Unsre verschwundenen Herzen

Buchseite und Rezensionen zu 'Unsre verschwundenen Herzen' von Celeste Ng
3.6
3.6 von 5 (17 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Unsre verschwundenen Herzen"

Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard. Seit einem Jahrzehnt wird ihr Leben von Gesetzen bestimmt, die nach Jahren der wirtschaftlichen Instabilität und Gewalt die »amerikanische Kultur« bewahren sollen. Vor allem asiatisch aussehende Menschen werden diskriminiert, ihre Kinder zur Adoption freigegeben. Als Bird einen Brief von seiner Mutter erhält, macht er sich auf die Suche. Er muss verstehen, warum sie ihn verlassen hat. Seine Reise führt ihn zu den Geschichten seiner Kindheit, in Büchereien, die der Hort des Widerstands sind, und zu seiner Mutter. Die Hoffnung auf ein besseres Leben scheint möglich. Eine genauso spannende wie berührende Geschichte über die Liebe in einer von Angst zerfressenen Welt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
EAN:9783423290357
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Rezensionen zu "Unsre verschwundenen Herzen"

  1. 5
    30. Sep 2023 

    Gruselig gut

    Dieses Buch hat mich von Beginn an gefesselt. Die Geschichte des zwölfjährigen Bird auf der Suche nach seiner Mutter ist nicht nur zutiefst berührend als persönliches Schicksal. Sie entfaltet auch ein Panorama amerikanischer Kulturgeschichte, das hochaktuell und verstörend ist.
    Während der Lektüre hatte ich permanent das Bedürfnis zu recherchieren, ob die geschilderten Ereignisse und Gesetze Realität sind. Sie sind es nicht wirklich, die Geschichte ist fiktional, dennoch fließen viele reale Begebenheiten hinein, wie die Autorin am Ende erläutert. Die angegebenen Literaturempfehlungen ermöglichen dem Neugierigen, sich mit den realen Einflüssen zu beschäftigen.
    Ein anrührendes Buch, das gekonnt und poetisch geschrieben ist. Es entsteht ein beklemmendes Gefühl, wenn man sich auch nur ansatzweise in die Rolle dieser Mutter hineinversetzt.
    Ein wichtiges Buch, das einen zur Vorsicht und Engagement mahnt, angesichts der politischen und sozialen Entwicklungen der vergangenen Jahre und der aktuellen Zeit.

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  1. Unter dem Radar

    Die Stadt Cambridge in den Vereinigten Staaten von Amerika in der Zukunft: Noah Gardner, genannt Bird, führt mit seinem Vater Ethan ein einfaches Leben. Der Zwölfjährige und der ehemalige Linguistik-Professor müssen in einem Studentenwohnheim unterkommen. Seit Noahs Mutter, die Dichterin Margaret Miu, verschwunden ist, versuchen sie, unter dem Radar zu bleiben, denn besonders durch die asiatischen Wurzeln der Mutter und ihre aufrührerischen Aktivitäten stehen auch sie unter Beobachtung. Schuld daran sind Gesetze, die dafür sorgen sollen, dass die amerikanische Kultur geschützt wird…

    „Unsre verschwundenen Herzen“ ist ein Roman von Celeste Ng.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus drei Teilen, die in verschiedene Kapitel untergliedert sind. Erzählt wird im Präsens: einerseits aus der kindlichen Perspektive von Bird, andererseits aus einer weiteren Perspektive. Der Aufbau ist durchaus schlüssig.

    In sprachlicher Hinsicht kommt der Roman nicht an frühere Werke der Autorin heran und schwankt in seiner Qualität. Allerdings gibt es einige sehr gelungene Passagen, die ich als poetisch und besonders ansprechend empfunden habe. Leider stören mehrere Übersetzungsfehler den Lesefluss.

    Die Figur Bird steht im Mittelpunkt der Geschichte. Durch seine kindlich-naiven Augen lernt die Leserschaft die dystopische Welt kennen.

    Wie schon frühere Romane Ngs ist die Geschichte gesellschaftskritisch angelegt, dieses Mal jedoch in der Zukunft verortet. Ausgangspunkt der Handlung sind anti-asiatische Hetze und Diskriminierung in den USA, nicht nur, aber vor allem als Folge der Pandemie. Auch weitere politisch rechte beziehungsweise faschistische Strömungen spielen eine Rolle, die ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen möchte.

    Ein weiterer Schwerpunkt sind Bücher, Märchen und die Kunst im Allgemeinen. Konkret werden die Fragen aufgeworfen, wie sich diese Ausdrucksformen für den Protest nutzen lassen, welche Kraft in ihnen steckt und wie sie sich unterdrücken lassen.

    Im Zentrum des Romans steht zudem ein Mutter-Sohn-Konflikt, der aufgrund der sonstigen Themenvielfalt allerdings bisweilen etwas in den Hintergrund tritt. Insgesamt wirkt der Roman auf mich recht überladen, denn das breite inhaltliche Spektrum sorgt dafür, dass sich die Geschichte nicht so intensiv und tiefschürfend entfaltet, wie ich es von der Autorin gewohnt bin.

    Das deutsche Cover ist geheimnisvoll und ein wenig düster, weshalb es gut passt. Der englischsprachige Originaltitel („Our missing hearts“) wurde erfreulicherweise wortgetreu übersetzt.

    Mein Fazit:
    Mit „Unsre verschwundenen Herzen“ hat Celeste Ng meine sehr hohen Erwartungen nicht in Gänze erfüllt. Dennoch ist auch ihr neues Buch ein lesenswerter Roman.

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  1. Düstere und realitätsnahe Dystopie

    "Unsere verschwundenen Herzen" ist das erste Buch aus der Feder von Celeste Ng, das ich las. Ich ging daher ohne spezifischen Erwartungen an die Lektüre des Buches heran. Die Thematik erinnert fast an den ein oder anderen argentinischen Roman, in dem Kinder auf mysteriöse Weise verschwinden. Doch in Ngs Roman ist der Schauplatz die USA einer ferneren Zukunft.

    Das Buch handelt vom Schicksal einer Familie, die infolge des PACT (Preservation American Culture & Tradition Act) auseinandergerissen wird. Im ersten Teil erfahren wir aus der Perspektive Birds, einem 12 jährigen Jungen, dass seine Mutter bereits in seiner frühen Kindheit die Familie verlassen hat. Sein Vater, ehemals Professor, nun Bibliotheksmitarbeiter in der Universität, mit dem er nun inmitten Harvards in einem studentischen Wohnheim lebt, nennt ihn fortan Noah und ist ansonst auch distanziert ihm gegenüber. Bird fühlt sich nicht wohl in dieser neuen Haut. Vor allem versteht er nicht, was eigentlich los ist. In seinerm Versuch, die Welt, in die er lebt, zu verstehen, begibt er sich auf die Suche nach seiner Mutter Margaret Miu. Als er sie tatsächlich dank seinen Recherchen in der Bibliothek findet, ist infolge der Trennung ihr Verhältnis zueinander recht distanziert. Mutter und Sohn müssen erst wieder zueinander finden. 

    Der zweite Teil ist von der Perspektive und dem Rückblick von Birds Mutter als Mirgrantenkind geprägt. Die Hintergründe ihres mysteriösen Verschwindens werden erläutert: Sie ist mit Ihrem Gedicht "Missing hearts", das als Referenzpunkt einer Widerstandsbewegung dient, in den Fokus der Behörden geraten. Um Ihr Kind zu schützen, hat sie sich dafür entschieden, es zu verlassen. Asiatischstämmige Menschen sind in Zeiten von Pact nicht mehr sicher. Sie werden diskriminiert, und Kinder werden verschleppt und in Pflegefamilien gegeben. All dies, da die USA China für Missstände die Schuld gibt. Bird spürt, dass Gefahr in der Luft liegt. Ob sein Vater diese wird bannen können?...

    "Unsere verschwundenen Herzen" hat eine sehr ernste Thematik, die große Paralellen zur gegenwärtigen USA hat, wie die Autorin im Nachwort erläutert. Dies zeigte unter anderen auch die Einordnung des des Corona-Virus als China-Virus durch den amerikanischen Präsidenten T. Allein dieser reale Bezugspunkt macht die Geschichte sehr lesenwert. In dem Maße war mir zuvor nicht bewusst, wie asiatischstämmige Menschen in den Staaten diskriminiert und verfolgt werden. Dennoch ist es eine fiktive Geschichte, eine düstere Dystopie, die Ng vorgelegt hat. Gut gefallen hat mir, dass hier Bibliotheken und Literatur zum Ort des Widerstandes werden. 

    Der erste Teil aus der Perspektive des Jungen konnte mich persönlich mehr packen als der zweite. Es erfolgt ein Bruch im Roman: Die eher mysteriösen, teils märchenhaften Schilderungen werden von einem realitätsnahen Bericht der Mutter abgelöst. Das ist einerseits gut gemacht und hat die Funktion, Hintergründe zu erläutern. Die Geschichte an sich verliert dadurch aber einen Teil ihres mysteriöösen Reizes. Den Bogen am Ende fand ich wichtig, bin mir aber bis jetzt nicht sicher, ob er mich überzeugt hat. 

    Insgesamt habe ich das Buch gerne gelesen, auch wenn ich aufgrund der Lobeshymnen auf dier Vorgängerromane der Autorin mehr erwartet hätte. Ich bleibe jedenfalls auf weitere Werke der Autorin neugierig.

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  1. Eine unheimlich Vision

    Celeste Ngs Roman „Unsre verschwundenen Herzen“ lässt mich zwiegespalten zurück. Der dystopische Roman, in dessen Mittelpunkt zunächst der Junge Noah, genannt Bird, steht, beginnt sehr stark in einer Version der USA, die leider gar nicht mal so unwahrscheinlich erscheint. Zum Schutz von amerikanischen Werten und Traditionen ist ein Gesetz erlassen worden, das in seinen Auswirkungen insbesondere asiatisch-stämmige US-Amerikaner stark diskriminiert. Birds Mutter hat als Folge von Ereignissen im Zuge dieses Gesetzes ihn und seinen Vater verlassen müssen, aber Bird verspürt das dringende Bedürfnis, sie zu suchen und zu finden.

    Die erste Hälfte des Romans, die auf bedrückende Weise von Birds Leben in diesem repressiven System berichtet und von seiner Spurensuche auf dem Weg zu seiner Mutter, ist sehr gelungen. Ng gelingt es hier die Verwirrung und Überforderung des Kindes darzustellen, seinen Wunsch nach Wissen und die Ungerechtigkeit und die Implikationen des Gesetzes. In diesem Teil finden sich ausgezeichnete Bilder und Metaphern, die Erzählweise ist sehr zurückhaltend und nüchtern, aber durch zahlreiche Verweise auf Märchen und die Gattung des Schauerromans atmosphärisch stimmungsvoll aufgeladen – es wird sehr eindrücklich dargestellt, wie nah das Unheimliche der Heimat ist. Kurzum – für mich war „Unsre verschwundenen Herzen“ bis zur Hälfte ungefähr ein ganz toller, sehr lesenswerter Roman.

    Der Rest des Romans konnte mich allerdings nicht mehr begeistern. Statt weiterhin mit dem Ominösen und dem Unbekannten zu spielen, wird nun sehr umfassend, detailliert und konventionell auf die Vergangenheit der Mutter eingegangen – sicherlich nicht uninteressant, aber der Roman verspielt auf gleich zwei Ebenen völlig sein Potenzial. So verliert die Mutter als Figur das Geheimnisvolle und das Vage, das sie für den Leser (und wahrscheinlich Bird) so reizvoll gemacht hat, während auch das dystopische Setting viel zu deutlich erklärt wird. Für den Leser bleibt (abgesehen von einer zugegebenermaßen zentralen Aktion) weder in Bezug auf die Mutter noch auf den dystopischen Kontext Raum, Widersprüche oder Fragen selbst aufzulösen oder überhaupt noch Hypothesen zu erschaffen. So verflacht der Roman in der zweiten Hälfte etwas, nimmt zu wenig die Mutter-Sohn-Beziehung in den Blick und kann letztlich nur am Ende, das noch eine spannende Frage aufgeworfen wird, wieder überzeugen.

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  1. 4
    04. Dez 2022 

    Bedrückende Dystopie mit bitterem Realitätsbezug...

    Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard. Seit einem Jahrzehnt wird ihr Leben von Gesetzen bestimmt, die nach Jahren der wirtschaftlichen Instabilität und Gewalt die »amerikanische Kultur« bewahren sollen. Vor allem asiatisch aussehende Menschen werden diskriminiert, ihre Kinder zur Adoption freigegeben. Als Bird einen Brief von seiner Mutter erhält, macht er sich auf die Suche. Er muss verstehen, warum sie ihn verlassen hat. Seine Reise führt ihn zu den Geschichten seiner Kindheit, in Büchereien, die der Hort des Widerstands sind, und zu seiner Mutter. Die Hoffnung auf ein besseres Leben scheint möglich. Eine genauso spannende wie berührende Geschichte über die Liebe in einer von Angst zerfressenen Welt. (Klappentext)

    Ein wenig fühlte ich mich zu Beginn des Lesens an 1984 (George Orwell) erinnert, denn auch Bird und sein Vater leben in einem totalitären Überwachungsstaat - in den USA. Tatsächlich ist dies ein dystopischer Roman, der sich jedoch ganz nah an der Grenze der heutigen Realität entlangbewegt und deshalb so unbequem ist. 

    Birds Mutter (Asiatin) hat die Familie verlassen, als ihr Sohn noch klein war. Seither lebt Bird mit seinem Vater alleine in einer winzigen Wohneinheit in einem Studentenwohnheim. Der Vater, einst Professor und nun Mitarbeiter in der Uni-Bibliothek, verhält sich stets korrekt und pflichtbewusst und legt auch Bird dringend nahe, sich möglichst unauffällig zu verhalten und auch bei negativen Erlebnissen unbeteiligt zu tun. Mit dieser Prämisse und einer wohlwollenden Lehrerin ist Bird bisher gut durchs Leben gekommen, doch nun gerät einiges in Wallung.

    Bird ist 12 Jahre alt, handelt zuweilen noch kindlich-naiv, beginnt sich mittlerweile aber auch eigenständig Gedanken zu machen. Er ist damit aufgewachsen, dass die Organisation PACT das gesellschaftliche Leben reglementiert, der Preserving American Culture and Traditions Act, das Gesetz zur Erhaltung amerikanischer Kultur und Traditionen. Ein Versprechen, die amerikanischen Werte zu schützen. Ein Versprechen, aufeinander aufzupassen. Ein Versprechen, dass diejenigen, die das Land mit unamerikanischen Ideen schwächen, mit Konsequenzen rechnen müssen. Ein Versprechen, das Willkür, Denunziation und Diskriminierung Tür und Tor öffnet. Ein Klima der Angst.

    Im Fokus von PACT stehen asiatischstämmige Menschen, denn China wird in dem Roman nachgesagt, Schuld an vielen Missständen in den USA in der Vergangenheit zu tragen. Wem da jetzt der glücklicherweise nicht mehr amtierende ehemalige Präsident der USA Tr... einfällt: richtig. Hier kommt der unbequeme Realitätsbezug. Durch seine "feinfühlige" Polemik hat Tr... in den USA seit Corona eine deutliche Zunahme von Hasskriminalität gegen asiatischstämmige Amerikaner bewirkt (siehe z.B. hier: https://www.tagesanzeiger.ch/wie-corona-und-trump-den-hass-auf-asiaten-schuerten-557996351892 ). Mit den Auswüchsen von genau dieser Hasskriminalität sehen sich asiatischstämmige Menschen auch in diesem Roman konfrontiert. Drangsalierungen von Seiten des Staates aber auch von Seiten der Gesellschaft sind hier gang und gäbe.

    Doch auch unabhängig von dem ehemlaigen Präsidenten gibt es in den USA fragwürdige Traditionen, die hier im Roman ebenfalls eine Bedeutung erhalten - so z.B. die Culture Wars an Schulen, das zunehmende Verbot von Büchern (bzw. der Versuch des Verbotes) durch Konservative und Rechte, und nicht zuletzt die Herausnahme von Kindern von Familien aus rassistischen und demografischen Gründen (American Natives, Trennung von Flüchtlingsfamilien an der mexikanischen Grenze). "Unsre verschwundenen Herzen" ist der Titel des Romans - und gleichzeitig der Titel eines Gedichtes, den die heimliche Untergrundbewegung gegen PACT als Slogan gewählt hat. Jedes einzelne aus der Familie genommene Kind ein verschwundenes Herz.

    Bird ist der Kosename, den seine Mutter ihm einst gegeben hat, und nun hat der Junge einen Hinweis entdeckt, wo er seine Mutter finden könnte. Seit Jahren gibt es keinen Kontakt mehr, doch nun möchte Bird Antworten. Er macht sich auf den Weg... 

    Erzählt wird zunächst aus der Perspektive von Bird, später aus der seiner Mutter, um dann wieder zu Bird zurückzukehren. Gerade den Wechsel hin zur Perspektive der Mutter empfand ich zunächst als einen Bruch, die Erzählung verlor dadurch für mich ein wenig an Fluss. Auch der eher sachliche Berichtstil, den die Rückblenden oft einnahmen, wirkte deutlich distanzierter als alles davor. Andererseits ist es nachvollziehbar, dass die Lesenden (genau wie Bird) nur so letztlich das ganze Ausmaß der Dramatik sowie die notwendigen Zusammenhänge erfassen können.

    Tatsächlich hat mir der Roman wirklich gut gefallen. Eine recht bedrückende aber nicht hoffnungslose Dystopie, die sich sehr nah an der Realität befindet und sowohl aktuelle als auch historische gesellschaftliche Missstände in den USA bemängelt. Eine deutliche Botschaft, die hier vermittelt wird, dazu für mich ausreichend emotionale Aspekte - oft nur angerissen, zuweilen jedoch auch sehr berührend.

    Lesenswert!

    © Parden

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  1. Ein Märchen?

    Autorin
    Celeste NG

    Inhalt
    Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard, Amerika. Sein Vater ist ein herausragender Wissenschaftler. Doch nachdem seine Frau untergetaucht ist, verrichtet er niedrige Dienste in der Bibliothek. Er bemüht sich in dem autokratischen Regime nicht aufzufallen und nicht mehr mit den Gedichten seiner Frau, einer Schriftstellerin, in Verbindung gebracht zu werden. Insbesondere seinem Sohn, vermittelt er eindringlich, seine Mutter zu vergessen. Seine Mutter Margaret Miu ist asiatischer Abstammung. Seit einer Wirtschaftskrise in Amerika gilt China als Staatsfeind Nummer 1. Ein Gesetz „PACT“ (Preserving American Culture und Tradition) soll für die Erhaltung amerikanischer Kultur und Traditionen sorgen, weshalb alles Asiatische unterdrückt und bekämpft wird.

    „Seine Mutter war Dichterin gewesen.
    Eine berühmte, hatte Sadie hinzugefügt, und er hatte nur die Schultern gezuckt. Gab es so was überhaupt?
    Soll das sein Scherz sein?, sagte Sadie. Alle kennen Margaret Miu.
    Sie überlegte.
    Naja, sagte sie, jedenfalls kennt jeder ihr Gedicht.“ (S. 31)

    Das Gedicht seiner Mutter, mit dem Titel „Unsere verschwundenen Herzen“, ist zur Parole der Widerstandsbewegung geworden.

    Nach langer Zeit findet Bird einen verschlüsselten Brief von seiner Mutter. Die Verschlüsselung kann er mithilfe einer Bibliothekarin, die ebenfalls zum Widerstand gehört, lösen. Er macht sich auf die Suche nach ihr. Die Spur führt nach New York, wo seine Mutter im Untergrund gegen das Regime arbeitet.

    Sprache und Stil
    Der Roman „Unsere verschwundenen Herzen“ ordnet sich in eine Dystopie ein, die Amerika im Jetzt oder in einer nicht allzu fernen Zukunft zeichnet. Celeste Ng nimmt in ihrem Nachwort einen zeitlichen Bezug auf die Corona-Pandemie, in der die anti asiatische Diskriminierung stark geschürt wurde von dem damaligen Präsidenten Donald Trump, der nachfolgende Aussage tätigte:

    „Es ist das China-Virus, nicht das Coronavirus. Corona klingt nach einem Ort in Italien, einem schönen Ort.“

    Der Beginn des Romans löst zunächst ein Gefühl der Leere aus, so als befindet man sich in einem Vakuum. Doch dieses Vakuum ist gefüllt mit Menschen, die versuchen, unsichtbar zu bleiben und nicht aufzufallen. Bird wird von seinem Vater immer wieder ermahnt, nicht aufzufallen. Anfangs ist er irritiert von den Ängsten seines Vaters, doch im Verlauf der Handlung versteht er die Zurückhaltung, die nur seinem Schutz dient.
    Mehr und mehr breitet sich der Raum aus. Über alles steht PACT, das Gesetz! PACT wacht darüber, dass der Feind sich nicht ausbreiten kann. PACT ist eine personifizierte Einrichtung. PACT ist überall. PACT sorgt für Ruhe und Sicherheit.
    PACT füllt das Vakuum. So wie Menschen verschwinden, verschwinden Bücher. Bird sucht ein Buch und findet es mithilfe einer Bibliothekarin. Bücher werden nicht verbrannt, „sie werden zerdrückt und zu Toilettenpapier recycelt“. Die Bibliothekarin kennt das Gesetz, doch befolgt sie es wirklich? Ein leises Fluchen von ihr über PACT vernimmt Bird und sie nennt seine Namen. Woher kennt sie seinen Namen? Offensichtlich existiert ein Widerstand tief im Untergrund. Was hat der Widerstand mit Büchern zu tun?

    Der Roman besteht aus zwei Erzählsträngen.

    Das Gesetz PACT beherrscht das Land. Die autoritäre Regierung sieht die „gelbe Gefahr“ in China und macht sie verantwortlich für die schwere „Krise“.

    „In den Nachrichten wird China als unsere größte langfristige Bedrohung bezeichnet […]“ (S. 80)

    Ein gegen alles Asiatische gerichteter Rassismus macht sich breit und stellt mit einer Politik das amerikanische Wohl über alles. Das maßgebliche Gesetz stellt alles „antiamerikanische“ und Asiatische an den Pranger und fördert gleichzeitig das Denunziantentum.

    Der Nebenstrang des Romans handelt von Kindern aus vermeintlich prekären Verhältnissen, die gegen den Willen ihrer Eltern kurzerhand zu Pflegeeltern gegeben werden. Der Titel des Romans „Unsere verschwundenen Herzen“ nimmt darauf Bezug. Celeste Ng beschreibt die Angst und Verzweiflung der Menschen. Birds Mutter hat sich abgesetzt, um ihre Familie zu schützen. Ihr Gedicht „missing hearts“ wird zum Slogan der Systemgegner.

    Zeilen aus ihrem Gedicht „missing hearts“ werden zur Erkennungslosung der Systemgegner. Literatur steht im Mittelpunkt des Widerstandes, von ihr geht die Kraft aus, eine Regierung unter Druck zu setzen. Der Widerstand gegen Politik und Kinderverschleppung formiert sich zwischen den Regalen der Bibliotheken.

    Es mutet wie im Märchen an, wie Literatur gegen Goliath aufbegehrt.

    Celeste Ng bringt Beispiele, die das verdeutlichen. Als Bird und sein Vater eine Pizza bestellen, werden sie anstandslos bedient. Während der Wartezeit kommt ein asiatischer alter Mann in die Pizzeria. Ihm wird sein Wunsch, eine Pizza zu kaufen, verwehrt. „Der Pizzaverkäufer schaut nicht einmal auf. Wir haben geschlossen, sagt er.“ (S. 84) Eine asiatische Frau wird auf der Straße zusammengeschlagen, ohne dass jemand hilft. Alle schauen weg.
    PACT ist überall. Das versucht sein Vater Bird zu vermitteln. Er soll nach Möglichkeit nicht auffallen. „Achte auf deinen Nachbarn“ steht auf einem Plakat und in Großbuchstaben am Rand: PACT.

    Celeste Ng beschreibt diese Details außerordentlich eindringlich und realitätsnah. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, umso mehr gerät der Stil der Autorin auf Ebene eines Jugendbuches. Das ist legitim, aber manche Passagen werden dadurch unglaubwürdig. Bird geht alleine nach New York, um seine Mutter zu finden. Bird ist zwölf und fällt nicht auf, wenn er alleine durch die Straßen irrt. Er findet die Herzogin, die weiß, wo seine Mutter sich aufhält.

    „Er stellt sich die bösen Königinnen aus den Märchen vor, die Bosheit mit Anmut tarnen.“ (S. 167)

    Er fährt mit ihr durch ein Labyrinth und trifft auf seine Mutter. Was will Celeste Ng mit diesem Stil erreichen? Ein ernsthaftes Thema als Märchen verpackt?

    Die Geschichte wirkt verschwommen, schablonenhaft und verliert Authentizität

    Fazit
    „Unsere verschwundenen Herzen“ befindet sich nahe der Realität, scheitert jedoch an der Umsetzung. Die Kitschgrenze wird gewaltig überschritten.

    Die hohen Erwartungen an den Roman haben sich nicht erfüllt. Celeste Ng kann anders schreiben.

    „Unsere verschwundenen Herzen“ ist eine Enttäuschung.

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  1. 4
    24. Nov 2022 

    Eher ein Jugendbuch

    Der neue Roman der amerikanischen Autorin Celeste Ng spielt in den USA in nicht allzu ferner Zukunft. Nach einer Wirtschaftskrise, die das Land ins Chaos stürzte, hat ein autokratisches System die Herrschaft übernommen. Für den wirtschaftlichen Niedergang macht man China mit seiner neuen Weltmachtstellung verantwortlich. Seitdem sehen sich asiatisch aussehende Amerikaner zahlreichen Diskriminierungen und Diffamierungen ausgesetzt, die z.T. auch brutale Ausmaße annehmen. Ansonsten ist das Land wieder zur Ruhe gekommen. Maßgeblich dazu beigetragen hat PACT - „ Preserving American Culture and Traditions Act“, das Gesetz zur Erhaltung amerikanischer Kultur und Traditionen. Damit wird alles, was als „ unamerikanisch“ gilt, verfolgt und ausgemerzt. So werden Bücher verboten und eingestampft und als besonderes Druckmittel werden regimekritischen Eltern ihre Kinder entzogen und in Pflegefamilien untergebracht.
    Doch es regt sich Widerstand im Land.
    Der zwölfjährige Noah, genannt Bird, ist die Hauptfigur im Roman. Er lebt allein mit seinem Vater, einem ehemals angesehenen Linguisten, in einer winzigen Zwei- Zimmer- Wohnung auf dem Campus von Harvard. Hierher sind sie gezogen, nachdem seine Mutter vor drei Jahren die Familie verlassen hat. Von ihr, Tochter von Einwanderern aus Hongkong, hat Bird sein asiatisches Aussehen. Das macht ihn zum Außenseiter. Noch mehr allerdings, dass ein Gedicht seiner Mutter, das der titelgebenden „ verschwundenen Herzen“, zur Parole der Widerstandsbewegung wurde. Birds Vater tut deshalb alles, um seinen Sohn zu schützen und nirgends unliebsam aufzufallen.
    Doch eines Tages findet Bird einen Brief seiner Mutter mit einer geheimnisvollen Botschaft und er macht sich auf die Suche nach ihr.
    Celeste Ng hat hier eine Dystopie entworfen, die nah an aktuellen Strömungen liegt. Wie sie in ihrem Nachwort schreibt, nahm während der Corona- Pandemie die antiasiatische Diskriminierung stark zu, geschürt noch von Präsident Trump, der vom „ China- Virus“ sprach. Und in der amerikanischen Geschichte hat diese Diskriminierung Tradition, denke man nur an die Internierung japanisch- stämmiger Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs.
    Wie Margaret Atwood in ihrer berühmten Dystopie „ Der Report der Magd“ greift Celeste Ng auf tatsächliche Geschehnisse aus der Geschichte zurück. So wurden in der DDR Eltern, die als Staatsfeinde galten, ihre Kinder weggenommen und in Kanada hat man über 100 Jahre lang indigene Kinder in christliche Internate gegeben und sie so ihrer kulturellen Identität beraubt. Das verschafft ihrem Roman Authentizität .
    Die Geschichte wird vorwiegend aus der kindlichen Perspektive Birds geschrieben. Dabei kommt man dieser Figur sehr nahe, nimmt Anteil an seinen Gefühlen und Gedanken. Ist er anfangs noch genervt von den Ängsten seines Vaters, seinem Duckmäusertum, versteht er im Verlaufe der Handlung, dass dies alles nur zu seinem Schutz und aus Liebe zu ihm geschah. Am Ende hat Bird auch verstanden, warum seine Mutter ihn verlassen musste und er kann sie bewundern für ihren Mut und ihren Einsatz. Mehr Happy- End gönnt uns die Autorin nicht und das ist gut so.
    Der Mittelteil gehört Margaret Miu, der Mutter. Sie erzählt ihre Geschichte, vom Aufwachsen als Migrationskind, das permanent zur Anpassung angehalten wird, vom Rückzug in die private Idylle, so lange, bis Wegschauen keine Option mehr ist. Diese mehr berichtende Erzählweise erschwert den emotionalen Zugang zu dieser Figur.
    Die Geschichte liest sich leicht und ist packend. Allerdings hat die Autorin ein Anliegen und eine eindeutige Botschaft, das gibt dem Roman etwas Konstruiertes und Schablonenhaftes. Die leicht märchenhaften Züge erschienen mir dagegen passend.
    Dass Celeste Ng der Poesie die Kraft zum Widerstand zuschreibt und Bibliotheken zu Orten der Auflehnung und der Zuflucht macht, erfreut natürlich jeden Bibliophilen, ist aber eher Wunschdenken.
    Für mich liest sich das Buch, trotz zahlreicher Verweise auf Reales, weniger als realistische Geschichte, sondern wie eine Parabel.
    Sprachlich konnte mich die Autorin nicht durchgängig überzeugen. Die kraftvolle Poesie kippt gegen Ende leider nahe hin zum Kitsch.
    „ Unsere verschwundenen Herzen“ ist eine spannende und bewegende Dystopie, die gegen staatliche Repressionen auf die Kraft von Liebe und Hoffnung setzt.
    Obwohl die Autorin hier hinter ihren ersten beiden Büchern erzählerisch und sprachlich zurückbleibt, so lohnt sich die Lektüre trotzdem. Vielleicht ist der Roman im Bereich „ Jugendbuch“ besser aufgehoben.

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  1. Spannende Dystopie

    Spannende Dystopie

    Celeste Ng hat mit " Unsre verschwundenen Herzen" einen dystopischen Roman verfasst, der mich stellenweise sehr nachdenklich gestimmt hat. Denn PACT, das System, welches hier im Roman zu Grunde liegt, ähnelt einigen anderen totalitären Ereignissen, die uns allen bekannt sind, außerdem ist nicht undenkbar, dass fanatische Menschen es schaffen, mit ihrem handeln auch heutzutage Ähnliches zu bewirken.

    Bird führt durch die Handlung, und wird nun, nachdem seine Mutter Margaret Miu fort ist, von seinem Vater nur noch Noah genannt. Der Kosename, der ihm Flügel verleihen sollte, darf nicht mehr benutzt werden, es könnte gefährlich werden für Noah. PACT hat es sich zur Aufgabe gemacht Menschen zu schützen, wie so oft geschieht dies durch Kontrolle und Selektion. Es wird zwar nicht öffentlich gemacht, doch Menschen mit asiatischen Hintergrund werden verfolgt. Birds Mutter gehört dazu, doch dem Leser wird erst spät im Buch klar, welche Rolle sie in dem Ganzen spielt. Fakt ist, dass sie ihren Sohn verlassen hat, ihn bei seinem Vater Ethan lässt, und dieser es nun sehr schwer hat. Bücher, seine Leidenschaft, schon Berufs wegen, wurden größtenteils verbannt. Sie unterliegen einer strengen Zensur, man muss aufpassen, was man sagt, und auch Kinder verschwinden. Diese Angst treibt Noahs Vater ständig um, er verbietet Noah viel, er soll z. B. nach der Schule auf direktem Weg nach Hause gehen. Wenn vermutet würde, dass Ethan sich gegen PACT richtet, seinen Sohn dazu ermutigt, könnte man Bird wegholen, in eine Pflegefamilie.

    Genau dieses Schicksal erlitt Sadie, die einzige wirkliche Freundin die Bird hat. Doch als auch Sadie irgendwann fort ist, und Bird einige Situationen bewusst mitbekommt, beginnt er zu verstehen und macht sich auf die Suche nach seiner Mutter. Er hat ein paar Hinweise gefunden, die seine Mutter für ihn deponiert hat, in der Hoffnung, er möge sie finden. Er macht sich auf den Weg, um nebenher auch das Gedicht über die verschwunden Herzen zu ergründen, ein Gedicht, dass seine Mutter einmal verfasst hat, das ihr dann zum Verhängnis wurde……

    Diese Dystopie ist spannend und regt zum nachdenken an. Sie ist leicht verständlich und der Leser wird locker durch die Handlung geführt. Dennoch habe ich ein wenig die Tiefe vermisst, die ich sonst von den Romanen der Autorin kenne. Das soll aber nicht heißen, dass ich das Buch deshalb ungern gelesen habe. Von mir gibt es trotzdem eine Leseempfehlung! Auch an ältere Jugendliche, die mit dieser Thematik bereits umgeghen können und denen der Roman sicher gefallen wird.

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  1. Nur einen Schritt von der Realität entfernt

    Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard. Nur mit seinem Vater, denn seine Mutter hat die Familie schon vor vielen Jahren verlassen. Seine Mutter, die er vermisst. Seine Mutter, die nicht aus Eigennutz gegangen ist, sondern um ihr Kind zu schützen. Seine Mutter, von der Bird die asiatischen Gesichtszüge geerbt hat, die ihn jeden Tag aufs Neue in Gefahr bringen. Sie ist fort, ihre Gedichte indes sind immer noch allgegenwärtig, denn sie sind zum Schlachtruf des Widerstands geworden.

    In Amerika herrscht das Gesetz von PACT, des Preserving American Culture and Traditions Act, das nach DER KRISE die amerikanische Kultur bewahren soll. Asiatisch aussehende Menschen werden diskriminiert, denn China ist der Feind, der Sündenbock für den Kollaps des Systems. Amerikanern asiatischer Abstammung, sowie Menschen, die als angebliche Sympathisant:innen auffallen, werden beim kleinsten Anlass die Kinder weggenommen und zur Adoption freigegeben – die titelgebenden verschwundenen Herzen.

    Als Bird einen Brief seiner Mutter erhält, beginnt für ihn eine Odyssee, um ihren Spuren zu folgen. Die Märchen seiner Mutter führen ihn in die Bibliotheken, die insgeheim Horte des Widerstands sind.

    Hintergrund: Kinder als Druckmittel

    CELESTE NG erzählt ein dystopisches Märchen, das leider nur allzu fest verwurzelt ist in der Realität; Kinder wurden und werden aus politischen Gründen von ihren Eltern getrennt. Mal wird es als ultimatives Druckmittel eingesetzt, als Werkzeug der Kontrolle: ‘Unterwirf dich dem System, sonst verlierst du dein Kind.‘ Dann wieder geschieht es, um die Kinder aus rassistischer Ideologie und/oder ultranationalistischer Verblendung heraus umzuerziehen, sie in ein vermeintliches völkisches Ideal zu pressen. Der Rechtfertigungen sind viele, doch die Tragödie ist immer wieder dieselbe.

    Exkurs 1

    Da sind die Kinder, die zur Zeit der Präsidentschaft Donald Trumps an der Grenze von ihren Eltern getrennt und dann in Käfige gesteckt wurden, um illegale Einwanderer davon abzuhalten, Asyl zu beantragen. Eine Unmenschlichkeit sondergleichen.

    Da sind die ‘Gestohlenen Generationen’: zehntausende Kinder indigener Eltern (manche Quellen gehen sogar von hunderttausenden aus), die im 20. Jahrhundert in Australien ihren Eltern entrissen wurden, um sie als potentielle Arbeitskräfte in die weiße Gesellschaft zu assimilieren. Heranzucht einer vermeintlich niederen, aber nützlichen Klasse?

    Es gibt allzu viele weitere Beispiele, in allzu vielen Ländern. Nordkorea. Die DDR. Japan. SO viele, ZU viele verschwundene Herzen, eine menschenverachtende Grausamkeit die durch den dünnen Firnis der Zivilisation blutet.

    Hintergrund: Antiasiatische Gewalt

    Die Instrumentalisierung von Kindern als Mittel politischer Kontrolle ist nur ein Teil des faktischen Fundaments der Geschichte. Antiasiatische Gewalt ist eine weitere Ebene, und auch die ist leider nicht aus der Luft gegriffen; in den USA, wo der Roman spielt, hat antiasiatischer Rassismus eine lange Tradition.

    Exkurs 2

    Im Jahr 1871 gab es in Los Angeles Massenlynchmorde; hunderte von weißen Menschen stürmten als wütender Mob das chinesische Viertel der Stadt und richteten ein Gemetzel an. Im Zweiten Weltkrieg wurden 120.000 Japaner und japanischstämmige Amerikaner in Internierungslager gesperrt.

    Seit dem ersten bekannten Ausbruch des Coronavirus sind antiasiatische Hassverbrechen in den USA um 361 Prozent gestiegen – “China virus”, “China plague”, die Rhetorik Donald Trumps hält sich bis zum heutigen Tag.

    Von der Dystopie zum Märchen

    In der Tradition der klassischen Dystopien ist »Unsre verschwundenen Herzen« nur eine Haaresbreite von unserer Realität entfernt – die Geschehnisse sind tief verwurzelt in der kollektiven Vergangenheit der Menschheit und gleichzeitig eine erschreckend plausible Zukunftsvision. Celeste Ng verleiht dem eine beklemmende Allgemeingültigkeit: Dies kann überall und jederzeit geschehen.

    Für einen Großteil des Buches sehen wir die Ereignisse aus der kindlichen Sicht von Bird, der aufgewachsen ist mit den Märchen, die seine Mutter ihm erzählte. Unbewusst und unterschwellig setzt er die Dinge, die ihm geschehen oder die er beobachtet, daher auch in den Rahmen eines klassischen Märchens, einer kindlichen Heldenreise, und das ermöglicht ihm Hoffnung in scheinbar hoffnungslosen Zeiten: Denn am Schluss gewinnt doch immer das Gute, oder nicht?

    Celeste Ng findet leise, oft geradezu poetische Worte für das Unerträgliche. Immer wieder verwendet sie atmosphärisch dichte Bilder und sprechende Namen, um den Eindruck eines dystopischen Märchens noch zu verstärken, und das hatte für mich einen enormen emotionalen Widerhall, ohne billige Sentimentalität. Fein dosiert lässt sie die ein oder andere Szene jäh herausbrechen aus der dichterischen Distanz, in schonungsloser Nahaufnahme, und das Gesamtbild ist in meinen Augen ein sehr überzeugendes.

    Kritikpunkte

    Das Märchenhafte tut dem realistischen Fundament der Geschichte meist keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Es sind gerade die realistischen Passagen, die manchmal abrutschen ins nicht mehr hundertprozentig Plausible.

    Ein Beispiel: In der beschriebenen Gesellschaft wird alles kontrolliert, jeder noch so kleinste Verstoß direkt geahndet. Dennoch kann man Protestaktionen anscheinend problemlos mit dem Smartphone filmen, ohne dass herbeigeeilte Ordnungshüter:innen die Geräte direkt einkassieren oder die Besitzer:innen einsperren. Dadurch wird die Glaubhaftigkeit meines Erachtens überstrapaziert, denn in vielen anderen Szenen wird deutlich, dass schon ein falsches Wort ausreicht, um in den Mahlstrom des Systems zu geraten.

    Aber das sind meines Erachtens seltene Misstöne, die sich noch verschmerzen lassen. Ja, es wird manches offen gelassen. Nein, es ist nicht immer alles überzeugend. Aber das fügt sich ein in die Erlebnisse eines Kindes, für das die Welt der Erwachsenen ohnehin fundamental unverständlich ist. Die kindliche Perspektive gereicht dem Buch hier zum Vorteil. Dennoch mache ich dafür leichte Abstriche in meiner Bewertung.

    Charaktere

    Jeder Charakter zeigt die Problematik aus einer anderen Perspektive.

    Bird ist noch sehr kindlich und begreift erst im Verlauf des Buches, dass schon die Form seiner Augen ihn in Gefahr bringt. Für einen Großteil des Romans ist er der Perspektivcharakter und wird daher auch am differenziertesten gezeichnet. Kindercharaktere misslingen nur allzu leicht, doch Celeste Ng gelingt es, seine kindlichen Gedanken authentisch und glaubhaft wiederzugeben. Auch Birds Freundin Sadie, die selber eines der Kinder ist, die ihren Familie entrissen wurden, und daher im Zentrum der Ereignisse steht, ist großartig geschrieben. Zornig und entschlossen macht sie sich schon lange vor Bird auf die Suche nach ihren Eltern, doch die beiden werden sich im Verlauf der Handlung noch wiedersehen – ganz märchenhaft im Haus einer Herzogin.

    Birds Vater ist das Sinnbild eines Elternteils, das alles tun würde, um das eigene Kind zu schützen. Er unterwirft sich einem ungerechten System, damit Bird ihm nicht weggenommen wird, hält auch den Jungen zur bedingungslosen Anpassung an. Trag deine Mütze tief in die Augen gezogen, schau den Menschen auf der Straße nicht ins Gesicht, benutze ausschließlich diese Straßen und komm nach der Schule direkt nachhause, schreibe in deinen Schulaufsatz, wie toll du PACT findest und wie sehr es die Gesellschaft schützt.

    An Birds Mutter Margaret wiederum zeigt die Autorin, wie einfach es ist, wegzuschauen, solange es einen nicht selbst betrifft, und wie schnell sich das ändern kann. Ich möchte hier noch nicht zu viel verraten, aber Margaret gerät ins Visier von PACT, ohne auch nur mit dem Widerstand zu sympathisieren. Doch sie weiß, dass ihr das niemand glauben wird. Dass es sie dass nicht schützen wird. Dass es Bird nicht schützen wird. Sie kann die Augen nicht mehr vor dem Unrecht verschließen, und so entscheidet sie sich dafür, abzutauchen, und macht danach ein enormes inneres Wachstum durch.

    Fazit

    Nach einer vernichtenden nationalen Krise trat in Amerika PACT in Kraft, der Preserving American Culture and Traditions Act – im Grunde wenig mehr als gesetzlich festgeschriebene Weiterreichung der Verantwortung und Schuld an einen Sündenbock: China. Die Diskriminierung von Amerikaner:innen mit asiatischen Wurzeln wird als Ventril für die Frustration der Bevölkerung nicht nur gebilligt, sondern sogar angeheizt. Kinder werden ihren asiatischen oder ‘problematischen’ Eltern weggenommen, umbenannt und in ausgewählte Familien weitergereicht – dies sind die ‘verschwundenen Herzen’.

    Celeste Ng verwebt Themen mit realen Grundlagen zu einer Dystopie mit märchenhaftem Flair und findet dafür eine Sprache, die gut zu Bird, dem kindlichen Protagonisten, und seinem Versuch, aus einer angsteinflößenden Realität Sinn zu machen, passt. Das einzige Manko ist in meinen Augen, dass nicht alle Dinge sauber durchkonstruiert erscheinen, was ich durch das Märchenhafte aber noch für verzeihlich halte.

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  1. Dystopie- nah an der Realität

    Noah ist 12 Jahre alt, doch sein Name "fühlt sich immer noch wie eine Halloween-Maske an, gummiartig und unangenehm, etwas, das nicht richtig sitzt." (13)

    Denn eigentlich ist er Bird - so hat ihn seine Mutter immer genannt, die ihn und seinen Vater Ethan jedoch vor drei Jahren verlassen hat, warum, erfährt man zunächst nicht.

    Zu Beginn der Handlung erhält Bird einen Brief von ihr.

    "Natürlich aufgerissen und wieder versiegelt mit einem Aufkleber, wie alle Briefe: Geprüft zu Ihrer Sicherheit - PACT." (11)

    Die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft in den USA, in der die Regierung nach einer drei Jahre andauernden Krise, deren Ursache im Unklaren bleibt, ein Gesetz (PACT) beschlossen hat, das verspricht, "amerikanische Ideale und Werte" zu schützen und "gegen unamerikanische Ideen" zu verteidigen. Als Sündenbock für die Krise hat man sich auf China geeinigt - "diese gefährliche, ständige gelbe Bedrohung" (197) - was für Menschen, die asiatisch aussehen bedeutet, dass sie offen auf der Straße angepöbelt werden dürfen, dass es gewaltsame Übergriffe gibt, während alle anderen zusehen. Als Druckmittel nimmt die Regierung Kinder aus den Familien heraus, die sich gegen PACT und gegen die Regierung selbst stellen. Die "verschwundenen Herzen" kommen in Pflegefamilien und die ursprünglichen verhalten sich still, in der Hoffnung ihre Kinder auf diesem Weg wieder zurückzubekommen.

    Der Begriff "verschwundene Herzen" stammt aus einem Gedicht von Birds Mutter Margaret Miu, "einer Person of Asian Origin" (17), die als Verräterin gilt. Deshalb stehen Bird und sein Vater unter Beobachtung. Sein Vater, einst Linguistikprofessor, arbeitet inzwischen in der Universitätsbibliothek in Harvard und bläut seinem Sohn ein, nicht aufzufallen, unter dem Radar zu fliegen, keinerlei Aufsehen zu erregen. Allein sein Aussehen veranlasst andere Menschen ihn anzugreifen. Doch Bird schlägt die Warnungen in den Wind und macht sich auf die Suche nach seiner Mutter - ein Abenteuer, das ihn nach New York führt.

    Wie die Autorin im Nachwort schreibt, ist ihr Romans dicht an der Realität.

    "Mit dem Beginn der Pandemie im Jahr 2020 ging ein starker Anstieg antiasiatischer Diskriminierung einher, aber auch das ist kein neues Phänomen: In der amerikanischen Geschichte hat diese Diskriminierung lange und tiefe Wurzeln." (393, Nachwort)

    Auch die Tradition Kinder als Druckmittel einzusetzen, ist leider keine Erfindung der Autorin. So gab es in den USA "staatliche Internate für indigene Kinder, (...) und die nach wie vor stattfindende Trennung von Migrantenfamilien an der Südgrenze der USA" (393, Nachwort).

    Während der erste und letzte Teil aus der Perspektive des 12-jährigen Birds erzählt werden, erfährt man im Mittelteil im Stil eines Erzählberichtes die Geschichte Margarets. In der Leserunde herrschte Konsens darüber, dass dieser Part aufgrund der Erzählweise weniger berührend ist, dass er dazu dient, die Ereignisse gestrafft zusammenzufassen, die zur Situation in der Gegenwart geführt haben. Der letzte Teil "reißt" den Roman dann wieder raus. Er ist unglaublich spannend und wartet mit einer starken Idee des Protests auf, die verdeutlicht, wie wichtig jedes einzelne Schicksal ist.

    Insofern rüttelt der Roman auf und zwingt, genau hinzusehen und die Augen nicht vor der Diskriminierung zu verschließen, sondern laut davon zu sprechen, Zeugnis abzulegen, damit nichts vergessen wird.

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  1. 4
    11. Nov 2022 

    Sehnsucht

    In einer nicht allzu fernen Zukunft lebt der zwölfjährige Noah, der von seiner Mutter immer Bird genannt wurde, mit seinem Vater im Wohnheim einer Uni. Seine Mutter ist vor einigen Jahren verschwunden. Sie gehörte zur Gruppe der asiatisch-stämmigen Amerikaner, die seit der Krise großen Repressalien ausgesetzt sind. Bird lebt nun allein mit seinem Vater, der in der Bibliothek arbeitet. In der Öffentlichkeit wird Bird Noah genannt und er soll sich möglichst unauffällig verhalten. Am besten sollte er garnicht zu sehen sein, damit seine asiatische Herkunft nicht auffällt. Doch der Junge vermisst seine Mutter. Gibt es keine Möglichkeit, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

    Bekommt Bird eine Möglichkeit, seine Mutter wiederzusehen. Manchmal fragt er sich, ob er sich überhaupt noch richtig an sie erinnert. Und sein Vater spricht nicht. Immer mahnt er zur Vorsicht. Natürlich wissen sie in der Schule, dass Birds Mutter Asiatin war und so ist sein Stand in der Klasse nicht besonders. Während einer kurzen Phase war seine Klassenkameradin Sadie ein Lichtblick in seinem Leben. Doch Sadie, in einer ähnlichen Situation wie er, verschwand von einem Tag auf den anderen. Nach einem winzigen Zeichen beginnt Bird gegen alle Widerstände nach seiner Mutter zu suchen.

    Dieser dystopische Roman erzählt von einem Amerika, von dem man hofft, dass es so nie oder nie wieder bestehen möchte. Auch wenn man sich gerade in der heutigen Zeit mit Hoffnungen etwas schwer tut. Gerade zu Beginn des Buches fällt es einem schwer sich in Birds Lage zu versetzten. Etwas Ungläubig steht man davor und denkt, eigentlich kann es das nicht geben im Land der Freien. Wieso sind sie so? Schnell kommt die Überlegung, sind wir anders? Fast schon erleichtert macht man sich mit dem gewitzten Bird auf die Suche. Doch irgendwann ändert sich der Tonfall und die Erzählung wirkt mehr wie ein Bericht. Dieser kühle Ton macht es noch schwerer zu ertragen, was man vorgesetzt bekommt. Geradezu herzzerreißend wird die Handlung zum Ende hin. Dieser Roman angesiedelt in einer bedrückenden Welt hat doch auch etwas hoffnungsvolles.

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  1. Düsteres Szenario

    Inhalt (Klappentext):
    Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard. Seit einem Jahrzehnt wird ihr Leben von Gesetzen bestimmt, die nach Jahren der wirtschaftlichen Instabilität und Gewalt die »amerikanische Kultur« bewahren sollen. Vor allem asiatisch aussehende Menschen werden diskriminiert, ihre Kinder zur Adoption freigegeben. Als Bird einen Brief von seiner Mutter erhält, macht er sich auf die Suche. Er muss verstehen, warum sie ihn verlassen hat. Seine Reise führt ihn zu den Geschichten seiner Kindheit, in Büchereien, die der Hort des Widerstands sind, und zu seiner Mutter. Die Hoffnung auf ein besseres Leben scheint möglich.

    Meine Meinung:
    Celeste Ng beschreibt in ihrem neusten Buch ein düsteres Amerika. Es ist nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern vielmehr eine Art Überwachungsstaat. Die Post wird kontrolliert, es gibt staatliche Zensur. Die Schulkinder werden indoktriniert und wer dieses Vorgehen hinterfragt oder vielleicht sogar kritisiert, muss mit Repressionen rechnen. In einer schweren Wirtschaftskrise mit allen einhergehenden negativen Auswirkungen wie Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungerechtigkeit muss ein Sündenbock gefunden werden und in diesem Fall ist es das prosperierende China und damit alles asiatisch Anmutende. Die PAOs (Person of Asian Origin) werden diskriminiert und oft auch schikaniert und vieles erinnert an die Behandlung der Juden in Deutschland in den 30er Jahren. Trotz oder vielleicht auch ob dieser beklemmenden Atmosphäre konnte mich die Geschichte emotional nicht packen. Man begleitet den jungen Bird auf der Suche nach seiner Mutter und erfährt auch einiges über ihre Lebensgeschichte, aber die Figurenzeichnungen blieben leider weitgehend blass und indifferent. Das sprachliche Niveau ist gut, aber die Story an sich eher dünn.
    Alles in allem fand ich das Buch enttäuschend. Nach den großartigen letzten beiden Büchern von Celeste Ng hatte ich mir doch mehr erhofft.

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  1. Irgendwo gibt es immer Hoffnung

    Kurzmeinung: Dieser Roman ist nett. Das ist sein Problem.

    Die große Harmonie, die man beim Lesen dieses Romans verspürt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Autorin einem ernsten Thema widmet, dem Kindesentzug durch staatliche Stellen. Doch über all dem liegt eben auch das märchenhafte Geschehen, wie Bird seine verschwundene Mutter wiederfindet, indem er den Brotkrumen, die sie ihm zukommen lässt, folgt. Ein bisschen ist es ein Hänsel- und Gretelbuch. Die Hexe ist freilich der böse Staat.

    Mit PACT hat die amerikanische Regierung auch wirklich ein probates Mittel gefunden, die renitente Bevölkerung einzuschüchtern. PACT heißt Preserving American Culture and Traditions, zu deutsch "Gesetz zur Einhaltung amerikanischer Kultur und Traditionen" und hört sich auf den ersten und zweiten Blick gar nicht verkehrt an. Es ist ja nichts dagegen zu sagen, Gebräuche und Sitten zu wahren. Aber, was ist „amerikanisch“ und was nicht? Schwierig wird es auch, wenn Menschen mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, aber mulitkulturellem Hintergrund grundsätzlich mit Vorbehalten rechnen müssen; in den „Verschwundenen Herzen“ werden ausnahmsweise einmal asiatische Menschen diskriminiert. Böse bleiben aber die weißen Mehrheiten. War ja klar.

    Der Kommentar:
    Man folgt Birdie gerne, solange er herauszufinden versucht, warum Paps nie über Mam spricht und warum er sich unauffällig verhalten soll und über diverse Ungerechtigkeiten hinweggehen muss. Mit ihm rätselt man, was wohl geschehen ist, warum PACT so biestig sein kann und warum man nicht darüber sprechen darf. Allmählich kristallisiert es sich heraus, dass Mam in den Untergrund gegangen ist. Und ab jetzt hätte es spannend werden können.

    Doch Celeste Ng verlässt ihren betulichen aussschweifenden Erzählstil nicht ein einziges Mal, nie wird einem Angst und Bange. Gut für den Blutdruck. Gleichzeitig fragt sich der Leser, wie Gedichte und Geschichten allein etwas ändern sollten, zumal sich die Widerstandskämpfer ziemlich ungeschickt anstellen und sich kaum organisieren. Sie sind Idealisten allesamt. Viele, wie Mam selber, sind unfreiwillig im Untergrund gelandet. Öffentliche Bibiliotheken als Hort des Widerstands, wie Ng auswählt, haben etwas Traumwandlerisches, Verträumtes, allzu Märchenhaftes. Gelobt seien die Bibliophilen! Beweihräuchern wir uns ein wenig selbst! Andererseits könnten ja auch kleine Schritte irgendwann einmal zu einem großen Schritt führen. Allerdings bleibt diese Hoffnung vage.

    Fazit: „Unsere verschwundenen Herzen“ ist ein herziger Roman. Es ist angenehm zu lesen; es tröstet sogar ein wenig, indem es verspricht, dass kleine Nadelstiche auch etwas sind. Ob dies der Realität entspricht, können nur die entscheiden, die einmal in einem diktatorischen Regime leben mussten. Seine Grundaussage, „irgendwo ist immer Hoffnung“ ist allerdings arg banal.

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag dtv, 2022

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  1. 5
    04. Okt 2022 

    Erschreckend und berührend

    Im Buch geht es um Bird, welcher eigentlich Noah heißt. Noah heißt er aber erst wieder, seit seine Mutter vor einer Weile verschwunden ist. Bird weiß, dass ihr Verschwinden etwas mit PACT zu tun hat. Dies ist ein Gesetz, welches nach einer schweren Krise den Frieden in der Gesellschaft bewahren soll. Daher sollen unamerikanische Werte verboten werden. Und um dieses Ziel zu wahren, ist in den Augen der Regierung jedes Mittel recht, was vor allem zur Diskriminierung asiatischer Menschen führt.
    Als Bird einen Brief von seiner Mutter bekommt, brechen alte Wunden plötzlich wieder auf und er muss sich entscheiden: Den Kopf gesenkt halten und nicht auffallen oder seine Mutter finden.

    Das Buch hat eine sehr beunruhigende Stimmung. Das Unwohlsein der Hauptcharaktere wird sehr gut herübergebracht. Man merkt, dass sie viele ihrer ganz alltäglichen Handlungen hinterfragen müssen, um keine negative Aufmerksamkeit zu erregen.
    Vor allem die Sichtweise durch Bird, der ja noch ein Kind ist, ist sehr spannend. Es macht das Ganze noch einmal interessanter, weil die Möglichkeiten eines Kindes noch beschränkter sind, wodurch man sich in dieser Welt noch etwas hilfloser fühlt.
    Die Welt, welche die Autorin aufbaut, wird stetig etabliert, umso weiter wir in die Geschichte eintauchen. So wird uns das Ausmaß des Schreckens konsequent weiter aufgezeigt. Man sieht immer mehr hinter die Fassade, an der Birds kindliches Ich zuerst noch festhielt.
    Die Story ist sehr erschreckend und es wird wirklich gut dargestellt, wie langsam aber sicher sich die Veränderungen einschleichen, bis sie so extrem sind, wie sie sind.
    Und selbst mit dieser Extremität ist es erschütternd, welche Parallelen man zur Geschichte und Gegenwart unserer Realität wahrnehmen kann.

    Die Geschichte ist herzzerreißend und berührend und zeichnet eine extreme, aber nicht unrealistische Welt ab, bei der jedem von uns daran liegen sollte, Schrecken wie diese zu verhindern.

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  1. Dystopisch, aber auch real

    Ein Brief seiner Mutter bringt den zwölfjährigen Noah dazu, einiges in seinem Leben zu hinterfragen. Warum ist seine Mutter vor drei Jahren aus seinem Leben verschwunden und warum hat sich sein Vater so verändert? Nach Unruhen wurde in Amerika ein Gesetz erlassen, das wieder Sicherheit und Stabilität bringen sollte. Doch PACT sorgt für Misstrauen und Unterdrückung. Noah, der früher Bird genannt wurde, macht sich auf die Suche nach seiner Mutter.
    Diese Dystopie zeigt ein Szenario auf, welches nicht unrealistisch erscheint. Die Geschichte spielt in einem Amerika in naher Zukunft. Wenn etwas nicht richtig läuft, ist man geneigt, einen Schuldigen zu finden. Hier sind es nicht Menschen, denen man unamerikanisches Gedankengut und unpatriotisches Verhalten unterstellt, allen voran den asiatisch-stämmigen Menschen. Kinder werden aus angeblich unpatriotischen Familien genommen, Bücher werden zensiert und verbrannt, Denunziantentum wird gefördert. Alles schon mal dagewesen.
    Margaret Miu, Birds Mutter, ist drei Jahre zuvor verschwunden. Noah lebt mit seinem Vater beengt und zurückgezogen. Da über die Mutter nicht mehr geredet werden darf, erinnert sich Bird kaum noch. Doch der Brief seiner Mutter und seine Nachforschungen holen viele Erinnerungen hoch. Er will wissen, warum sie ihn verlassen hat. Dabei entdeckt er, dass es im Geheimen Widerstand gibt. Ich konnte mich in Bird hineinfühlen, aber auch das Verhalten seines Vaters konnte ich nachvollziehen, auch wenn ich mir ein wenig mehr Courage gewünscht hätte.
    Es ist eine Geschichte, die unter die Haut geht. Dabei hätten die Emotionen ruhig noch deutlicher dargestellt werden können. Dafür war die bedrückende und bedrohliche Atmosphäre in diesem tyrannischen Überwachungsstaat gut dargestellt
    Eine spannende und bedrückende, aber auch berührende Geschichte.

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  1. 2
    27. Sep 2022 

    Dystopisches Märchen mit poetischen Längen

    Eine Dystopie in nicht allzu ferner Zukunft, die USA in der Krise - man sucht Schuldige und findet sie: asiatisch-stämmige Amerikaner. Ein System von Misstrauen und Unterdrückung wird aufgebaut, legitimiert durch PACT – ein Gesetz gegen unamerikanisches Gedankengut und Verhalten. Infolge tritt die mündliche Überlieferung an die Stelle der schriftlichen – ein zivilisatorischer Rückschritt, typisch für einen Überwachungsstaat.

    Teil 1 des Romans wird aus der Sicht von Bird erzählt, einem 13jährigen Jungen, Sohn eines WASP-Vaters und einer chinesisch-stämmigen Mutter. Diese hat die Familie vor drei Jahren verlassen – und seitdem will Birds Vater sie nicht einmal mehr erwähnen. Margaret, so vermutet man bald, ist in den Untergrund gegangen, um gegen PACT zu opponieren – vor allem gegen die Kindesentführungen, die ideologisch abweichende Familien erleiden müssen. Das alles erfahren wir peu á peu durch kleine Erinnerungsfetzen, ausgelöst durch einen Brief der Mutter an Bird.

    Im zweiten Teil des Buches, aus der Perspektive von Birds Mutter erzählt, erfahren wir den wahren Grund für Margarets Verschwinden. Welche Mutter würde ihr Kind verlassen, um einem politischen Kampf den Vorrang zu geben? Ein interessanter Konflikt wäre das – doch Ngs butterweiche Erklärung ließ mein Interesse an dem Roman auf den Nullpunkt sinken.

    Seltsam auch, dass Ng sich entschieden hat, in ihrer Welt keinerlei Social Media existieren zu lassen. Das ist insofern schade, als dadurch eine Menge Komplexität und Gegenwartsbezug verloren gehen.

    Den Abschluss im dritten Teil – die Erfüllung von Birds Heldenreise - fand ich völlig unglaubwürdig, unter den Möglichkeiten der Figuren, so wie sie angelegt sind, und schrecklich romantisch. Ein Ende in altrosa und taubenblau.

    Was gefiel mir an dem Buch: Es beschwört die Macht der Worte und Geschichten – Bibliotheken als Orte des Widerstands – und die subversive Kraft von Kunst. Es zeigt die Wirksamkeit einfacher Erklärungen in Zeiten der Krise. Es thematisiert Kindesentzug und Zwangsassimilationen von Kindern als staatliches Machtmittel – bis heute praktiziert gegenüber den Native Americans, die im Roman allerdings keinerlei Erwähnung finden. Brisante, wichtige Themen.

    Tatsächlich hat der Stoff des Romans großes Spannungspotential. Die Trump-Ära mit ihrer Hetze gegen die „China-Flu“ Corona hat ihre Spuren hinterlassen. Ng will aufrütteln, nur wählt sie für ihren Zweck die falschen Mittel. Allzu poetisch und weitschweifig kommt ihr Text daher; er kann bei mir keine Betroffenheit auslösen. Der Erzählton ist elegisch, fast märchenhaft. Die Handlung entwickelt sich behäbig und bekommt Längen durch Ketten von lyrischen Metaphern und Vergleichen. Nach dem ersten Drittel habe ich zeitweilig nur noch quergelesen. Keine Spur von dem scharfen Blick, mit dem Ng in ihren vorigen Romanen Familien im komplexen Umfeld der amerikanischen Gesellschaft analysiert hat. Stattdessen eine süßliche Rebellenfabel, inhaltlich und sprachlich phrasenhaft und/oder purer Kitsch. Pfirsichfarbene Sonnenaufgänge. „Gewisse Dinge müssen persönlich erledigt werden.“ „Es war einmal ein Junge, und seine Mutter liebte ihn sehr.“

    Fazit: Gut gemeint. Aber nicht gut.

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Die Imker: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Imker: Roman' von Gerhard Roth

Inhaltsangabe zu "Die Imker: Roman"

Es ist der Morgen des 1. April, als etwas Ungeheures geschieht: Ein gelber Nebel zieht auf, der die Menschen buchstäblich in Luft auflöst. Aber nicht alle Menschen sind verschwunden, stellt Franz Lindner fest, der Erzähler dieses alle Grenzen sprengenden Romans. Er selbst hat als Patient einer Einrichtung für psychisch beeinträchtigte Künstlerinnen und Künstler die Katastrophe überlebt – wie auch die anderen Patienten, Ärzte und Besucher. So unfasslich das Ereignis ist, so konkret muss der Alltag jetzt organisiert werden. Eine Dorfgemeinschaft aus Bienenzüchtern entwickelt sich, und Franz Lindner wird ihr Chronist. Aber die neue Welt ist keine friedliche: Gewalt, Hass und Eifersucht sind nicht verschwunden, und auch die Natur scheint sich vom Menschen befreien zu wollen. Zwei Jahre begleiten wir »die Imker« durch eine Welt, in der Traum und Wirklichkeit nicht zu unterscheiden sind. Dann macht ein weiteres unerklärliches Ereignis der Geschichte ein überraschendes Ende. Gerhard Roths »Die Imker« ist ein philosophischer Roman im Setting einer Dystopie. Er behandelt die Entstehung von Gesellschaft und das Wesen des Menschen, vor allem die Bedeutung des Unbewussten und das Rätsel des Todes. Es ist das Spätwerk eines großen Autors, der in einem parabelartigen Gedankenspiel noch einmal alle Motive seines Denkens und Schreibens versammelt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:560
Verlag: S. FISCHER
EAN:9783103974676
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Emerdale 2

Buchseite und Rezensionen zu 'Emerdale 2' von Alexandra Flint

Inhaltsangabe zu "Emerdale 2"

Taylor erwacht im Unterschlupf der Fraktion und glaubt, ihre große Liebe für immer verloren zu haben. Als sie eine zweite Chance bekommt, Jonathan zu retten, zögert sie keine Sekunde. Doch kaum sind die beiden wieder vereint, wartet auch schon die nächste Gefahr: Emerdale will die Weltwirtschaftsausstellung in Tokio für ihre bösen Machenschaften nutzen. Um Emerdale aufzuhalten, greift die Fraktion zu überaus fraglichen Mitteln, die nicht nur Taylor und Jonathan, sondern auch ihre Beziehung auf eine harte Probe stellen. Schaffen sie es, den bevorstehenden Krieg zu verhindern? Und zu welchem Preis?

Format:Broschiert
Seiten:496
Verlag: Planet!
EAN:9783522507097
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Die neue Wildnis: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die neue Wildnis: Roman' von Diane Cook
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die neue Wildnis: Roman"

Amerika in der nahen Zukunft: Zusammengepfercht in riesigen Megacities leiden die Menschen unter den Folgen der Überbevölkerung und des Klimawandels wie Smog, Dürreperioden und extreme Hitze. Aus Sorge um das Leben ihrer fünfjährigen Tochter Agnes nimmt die junge Mutter Bea an einem nie dagewesenen Regierungsexperiment teil: Gemeinsam mit zwanzig anderen Pionieren möchte sie in einem der staatlich geschützten Nationalparks, zu denen Menschen eigentlich keinen Zugang haben, im Einklang mit der Natur leben. Doch der Alltag in dieser neuen Wildnis wartet mit ganz eigenen Herausforderungen auf, und schon bald stoßen die Pioniere an ihre Grenzen ...

Autor:
Format:Broschiert
Seiten:500
Verlag: Heyne Verlag
EAN:9783453321588
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Rezensionen zu "Die neue Wildnis: Roman"

  1. Überleben

    In „Die neue Wildnis“ versetzt uns Diane Cook in eine nicht allzu weit entfernte Zukunft nach Amerika.

    Klimawandel, Überbevölkerung und Smog erschweren das Leben in den Megacities. Die Gesundheitsversorgung ist längst zusammengebrochen, die Luft so giftig, dass vor allem Kinder zunehmend unter lebensbedrohlichen Atemwegserkrankungen leiden. Als die Regierung eine Studie plant, die das Leben von Menschen in der noch unberührten Wildnis vor den Toren der Stadt untersuchen möchte, sehen Bea und Glen eine Chance, ihre todkranke kleine Tochter zu retten und melden sich für das Experiment an. Gemeinsam mit 17 weiteren Personen dürfen sie die „Zivilisation“ verlassen, um autark in der Wildnis ein nomadisches Leben zu führen. Die "Gemeinschaft" erhält ein Handbuch mit strengen Verhaltensregeln, muss sich regelmäßig an bestimmten Posten einfinden, ist aber im Übrigen auf sich alleine gestellt.

    Im Roman begleiten wir die "Gemeinschaft" durch ihren Alltag. Die Autorin erschafft eine latent bedrohliche Atmosphäre, die nur teilweise durch die Gefahr, die ein Leben in der wilden Natur mit sich bringt, erklärbar ist. Ranger, die die Einhaltung der Regeln kontrollieren und der Gruppe neue Anweisungen geben, verhalten sich genauso merkwürdig wie einzelne Gruppenmitglieder. Es stellen sich von Anfang an viele Fragen und die Vermutung, dass nicht mit offenen Karten gespielt wird, drängt sich auf.

    Obwohl die Autorin aus einer gewissen Distanz auf ihre Protagonist:innen blickt, war es für mich interessant, manchmal auch irritierend oder schmerzhaft den Geschehnissen zu folgen sowie die Dynamik zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern zu erleben. Ich konnte das Buch nur schwer zur Seite legen. Teilweise scheinen die Grenzen zwischen Tier und Mensch zu verschwimmen, wenn es ums Überleben geht.

    Auch ein Gespür für Zeit - wie wir es gewohnt sind - geht beim Lesen verloren. Zum Überleben sind lediglich der Tag-Nacht-Zyklus und die Jahreszeiten relevant.

    Mit dem Ende, das für meinen Geschmack etwas zu schnell und wenig detailliert erzählt ist, habe ich zunächst gehadert. Ich hätte mir ausführlichere Beschreibungen über die Situation in den Städten und weitere Informationen zu einzelnen Protagonist:innen gewünscht. Da der Fokus aber auf dem Leben in der Wildnis liegt, bleibt die Welt außerhalb nur vage fassbar. Zahlreiche Fragen, die mich während des Lesens beschäftigten, wurden nicht oder nur andeutungsweise beantwortet. Mit einigem Abstand empfinde ich das Ende jedoch als durchaus gelungen. In diesem Roman sind wir keine allwissenden Leser:innen, die den Überblick über die Gesamtsituation haben. Wir wissen nur so viel wie die Protagonistin und sind mit den selben Unsicherheiten konfrontiert. Im Nachhinein gefällt mir das.

    Insgesamt hat mir dieses düstere, spannend zu lesende Debüt, das das menschliche Zusammenleben unter Extrembedingungen beleuchtet, sehr gut gefallen.

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RCE: #RemoteCodeExecution. Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'RCE: #RemoteCodeExecution. Roman' von Sibylle Berg
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "RCE: #RemoteCodeExecution. Roman"

Sibylle Bergs neuer Roman setzt da an, wo »GRM« endet – in unserer neoliberalen Absurdität, in der der Einzelne machtlos scheint. Der Kapitalismus ist alternativlos geworden. Das beste aller Systeme hat wenigen zu absurdem Reichtum verholfen und sehr vielen ein menschenwürdiges Dasein genommen. Die Krise ist der Normalzustand, Ausbeutung heißt nicht mehr »Kolonialismus« sondern »Förderung strukturschwacher Länder«. Inflation, Seuchen, Kriege, Diktatoren, Naturkatastrophen, Müllberge. Und die Menschheit vereint nur noch in ihrer Todessehnsucht. Die Lage scheint ausweglos. Aber in einem abhörsicheren Container brennt noch Licht. Fünf Hacker programmieren die Weltrettung. Manchmal gibt es diese historischen Momente, in denen Mauern eingerissen werden, Frauen studieren und wählen dürfen, Rassismus nur noch in einigen Köpfen existiert, Geschlechter keine Rolle mehr spielen, in denen verschwindet, was Menschen für hundert Jahre für ein Naturgesetz hielten.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:608
EAN:9783462001648
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Rezensionen zu "RCE: #RemoteCodeExecution. Roman"

  1. 4
    23. Jul 2022 

    Die Lage

    Die Lage ist aussichtslos und die Stimmung ist ohne Hoffnung. Die wenigen Reichen werfen mit Phrasen um sich, um schließlich noch mehr Geld zu scheffeln und den weniger Begüterten einzureden, man tue schon das Beste. Für die Gruppe von Freunden um Ben, die schon einmal versucht haben die Welt zu retten, mittelfristig allerdings gescheitert sind, ist es an der Zeit die Situation zu verändern. Doch können einige noch immer relativ junge Nerds die Welt verändern? Schließlich ist der Versuch schon einmal schief gegangen und die Menschen scheinen noch träger und desinteressierter geworden zu sein.

    Entvölkerte Landschaften, zu wenige Arbeitsplätze, leere Regale, heruntergekommene Häuser oder gar keine Häuser, Ausbeutung in den raren Jobs, Europa eine Festung der Überalterung. Gruselig. Kein Wunder, dass die Reichen sich lieber mit dem Kapital, dem Shareholder-Value beschäftigen. Sie bleiben unter sich und ihre Lobbyisten blasen den Politikern, die auch lieber nichts mit der Welt da draußen zu tun haben wollen, schon die richtigen Sätze ein, die zu der richtigen Politik führen. Dann werden die Reichen noch reicher und die Armen noch abhängiger. Die Freunde haben sich das nun lange genug angeschaut, so langsam ist es Zeit, etwas zu unternehmen.

    Seit GRM sind einige Jahre vergangen. Die Menschheit steckt weiter in einer Krise, wie kann es erstrebenswert sein, freiwillig das Leben aufzugeben? Kein Wunder, dass Ben sich an seine alten Freunde erinnert und sie gemeinsam einen Plan aufstellen, durch den sich alles ändern soll. Muss es schlimmer werden, damit es besser werden kann? Manchmal ist es so. Auch wenn die Form schon aus GRM bekannt ist, schafft es die Autorin wieder, ihre Leser zu fesseln. Die Beschreibung der überbordenden Macht der Algorithmen, der lenkbaren Individuen, die eigentlich keine individuellen Persönlichkeiten mehr sind, denn anstatt sich zu treffen, hängen sie lieber an ihren sozialen Geräten oder in ihren sozialen Netzen, wo sie am liebsten denen glauben, die unglaublichsten Geschichten erzählen. In so einer Welt möchte man nicht leben, man fragt sich allerdings, ob man nicht schon relativ nahe dran ist. Kann die Menschheit, die so hoffnungslos ist, bewegt werden, etwas zu ändern? Und mit welchen Mitteln? Auch wenn dieser Roman vielleicht nicht ganz den Esprit von GRM hat, so bearbeitet die Autorin diese spannende Frage mit packenden Worten. Wieder hält sie der Gesellschaft einen Spiegel vor. Schön, wenn dies zum Nachdenken anregte.

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1984

Buchseite und Rezensionen zu '1984' von George Orwell
4.9
4.9 von 5 (11 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "1984"

London, 1984: Winston Smith, Geschichtsfälscher im Staatsdienst, verliebt sich in die schöne und geheimnisvolle Julia. Gemeinsam beginnen sie, die totalitäre Welt infrage zu stellen, als Teil derer sie bisher funktioniert haben. Doch bereits ihre Gedanken sind Verbrechen, und der Große Bruder richtet seinen stets wachsamen Blick auf jeden potenziellen Dissidenten. George Orwells Vision eines totalitären Staats, in dem Cyberüberwachung, Geschichtsrevisionismus und Gedankenpolizei den Alltag gläserner Bürger bestimmen, hat wie keine andere Dystopie bis heute nur an Brisanz gewonnen. Neu übersetzt von Jan Strümpel

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
Verlag:
EAN:9783730609767
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Rezensionen zu "1984"

  1. Eine zeitlose Dystopie

    „Die besten Bücher […] sind solche, die dir sagen, was du ohnehin schon weißt.“ (S. 245)

    Gibt es passendes Wetter zum Verfassen einer Rezension zu einem Buch, das man schon etliche Mal gelesen hat? In diesem Moment öffnet der Himmel seine Schleusen, Wasser kommt in rauen Mengen daraus hervor und es ist stockdunkel – und ich schreibe eine Rezension zu einer von etlichen Neuübersetzungen von „1984“ von George Orwell; in diesem Fall die aus dem dtv-Verlag. Ich weiß gerade nicht, was ich davon halten soll…:-)

    Allerdings passt das Wetter perfekt zu der im Roman transportierten und vorherrschenden Stimmung. Auf den Inhalt gehe ich hier nicht großartig ein; der sollte hinreichend bekannt sein. Selbst Menschen, die den Roman noch nicht gelesen haben, werden mindestens einen Satz daraus kennen: „Big Brother is watching you.“ Wenn George Orwell zudem wüsste, was für ein TV-Trash nach seiner erfundenen Figur benannt wurde…Okay, lassen wir das.

    Die Ausgabe des dtv-Verlags wird eingeleitet von einem Vorwort von Robert Habeck. Kleiner Tipp für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben: lest das Vorwort als Nachwort; es wird (leider) viel vom Inhalt vorweggenommen, was ich äußerst schade finde. Diese „Praxis“ erschließt sich mir auch nicht ganz und ist eigentlich das Einzige, was mich hier wirklich gestört hat. Man kann zu Robert Habeck stehen wie man will – seinem Einleitungssatz „George Orwell ist der Analytiker des Totalitarismus“ (S. 5) muss man zustimmen.

    Außerdem gibt es nach dem für mich recht drögen und somit auch verzichtbaren Anhang des Romans „Die Grundlagen von NeuSprech“ ein recht informatives Nachwort des Übersetzers Lutz-W. Wolff, eine umfangreiche Liste an Anmerkungen, die das gelesene sehr gut ergänzen sowie eine ausführliche Zeittafel von George Orwells Leben.

    Alles in Allem hat der dtv-Verlag eine lohnens- und lesenswerte Neuausgabe der Mutter aller Dystopien herausgebracht, die ich mit dem größten Vergnügen mit 5* auszeichne.

    ©kingofmusic

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  1. Erschreckend aktuell

    Erschreckend aktuell

    1984 ist ein erstaunlicher Roman. Tatsächlich findet jeder, auch in der heutigen Zeit, zig Jahre nach dem das Buch erstmalig erschien, erschreckende und aktuelle Paralllelen. Bei jedem dürfte der Schwerpunkt etwas anders anders liegen, dennoch wird es keinen Leser kalt lassen. Egal ob das beklemmende Gefühl sich bei der Vorstellung einstellt, dass man immer und überall überwacht wird, oder bei der, dass ein Krieg strategisch eingesetzt werden könnte, um den Großteil der Bevölkerung unten zu halten.

    In 1984 wird dem Leser genau dieses System durch den Protagonisten Winston Smith, Mitglied der Staatspartei, näher gebracht. Nichts scheint Orwell dabei dem Zufall überlassen zu haben, auch den Namen seines Hauptcharakters wählte er mit bedacht.
    Winston wohnt in London, eine der größten Metropole Ozeaniens. 4 Ministerien sind dort dafür verantwortlich, dass das totalitäre Regime funktioniert. Ein Staat der überwacht, kontrolliert, und alles und jeden aufeinander aufhetzt.
    Eltern werden von ihren eigenen Kindern bespitzelt, denunziert, so dass man sich nirgendwo wirklich frei fühlen kann.
    Freiheit ist, wo 2+2 gleich 4 ist. Eine Erkenntnis, die Winston im Buch noch teuer zu stehen kommen wird. Winston versucht sich daran, eigenes Denken zuzulassen. Beim lesen spürt man förmlich, wie dieser Charakter versucht sich von dieser Kontrolle zu lösen. Für kurze Zeit ist im ein Gefühl von Freiheit und Liebe gestattet, aber Big Brother is watching you!

    Prinzipien wie Neusprech und Doppeldenk, die im Roman eine große Rolle spielen, sind ganz klar am Sozialismus angelehnt, und lassen immer wieder Parallelen zur deutschen Geschichte erkennen. In einem Interview sagte Orwell seiner Zeit, dass er seinen Roman als Satire sieht, dies lässt sich für mich, wahrscheinlich wegen dieses Hintergrundes, nicht so leicht nachvollziehen.
    Dies kräftigt meine persönliche Einstellung, dass jeder was anders mitnimmt während des Lesens. Jeder Leser wird seine eigenen Ängste bestätigt finden, seine Befürchtungen nicht mehr als unrealistisch ansehen.
    Ich empfinde 1984 definitiv als zeitlosen Klassiker, der sicher immer aktuell bleibt. Er kann zu jeder Zeit zum nachdenken anregen, daher hoffe ich, dass er weiterhin oft gelesen wird.
    Die Aufmachung der Ausgabe gefällt mir obendrein wirklich sehr gut, so dass ich gerne bereit bin, diesem Werk die volle Punktzahl zu geben.

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  1. Zeitlos!

    1984, die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht. Drei große Machtblöcke, Ozeanien, Eurasien und Ostasien stehen in ständigen Krieg gegeneinander. Ozeanien ist ein totalitärer Überwachungsstaat. Winston Smith, der dort in Airstrip One (ehemals London) lebt ist Mitglied der äußeren Partei. An seinem Arbeitsplatz im Ministerium für Wahrheit berichtigt er Tag für Tag Zeitungsberichte, um die Vergangenheit den gegenwärtigen Zuständen anzupassen.

    In Winston Smiths Welt ist nichts privat. Jeder Vorgang wird über allgegenwärtige Teleschirme beobachtet. Der Große Bruder sieht alles, hört alles. Und doch kann er sich seinen Erinnerungen nicht entziehen. Er beginnt an der Partei, am Programm zu zweifeln. Er beginnt heimlich, in einem toten Winkel, Tagebuch zu führen. Er fängt eine verbotene Liebesbeziehung zu Julia an, will sich mit ihr einer Untergrundbewegung anschließen. Winston fasst Vertrauen zu O’Brien, einem Mitglied der inneren Partei.

    „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ „Unwissenheit ist Stärke“
    Euphemistische Parolen beeinflussen das Denken. Schon der Wunsch zum Widerstand ist ein Gedankenverbrechen.

    „Es gab kein Entrinnen. Nichts gehörte einem, bis auf die paar Kubikzentimeter im eigenen Schädel.“

    Doch Schlafanzug, Isolationshaft, Dauerverhöre, physische und psychische Folter können auch dieses Innerste nehmen.

    1984 war die erste Dystopie, die ich vor Jahrzehnten, noch zu Schulzeiten gelesen habe, und sie hat bis heute – selbst beim dritten Mal lesen - nichts an ihrer Aktualität verloren. George Orwell hat dieses Werk schon Ende der 1940er Jahre geschrieben und schon damals wie heute bleibt 1984 ein eindringliches Gleichnis und Mahnmal gegen Diktatur und Überwachung. "Damals" also in unseren 1980ern, in Friedenszeiten geboren und aufgewachsen - auf einer Insel der Seligen – hatten die Schreckensszenarien einer Diktatur nichts mit meinem eigenen Leben zu tun. Der Vergleich zu der Sowjetdiktatur drängte sich auf, der Kalte Krieg war aktuell. Aber wir haben das alles nur aus den Nachrichten erlebt.

    Beim heutigen Lesen ist aber das Szenario gar nicht so weit weg, unsere Überwachung schaffen wir uns größtenteils selbst. Die Veränderung von Nachrichten, Fake News, Lügenpresse, Manipulation (echte wie verschwörungstheoretische), alles täglich zu lesen.

    "Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Und wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit."

    Geschichte schreibt immer der Gewinner, wer die Macht hat kontrolliert die Information. Auch in scheinbar gefestigten Demokratien, wie wir es ganz aktuell in allen möglichen Staaten beobachten können.

    , „Neusprech“, „Doppeldenk“, die Veränderbarkeit der Vergangenheit sind nicht unbedingt Erfindungen Orwells, rhetorisch bestens geschulte Demagogen, die neue Wahrheiten schaffen, gab es und wird es immer geben. Heute hören wir Begriffe wie „alternative facts“ und „fake news“. Die neuen Medien, sozialen Netzwerke und das Leben in der Blase bieten dafür eine hervorragende Spielwiese. Wer an lautesten schreit, hat recht.

    Hervorheben will ich an dieser neuen Auflage in neuer Übersetzung den informativen Anhang und eine Zeittafel zu George Orwell, die sehr zum Verständnis und Interpretation des Romans 1984 beitragen.

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  1. 5
    15. Feb 2021 

    1984 ist heute, ist morgen, ist immer

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der für Großbritannien zwar mit einem Sieg endete, aber nichtsdestotrotz verheerende Folgen für das Land und seine Bewohner hatte, waren Zukunftsaussichten wohl weit entfernt von rosig und hoffnungsvoll. Doch was der Engländer George Orwell im Jahr 1948 dann für eine Zukunft in seinem Roman 1984 entwarf, das übersteigt wohl Vieles, was auf den ersten Blick vorstellbar erscheint. Oder nein! Hat er nicht nur ein wenig das weitergedacht, was die Bevölkerung der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts miterlebte?! Nämlich das Leben und Leiden unter sehr extremen diktatorischen Regimen. Von rechts aufgebaut in Deutschland, von links aufgebaut in der Sowjetunion. In ihren leidvollen Folgen für die Bevölkerung beide wohl ähnlich unvergleichlich! In dieser Gemengelage wagte Orwell einen Blick in die für ihn noch ferne Zukunft des Jahres 1984 und konnte für dieses Jahr literarisch nur eine Zukunft entwerfen, die die Erfahrungen mit den Diktaturen weitergesponnen und weiter radikalisiert hat.
    Den Lesern der 50er bis frühen 80er Jahre stand damit immer eine Zukunft vor Augen, fest verbunden mit dem Jahr 1984, die Drohung und Warnung in einem war. Auch ich gehörte damals in meiner Jugend zu den geschockten, bewegten und gleichwohl begeisterten Lesern, denn selten hat ein Buch das Blut in den Adern mir so gefrieren lassen und gleichzeitig die Freude am Leben in einer freiheitlichen Gesellschaft so angefeuert.
    Das Jahr 1984 liegt inzwischen weit in der Vergangenheit und auf den ersten Blick mag so die Thematik damit erledigt sein. Denn bei der Lektüre des Buches muss man nun die real in der Vergangenheit liegende Welt in eine Zukunft projizieren, ein Gedankenspiel, das sich Orwell und sein Verleger bei der Auswahl dieses Buchtitels so sicher nicht bewusst gemacht haben. Die Frage „Hat sich der Roman nach 1984 überlebt?“ liegt auf der Hand und musste auch von dem dtv-Verlag gestellt werden, der in diesem Jahr eine neue Übersetzung und Auflage herausgebracht haben.
    Als Antwort darauf bietet der Verlag ein Vorwort von Robert Habeck an, das eine – aus meiner Sicht – intelligente Einordnung des Romangeschehens in die Gegenwart und unsere aktuelle Zukunftsbetrachtung bietet. Ungern lese ich im Normalfall eine solche Interpretation eines Werkes im Vorhinein, nutze so etwas lieber als Nachbetrachtung in Gegenüberstellung und Konfrontation mit der eigenen Einschätzung über das Gelesene. Hier aber, denke ich, macht es ausnahmsweise auf Grundlage des oben ausgeführten Spannungsfeldes einmal Sinn, diesen Essay dem Roman voranzustellen und den Buchstoff gleich in die Zeit nach dem magischen Datum 1984 hinein zu holen. Dass der Verlag dtv damit aber nicht alle glücklich machen konnte, zeigen die Rezensionen, die zB bei amazon veröffentlicht sind und sehr weitgehend parteipolitische Frustrationen zeigen, die eigentlich mit dem Werk, das hoch politisch, aber sicher nicht parteipolitisch ist, nichts zu tun haben.
    Aber es hätte für mich der Einleitung durch Robert Habecks auch nicht bedurft, um mich auch bei dieser neuen Lektüre wieder zu packen. Was da im ersten Teil über den beruflichen und privaten Alltag des Protagonisten Winston Smith ausgeführt wird, das bedeutet die Schaffung eines dystopischen Gemäldes, wie es ausdrucksstärker wohl nicht sein kann. Die so komplett strukturierte Vereinnahmung des Individuums durch einen Staatsapparat, der ein nicht zu hinterfragendes Regime errichtet hat und dessen Weiterfunktionieren sichern möchte, das dem Leser einfach die Luft wegbleibt und eben das Blut in den Adern gefrieren lässt. Vor allem, weil ich bei dieser Lektüre aus der aktuellen Sicht auch erkennen musste, dass vieles von den staatlichen Tricks und Regeln auch in unserer gegenwärtigen Welt eine Rolle spielen. Alle Lebensbereiche, von der Sprache über die Freizeitgestaltung, von der Kindererziehung bis zur Geschichtsschreibung: alles bekommt ideologische Bedeutung und kann deshalb nicht losgelassen und dem Einzelnen überlassen werden, sondern muss komplett staatlich bestimmt und gleichgeschaltet werden. Das ist von Orwell herausragend erdacht, gestaltet und geschrieben!
    Wenn im zweiten Teil dann Winston immer mehr die Grenzen des Systems auszutesten und in die Bereiche von Widerstand vorzudringen beginnt, dann nimmt so langsam das Übel seinen Lauf. Es kann einfach kein gutes Ende nehmen. Der Staat in 1984 ist einfach zu optimal aufgestellt, um den Einzelnen unterdrücken und besiegen zu können. Um dieses staatliche „Optimalsystem“ zu verdeutlichen, nutzt Orwell den Kunstgriff eines „Buchs im Buch“, mit dem dem Leser die theoretischen Grundlagen des Sprachsystems im 1984-Staat dargelegt wird. Ob es dieses Kunstgriffs wirklich bedurfte, dazu habe ich eine eher skeptische Haltung. Ich halte die fiktionale Darlegung des Systems inklusive seiner Sprachpolitik im Roman schon für so ausdrucksstark, dass diese ausführliche Einlage verzichtbar gewesen wäre.
    Im dritten Teil dann kommt es, wie es kommen musste: der Sieg des Staates bedeutet eine Form der Auslöschung von Winston, wie sie stärker nicht sein kann.
    Mein Fazit: 1984 war und ist ein ungemein weitsichtiges Buch, das auch noch dem Leser von heute gekonnt vor Augen führt, was wir zu verlieren haben, wenn wir uns einem allmächtigen Staat überantworten und ihn diktatorisch gewähren lassen. Seine Möglichkeiten der Einflussnahme sind ja auch alles andere als kleiner geworden gegenüber einer Zeit, in der Orwell diese vorausschauende Dystopie entworfen hat.
    So wichtig wie nur eh und je. Dank an den dtv-Verlag für diese Neuausgabe, für die ich nicht anders kann als 5 Sterne zu vergeben, denn „JEDER LESE 1984!“

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  1. Big Brother is watching you

    Winston Smith arbeitet beim Ministerium für Wahrheit und schreibt dort die Geschichte zugunsten der Partei um. Doch sein innerer Widerstand gegen das totalitäre System voll strengster Regelungen wächst. Dann verliebt er sich verbotenerweise.

    Dieser Roman von George Orwell ist bereits sehr viele Jahre alt und wurde mit dieser Ausgabe neu übersetzt. Obwohl ich schon viel darüber gehört hatte, kannte ich den Roman bisher nicht und war deshalb sehr gespannt.
    Der Schreibstil ließ sich gut und zügig lesen und war leicht verständlich. Auch konnte ich mir die Szenen, die Personen und die ganzen Umstände bildhaft vorstellen.
    Die Charaktere wurden prima dargestellt. Winston war sehr sympathisch und ich konnte mich hervorragend in ihn hineindenken. Es war super interessant, ihn in seinem Leben zu begleiten und dabei seine Gedanken zu verfolgen. Auch die weiteren Personen waren super beschrieben und sie haben mich teilweise sehr zweifeln lassen, ob sie für oder gegen die Partei waren.
    Die Story wurde erstmals 1949 veröffentlicht und spielt im Jahr 1984. Diese Zukunftsvisionen dürften damals bereits ziemlich erschreckend gewesen sein. Aber auch heute haben sie nichts an Aktualität verloren. Ich fand die Erzählungen sehr bedrückend. Die Menschen sind aufgeteilt in drei Gruppen, nämlich die innere Partei, die äußere Partei sowie die Prolls. Die Einschneidungen, die die Partei den Menschen auferlegt, sind sehr hart. Die Vorstellung, unter diesen Bedingungen leben zu müssen, war sehr erschreckend. Deshalb lässt einen dieses Buch definitiv nachdenken und so manches Regime in der Vergangenheit und der Gegenwart mit neuen bzw. anderen Augen sehen. Wirklich erstaunlich, dass ein so alter Roman nichts an Aktualität verloren hat. 
    Das Ende war heftig und ließ mich absolut hoffnungslos und deprimiert zurück. Doch das passte einfach hervorragend zu dem Buch.

    Ein nachdenklich stimmender Roman, der wohl nie an Aktualität verlieren wird. Ich vergebe 5 von 5 Sternen.

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  1. 5
    13. Feb 2021 

    DoppelDenk

    Im Jahr 1984 ist Winston Smith gerade noch 39 Jahre. Er arbeitet im Ministerium der Wahrheit, wo er Berichte aus der Vergangenheit so anpasst, dass sie den Gegebenheiten der Gegenwart entsprechen. Winston weiß, was er tut und er macht es trotzdem. Schließlich ist es sein Job. In der Zeit der totalen Überwachung auch durch den TeleSchirm, der in seiner Wohnung hängt, wagt es Winston nicht, zu widerstehen. Aber Winston erinnert sich noch an die alte Zeit, bevor der große Bruder alles sah und alles wusste. Seine kleine Rebellion besteht darin, ein Tagebuch zu führen und sich seine Gedanken nicht immer vorgeben zu lassen.

    „1984“ ist sicherlich das bekannteste Werk von George Orwell. Beinahe prophetisch erscheint die Beschreibung eines totalitären Staates. Der Protagonist Winston Smith wirkt wie ein Hoffnungsträger, einer der Wenigen, die sich gegen das System stellen, wenn auch nur im Verborgenen. Langsam nimmt er sich größere Freiheiten heraus und fühlt sich erstmal gut. Ein Traum scheint in Erfüllung zu gehen, als eine junge Frau, die er flüchtig kennt, sich ihm anschließt. Teilt sie seine Überzeugungen? Oder geht es ihr mehr um eine Liebesbeziehung? Am liebsten möchte Winston die Zeit mit ihr einfach nur genießen.

    Egal, ob man das Buch in Jugendjahren schon einmal gelesen hat oder ob man Winston Smith zum ersten Mal begegnet, dieser Roman hat nichts von seiner Wirkung verloren. Gerade in der heutigen Zeit, wo manipulative Kräfte in sogenannten sozialen Medien wirken und Wahrheiten nicht beschrieben, sondern kreiert werden, überkommt einem bei der Lektüre ob der Weitsichtigkeit, sei sie beabsichtigt oder nicht, des Autors das Gruseln. In einer Ära, in der vieles gespeichert werden kann und die Information durch Algorithmen gelenkt werden, sollten Romane wie dieser eine Pflichtlektüre sein, um wenigstens die aufzuwecken, die dafür offen sind. Die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und sie muss sich wehren können und dürfen. Kaum zu glauben, dass der Autor schon vor siebzig Jahren viel zu früh verstorben ist.

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  1. Gänsehaut pur

    „Es war ein heller, kalter Apriltag. Die Uhren schlugen dreizehnmal.“ (S. 21) Ein erster Satz, der wachrüttelt.
    Wer kennt sie nicht, die bereits 1949 erstmals erschienene Dystopie? 1984 ist Kult, will mir scheinen: „George Orwell ist der Analytiker des Totalitarismus.“ (S. 5 aus dem Vorwort von Robert Habeck). Schön früh schrieb Orwell die Utopie eines Überwachungsstaates, der seine Bevölkerung unterdrückt, bis ins Kleinste kontrolliert und die Meinung gleichschaltet. Als Vorbild dienten ihm die Diktaturen in Sowjetrussland und Nazideutschland. Trotzdem ist 1984 nach wie vor hoch aktuell – alleine weil der technische Fortschritt Überwachungsmaßnahmen wesentlich einfacher macht.

    Ich selbst kannte den Roman nur vom Hörensagen. Insofern war die sehr ansprechend gestaltete Neu-Übersetzung des dtv Verlages eine willkommene Gelegenheit, den legendären Roman selbst zu lesen. Da Habeck in seinem Vorwort auch auf inhaltliche Zusammenhänge eingeht, empfehle ich, es erst im Anschluss an den Roman zu lesen.

    Zum Kerninhalt:
    Der Globus hat sich in drei Weltmächte aufgeteilt: Eurasia, Ostasia und Ozeania. Das ehemalige London ist Teil Ozeanias und Schauplatz der Geschichte. Das Land wird von der Partei des Großen Bruders beherrscht, die es in einen Überwachungsstaat umfunktioniert hat. Die Menschen werden rund um die Uhr mit TeleSchirmen bis hinein in ihre Wohnungen überwacht. Nachrichten, Kriegsgeschehen sowie geschichtliche Ereignisse werden regelmäßig verändert und an aktuelle Notwendigkeiten angepasst, denn „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: Und wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit (S.58).“ Hauptfigur Winston Smith ist für diese Tätigkeiten im Ministerium der Wahrheit (!) zuständig. Er sorgt dafür, dass alles zusammenpasst, er macht die Lüge zur Wahrheit. Winston gehört zum sogenannten äußeren Zirkel der Partei, aber er hat Zweifel. Im Gegensatz zu seinen Kollegen verfügt der Enddreißiger über Erinnerungen aus der Zeit vor der Revolution, die nicht zu den Proklamationen der Partei passen. Er sieht die Widersprüche und hinterfragt das System. Obwohl er weiß, dass er sich mit diesen „GedankenVerbrechen“ dem sicheren Tod ausliefert, kauft er ein Notizheft und beginnt ein Tagebuch zu schreiben. „GedankenVerbrechen führen nicht etwa zum Tod; GedankenVerbrechen sind schon der Tod.“ (S. 51) Das Schreiben wird nicht sein einziges Vergehen bleiben. Er verliebt sich, findet in Julia eine Mitstreiterin. Beide wollen sich der sogenannten Bruderschaft anschließen, um gegen den totalitären Staatsapparat anzukämpfen…

    Von der ersten Seite an ist man gefesselt. Man begleitet Winston in seinem Arbeitsalltag, erlebt, wie die Belegschaft beim Zwei-Minuten-Hass aufgepeitscht wird oder wie Kinder die eigenen Eltern bespitzeln. Menschen werden vaporisiert, das heißt, sie verschwinden einfach, als hätte es sie niemals gegeben. Angst, Folter, Gehirnwäsche sind die Mittel, um Delinquenten gefügig zu machen. Niemandem kann man trauen, es herrscht eine Atmosphäre aus Argwohn und Kälte, persönliche Beziehungen sind unerwünscht. Permanenter Krieg überzieht das Land, Not und Elend der einfachen, nicht in der Partei organisierten Bevölkerung (der Prolls, die rund 85% ausmachen) werden nicht nur billigend in Kauf genommen, Hunger und Mangel sind Mittel der Unterdrückung.

    Der gesamte Roman ist sehr deprimierend. Orwell schont seine Leser nicht, sondern macht sehr deutlich, was es für den Einzelnen heißt, in solch einem System zu leben und die Obrigkeit in Frage zu stellen. Das Buch ist nichts für Zartbesaitete, es hat mich an mehreren Stellen kalt erwischt. Trotzdem – oder gerade deswegen – halte ich das Buch für zeitlos lesenswert. Eben weil es so drastisch ist, eben weil es auch in heutigen Diktaturen und Unrechtsstaaten genau so oder ähnlich zugeht. Auch in Europa werden unliebsame Dissidenten über Jahre hinweg in Gefängnisse oder Arbeitslager geschickt, um ihre politische Brisanz zu brechen. Selbst der amerikanische Präsident kann bewiesene Wahrheiten als Fake-News abtun; Millionen von Menschen glauben ihm dennoch und wählen ihn trotzdem. China kontrolliert seine Bevölkerung mit modernsten Methoden weit stärker, als wir uns das vorstellen können. In vielen Ländern Afrikas und Vorderasiens herrscht Krieg: während die Bevölkerung hungert, schwelgen die Machthaber im Luxus. Hierzulande schaffen sich Menschen sprechende Multifunktionsgeräte an, die man bei unsachgemäßer Programmierung spielend als Überwachungstechnik nutzen könnte.

    Insofern ist 1984 gar nicht so weit weg. Es ist eine Warnung, den Anfängen zu wehren und genau hinzuschauen. Die vorliegende Neuauflage ist sprachlich ansprechend gestaltet. Lutz-W. Wolff hat etliche Anmerkungen zur Übersetzung im Anhang ergänzt, die dem Verständnis zu Gute kommen. Ebenso findet sich eine Zeittafel zu Leben und Werk George Orwells, die ich als sehr informativ empfunden habe.

    Das Buch ist ein Hammer. Kleine Schwachstellen ergeben sich für mich aus Redundanzen in Bezug auf das politische System und seine Werkzeuge. Da wäre für mich weniger etwas mehr gewesen. Nichts desto trotz ist 1984 ein besonderes Stück Literatur, das auch im 21. Jahrhundert unbedingt noch gelesen gehört.

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  1. Ein Klassiker, der wieder aktuell ist

    dtv hat den Klassiker, der bereits im Jahr 1949 zum ersten Mal erschienen ist, mit einem sehr ansprechenden Cover in einer neuen Übersetzung wieder aufgelegt. Neben der neuen Rechtschreibung sind auch die von Orwell erfundenen Begriffe wie "Neusprache" oder Zwiegedanke (alte Übersetzung) modernisiert worden: "NeuSprech" und DoppelDenk (neue Übersetzung).
    Warum sollte man diesen Roman heute (wieder) lesen?

    Das dem Roman vorangestellte Vorwort von Robert Habeck gibt eine Antwort darauf: "Georg Orwell ist der Analytiker des Totalitarismus" (5).

    Als ich selbst den Roman zum ersten Mal gelesen habe, Mitte der 90er, ging es mir so wie Habeck, es war "für mich eine Metapher für die totalitären Regime der dunkelsten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, des Stalinismus und des Nationalsozialismus." (8) Aber auch wenn der real existierende Sozialismus gescheitert ist, gewinnen autoritäre Regime an Zuspruch, rechter Populismus erfährt neuen Auftrieb und der Überwachung der Gesellschaft stimmen wir freiwillig zu, indem wir unsere Daten und unsere Privatsphäre preisgeben. Gerade im Zuge der Corona-Krise nutzen totalitäre Systeme, und nicht nur diese, die Gefahr durch das Virus radikal aus. Wie weit sind wir noch vom gläsernen Menschen entfernt? Auch die Manipulation durch die Sprache, die Umdeutung der Geschichte, die Frage, was die Wahrheit angesichts von Fake News und manipulierter Bilder ist, stellt sich heute dringender denn je. Der Roman zeigt, "wie nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterschieden werden kann. Und wenn das passiert, dann ist Demokratie am Ende." (12) Habeck spricht auch die Filterblasen und Twitterwolken an, in denen sozial selektierte Gesellschaften entstehen und ein Bewusstsein für abweichende Meinungen verloren geht. Das kann man gerade in der Corona-Krise gut beobachten.

    Zum Inhalt

    Winston Smith lebt einem totalitären Regime, in dem die Partei IngSoc - English Socialism - die Macht inne hat. Die Partei hat einen totalen Überwachungsstaat aufgebaut, so ist sie in der Lage, die Menschen in ihren Wohnungen per TeleSchirm zu beobachten. Die GedankenPolizei überwacht die Mimik und versucht jeden Gedanken, der illoyal ist und die Liebe zur Partei nicht widerspiegelt, sofort zu ahnden.

    Es gibt die Innere Partei, die weniger als 2% der Bevölkerung ausmacht, die Äußere Partei, ca. 13%, zu der auch Winston gehört, und die sogenannten Prolls, die den Rest der Gesellschaft ausmachen und keine Aufstiegschancen haben und so davon beansprucht werden, ihren Alltag zu meistern, dass sie sich nicht erheben.

    "Prolls werden nicht in die Partei aufgenommen. Nur die Begabtesten unter ihnen, die vielleicht zu einem Unruheherd werden könnten, werden von der Gedankenpolizei identifiziert und eliminiert." (257)

    Die Erde ist unter drei Großmächten aufgeteilt, Ozeania, Euroasien und Ostasien, die permanent im Krieg miteinander liegen und um die verbleibenden Gebiete kämpfen. Der Krieg dient dazu Armut aufrechtzuerhalten, denn "langfristig konnte eine hierarchische Gesellschaft nur auf einem Fundament von Armut und Dummheit bestehen." (234)

    An allem herrscht Mangel, Lebensmittel, Konsumgüter und Luxusartikel sind allenfalls für die Innere Partei erreichbar, während das Ministerium der Fülle davon spricht, allen gehe es besser als vor der Revolution. Nur billiger, synthetischer Gin ist reichlich vorhanden. Um das Leben erträglicher zu machen?

    Aber es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten, da zum System ebenfalls gehört, die Vergangenheit permanent umzuschreiben und der Gegenwart anzupassen. Werden Lebensmittel rationiert, muss die Ankündigung, diese würden erhöht, neu geschrieben werden. Hat sich ein Parteiglied gegen die Partei gestellt, wird seine Existenz vernichtet, alle Zeitungsartikel, in denen er erwähnt wird, müssen überarbeitet werden.

    "Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Und wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit." (58)

    Das ist Winstons Beruf im Ministerium der Wahrheit (!), Zeitungsartikel umzuschreiben, die alten kommen in das sogenannte Erinnerungsloch und, weil es teilweise eine kreative Arbeit ist, empfindet Winston sogar eine gewisse Befriedigung dabei, obwohl er weiß, dass er dazu beigetragen hat, die Vergangenheit zu verfälschen.

    Umso revolutionärer ist es, dass er selbst beginnt, Tagebuch zu führen, seine geheimen Gedanken niederzuschreiben - in einem für den TeleSchirm unsichtbaren, winzigen Teil seiner Wohnung. Mit wem wird er diese Gedanken teilen können, für wen schreibt er diese nieder? Er glaubt, dass einer der Inneren Partei, O´Brien, ebenfalls selbstständig denkt. Ein beiläufig dahin gesprochener Satz vor einigen Jahren lässt ihn in diesem Glauben, er sei nicht der letzte Mensch in Europa - ein Titel, den Orwell zunächst für seinen Roman favorisierte.

    Sein "Freund" Syme hingegen ist ein Befürworter des Systems und arbeitet am endgültigen Lexikon von NeuSprech mit.

    "Verstehen Sie nicht, dass es beim NeuSprech vor allem darum geht, das Denken so zu verschlanken, dass GedankenVerbrechen gar nicht mehr möglich sind, weil es keine Wörter mehr gibt, um sie zu formulieren?" (S.78)

    Dadurch wird die "Reichweite des Bewusstseins" kleiner (78) und "das richtige Bewusstsein heißt Nichtdenken - gar nicht mehr denken müssen. Das richtige Bewusstsein ist die Bewusstlosigkeit." (79)

    Ein Zustand, von dem Winston weit entfernt ist. Seine verbotenen Gedanken kreisen darum, wie man sich in solch einem System Hoffnung auf eine Änderung bewahren und Kontakt zu denjenigen aufnehmen kann, die ebenso denken. Ob es möglich sein wird, Widerstand zu leisten und sich einen freien Willen zu bewahren?
    Orwells Dystopie gibt kaum Anlass zur Hoffnung, an der Situation könne sich etwas ändern.

    Fazit
    Auch wenn der Roman einige Längen aufweist, da Orwell in manchen Passagen zu viel erklärt, um sicher zu gehen, dass seine Botschaft verstanden wird, bleibt dieser Roman empfehlenswert und gehört für mich zu den Romanen, die man unbedingt gelesen haben sollte - gerade, weil er an Aktualität gewonnen hat!

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  1. Verstörende Vision

    Das Buch ist Weltliteratur. Big Brother ist in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen; sogar eine zweifelhafte Peepshow wurde nach ihm benannt. Siebzig Jahre nach dem ersten Erscheinen gibt es nun gleich mehrere Neuübersetzungen, darunter die sehr gelungene von Lutz-W. Wolff, die nicht nur die Tristesse und Ausweglosigkeit, sondern auch den poetischen Gehalt des Romans zur Geltung bringt.

    Im Jahr 1984, so Orwells Prämisse, gibt es nur noch drei Staaten auf der Welt, und in allen dreien wird mit Zwang und Überwachung regiert. Winston Smith, Bürger von Ozeanien und Londoner, ist Mitglied der regierenden (und einzigen) "Partei". Er muss es sein, denn die Nicht-Parteimitglieder - mit über 80 Prozent die große Mehrheit - werden im allgemeinen Sprachgebrauch nicht als Menschen betrachtet; sie sind sozusagen Verschleißmaterial für die grobe Arbeit. Schlecht versorgt und in Dummheit gehalten, genießen jene "Prolls" trotzdem eine gewisse persönliche Freiheit, während Parteimitglieder weder ein Privatleben haben noch überhaupt einen selbständigen Gedanken denken dürfen - ein unbedachtes Wort, ein Flüstern, sogar der falsche Gesichtsausdruck können zur Verhaftung führen. Winston Smith rebelliert im stillen gegen die Partei, versucht sich der Dauerüberwachung zu entziehen, führt heimlich Tagebuch und geht sogar eine streng verbotene Liebesbeziehung ein. Doch die Bedrohung ist allgegenwärtig, und in der düsteren Welt, die Orwell entwirft, gibt es kein Entkommen.

    Es ist schwierig, zu einem Buch, das einem so vertraut ist - ich habe "1984" in der alten Übersetzung ca. 1970, als Jugendliche, das erste Mal gelesen und später noch ein oder zwei weitere Male -, noch etwas Neues zu sagen. Aber erstaunlich ist nach wie vor die Aktualität dieser Schreckensvision; auch wenn wir zum Glück in einem Staat leben, der vom Einsatz einer Gedankenpolizei, staatlich verordneter Folter und Gehirnwäsche weit entfernt ist. Jedoch: Mit der Erfindung eines Gerätes, das es in fast jedem Haushalt gibt und das zugleich senden und empfangen kann, ist Orwell beängstigend nahe an unserer Realität - in meiner Jugend, als ich das Buch kennen lernte, noch reine Phantasie und eigentlich ein Alptraum -, heute ein normaler Gebrauchsgegenstand und meist freiwillig angeschafft. Die Verfälschung von Fotos und Filmen mit dem Ziel, die sichtbare Realität zu manipulieren, ist Bestandteil unseres Alltags, und "verordnete" Eingriffe in den Sprachgebrauch, auch der Alltagssprache, sind uns nicht fremd. Dass all dies derzeit ohne definiertes politisches Ziel geschieht, darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, welche Gefahr allein in der Gewöhnung an diese Mechanismen steckt. Der Übersetzer unserer Neuausgabe von "1984" weist in seinem Nachwort auf einige dieser Punkte hin. Sehr hilfreich ist übrigens auch der Anhang zum Buch, in dem einige wichtige Aspekte (z.B. die Verfügbarkeit von billigem Alkohol als politisches Mittel, die zitierten Kinderverse, die Topographie von London in Orwells Vorstellung der "Zukunft" u.a.) erklärt werden.

    Man sollte aber über dieses finstere Buch nicht sprechen, ohne auch die besonderen stilistischen Aspekte zu erwähnen. Die leitmotivisch wiederkehrenden Kinderreime, die der Übersetzer im Anhang erklärt. Das überaus starke Bild der im Café sitzenden Dissidenten - wie ein Standfoto -, das sich am Ende fast exakt wiederholt. Die "kleinen Fluchten", die Winston Smith sich herausnimmt - sein gläserner Briefbeschwerer, Vogelgesang, seine Jugenderinnerungen, die quälend und tröstend zugleich wirken. Auch hier ist die Arbeit des Übersetzers hervorzuheben (ich habe eine alte Übersetzung zur Hand und finde vieles besser gelöst, auch die "neusprachlichen" Phrasen).

    Fazit: Ein unbedingt lesenswertes Buch in sehr ansprechender Neuausgabe!

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  1. Knallhart, verstörend zeitlos

    Es gibt Bücher, die zu Recht Klassiker geworden sind. „1984“ steht ganz oben auf dieser Liste. Ich habe es vor Jahren in der Schule gelesen und war gespannt, ob es mich noch genauso packen kann und ob diese Neuübersetzung ein Gewinn ist.
    Ich weiß noch, dass ich es damals fasziniert in einem Rutsch gelesen habe. Jetzt fesselt es genauso, eine tolle Mischung aus bösem Humor, krassester Satire und hoffnungsloser Tristesse.

    George Orwell hat 1949 einen Überwachungsstaat ersonnen, der uns heute noch befremdet und in vielerlei Hinsicht wachrüttelt. Man fühlt sich an das Naziregime erinnert, wenn Menschen, die gegen das Regime arbeiten, vaporisiert werden. Und wenn dann Regierung und Presse eigene Wahrheiten verbreiten, sogar widersprüchliche Belege aus der Vergangenheit vernichten, sieht man wohin Fake News führen können und ist erschüttert. Manch gruselige Einzelheit in diesem Buch gemahnt auch an höchst aktuelle Probleme.

    Dieser Gesellschaftsentwurf geht in vielerlei Hinsicht an die Grenzen und spielt auch den zynischsten Gedanken durch bis zur letzten Konsequenz. Das hat damals Aufsehen erregt und trifft auch noch heute.

    „Es ist ausgeschlossen, dass es in unserer Lebenszeit noch zu irgendwelchen wahrnehmbaren Veränderungen kommt. Wir sind die Toten.“

    Das ist knallhart, verstörend, und erbarmungslos. Ein Buch, das kein Blatt vor den Mund nimmt und einen umhaut.

    Ob es nötig war, den Text neu zu übersetzen, mag ich nicht beurteilen. Ich habe einige Textstellen verglichen und denke, das ist Geschmackssache. Optisch ist diese schön gestaltete Neuausgabe auf jeden Fall ein Gewinn. Umfangreiches Zusatzmaterial rundet das Leseerlebnis ab, wobei ich das kluge, erhellende Vorwort von Herrn Habeck lieber als Nachwort gelesen hätte. Es nimmt einiges vorweg, lesenswert ist es dennoch.

    „1984“ ist ein Buch mit Zündstoff, das offensichtlich zu jeder Zeit seine Wirkung entfalten kann, ein Buch, das man immer wieder lesen kann und sollte.

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  1. Genialer Klassiker

    George Orwell schildert spannend das Schicksal von Winston Smith im fiktiven totalitären Ozeanien. Winston Smith scheint sich anfangs mit dem strikten System arrangiert zu haben. Dass die Bürger Tag und Nacht überwacht werden (Teleschirm), es wird sogar rückwirkend die Geschichte umgeschrieben, denn wer die Gegenwart kontrolliert, kontrollliert gleichzeitig die Zukunft und Vergangenheit, Winston hat dies akzeptiert. Eine intensive Liebesbeziehung sorgt aber dafür das er ins zweifeln kommt.Er beginnt sich gegen dieses System aufzulehnen Die Konsequenzen seiner Auflehnung sind schliesslich brutal und endgültig. Nach monatelangen Folterungen ist Winston am Ende ein gebrochener Mann. Am ende glaub Winston sogar wieder selbst dass er den grossen Bruder Liebt.

    Ich habe das Buch in der Wühlkiste in meinem Lieblingsbuchladen gefunden und gleich durchgelesen
    momentan ist es aktueller den je wer auf Dystopien steht dem kann ich es sehr empfehlen.

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Water Rising - Flucht in die Tiefe

Buchseite und Rezensionen zu 'Water Rising - Flucht in die Tiefe' von  Loewe Jugendbücher

Inhaltsangabe zu "Water Rising - Flucht in die Tiefe"

Wie ist es, Regen, Schnee oder Sonne auf dem Gesicht zu spüren? Und wie sehen wechselnde Jahreszeiten aus und fühlen sich verschiedene Temperaturen an? Das alles ist der 16-jährigen Leyla völlig fremd, denn seit einer verheerenden Naturkatastrophe steht die Welt komplett unter Wasser. Leyla kennt nur das Leben im versunkenen London – bis ihr Vater festgenommen wird. Zum ersten Mal verlässt sie zusammen mit dem verschlossenen Ari ihre Heimat, um ihren Vater zu befreien. Doch die britische Regierung stellt sich ihnen in den Weg. Mit allen Mitteln will sie verhindern, dass Leyla eine dunkle Verschwörung aufdeckt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:464
Verlag:
EAN:9783743208575
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Buchliste: Dystopien - kaputte Welt

Eine Dystopie ist ein Gegenbild zur positiven Utopie. In dystopischen Romanen hat die zivilisierte Welt, wie wir sie kennen, aufgehört zu existieren. Oft ist der beschriebene Kollaps der gesellschaftlichen Ordnung die Folge von Naturkatastrophen, kriegerischen Auseinandersetzungen oder Seuchen. Autoren von Dystopien wollen mit ihren negativen Zukunftsvisionen oft auf bedenkliche Entwicklungen in der Gegenwart hinweisen.
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    Ehrgeiz treibt ihn an. Rivalität beflügelt ihn. Aber Macht hat ihren Preis. Es ist der Morgen der Ernte der zehnten Hungerspiele. Im Kapitol macht sich der 18-jährige Coriolanus Snow bereit, als Mentor bei den Hungerspielen zu Ruhm und Ehre zu...
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    Gebundenes BuchDie vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin Louise Erdrich zeichnet das aufrüttelnde Portrait einer jungen Frau, die um ihr eigenes Leben und das ihres ungeborenen Kindes kämpft.Die Welt, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr. Auf...
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    Gebundenes BuchJapan befindet sich in einer dystopischen Gegenwart. Amerika lässt seinen einstigen Verbündeten im Stich und Hunderttausende von Obdachlosen ziehen durch das von einer gigantischen Wirtschaftskrise gebeutelte Land. Rechtsgerichtete...
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    Gebundenes Buch"Hysteria" erzählt die Geschichte von Bergheim, der auf einem Biomarkt merkwürdig unnatürliche Himbeeren entdeckt. Auf der Suche nach dem Rätsel ihrer Beschaffenheit und Herkunft gerät er immer tiefer in eine kulinarische Dystopie, in...
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    In einem abgelegenen isländischen Fjord lebt der ehemalige Journalist Hjalti aus Reykjavik unter primitiven Bedingungen auf dem alten Hof seines Großvaters. Er versorgt die Schafe, bewirtschaftet das karge Land und lebt von dem, was er dem Boden und...
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    Gebundenes BuchRiva ist Hochhausspringerin - ein perfekt funktionierender Mensch mit Millionen Fans. Doch plötzlich weigert sie sich zu trainieren. Kameras sind allgegenwärtig in ihrer Welt, aber sie weiß nicht, dass sie gezielt beobachtet wird:...
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    Broschiertes BuchEs sind scheinbar gewöhnliche Alltagsszenen: ein nigerianisches Mädchen am Pool. Die Tochter einer Londoner Gangsterfamilie. Eine US-amerikanische Politikerin. Doch sie alle verbindet ein Geheimnis: Von heute auf morgen haben Frauen...
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    USA im Jahr 2029. Der Dollar ist kollabiert und durch eine Reservewährung ersetzt. Wasser ist kostbar geworden. Und Florence Mandible und ihr dreizehnjähriger Sohn Willing essen seit viel zu langer Zeit nur Kohl. Dass es Florence trotz guter...
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    Sie sind desillusioniert und pragmatisch, und wohl gerade deshalb haben sie sich ‎erfolgreich in der Gesellschaft eingerichtet: Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi. Sie haben sich damit abgefunden, wie die Welt beschaffen ist, und...
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    Gebundenes Buch"American War" - das Buch der Stunde. "Ein gewaltiger Roman", schreibt die renommierteste Literaturkritikerin der USA, Michiko Kakutani. Ein Roman über den nächsten amerikanischen Bürgerkrieg und das dramatische Schicksal einer...
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    Ein Flugzeugabsturz über einer unbewohnten Insel im Pazifischen Ozean: Nur ein paar englische Schüler überleben. Zunächst scheint der Verlust der Zivilisation leicht zu überwinden, aber bald greifen Aggression und Gewalt um sich. Die Jungs verlieren...
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    2017 [Neuwertig und ungelesen, als Geschenk geeignet 800 Literatur, Rhetorik, Literaturwissenschaft ]
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    Dein Mirror kennt dich besser als du selbst. Er tut alles, um dich glücklich zu machen. Ob du willst oder nicht. Wie digitale Spiegelbilder wissen Mirrors stets, was ihre Besitzer wollen, fühlen, brauchen. Sie steuern subtil das Verhalten der...
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    Es ist vielleicht der umstrittenste Roman des letzten Jahres: ›Unterwerfung‹ handelt vom Zusammenprall der Kulturen und stellt Fragen zum Verhältnis von Orient und Okzident, von Judentum, Islam und Christentum – Fragen, die heute so relevant sind...
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    Ein Mann und ein Kind schleppen sich durch ein verbranntes Amerika. Nichts bewegt sich in der zerstörten Landschaft, nur die Asche schwebt im Wind. Es ist eiskalt, der Schnee schimmert grau. Sie haben kaum etwas bei sich: ihre Kleider am Leib, einen...
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    »Das ›1984‹ fürs Internetzeitalter« Zeit onlineDas Kultbuch jetzt auf DeutschLeben in der schönen neuen Welt des total transparenten Internets: Mit »Der Circle« hat Dave Eggers einen hellsichtigen, hochspannenden Roman über die Abgründe des...
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    Wettrennen in den Tod Einhundert 17-jährige Amerikaner brechen jedes Jahr am 1. Mai zum Todesmarsch auf. Für neunundneunzig von ihnen gilt das wörtlich – sie werden ihn nicht überleben. Der Sieger dagegen bekommt alles, was er sich wünscht ...
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    Perrotta, Tom: Die Verlassenen, Roman, Aus dem Englischen von Jan Schönherr, DEA, München, Heyne 2014, 448 S., OPbd. m. OU., sehr gut erhalten
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    Die siebzehnjährige Katniss hat die grausamen Hungerspiele überlebt, zusammen mit ihrem Freund Peeta. Das bedeutet ein eigenes Haus in ihrem Heimatdistrikt 12, außerdem genug zu essen für ihre Familien. Aber all das kann Kat nur kurz genießen: Sie...
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    1932 erschien eines der größten utopischen Bücher des 20. Jahrhunderts: ein heimtückisch verführerischer Aufriss unserer Zukunft, in der das Glück verabreicht wird wie eine Droge. Sex und Konsum fegen alle Bedenken hinweg und Reproduktionsfabriken...
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    Kylas Gedächtnis wurde gelöscht, ihre Persönlichkeit ausradiert, ihre Erinnerungen sind für immer verloren. Kyla wurde geslated. Aber die Stimmen aus der Vergangenheit lassen die Sechzehnjährige nicht los – hat sie wirklich unschuldige Kinder bei...
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    Eine verzaubernde Parabel über das heutige RusslandWas beginnt wie eine Erzählung aus dem 19. Jahrhundert, entpuppt sich als fantastische Irrfahrt durch das ländliche Russland einer nahen Zukunft. Ein überraschend zartes Buch des bedeutendsten...
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    »Die Fabel vom Aufstand der Tiere des Farmers Jones und vom allmählichen Umschlag der Revolution in ihr den status quo ante wiederherstellendes Gegenteil gehört zu den bekanntesten literarischen Werken des 20. Jahrhunderts. Der Satz ›Alle Tiere sind...
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    Irgendwann in naher Zukunft machen sich die Insassen des Entziehungsheims Ennet-House und Studenten der Enfield Tennis Academy auf die Suche nach einer Kopie von «Unendlicher Spaß», einem Film, der angeblich so unterhaltsam ist, dass der berauschte...
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    Corpus Delicti: Ein Prozess
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    Marcus, alias «w1n5t0n», ist 17, smart und ein begeisterter Gamer. Als Terroristen die Oakland Bay Bridge in San Francisco in die Luft sprengen, befinden er und seine Freunde sich zur falschen Zeit am falschen Ort. Agenten der Sicherheitsbehörde...
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    Das Meer schlägt zurück – in Frank Schätzings meisterhaftem Thriller erwächst der Menschheit eine unvorstellbare Bedrohung aus den Ozeanen.Frank Schätzing inszeniert die weltweite Auflehnung der Natur gegen den Menschen. Ein globales...
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    Nordamerika existiert nicht mehr. Kriege und Naturkatastrophen haben das Land zerstört. Aus den Trümmern ist Panem entstanden, geführt von einer unerbittlichen Regierung. Alljährlich finden grausame Spiele statt, bei denen nur ein Einziger überleben...
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    ISBN: 9783492253055 - Paperback Ausgabe guter Zustand - Erscheinungsjahr 2009 - Taschenbuch mit 380 Seiten - Index: 158 0.0
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    Jonas lebt in einer Welt ohne Not, Schmerz und Risiko. Alles ist perfekt organisiert, niemand muss sich über irgendetwas Sorgen machen, sogar die Berufe werden zugeteilt. Als Jonas Nachfolger des »Hüters der Erinnerung« werden soll, beginnt er eine...
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    Noch Jahre später kreisen Kathys Gedanken um Hailsham, dem in lieblicher Hügellandschaft gelegenen Schulheim, in dem sie und die anderen ihre Kindheit zugebracht hatten. Eine heile Welt, in der eine fröhliche Kinderschar zur „Kreativität“ angeleitet...
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    In einem kleinen irischen Fischerdorf lebt ein Mann, der ein Geheimnis hütet. Nein, mehr als das, er ist das Geheimnis. Sie hatten ihm übermenschliche Kräfte versprochen. Stattdessen wurde er zum Invaliden. Er hatte gehofft, ein Held zu werden....
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    Eine Frau will mit ihrer Kusine und deren Mann ein paar Tage in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Nach der Ankunft unternimmt das Paar noch einen Gang ins nächste Dorf und kehrt nicht mehr zurück. Am nächsten Morgen stößt die Frau auf eine...
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    Im Schutze einer hohen Felswand gelegen, hat die mittelalterliche BurgMalevil die atomare Verwüstung der Erde überdauert. Ihre Bewohner habenfür begrenzte Zeit noch Lebensmittel, etwas Vieh, Saatgut. Sie müssen sichder Bedrohung durch Plünderer und...
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    Oh je! Städtenamen wie Los Andiegoles und San José Francisco verheißen nichts Gutes. Wo sind wir hier hineingeraten? In T. C. Boyles bitterböse Endzeitgroteske, in der der Homo sapiens seine Erde endgültig zu einer Mischung aus Wüstenplanet und...
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    Der junge Alex prügelt, vergewaltigt, tötet - bis man mit Hilfe moderner Technik einen wahren Christen aus ihm macht. Doch zu welchem Preis? Anthony Burgess' Meisterwerk in überarbeiteter Neuausgabe, mit umfassendem Glossar.
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    Anna Blume bricht auf in ein fremdes Land, um ihren verschollenen Bruder William zu finden. Ein Vorhaben, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist: In einer namenlosen, dem Verfall preis­gegebenen Stadt irrt sie umher, kämpft gegen Kälte und...
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    ›Flawed – Wie perfekt willst du sein?‹ ist der erste atemberaubende Band des neuen Zweiteilers von Bestsellerautorin Cecelia Ahern. Spannend und emotional erzählt sie in dieser Dystopie die Geschichte der 17-jährigen Celestine, die darum kämpft,...
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    Mängelexemplare: Dystopia - Neunzehn Autoren blicken in eine Zukunft, in der die Menschheit am Abgrund steht. Schreckensvisionen, die bald Realität werden könnten. "Das in der allgegenwärtigen Hitze verdunstende Wasser hatte die Luftfeuchtigkeit...
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    Wie weit würdest du gehen … für die, die du liebst? Adrian J Walker hat mit ›Am Ende aller Zeiten‹ einen postapokalyptischen Roman geschrieben, in dem ein ganz normaler Familienvater vor die größte Herausforderung seines Lebens gestellt wird. Edgar...
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    Unsere Welt in naher Zukunft: Die westliche Hemisphäre wird von religiösem Fundamentalismus regiert. Das Mantra der Neuen Republik lautet: Die Kirche ist der Staat. Jonah Murtag ist ein treuer Staatsdiener. Er arbeitet für die Religionspolizei, die...
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    Stephen King (writing as Richard Bachman) crafted The Running Man early in his career, though after such mega-hits as Carrie and The Shining. A bit of a departure from the supernatural horror that is most frequently associated with his work, the...
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    ›Fahrenheit 451‹ ist die Temperatur, bei der »Bücherpapier Feuer fängt und verbrennt«. In Ray Bradburys Zukunftsvision ist die Feuerwehr nicht mehr mit Wasserspritzen ausgerüstet, sondern mit Flammenwerfern, die genau diesen Hitzegrad erzeugen, um...
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Unendlicher Spaß

Buchseite und Rezensionen zu 'Unendlicher Spaß' von David Foster Wallace
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Unendlicher Spaß"

Irgendwann in naher Zukunft machen sich die Insassen des Entziehungsheims Ennet-House und Studenten der Enfield Tennis Academy auf die Suche nach einer Kopie von «Unendlicher Spaß», einem Film, der angeblich so unterhaltsam ist, dass der berauschte Zuschauer am Ende verhungert und verdurstet. Nicht allein der schiere Umfang, sondern vor allem die Sprachmächtigkeit, die ungeheure Themenvielfalt, die treffsichere Gesellschaftskritik, die scharfe Analyse sowie der Humor machen diesen kurz vor der Jahrtausendwende erschienenen Roman zum Meilenstein der internationalen Gegenwartsliteratur – ungeheuerlich, maßlos, bewusstseinsverändernd.

Format:Taschenbuch
Seiten:1552
Verlag: rororo
EAN:9783499249570
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Rezensionen zu "Unendlicher Spaß"

  1. 5
    02. Nov 2022 

    Strapaziös? Definitiv. Genial? Auch das.

    Dieses fast 1600 Seiten starke Machwerk von David Foster Wallace (DFW) in inhaltlich in einer kurzen Rezension darzustellen, erscheint ein fast unlösbares Unterfangen. Wartet doch der 1996 erstmals im englischsprachigen Original veröffentlichte Roman mit einer massiven Themendichte auf.

    Die „Rahmenhandlungen“ (Plural!) spielen sich grob in einer Tennisakademie für 10 bis 18jährige angehende Profisportler, einem nahegelegenen Entzugswohnheim für Drogen- und Alkoholabhängige sowie auf einem Felsbrocken zwischen zwei Agenten. Im ersten Setting geht es hauptsächlich um die Sucht nach Erfolg, Leistungsdruck und Belastungen der jugendlichen Sportler:innen, aber auch um das familiäre System einer der Schüler und gleichzeitig Hauptprotagonist Hal Incandenza. Dessen durch Selbstmord bereits verstorbener Vater gründete die Akademie, widmete sich danach dem Drehen von post-avangardistischen Filmprojekten. Eines dieser Projekte ist der Film „Unendlicher Spaß“, welcher zur Hirnerweichung und dem Tod führt. Das holt die Agenten franko-kanadischer Separatistengruppen sowie des US-Geheimdienstes auf den Plan. Jetzt auch noch verständlich den Erzählstrang in dem Entzugswohnheim hier zu erklären, ist mir einfach nicht sinnvoll möglich.

    Sie verschiedenen Erzählstränge werden in nicht-chronologischer Reihenfolge, in wechselndem Muster im Buch angebracht, über die ersten 500 Seiten hat man prinzipiell keine Ahnung, was so wirklich vor sich geht, im Mittelteil hat man das Gefühl, langsam zu verstehen, wohin der Autor mit der ganzen Sache möchte, und verliert diese Idee zum Ende hin wieder vollständig. Das klingt wirr? Ist es auch. Warum lohnt sich trotzdem potentiell eine Lektüre?

    Der Roman spielt hauptsächlich im Jahre 2012, was also ca. 16 Jahre vom Entstehungszeitpunkt in der Zukunft liegt. DFW beschreibt die Zersetzung von Individuen und damit auch einer Gesellschaft in einem Maße, was im Jahre 2022 den Leser:innen eine Gänsehaut bescheren kann. Für mich grandios an diesem Roman war jedoch nicht unbedingt die hier erschaffene Welt als Ganzes, sondern bestimmte Textsegmente zu speziellen Themengebieten, die dermaßen authentisch geschildert sind, dass sie Augen öffnend sind. So wird Drogenkonsum, -trips, -abhängigkeit, -entzug usw. wirklich so ausführlich wie – zumindest von mir – noch nie gelesen dargestellt. Auch der Themenkomplex um Anhedonie und schwere Depressionen ist mehr als gelungen. Mit dem Wissen, dass sich DFW in 2008 selbst nach jahrzehntelanger schwerer Depression suizidiert hat, lässt die Beschreibungen diesbezüglich noch einmal in einem ganz intensiveren Licht dastehen. Noch nie hat mir ein Text so stark verdeutlicht, warum es Menschen mit dem Krankheitsbild der schweren Depression den Suizid als einzige alternativlose Möglichkeit sehen zu handeln.

    Womit aber dieser Roman und damit auch der Autor DFW am meisten brilliert ist die Sprache. Es ist nicht in Worte zu fassen, wie kreativ der Autor die Sprache zu seinem Mittel macht, um nicht nur eine bitterböse Analyse der Gesellschaft und Kritik an ebendieser zu vermitteln, sondern einfach auch amüsante Plotbausteine einzuweben. Gerade wenn man versucht die aberwitzigen Geschehnisse in diesem Roman einer anderen Person, die das Buch nicht gelesen hat, zu vermitteln, wird das Ausmaß des Humors erst so richtig sichtbar. Bisher habe ich in noch keinem Buch so viele kreative Ideen im Umgang mit Sprache und Handlung erlebt. Was sich vor allem in den kongenialen Anmerkungen des Autors zeigt. Diese umfassen fast 200 Seiten allein, gehören definitiv zum Plot dazu, können und sollten also keinesfalls übersprungen werden, und erzählen mitunter eigene Geschichten für sich. Eigentlich lese ich lieber Fußnoten direkt unten auf der entsprechenden Seite, wie es bei kürzeren Werken DFW‘ gehandhabt wird, aber hier ist dies nicht ansatzweise möglich, wenn allein die „Filmografie“ von Hals Vater ganze 12 Seiten einnimmt.

    Und wenn von Sprache die Rede ist, dann muss in Verbindung mit „Unendlicher Spaß“ zwingend der Übersetzer Ulrich Blumenbach - nicht nur genannt, nein - geehrt werden! Glücklicherweise bekam er die Zeit zugestanden, die er für die Übersetzung eines solchen Werkes auch brauchte, nämlich sechs (!) Jahre. Was dieser Mensch hier erarbeitet hat, kann man nicht hoch genug loben. Es handelt sich um Zauberei.

    Ich habe das Gefühl, meine Rezension ist einfach nur wirr und zerfasert. Und ganz ehrlich? Der vorliegende Roman ist eine wirre, zerfaserte Zettelkiste. Ein wilder Montageritt, der gleichzeitig unglaublich zäh sein kann. Durch diese knapp 1600 Seiten habe ich mich in vier vierhundert Seiten Abschnitten genähert, durchgekämpft, sie bezwungen. Unverhohlen: Die Lektüre von „Unendlicher Spaß“ kann unendlich anstrengend sein und lässt sich keinesfalls süffig runterlesen. Deshalb ist das Buch keinesfalls etwas für jede Person. Viele werden es frustriert abbrechen. Also kann ich trotz meiner vergebenen vollen Punktzahl hier keinesfalls eine allgemeine Leseempfehlung aussprechen, kann aber garantieren, wer sich die Mühe macht, sich durch diesen Zettelkasten mit den Stimmen von vielen wirklich schwer beschädigten Figuren durchzukämpfen, wird mit einer genialen Gesellschaftskritik, Humor, Kreativität und Spaß an der Sprache belohnt werden.

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