Die deutsche Seele

Buchseite und Rezensionen zu 'Die deutsche Seele' von Thea Dorn
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die deutsche Seele"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:561
EAN:
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Rezensionen zu "Die deutsche Seele"

  1. Ein Gang durch deutsche Kulturgeschichte

    Kurzmeinung: Mag ich!

    Ich mag dieses Hörbuch, gesprochen von Doris Wolters und Hubert Gertzen, wirklich gern. Dieses Buch ist freilich keines, das man, wie einen Roman mehr oder weniger an einem Stück von vorne bis hinten durchliest, sondern, das man häppchenweise zu sich nimmt. Dann aber entfaltet es seine Wirkung. Doris Wolters Stimme ähnelt der Stimme von Thea Dorn sehr, so dass ich manchmal meinte, Thea Dorns so eigenes Timbre zu hören. Ich mag es, wenn Thea Dorn ihre Bücher selber einliest.
    Von Abendbrot bis Zerrissenheit handelt "Die deutsche Seele" selbstredend nur von ausgewählten Häppchen deutscher Kulturgeschichte. Freizeitverhalten und Freikörperkultur wird auf den Grund gegangen, unter Musik haben wir einen längeren Exkurs über klassische Musik, wobei ich meine, "Wagner" hätte ein eigenes Schlagwort verdient gehabt.
    Bei jedem Begriff graben die Autoren tief und spüren die Ursprünge auf, wer hat den Gedanken des Kindergartens zuerst gehabt, wer meinte, Kindern müsse man die Natur nahe bringen und wie und warum entstand das Grundgesetz? Dabei mäandern die Gedanken der beiden Autoren auch einmal ein wenig umher; auf alle Fälle sind ihre Einlassungen immer informativ und interessant. Wer hat denn noch gewusst, dass Konrad Adenauer den Wiedergutmachungsgedanken in Bezug auf Israel und den Einsatz der damit verbundenen Geldmittel nur mit der Unterstützung der SPD durchsetzen konnte? Ich nicht.

    Den einzigen Kritikpunkt, den ich habe, betrifft die Kürzungen. Eine Kürzung eines Hörbuchs ist fast schon ein Vergehen. Ich möchte "alles", wenn ich ein Hörbuch kaufe, den ganzen Inhalt. Auch aus einem Roman in Buchform streicht man nicht einige Kapitel und verkauft eine Lightform. Das ist Bevormundung und kostet einen Stern.
    Wegen der Kürzungen kann ich also nicht sagen, ob die fehlenden Begriffe den Autoren fehlten oder nur der Kürzung des Verlags zum Opfer fielen. „Malerei und Kunstgeschichte kamen so wenig vor wie Hitler und Nationalsozialismus oder Schlager und Deutsche Welle“. Gut, für manches davon bräuchte man eigene Bücher. Aber Synagoge fehlt auch. Ebenso christliches Abendland und Uwe Seeler. Und Kreuzzüge und Rockkonzert und Auswandern. Volksmusik. Jodeln. Und Sauerkraut. Anyway.

    Fazit: Ein dicker durch die deutsche Kulturgeschichte führender Wälzer, der durch seine Häppchentaktik wie ein Büchlein vorkommt, dass spannend und informativ ist und dem nur eines fehlt – die Kapitel, die der Kürzung zum Opfer fielen.

    Kategorie: Hörbuch, Sachbuch zur Kulturgeschichte
    Verlag: Argon, 2014

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Zauber der Stille

Buchseite und Rezensionen zu 'Zauber der Stille' von  Florian Illies
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Zauber der Stille"

Format:Audible Hörbuch
Seiten:0
Verlag: Argon Verlag
EAN:
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Rezensionen zu "Zauber der Stille"

  1. 4
    24. Mär 2024 

    Geboren 1774

    Als Caspar David Friedrich im Jahr 1774 als Sohn eines Seifensieders in Greifswald auf die Welt kommt, ist natürlich noch nicht daran zu denken, dass er einmal Maler wird. Nach dem frühen Tod seiner Mutter und auch des Bruders beginnt er 1794 mit dem Studium in Kopenhagen. Vier Jahre bleibt er dort. Ob er dort seine Liebe zum Wasser festigt, seinen Blick in den Himmel, die Wolken findet, seine Malerei des Lichts? Doch wird er zu Lebzeiten nicht so bekannt, wie zu glauben wäre. Zwar hat er bekannte Kunden. Doch in seinen letzten Jahren ist er fast vergessen.

    Wie ein Träumer wirkt der Maler Caspar David Friedrich manchmal. Etwas verstiegen, doch hin und wieder blitzt sein Humor auf. Mit Malerkollegen pflegt er langjährige Freundschaften. Von Goethe ist er eine Art Fan, stoßt aber nicht auf große Gegenliebe. Und irgendwann hat er auch genug. Relativ spät erst heiratet er und er genießt das Glück der Ehe. Seine Frau und er bekommen drei Kinder, um die er sich sorgt und sie sich kümmert. Es ist nicht immer leicht ein solides Einkommen zu erzielen, um die Familie zu ernähren. Und noch schwieriger wird es als er nach einem Schlaganfall erstmal nicht mehr malen kann.

    Zweihundertfünfzig Jahre nach seiner Geburt wird Caspar David Friedrich mit einigen Ausstellungen geehrt. Ob das der Anlass für den Autor war dieses Buch zu schreiben? Jedenfalls ist ihm ein beeindruckendes Werk gelungen. In vier Teilen öffnet er einen besonderen Blick auf den Maler, der fasst vergessen, leider instrumentalisiert und schließlich als außergewöhnlicher Künstler wiederentdeckt wurde. Gerade im ersten Teil geht es um Bilder, die die Zeit nicht überstanden haben. Werke, die unwiederbringlich verloren sind. Wie tragisch. Im weiteren geht es um den wechselvollen Weg der Bilder in die heutige Zeit. Verkaufen, verloren gehen, wieder aufgefunden werden. Da sind schon echte Räuberpistolen dabei, die beim Lesen fesseln. Der liebevolle Blick auf das Leben des Malers und seiner Bilder lassen das Buch zu einer berührenden Lektüre werden. Man bekommt eine Friedrichsche Empfindung, die man im Gedächtnis behalten möchte.

    4,5 Sterne

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  1. Ikone der Sehnsucht

    Mein Lese- und Hör-Eindruck:

    „Auf dem Segler“: ein junges Paar auf einem Segler, der Wind bläht die Segel, das Paar hält sich an den Händen und schaut in die Fahrtrichtung, wo das Ziel dieser gemeinsamen Reise liegt: eine Stadtsilhouette zeigt sich in irrisierendem Licht. Mit diesem Bild des Covers führt der Autor seine Leser sofort mitten in die Malerei Caspar David Friedrichs ein.

    Ein liebendes Paar auf seiner Lebensreise, umgeben von den Elementen Wind und Wasser, das Element Erde als Ziel vor ihren Blicken: das ist der Maler mit seiner jungen Frau Caroline auf dem Weg von Greifswald, Friedrichs Heimatstadt, zurück nach Dresden. Das vierte Element, das des Feuers, verortet Illies in Friedrichs glühender Liebe zu seiner Frau. Da knirscht der Bezug zwar etwas, und solche kurzen Knirscher wird es immer wieder geben, aber immerhin: Illies hat ein Ordnungsprinzip für sein Buch gefunden, nämlich die vier Elemente.

    Das erste Kapitel „Feuer“ bricht unverhofft mit der Idylle des Coverbildes und beschreibt den Brand des Glaspalastes 1931 in München, dem unter anderem neun Werke von Friedrich zum Opfer fallen. Dieser gewaltige Brand ist nicht der einzige Brand, der Gemälde unrettbar vernichtet, es folgen kriegsbedingte und andere Brände, z. B. in der väterlichen Kerzenzieherei, der Brand im Dresdner Taschenberg.-Palais oder der Brand im Bunker Friedrichshain am Ende des II. Weltkriegs. Und allmählich versteht man als Leser, wieso C. D. Friedrich so lange Zeit in Vergessenheit geraten konnte: zu viele Bilder waren zerstört worden, und die erhaltenen waren wegen der fehlenden Signatur nicht zuzuordnen.

    Schon im 1. Kapitel zeigt sich Illies Vorgehen. Er verzichtet auf die Chronologie, sondern konzentriert sich auf durchgängige Erscheinungen. Er beschreibt z. B. einige Bilder, zunächst eher vordergründig, aber geht dann der Geschichte dieser Bilder durch die Jahrhunderte nach und erzählt von abenteuerlichen Diebstählen, von raffinierten Kunsthändlern und Museumsdirektoren, von Einflüssen und Querverbindungen.

    Die ungeheure Recherchearbeit des Autors ist nicht zu übersehen. Das Buch hat aber keinerlei Schwere. Illies bringt seine Kenntnisse und diese unglaublich vielen Zusammenhänge eher plaudernd und auch mit persönlichen Kommentaren an den Leser heran. Der Leser holpert also nicht schwerfällig in einem wissenschaftlichen Karren einen steinigen Weg entlang, sondern er unternimmt mit dem Autor eine, wie es der Untertitel schon sagt, eine Reise durch die Zeiten, temporeich und äußerst kurzweilig.

    Alles lernt der Leser schließlich kennen: den künstlerischen Werdegang, seine Traumatisierung durch den Tod des Bruders, der ihn vor dem Ertrinken rettete, seine lebenslange Schwermut, seine tief religiöse Grundhaltung, seine Familie, seinen Dresdner Freundeskreis, seine Ablehnung des klassischen Kunstideals („Erinnerungen, nichts als kalte, tote Erinnerungen“), sein schwieriges Verhältnis zu Goethe (und umgekehrt), sein Verhältnis zur Natur, seine Kunstauffassung, seine Montage-Technik, seine finanzielle Not, sein Wesen und so fort.
    Die Reise geht aber weiter z. B. zu Friedrichs Einfluss auf Walt Disney und dessen „Bambi“-Film, aber immer wieder stockt sie in der Zeit des Nationalsozialismus. Caspar David Friedrich war ein Mensch, der zutiefst seine Heimat liebte („Erde“) und der in der Zeit der napoleonischen Besatzung mit den Waffen kämpfte, die er zur Verfügung hatte, nämlich seiner Kunst: er malte Hünengräber und Landschaften mit mächtigen Eichen, d. h. er beschwor die „Kräfte der Vergangenheit“, wie Illies es nennt. Und genau das dient den Nationalsozialisten zum Vorwand, diesen schwermütigen, traumverlorenen Maler zu einem germanischen Helden umzustilisieren.

    Sehr ausführlich widmet sich Illies besonders zwei Bildern. „Gescheiterte Hoffnung“ (1842) ist das eine, und Illies hebt deutlich den persönlichen Hintergrund des Malers hervor, dessen Hoffnung auf eine besser bezahlte Stelle eines Ordentlichen Professors in Dresden sich zerschlagen hatte. Seine Bilder seien „zu trübsinnig“.
    Das andere ist das radikalste und wohl modernste Bild: „Mönch am Meer“. Ein Bild, das einen Menschen in all seiner Verlorenheit vor der mächtigen Natur zeigt und Kleist zu der Bemerkung veranlasste, es sei, als ob einem die Augenlider weggeschnitten seien. Kleist erschoss sich wenige Tage später.

    Illies‘ Begeisterung für den Maler springt auf den Leser über. Was mir aber über alle Maßen gut gefällt, ist die Tatsache, dass Illies den Maler aus seiner Vergangenheit herausholt und in unsere Zeit stellt. Vergangenheit und Gegenwart werden durch die vielen Bezüge miteinander verflochten.

    Illies lässt die Bilder Caspar David Friedrichs über die Jahrhunderte hinweg zu uns sprechen. Und eine solche Belebung der Geschichte finde ich in den aktuellen Zeiten von Geschichtsvergessenheit wichtiger denn je.

    5/5*

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Caspar David Friedrich und der weite Horizont

Buchseite und Rezensionen zu 'Caspar David Friedrich und der weite Horizont' von Kia Vahland

Inhaltsangabe zu "Caspar David Friedrich und der weite Horizont"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:103
Verlag: Insel Verlag
EAN:9783458195351
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Notre Dame de Dada

Buchseite und Rezensionen zu 'Notre Dame de Dada' von Eva Weissweiler

Inhaltsangabe zu "Notre Dame de Dada"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:456
EAN:9783462048940
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Die Schönheitengalerie König Ludwigs I

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Schönheitengalerie König Ludwigs I' von  Gerhard Hojer

Inhaltsangabe zu "Die Schönheitengalerie König Ludwigs I"

Format:Taschenbuch
Seiten:122
EAN:9783795424329
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Astrologie der Reformationszeit

Buchseite und Rezensionen zu 'Astrologie der Reformationszeit' von Jürgen G. H. Hoppmann

Inhaltsangabe zu "Astrologie der Reformationszeit"

Format:Taschenbuch
Seiten:224
EAN:9789403622200
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Die heile Welt der Diktatur

Buchseite und Rezensionen zu 'Die heile Welt der Diktatur' von Stefan Wolle

Inhaltsangabe zu "Die heile Welt der Diktatur"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:481
EAN:
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Gustave Courbet - Paintings & Drawings

Buchseite und Rezensionen zu 'Gustave Courbet - Paintings & Drawings' von Gustave Courbet

Inhaltsangabe zu "Gustave Courbet - Paintings & Drawings"

Format:Taschenbuch
Seiten:385
EAN:9798655344990
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Der Mann im roten Rock

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Mann im roten Rock' von Julian Barnes
4.6
4.6 von 5 (15 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Mann im roten Rock"

Format:Taschenbuch
Seiten:304
Verlag: btb Verlag
EAN:9783442771813
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Rezensionen zu "Der Mann im roten Rock"

  1. Ein literarisches Puzzle

    Julian Barnes war mir bisher eher als Romanautor bekannt. Dass er jedoch auch andere "Gattungen" erfolgreich "bedienen" kann, beweist er mit seinem famosen Portrait über den französischen Arzt Samuel Pozzi (1846-1918) mit dem Titel "Der Mann im roten Rock", welches in hochwertiger Qualität vom Kiepenheuer&Witsch-Verlag herausgebracht wurde. Ein definitives Schmuckstück in jeder Sammlung!

    Barnes schreibt allerdings keine schnöde 08/15 Biografie über einen Arzt, der mir (zugegeben) bis zum jetzigen Zeitpunkt völlig unbekannt war. Stattdessen entwirft er zusätzlich zu den biografischen Einsprengseln Kaleidoskop artig ein Portrait der sog. „Belle Èpoque“, verbindet nützliches Wissen über Kunst, Literatur, Politik etc. mit anekdotischen Absätzen, über die man bei der Lektüre schmunzeln oder den Kopf schütteln kann und schafft es trotzdem, die geneigte Leserschaft „bei der Stange“ zu halten, indem er immer wieder den „Running Gag“-Satz „Wir wissen es nicht.“ einstreut. Am Ende trägt er alles „Nichtwissen“ mit einem Augenzwinkern noch einmal zusammen.

    Ein zusätzlicher Pluspunkt dieses einzigartigen Portraits sind die vielen Abbildungen, die das Buch und die Lektüre „lebendig“ gestalten. Man lernt dadurch viele Zeitgenossen von Dr. Pozzi und seinen beiden Begleitern, dem Grafen Montesquiou und dem Prinzen Edmonde Polignac kennen, trifft auf (literarische) Bekannte wie Oscar Wilde, Marcel Proust, die Brüder Goncourt und Gustave Flaubert (um nur ein paar zu nennen) und wird „Zeuge“ von fortschrittlichen Entwicklungen im Gesundheitswesen, für die sich Samuel Pozzi vehement eingesetzt hat.

    Auch werden die teilweise gravierenden Unterschiede zwischen Frankreich und England (etwa im Prozesswesen) eingestreut. Den Abschluss des Buches bildet ein leidenschaftliches Plädoyer Julian Barnes´ für Europa; wer mag es ihm verübeln, wo sein Heimatland doch gerade erst aus der EU ausgetreten ist…

    Obwohl die Lektüre an der ein oder anderen Stelle alles andere als leicht ist, sei dieses Buch all jenen empfohlen, die gerne „puzzeln“ und ein wenig Geduld aufbringen.

    Volle Leseempfehlung und entsprechend 5*.

    ©kingofmusic

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  1. Sittenbild der Belle Epoque

    Julian Barnes, einer der Großen der englischen Autoren, hat mich mit seinem neuen Buch überrascht.

    „Der Mann im roten Rock“ ist Dr. Samuel Pozzi ( 1846-1918 ), einem Pariser Arzt, der nicht nur Modearzt der eleganten Welt, sondern auch als Gynäkologie wegweisend war. Pozzi wurde von John Singer Sargent gemalt, in eben diesem titelgebenden roten Rock. Auf dem Cover sehen wir nur einen Ausschnitt, aber das Gemälde zeigt einen eleganten Mann in den besten Jahren, gekleidet in einen luxuriösen Hausmantel, dessen kostbaren Stoff Singer Sargent in ineinanderfließenden Rottönen malt. Darunter blitzen Rüschen an Kragen und Manschetten. Der Ausschnitt lenkt den Blick des Betrachters auf die feingliedrigen Hände eines begabten Operateurs.
    Aber Barnes wählt nicht die direkte Methode um Pozzi zu charakterisieren, er nimmt sich gleich der ganzen Epoche an. Die Belle Epoque, die vielleicht erst in der Rückschau zur „schönen“ wurde.

    Seit einer gemeinsamen London-Reise waren Dr. Pozzi, der Graf Montesquiou, ein Homme de lettre und Prince Edmonde Polignac befreundet. Pozzi, aus bürgerlicher Kreisen stammend, suchte und genoss die illustre Gesellschaft. Die Ehe mit Therese, beziehungsweise deren Mitgift, ermöglichte es ihm auch finanziell mitzuhalten, zumindest zu Beginn seiner Laufbahn.

    Erstaunlich fand ich immer wieder, dass Pozzi trotz seiner Prominenz und seiner Patientinnen aus Adel, Geldadel und Gesellschaft, ein Anliegen war, auch das allgemeine Krankenhauswesen zu verbessern. Er sorgte für einen vorbildlichen, nach allen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen Neubau eines Krankenhauses.
    Barnes nähert sich seiner Figur auf vielfach mäandernden Schleifen, dabei fließt viel aus der Politik und der Gesellschaft dieser Epoche ein. Man trifft Sarah Bernhardt, (Pozzi hat wohl eine Affäre mit ihr) die Brüder Goncourt, Alphonse Daudet, Oscar Wilde und viele mehr. Es ist ein großes Vergnügen von Julians Barnes überbordenden Kenntnissen der Zeit zu profitieren. Malerei, Literatur, Musik und Theater, der Autor breitet diese aufregende Epoche vor dem Leser aus.

    Immer wieder kommt es zu Vergleichen zwischen Frankreich und Großbritannien, zum Beispiel bei Gerichtsprozessen. Honoriert in Frankreich der Richter Ironie und Schlagfertigkeit des Angeklagten, wird ein Crime passionel generell mit Milde beurteilt, wird Oscar Wilde bei seinem Prozess in London die gegenteilige Erfahrung machen müssen.

    Mit seiner eleganten Erzählweise wird die Lektüre immer zu einem unterhaltsamen, wenn auch nicht einfachem Lesevergnügen.

    Im Buch finden sich unter anderen Illustrationen auch viele Portraitfotos der Sammlung Potin, so dass die meisten erwähnten Persönlichkeiten auch visuell greifbar werden.

    Ganz zum Schluss ergreift Barnes auch noch leidenschaftlich für ein gemeinsames Europa das Wort und verurteilt neu aufkommenden Nationalismus wie Brexit gleichermaßen

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  1. Überall Pozzi

    „Im Juni 1885 kamen drei Franzosen in London an.“

    Einer dieser drei Franzosen war Dr. Samuel Pozzi, die anderen beiden der Prinz Edmond de Polignac und Graf Robert de Montesquiou. Das 19. Jahrhundert näher sich seinem Ende. Für die, die es sich leisten konnten, war es die Belle Époque, eine Zeit der schönen Künste, der Reisen, der Ausschweifungen. Der britische Schriftsteller Julian Barnes ließ sich von dem markanten Gemälde „Dr. Pozzi at home“ des zu der Zeit gefragtesten Portraitmalers John Singer Sargent zu dieser absolut ungewöhnlichen Homestory über Samuel Pozzi inspirieren. Pozzi ist der „Mann im roten Rock“.

    Wer war nun dieser Samuel Pozzi? Arzt, Politiker, Liebhaber schöner Frauen. Trotz seiner bürgerlichen Herkunft bewegte er sich in den Salons der Adeligen wie ein Fisch im Wasser.

    „Pozzi war überall!“

    Doch Barnes hat hier weit mehr als eine Biografie verfasst. Das Buch ist ein Panoptikum der Epoche, das Sittenbild einer dekadenten Gesellschaft. Barnes spart nicht mit pikanten Details, Klatsch und Tratsch. Er vermittelt sein ungeheures Wissen über die damalige Zeit und erstreckt seine Schilderungen auf die Kunst in Wort und Bild, aber auch Justiz und Politik, beleuchtet das gesellschaftliche und damit einhergehende politische Ränkespiel zwischen Frankreich und England. Wobei Barnes sehr pointiert eine Brücke zu der aktuellen politischen Entwicklung in seiner britischen Heimat schlägt und seinen Unmut darüber kaum verhehlen mag.

    „Wir könnten auch mit einer Kugel beginnen und mit der Waffe, aus der sie abgeschossen wurde. Das funktioniert eigentlich immer: Eine eherne Theaterregel besagt, wenn man im ersten Akt eine Waffe sieht, wird sie im letzten garantiert abgefeuert. Aber welche Waffe und welche Kugel? Es gab so viele zu jener Zeit.“

    Barnes wird etliche Kugeln zum Rollen bringen. Eine Karambolage vieler Ereignisse, elegant über die Bande gespielt erledigt er die Liebschaft Pozzis zu Sarah Bernhardt, den Prozess gegen Oscar Wilde, streift hier an den Brüdern de Goncourt an und dort an der Dreyfus Affäre. Und noch an so viel mehr.

    Diese Lektüre ist ungemein fordernd, bereichernd und lehrreich. Barnes geschliffene Sprache, aber auch die elegante Aufmachung des Buches mit unzähligen (historischen) Abbildungen macht aus diesem Buch ein Schmuckstück.

    Letztlich ist das Buch auch Barnes Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben, insbesondere dem Schreiben einer Biografie, über gute und schlechte Bücher und darüber, was wir alles nicht wissen.

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  1. 4
    14. Feb 2021 

    Biographie einer Epoche

    2015 stieß der frankophile englische Autor Julien Barnes bei einem Besuch der National Portrait Gallery in London auf das übermannsgroße Gemälde „ Pozzi at home“ des amerikanischen Portraitmalers John Singer Sargent ( 1856 - 1925 ) und sein Interesse war geweckt.
    Wer war dieser Dr. Pozzi?
    Samuel Jean Pozzi, 1846 in der Dordogne geboren, 1918 gestorben, war ein Pariser Frauenarzt und Chirurg, ein Modearzt, der sehr viele Berühmtheiten seiner Zeit - Künstler und Adelige- zu seinen Patienten zählte, aber auch 35 Jahre lang an einem öffentlichen Krankenhaus gearbeitet hat. Er war ein Reformmediziner, der den ersten Lehrstuhl in Gynäkologie in Frankreich innehatte und dessen „ Lehrbuch der Gynäkologie“ jahrzehntelang das Standardwerk auf seinem Gebiet war. Gleichzeitig aber war Pozzi ein Lebemann und umschwärmter Liebling der Frauen ( „ ekelhaft gutaussehend“ ). Obwohl verheiratet waren seine Affären stadtbekannt.
    Trotz seiner Herkunft - bürgerlich und aus der Provinz stammend - schaffte er es aus eigener Kraft ( und mit dem Geld seiner Frau ) in die höchsten Kreise der Pariser Gesellschaft. Er war bekannt und befreundet mit allen, mit den Dandys und Lebemänner dieser Zeit, mit den Dichtern und Künstlern. Schon als Student hatte er eine Affäre mit der legendären Sarah Bernhard, der er ein Leben lang freundschaftlich verbunden blieb.
    Er war Prozessbeobachter im Fall Dreyfus, auf dessen Seite er stand und den er auch als Arzt betreute.
    Das Leben dieses Doktor Pozzi faltet Barnes mit sehr vielen Episoden und Details vor uns auf. Dabei weiß der Autor um die Schwierigkeiten beim Verfassen einer Biographie. „ Wir wissen es nicht“ , heißt es daher oft und „ Eine Biografie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden ,...“ ( S. 127 )
    Doch Julian Barnes hat mit „ Der Mann im roten Rock“ nicht einfach eine Biographie dieses außergewöhnlichen Mannes geschrieben, sondern er erzählt an dessen Leben entlang die Biographie einer ganzen Epoche. ( Denn „ Pozzi war überall.“)
    Jener Zwischenkriegszeit zwischen 1870/71 und 1914, die wir heute als „ Belle Epoque“ kennen. „ Die Belle Epoque : der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer etablierten Society,...“ ( S. 34 )
    Und so entwirft Barnes ein riesiges Wimmelbild dieser Jahre. Dazu lässt er jede Menge bekannter und heute weniger bekannter Personen auftreten, von Maupassant über die Brüder Goncourt, von Oscar Wilde bis Marcel Proust. Über sie erzählt er unendlich viele Anekdoten und skurrile Begebenheiten, oftmals Klatsch und Tratsch ( viele Bettgeschichten), Wichtiges und eher Nebensächliches.
    Dabei greift Barnes eine Besonderheit dieser Zeit auf, das Duell und zeigt an vielen Beispielen, wie nichtig oftmals die Gründe waren, die zum Austausch von Kugeln geführt haben. Mit dieser Unsitte hat der Erste Weltkrieg glücklicherweise aufgeräumt, wie Barnes etwas zynisch schreibt.
    Immer wieder geht Barnes höchst amüsant auf die Unterschiede zwischen Engländern und Franzosen ein . Dabei kommen die englischen Frauen und die englische Hauptstadt wenig gut weg. Auch über die Liebe herrschen unterschiedliche Ansichten. Während die Briten an die Gemeinsamkeit von Liebe und Ehe glauben, sieht der Franzose das pragmatischer. „ Man heiratete um der gesellschaftlichen Stellung, um des Geldes und Besitzes Willen und um die Familie fortzuführen, aber nicht aus Liebe. ...Die Ehe war lediglich ein Basislager, von dem das abenteuerlustige Herz zu neuen Ufern aufbrach.“
    ( S. 51 )
    Und während für politisch Verfolgte in Frankreich oft England das Ziel war, wohin sie flüchteten, so floh man von der Insel eher, um einem Skandal zu entgehen. „ Sie schickten uns ihre geschassten politischen Köpfe und gefährlichen Revolutionäre, wir schickten ihnen unser nobles Gesindel.“ ( S. 44 )
    Als zweite Hauptfigur neben Pozzi wählte Julian Barnes den Grafen Montesquiou, einen homosexuellen Dandy und mittelmäßigen Dichter. Dessen exzentrischer Lebensstil war Anregung für andere Literaten; so war er Vorbild für eine Figur in Marcel Prousts „ Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und der dekadente Held in Joris- Karl Huysmans‘ Buch „ Gegen den Strich“ trägt eindeutige Züge des Grafen.
    Obwohl Pozzi mit Montesquiou regen Umgang pflegte und obwohl er auch den Freuden des Lebens niemals abgeneigt war, so war er doch ein ganz anderer Typ Mensch. Pozzi war aufgeschlossen und wissbegierig, ein moderner Wissenschaftler, dem es um den Fortschritt und die Verbesserung in der Medizin ging. Während der Dandy, eine Erscheinung der „Belle Epoque“ , nur um sich selbst kreist, nur die Selbstinszenierung und die Ästhetisierung des eigenen Lebens im Blick hat. „ Wem gilt die Liebe des Dandys? Sich selbst, natürlich.“ ( S. 71 )
    Weshalb Julian Barnes Sympathie dem Arzt Samuel Pozzi gilt, macht er nochmals in seinem Nachwort deutlich. Gerade Pozzis Maxime „ Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz“ hat es ihm angetan. Pozzi ist für den englischen Autor der Gegenentwurf zur Ignoranz und Selbstgefälligkeit der Engländer, die sich aktuell bei der Brexit - Abstimmung wieder gezeigt hat. Pozzi war zwar ein Patriot, aber kein Chauvinist. Er war weltoffen und zukunftsorientiert und jederzeit bereit, vom Ausland zu lernen.
    Hervorzuheben ist auch die wunderbare Machart des Buches. Einige Porträts, neben dem titelgebenden „ Mann im Rock“ , des Societymalers Sargent erfreuen den kunstliebenden Leser, sowie die klugen Interpretationen des Autors . Dazu machen zahlreiche Photos sowie die Schokoladen - Sammelbilder der Firma Potin die Figuren lebendig.
    Julian Barnes hat mit „ Der Mann im roten Rock“ eine äußerst kluge und elegant geschriebene Biographie einer beachtenswerten Person und einer spannenden Epoche geschrieben. Dazu hat er sehr, sehr gründlich recherchiert und eine Unmenge an Material zusammengetragen. Das wirft zwar einen sehr detaillierten Blick auf die Gesellschaft und das Denken jener Zeit, allerdings hätte ich es in dieser Fülle nicht gebraucht.
    Barnes reiht, zwar gekonnt, Episode an Episode, Betrachtung an Überlegung, verknüpft leichthändig die verschiedenen Themen, doch ab und an fehlte mir hier die Stringenz.
    Trotz dieser leichten Vorbehalte ist „ Der Mann im roten Rock“ eine literarisch anspruchsvolle, sehr erkenntnisreiche und unterhaltsame Lektüre, die ich gerne weiterempfehle.

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  1. Eine Biografie der anderen Art

    "Der Mann im roten Rock" ist ein Gemälde von John Singer Sargent aus dem Jahr 1881 und zeigt Dr. Samuel Jean Pozzi. Der Klappentext, und auch der Titel, lassen vermuten, dass es sich um die Biografie von Dr. Pozzi handelt. Tatsächlich lebte dieser ein sehr bewegtes Leben. Er war seinerzeit ein berühmter Arzt, Vorreiter auf dem Gebiet der Gynäkologie und ärztlichen Hygiene, vielfältig interessiert, weit gereist und verkehrte in den besten Kreisen. Dies alles hätte genug Stoff für eine Biografie (oder zwei) hergegeben.

    Das titelgebende Gemälde und die Person Dr. Pozzis nutzt Julian Barnes jedoch nur als Aufhänger für eine Reise ans Ende des 19. Jahrhunderts. Spinnennetzartig erzählt er gefühlte tausend Geschichten unzähliger historischer Persönlichkeiten, die teils nur lose oder gar nichts mit Dr. Pozzi zu tun haben. Anhand von Anekdoten und Anekdötchen sowie unzähligen, sicherlich profund recherchierten Informationen mäandert Julian Barnes durch die Zeit und lässt die sog. Belle Époque wiederauferstehen.

    Das alles ist zweifelsohne interessant zu lesen. Dem Buch ist zudem anzumerken, dass Julian Barnes die Recherche für das Buch und die Niederschrift unendlich viel Freude gemacht haben. Sein Stil ist makellos und eloquent. Allein schon deshalb lohnt es sich, das Buch zu lesen. Als kleiner Kritikpunkt verbleibt allerdings, dass er weniger an seine Leser gedacht hat. Ein stärker ausgeprägter roten Faden oder Rahmen hätten es mir erleichtert, die vielen Einzelinformationen zu verorten und einprägsam nachzuvollziehen. Meine Kapazitäten hat Julian Barnes jedenfalls ziemlich ausgereizt. Daher vergebe ich vier Sterne.

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  1. Dr. Samuel Pozzi oder "Der Mann im roten Rock"

    Dr. Samuel Pozzi oder " Der Mann im roten Rock"

    Julian Barnes ist mir durch mehrere Werke positiv im Gedächtnis geblieben, daher war ich sehr neugierig auf die neueste Veröffentlichung von ihm.
    Doch hier handelt es sich um eine Biografie, deshalb lässt es sich im Grunde gar nicht mit den mir bekannten Werken vergleichen. Dass lesen ist mir zeitweise schwer gefallen, da ich mit vielen Künstlern und Lebemännern aus der Zeit der Belle Époque , zu deren Zeit die Biografie ansetzt, wenig, mitunter gar nichts anfangen konnte. Größen wie Oscar Wilde oder Marcel Proust waren mir natürlich ein Begriff, doch Barnes verknüpft noch viel mehr Personen miteinander und mit dieser Zeit. Die am Ende des Buches auch so ziemlich ihren Glanz verloren hat.

    Hauptperson stellt der damals sehr erfolgreiche Gynäkologe Dr. Samuel Pozzi dar, der zu Beginn mit zwei weiteren Herren eine Reise antritt. Ob die drei gute Freunde waren, konnte ich nicht mal erkennen, aber sie gehörten wohl zur damaligen High-Society und passten daher gut zusammen. Jeder kannte damals wie heute jeden der Rang und Namen hatte.
    Im weiteren Verlauf erfahren wir einiges aus dem Leben der drei Männer. Ebenso erfahren wir über viele andere Künstler wo sie verkehrten, mit wem sie sich umgaben und so weiter. Einiges hat einen direkten Bezug zu Pozzi, doch bei vielen Personen fehlte mir dieser, oder ich konnte ihn einfach nicht nachvollziehen.

    Der Autor schaffte es dann irgendwann doch mich zu fesseln, und mir die Epoche und die Menschen aus dem gehobenen Stand näher zu bringen. Seine Intensität der Recherche muss immens gewesen sein, dafür verdient er große Anerkennung. Vor allem weil ihm hier und da Informationen fehlten, da beispielsweise Briefe oder Tagebücher, die Aufschlüsse hätten geben können, zerstört oder unauffindbar waren. Doch Barnes stellte sich dieser Aufgabe und ließ nur die echten Fakten sprechen. Und räumte an gegebener Stelle ein, dass es nicht nachvollziehbar sei, dass sich alles so und nicht anders abgespielt hat.

    Doch warum legte er sein Hauptaugenmerk auf Pozzi? War es das Gemälde, welches Pozzi noch in jungen Jahren abbildete, von dem Barnes als Kunstkenner so begeistert war? Oder wollte er mehr über diesen durchsetzungsstarkes Mann erzählen, der auf dem Gebiet der Wissenschaft viel erreicht hat? Wollte er den Leser am Leben dieses Menschen teilhaben lassen? Ich bin am Ende zu dem Schluss gekommen, dass es eigentlich gar keine Rolle spielt warum, sondern dass er es getan hat.
    Trotz meiner anfänglichen Schwierigkeiten aufgrund der Fülle an Personen, bilde ich mir ein gutes Bild der Zeit und dieses Mannes im roten Rock bekommen zu haben.
    Ein Buch, das Zeit erfordert. Zeit und Geduld, doch es hat sich am Ende gelohnt.

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  1. Kaleidoskop einer Epoche

    "Im Juni 1885 kamen drei Franzosen in London an.""

    Mit diesem Satz beginnt Julian Barnes die ungewöhnliche Biografie über den französischen Gynäkologen Dr. Samuel Pozzi. Der zu seiner Zeit sehr bekannte Arzt schrieb ein fortschrittliches Standardwerk über Gynäkologie und war DER Arzt der gesellschaftlichen Oberschicht während der sogenannten "Belle Époque". Das Gemälde "Dr. Pozzi at Home" des amerikanischen Porträtmalers John Singer Sargent weckte das Interesse des Autors sich näher mit dem Leben Pozzis und vor allem dieser faszinierenden Epoche zu beschäftigen. Und so ist dieses Buch auch weniger eine Biografie einer einzelnen Person, sondern eher eine Sammlung von Anekdoten und Geschichten der Zeit. Es enthält eine Fülle an Informationen; Namen und Begebenheiten, aber auch Klatsch und Tratsch. Nicht alles ist interessant, vieles nebensächlich, aber wenn man sich intensiv mit Buch befasst, erfährt man viel Wissenswertes und kann viel Freude an diesem Plauderton haben. Die wunderbare Gestaltung des Buches hat es mir besonders angetan. Das Papier ist etwas fester, es gibt viele Fotografien, aber auch farbige Bilder von Gemälden, die sehr aufmerksam und detailreich beschrieben werden, unter anderem das schon erwähnte "Dr. Pozzi at Home". Die Bildbeschreibungen haben mir am besten gefallen und auch der leichte Plauderton Barnes' mit dem er durch diese Zeit wandelt, traf genau meinen Nerv. Ich hatte bisher noch nichts von diesem Autor gelesen, was ich jetzt schnell nachholen möchte.

    Wer eine reine Biografie des durchaus interessanten und beschreibenswerten Lebens Pozzis erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein, mir hat in dieser Hinsicht auch ein wenig die Gradlinigkeit gefehlt, aber es ist ein interessantes Buch mit vielen Geschichten und Geschichtchen einer faszinierenden Epoche.

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  1. 3
    07. Feb 2021 

    Klatsch und Tratsch im 19. Jahrhundert

    Samuel Pozzi, der von 1848 bis 1918 lebte, war für mich bisher ein völlig Unbekannter. Er war Arzt, ein Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie. Und auch sonst ein sehr umtriebiger Mensch, der seiner Zeit in Vielem weit voraus war. Julian Barnes hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns diesen Mann ein wenig näher zu bringen – und nicht nur ihn. Wir lernen seine Freunde, weitere Bekannte und Unbekannte kennen und die Zeit, in der er lebte.
    Im Plauderton erzählt Barnes nicht nur von Dr. Pozzi und seinen zahlreichen amourösen Verhältnissen, sondern auch eine Vielzahl von Anekdoten über bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten. Beispielsweise worauf Charles de Gaulles Abneigung gegenüber den Briten zurückzuführen war (Faschoda) oder Näheres zum Entdecker des Tourette-Syndroms. Keine Frage, wer sich für die Belle Époque interessiert, wird hier eine reichhaltige Fundgrube an historischen wichtigen aber auch belanglosen Informationen entdecken. Und nicht nur an Schriftlichem: Der Verlag hat aus dieser Lektüre ein wunderschönes Buch gemacht, gedruckt auf hochwertigem Papier mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißbildern, die viele der damaligen Persönlichkeiten auf Gemälden oder Photos abbilden. Nur die Biographie des Herrn Dr. Pozzi kommt leider etwas zu kurz, wie ich finde.
    Julian Barnes‘ Begeisterung an dieser Epoche und seinen Menschen (zumindest denen aus der gehobenen Schicht) ist überdeutlich zu spüren, was bedauerlicherweise nicht immer zum Vorteil der Lesenden gereicht. Es scheint, als wolle er uns so viel wie möglich an seinem immensen Wissen teilhaben lassen, und so werden viele der erzählten Dinge nur angerissen – zu knapp, wie ich häufig fand. Gerade Dr. Pozzi, dessen Gemälde das Cover des Buches zeigt, kommt meiner Meinung nach leider, wie schon erwähnt, viel zu kurz. Dies mag daran liegen, dass es über und von seiner Person nicht sehr viele Hinterlassenschaften gibt wie beispielsweise Briefe, Tagebücher o.ä. Wenn, dann sind es meist Dokumente aus zweiter oder dritter Hand wie beispielsweise das Tagebuch seiner Tochter oder die Briefe Sarah Bernhardts an Dr. Pozzi. Damit entsteht zwangsläufig ein ziemlich fragmentarisches Bild des titelgebenden Mannes ‚im roten Rock‘, während sein Freund Robert de Montesquiou-Fezensac wesentlich häufiger Erwähnung findet.
    So ist dieses Buch trotz des Titels kein Porträt einer einzelnen Person, sondern vielmehr ein Panorama der Belle Époque mit vielen Informationen aus jener Zeit – Klatsch, Tratsch und Belangloses mit inbegriffen.

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  1. Mit Vergnügen durch die Belle Époque

    An seinen Romanen wie "Vom Ende einer Geschichte" oder "Die einzige Geschichte" hatte ich in den vergangenen Jahren schon viel Freude, ohne zu wissen, dass Julian Barnes auch Sachbücher schreibt. Sein neuestes, "Der Mann im roten Rock", konnte ich nun lesen, mit großer Hochachtung vor Barnes‘ enormem Quellenstudium sowie seiner Gabe, Mosaiksteine der Geschichte gekonnt zu einem Gesamtbild anzuordnen und unzusammenhängende Fäden scheinbar spielerisch zu verweben. Allerdings ist der Gegenstand des Buches nicht in erster Linie, der französische Chirurg und Frauenarzt Dr. Samuel Jean Pozzi (1846 – 1918), der diese beiden Fachrichtungen in seinem Heimatland revolutionierte, sondern vielmehr die Gesellschaftsschicht, in der er sich bewegte: die „ferne, dekadente, hektische, gewalttätige, narzisstische und neurotische“ Belle Époque zwischen 1870 und 1914. Duelle und Attentate, Tratsch, Klatsch und Gerüchte, sexuelle Orientierungen, Kunst, Literatur, Sammlerleidenschaft, Mäzenaten- und Dandytum, Aufschneiderei und Exzentrik, Freundschaften und Feindschaften, Ehen und Liebschaften und immer wieder Vergleiche zwischen Frankreich und Großbritannien, all das interessiert Julian Barnes ungleich mehr als antiseptische Operationsverfahren oder politische Entwicklungen. Wie elegant er allerdings darüber schreibt, ließ mich zunehmend vergessen, dass ich eigentlich mehr über die Meilensteine der Medizingeschichte erfahren wollte, ähnlich wie in der detailreichen Biografie "Der Horror der frühen Medizin" über Pozzis Zeitgenossen und Vorbild Joseph Lister, in der die Medizinhistorikerin Lindsey Fitzharris völlig andere Interessen bedient.

    Panorama einer Epoche
    Erstmals begegnete Julian Barnes dem „Mann im roten Rock“ 2015 in der National Portrait Gallery in London auf dem 1881 entstandenen Gemälde Dr. Pozzi at Home von John Singer Sargent, das als Ausschnitt das Cover ziert. Seine Neugier war geweckt. Ausgehend von einer Bildungs- und Einkaufsreise, die Pozzi im Jahr 1885 mit dem Prinzen Edmond de Polignac und dem Grafen Robert de Montesquiou-Fezensac nach London unternahm, katapultiert uns Barnes in das Leben der Pariser High Society. Vor allem der Graf, ein mäßig erfolgreicher Romancier, homosexueller Dandy und Exzentriker, nimmt viel Raum ein. Er war Vorbild für mehrere Romanfiguren, darunter die Hauptfigur in Joris-Karl Huysmans‘ Roman Gegen den Strich (der wiederum eine Rolle in Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray und beim Prozess gegen ihn spielte), und im Werk von Marcel Proust. Aber auch die Brüder Goncourt, die Familie Proust, Paul Hervieu, Lucien Daudet, Sarah Bernhardt, Guy de Maupassant, Jean Lorrain, Claude Monet, Alexandre Dumas d. J. und viele, viele andere tauchen als Freunde, Feinde, Patienten oder Geliebte Pozzis auf. Von allen gibt es Abbildungen, häufig Schokoladenbildchen der Firma Potin, in diesem opulenten, auf hochwertigem Papier gedruckten und doch überraschend preiswerten Band.

    Ein Tausendsassa
    Samuel Pozzi, Nachfahre italienischer Protestanten aus der Dordogne und mit einer englischen Stiefmutter zweisprachig aufgewachsen, war Begründer der französischen Gynäkologie, erster Lehrstuhlinhaber, Lehrbuchautor, Kosmopolit, Modearzt und für medizinische Neuerungen aus aller Welt aufgeschlossen, aber auch Kunstsammler, Senator, Dreyfusien und Salonlöwe. Er setzte sich für den medizinischen Fortschritt und für schonende, ganzheitliche Behandlungsformen ein, schreckte aber nicht vor Affären mit Patientinnen zurück. „Pozzi war überall“, wie Barnes wiederholt betont, um dann gelegentlich augenzwinkernd einzuschränken: „Pozzi war doch nicht überall“.

    Anders - aber gut
    Auch wenn mir zu Beginn falsche Erwartungen und ein zunächst verwirrendes Füllhorn von Akteuren und eher amüsanten als wissenswerten Anekdoten den Einstieg erschwerten, so steckten mich doch Barnes‘ Begeisterung, sein Humor, seine (Selbst-)Ironie und sein Spiel mit Wissen und Nichtwissen zunehmend an. Nicht nur, aber auch aufgrund seines Mottos: „Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz“ ist Pozzi für den überzeugten Europäer und Brexit-Gegner Barnes „so etwas wie ein Held“.

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  1. Das Who is Who der Belle Époque

    Liebe Damen, schnürt die Korsetts und rafft die Kleider, liebe Herren, bürstet eure Melonen und haltet die Schusswaffen bereit, wir reisen in das Herz Europas der Belle Époque (1871 - 1914).

    Mit dieser Collage erheischt schon der Schutzumschlag Aufmerksamkeit; er zeigt den Rumpf eines Menschen im roten Rock, verbirgt darunter aber die außerordentlich hochwertige Gestaltung und Prägung des Buches von Kiepenheuer & Witsch. Ein Kompliment an den Verlag, man sieht und spürt einfach, mit wieviel Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde!
    Gleich einer der ersten Seiten präsentiert uns dann das vollständige Gemälde eines charismatischen Mannes, rot in Rot, dessen Leben und Wirken der Dreh- und Angelpunkt dieses vergnüglichen Abenteuers in die Zeit des Überdrusses, des Pomp und Protzes ist; Barnes stellt vor, Samuel Jean de Pozzi, erfolgreicher Mediziner und Modearzt der Bohème, Franzose.
    Aber Samuel Pozzi ist nur der Nagel, der das Bild einer Epoche hält, in die wir gleich mit einer illustren Reisegesellschaft hineingezogen werden. Drei Männer, machen sich auf den Weg von Frankkreich nach London, um dort all die schönen Dinge, Stoffe und Kunstwerke zu kaufen, die Heim und Leben schmücken sollen. Drei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Pozzi wird begleitet vom Prinzen Edmond de Polignac und dem Grafen Robert de Montesquiou-Fezensac.
    Die schillernde Figur des Letztgenannten beschert und dann auch die größten Einblicke in diese Zeit der Eitelkeiten, der Auffassung von Moral, der Verletzungen des Ehrgefühls (es ist noch die Zeit der Duelle, meine Herren, deshalb seien sie immer bewaffnet), aber vor allem die Verabschiedung vom Alten und der Aufbruch in eine neue Zeit, was uns Pozzis fortschittliche Neuregelungen in der Gynäkologie sehr schön vor Augen führt.

    Streitigkeiten werden nicht nur auf dem morgendlichen, nebelbverhangenen Feld mit der Waffe verhandelt, sondern auch, quasi durch die Hintertür, in schriftlicher Form, pressetauglich, mit dem verabscheuungswürdigen Jean Lorrain, wenn es schnell gehen musste, oder aber im Romanformat ausgetragen. So tauchen denn auch bald Namen auf wie Marcel Proust, Oscar Wilde und Joris-Karl Huysmans als Weg- und Zeitgefährten auf. Huysmans Roman "Gegen den Strich" stellte fast unverhohlen das nicht ganz skandalfreie Leben des Grafen Montesquiou dar und obwohl es nur auf französisch erschien, musste sich später Oscar Wilde für seine Anspielungen auch auf diesen Roman vor Gericht wegen Homosexualität, welche in Frankreich, aber nicht in England legal war, verantworten.

    Dieses Namedropping ist nur ein kleiner Auszug, der verdeutlichen soll, wie Barnes die Be- und Empfindlichkeiten jener Zeit kongenial erfasst hat, aber mit dem bürgerlichen Pozzi auch eine Verbindung schafft, zu Verbesserungen in der Medizin und seinem Bestreben, den Mensch in den Mittelpunkt der Wissenschaft zu stellen. Beschränken wir uns beim Lesen aber allein auf Pozzis Biografie, so entgeht uns nicht seine unglückliche Ehe, seine Liebschaften und die große Hilfsbereitschaft für Personen mit heiklen, medizinischen Problemen, welche ihm letztendlich, schicksalsträchtig zum Verhängnis wird.

    Julian Barnes hat hier einen, fragmentarisch anmutendes, letztendlich aber doch die Essenz jener Zeit erfassenden Überblick des Fin de Sciècle an der Biografie eines außergwöhnlichen Arztes festgemacht, dessen Bild rahmenhandlungstauglich das Buch eröffnet und beschließt.

    Eine vergnügliche, wenn auch für mich nicht immer einfache Exkursion in die Geschichte zwischen zwei Kriegen, in denen sich Deutschland und Frankreich feindlich gegenüberstanden, die Voraussetzungen für eine vereintes Europa aber schon erkennen lassen. Ob es noch eine barnsche Beleuchtung des einfachen Volkes jener Zeit geben wird, wir wissen es nicht! ;-)

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  1. 5
    02. Feb 2021 

    Die Belle Èpoque auf ganz besondere Art nah gebracht

    “Der Mann im roten Rock” von Julian Barnes wurde vom Kiepenheuer & Witsch-Verlag ohne eine Angabe des Genres in diesem Jahr veröffentlicht. Und auch mir fällt nach Lektüre des Buches nicht wirklich ein, um was es sich hier eigentlich handelt. Ein Roman ist es ganz sicher nicht. Dafür sind die non-fiktionalen Anteile einfach zu dominierend (mit ausführlicher Wiedergabe von Bildquellen aus der Zeit). Ein rein non-fiktionales Sachbuch ist es aber auch nicht, dafür ist die Sprach- und Gestaltungskreativität des Autors zu hervorstechend. Barnes schafft es, ein Buch zu schreiben, das den Lesern collagenhaft in die Zeit der Belle Époque entführt, die letztlich der wirkliche Held dieses Buches ist und die über eine große Auswahl von Vertretern der Gesellschaft in dieser Zeit vorgestellt und sehr anschaulich gemacht wird. Es ist dem Buch anzumerken, dass sich Barnes irgendwie in diese Zeit, in diese Gesellschaft verliebt hat und ihr vielleicht kein Denkmal setzen, aber diese Zeit doch in die Köpfe seiner Zeitgenossen zurückholen wollte. Er sieht in ihr einen Wert, der hochgehalten werden soll. Aber dazu später.
    Das Buch ist gestaltet rund um eine Person und deren gesellschaftliches Umfeld: Dr. Samuel Pozzi, erfolgreicher Arzt, Dandy, Gebildeter, Bourgeois, Frauenheld, Ehemann, Reisender. Für die Nachwelt festgehalten hat diese Person der Maler John Singer Sargent mit einem glamourösen Portrait: „Dr. Pozzi at home“, auf dem der Protagonist unseres Buches im roten Morgenrock weltmännisch an uns vorbeischaut. Über das Buch hinweg erfahren wir als Leser einiges aus dem Leben dieses Arztes – seine Familie, seine Profession, seine Affären, seine Reisen – und doch wird er nie wirklich zum Helden dieses Buches, auch wenn er dessen Titelgeber ist. Dafür ist das „Drumherum“ zu übermächtig, denn immer wieder verlässt Barnes diese Person, wenn an den Seiten von Pozzis Leben eine Situation oder eine Person auftaucht, die dem Autoren gerade besser geeignet erscheint, Einblicke in die Zeit und ihr Lebensgefühl zu geben. So tauchen Personen auf und sofort wieder ab (manchmal erscheint das als pures „name dropping“), andere begleiten uns über die Seiten der Geschichte immer wieder und geben dem Buch einen festen Halt. Neben der Sprache und Worten über diese Zeit spielt in dem Buch auch das Visuelle eine ganz besondere Rolle. Nicht nur das oben schon erwähnte Sargent-Portrait von Dr. Pozzi ist im Buch abgedruckt, sondern es finden sich Fotografien von fast allen angesprochenen Personen, wurden sie doch in eine zeitgenössische Schokoladenbildchen-Sammlung aufgenommen und hier erneut als „Who is who?“ der Zeit textuell und visuell für die Nachwelt festgehalten. Diese Schokoladen-Bildchen-Sammlung befindet sich nach Informationen aus dem Anhang im Besitz von Barnes und scheint so etwas wie ein Wegweiser für ihn durch das Labyrinth des Angesichts der Belle Époque gewesen zu sein: Wer hier abgebildet wurde, muss auch Bedeutung für die Zeit haben, also wird diese Person von Barnes herausgegriffen und in das Buch aufgenommen.
    Mein Fazit:
    Immer wieder während der Lektüre habe ich mich gefragt, was an dem Buch trotz seines collagenhaft, ja manchmal geradezu stückhaften Charakters so begeisternd, so soghaft funktioniert? Ich bin dem Geheimnis nicht ganz auf die Spur gekommen. Aber einige Punkte sind sicher hervorzuheben:
    - Der Sprachkunst Barnes gelingt eine meisterhafte Schilderung dieser Zeit des Dandytums mit seinen Spleens und Sonderbarkeiten.
    - Die distanziert ironische Haltung des Erzähltons gibt dem Text eine ganz besondere Note und Stimmung, in der nie ganz klar ist: Ist Barnes eigentlich der größte Fan dieser besonderen Zeit oder deren größter Skeptiker? Er schafft es tatsächlich manchmal, sich innerhalb eines Satzes von einer zur anderen Haltung komplett zu wenden.
    Dieses ganz besondere Portrait einer Epoche ist ein unvergessliches und unvergleichliches Leseerlebnis, nach dem auch ich als Leserin nicht mehr weiß: Bin ich Fan oder Skeptikerin dieser Zeit???
    Barnes allerdings löst für sich diese Frage auf in seinem Nachwort zum Buch. Hier stellt er diese weltoffene, nach unterschiedlichsten Einflüssen hungernde und diese nutzende Gesellschaft seiner zeitgenössischen chauvinistischen Heimat England gegenüber, die mit dem Votum für den Brexit solche positiven Einflüsse gerade hinweggeschoben und sich entschieden haben „in der Vergangenheit zu hocken“.
    Aber: Ist der Brexit die Motivation Barnes gewesen, gerade dieses besondere Buch als Reaktion darauf zu schreiben? Auch diese Sichtweise über das Buch erscheint eher abwegig.
    Und so gebe ich für ein Buch, das mir jede Menge Rätsel aufgibt, dennoch gerne 5 Sterne!

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  1. Patchworkbild der Belle Èpoque

    Der "Mann im roten Rock" ist Dr. Samuel Pozzi, geboren 1846 in Bergerac (Frankreich). Julian Barnes' Interesse an dem erfolgreichen Arzt und Gesellschaftsmenschen Pozzi entzündete sich an einem Porträt J.S.Sargents, das Pozzi "theatralisch inszeniert" in einem scharlachroten Hausmantel darstellt.

    Schon im ersten Kapitel des prächtig aufgemachten Buchs exerziert Barnes in launiger Weise mehrere Möglichkeiten durch, wie er beginnen könnte - mit Sargents Bild, mit einem anderen Bild, mit Oscar Wilde, mit Pistolenschüssen, mit einer Operation -? Nein, er beginnt mit dem roten Rock und den eleganten Händen. Jeder der kurz "angerissenen möglichen Anfänge" wird im späteren Verlauf des Buches erklärt und vertieft. Dieser Beginn ist symptomatisch für das ganze Buch, das nicht so sehr eine Biographie des Arztes Pozzi darstellt als vielmehr ein umfassendes Bild vom geistigen und gesellschaftlichen Leben der Belle Époque in England und Frankreich.

    Barnes liegt nichts daran, ein geordnetes Gesellschaftsbild zu liefern. Sein Wissen über tausenderlei Aspekte der Zeit, über Berühmtheiten der Kunst, Politik und der "hautevolee", über die medizinischen und technischen Möglichkeiten, gesellschaftliche Strömungen, über Presse und Klatsch ist umfassend. So ist auch "Der Mann im roten Rock" ein Patchwork aus Szenen, Tagebucheinträgen, Zitaten aus Briefen und Büchern und vielem anderem mehr. Barnes führt eine Unzahl bekannter und weniger bekannter Zeitgenossen vor; neben Oscar Wilde, Maupassant, Proust und Henry James, Sarah Bernhardt und anderen heute noch geläufigen Personen nehmen auch vergessene, aber damals angesagte Leute ihren Raum wieder ein, wie der Graf von Montesquieu und der Prinz von Poligny, bekannte Dandys der Zeit. Und alle, alle waren Bekannte oder Freunde von Pozzi. "Pozzi war überall", bemerkt Barnes mit literarischem Schmunzeln. Wir erfahren den typischen Ablauf eines Duells, Einzelheiten über das Verfahren gegen Wilde wegen "Sodomie", alles über Schlüsselromane und die richtige Interpretation alter Gemälde, Klatsch und Tratsch über schwule Dandys und über die "nymphomanische" Bernhardt. Aber auch über die rasante Entwicklung der Technik und der Medizin. Vor allem über Neuerungen, die Pozzi - der nicht nur ein umschwärmter Salonlöwe, sondern auch ein gewissenhafter und fleißiger Mediziner war - speziell im Bereich der Gynäkologie einführte; seine neuen und schonenden Behandlungsmethoden, verbesserte Ausstattung seiner Klinik und sein Bemühen um Verständnis für die Patientinnen.

    Kurz, Julian Barnes erschlägt die Leserin fast mit der Fülle der Einzelheiten, die er darbietet. Aber alles ist so kunstvoll verwoben und leichthändig ausgebreitet, dass es ein Vergnügen ist, ihm zu folgen (und notfalls bei Bedarf auch nochmal zurückzulesen oder etwas nachzuschlagen). Dazu enthält das Buch eine Vielzahl schöner und informativer Bilder: Porträts der Hauptfiguren von bekannten Malern der Zeit und eine Reihe Fotografien, darunter die "Schokolade-Sammelbildchen" der Firma Potin mit Porträtfotos von Berühmtheiten. Es ist eine Freude, das schön ausgestattete Buch zur Hand zu nehmen; es führt auf sehr unterhaltsame Weise durch die Epoche und lädt dazu ein, vielleicht mal wieder Maupassant, Proust oder Wilde zu lesen oder eine Gemäldegalerie zu besuchen.

    Nicht zuletzt handelt das Buch auch von dem regen Kulturaustausch zwischen England und dem Kontinent zur damaligen Zeit. "Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz" zitiert Barnes seinen Helden Pozzi und gibt im Nachwort seiner Unzufriedenheit über den Austritt Großbritanniens aus der EU Ausdruck. Sein Buch kann auch als Plädoyer für den europäischen Gedanken gelesen werden. Pozzi war ein weltoffener, neugieriger und offenbar fröhlicher Mensch, "fortschrittlich, international und unentwegt wissbegierig" - wie der Autor selbst.

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  1. Elegant geschriebenes Sittenbild über die Belle Èpoque

    „Der Mann im roten Rock“ ist wohl am ehesten eine Biografie, geht jedoch weit über das Leben des im Titel genannten Mannes, des Arztes Dr. Samuel Pozzi (1846 – 1918), hinaus. Pozzi ist der Aufhänger, anhand dessen uns eine ganze Epoche, die Belle Èpoque, vorgestellt wird. Handlungsschauplatz ist überwiegend Paris, mit kleinen Abstechern in London, in den USA und noch kleineren im Rest der Welt.
    „Der Ausdruck (Belle Èpoque) für diese Zeit des Friedens zwischen der katastrophalen französischen Niederlage von 1870/71 und dem katastrophalen französischen Sieg von 1914-18 hielt erst 1940/41 in die Sprache Einzug und war der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als nur einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer High Society, bevor dieses kuschelige Fantasiegebilde – mit einiger Verspätung – vom metallischen 20. Jahrhundert hinweggefegt wurde.“ (vgl. S. 34/35)

    Insofern steht nicht der normale Bürger im Zentrum, sondern eben jene High Society bestehend aus Adeligen, Künstlern und Mäzenen, die Einlass zu dieser Welt hatten. Barnes beginnt mit einer Einkaufstour dreier Franzosen unterschiedlichen Alters im Juni 1885 in London. Sehr eloquent werden die Teilnehmer vorgestellt, die gleichzeitig wiederkehrende Hauptpersonen dieses Buches sind: Der Bürgerliche Dr. Samuel Pozzi wird als charmanter, ehrgeiziger und erfolgreicher Arzt beschrieben. Der Prinz Edmond de Polignac, gilt als eher zurückhaltender heimlicher Homosexueller, der unerfüllte musikalische Ambitionen hegt. Der Graf Robert de Montesquiou-Fezenac ist wohl der Auffälligste, Schillerndste in diesem Trio. Auch er gilt als homosexuell, aber auch gesellig und umtriebig. Man kann ihn sich als Dandy und Connaisseur in Reinkultur vorstellen. Er war dermaßen ein Mann der Gesellschaft, dass er in mehrere Bücher (z.B. von Huysmans oder Proust) als literarische Figur Eingang fand – allerdings nicht zu seinem Gefallen.

    Auch im vorliegenden Buch nimmt der Graf viel Raum ein, man kann ihn als Prototypen eines Dandys begreifen. Durch seine Ich-Bezogenheit, Dekadenz und Arroganz war er bekannt wie ein bunter Hund und stellt einen Gegenentwurf zum zumeist ehrenwerten Dr. Pozzi dar, der als ein Pionier seines Berufsstandes galt. Pozzi verbesserte als Gynäkologe und Chirurg die hygienischen und sonstigen Verhältnisse in Krankenhäusern, brachte Operationstechniken voran und veröffentlichte ein über Jahre populäres medizinisches Standardwerk. Pozzi war ein Weltbürger, der auf seinen Reisen viel lernte und für die eigene Praxis umsetzte. Er hatte zahlreiche Förderer, wurde von seinen Zeitgenossen geschätzt – auch von den Frauen. Angepasst an die Gewohnheiten in der Belle Époque soll er zahlreiche Liebschaften gehabt haben, die auch mit seiner Heirat mit Thèrése Loth-Cazalis im Jahr 1879 nicht endeten, was ihn schon zu Lebzeiten zum Objekt der öffentlichen Gerüchteküche machte. Er selbst verhielt sich in derlei Dingen diskret, so dass sich viele Amouren nicht verifizieren lassen. Sein Familienleben galt allerdings nicht als glücklich – auch Dr. Pozzi hatte seine Schattenseiten.

    Die Epoche selbst liebte das Spekulieren: Gerüchte wurden gern zu bösartigem Klatsch ausgeweitet, auf das sich Presse und Literaten stürzten, so dass sie bald zur Pseudo-Wahrheit mutierten. Besonderes Interesse galt der Sexualität in allen Facetten, insbesondere eben auch „wer mit wem“ und andere pikante Details aus dem Privatleben.

    Abgesehen von der Dreyfus-Affäre ist „Der Mann im roten Rock“ kein Buch, dass sich vertieft mit Politik auseinandersetzt, den Zeitgeist jedoch spitzzüngig einfängt: „Die Franzosen glaubten damals ebenso wie die Briten, sie hätten eine einzigartige mission civilisatrice in der Welt; und wie nicht anders zu erwarten, hielt jede Nation die eigene zivilisatorische Mission für zivilisierter als die der anderen. Auf die Objekte der Zivilisierung wirkte das allerdings anders – wie eine Eroberung.“ (S. 36)
    Darüber hinaus behandelt das Buch die Kunst. Nicht nur die Kunst der Epoche, sondern die Kunst als Ganzes, als Bewahrer und Antiquar: „Die Kunst überdauert persönliche Launen, Familienstolz, gesellschaftliche Dogmen; die Kunst hat immer die Zeit auf ihrer Seite.“ (S.9)

    Barnes lässt uns an seinem umfangreichen Wissen teilhaben. Es tauchen viele historische Figuren auf. Interessantes wird über Schriftsteller Oscar Wilde, Schauspielerin Sarah Bernhardt und viele andere berichtet. Je mehr der Leser bereits über die Epoche weiß, desto mehr wird er vom Buch profitieren können (ansonsten bietet Google eine schnelle Alternative). Doch auch für den Einsteiger bietet der Autor eine Fülle an Eindrücken, Fakten, Gerüchten und Episoden, die ein umfangreiches Panorama der Zeit abbilden. Keinesfalls sollte man sich durch die vielen Namen irritieren lassen, die meiner Meinung nach mehr der Vollständigkeit als dem tieferen Verständnis dienen. Zahlreiche Portraits und Fotografien zeigen Persönlichkeiten der Belle Èpoque. Barnes gliedert sie in seine höchst unterhaltsamen Streifzüge ein. Er koloriert die Blütejahre der französischen Kunst, führt uns in die Salons und Raucherzimmer der gehobenen Gesellschaft, die sich routinemäßig in Duellen misst, um die vermeintliche Ehre wiederherzustellen. Dabei begnügt sich der Autor nicht mit dem Beschreiben: Gezielt nimmt er Stellung zu fragwürdigen Praktiken, verallgemeinert oder überträgt zuweilen auf die Gegenwart.

    Besondere Aufmerksamkeit widmet Barnes auch den Unterschieden zwischen Frankreich und England. Sei es die Stellung der Frau in Ehe und Familie, politische Korrumpierbarkeit, unterschiedliche Rechtsauffassungen oder bestehende Vorurteile: Barnes legt den Finger auf höchst intellektuelle Weise in die Wunde und deckt Widersprüchlichkeiten auf. In seinem Nachwort outet er sich denn auch als überzeugten Europäer und kritisiert den sektiererischen Austritt seines Heimatlandes aus der EU scharf.

    „Der Mann im roten Rock“ ist ein faszinierendes Buch. Es gibt unglaublich viel zu entdecken und bei Bedarf zu vertiefen. Der Autor springt durch die Zeit. Er fordert seine Leser zuweilen, hält sie aber durch seine elegante Schreibweise, durch die unterhaltsamen, interessanten und spannenden Episoden immer bei der Stange. Freunde von Kunst und Literatur werden dieses auch haptisch hochwertig ausgestaltete Buch lieben. Zahlreiche zeitgenössische Zitate sowie zeitlose philosophische Gedanken runden den Text dieses erzählenden Sachbuches ab.

    Außergewöhnlich, elegant und absolut lesenswert!

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  1. La Belle Époque (fast) nur für echte Blaustrümpfe

    Es ist ungewöhnlich eine Rezension mit einem Zitat aus Wikipedia zu beginnen:
    (Die) „Belle Époque ist die Bezeichnung für eine Zeitspanne von etwa 30 Jahren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, hauptsächlich in Europa. Eine genaue Datierung kann nicht vorgenommen werden. Meist wird die Zeit von 1884 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 genannt. Für die Zeit vor der Jahrhundertwende ist auch der Begriff Fin de Siècle gebräuchlich.“

    Besser kann man es kaum sagen und genau darum geht es: um einen bestimmten Zeitabschnitt in der Geschichte, und unsere Geschichte in der Geschichte, spielt sich hauptsächlich in Frankreich ab und ein bisschen in England.

    In Frankreich, weil dort die Hauptpersonen der Handlung leben und in England, weil ein Gentleman seinen intellektuell geschärften Blick auf das in vielen Dingen eine Vorreiterrolle spielende England gerichtet hält.

    Dennoch, fanden die Gentleman, waren die Engländerinnen durchweg hässlich und rotgesichtig, die Männer und die Sitten „seltsam“, man hatte natürlich in Frankreich den besseren Geschmack und sah den Leidenschaften der Menschen als einer Art Naturgewalt viel mehr nach als die steifen Engländer, die nur die Ratio gelten lassen.

    Das galt insbesondere vor Gericht. Es war möglich, dass eine durch die Presse angefeindete Frau in eine Redaktion spazierte, den Chefredakteur zu sprechen wünschte, ihn mit einem gerade erworbenen Revolver erschoss und vor Gericht freigesprochen wurde. In England wäre dies undenkbar gewesen. Auch in Frankreich ging das nur, wenn man der Oberschicht angehörte, natürlich.

    In dieser vor spannenden Details wimmelnden Zeit, darunter manche Pikanterien, die uns Jules Barnes genüsslich in die Ohren reibt, er serviert uns Hunderte von kleinen, nicht allgemein bekannten Leckerbissen über Maler, Literaten, Wissenschaftler, Grafen, Prinzen, dem ganzen Gesocks der Oberschicht, also Insiderwissen, sind Barnes Hauptfiguren, ein Graf, ein Prinz und ein Arzt.

    Es handelt sich um die Personen Dr. Samuel Jean de Pozzi, Edmond de Polignac und Robert de Montesquiou.

    Das Hauptinteresse des Autors gilt Pozzi, der altersmäßig von dem jüngeren Grafen M. und dem älteren Prinzen P. eingerahmt ist. Alle drei kannten sich und man unterhielt mehr oder weniger innige Beziehungen zueinander. Über den snobistischen Grafen M. hatte Barnes jedoch am meisten Stoff.

    Barnes umkreist seine Personen. Er umkreist sie mit der Zeit, in der sie leben. Das ist das Raffinerte, aber auch das Blaustrümpfige. Der Mann im Roten Rock ist kein Roman für Lieschen Müller.

    Wenn Barnes sich mehr mit dem Leser als mit seinen Figuren verbündet, indem er immer wieder satirische Nadelstiche über das Geschriebene und die Beschriebenen in den Roman setzt, dann ist er ganz auf der Linie und einig und kongruent mit seinem Thema.

    Auch die Literaten ihrer Zeit vergnügten sich mit derartigen Nadelstichen. Es gab nichts Besseres als sich gegenseitig in ihre Romane einzuschreiben und zu karikieren. Nach Herzenslust und mit spitzer Feder.

    Davon wissen wir heutigen Leser zu wenig und lesen naiv darüber hinweg. Aber mit Barnes Hilfe kommen wir den Satirikern der Zeit auf die Spur.

    Erst so nach und nach enthüllt Julian Barnes die zentralen Ereignisse im Leben der drei Männer, die er ins Auge gefasst hat und darunter imponiert ihm der Arzt und Lebemann Pozzi am meisten. Zu Recht, denn Pozzi war alles und er war überall, wie Barnes immer wieder süffisant feststellt („Pozzi war überall.“ „Pozzi war doch nicht überall.“) Ich höre Barnes kichern.

    Unser Pozzi: Lebemann, Womanizer, Modearzt, Pionier, Professor für Gynäkologie, Erneuerer, Reisender, Literat, Sammler. Politiker mit Homestory. Das titelgebende Bildnis von John Singer Sargent lautet „Dr. Pozzi at home“.

    Pozzi war Ehemann und Vater, wobei er sich in diesen häuslichen Rollen nicht so besonders hervortat. Er führte eine Ehe zur linken Hand und hatte dennoch zahlreiche Affären. Er hatte ein ausgefülltes und reiches Leben. Sogar sein Sterbevorgang war besonders; selbst dabei erwies er sich als kaltblütig und beherzt.

    Die Themen der Zeit werden von Barnes, vergnüglichst mit Klatsch und Tratsch versehen, über den ganzen Roman verteilt: Dabei ist eine seiner Quellen die Tagebücher der Brüder Goncourts, die selber unzertrennlich waren und von denen einer an Syphilis starb. Pikante Details überall. Diese Tagebücher lesen sich wie die Yellow Press heutzutage und ein wenig ist auch Barnes Roman Yellow Press des Fin de Siècle.

    Was macht einen Gentleman aus. Was dürfen Männer? Alles. Was dürfen Frauen? Stillhalten und Leiden.Sie dienen auch als Goldesel: Besonders, wenn sie amerikanische Erbinnen sind, kann man sie heiraten. Heiraten, nicht lieben. Wenn das doch einmal geschieht, finden die anderen Männer dies aus der Art gefallen. Heiraten, ausnehmen, bevormunden, Kinder machen, alleine lassen.

    Die Gerüchteküche kochte fast ständig und oft focht man Verleumdungsklagen vor den Gerichten aus. Doch die französischen Gerichte, ich wollte nicht vor ihnen stehen, hatten viel Nachsicht mit Ideen! Wer also von einer Idee getrieben eine Straftat beging, konnte mit Milde rechnen. Nicht so in England, wo man Oscar Wilde anhand eines Romans den Prozess machte und ihn ins Gefängnis steckte. Homosexualität war in. Gleichzeitig anrüchig. Homosexualität war überall. Nur nicht offiziell. Das intellektuelle Gerangel zwischen England (eigentlich London) und Frankreich (eigentlich Paris) feiert bis heute fröhliche Urständ.

    Ein Gentleman hatte Geschmack und hielt seine Ehre hoch. In Frankreich duellierte man sich, in England versuchte man die Dinge rationaler anzugehen. In Duellen verletzte man sich, Pistolenkugeln flogen hin und her, sie sind ein Schlüsselelement des Romans. And so on. Ich könnte noch stundenlang erzählen.

    Fazit: „Der Mann im roten Rock“ ist eine äußerst originelle und raffiniert aufgebaute Dreier-Biographie, eingebaut in ein vergnügliches Sammelsurium von Kuriositäten und Insiderwissen über das Fin de Siècle beziehungsweise die Belle Epoque.

    Ich gebe eine Leseempfehlung an Blaustrümpfe. Gut, dafür sollte man wissen, was ein Blaustrumpf ist. Smiley.

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  1. "Pozzi, ein vernünftiger Mensch in einer verrückten Zeit." (188)

    Das erzählende Sachbuch beginnt mit einer Reflektion über den richtigen Erzählanfang:
    1. "Im Juni 1885 kamen drei Franzosen in London an." (7)
    Gemeint ist dabei die Hauptfigur Dr. Samuel Pozzi, ein Bürgerlicher, der gemeinsam mit zwei Adligen zur Shopping Tour nach London reist, wobei sie bei Henry James logieren.
    Die anderen beiden sind der Graf Robert de Montesquiou-Fezensac sowie der Prinz Edmond de Polignac.
    Neben den Hauptfirguren wird die Verbindung zwischen Frankreich und England gezogen und wir sind direkt in der Zeit verortet und wissen, warum sie dorthin gereist sind. Klassischer Einstieg in einen Bericht ;)

    2. In seinen Flitterwochen liest Oscar Wilde einen französischen Roman, den er wiederum in "Das Bildnis des Dorian Gray" erwähnt.
    Gemeint ist "´À Rebours" von Joris-Karl von Huysmans, der 1884 erschienen ist (dt. "Gegen den Strich") und dessen Hauptfigur ein 29-jähriger Aristokrat ist, der erhebliche Parallelen zu Montesquiou aufweist, der sich im Verlauf der Ausführungen Barnes als schillernde Figur der Belle Époque erweist, heute würde man ihn einen Prominenten nennen, der die Klatschmagazin ziert.
    „Montesquiou war das Musterbeispiel eines aristokratischen Dandypoeten“ (67)

    Und immer wieder kommt Barnes auf die Unterschiede zwischen Frankreich und England zu sprechen:
    „Als Angehöriger der Mittelschicht, geschweige denn der Arbeiterklasse, konnte man in England schwerlich ein Dandy sein. In Frankreich durfte man in den Kreisen der künstlerischen Boheme ein Dandy sein.“ (67)
    Neben dem Grafen widmet sich Barnes auch dem Leben Oscar Wildes, dessen Prozess, seine Amerikareise finden Erwähnung sowie die Tatsache, dass auch er ein klassischer Dandy gewesen ist.

    3. "Wir könnten auch mit einer Kugel beginnen und mit der Waffe, aus der sie abgeschossen wurde." (7) Kugeln sind ein Leitmotiv. Eine Kugel, die Puschkin getötet haben soll, ist angeblich im Besitz des Grafen Montesquiou. Gleichzeitig verweist die Kugel auch auf die Duelle, die mehrmals thematisiert werden. Eine in Frankreich bis zum 1.Weltkrieg verbreitete Praxis, während sie "in England schon in den 1830er-Jahren aus der Mode gekommen [waren]." (57)
    "Wo war Pozzi bei all diesen wütenden Balgereien, die dieser Clown - die Ehre - angezettelt hatte?" (61)
    Er stand als Arzt zur Stelle und leistete Beistand, womit man zum nächsten möglichen Erzählanfang überleiten kann:

    4. In Kentucky hat im Jahr 1809 Ephraim McDowell erfolgreich die erste Ovarektomie durchgeführt. Anlässlich des 100. Jahrestag dieser Operation reist Pozzi, inzwischen ein erfolgreicher Gynäkologe und der Inhaber des ersten Lehrstuhls für Gynäkologie in Frankreich, nach New York (vgl. S.240).

    Dieser Erzählanfang verweist auf Pozzis berufliche Tätigkeit, der als Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie gilt und dessen beruflichen Werdegang Barnes anschaulich darlegt, wobei er vor allem seine Innovationen im Bereich der Hygiene, Operationstechnik, aber auch sein Empathie gegenüber den Patientinnen hervorhebt.
    Barnes beschreibt Pozzi als charmant, gastfreundlich, großzügig, bei allen beliebt, erfolgreich, wissenschaftlicher Atheist, dem jedoch der Ruf vorauseilt, ein notorischer Verführer gewesen zu sein - allein es mangelt an entsprechenden weiblichen Quellen. Gibt es nichts zu erzählen oder schwiegen die Damen?
    Lediglich Pozzis Tochter Catherine äußert sich in ihrem Tagebuch dazu, aber kann man einer Jugendlichen Glauben schenken?

    Die Ehe Pozzis mit Thérèse Loth-Cazalis basierte jedenfalls auf einem Arrangement. Pozzi ist der Überzeugung, sie liebe ihn nicht genug, daher wendet er sich anderen Frauen (Geliebten) zu, seine Frau wahrt jedoch nach außen den Schein, während es im Inneren zu Streitigkeiten und unschönen Szenen gekommen sein soll.
    Die französische Einstellung der Zeit:
    "Die Ehe war lediglich ein Basislager, von dem das abenteuerlustige Herz zu neuen Ufern aufbrach." (51) "Die Briten glaubten an Liebe und Ehe - dass die Liebe zur Ehe führt und darin fortbesteht" (51).

    5. Ein Mann liegt im Bett und "weiß, was er machen soll, er weiß nur nicht, wann und ob er machen kann, was er machen will." (8) Hätte Barnes damit begonnen, hätte er die Geschichte von hinten aufgerollt.
    Der Mann, der im Bett liegt, hat etwas mit Pozzis Tod im Jahr 1918 zu tun (s. auch Erzählanfang 3).

    6. Stattdessen entscheidet sich Barnes dafür, mit einer sehr genauen Bildbeschreibung von "Dr. Pozzi at home" (1881) von John Singer Sargent, das auch das Buchcover ziert, zu beginnen.

    "Mich zog das Porträt von Sargent zu Dr. Pozzi, ich wurde neugierig auf sein Leben und Werk, schrieb dieses Buch und halte das Bild noch immer für ein wahres und elegantes Abbild." (229)

    Wer erwartet, eine Biografie Pozzis zu lesen, wird zwangsläufig enttäuscht. Vielmehr ist der Roman ein Lesebuch der Belle Époque -
    "eine Periode neurotischer, ja hysterischer nationaler Angst, gezeichnet von politischer Instabilität, Krisen und Skandalen" (35) -
    das erzählt, welche politischen Themen à la mode waren, z.B. die Dreyfus-Affäre, welche wissenschaftlichen Entwicklungen im Bereich der Medizin stattfanden, welche Klatsch- und Tratschgeschichten kursierten - ein Bereich, der sehr viel Raum einnimmt - und vor allem, ein Buch über das "Who´s Who".

    Passend dazu sind ein Teil der Fotografien abgebildet, die Félix Potin von 1898-1922 herausbrachte und die jeweils seiner Tafel Schokolade beigegeben waren.

    "Wie schon viele Biografen festgestellt haben, kann man sich die Freunde seiner wichtigsten Figur leider nicht aussuchen." (83)

    Gemeint ist Jean Lorrain, der neben dem Grafen und dem Prinzen immer wieder Erwähnung findet und der in der Tat sehr unsympathisch wirkt. Zudem steht er in ewiger Konkurrenz zum Grafen, der ihn jedoch ignorierte. In seinem Roman "Monsieur de Phocas" erschuft Lorrain "die zweite literarische Schattenversion von Montesquoiu", wobei insgesamt vier davon existieren.
    In der Leserunde kam die Frage auf, warum dem Leben des Grafen Montesquiou so viel Raum gegeben wird.
    Ich denke, dass der Graf neben der Tatsache, dass er eine berühmte zeitgenössische Person gewesen ist, auch als eine Art Negativfolie wirkt. Ein adliger Dandy, der seine Umgebung manipuliert, ausnutzt und sein Luxusleben genießt, während Pozzi sich als erfolgreicher Arzt einen Namen macht, wobei auch er weit davon entfernt ist, als Heiliger dargestellt zu werden. Barnes selbst begründet sein Interesse an Pozzi damit, dass er "ein vernünftiger Mensch in einer verrückten Zeit" (188) gewesen ist.

    Polignac ist dagegen "die Sorte Aristokrat, die mühelos zur Revolution anstachelt. Polignac war sanft, verschroben und ziemlich hoffnungsloser Fall: die Sorte Aristokrat, die eher harmlos erscheint und womöglich sogar leichtes Mitleid erregt." (140)
    Die Ehe mit der reichen amerikanischen Erbin Winnaretta Singer verläuft trotz aller Erwartungen harmonisch.

    Ist man zu Beginn von der Vielzahl an Namen überfordert, findet man sich schnell in Barnes scheinbar assoziativem Erzählen von Ereignissen, Figuren, Themen zurecht und genießt das Eintauchen in die Epoche. Neben der Kunst und dem Betrachten von Gemälden wird auch der "Schaffensprozess" selbst sowie die Problematik, eine Biografie zu schreiben, thematisiert.
    „Wir wissen es nicht. Sparsam gebraucht, ist das eine der stärksten Aussagen in der Biografensprache.
    Der Satz ruft uns in Erinnerung, dass die eingängige Lebensbeschreibung, die wir lesen, bei aller Detailfülle und Ausführlichkeit, bei allen Fußnoten, faktischen Gewissheiten und zuversichtlichen Hypothesen nur eine öffentliche Version eines öffentlichen Lebens und eine unvollständige Version eines privaten Lebens sein kann. Eine Biografie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden" (127).

    Auch die Wirkung von Literatur wird diskutiert. Flauberts Leitsatz dazu: „Man kann die Menschheit nicht ändern, man kann sie nur kennen.“ (219)
    Barnes merkt an, die Menschheit zu kennen und sie so zu beschreiben, wie sie ist, sei schon eine Korrekturmaßnahme, da man vieles aus neuer Sicht sehe. Was der Leser bzw. die Leserin daraus mache, liege jedoch nicht mehr im Ermessen des Autors bzw. der Autorin.

    Und was machen wir aus dieser Biografie, die eher eine Kulturgeschichte der Belle Époque ist?
    Lesen, staunen, genießen und Wissen anhäufen, an das wir zu gegebener Zeit, vielleicht bei der nächsten Lektüre, anknüpfen können.

    Vieles wissen wir nicht, aber wir haben viel dazugelernt ;),

    insofern kann ich jedem dieses intellektuelle "Lesebuch" ans Herz legen!

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Frida Kahlo

Buchseite und Rezensionen zu 'Frida Kahlo' von  Héctor Tajonar
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Frida Kahlo"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783775752060
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Rezensionen zu "Frida Kahlo"

  1. Viva la vita

    Wer kennt sie nicht die inspirierende, willensstarke und lebensfrohe Frida Kahlo? Es gibt unzählige Bücher, Dokumentationen oder Filme, die uns von ihrem Leben aber natürlich auch von ihrer unverwechselbaren Kunst erzählen.
    Und nun gibt es auch noch eine CD für Kinder ab 9 Jahre, die so durch die Autorin Christine Schulz-Reiss wissenswertes über die Malerin erfahren.
    Neben den Eckdaten wo und wann Frida Kahlo gelebt hat, erfahren die Kinder innerhalb von 45 min. etwas über Fridas Schulzeit, ihre Freunde oder den Alltag der Kinder zu dieser Zeit. Natürlich werden bei den Schilderungen weder Fridas Erkrankung an Kinderlähmung noch ihr tragischer Busunfall außen vor gelassen. Diese traurigen Ereignisse ebenso wie die sich daran anschließende Krankenzeit werden kindgerecht sowie verständlich erklärt.
    Was mir besonders gefallen hat, waren die Schilderungen aus Fridas Schulzeit, die ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte. Bemerkenswert, das Frida schon in diesen jungen Jahren so mutig war einen Beschwerdebrief gegen einen Lehrer und später auch noch gegen den Schuldirektor zu formulieren und auch noch an das Bildungsministerium zu schicken.

    Gelesen wird Frida Kahlos Geschichte von der erfahrenen Schauspielerin und Hörbuchsprecherin Julia Nachtmann. Mit ihrer warmen und gefühlvollen Stimme gelingt es ihr die bisweilen überbordende, dann wieder auch sehr verletzliche Persönlichkeit von Frida Kahlo der Zuhörerschaft näher zu bringen. Am liebsten möchte man aufstehen und mit der Malerin zusammen um den Tisch tanzen.

    Fazit:
    Ein informatives und sehr gelungenes Hörbuch zum Leben und Wirken der Künstlerin Frida Kahlo.

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  1. Wissen für Kunstneulinge perfekt arrangiert!

    Klappentext:

    „Ihre politischen und sozialen Ansichten, ihr extravaganter Kleidungsstil, vor allem aber ihre atemberaubende Kunst – Frida Kahlo ist als Künstlerinnenfigur und emanzipierte Malerin heute eine Ikone. Ihr Leben wurde von den berühmtesten Fotografen ihrer Zeit festgehalten und Ihre Hochzeit mit Diego Rivera 1929, ihr Kontakt zu André Breton und Ausstellungen in Paris machten sie schon zu Lebzeiten weltberühmt.

    Mit über 100 Werken aus Frida Kahlos bahnbrechendem Schaffen dient dieser Band als ideale Einführung in das Werk der Malerin. Frisch und abwechslungsreich führt Roxana Velásquez, die weltweit führende Kahlo-Kennerin, durch das Leben der Künstlerin – ihren Blick richtet sie dabei nicht nur auf die bekannten Meisterwerke, sondern auch auf ebenso fesselnde, aber selten gezeigte Gemälde Kahlos.“

    Dieses wunderschöne Buch in festem Einband mit Schutzumschlag beleuchtet das Leben der Künstlerin in einem gewissen Maße. Selbstredend sind hier nicht alle Werke aufgelistete aber dafür die meisten. Das Buch hat aber eine Besonderheit: wir Leser dürfen recht viele Fotografien von Frida Kahlo betrachten die es so selten bislang zu sehen gab. Als großer Kahlo-Fan kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass dieses Buch einen wunderbaren Überblick und auch Einstand in Kahles Kunst gibt, ohne gleich als Leser überfordert zu werden. Auch wenn Kahlos Kunstwerke eine eigene Sprache sprechen, werden diese gekonnt und präzise erläutert. Man kommt aber dennoch nicht drumherum sich näher mit der Künstlerin zu befassen anhand einer Biografie o.ä. um ihre Werke zu verstehen. Alles hat bei Kahlo einen tieferen Sinn in ihren Bildern: egal ob Selbstportrait oder Gedankenbilder ihrer emotionalen Lage.

    Fazit: das Buch ist optisch und haptisch ein Genuss für jeden Kunst-Freund und die die es werden wollen. Die Buchseiten sind von feiner und kräftiger Struktur, die Drucke präzise und die Größe des Buches optimal für die Bilder. Als Einstieg ist das Buch perfekt und genau dafür gibt 5 von 5 Sterne!

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