Demon Copperhead

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Rezensionen zu "Demon Copperhead"

  1. Einer, den niemand will

    Für diesen 832-Seiten-Roman mit dem schrecklichen Cover habe ich knappe vier Wochen gebraucht. Ich habe mich jeden einzelnen Tag so aufs Lesen gefreut, das war bei den beiden Vorgängern in 2024 leider nicht so. Trotz der Fülle hat also jeder Satz seine Daseinsberechtigung. Und ich muss Frau Kingsolver ein dickes Kompliment aussprechen, dass sie als ältere Autorin so zielgenau die Sprache der Jugend getroffen hat. Und das über diese vielen Seiten bravourös durchgehalten hat. Das Kompliment gebührt natürlich auch dem Übersetzer Dirk van Gunsteren.

    Demon Copperhead, die Titelfigur und unser Ich-Erzähler, hat es schwer in dem Drogensumpf zu überleben, der schon seine Ankunft in dieser Welt überschattet. Sein Vater starb schon vor seiner Geburt und der Stiefvater, Stoner, ist brutal, machtgeil und weiß mit Demon nichts Besseres anzufangen, als ihn pausenlos aufs Übelste zu schikanieren. Demons Mom ist eigentlich nicht so übel, aber leider drogenabhängig und unfähig, sich gegenüber Stoner durchzusetzen. Als sie jung an einer Überdosis Oxy stirbt, verschwindet Stoner fluchtartig aus dem Trailer und aus Demons Leben.

    Die Nachbarn: S. 19: „Und da sitzen sie jetzt auf ihren zusammengeflickten Veranden, eine einzige große Sippe, und über dem Ur-Trailer weht die ausgefranste Flagge. Eine Nation unter Schrott.“

    Nach dem Tod der Mutter wird Demon pausenlos rumgereicht. Die Pflegefamilien, die ihn widerstrebend aufnehmen, nutzen ihn nur aus, nehmen aber das Pflegegeld gern entgegen. Oder lassen ihn arbeiten und kassieren den kompletten Lohn. Und Demon hat immer, immer Hunger. Auch der umschwärmte Held seiner Jugend, Fast Forward, nutzt alle seine Fans und Bewunderer letztlich nur aus.

    Echte Freunde gibt es wenige: Maggot, der im Nachbartrailer wohnt. Tommy, den Demon auf einer Farm kennenlernt, auf der auch das Idol seiner Jugend, Fast Forward, wohnt. Und: nicht zu vergessen Angus, die Unvergleichliche. Bleiben noch die wenigen Erwachsenen, die es gut mit Demon meinen, die Peggots und Tante June. Später noch der Coach der Footballmannschaft, bei dem Demon dann zuletzt unterkommt. Die seltsame Großmutter väterlicherseits, Betsy Woodall, tut zwar Gutes, aber spät und nur zu ihren Konditionen.

    Was zeichnet nun Demon aus, dass er die ganze Hölle übersteht? Jedenfalls bis er zum Coach kommt und dort vom Waisenkind zum Footballstar avanciert. Er ist hart im Nehmen, sehr hart und ja, er kann super-gut Comics zeichnen. Damit verdient er später sogar Geld. – S. 432: „Jeder warnt einen vor schlechten Einflüssen, aber das, was einen zu Fall bringt, trägt man schon in sich.“

    S. 713: „Es ist ein Wunder, dass man das Leben mit nichts beginnt und mit nichts beendet und dazwischen trotzdem so viel verliert.“ So trauert Demon um seine große Liebe Dori, eine weitere Drogentote in den Appalachen.

    Zur Kritik gegen das System in USA: Tante June hatte ja einen Zwischenlover, der Pharma-Vertreter ist. Und da wird ganz deutlich erklärt, dass jeder Arzt, wenn er nur genug verschreibt, dann eine Golfreise machen darf oder alternativ nach Hawaii reisen kann. Für tutti, versteht sich. (siehe S. 372)

    Mehr heftige Kritik gegen die Nation unter Schrott, bzw. für die sog. Hunde Amerikas gibt es jede Menge. Z. B. S. 576: „Wir waren mit Fernsehserien aufgewachsen, in denen Eltern Jobs hatten und die Kinder ihre Großstadtträume durch die Wahl ihrer Garderobe und mit Strömen von Geld auslebten.“

    Befeuern solche Fernsehsendungen die armen Leute mit einer Wut und möchten sie, dass der Rest der Welt leiden soll, weil sie selbst so leiden? Siehe S. 754: „Man fragt sich, wie viel von dem, was auf der Welt passiert, von dieser Wut befeuert wird.“ – Demon dagegen ist erstaunlich unwütig. Selbst, als er in seiner größten Not aufs Übelste bestohlen wird, reagiert er nicht aggressiv.

    Fazit: Hier ist Barbara Kingsolver ein großer Wurf gelungen, zu Recht mit Preisen überhäuft. Warum allerdings ausgerechnet ein Mainstream-Preis (der Pulitzer) an so ein amerika-kritisches Werk vergeben wird, ist mir schleierhaft. – Einfach eintauchen und sich diesem unwiderstehlichen Sog hingeben. Bin mal gespannt, ob mir dieses Jahr noch so ein super Highlight vergönnt sein wird. Vielleicht der Pulitzer-Zwilling? *****

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  1. 4
    08. Mär 2024 

    "Wir sind die geprügelten Hunde Amerikas!"

    Mein Hör-Eindruck:

    In seinem Roman „David Copperfield“ literarisiert Charles Dickens seine eigene Geschichte: die Geschichte eines sozial benachteiligten Kindes, das trotz aller Widrigkeiten schließlich seinen Platz im Leben finden konnte. Als Leser hofft man, dass die Autorin bei ihrer Adaption auch das gute Ende dieses Romans übernimmt. Wüsste man nämlich nicht um den guten Ausgang der Geschichte, wären die nicht endenden Schilderungen von Armut, Gewalt, Hunger, Ausbeutung, Einsamkeit, Schmutz, Kinderarbeit, Rechtlosigkeit und Elend allüberall schwer zu ertragen.

    Kingsolvers sozialkritischer Ansatz ist unüberhörbar, und man fragt sich betreten, wieso sich die Verhältnisse seit Dickens Zeiten nicht grundlegend geändert haben.

    Die Autorin versetzt die Handlung in den Süden der USA, ins ländliche Virginia, in die Appalachen. Wie bei Dickens erzählt der Held aus der Rückschau seine eigene Geschichte. Damit hat er die Möglichkeit zu straffen und einen roten Faden herauszuarbeiten, indem er die Erzählung auf wesentliche Ereignisse reduziert. Diese Chance hätte Kingsolver deutlicher nutzen können, um den Roman zu kürzen. Seine Wucht hätte er dabei nicht verloren.

    Ansonsten ist Kingsolvers Adaption sehr gut durchdacht. Das meiste Personal aus Dickens‘ Roman wird übernommen, die Handlung wird jedoch in wesentlichen Teilen der Zeit angepasst. So gerät Demon nach einer Fußballverletzung an einen Arzt, der wie so viele andere leichtfertig das Opioid Oxycontin verschreibt: ein Schmerzmittel, das sehr aggressiv und sehr erfolgreich beworben wurde und das zur sog. Opioid-Krise in den USA führte mit Hunderttausenden von Toten. Viele Abhängige konnten aufgrund der fehlenden Krankenversicherung keine Therapie beginnen. Demon aber hat Glück: sein Entzug wird finanziert, und er ist mit Lebenswillen gesegnet und lässt sich nicht unterkriegen.

    Der Roman ist also nicht nur eine Adaption eines Klassikers und nicht nur der Roman eines Jungen mit großer Klappe. Mit der Geschichte Demons legt die Autorin den Finger auf das marode Sozialversicherungssystem der USA, auf die Falle der Armut v. a. in den ländlichen Gegenden und auf die mangelnde Fürsorge des Staates für seine schwächsten Mitglieder.

    Der Roman wird eingelesen von Fabian Busch. Stimme, Modulation, Intonation – perfekt!
    4,5/5*

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  1. Eine Dickens-Adaption

    Kurzmeinung: Zu lang!

    Ich wollte, ich könnte sagen, der Roman „Demon Copperhead“ hat die Opioid-Krise in den Staaten im Visier und die Kritik an der gewissenlosen Pharmaindustrie wäre ihr Fokus, aber so ist es nicht, obwohl die herrschenden Zustände unter den sozial Unterprivilegierten messerscharf dargestellt werden. So ist es jedenfalls nicht auf den ersten 500 Seiten. Später ändert sich das, aber da hat man schon 500 bis 600 Seiten Kindheitsgeschichte in allen dreckigen Details hinter sich. Freilich mit unversehrtem Helden. Man fühlt sich irgendwie an Huckleberry Finn erinnert.
    Der Roman erzählt einerseits die Geschichte eines vaterlosen Kindes im Lee County. Von einer Junkiemom unter widrigen Umständen ins Leben gebracht, muss Held Damon schon früh lernen, was Einsamkeit, Vernachlässigung und Kinderarbeit heißt. Man folgt ihm als Leser von einer schlimmen Lage in eine noch schlimmere. Das ist schwer zu ertragen, aber durch die Schnoddrigkeit des Icherzählers Damon wird es ertragbar. Der Stil zwischen Zynismus und Humor. Schließlich, nach unendlichen Qualen hat der Held Glück, er findet seine Großmutter und wird danach im Hause des Coaches Winfield eine Footballgröße. Bis es dann in den Drogensumpf geht, aber der Held, wir wissen es bereits, wird zwar angekratzt, bleibt aber größtenteils unversehrt, ein Diamond eben, wie es einmal jemand im Roman zu ihm sagt. Unverwüstlich. Ein Märchen.

    Der Kommentar und das Leseerlebnis:
    Barbara Kingsover schreibt ein modernes Remake von David Copperfield, eine sogenannte Adaption. Dieses Remake ist gleichzeitig das große Plus und das große Manko dieses Romans. Denn diese Adaption ist wirklich gut gelungen, sowohl was den Stil, wie die Ideen und die Art angeht, wie Barbara Kingsover die Namen der Personen aus der Vorlage von Dickens „David Copperfield“ verwendet; das ist erheiternd und listig. Doch diese Adaption ist auch das Manko des Romans. Denn wie alle anderen Kinderhelden, auch die von Erich Kästner und die von Mark Twain zum Beispiel, watet Damon zwar durch Entbehrung, Erniedrigung, Hunger und Not, doch auch wenn sich diese Kinderhelden durch den Schlamm der Menschheit arbeiten und sich dabei die Schuhe schmutzig machen, bewahren sie sich immer und ewig ein goldenes Herz, wenn nicht gar ein unschuldiges. Diese Tatsache konstatiert die herangewachsene Emmy, eine Art Cousine von Damon: „… ich konnte nicht mit Hammer Kelly zusammensein, er ist auf dieselbe Art gut wie du, als hättet ihr ein Metall in euch oder so, das nicht schmilzt ganz gleich, was passiert.“
    Sag ich doch, ein Held mit einem Herzen aus Gold. Das ist nett und liest sich wie ein Jugendbuch, aber authentisch ist es nicht.
    Als sich die Drogengeschichten endlich zuspitzen und die Junkiebraut Dori stirbt, wache ich auf. Jetzt wird’s richtig interessant, aber es ist zu spät, ich habe schon 650 Seiten und mehr goldenes Herz intus und bin müdegelesen.

    Fazit: Eigentlich eine gelungene Dickens-Adaption, der Ton genau getroffen und in die Neuzeit übersetzt, aber unversehrbare Helden mit goldenen Herzen sind einfach nicht mehr mein Ding. Und als es endlich interessant wird, nach 650 bis 700 Seiten hat mich der ewiglange Vorspann ausgelaugt. 300 Seiten weniger und früher zum Punkt gekommen, dann wärs ganz mein Buch gewesen. Freilich, die Dickensadaption wäre dabei auf der Strecke geblieben.

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
    Pulitzer Preis 2023
    Women’s Prize for Fiction, 2023
    Dtv 2024

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  1. 5
    15. Feb 2024 

    ein Lesehighlight

    Barbara Kingsolver hat, wie sie im Vorwort zu diesem Roman schreibt, 2018 ein Wochenende in Bleak House in England verbracht, dem Haus von Charles Dickens, in dem er David Copperfield geschrieben hat. Am selben Wochenende beginnt sie den vorliegenden Roman zu schreiben, mit Dickens, wie sie sagt, an ihrer Seite.

    Dickens wollte mit seinem Roman David Copperfield laut Kingsolver die institutionelle Armut und deren verheerende Auswirkung auf das Leben von Kindern in der damaligen Zeit anklagen. Dieses Anliegen Dickens überträgt Kingsolver auf faszinierende Weise in die heutige Zeit.

    Demon Copperhead wird als Kind eines Teenagers in den 1990iger Jahren in Virginia/USA geboren. Er wächst vaterlos bei seiner alkohol- und tablettenabhängigen Mutter in einer Trailersiedlung in den Appalachen auf. Der Leser begleitet Demon von seinem 10. Lebensjahr bis zu seiner Volljährigkeit. Die Mutter stirbt an einer Überdosis an Demons 11. Geburtstag. Die Kindheit des Jungen war und ist von nun an erst recht gekennzeichnet von Armut und Härte.

    Er wächst bei Pflegeeltern auf, die die Bezeichnung Familie nicht annähernd verdienen. Lieblosigkeit und Gewalt kennzeichnen sein Leben und schließlich immer wieder Drogen aller Art. Nur die einstigen Nachbarn, insbesondere Mr. und Mrs. Peggot und ihre zahlreichen Nachkommen und Verwandten bieten Demon ein Gefühl von Zuflucht und Heimat. Als Demon von einem Footballcoach aufgenommen wird, scheint sich das Blatt für ihn zum Positiven zu wenden. Doch durch eine Knieverletzung gerät Demon an schwer abhängig machende Opium enthaltende Medikamente, eine Abwärtsspirale beginnt.

    Diese Geschichte wird in der Ich-Form vom erwachsenen Demon erzählt. Die Art, wie er von seiner unvorstellbar harten Kindheit berichtet, ist faszinierend, denn sie schont den Leser nicht, ist schnoddrig und witzig, und macht die Lektüre dieses Elends sogar erträglich. Stets scheint dabei ein Funken Hoffnung durch. Diese Hoffnung nährt sich aus dem Überlebenswillen des Jungen. Er zieht Kraft aus seiner Bindung zur wiedergefundenen Großmutter und seinem Onkel väterlicherseits und aus der Verbundenheit zu den Bewohnern des Ortes, in dem er aufgewachsen ist und der Schönheit der Umgebung, den bewaldeten Gebirgszügen der Appalachen, den "blauen" Bergen.

    Dieser Roman ist faszinierend und schonungslos zugleich. Ich habe ihn gebannt und fassungslos gelesen, von Anfang an gefesselt von den unfassbaren Härten, die dieses Kind erleiden musste. Der Autorin gelingt es, den Leser Teil dieses verlorenen Waisen-Daseins und Junkee-Universums werden zu lassen. Man wertet bzw. verurteilt die Protagonisten nicht, man lebt geradezu mit und unter ihnen. Manche Szenen bekommt man nicht mehr aus dem Kopf, so drastisch schildert Demon sie. Und dennoch, stets vermittelt er den Eindruck eines Menschen, der seine Wurzeln und sein Leben in diesem abgehängten und durch die sogenannte Opiod-Krise schwer gebeutelten Teils der USA innig liebt.

    Trotz der Länge des Romans, mehr als 800 Seiten, bin ich in einen regelrechten Lesesog geraten. Die Lektüre von Demon Copperhead hat mich sehr beeindruckt und nicht mehr losgelassen, so sehr bin ich abgetaucht in diese mir glücklicherweise bisher aus eigener Erfahrung erspart gebliebene Welt. Das Aufwachsen dieses Protagonisten unter erschreckend widrigsten Umständen in der Opiod-Krise in den USA ist dermaßen realitätsnah geschildert, dass es mich umgehauen hat.

    Ganz im Sinne von Dickens kann man nichts anderes tun, als das System, das zu Armut, Ausbeutung und Verelendung ganzer Landstriche geführt hat, anzuklagen und zu verurteilen. Für mich ein Lesehighlight. Ich kann den Roman nur empfehlen und vergebe 5 Sterne.

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  1. 5
    14. Feb 2024 

    Manifest des Mitgefühls

    Barbara Kingsolver hat mit ihrem neuen Roman ein ehrgeiziges Projekt verfolgt: Charles Dickens´ persönlichstes Werk, David Copperfield, in die Gegenwart zu verpflanzen. Zumindest beim Umfang, so sieht es jedenfalls aus, gibt es Parallelen. David Copperfield habe ich selbst noch nicht gelesen, was sich nicht als Nachteil erwies. Der Roman steht ganz und gar in eigenem Recht.

    Das Setting der Geschichte ist ein Wohnwagencamp irgendwo in den Appalachen – die Gegend, in der die Rednecks und Hillbillys leben. Damon – so sein eigentlicher Name – kommt als Sohn eines süchtigen Teenagers zur Welt, der an einer Überdosis Oxycontin stirbt, als Damon gerade mal 5 Jahre alt ist. Damit ist das Thema gesetzt: Die Opiodkrise in den USA, verursacht von einem gewissenlosen Pharmakonzern und dessen Handlangern unter Ärzten und Apothekern, die vor allem in den strukturschwachen Gebieten gewütet hat. Demons Mutter ist eine der ersten von über 500 000 Sterbefällen durch diese Droge.

    Demon Copperhead, wie er bald aufgrund seiner Haarfarbe genannt wird, gerät nach dem Tod seiner Mutter in die Mühlen des amerikanischen Sozialsystems. Pflegestellen sind rar und werden nicht nach Qualifikation ausgesucht. Ausbeutung und Misshandlung sind die Regel. Doch schließlich gelingt ihm ein Aufstieg durch sportliche Leistung – bis er eine schwere Knieverletzung erleidet. Der Arzt des Teams verschreibt ihm Oxycontin, Demon rutscht in die Sucht ab. Kingsolver, ganz wie Dickens, erspart ihrem Helden nichts, die Abwärtsspirale scheint unaufhaltsam, ein Unglück reiht sich an das andere. Der Roman wird rückblickend aus Demons Perspektive erzählt, und sein Stil ist witzig, ironisch und voller scharfer Beobachtungen.

    „Das ist dir angetan worden“ beschwören ihn Freunde. Aber Demon will die Verantwortung für sein Leben nicht abgeben. Vor allem das macht den cleveren Helden dieses Romans so liebenswert – er will sich partout nicht als Opfer sehen. „Erst mal musste ich es schaffen, auf die Welt zu kommen.“ So lautet gleich der erste Satz des Romans; selbst seine Geburt versteht unser Held als aktive Handlung. Und er gibt nicht auf. Unterstützt wird er dabei von den Frauen im Ort: Die alte Nachbarin Mrs. Peggot und deren in der Stadt lebende Nichte June, die zu seinem Leitstern wird. Vor allem aber von Angus, seiner Pflegeschwester, die sich weiblichen Stereotypen verweigert und ihre eigene Sicht auf die Welt hat. Kingsolver setzt damit all den Frauen ein Denkmal, die die Härten der Opiodkrise durch ihre unermüdliche Care-Arbeit aufgefangen haben.
    Strukturale Armut ist, wie bei Dickens, das zweite große Thema des Romans. Kingsolver lässt uns aus Demons Perspektive verstehen, in welchem Ausmaß die Region der Appalachen ihrer funktionierenden Strukturen beraubt und im Anschluss mitsamt den gesprengten Berggipfeln, leeren Kohleminen und bankrotten Gemeinden dem Absturz preisgegeben wurde. Damit nicht genug, wurde der „Hillbilly“ zum verachteten Prügelknaben der Nation. Demon erlebt es am eigenen Leib und wir mit ihm: Von Anfang an stigmatisiert durch Herkunft und Mangel, ist er in jedem Umfeld sofort als Hillbilly und „Trailer Trash“ zu erkennen. Aber er ist gewitzt und clever, und er hat ein großes Talent - er kann zeichnen. Nur: Wird ihn das retten?

    „Demon Copperhead“ liest sich so farbig und lebensprall, dass einem die reale Welt blass vorkommt, wenn man die Lektüre beiseite legt. Vieles, von dem ich durchaus vorher wusste, ist mir erst dadurch richtig ins Bewusstsein gedrungen. Wie tagesfüllend aufwändig Sucht sein kann: Der nächste Turkey kommt bestimmt, es braucht Geld, es braucht Stoff, es braucht eine Quelle. Ein unglaublicher Stress. Auch, was durch Purdue Pharma über die USA gekommen ist, wie Familien zerstört und Heerscharen von Waisen produziert wurden, das habe ich erst mit Kingsolvers Roman emotional und nicht nur kognitiv verstanden. Kingsolver holt uns ins Bewusstsein, dass es überall Menschen gibt, die von Anfang an ein so schlechtes Blatt haben, dass sie nur verlieren können. Wieviel Resilienz könnten wir an ihrer Stelle aufbringen? „Demon Copperhead“ ruft uns auf zu Mitgefühl und Solidarität. Ein großartiger Roman. Lesen!

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  1. 5
    05. Feb 2024 

    Fenster und Spiegel zugleich

    Barbara Kingsolver, 1955 geboren und in Kentucky aufgewachsen, ist eine anerkannte und mehrfach ausgezeichnete Autorin. Ihr neunter Roman „ Demon Copperhead“ wurde zu einem der „ 10 besten Bücher des Jahres 2022“ gekürt.
    Für den Protagonisten und Ich- Erzähler Demon sind die Chancen von Anfang an schlecht. Seine junge Mutter ist drogenabhängig und arm. Die beiden leben in einem Trailer am Rand einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung. Der Vater starb auf mysteriöse Weise vor Demons Geburt. Noch übler wird die Situation, als Demons Mutter heiratet. Der Stiefvater tyrannisiert und misshandelt Mutter und Sohn. Und dann stirbt die Mutter an Demons elftem Geburtstag an einer Überdosis Oxycontin.
    Demon kommt in verschiedene Pflegefamilien, doch her erfährt er keine Liebe und Zuwendung. Von den einen wird er als billige Arbeitskraft ausgenutzt, die anderen sind nur am Pflegegeld interessiert.
    Doch endlich scheint sich das Blatt zu wenden. Die Großmutter väterlicherseits verschafft ihm Zugang an eine High School und einen Platz im Haus des Footballtrainers der Schule. Für kurze Zeit wird Demon ein gefeierter Footballstar, bis ein Sportunfall die Karriere vorzeitig beendet.
    Die Schmerzmittel, die er großzügig verordnet bekommt, führen in die Sucht und Abhängigkeit mit all ihren schrecklichen Folgen.
    Es ist eine Zeit voller Leid, Gewalt und Verlust, aus der sich Demon nur mit der Hilfe guter Freunde befreien kann. Das Ende lässt Hoffnung aufkommen.
    Diese Lebensgeschichte erzählt Demon im Rückblick. Sein schnoddriger, oftmals bissig- witziger Ton macht das Geschilderte einigermaßen erträglich. Denn es ist manchmal kaum zum Aushalten, was Demon und anderen Kindern angetan wird. Erschreckend zu sehen, wie Armut, Hunger, Gewalt und Verachtung das Leben so vieler bestimmt. Dazu kommt das institutionelle Versagen der zuständigen Behörden, die die ihnen anvertrauten Kinder nur verwalten.
    Sicher, es gibt den Zusammenhalt der Familien und auch immer wieder Erwachsene, die sich Demons annehmen.
    Demon selbst ist ein Kämpfer, der sich nicht unterkriegen lassen will. Aber auch er trifft falsche Entscheidungen, lässt sich mit Menschen ein, die ihm nicht guttun.
    Die Autorin zeigt dabei sehr anschaulich, welche Auswirkungen Drogen auf die Konsumenten, aber auch auf deren Umfeld haben. Was es heißt, wenn sich alles nur noch darum dreht, Geld für den nächsten Kick zu verschaffen.
    Barbara Kingsolver reagiert hier auf die Opioidepidemie in den USA . Durch das leichtfertige Verschreiben von Oxycontin und ähnlichen Schmerzmitteln stieg die Anzahl der Drogenabhängigen und Drogentoten enorm. Eine ganze Generation Kinder wächst ohne Eltern auf, weil diese entweder abhängig, im Knast oder tot sind. Die Pharmaindustrie macht ihre Gewinne auf Kosten der Ärmsten des Landes.
    Ihr anderes großes Thema sind die Abgehängten dieser Region, die sog. „ Hillbillys“, auf die das andere Amerika herabschaut. Sie erzählt die Geschichte dieser Gegend, benennt die Schuldigen, die das Land heruntergewirtschaftet und die Bewohner ohne Perspektiven zurückgelassen haben.
    Die Autorin hat sich für ihren Roman von Charles Dickens „ David Copperfield“ inspirieren lassen. Wie der englische Autor übt auch sie scharfe Kritik an den sozialen Missständen im Land und beleuchtet die verheerenden Auswirkungen von Armut und Perspektivlosigkeit auf das Leben von Kindern und Jugendlichen.
    Man muss aber den englischen Klassiker nicht kennen, denn dieser Roman hier steht für sich.
    Barbara Kingsolver wurde für „ Demon Copperhead“ 2023 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, gemeinsam mit Hernan Diaz, der die Auszeichnung für seinen Roman „ Treue“ erhielt.
    Ich habe beide Bücher gelesen und auch wenn „ Treue“ mit seiner originellen Struktur und seinen unterschiedlichen Erzählformen literarisch ambitionierter sein mag, so halte ich „ Demon Copperhead“ für das wichtigere Buch. Wer Amerika, die Zerrissenheit des Landes und die Probleme seiner Bewohner besser verstehen möchte, der tut das nach der Lektüre des Romans.
    Dieses Buch soll, so der Wunsch der Autorin, „ Fenster sein und Spiegel“. Die einen sollen verstehen und die anderen sich gesehen fühlen. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch und seine Botschaft von vielen gelesen und verstanden wird. Und dass sich niemand von seinem Umfang abschrecken lässt.

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Klarkommen

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Serpentinen

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Paradise Garden

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Rezensionen zu "Paradise Garden"

  1. 4
    04. Nov 2023 

    Wenn plötzlich alles anders ist...

    Der Roman beginnt mit der Beerdigung von Billies Mutter, so dass direkt deutlich wird, dass hier ein einschneidendes Ereignis stattgefunden hat. Danach wendet sich die Erzählung Rückblenden zu auf das Leben von Billie (eigentlich Erzebét) und ihrer Mutter, das gleichzeitig von Armut und Herzlichkeit geprägt ist. Man erhält einen intensiven Einblick in das Leben in einer Hochhaussiedlung, wobei hier eindeutig die positiven Aspekte überwiegen und zu einigen Nachbarn auch Freundschaften bestehen.

    Die enge Blase um Billie und ihre Mutter erhält einen Riss, als die Großmutter aus Ungarn unerwartet anreist und bei ihnen einzieht. Ihre barsche, egotzentrische Art treibt einen Keil in das Familienleben, doch da sie krank ist und eine ärztliche Behandlung benötigt, wird sie geduldet. Doch plötzlich ist Billies Mutter tot, und die 14Jährige steht vor den Scherben ihres bisherigen Lebens. Billie beschließt, sich auf die Suche nach ihrem Vater zu begeben, den die Mutter stets totgeschwiegen hat. Das Mädchen setzt sich kurzerhand ans Steuer des alten Nissan ihrer Mutter und fährt los...

    Für einen Roadtrip ist dieser Anteil zu kurz, doch gerade er ist es, der das Geschehen einerseits vorantreibt, andererseits ins etwas Märchenhafte verschiebt. Eine 14Jährige, die tagelang durch Deutschland fährt, im Auto übernachtet, Benzin an der Tankstelle nachfüllt - und niemals auffällt oder angehalten wird? Für mich irgendwie eine zu konstruierte Entwicklung, die mir wie eine Anlehnung an den bekannten Roman "Tschick" erschien. Zudem trifft Billie stets auf wohlwollende, tolerante und hilfsbereite Menschen - etwas, das sicherlich wünschenswert ist, aber einem Realitätscheck wohl kaum standhalten würde.

    Ansonsten ist der Roman aber eine warmherzige Comig of Age Erzählung, eine berührende Identitässuche, präsentiert aus der Ich-Perspektive der 14jährigen Billie und damit ganz eng an ihren Gefühlen und Gedanken.

    Das Debüt der Autorin ist auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises gelandet - Chapeau! Man darf gespannt sein auf weitere Werke von Elena Fischer...

    © Parden

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  1. ‚Szerelem‘ heißt Liebe

    ‚Paradise Garden’ ist der Name eines opulenten Eisbechers im Eiscafé Venezia im Stadtzentrum. Für Erzsébet (Billie genannt) bedeutet dieser Genuss jedoch nur ein sehr seltenes Highlight, denn bei ihrer alleinerziehenden Mutter und ihr ist normalerweise ‚Schmalhans Küchenmeister‘ – ihre Lebensumstände sind sehr bescheiden und Marika, ihre Mutter, versucht mit 2 Jobs die Mini-Familie über die Runden zu bringen.

    Beide sind jedoch zufrieden, denn als Nachbarn in dem Wohnblock haben sie Luna und Ahmed, die jederzeit zur Unterstützung der beiden bereit sind und außerdem hat Billie noch Lea, ihre beste Freundin, die jedoch in 5 km Entfernung im privilegierten Wohlstand aufwächst. Die Schilderung des liebevollen Umgangs zwischen Mutter und Tochter, die positive Lebenseinstellung und ihre Fantasie, mit der sie ihr Leben gestalten, ließen mir das Herz aufgehen.

    Ein Paradigmenwechsel (und eine Vertreibung ‚aus dem Paradies‘) findet statt, als die Großmutter aus Ungarn wegen ihrer Gesundheitsprobleme mit in die kleine Wohnung zieht: Billie muss aus ihrem Zimmer mit auf die Luftmatratze ihrer Mutter ins Wohnzimmer wechseln, ihre Mutter wird immer gereizter, je mehr Billie sich mit ihrer Oma arrangiert und dann gibt es auch noch den Verrat ihrer Freundin Lea.

    Tragisch wird es, als Marika stirbt und es fühlt wahrscheinlich jeder mit Billie und kann auch nachvollziehen, dass sie nur noch weg und ihren Vater suchen will, über den ihre Mutter immer geschwiegen hatte. Da geht die Fantasie der Autorin jedoch etwas mit ihr durch, denn ich kann mir schwer vorstellen, dass eine 14-Jährige allein mit dem Auto so viele Kilometer bewältigt, ohne dass die Polizei auf sie aufmerksam wird. Sei’s drum - die warmherzige Sprache, der letzte Teil und vor allem die sympathische Ich-Erzählerin, die Protagonistin, haben mich wieder ausgesöhnt!

    Liegt es daran, dass drei meiner fünf Enkel gerade 14 wurden bzw. demnächst werden, dass mir das Handeln und die Gedankengänge von Billie so vertraut vorkamen? Auf jeden Fall war das Buch ein großes Vergnügen für mich und ich vergebe 5 Sterne! Außerdem hoffe ich, von dieser Autorin nach diesem gelungenen Debüt noch mehr lesen zu dürfen!

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  1. 3
    24. Sep 2023 

    Unplausible Handlung

    Billie ist 14, als sie und ihre alleinerziehende Mutter Marika etwas Geld gewinnen. Davon wollen sie eine kleine Reise unternehmen, so dass Billie zum ersten Mal das Meer sehen kann. Doch alles kommt anders als Billies ungarische Großmutter krank wird, der Trip ins Wasser fällt und sie auf tragische Weise ihre Mutter verliert. So macht Billie sich allein auf die Suche nach ihrem Vater.

    Auf Elena Fischers Debüt „Paradise Garden“ bin ich durch die Longlist des Deutschen Buchpreises gestoßen. Es war das erste Buch von der Liste, das mich sofort angesprochen hat. Die Handlung wird aus Billies Sicht in der Ich- und Vergangenheitsform erzählt. Mit solchen Perspektiven habe ich oft Schwierigkeiten, weil Kinder und Teenager wie Erwachsene sprechen bzw. schreiben. Auch hier ist das nicht anders. Billie will zwar Schriftstellerin werden, aber dennoch klangen einige Gedanken und Aussagen von ihr nicht unbedingt authentisch.

    Im Zentrum des Romans steht die Beziehung zwischen Billie und ihrer Mutter. Die ist als Teenager aus Ungarn fortgegangen und hat sich in Deutschland ein neues, freies Leben aufgebaut. Diese Freiheit bedeutet jedoch auch, dass Mutter und Tochter jeden Cent umdrehen und auf vieles verzichten müssen. Das fällt Billie umso deutlicher auf, da die Familie ihrer besten Freundin Lea reich ist. Ihren Vater hat sie nie gekannt, die Mutter weigert sich standhaft, seine Identität zu verraten. Nach deren Tod muss Billie außerdem feststellen, dass Marika ihr in vielen Dingen nicht die Wahrheit gesagt hat.

    Mit „Paradise Garden“ habe ich zwei große Probleme: 1. Die Handlung ist völlig unplausibel. Hier unternimmt eine 14-Jährige eine wochenlange Flucht in einem Auto und niemand wundert sich, dass da eine Minderjährige unbegleitet am Steuer sitzt. (Von anderen zahlreichen glücklichen Zufällen und Begegnungen nicht zu sprechen.) 2. Die Beziehung zur Mutter wird geradezu verklärt. Ja, sie hat Billie allein großgezogen, dennoch hat sie das Mädchen mit ihrem übergroßen Drang, sich bloß an niemanden zu binden, im Prinzip in die Armut gebracht und ihr die Chance auf einen Vater genommen.

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  1. 4
    03. Sep 2023 

    Das Davor und das Danach

    Billie ist vierzehn als ihre Mutter stirbt. Und die Welt danach ist nicht mehr die gleiche wie davor. Alles erscheint kalt und leer. Der Sommer hat seine Farbe verloren. Dabei war alles so schön geplant. Endlich einmal hatten Billie und ihre Mutter Marika Glück. Bei einem Radio-Quiz haben sie gewonnen. Und von dem Geld wollten sie endlich mal in Urlaub fahren. Die Hochhaussiedlung, in der sie wohnen, ist zwar vertraut, aber auch etwas, wodurch sie abgestempelt sind. Doch unerwartet meldet sich Marikas Mutter an. Sie sei krank und die deutschen Ärzte sollten herausfinden, was ihr fehlt.

    Auch Jugendliche wollen nicht, dass sich in ihrem Leben etwas ändert. Sie haben mit sich selbst genug zu tun, da wäre es schön, wenn der äußere Rahmen bleibt. Doch Billie ist dieses Glück nicht beschieden. Unerwartet muss sie sich die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung nicht nur mit ihrer Mutter sondern auch mit ihrer Großmutter teilen. Von ihrer besten Freundin Lea muss sie eine andere Seite kennenlernen. Und der Tod ihrer Mutter löscht Billies bisheriges Leben aus. Es war ein einfaches und bescheidenes Leben,, dass Billie und Marika führten, aber Marika hatte Phantasie und sie waren glücklich, wenn es auch zum Monatsende manchmal knapp wurde.

    Mit diesem Debütroman ist der Schriftstellerin Elena Fischer etwas Besonderes gelungen. Gerade zu Beginn trifft sie den Ton der Jugend hervorragend. Auch wenn man im weiteren Verlauf der Geschichte manchmal etwas erstaunt ist, was Billie alles schafft, ohne aufgehalten zu werden. Der jugendliche Schmelz bleibt jedoch erhalten. Ja, so eine Platte von Miles Davis könnte man auch mal hören. Und man erinnert sich, dass es auch im eigenen Leben Momente des Davor und des Danach gibt. Dann fühlt man mit Billie mit und wünscht ihr ein besseres Los. Zum Glück ist Billie eine, die auch oder gerade in ihrem jungen Jahren ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Auf ihrem Weg lernt sie ihre Mutter noch einmal neu kennen. Ihre Großmutter erfährt eine Wandlung, die nicht etwas unerwartet kommt. Doch diesen wunderbaren Roman kann man in sich aufsaugen und man freut sich einfach über die Sätze, die die Autorin so klug aneinander gefügt hat.

    Zurecht hat es dieser schöne Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 geschafft.

    4,5 Sterne

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  1. Grandioses Highlight!

    !ein Lesehighlight 2023!

    Klappentext:
    „Die 14-jährige Billie verbringt die meiste Zeit in ihrer Hochhaussiedlung. Am Monatsende reicht das Geld nur für Nudeln mit Ketchup, doch ihre Mutter Marika bringt mit Fantasie und einem großen Herzen Billies Welt zum Leuchten. Dann reist unerwünscht die Großmutter aus Ungarn an, und Billie verliert viel mehr als nur den bunten Alltag mit ihrer Mutter. Als sie Marika keine Fragen mehr stellen kann, fährt Billie im alten Nissan allein los – sie muss den ihr unbekannten Vater finden und herausbekommen, warum sie so oft vom Meer träumt, obwohl sie noch nie da war.“

    Mit „Paradise Garden“ hat Elena Fischer ihr Debüt auf dem Literaturmarkt veröffentlicht und die daraufhin resultierende Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2023 war definitiv gerechtfertigt! Drücken wir ihr die Daumen für eine obere Platzierung! Warum ich gleich davon spreche? Ihr Roman rund um die Hauptprotagonistin Billie geht nicht nur ans Herz, sie ist äußerst klug und mit sehr gut durchdachten Zügen niedergeschrieben worden. Billie springt einem nicht nur wegen ihrem jungen Alter gleich ins Leserherz, sie ist einfach ein liebenswerter Mensch der nach den eigene Wurzeln sucht. Die Lebensumstände mit ihrer alleinerziehende Mutter sind keine echten „Umstände“ (zumindest malen sich die beiden das so schön bunt) sondern die eigene Welt der Beiden die nichts und niemand erschüttern kann. Es ist einerseits ein gewisser Schutzpanzer den sich die Beiden aufbauen um die Geldnot etc. weniger in den Fokus rücken zu lassen. Marika macht es ihrer Tochter so schön wie möglich und man kann sie dafür nur bewundern. Ja, man kann auch in schlechten/negativen Situationen einfach versuchen den Sonnenschein darauf scheinen zu lassen…Marikas Tot überschatte dann alles und bringt die Welt der Beiden komplett durcheinander. Als dann auch noch die ungarische Großmutter auftaucht, meint man schon, das Unglück kann eigentlich nicht größer werden. Billies Roadtrip ist so selbstverständlich und so nachvollziehbar, dass man selbst die Tatsache mit dem Alter komplett aussehen vor lässt. Billie muss ihre Welt wieder festigen und das muss die Suche mit ihrem Vater werden/sein. Gesucht und gefunden erleben die beiden eine sonderbare Zeit. Auch hier völlig selbstredend ist es schwierig für Beide eine sofortige Bindung herzustellen. Aber nach gewisser Zeit und einer gehörigen Portion Geduld bekommen sie auch das hin. Ob es für Billie befriedigend ist, müssen Sie selbst erlesen! Die Geschichte hat nicht nur mehr als gut durchdachte Züge und Handlungsstränge, sie brilliert auch mit einer grandiosen Sprache, einem perfekt ausgefeiltem Spannungsbogen und eben Personen, die aus der Realität entstammen. Fischer zeichnet ihr kein überspitzes Bild einer verkappten Familie, sie zeichnet hier eine Lebensgeschichte eines jungen Mädchens welches wir vielleicht hier und da schonmal kennen gelernt haben oder es ähnlich selbst erlebt haben. Fischers Figuren sind bis in den letzten Millimeter mehr als präzise ausgearbeitet. Großmutter kommt als die „böse“ Großmutter daher aber jeder weiß, niemand wird mit Boshaftigkeit geboren! Sie wird ihren Grund haben und demzufolge ihre eigene Geschichte erzählen können genau wie Marika. Billies Mutter hatte es nie leicht und warum zu tief in den alten Wundern bohren wenn doch das Hier und Jetzt am wichtigsten ist. Ihre liebevolle Art ging mir total ans Herz und ihr Abgang noch viel mehr. Billies Vater ist durch die norddeutsche Seeluft rau geworden. Sein sprödes Verhalten kommt von der salzhaltigen Luft die kauzig macht aber auch bei so manchem Sturm auch die liebevollen Seiten aufzeigt. Alles braucht halt Zeit im Leben und Billie gibt sich diese Zeit und nimmt sie behutsam auf um endlich ihre Wurzeln zu entdecken und diese vielleicht lesen zu können.
    Fazit: Dieses Buch ist ein absolutes Lesehighlight 2023 und Elena Fischer hat wahrlich einen Knaller hier verfasst. Bestens austariert mit einem großartigem Wortspiel und feinstem Ausdruck sowie den feinen Nuancen zwischen den Zeilen begeisterte mich dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite! 5 Sterne hierfür auch wenn ich gern mehr vergeben würde!

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Echtzeitalter

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Rezensionen zu "Echtzeitalter"

  1. Altmodisch erzählt, aber nicht altbacken

    Mein Hör-Eindruck;

    Der 10jährige Till besichtigt mit seiner Mutter seine künftige Schule, ein traditionsreiches Wiener Gymnasium, das stolz auf seine Geschichte und seine Absolventen ist. Die hohe Mauer fällt ihm auf, die das Institut umgibt, aber noch ist er zu jung um zu erkennen, dass diese Mauer Schule und Schüler vom Leben draußen abtrennt.

    Innerhalb dieser Mauern ist nämlich die Welt noch in Ordnung, jedenfalls nach Meinung der Schulleitung: man pflegt die konservativen Werte und lehnt die Sozialdemokratie und andere Verirrungen ab, die sich außerhalb der Mauer breitmachen. „Das Besondere an Wien sind die Wahnsinnigen mit bürgerlicher Fassade, die weitgehend funktionieren, aber nie von hier wegziehen könnten, weil ihr menschenfeindliches Verhalten in keiner anderen Stadt so wenige Konsequenzen hätte“, heißt es so herrlich sarkastisch im Roman, und einem dieser „Wahnsinnigen“ wird Till ausgesetzt sein: seinem Klassleiter Dolinar. Dolinar hat rückwärtsgewandte pädagogische Konzepte, die auf Unterordnung abzielen, und sein Literatur-Unterricht besteht im Auswendiglernen sinnentleerter Details. T

    Till aber rebelliert nicht, sondern er passt sich an, was sich bei Schachinger so liest:

    „Sie sagen Egipten, weil der Dolinar überzeugt ist, dass Ägüpten falsch sei, und als er mit jemandem spricht, der ihn vom Gegenteil überzeugt, und daraufhin festlegt, dass ab jetzt Ägüpten die richtige Aussprache sei, folgen sie ihm, und als der Dolinar nach zwei Wochen zurückrudert und verlauten lässt, dass seine Quelle nicht zuverlässig gewesen sei, sagen sie eben wieder Egipten.“

    Till geht den Weg des geringsten Widerstandes, er will lediglich die Schulzeit überleben, was ihn aber nicht vor den willkürlichen Strafaufsätzen des Lehrers Dolinar schützt. Till findet aber eine Fluchtmöglichkeit: er wird Gamer. Er vertieft sich in die Welt eines Echtzeit-Strategiespiels und feiert dort große Erfolge, und dem Leser kommt es so vor, als ob Till in seinem echten Leben einer seiner Spielfiguren gleicht.

    Der chronologisch, also eher altmodisch erzählte Roman begleitet Till bis zum Abitur. Der Tod des Vaters, Freundschaften erste Liebe, Kontakte zu den Reichen, Schönen und Bornierten, Wettbewerbe und die Zeitgeschichte – all das prägt Till. Die Beschreibungen der Spiele sind gelegentlich langatmig, aber trotzdem interessant auch für einen Nicht-Gamer. Ausgesprochen witzig und ironisch-bösartig sind Schachingers Beschreibungen des täglichen Schul-Lebens. Die Schüler gehören alle einer privilegierten Schicht an, der kein Schulverweis und auch keine schlechten Noten etwas anhaben können: ihr Weg nach oben ist von Geburt an vorgezeichnet und gesichert. Alle sind „akademisch mittelmäßig, ambitionslos, aber trotzdem eingebildet“, meint Schachinger, und passen daher hervorragend zu Österreich.

    Schachingers Freude an humorvollen, ironischen Szenen ist unübersehbar und macht die Lektüre zu einer leichten und vergnüglichen Angelegenheit. Mag sein, dass ein Lehrer wie Dolinar aus der Zeit gefallen ist und überzeichnet ist, aber kann es sich nicht auch so verhalten, dass hinter der abwehrenden Mauer der Schule solche Relikte einer rechtslastigen schwarzen Pädagogik überleben können? Schachingers Erzählung ist einerseits scharfzüngig, pointiert und witzig, aber andererseits zeigt er Mitgefühl mit seinen Figuren und ihren menschlichen Kümmernissen.

    Die Freude am Buch wird gesteigert durch einen perfekten Sprecher, der den Wiener Tonfall wunderbar in sein Vorlesen integriert. Ein ganz großes Vergnügen!

    Fazit: ein absolut lesenswerter/hörenswerter Roman, weniger ein Schul- oder ein Adoslezenz-Roman als ein breit angelegter Gesellschaftsroman.

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  1. Die Zerrissenheit zwischen Pflicht und Vergnügen

    Wie ist das möglich: ein Buch über die Gaming-Szene bereitete mir großes Vergnügen, obwohl mir das Thema ‚Gamen’ absolut fremd ist und ich überhaupt nichts damit anfangen kann? Es konnte nur am Autor liegen, der dieses Thema auch für Laien gut verständlich rüberbrachte! (Sehr hilfreich fand ich da Tills Erklärungen an seine Mutter!)

    Warum ich überhaupt zu diesem Lesestoff gegriffen habe? Drei (unserer fünf) Enkel wohnen seit etlichen Jahren in Österreich, sind ca. in Tills Alter und besuchen auch ein Gymnasium, allerdings nicht in Wien. Der Dialekt und auch die österreichische Denk- und Verhaltensweise sind mir dadurch natürlich sehr vertraut und ließen mich öfters schmunzeln.

    Wir begleiten Till Kokorda, empathisches Einzel- und Scheidungskind, durch seine Schuljahre im Marianium, einem Elite-Gymnasium in Wien, ‚dessen typischer Absolvent jemand ist, der den vorhandenen Besitz seiner Familie weiter vergrößert, der als Arzt, Anwalt oder Unternehmer die Praxis, Kanzlei oder Firma seines Vaters übernimmt‘ und von Kindern besucht wird, ‚die schon mit 11 wissen, dass sie mehr erben werden, als ihre Lehrer je verdienen werden‘.

    Till interessiert das alles nicht, denn sein Hauptinteresse gilt dem Gamen! Aber er hat das große Pech, dass sein Klassenvorstand, Deutsch- und Französisch-Lehrer, Tutor und Betreuer an 5 Nachmittagen ‚der Dolinar‘ ist, dessen Klassen seit 30 Jahren ein spezieller Ruf vorauseilt: als Sohn Kärntner Bauern verbietet er mehr als er erlaubt und bestraft jegliche Disziplinlosigkeit. (Die daraus resultierenden Strafaufsätze mit der erforderlichen Mindest-Wort-Anzahl für ihn nehmen logischerweise viel Zeit in Anspruch!)

    Wir lesen aber nicht nur, wie Till sich mehr schlecht als recht durch das Marianium kämpft, von seinen Siegen und Niederlagen bei ‚Age of Empires 2‘ oder seine Unterhaltungen über ‚A O E 2‘, die Beschreibung der Streaming-Community, über seine erste Liebe, pfiffige Klassenstreiche wie ‚Bullshit-Bingo‘, sondern auch Analysen der österreichischen Gesellschaft. (Köstlich fand ich im Zusammenhang mit der Strache-Affäre den Satz: ‚Ibiza ist wie der ‚Faust‘: Jeder Satz wird zum geflügelten Wort.‘)

    Das Buch hat mich mit seiner Vielseitigkeit und seiner hervorragend treffenden Sprache bestens unterhalten und meine Freude war groß, als der Autor (mitten in meiner Lektüre) den deutschen Buchpreis 2023 gewann. 5 Sterne deshalb auch von mir! Ich hoffe, noch viel von diesem jungen Ausnahmetalent lesen zu können!

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  1. Auf den Löwen spucken

    Kurzmeinung: Mit fortschreitendem Hören wird es immer besser! Aber ja, man braucht Geduld.

    Till ist ein Schüler auf dem Marianeum in Österreich, Wien, das Marianeum ist eine Art Halbinternat. Privatschule. Abends darf man zhausgehn.Till und seine Mitschüler leiden vier Jahre lang unter einem besonders strengen Lehrer, dem Dollinger. Seine Art, die Jugendlichen an Literatur heranzuführen endet darin, dass sie Literatur hassen. Der Dollinger beleidigt und verabscheut seine Schüler und verbreitet Angst und Schrecken. So jedenfalls erlebt Till seine Schulzeit: als Hölle. Till will nämlich nicht lesen, sondern Computerspiele spielen; einem davon ist er verfallen und er wird darin eine echte Größe. Aber das ist erst später. Das mit der Größe, mein ich, und dass er in Shanghai, China, deshalb um ein Autogramm gebeten wird!

    Der Kommentar:
    Der Schachinger ist, wie immer, meisterhaft. Freilich braucht man in seinem „Echtzeitalter“ durchaus eine Menge Geduld und Durchhaltevermögen, genau wie der Till, denn vier Jahre sind lang. Und so kommt es einem auch vor, der Roman ist lang, will heißen, es wird einem lang. Dennoch hört man sich bald ein. Die vielen Spitzen Schachingers gegen die Politik Österreichs, dem spezifischen in Österreich herrschenden Rassismus, dem nicht aufgearbeiteten Nationalismus, dem Klassendenken und dem Rechtsruck, etc. etc., machen einfach Spaß. Österreich wie es leibt und lebt, und all das dargestellt in den drei Jugendlichen, die sich schließlich als Clique finden, Fina und Feli und Till. Die Klassenkameraden von Till legen ebenfalls eine perfekte Parodie auf Snobismus und Darstellungskunst hin.
    Eine Besonderheit ist die Tradition der Marianeumsschüler, auf den sich am Eingang der Schule befindlichen steinernen Löwen zu spucken und zu rotzen, eine grausige Gaudi, die die Verachtung für jede Art von schulischem Zwang und Drill zum Ausdruck bringt und womit man buchstäblich auf die in Österreich so geliebten Traditionen und das Hochhalten von Förmlichkeiten spuckt. Es ekelt einen ordentlich bei Schachingers Beschreibung.
    Natürlich ist „Echtzeitalter“ in erster Linie "nur" ein Coming of Age Roman, freilich einer per excellence. Doch der Schachinger legt den Jugendlichen so viele Bonmots in den Mund, über das Leben, den Schmerz, die Einsamkeit, das Sterben, das Missverstandensein, das Ausgeliefertsein an höhere Mächte, den ganzen Amtsschimmel, die Illusionen der Erwachsenen, die seltsamen Blüten, die Bürokratie treiben kann, die Liebe ... . Letztlich ist es doch das reine Vergnügen, dem Schachinger bis zum Ende der Schulzeit Tills zu folgen. Drugs and Rock’n Roll, halt auf österreichisch kommen auch vor, aber dezent. Und natürlich Wien!

    Hörbuchsprecher ist Johannes Nussbaum. Auch in dessen Stimme muss man sich einhören, aber dann trägt der Sprecher mit viel Witz durch die Handlung.

    Fazit: Ein echter Schachinger. Was will man mehr? Als bekennender Schachinger-Fan. (Den Bindestrich würde der Dollinger hassen!).

    Kategorie: Coming of Age
    Hörbuch-Verlag: Argon Digital, 2023/sonst: Rowohlt

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Boys Life - Die Suche nach einem Mörder

Buchseite und Rezensionen zu 'Boys Life - Die Suche nach einem Mörder' von  Robert McCammon

Inhaltsangabe zu "Boys Life - Die Suche nach einem Mörder"

Format:Audible Hörbuch
Seiten:0
EAN:
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Honigmann

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Rezensionen zu "Honigmann"

  1. 3
    24. Jun 2023 

    Neubeginn auf der Karibikinsel St. Kitts...

    Elisabeth ist Mitte vierzig, hat einen guten Job und drei erwachsene Kinder. Aber soll es das schon gewesen sein, das gute Leben? Nach einem Urlaub auf der idyllischen Karibik-Insel St. Kitt’s beschließt sie auszuwandern. Ein Grund dafür: der rätselhafte Kwando, ein Rastafari und spiritueller Heiler, der sie geradezu magisch anzieht. Elisabeth lässt sich auf ein neues Leben in einer fremden Kultur ein. (Klappentext)

    Erzählt wird dieser Erfahrungsbericht aus der Ich-Perspektive, nahezu einem Tagebuch entsprechend, und tatsächlich beinhaltet das Buch die realen Erlebnisse der Autorin. Zu Beginn präsentiert sich die Österreicherin Elisabeth, genannt Lisuscha, mit ihrem Leben in Brüssel als Botschaftsangehörige. Sie ist seit Jahren von ihrem Mann geschieden, von den drei Kindern lebt nur noch die Tochter bei ihr, die anderen gehen bereits ihre eigenen Wege. Die Arbeit in der Botschaft gefällt Elisabeth schon lange nicht mehr, zumal der Botschafter sich ihr gegenüber wenig freundlich verhält. Während eines Urlaubs auf der Karibikinsel St. Kitts im Hause ihrer Freundin Helen merkt Elisabeth, was ihr wirklich gut tut: die Wärme, die Entschleunigung, die Herzlichkeit. Die depressiven Verstimmungen sind wie weggeblasen, und am Ende ihres Urlaubs nimmt ein Gedanke immer mehr Formen an: Lisuscha will ihr Leben ändern.

    Kaum zurück in Brüssel, reifen die Pläne überraschend schnell heran. Elisabeht nimmt sich eine längere Auszeit von ihrer Arbeit an der Botschaft und will auswandern - auf St. Kitts will sie ambitioniert als Koordinatorin an einem Landwirtschaftsprojekt der Kirche mitarbeiten, auch wenn sie selbst dazu kaum Hintergrundwissen besitzt. Diese Entscheidung fällt zumindest in der Darstellung seltsam hopplahoppmäßig, was ich nicht so recht nachvollziehen konnte. Immerhin gibt Elisabeth doch einige Sicherheiten auf. Und sie setzt ihre Entscheidung auch gegen den Willen ihrer Kinder durch, die ihre Mutter lieber näher bei sich wissen würden. Auch das wirkte auf mich etwas seltsam, zumal auch die jüngste Tochter nach dem Abi auszieht und ihr Studium beginnt. Alle flügge und trotzdem klammern? So kam es jedenfalls bei mir an...

    Die Spanne in Europa wird hier jedenfalls recht schnell abgehandelt, um sich dann um so ausführlicher dem Leben auf St. Kitts zu widmen. Schnell wird deutlich, dass der Unterschied Urlaub vs. Alltagsleben schon eklatant ist, aber Elisabeth hält an ihrer Entscheidung fest und stürzt sich voller Feuereifer auf ihre neue Aufgabe. Da sie intelligent und strukturiert ist, kann sie das Projekt adäquat begleiten, stellt aber auch Mitarbeiter:innen für die konkrete Arbeit mit den schwierigen Jugendlichen und die eigentliche Arbeit auf dem Feld ein. Doch oft genug muss auch Lisuscha tatkräftig mit anpacken. Zudem begegnet sie schon bald einem Rastafari, der auf der Insel als traditioneller Heiler arbeiet (tief in seinem christlichen Glauben verankert, heilt er Menschen, die durch Obeah, eine karibische Version von Voodoo, verhext wurden) und außerdem Bienenschwärme ohne jede Schutzkleidung entfernt: den Honigmann.

    Eine große aber schwierige Liebe entwickelt sich zwischen den beiden, sie scheinen wie füreinander geschaffen zu sein - ohne jeden Kitsch. Doch Alkohol und Drogen lassen bei Kwando ganz andere Seiten hervortreten, die es Elisabeth schwer machen, an ihrer Liebe festzuhalten. Unmöglich sogar? Tatsächlich steht diese Liebe mit ihren Aufs und heftigen Abs im Mittelpunkt der Erzählung. Die anderen Begebenheiten und die Verhältnisse auf der karibischen Insel erfährt man teilweise nur zwischen den Zeilen wie nebenher. Hier hätte ich mir doch mehr Einblicke gewünscht. Die Verschiedenheit der Kulturen, die die Autorin hier gleichberechtigt nebeneinander stellt, kommt jedoch auch so zum Tragen.

    Das Berichthafte der Erzählung hält Lesende wie Hörende auf Distanz - hier werden wenig Emotionen preisgegeben, man kommt den Figuren samt der Ich-Erzählerin nicht wirklich nah. So fällt es schwer, einige von Elisabeths Entscheidungen nachzuvollziehen, und auch die Person als solche kristallisierte sich für mich nicht deutlich heraus. So wirkt Elisabeht oftmals sehr sachlich und neutral - nicht nur bei ihrer Arbeit, sondern auch im privaten Leben: ein Problem -> eine Lösung, meist ohne die dazugehörigen Emotionen. Dem Honigmann und ihren Freund:innen zufolge scheint es auch viel Liebenswertes an Lisuscha zu geben, was man Außenstehende jedoch allenfalls erahnen kann. Das fand ich schade.

    Claudia Falk liest die ungekürzte Hörbuchausgabe (6 Stunden und 33 Minuten) fast schon erschreckend passend zum nüchternen Erzählstil. Gleichmütig liest sie die Zeilen, nahezu ohne Betonung und Emotionen. Absätze oder Abschnitte werden nicht beachtet, sondern alles hintereinander weg gelesen, so dass man oft erst zwei oder drei Sätze später merkt, dass sich die Erzählung gerade einem ganz anderen Punkt zugewandt hat. Da gibt es definitiv Verbesserungspotenzial!

    Trotzdem liefert die autobiografische Erzählung nicht nur interessante wenn auch kurze Einblicke in Natur, Bevölkerung, Traditionen auf St. Kitts, sondern sie macht auch Mut, das eigene Leben zu verändern, wenn man denn in einer Sackgasse gelandet ist. Es muss ja vielleicht nicht gleich ganz am anderen Ende der Welt sein...

    © Parden

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Frankie

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Rezensionen zu "Frankie"

  1. Fränkie

    Der Teenager Frank lebt gemeinsam mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in Wien. Der Vater hat die Familie früh verlassen. Seine Mutter arbeitet in der Staatsoper als „Gardroberin“, der 14jährige selbst besucht das Gymnasium. Die kleine Familie führt ein ruhiges und zufriedenes Leben. Ins Ungleichgewicht gerät alles erst als der Vater seiner Mutter, also Franks Opa, nach 18 Jahren aus der Haft entlassen wird.
    Mutter und Sohn holen den Großvater aus dem Gefängnis ab und beherbergen ihn so lange bei sich in der Wohnung bis er in seine eigene vier Wände umsiedeln kann. Leider ist der „alte“ Mann weit davon entfernt ein netter, herzlicher und kinderfreundlicher Opa zu sein. Zu Fränkie, wie er seinen Enkel nennt, ist er sogar richtig grob. Dennoch sucht der Jugendliche immer wieder den Kontakt zu seinem Großvater und beginnt sich in seiner Gesellschaft stark zu verändern.
    Und plötzlich ist alles in einer Art Umbruch begriffen. Aber jedem Ende wohnt ja auch ein neuer Anfang inne, oder?

    Das Hörbuch wird vom Autor selbst eingesprochen. Was bedeutet, dass er die Geschichte sprachlich genauso umsetzt, wie er sich das vorgestellt hat. Michael Köhlmeier nimmt die Zuhörer elegant mit in die jeweiligen Situationen, die man sich als Zuhörer gut vorstellen und somit das Geschehen „hautnah“ miterleben kann. Die Stimmung in der jeweiligen Szene ist bisweilen beinahe „greifbar“.
    Die Geschichte zeigt wie schnell sich manche Überzeugungen ändern können und wie schnell man in eine ungute Situation gerät, aus der man dann nicht mehr so einfach heraus kommt.
    In Frank aber auch in die anderen Protagonisten konnte ich mich gut hinein versetzen. Vor allem am Ende der Geschichte war ich über Franks Verhalten sehr erschrocken. Ich fiebert mit, wie es weiter gehen wird, hoffe für ihn das Beste und war sehr gespannt wie es ausgehen wird.

    Fazit:
    Ein spannender, gut aufgebauter All-Age Roman mit überraschenden Wendungen.

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Hunger

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Rezensionen zu "Hunger"

  1. Brot und Anerkennung

    In Kristiana -wie die norwegische Hauptstadt Oslo früher genannt wurde – schweift ein Mann durch die Gassen. Arbeitslos, obdachlos, brotlos. Er laviert von Tag zu Tag, fabuliert erfindungsreich. Er bleibt namenlos bis zum Ende. Ein Suchender, ein Hungernder.

    Knut Hamsun (1859-1952) schrieb Hunger in der Urfassung 1890. Mehrfach hat der Schriftsteller sein Werk umgeschrieben, 1920 erhielt er den Nobelpreis. In seinen letzten Jahren lässt Hamsuns Geisteshaltung und Weltanschauung kein gutes Licht auf den Autor.

    Dennoch ist Hunger ein Klassiker der Weltliteratur geblieben. Am Cover wird Astrid Lindgren zitiert: „Ein ergreifendes und hinreißend lustiges Buch über den Hunger…“ Nun. Ich teile offenbar nicht Lindgrens Humor. Ergreifend finde ich das Buch jedenfalls.

    Es ist ein außergewöhnlicher Protagonist, so ambivalent in seiner Persönlichkeit. Arroganz, Stolz, Scham und Würdelosigkeit sind im ständigen Widerstreit.

    Gleich zu Beginn auf den ersten beiden Seiten finden wir die ganze Trostlosigkeit, die Tür tapeziert mit alten Ausgaben des „Morgenbladet“, gleich daneben eine Werbung für Bäcker Fabian Olsens frisch gebackenes Brot. Das ist, es was den Mann antreibt, wonach er strebt: Schreiben und Essen. Der Hunger nach Nahrung und der Hunger nach Aufmerksamkeit ist sein Motor und mit beiden kann er nicht umgehen, wenn er es doch einmal erhält. Brot und Anerkennung.
    Aussichtlos von Beginn weg, trifft sein Blick auf die Anzeige in „mageren, grienenden Buchstaben Leichentücher bei Jungfer Andersen“.

    Grau und rau, der Manesse Verlag trifft mit dem Cover auf den Punkt. Übersetzt aus dem Norwegischen wurde die Erstausgabe aus 1890 von Ulrich Sonnenberg. Das Nachwort stammt von Felicitas Hoppe.

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  1. Rastlos und hungrig durch Kristiania

    Knut Hamsun gilt als einer der berühmtesten norwegischen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts. Seine reaktionären Anschauungen und offenen Sympathiebekundungen für den Nationalsozialismus brachten nicht nur ihn persönlich, sondern auch sein literarisches Werk in Verruf.

    „Hunger“ ist Knut Hamsuns erster und zugleich erfolgreichster Roman. Er erschien erstmals 1890; Hamsun veränderte ihn bis ins Jahr 1934 insgesamt vier Mal, so dass immer reaktionärere Fassungen auf den Markt kamen. Nun hat Ulrich Sonnenburg die Urfassung von 1890 für den Manesse Verlag neu übersetzt.

    Obwohl mehr als 100 Jahre alt, liest sich der Roman erstaunlich modern, was wohl vor allem mit der Erzählweise zusammenhängt, die ausschließlich auf die Gemütszustände, die Gedanken und aktuelle Begegnungen, die wir durch die Brille des Protagonisten erleben, fokussiert.

    Der namenlose Ich-Erzähler irrt hungrig durch Kristiania (Oslo) immer auf der Suche nach Möglichkeiten an Geld und Essen zu gelangen. Er schreibt Artikel, die er meist erfolglos diversen Zeitungen anbietet. Wir sind Zeuge seiner Euphorie, wenn eine seiner Arbeiten veröffentlicht wird und leiden mit ihm, wenn ihn Selbstzweifel plagen, er unter Schreibblockaden leidet, eingereichte Artikel abgelehnt werden oder er durch Hunger nicht klar zu denken vermag und Schwächeanfälle erleidet. Man möchte ihn schütteln, wenn er „Dummheiten“ begeht, Lügengeschichten auftischt, um besser dazustehen und ahnt die ganze Zeit, dass es nicht gut ausgehen wird.

    Ich habe diesen Roman mit seinem ambivalenten, oft unsympathischen Antihelden voller Faszination gelesen.

    Wir erfahren kaum etwas über seine Vergangenheit, erahnen aber aus Andeutungen, dass es Zeiten des Wohlstands gegeben haben muss. Doch alles, was in Hamsuns Werk zählt, ist der Augenblick in der Gegenwart, die der Protagonist durchlebt und durchleidet.

    Hunger war für mich ein extrem kurzweiliges, schräges und unberechenbares Leserlebnis. Sein Protagonist wird mir definitiv mit seinen Stimmungsschwankungen, seiner Überheblichkeit, aber auch seinem Leid, seiner Hartnäckigkeit, seinen irrwitzigen Einfällen, seinen zweifelhaften ethischen Maßstäben, seinem gestörten Verhältnis zu anderen Menschen, seinem Talent Situationen misszuverstehen und sich selbst im Weg zu stehen, aber auch seinem wahnsinnigen Gedankenkarussell im Gedächtnis bleiben. Für mich sind das glatte fünf Sterne. Positiv zu erwähnen sind auch die zahlreichen hilfreichen Anmerkungen im Text und das sehr informative Nachwort von Felicitas Hoppe sowie die editorische Notiz am Ende dieser Neuausgabe.

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  1. Mein all time favorit

    Zum ersten Mal las ich "Hunger" von Knut Hamsun als junge Erwachsene. Ich war sehr begeistert von dem Werk, das eine nachhaltige Wirkung bei mir hinterließ. 2019 erschien dann dieses Meisterwerk im avant Verlag als graphic novel. Auch diese graphic novel fand ich sehr ansprechend. Alle guten Dinge sind drei. So nutzte ich die Gelegenheit, im Rahmen einer Leserunde das Werk in der neuen Ausgabe des Manesse Verlags zu diskutieren. Der Verlag ist ja für seine ansprechend gestalteten Klassiker bekannt und so enttäuscht er auch hier nicht. Nun liegt das autobiographisch inspirierte, bekannteste Werk Hamsuns in seiner Urfassung, versehen mit einem sehr informativen Nachwort von Felicitas Hoppes vor und punktet rein äußerlich mit einer besonderen Haptik.

    Auch die dritte Lektüre konnte mich wieder begeistern, weswegen ich in dem Fall von einem persönlichen all time favorit sprechen würde. Das Schicksal des hungernd durch Kristania herumirrenden Schriftstellers berührt mich jedes Mal aufs Neue. Vom beißenden Hunger- und Durst an den Rand des Wahnsinns getrieben, kämpft der Schrifsteller ums nackte Überleben. Stets ist er auf der Suche nach einer Gelegenheit, einen Text zu publizieren, doch kaum zu ein wenig Geld gekommen, wird er wiederholt leichtsinnig und verjubelt das bißchen Hab und Gut wieder. So gerät er schnell in den Sog einer machtvollen Abwärtsspirale. Seine eigene Würde scheint ihm das Wichtigste, und so lehnt er oft Hilfsangebote ab. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

    Wie auch bei den beiden vorangegangenen Lektüren fieberte und litt ich mit dem brotlosen Schriftsteller mit. Die große Not eines permanent um das Nötigste kämpfenden Menschen finde ich nach wie vor sehr eindrücklich beschrieben. Manch Leser mag es für unvernünftig und nicht nachvollziehbar halten, dass Hamsuns Hungerkünstler scheinbar nichts dazu lernt und uneinsichtig bleibt. Mir hingegen scheint dies eine authentische Beschreibung eines Hungernden zu sein, dessen größte Sorge die Wahrung eines letzten Rests eigener Würde ist und bleibt. Möglicherweise muss man selbst einmal in einer vergleichbaren Situation gewesen sein, um die ambivalenten und widersprüchlichen Verhaltensweisen des Protagonisten verstehen zu können. Den von Asrid Lindgren hochgelobten Humor konnte ich zwar nur ansatzweise erkennen, viel zu sehr ging mir das Buch an die eigene Substanz. Doch die Stärke dieses auch in sprachlicher Hinsicht sehr gelungenen Werks sehe ich in der implizierten Gesellschaftskritik. Hilfe ist eben nur dann letztlich wirklich eine Hilfe, wenn sie auch vom Hilfebdürftigen so verstanden wird. Das ist mein ganz persönliches Fazit.

    Für mich ist Hamsuns bekanntestes Werk auch nach der dritten Lektüre ein absolutes Lebenshighlight, das ich sicherlich nicht zum letzten Mal gelesen habe und gerne weiter empfehle.

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  1. Ein Hungerkünstler zwischen Verzweiflung und Wahnsinn

    Knut Hamsuns Roman „Hunger“ erschien im Jahr 1890. Bis 1934 wurde er vom Autor für vier verschiedene Neuauflagen überarbeitet, in denen er zentrale Passagen abänderte oder gar herausstrich. Insofern ist es wichtig zu wissen, dass sich die vorliegende Neuübersetzung von Ulrich Sonnenberg an der Urfassung orientiert. Felicitas Hoppe hat dazu ein höchst interessantes Nachwort geschrieben, das den Roman beleuchtet und in Hamsuns Schaffen einordnet. Gewohnt hochwertig gestaltet zeigt sich diese Manesse Neuausgabe, deren angerauter Schutzumschlag allein haptisch eine besondere Erfahrung darstellt. Hilfreich und informativ sind die 81 Anmerkungen zum Text sowie die editorische Notiz

    „Es war zu der Zeit, als ich hungrig in Kristania umherging, dieser sonderbaren Stadt, die niemand verlässt, bevor er von ihr gezeichnet worden ist.“
    Mit diesem Satz beginnt der namenlose Ich-Erzähler seine Geschichte. Er ist bettelarm, leidet seit Monaten Hunger, trägt zerschlissene Kleidung und haust in einer kleinen Dachkammer. Er versteht sich als Journalist, weil er verschiedenen Zeitungen immer wieder Artikel für das Feuilleton anbietet. Manchmal gelingt es ihm, einen Artikel zu veröffentlichen, besonders ein Redakteur ist ihm gewogen. Dann verdient er ein paar Kronen, die seine Not aber nur kurzfristig abmildern, weil er einfach nicht mit Geld umgehen und damit haushalten kann. Dadurch wird seine Situation im Grunde immer prekärer. Als Leser hat man den Eindruck, die Hunger-Spirale dreht sich konsequent abwärts.

    Die meiste Zeit treibt sich der Protagonist in den Straßen Kristianias (heute Oslo) herum. Er fühlt sich elend und hungrig. Seine Empfindungen werden in einem für die Zeit modernen, fast endlosen Gedankenstrom beschrieben, in dem der Erzähler sehr anschaulich seine Wege, Begegnungen und Beobachtungen mitteilt – stets auf der Suche nach Nahrung. Tatsächlich gelingt es ihm immer wieder, zu etwas Geld oder Brot zu kommen. Doch anstatt es sich einzuteilen, verschleudert er das wertvolle Gut meist in Windeseile: Er beschenkt fremde Menschen, lädt Freunde ein, markiert den sorglosen Lebemann – nur um von seiner wahren Lage abzulenken. Man kann darüber streiten, ob sein Verhalten realistisch ist, oder ob nicht irgendwann die menschlichen Grundbedürfnisse nach Nahrung den Stolz und das Ehrgefühl niederringen müssten.

    Als Leser ist das schwer auszuhalten. Man möchte den Erzähler schütteln oder wenigstens auf ihn einreden, denn es ist schnell absehbar, dass er der Hungerspirale aus eigener Kraft nicht entkommen kann. Sein Problem besteht darin, dass er eine widersprüchliche Wahrnehmung von sich selbst hat. Einerseits weiß er, dass er am Boden liegt, dass er Gefahr läuft, sein Obdach zu verlieren (was kurze Zeit später auch passiert), dass er auf andere einen zerschlissenen, runtergekommenen Eindruck macht. Andererseits ist er sehr auf sein Ansehen, seine Ehre bedacht. Nur kein Bettler möchte er sein, sondern ein ehrlicher, rechtschaffener Bürger. Diese beiden Eindrücke konkurrieren und kämpfen in seinem Innern miteinander und dringen immer wieder auf abstruse Weise nach außen. Er ist kein Sympathieträger, er pendelt zwischen Gutmütigkeit und Größenwahn. Mitunter reflektiert er aber auch sein törichtes Verhalten oder monologisiert mit Gott und dem Teufel. Mancher Leser mag diese Szenen als komisch empfinden, mir blieb regelmäßig das Lachen im Halse stecken. Für mich ist der Ich-Erzähler eine höchst tragische Figur, sein irrationales Verhalten muss einer Art von Hunger-Irrsinn geschuldet sein. Wie im Wahn versucht er immer wieder Artikel zu schreiben. Er beginnt sogar einen Roman, aus dem er die Hoffnung schöpft, in naher Zukunft zu Ruhm und Geld zu kommen.

    Im Verlauf des Romans wiederholen sich die genannten Muster fortwährend. Dem Erzähler geht es zunehmend schlechter, auch die unästhetischen Nebenwirkungen des Nahrungsmangels werden nicht ausgelassen. Es treten neue Figuren hinzu, denen gegenüber sich der Protagonist als unzuverlässiger Geschichtenerzähler präsentiert. Manchmal lügt und übertreibt er wie ein Baron von Münchhausen, jedoch immer getrieben von innerer Verzweiflung. Damit stößt er sogar Menschen, die ihm helfen wollen, zurück. Diese gespaltene Persönlichkeit ist es, die den Erzähler so einzigartig macht. Man folgt ihm, seinen Assoziationen und Erlebnissen mit voller Aufmerksamkeit. Seine Not und Widersprüchlichkeit gehen nahe und wirken sehr authentisch, auch wenn man nicht nachvollziehen kann, warum er nicht aus dem Hamsterrad aussteigt, indem er sich einfach eine andere bezahlte Arbeit sucht. Doch seine Stärke ist eben nicht das Handeln, sondern das Denken.

    Diese Unmittelbarkeit wird auf großartige Weise durch die virtuose Sprachführung transportiert. Die Sätze sind meist lang und aneinandergereiht. Sie wirken atemlos. Das unterstreichen auch die wenigen Absätze. Der Bewusstseinsstrom, die inneren Monologe ebenso wie Gespräche und Beschreibungen, vermitteln plastisch die Verzweiflung des Protagonisten, der sich als wahrer Hungerkünstler durch Kristania bewegt und in seinem unverständlichen Verhaltenskodex gefangen ist. Eine Entwicklung erkennt man kaum, es ist ein kontinuierliches Auf und Ab. Streng genommen hätte ich deshalb auf die ein oder andere Spirale verzichten können, die im Kern nichts Neues bringt. Das Ende lässt Hamsun offen – oder auch nicht. Auf alle Fälle findet er einen sehr würdigen Abschluss für diesen, seinen berühmtesten Roman, für den ich eine klare Leseempfehlung aussprechen möchte.

    Unabhängig von Knut Hamsuns späterer politischer Verstrickung in die Ideale der Nationalsozialisten halte ich „Hunger“ für ein sehr lesenswertes Buch, das Freunde moderner klassischer Literatur sehr schätzen werden.

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  1. 2
    11. Feb 2023 

    Anstrengend und herausfordernd...

    1890 erschien die Erstfassung des ersten Romans des norwegischen Autors (1859-1952), der 1920 den Literaturnobelpreis erhielt und der später politisch sehr umstritten war wegen seiner offen zur Schau getragenen Sympathie mit der deutschen Besatzungsmacht während des Zweiten Weltkriegs. "Hunger" entstand vor dem Hintergrund eigener Erlebnisse des Autors, der 1886 in Kristiania (früherer Name von Oslo) arbeitslos eine schwere Hungerzeit durchzustehen hatte. Mit diesem Roman gelang Knut Hamsun der literarische Durchbruch. Die Neuauflage des "Klassikers" entspricht lt. Verlag besagter Erstfassung, die später immer wieder Veränderungen unterlag.

    "Es war zu der Zeit, als ich hungrig in Kristiania umherging, dieser sonderbaren Stadt, die niemand verlässt, bevor er von ihr gezeichnet worden ist." (S. 5)

    Erzählt wird hier aus der eindringlichen Ich-Perspektive eines namenlosen Schreibers, der versucht sich durch das Einreichen kleiner Zeitungsartikel in Kristinia über Wasser zu halten. Er haust in einer schäbigen Kammer, wird von seinen Schulden aufgefressen und verliert schließlich sein Obdach. Tagelang streift er durch die Straßen ohne etwas zu essen zu haben und kommt dem Wahnsinn (zu) nahe. Das ist im Wesentlichen auch schon die Handlung. Im Fokus steht die innere Verfassung des Hungernden, seine wild springenden Gedanken und Empfindungen, zahllose demütigende Begegnungen und Ereignisse, die zunehmend untrennbare Verwebung von Realität und Halluzinationen. Von optimistisch zu hoffnungslos, fröhlich oder dankbar zu beschämt oder verächtlich - stetig wandelt sich das Erleben im Sekundentakt. Von himmelhochjauchzend zu zu Tode betrübt innerhalb von einer Sekunde - und gleich wieder zurück, bis man beim Lesen das Gefühl erhält, gleich mit verrückt zu werden.

    Dies sorgt für besagte Eindringlichkeit und Intensität, und nicht umsonst gilt der Roman als Meilenstein in der Entwicklung der Erzähltechnik des sog. "Bewusstseinsstroms" (Wiedergabe einer scheinbar ungeordneten Folge der Bewusstseinsinhalte eines Charakters). Autoren wie Kafka, James Joyce oder auch Virginia Woolfe ließen sich davon inspirieren. Insofern hat der Roman zurecht seinen "Klassiker"-Status. Doch muss einem jedes Buch gefallen, das unter diesen Begriff fällt? Wohl kaum. Ich jedenfalls fand den Roman nicht nur anstrengend zu lesen, ich war auch zunehmend genervt von der Lektüre. Das Verhaltensmuster des zudem sehr unsympathisch gezeichneten Ich-Erzählers wiederholt sich immerzu, eine Entwicklung findet nicht statt. Der ständige konsequente Wechsel der Zeitebene zwischen Präsens und Perfekt, teilweise auch innerhalb desselben Satzes, erhöhte den Lesefluss auch nicht gerade.

    "Ein ergreifendes und hinreißend lustiges Buch über den Hunger ... ein größeres Leseerlebnis habe ich wohl nie gehabt." Das hat wohl Astrid Lindgren nach der Lektüre des Romans verkündet. Leider erschloss sich mir der Humor in keinster Weise, ich habe ihn überhaupt gleich an keiner Stelle entdecken können. Schade eigentlich. Spannend fand ich dann allerdings die Verbindung zu Astrid Lindgren und ihrer Pippi Langstrumpf, die womöglich nur deshalb so viele Lügengeschichten auftischt, weil die Autorin damals so begeistert von Hamsuns skurrilem Werk war, dessen "Held" selbst ständig Lügengeschichten erzählt. Na, dann - hatte der Roman doch eine positive Auswirkung. Dieses Detail ist übrigens im umfassenden Nachwort von Felicitas Hoppe zu erfahren, das ich insgesamt leider als sehr gewollt intellektuell-geschraubt empfand, stellenweise ebenso unverständlich (wenn auch auf eine andere Weise) wie den Roman davor.

    Ein Roman, dem ich den "Klassiker"-Status zubillige, zu dem ich persönlich jedoch badauerlicherweise keinen Zugang fand.

    © Parden

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  1. Was Hungern mit einem Menschen anstellen kann

    Was Hunger mit einem Menschen anstellen kann

    Ich habe mir vorgenommen hier und da einen Klassiker zu lesen, also nutzte ich die Chance und nahm mir das Werk des norwegischen Nobelpreisträgers Knut Hamsun " Hunger" vor.
    Ich war ein wenig überrascht, als mir klar wurde, dass dieses Werk ausschließlich daraus besteht einen Hungernden zu begleiten, der durch das norwegische Kristania zieht. Dieser Mann zieht durch die Straßen, erzählt von seinen goldenen Zeiten, gibt sich als Schreiber aus, und will den Menschen um ihn herum glauben machen, dass er durchaus Geld hat. Kommt er mal zu ein paar Kronen kann es durchaus vorkommen, dass er sie Samariter mäßig einfach verschenkt. Der Pfandleiher bekommt hanebüchene Geschichten aufgetischt, wird sich aber anhand der dargebotenen Dinge gewiss seinen Teil denken und zum richtigen Schluss kommen.
    Das kleine Zimmerchen, dessen Miete er auch meist schuldig bleibt, ist an Kargheit kaum noch zu übertreffen, doch das muss man ihm wahrlich zu gute halten, er arrangiert sich mit jeder noch so misslichen Lage.
    Seine Gedanken wirken getrieben, je schlimmer der Hunger, umso konfuser die Zusammenhänge. Teilweise fällt es beim lesen schwer zu erkennen, was tatsächlich geschehen ist, oder was nur dem Wahn geschuldet ist.
    Seine Begegnung mit einer jungen Frau ist ein Beispiel dafür. Ich war mir nie sicher, ob es sie tatsächlich gibt, oder ob sie seinem gebeutelten Hirn entsprungen ist.

    Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht ausführen, da es im Kern die komplette Handlung ist. Die Art wie der Autor formuliert, hat mir außerordentlich gut gefallen. Seine Botschaft, dass es schrecklich ist, dass ein Teil der Bevölkerung in diesem beklagenswerten Zustand des Hungerns verbringen muss, ist definitiv angekommen. Er zeigt in allen Facetten auf wie schrecklich es ist Hunger zu leiden. Dennoch war es für mich eine Lektüre die mich nicht wirklich begeistern konnte. Es war mir zu wirr, zu deprimierend, wenn auch einiges fast schon ins komische abdriftete, konnte ich auch der Art an Humor wenig bis gar nichts abgewinnen.

    Ich erkenne die Andersartigkeit, und für damalige Verhältnisse sicher wichtige Botschaft, durchaus als große Leistung an, doch der Funke sprang nicht über. Das lesen machte mir keinen Spaß. Hunger weckte in mir eher das Gefühl mich durcharbeiten zu müssen. Ein Klassiker, der sicher weiterhin seine Anhänger finden wird. Positiv hervorheben möchte ich an dieser Stelle die tolle Verarbeitung und Gestaltung des Covers. Da hat der Verlag sich mächtig ins Zeug gelegt.

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  1. Von Hunger und Wahnsinn

    Oslo im 19. Jahrhundert: Er träumt davon, als Journalist oder Autor groß herauszukommen. Doch bei den Zeitungen der Stadt werden nur wenige seiner Beiträge überhaupt veröffentlicht. Von den mickrigen Einnahmen kann er nicht leben. Ohne Geld und festen Wohnsitz irrt der Mann ziellos durch die Stadt, getrieben von dem Hunger, der Verzweiflung und dem Ehrgeiz, doch noch irgendwann ein geniales Werk zu schaffen…

    „Hunger“ ist eine Erzählung von Knut Hamsun, die erstmals 1890 erschienen ist.

    Meine Meinung:
    Das Werk besteht aus vier Teilen, genannt „Stücke“. Das erinnert, zumindest dem Namen nach, ein wenig an die Gattung Drama. Erzählt wird - mit Zeitsprüngen zwischen den verschiedenen Teilen - in der Ich-Perspektive aus der Sicht des namenlosen Protagonisten.

    Der Schreibstil ist geprägt durch viele innere und weniger äußere Dialoge. Die Sprache ist modern, für ihre Zeit vermutlich revolutionär und anschaulich. Der Text enthält vielerlei religiöse Bezüge. Als störend habe ich die unvermittelten Tempuswechsel von Präteritum zum Präsens, teils sogar mitten im Satz, empfunden. Bei der Ausgabe des Manesse-Verlags handelt es sich um eine gelungene Neuübersetzung aus dem Norwegischen, angefertigt von Ulrich Sonnenberg.

    Der namenlose Protagonist stellt einen unsympathischen Anti-Helden dar. Ein gesellschaftlicher Verlierer, der aufgrund seines falschen Stolzes, seiner Überheblichkeit und seines überzogenen Geltungsbedürfnisses immer weiter in Richtung Abgrund trudelt. Sein Abwärtstrend ist selbstverschuldet. Obwohl sein Denken sehr gut zum Ausdruck kommt, habe ich sein inkonsequentes Handeln meist nicht nachvollziehen können. Die Figur wird dermaßen überzeichnet dargestellt, dass sie ins Unglaubwürdige abdriftet.

    Inhaltlich geht es vor allem darum, wie der Hunger einem Menschen zusetzt. Das allein reicht als Lesart meiner Meinung nach jedoch nicht aus. Das wahnhafte, komplett irrationale Verhalten des Protagonisten zeigt sich nämlich auch in Phasen, in denen er an Essen herankommt. Insofern lässt es sich nur dann erklären, wenn man ihn als psychisch kranke Person liest, die ohne Hilfe von Familie und engen Freunden in einer großen Stadt zu überleben versucht.

    Auf den etwas mehr als 200 Seiten entfaltet sich nur wenig Handlung. Stattdessen wiederholen sich die Verhaltensmuster des Protagonisten auf ermüdende Weise.

    Das Nachwort von Felicitas Hoppe („Der ungeheuerliche Herr Happolati“) ist für mich leider wenig aufschlussreich. Auch die rund 80 Anmerkungen sind nur zum Teil hilfreich beim Verständnis der Lektüre. Positiv bewerte ich hingegen das angehängte Literaturverzeichnis und die editorische Notiz.

    Das ungewöhnliche, haptisch ansprechende Cover sticht aus der Masse hervor. Der norwegische Originaltitel („Sult“) wurde erfreulicherweise wortgetreu übersetzt.

    Mein Fazit:
    „Hunger“ ist ein Werk von Knut Hamsun, das mich inhaltlich enttäuscht und sprachlich ebenfalls nicht gänzlich überzeugt hat. Nur bedingt empfehlenswert.

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  1. Ein Schrei nach Brot und Anerkennung

    70 Jahre nach seinem Tod sind die Werke des norwegischen Literaturnobelpreisträgers Knut Hamsun (1859 – 1952) seit dem Jahresbeginn 2023 gemeinfrei. In einer Neuübersetzung von Ulrich Sonnenberg erschien pünktlich dazu sein Debütroman "Hunger", basierend auf der Urfassung von 1890, bevor Knut Hamsun ihn unter dem Einfluss der in späteren Jahren von ihm bedingungslos bewunderten und verinnerlichten Nazi-Ideologie mehrfach überarbeitete. Trotz meiner Liebe zur norwegischen Literatur hatte ich aus diesem Grund bisher Berührungsängste zu seinem Werk. Die wunderschöne Neuausgabe mit dem schlichten Cover in Schleifpapiermanier und der schmucklosen, plakativen Schrift sowie das Wissen um die große Bedeutung seines Werks für spätere Autoren haben mich nun doch bewogen, "Hunger" zu lesen, das ihm den literarischen Durchbruch bescherte.

    Gezeichnet von einer Stadt
    In vier mit „Stück“ überschriebenen Kapiteln folgen wir einem mittellosen, hungernden Journalisten und Schriftsteller durch die Straßen Kristianias, dem heutigen Oslo:

    "Es war zu der Zeit, als ich hungrig in Kristiania umherging, dieser sonderbaren Stadt, die niemand verlässt, bevor er von ihr gezeichnet worden ist." (1. Satz, S. 5)

    Jedes „Stück“ markiert einen neuen Tiefpunkt, während die positiven Momente, in denen der namenlose Ich-Erzähler zu etwas Geld kommt, ausgespart bleiben. Zunehmend zerlumpt, ohne Besitztümer und in immer prekäreren Quartieren hausend kommt er mit jeder Episode dem Wahnsinn wie dem Tod näher. Dabei ist er unfähig, sein Schicksal zu wenden, gibt das wenige Geld, an das er gelegentlich kommt, aus Gründen der Ehre und um über seine Not hinwegzutäuschen verschwenderisch ab und schwankt zwischen Größenwahn und schamhafter Unterwürfigkeit. Nur selten wird der innere Monolog für die wilden Lügengeschichten unterbrochen, die er bei seinen zufälligen Begegnungen erzählt. Nicht immer ist klar, ob diese Zusammentreffen in der Realität oder in seiner Fantasie stattfinden, weshalb das Werk manchen als Vorstufe des absurden Theaters gilt.

    Ein Roman ohne Plot
    Nicht nur an Brot mangelt es dem Hungerhelden, auch wenn der tagelange Nahrungsentzug ihm immer mehr zusetzt. Gleichzeitig dürstet er nach Wahrnehmung seiner Person, nach Anteilnahme, Anerkennung und Zuwendung. Selten habe ich Einsamkeit in einem Roman so greifbar beschrieben gefunden. Es ist mir deshalb ein Rätsel, warum Astrid Lindgren, wie Felicitas Hoppe im Nachwort ausführt, ihn als „hinreißend lustiges Buch über den Hunger“ beschreibt und beim Lesen vor Lachen „wimmerte“. Treffender wären für mich die Bezeichnungen „skurril“ und „aberwitzig“ für die Fantasiegeschichten, Worterfindungen, Gefühlsschwankungen und die Tatsache, dass der Ich-Erzähler am Ende auf einem Schiff nach Leeds anheuert, einer Stadt ohne Hafen. Ein Lachen wäre mir jedenfalls im Halse stecken geblieben. Eher schon hat mich der Hungerheld mit seinem deplatzierten Stolz, der ruinösen Ehrsucht und dem mangelnden Überlebensinstinkt zur Verzweiflung gebracht.

    Ich staune selbst, dass der fehlende Plot, zahlreiche Wiederholungen, der Verzicht auf die Schilderung der gesellschaftlichen Umstände und von Sozialkritik, das Schweigen über die Vergangenheit des Protagonisten und seine geringe Weiterentwicklung mich nur wenig  gestört haben. Vielleicht liegt es daran, dass Knut Hamsuns eigene Erfahrungen so authentisch spürbar sind und dass seine minutiöse Beobachtungsgabe sowie die sprachliche Virtuosität, an der auch der Übersetzer großen Anteil hat, mich bei diesem Klassiker überzeugen.

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    03. Feb 2023 

    Hungern im Norwegen des frühen 20. Jhrts.

    “Hunger” ist ein norwegischer Roman von Knut Hamsun, der in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts hinsichtlich seiner Form ein literarisches Ereignis darstellte. Der Roman ist vollständig geschrieben in Form eines Bewusstseinsstroms, in dem Erzählzeit und erzählte Zeit über weite Strecken vollständig übereinstimmen. Dabei lässt er seine Leser vollkommen ungefiltert an den Gedanken seines Erzählers und Helden teilnehmen. Die vollkommen fehlende Distanz und das absolute Einlassen auf die Wahrnehmung und Sichtweise seines Erzählers hat Hamsun literarischen Ruhm und einen Kreis erlauchter Nachahmer eingebracht.
    Der Manesse-Verlag hat den Roman in diesem Jahr neu aufgelegt und hat sich dabei an der Ursprungsfassung, die von Hamsun später mehrfach überarbeitet werden sollte, orientiert. So hat der Verlag versucht, die möglichst authentische, da ursprüngliche Sichtweise des Autors über die oftmals chaotische Gefühlslage seines Helden angesichts seiner prekären Lebensverhältnisse wiederzugeben.
    Der Erzähler, ein Mann, der sich zum Schreiben berufen fühlt, von dieser Tätigkeit aber immer weniger leben und seinen Unterhalt finanzieren kann, rutscht in diesem Roman sozial immer weiter ab. Verliert fast buchstäblich sein letztes Hemd und hat selten etwas, womit er seinen Hunger stillen kann. Ständig ist er auf der Suche nach Möglichkeiten, die nächste kurze Zeitspanne überleben zu können. Dabei versetzt er alles, was sich irgendwie zu Geld machen lassen könnte, – bis hin zu seinen abgeschabten Mantelknöpfen - oder versucht sich an textlicher Produktion und deren Vermarktung in der recht „mickrigen“ lokalen Medienlandschaft. Die Gefühlswelt des Romanhelden, an der wir als Leser so unvermittelt teilhaben können, ist ein heftiges Auf und Ab von Hoffnung und Verzweiflung, von Aufbruchstimmung und tiefster Depression. Viele seiner Versuche, am Leben zu bleiben und Mittel dafür aufzubringen, zeigen ihn an oder sogar jenseits der Grenze zum Wahnsinn. Das alles ist für den Leser oft schwer erträglich und doch hat die Lektüre auch etwas Leichtes und Unterhaltsames, das bei aller Düsternis schwer zu beschreiben ist. Ein großes Staunen stellt sich ein darüber, wie ein Mensch in diesen Zeiten ohne Sozialsysteme und staatliche Hilfen sein bloßes Überleben gestalten konnte. Aber für den Romanhelden funktioniert das erstaunlich gut, so dass die Talfahrt, in der er sich während des gesamten Romans zu befinden scheint, zum Ende des Romans hin wohl sogar gestoppt werden kann, wenn er als Ausgezehrter und Ungelernter eine Stelle auf einem Schiff ergattert, das ihn aus dieser Ödnis Kristianias hinausbringen wird.
    Der Roman ist ein sehr gelungenes literarisches Zeugnis über eine experimentelle Schreibweise, die bedeutende Nachahmer gefunden hat. Die neue Ausgabe des Manesse-Verlages bringt diesem Werk wieder vermehrte Aufmerksamkeit in unserer Zeit und lässt uns einen Blick darauf werfen, wie prekäre Lebensverhältnisse in vergangenen Zeiten aussehen konnten.

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  1. Schwer verdaulich, aber trotzdem lecker

    „Dichter sind Vagabundenseelen, verwandt mit Leierkastenmännern, wurzellose Landstreicher ohne Pass.“ (Knut Hamsun)

    Ähnlich „wurzellos“ gibt sich der namenlose Ich-Erzähler in Knut Hamsuns Erfolgsroman „Hunger“; erstmals veröffentlicht 1890. Die Neuausgabe des Manesse Verlags in der Übersetzung von Ulrich Sonnenberg und einem Nachwort von Felicitas Hoppe folgt der Erstausgabe. Spätere Ausgaben wurden vom Autor gekürzt; warum kann der kurzen editorischen Notiz entnommen werden. Meine Bewertung bezieht sich lediglich auf den vorliegenden Text und nicht auf die Person Knut Hamsun und seine spätere äußerst fragwürdige politische Gesinnung.

    Der Ich-Erzähler ist ein abgehalfterter und erfolgloser Journalist bzw. Autor, der in Kristiania (heute Oslo) „[…] umherging, dieser sonderbaren Stadt, die niemand verlässt, bevor er von ihr gezeichnet worden ist.“ (S. 5) Was es mit dieser kryptischen Andeutung auf sich hat, offenbart sich am (offenen) Ende der in vier Stücke angelegten Erzählung.

    Ich kann nicht behaupten, dass ich direkt mit der Erzählung klargekommen bin – zu sperrig erwies sich der Stoff, der sich durch inkonsequente Zeitform konsequent den Themen Hunger/ Durst und den dadurch hervorgerufenen „Nebenwirkungen“ befasst, zumal mir das Thema aus persönlichen Gründen sehr nahegeht. Aber irgendwann habe ich angefangen zu begreifen, mit welcher Präzision Hamsun hier zu Werke geht und vieles, was der Hunger beim Erzähler auslöst, kann ich in (abgeschwächter) Form bestätigen.

    Auch ist der Erzähler als Charakter nicht sonderlich sympathisch gezeichnet. Er ist auf der einen Seite eine sprichwörtlich gesehen arme Sau, auf der anderen Seite tut er wenig bis nichts, um seine Situation zu verbessern – im Gegenteil: durch kuriose und dem normalsterblichen Leser nicht nachvollziehbare Handlungen bringt er sich immer wieder in fast ausweglose Situationen und an mancher Stelle der Erzählung hat man Angst, dass jeden Moment der Geist des Erzählers die Geschichte zu Ende bringt *g*.

    Man sollte diesem Buch die nötige Zeit geben, sich zu entfalten und Wirkung zu zeigen. Auf keinen Fall darf die Erzählung zu schnell gelesen werden, da den geneigten Leserinnen und Lesern dann Details entgehen könnten, die im weiteren Verlauf noch einmal aufgegriffen werden. Darum habe ich auch 1 ½ Lesungen hinter mir (Stücke 3 und 4 habe ich doppelt gelesen) *g*. Und es wird wohl nicht dabeibleiben; dafür hat mich die Erzählung zu tief berührt.

    Einige Szenen sind so grotesk, dass ich der Aussage von Astrid Lindgren, dass „Hunger“ ein „[…] hinreißend lustiges Buch über den Hunger…“ (S. 233) ist, zwar nicht uneingeschränkt zustimmen würde, aber trotz aller Ernsthaftigkeit, die das Thema mit sich bringt, gibt es genug Stellen, über die man lachen oder zumindest breit grinsen kann.

    Von mir bekommt die Erzählung 5* und eine klare Leseempfehlung für Fans von Bewusstseinsströmen á la Virginia Woolf etc.!

    ©kingofmusic

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    19. Jan 2023 

    Der fröhliche Wahnsinn des Hungers

    Der Manesse Verlag hat dieser Tage eine Neuauflage des Klassikers „Hunger“ des norwegischen Literaturnobelpreisträgers Knut Hamsun herausgebracht, auf welche es sich lohnt, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Es handelt sich dabei um die 1890 erschienene Urfassung des Romans, welcher bis 1934 insgesamt viermal in immer wieder geänderten Ausgaben neu vom Autor veröffentlicht wurde. Denn Hamsun wurde, wie aus der ausführlichen editorischen Notiz zu erfahren ist, im Alter immer reaktionärer, nationalchauvinistischer und duldete sein progressives Frühwerk zunehmend nicht mehr. Die aktuelle Ausgabe wurde außerdem von Ulrich Sonnenberg neu übersetzt und mit einem Nachwort der Autorin Felicitas Hoppe versehen.

    Im Roman selbst geht es um einen mittlerweile mittellosen Ich-Erzähler und Schriftsteller, der sich im Oslo des ausgehenden 19. Jahrhundert, damals noch Kristiania genannt, die Tage und Nächte auf der Straße um die Ohren schlug, unter ständigem Geld und vor allem Nahrungsmangel. Dieser titelgebende Hunger wirkt sich nun auf den Bewusstseinsstrom und die geschilderten Handlungen des Erzählers signifikant aus. Er schwankt zwischen Hochmut, Stolz und Ehrgefühl und Selbstzweifeln, Selbstmitleid sowie im wahrsten Sinne des Wortes verrückten Ideen. Immer wieder bringt er sich selbst um Möglichkeiten an eine Mahlzeit zu kommen, kann nicht mit Geld umgehen und irritiert die Menschen in seiner Umwelt.

    So wandert man „in vier Stücken“, den vier Teilen des Romans, mit dem Erzähler durch Kristiania, bangt mit ihm um seine nächste Mahlzeit und verflucht ihn genervt ob seiner Unfähigkeit rational zu denken und zu handeln. Die Ungeduld mit dem Protagonisten wird durch die ständigen Wiederholungen seiner Gedanken, Handlungen und Situationen, in welche er sich selbst katapultiert, im Verlaufe des Romans zunehmend gesteigert. Erwartet man immer das Schlimmste, kommt es wieder zu einer kurzfristigen glücklichen Fügung. Nur wenig Veränderungspotential gesteht der Autor seinem psychisch auffälligen Protagonisten zu. Denn der Erzähler scheint bereits vor seiner Hungerphase eine prämorbide Persönlichkeitsakzentuierung gehabt zu haben, welche ihn zum einen in seine missliche Lage gebracht zu haben scheint und sich nun - durch den Nährstoffmangel und den daraus resultierenden physischen aber eben auch psychischen Symptomen, die Hamsun sehr gut beschreibt – in besonders starken Ausprägungen äußert. Schwankt er doch stets zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.

    Sprachlich, in der aktuellen Übersetzung von Ulrich Sonnenberg, kann Hamsun definitv überzeugen. Man sieht den Erzähler vor sich, wie er durch die Straßen Kristianias flaniert, rennt, schwankt, oder fast kriecht; wie er vor Erschöpfung kaum mehr die Augen offen halten kann und dann schon wieder einem Passanten hoch erregt eine Lügengeschichte auftischt. Oft fragt man sich, was davon der Erzähler tatsächlich erlebt und bei was es sich um Halluzinationen handeln könnte. Da weiß der Autor zu fesseln.

    Letztlich hätte mir der Roman allerdings ohne die vielen Wiederholungen bzw. Variationen ähnlicher Situationen etwas mehr gefallen. Das Format einer Novelle hätte dem Inhalt des Textes durchaus auch gut zu Gesicht gestanden. Quasi etwas abgespeckt. Eine Formulierung, die einem nach der Lektüre von „Hunger“ allerdings doch ein wenig im Halse stecken bleibt.

    Im noch einmal zur aktuellen Ausgabe zurückzukommen: Das Gesamtpaket der vorliegenden Veröffentlichung vom Manesse Verlag finde ich wirklich sehr gut gelungen. Endlich gab es, die von mir immer so schmerzlich vermissten, durchnummerierten und im Text gekennzeichneten Anmerkungen. Diese haben geholfen nicht nur das Romangeschehen aber auch die nachträglichen Abänderungen durch den Autor besser zu verfolgen bzw. zu verstehen. Die editorische Notiz ist ausführlich und erhellend, ebenso wie das Nachwort von Felicitas Hoppe. Es hat mir sehr gefallen, dass sich das Nachwort auch wirklich ausführlich mit dem vorliegenden Werk beschäftigt und gut verständlich ist. So war ich erleichtert zu lesen, "die Geschichte von Hunger hat keinen Kern, genauso wenig, wie man von einem bündigen Plot sprechen könnte". Tatsächlich ist dies nämlich schwer greifbar beim vorliegenden Roman. Toll finde ich, dass das Nachwort mit einer Quellenangabe unterfüttert ist, die eine vertiefende Beschäftigung mit dem Werk anregt und leicht nachvollziehbar macht. Meines Erachtens hat hier der Verlag in der Zusammenstellung dieser Ausgabe wirklich alles richtig gemacht.

    Den Roman an sich würde ich insgesamt mit 3,5 Sternen bezüglich meiner Lektüre bewerten. Da mir die Ausgabe des Manesse Verlags in ihrer Ausstattung sehr gut gefällt, runde ich auf 4 Sterne auf.

    3,5/5 Sterne

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