tatsächlich war die Geschichte komplizierter. Nicht wenige der späteren Amerikaner hielten zu den Briten. Auch für die schwarzen Sklaven waren sie nicht selten die bessere Wahl. Und den Aufständischen ging es nicht nur um universalistische Ideale, sondern auch um ganz handfeste wirtschaftliche Interessen, wie etwa den Schmuggel oder den Raub von Indianerland. Doch die Amerikanische Revolution weckte auch Hoffnungen, die bis heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben. Schon bei ihrer Geburt hat die amerikanische Nation der Welt ein Janusgesicht gezeigt, das ihre Politik bis heute prägt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:512
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406654428
read more