Meinungsmache

Buchseite und Rezensionen zu 'Meinungsmache' von Albrecht Müller

Inhaltsangabe zu "Meinungsmache"

Format:Taschenbuch
Seiten:496
Verlag: Knaur TB
EAN:9783426781609
read more
 

Anni und Alois - Arm sind wir nicht

Buchseite und Rezensionen zu 'Anni und Alois - Arm sind wir nicht' von Julia Seidl

Inhaltsangabe zu "Anni und Alois - Arm sind wir nicht"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:200
EAN:9783453280434
read more
 

Heimat, Wut und Trauma

Buchseite und Rezensionen zu 'Heimat, Wut und Trauma' von Jörg Heidig
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Heimat, Wut und Trauma"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:112
EAN:9783980819596
read more

Rezensionen zu "Heimat, Wut und Trauma"

  1. blinde Flecken

    Der Autor studierte in Görlitz Kommunikationspsychologie, arbeitete danach im Ausland, kam zurück in die Oberlausitz und hat mit diesem großartigen Buch eine großartige Analyse des Phänomens der Wutbürger hier in der Region verfasst, das trotz seiner Klarheit und Stringenz nur drei von fünf möglichen Sternchen erhält, wie ich im Folgenden erläutern werde.

    Es geht mir gewaltig auf die Nerven, wenn Woche für Woche Pegida-Demonstranten laut trötend direkt vor meiner Wohnung in der Görlitzer Altstadt vorbeiziehen. Halb scherzhaft, halb fremd-schämend erkläre ich verdutzten Touristen, dass im Gegensatz zum Köln und Düsseldorf im »Goldenen Westen« hier in der östlichsten Stadt Deutschland das ganze Jahr über Karneval ist, Woche für Woche im Rosenmontagszug die Narren durch die Straßen ziehen. Doch im Grunde geht mir das fürchterlich auf die Nerven.

    Jörg Heidig analysiert dieses Phänomen schonungslos, schildert die Erstarrung der Gesellschaft in der Oberlausitz und beschreibt am Beispiel seiner Erfahrungen in Bosnien-Herzegowina nach dem Jugoslawien-Krieg, welch katastrophale Auswirkungen hat. Jeder Absatz seines Buches hätte ich mit einem großen Ausrufungszeichen goutieren können. Die Schonungslosigkeit, wie er die hiesigen gesellschaftlichen Phänomene beschreibt, erinnert mich an »Der Gefühlsstau - ein Psychogramm der DDR« des ostdeutschen Psychoanalytikers Hans-Joachim Maaz, wobei jener sich mit den Jahren zum Corona-Schwurbler wandelte, der Pegida-Demonstranten verteidigt und sich sogar auf einer Rechtsextremen gesteuerten Impfleugner-Demonstrationen in Chemnitz zu sehen, was Jörg Heidig glücklicherweise vermeidet.

    Und doch: In der Mitte des Buches, wenn er schreibt, in der Geschichte Ostdeutschlands gab es keine »Demokratisierung und weit und breit keine Achtundsechziger«, dann einige Seite später den Abschnitt über die Wendezeit 1989 mit »Keine Revolution« überschreibt, komme ich arg ins Stolpern. Mitte 60 bin ich inzwischen, in Berlin, Hamburg und Bremen aufgewachsen, und war bei der Aktion gegen den Paragraf 218 dabei, und die Fristenlösung in der DDR, wo ein Großteil meiner Verwandten lebte, war für uns im Westen das große Vorbild.

    Ich erinnere mich noch als die endlosen Diskussionen im Kommunistischen Bund Westdeutschlands, von der Volksrepublik China finanziert, und an die DKP, großzügig mit Geldern aus der DDR ausgestattet, wie man inzwischen weiß, an einen Rudi Dutschke, einen aus Ostdeutschland emigrierter Pfarrerssohn, dessen endlose Reden über die Revolution der Arbeiterklasse so langweilig waren wie Sonntagsreden von der Kanzel, an das bis heute nicht aufgeklärte Oktoberfestattentat durch eine Wehrsportgruppe im Bayerischen Wald, an Altnazis bei der damals frisch gegründeten Grünen, an Anwerbungsversuche durch RAF-Sympathisanten, ihren Brandanschlag auf ein jüdisches Seniorenheim in München, an den Links-Terror der Roten Armee Fraktion bis in die Nachwendezeit hinein, die Morde am Banker Alfred Herrhausen, der sich wie kein anderer für einen Schuldenerlass für Entwicklungsländer eingesetzt hatte, und an Detlev Rohwedder, der sich als Treuhand-Chef enorm für den Erhalt der ostdeutschen Betriebe einsetzen, von linksextremistischen Heckenschützen aus dem »Goldenen Westen« abgeschossen, an die Terroristin Ulrike Meinhof, die einst für »Konkret« schrieb, die pseudo-linke Sexpostille ihres Ehemanns Reiner Röhl, der auf Sylt ein von DDR-Geldern finanziertes Dandy-Leben führte und noch vor der Wende ins rechtsnationale Lager wechselte, ähnlich wie der Linksterrorist Horst Mahler, der sich zum Holocausts-Leugner wandelte.

    So viel zur angeblichen Demokratisierung der Achtundsechziger in Westdeutschland. Dass man darauf in der DDR verzichten musste, ist wirklich kein Verlust. Was »Keine Revolution« betrifft, wie Jörg Heidig die Wendezeit 1989 nennt, so darf man ihm zugutehalten, dass er damals erste 15 Jahre alt war und keine realen Erinnerungen hat. Ich war 32, besuchte meinen Cousin in Ostberlin, Onkel, Tante und Cousinen in Wurzen regelmäßig. Eine halbe Million Sowjetsoldaten waren überall präsent, im Sommer hatte in Peking auf dem Platz der »Himmlischen Friedens« Panzer der Chinesischen Volksarmee die Demonstranten niedergewalzt und dennoch habe es drei Monate später die mutigen Ostdeutschen in Görlitz, Dresden, Leipzig und Berlin gewagt, massenhaft auf die Straßen zu gehen. Sie erkämpften unter Einsatz ihres Lebens die Demokratie, stellvertretend auch für uns Westdeutsche, die wir bis dato nur einen durch Amis, Engländer und Franzosen geschenkte Parlamentarismus hatten.

    2012 veröffentlichte der bereits erwähnte Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz mit »Die narzisstische Gesellschaft: Ein Psychogramm« eine längst überfällige Analyse der Westdeutschen. Im Gegensatz zu Ostdeutschland, wo die Herrschaft der SED nach einem halben Jahrhundert endete, regiert in Bayern seit 76 Jahren mit einer kurzen Unterbrechung in der Nachkriegszeit die CDU und kein Ende ist abzusehen. Es gab niemals eine Revolution in der westlichen Bundesrepublik. Im Grunde ist alles gleich geblieben. Generation Golf in der achten Generation, immer noch Nutella aufs Brot und um 20 Uhr läuft im Fernseher die Tagesschau, nonstop seit 1952. Bei den Westdeutschen gab es keine Brüche, keine Wandlungen, keinen Zwang zur Anpassung an völlig neue Lebensverhältnisse. Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Wenn ich als Wessi nach mittlerweile 18 Jahren in Görlitz auf Urlaubsbesuch in meine alte Heimat reise, dann wundere ich mich stets, wie sehr in Hamburg, Bremen, Frankfurt/Main, Nürnberg und München die Köpfe auf den Hälsen festgeschraubt sind, wie unfähig die Leute geworden sind, ihren Denkrichtungen zu wechseln.

    Was Schwurbler, Impfleugner und Wutbürger betrifft, so treffe ich sie genauso im reichen Süddeutschland und bei alten Freunden in der Schweiz. Dies kann also kein rein ostdeutsches Phänomen sein. Als ich 2004 in die Oberlausitz zog, lag bald eine NPD-Broschüre in meinem Briefkasten. Ich ärgerte mich so lange über die Nazi-Ossis, bis ich erfuhr, dass der hiesige Parteiableger von einem Berliner gegründet wurde. Der AfD-Spitzenkandidat für die Landratswahl war ursprünglich in der FDP und wechselte erst zu den Rechtsextremen, als er auf Schulung Oldenburg war. In Niedersachsen wurde die Partei gegründet und Björn Höcke, Studienrat aus Nordhessen, ist Fraktionsvorsitzender in Thüringen.

    Die Gesellschaft in Ostsachsen ist teilweise erstarrt. Ohne Zweifel, das hat Autor Jörg Heidig brillant analysiert. Jedoch greift er zu kurz, wenn er die Ohnmachtsgefühle der Sachsen lediglich dadurch erklärt, dass hiesige Führungspositionen nach der Wende von Westdeutschen übernommen wurden. Tatsächlich profitierten viele ostdeutsche Apparatschiks aus Stasi-Kadern, die sich zu Wendehälsen wandelten (Zitat meines Onkels Georg im Wurzen: »Jürgen, der Gommunismus war scheen, und der Gapitalismus ist scheen«) sowie den ostdeutschen Blockparteien – mit Ausnahme der SPD, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der SED geschluckt wurde und völlig neu gegründet wurde. Dazu kommt Bündnis 90 / Grüne, eine Verbindung ostdeutschen Bürgerrechtler, die blauäugig den alten Westen verherrlichten, und westdeutschen Salonkommunisten, die es voll öko finden, hier in der Oberlausitz, der einkommensschwächsten Region Deutschlands, die letzten Braunkohletagebau-Arbeitsplätze abzuschaffen, während das Rheinische Braunkohlerevier in der reichen Kölner Bucht munter weiter produziert. Fazit: Viele Mauern, an denen sich die ostsächsischen Wutbürger ihre Köpfe einrennen, habe nichts, aber auch gar nichts mit ihrer DDR-Vergangenheit zu tun.

    Zudem wird das Bild von Ostsachsen in den Medien fast ausschließlich von westdeutschen Medienkonzernen bestimmt. Es gibt in Presse und Fernsehen kein Forum für die Leute, die hier leben. Über zwei Jahrzehnte arbeitete ich als freier Mitarbeiter für den MDR, einen von einem Bayern nach der Wende aufgebauten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, an dem über die Bavaria Film GmbH - MDR Media zu einem überwiegenden Teil eine Münchner Firma beteiligt ist, Macht und Einfluss hat, ehemalige sächsische Film- und Fernsehproduktionen wie die DEFA-Studios in Dresden nach der Wende von den Futterkrippen ausgeschlossen und in die Pleite getrieben hat.

    Das medial verbreitete Bild von Ostsachsen wird durch die Westdeutschen bestimmt, auch jetzt noch im Jahr 2022, über 30 Jahre nach der Wende. Und so erklärt es sich, dass es zwar ständig Reportagen über Rechtsextreme in Ostsachsen gibt, aber so gut wie nichts über das Innovative, das neu Gedachte, das von Menschen hier und jetzt, die Köpfe haben, die zum Denken die Richtung wechseln können, weil sie Umbrüche erlebt haben und geistig flexibel sind – dass al dies nicht medial verbreitet wird. Man stelle sich nur vor, ein großer mächtiger Medienkonzern aus Ostdeutschland (den es nicht gibt) veröffentlicht TV-Reportagen und veranstaltet Lesereisen über Rechtsextremismus in Hessen, über die vor nicht allzu langer Zeit stattgefunden Morde in Hanau und Kassel, über rechtsextremistische Chatgruppen in der hessischen Polizei. Die gibt es nicht, obwohl es angebracht ist, denn hier in Ostsachsen gab es meines Wissens noch niemals einen Mord, den Rechtsextremisten ausgeführt haben.

    So weit zu den blinden Flecken in Jörg Heidigs Buch. Um es noch einmal klarzustellen: Den Autor sehe ich nicht in Gefahr, dass ihn sein tiefes Verständnis für die Ostdeutschen letztendlich zum Corona-Schwurbler und Pegida-Versteher im Stil von Hans-Joachim Maaz macht. Auch ist seine Sprache klarer, gehört er zur neuen Generation der Ostdeutschen, welche die Welt kennen, hierher zurückgekommen ist und in der Oberlausitz neue Impulse setzt. In meinen Augen (ich habe mich über Jahrzehnte an Seiten der Grünen und der CDU im Bündnis Zukunft Oberlausitz Regionalentwicklung gemacht, ohne Parteimitglied sein zu müssen) geht die Innovation Deutschlands mittlerweile vom Osten aus, muss der Westen lernen, hier bei der jungen Generation in die Lehre zu gehen, mit offenen Augen schauen, beispielsweise auf solch innovative Projekte wie die frei Schule Schkola Oberland, das LebensGut Pommritz oder die Energiefabrik Knappenrode. Hier wird unser Land neu gedacht, hier gibt es noch Freiräume und davon muss der Rest der Welt erfahren.

    Wie schwer es ist, in einer Region mediale Aufmerksamkeit zu, in der politisch zur rechts oder links existiert, wo ein harmonisierenden-ausgleichender Weg der Mitte, wie sie derzeit von der Bundesregierung praktiziert wird, nicht existiert, das habe ich im letzten Jahr als Schriftsteller mit meinem witzig frechen Ostdeutschland-Thriller »Der Astrologe« erfahren. Zwar haben mir im letzten Jahrzehnt viele kluge Köpfe unserer Gegend bei der Romanentwicklung zur Seite gestanden, allen voran ein Wiesbadener, der wie viele Wessis glücklich in hier »gestrandet« ist und seines Zeichens die Polizeihochschule Sachsen in Rothenburg/Oberlausitz. Jedoch hat mein Roman ein Genre-Problem: Er ist weder rechts- und linksextrem, nimmt vielmehr ironisch beide Extreme aufs Korn und hat zu allem Unglück als Hauptfiguren zwei junge »Helden« aus Ost und West, die hier leben und hier bleiben wollen. Für so etwas gibt es weder einen starken Publikumsverlag (die sitzen alle in München, Hamburg, Köln und Berlin) noch eine Literaturagentur, geschweige denn eine Buchrezension. Bekanntlich gehört die marktbeherrschende Sächsische Zeitung Medienkonzernen aus Hamburg und Berlin, quasi ein Parteiorgan der CDU, was wiederum der Wut der Sachsen erregt, die eigentlich dachten, mit ihrer lebensgefährlichen Wende-Revolution die Macht der Einheitspresse abgeschafft zu haben und nun wie der Ochs vorm Berge stehen. Kein Wunder, dass die Narren und Jecken vom wöchentlichen Rosenmontags-Karneval im Osten, wo die Sonne aufgeht, ganzjährig Schalmeien-trötend durch die Straße ziehen!

    Und dennoch: Der von ihm brillant geschilderte »gefühlte Krieg« findet auch anderswo statt, vielleicht sogar noch brutaler und schamloser in der reichen deutschsprachigen Gegenden Europas. Möge der Autor diese meine Kritik, weshalb ich nur drei von fünf möglichen Sternen vergebe, als Anregung verstehen für sein nächstes Buch. Nach der Wende war er lange in Bosnien-Herzegowina. Mögen ihn seine Recherchen in noch fernere Länder treiben, beispielsweise nach Nordrhein-Westfalen, Baden Württemberg, das Kanton St. Gallen oder die österreichische Steiermark, auf dass er jene Gründe, warum dort Heimat, Wut und Trauer eng beieinanderliegen, im nächsten Buch darlegt!

    Teilen
 

Ami, it's time to go

Buchseite und Rezensionen zu 'Ami, it's time to go' von Oskar Lafontaine

Inhaltsangabe zu "Ami, it's time to go"

Format:Broschiert
Seiten:64
Verlag: Westend
EAN:9783864894060
read more
 

Nationale Interessen

Buchseite und Rezensionen zu 'Nationale Interessen' von  Klaus von Dohnanyi
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Nationale Interessen"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
EAN:9783827501547
read more

Rezensionen zu "Nationale Interessen"

  1. 4
    27. Jan 2023 

    Bedenkenswert

    Ein augenöffnendes Buch, das tatsächlich meine Haltung zum Ukraine-Krieg und dazu, wie mit ihm umzugehen ist, verändert hat.

    Das Buch widmet sich drei Themen: Unser Umgang mit und unser Stellenwert bei den USA, unsere Rolle in der EU und das Erkennen und die diplomatische Durchsetzung unserer nationalen Interessen, mit einem klugen Abstecher in das Thema der nationalen Identität. Dohnanyi beweist umfassende historische und politische Bildung und verfügt aus seiner Zeit als Politiker über einschlägige Erfahrung.

    Das Buch kam vor dem Ausbruch des Ukrainekrieges heraus. Was für mich sehr für Dohnanyis Standpunkt spricht, ist, dass er den Ausbruch des Krieges vorhersagt, wenn bestimmte politische Aktionen nicht unterlassen und bestimmte Verhaltensweisen nicht verändert werden. Das geschah nicht - und nun haben wir den Salat. Mich macht das ganz beklommen - wie kriegen wir denn nun die Kuh vom Eis? Gehen wir derzeit in die falsche Richtung? Wenn D. recht hat, machen wir damit alles nur noch schlimmer.

    Dohnanyi ist der Verfechter der geduldigen, unpädagogischen Diplomatie in der Annäherung an Russland. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite mahnt er zu mutigem Handeln - den Amerikanern gegenüber. Er kann glaubwürdig belegen, dass wir schlecht beraten wären, uns weiterhin zum Instrument der amerikanischen geopolitischen Interessen machen zu lassen. Vor allem auch warnt er davor, sich dem Antagonismus der USA gegenüber China anzuschließen.

    Er kann auch belegen, dass nicht Putins grundsätzliche Machtgier, sondern historische Gründe und schwerwiegende diplomatische Fehler, vor allem seitens der Amerikaner, den Angriff auf die Ukraine ausgelöst haben. Das diplomatische Versagen der USA, zur Zeit des Mauerfalls geschlagen mit ihrem bislang dümmsten Präsidenten George. W. Bush, hat Russland an die Seite Chinas und von Europa weg getrieben. D. zitiert hierzu, wie für alle seine Behauptungen, viele Quellen aus Politik und Diplomatie.

    Dohnanyis Ansatz in Sachen Europapolitik hat mich ebenfalls überzeugt: Gnadenlos pragmatisch und ergebnisorientiert plädiert er für den Verzicht auf Sanktionen, juristischen Zwang und pädagogischen Anspruch und setzt auf Vorbild und - siehe oben - geduldige Diplomatie.

    Nicht oder ungenügend berücksichtigt wurde aus meiner Sicht die Angst der baltischen Staaten vor einer russischen Übernahme und das historische Verhalten Russlands ggü. Polen und der ehemaligen Tschechoslowakei. Hier sehe ich Widersprüche und hätte mir eine explizite Einordnung Dohnanyis gewünscht.

    Stilistisch ist das Buch recht trocken geraten, wenn auch sprachlich souverän. Das hat zu tun mit D.s völligem Verzicht auf propagandistische oder dramatisierende Sprache - was ich sehr positiv bewerte. Es gibt die für Sachliteratur übliche Redundanz, aber das hält sich in Grenzen und ist auch, aufgrund der Komplexität der Themen, nicht ohne Nutzen. Am Schluss fasst D. seine Standpunkte noch einmal zusammen und spricht konkrete Handlungsempfehlungen aus.

    Insgesamt: Ein substantielles Buch mit sehr bedenkenswerten Sichtweise.

    Teilen
 

Franz von Papen: Hitlers ewiger Vasall

Buchseite und Rezensionen zu 'Franz von Papen: Hitlers ewiger Vasall' von  Reiner Möckelmann
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Franz von Papen: Hitlers ewiger Vasall"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
EAN:9783805350266
read more

Rezensionen zu "Franz von Papen: Hitlers ewiger Vasall"

  1. Lesenswerte Biographie

    Bisweilen frage ich mich, wem auf der Rangliste der größten A...löcher in der deutschen Geschichte der zweite Platz zukommt und schwanke zwischen Alfred Hugenberg und Franz von Papen. Über letzteren hat nun Reiner Möckelmann eine Biographie vorgelegt, die den bezeichnenden Untertitel "Hitlers ewiger Vasall" trägt. Darin beschreibt er den Lebensweg des Kurzzeitkanzlers, Vizekanzlers unter Hitler und Botschafter in der Türkei. Schon als Kanzler trug der antidemokratische und bis ins Mark kaisertreue Papen mit seinem "Preußenschlag", der Absetzung der geschäftsführenden Landesregierung Preußens, maßgeblich zur Zerstörung der Weimarer Republik bei. Nachdem sein kurzlebiges "Kabinett der Barone" sich nicht halten konnte, betrieb der Intrigant seine Wiederernennung als Kanzler, indem er auf das Pferd Hitler setzte. Doch der lehnte als Führer der stärksten Fraktion im antidemokratischen Lager verständlicherweise eine Rolle in zweiter Reihe ab, sodass sich nun Papen mit der Vizekanzlerschaft zufrieden gab, dies in der Hoffnung, Hitler mithilfe seiner konservativen Kabinettskollegen einzurahmen. Das dieser Plan nicht klappte, ist hinlänglich bekannt, zudem zeigte sich in der praktischen Politik nichts von Mäßigung seitens Papens, im Gegenteil, er wirkte an zahlreichen Gesetzen zur Etablierung der faschistischen Regierung aktiv mit, hatte auch nichts gegen antijüdische Maßnahmen. Mit seinem Beitrag zur Reichskonkordat trug er zudem dazu bei, Hitler international hoffähig zu machen. Seine als Akt des Widerstandes geltende Marburger Rede stammt tatsächlich aus der Feder seines Beraters Edgar Jung. Als dieser kurze Zeit später in der "Nacht der langen Messer" nach dem sogennanten Röhmputsch ermordet wurde, folgte keine deutliche Reaktion Papens. Im Gegenteil, weiterhin stellte er seine Dienste Hitler zur Verfügung, zuletzt als Botschafter in der Türkei, wo er den Kriegseintritt dieses Staates auf seiten der Alliierten lange, aber letztendlich nicht erfolgreich verhindern konnte.

    Nach dem Krieg stilisierte sich Papen dann in seiner apologetischen Autobiographie "Der Wahrheit eine Gasse" - der Titel ist der reine Hohn - als emsiger Arbeiter für das Wohl Deutschlands und eigentlicher Widerständler dar, der mit seinem Wirken Schlimmeres verhindert habe (was, bitteschön, hätte den noch schlimmer kommen können?). Tatsächlich kannte Papen einige der Widerständler, doch diese trauten ihm - vermutlich zu recht - nicht und vermieden enge Kontakte mit ihm, geschweige denn, dass sie ihn in irgendwelche Pläne eingeweiht hätten. Versuch, nach dem Krieg in die CDU einzureten, wurden vom damaligen Vorsitzenden Adenauer, ansonsten nicht sehr zurückhaltend im Umgang mit ehemaligen Nazifunktionären, aus gutem Grund abgelehnt. So blieb Papen bis zu seinem Ende im Jahr 1969 der ewige Vasall Hitlers, der nicht in der Lage war, sich seiner Vergangenheit in ehrlicher Weise zu stellen und sich stattdessen die Wirklichkeit zurechtbog.

    Sicherlich ist Möckelmanns Studie mit 39,95 € (31,96 € für wbg Mitglieder) nicht ganz billig, aber sie ist es wert, gelesen zu werden.

    Teilen
 

Die Patin: Wie Angela Merkel Deutschland umbaut

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Patin: Wie Angela Merkel Deutschland umbaut' von Gertrud Höhler

Inhaltsangabe zu "Die Patin: Wie Angela Merkel Deutschland umbaut"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:296
EAN:9783280054802
read more
 

Gegenwartsbewältigung

Buchseite und Rezensionen zu 'Gegenwartsbewältigung' von Max Czollek

Inhaltsangabe zu "Gegenwartsbewältigung"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783446267725
read more
 

Der neue Tugendterror

Buchseite und Rezensionen zu 'Der neue Tugendterror' von Thilo Sarrazin

Inhaltsangabe zu "Der neue Tugendterror"

Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. Ungekürzte Lesung. 800 Min.
Audio CD
Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht. Doch im Alltag begegnet man so manchem Denk- und Redeverbot. Thilo Sarrazin analysiert in seinem neuen Hörbuch den grassierenden Meinungskonformismus. Wer Dinge ausspricht, die nicht ins gerade vorherrschende Weltbild passen, der wird gerne als Provokateur oder Nestbeschmutzer ausgegrenzt. Mit gewohntem Scharfsinn prangert Thilo Sarrazin diesen Missstand an, zeigt auf, wo seine Ursachen liegen, und benennt die 14 vorherrschenden Denk- und Redeverbote unserer Zeit.

Format:Audio CD
Seiten:11
EAN:9783868043686
read more
 

Inside Duisburg-Marxloh

Buchseite und Rezensionen zu 'Inside Duisburg-Marxloh' von Franz Voll
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Inside Duisburg-Marxloh"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
Verlag: Orell Füssli
EAN:9783280056349
read more

Rezensionen zu "Inside Duisburg-Marxloh"

  1. 4
    19. Nov 2017 

    No-Go-Area?

    Eine Stadt verkommt, ein Stadtteil kippt, wer kann, haut ab. Vermüllte Häuser, verängstigte Bewohner, kriminelle Elemente. Wird Duisburg-Marxloh zu Deutschlands erster No-go-Area? Das Detroit Deutschlands? Oder kann der Problembezirk im Ruhrgebiet für andere Städte mit ähnlichen Problemen Lösungen aufzeigen? Und vor allem: Was kann man tun?

    Franz Voll vom »Team Wallraff« war monatelang in Marxloh unterwegs. Er hat mit langjährigen Einwohnern und neuen Zuwanderern gesprochen, hat Prominente, Politiker und Polizisten interviewt. Sein Fazit: Von Marxloh lernen heißt anderswo die gleichen Fehler zu vermeiden. Dieses Buch ist das Porträt eines besonderen Stadtteils und seiner Menschen - investigativer Journalismus, professionell recherchiert, mit schockierenden Wahrheiten und verblüffenden Einsichten.

    Als ich auf dieses Buch stieß, wollte ich es sofort lesen. Nein, nicht weil ich in diesem Duisburger Stadtteil lebe, aber weil ich beruflich mit zahlreichen Menschen aus Marxloh in Kontakt komme und auch immer wieder dort vor Ort bin. Dort leben meist Menschen mit geringem Einkommen, oftmals Hartz-, IV-Empfänger, dazu noch überdurchschnittlich viele Menschen mit Mirgrationshintergrund. Seit einiger Zeit berichten diese Menschen aber von einer deutlichen Verschlechterung der Lebensumstände. Viele Zuwanderer, Bulgaren und Rumänen, würden das Stadtbild verschlechtern, viele Spielplätze seien gar nicht mehr nutzbar, und alles würde abwärts gehen. Da interessierte mich dieses Buch eben sehr, um zu erfahren, wie viel ist eigentlich dran an den Berichten einzelner Einwohner oder auch an den schlagzeilenträchtigen Medienberichten?

    Sehr erstaunt hat mich zunächst, dass Marxloh nicht immer das Problemviertel von Duisburg war, sondern ganz im Gegenteil, einmal eines der reichsten Stadtteile. Wer früher eine der begehrten Wohnungen in Marxloh bekam, hatte es geschafft - der war wer! Spaßeshalber habe ich mal geforscht, was Eigentumswohnungen in Marxloh heute so kosten - und nicht schlecht gestaunt. Unzählige Zwangsversteigerungen und auch sonst nur ein Bruchteil dessen, was vergleichbare Wohnungen in bevorzugten Wohnlagen kosten. Traurig. Doch so sieht es nun einmal heute aus in Marxloh:

    "Die Menschen in diesem Stadtteil sind zu 65 Prozent Migranten. In den Schulen werden Klassen gebildet, die bis zu 85 Prozent aus Migranten bestehen, die aus 40 Nationen kommen. Manche sprechen beim Eintritt ins Gymnasium kein einziges Wort Deutsch."

    Marxloh ist ein Armutsbezirk mit einer hohen Arbeitslosenzahl und mit vielen daraus entstehenden sozialen Problemen: 16 Prozent Arbeistlosigkeit, 19000 Einwohner, 64 Prozent davon mit ausländischen Wurzeln. Überall fehlt es an Geld, so dass Marxloh zusehends verfällt. Nicht alle Hauseigentümer kümmern sich ausreichend um ihren Besitz, aber vor allem die Stadt selbst hat kein Geld mehr - Schwimmbäder, Straßen, Schulen, Kindergärten, alles kommt zum Stillstand, und Stillstand bedeutet Verfall. Trotzdem sind sich die Befragten einig: Marxloh ist keine No-Go-Area. Und Franz Voll hat mit vielen Bewohnern gesprochen. Besonders wichtig waren ihm dabei die jungen Menschen, die doch eine Perspektive brauchen. Aber auch mit Hartz-IV-Empfängern, mit Drogendealern, Prostituierten, Schwarzarbeitern und Rumänen - und mit Politikern, Polizeibeamten, Feuerwehrleuten, Lehrern. Sechs Monate hat der Autor sich Zeit genommen, um diesen Stadtteil und seine Menschen näher kennenzulernen und um letztlich ein möglichst umfassendes Bild von Marxloh zu präsentieren.

    Marxloh hat eine lange Tradition als Einwanderungsgebiet. Die Stahlwerke und die Kohlengruben zogen immer schon Arbeiter aus anderen Ländern an, teilweise gezielt angeworben von den Werken. Zunächst nur als Lösung auf Zeit gedacht, blieben doch viele der Arbeiter und gründeten Familien, so dass heute Menschen bereits in 2. und 3. Generation dort leben, teilweise auch mit deutschem Pass. Dadurch gab es ausreichend Zeit, sich aneinander zu gewöhnen, was auch gut funktioniert hat. Selbst der Bau der Moschee in Marxloh stellte so kein wirkliches Problem dar. Was für große Unruhe sorgte, war dann tatsächlich der große Zuzug von EU-Bürgern, Rumänen und Bulgaren, die widersinnigerweise als EU-Bürger keinen Anspruch auf einen Sprachkurs oder Integrationskurs haben - die Plätze werden von den zahllosen Flüchtlingen aus anderen Ländern belegt, die in den vergangenen Jahren noch zusätzlich dazu kamen. Von EU-Bürgern müsste der Sprachkurs selbst gezahlt werden, was die Motivation nicht sonderlich erhöht und die Integration noch zusätzlich erschwert.

    Doch was ist Integration eigentlich? Auch dieser Frage geht Franz Voll nach und stellt erstaunt fest: alle reden davon, aber eigentlich weiß keiner genau, was das sein soll. Jeder hat sein eigenes Bild und persönliche Erwartungshaltungen, so dass es schwierig ist, da auf einen Nenner zu kommen. Kopftuch weg und Deutsch lernen? Moschee abreißen und alle ab zum Fußball? Und wer bewertet eine gelungene Integration?

    "Wie soll sich ein Zugewanderter integrieren? Und ab welchem Zeitpunkt gelten Zuwanderer als integriert? Sind sie integriert, wenn sie die Sprache des Landes sprechen? Oder müssen sie noch in einem Kegelverein oder in einem Sportverein tätig sein? Reicht die Funktion des Kassenwarts aus oder wird mehr Engagement verlangt?"

    Vielleicht kommt die Aussage einer Befragten der Sache am nächsten, die kein Problem damit hat, dass fremde Menschen um sie herum leben, dass diese sich aber benehmen sollen. Wenn man Gast ist, soll man sich auch so benehmen. Der Gastgeber hat Pflichten, aber der Gast eben auch.

    Franz Voll hat ein buntes Bild von Marxloh gezeichnet, das manche der Vorurteile durchaus bestätigt, das aber auch die anderen Seiten des Stadtteils zeigt. Die seit einiger Zeit zur Verfügung gestellte zusätzliche Hundertschaft reguliert die deutlichen Nachteile der Sparmaßnahmen bei der Polizei in den vergangenen Jahren, so dass Konflikte meist rasch geregelt werden können. Aber die Aussage eines Befragten macht auch nachdenklich:

    "Über die Ansammlung vieler Migranten muss man sich eigentlich nicht wundern; auch ich geh dahin, wo ich mich am wohlsten fühle und am schnellsten zurechtkomme. Lässt die Kommune diese Ansammlung zu und ergreift keine frühzeitigen Maßnahmen, um Probleme wie Kriminalität oder Bandenkriege zu verhindern,darf sie sich nicht darüber beschweren, hilflos und überfordert zu sein. Der Drops ist gelutscht."

    Probleme gibt es durchaus, das ist durch Franz Volls Bericht deutlich geworden. Aber die Art der üblichen Medienberichterstattung ist oftmals vollkommen überzogen - und vielfacht waren die Reporter gar nicht vor Ort, sondern haben abgeschrieben, was andere behauptet haben.

    Die Zuwanderer aus Osteuropa bereiten allerdings wirklich Schwierigkeiten. Das liegt zum einen an den anderen Lebensgewohnheiten - sobald das Wetter es zulässt, findet das Leben draußen statt, in großen Gruppen bis zu 150 Leuten, Grillen und spielende Kinder bis nach Mitternacht sind da kein ungewohntes Bild. Dass sich da Anwohner gestört fühlen, liegt auf der Hand, und dass da ein Einsatzwagen der Polizei nicht ausreicht, ebenso. Zum anderen liegt es daran, dass nicht, wie von der Politik gemutmaßt (oder schöngeredet) wurde, vorrangig die gebildeten Menschen nach Deutschland kommen, sondern vielfach die Roma, die in Rumänien zu den Geächteten und den Rechtlosen zählen. Dumm wären sie, wenn sie nicht kämen. Sie bekommen als EU-Bürger zwar keine Hartz-IV-Unterstützung, wohl aber Kindergeld - und bei durchschnittlich sechs Kindern ist das kein Betrag, der nicht ins Gewicht fällt. Doch mit den Problemen müssen jetzt nicht die Politiker fertig werden, die diese Entscheidung getroffen haben, sondern die Bevölkerung vor Ort. Und das schafft Unmut.

    Müll, Dreck, Verwahrlosung - zwei Straßen in Marxloh scheinen fest in der Hand dieser Zuwanderer zu sein. Hier entstand der Begriff der No-Go-Area, im Sinne eines rechtsfreien Bezirks mit erhöhter Gewalttätigkeit. Ich muss gestehen, als ich dem Interview mit einem anonymisierten rumänischen Roma folgte, stieg bei mir der Blutdruck deutlich. Eine Geburtsurkunde für ein 'zusätzliches' Kind zu beschaffen, stellt wohl kein Problem dar - und schon erhöht sich das Einkommen durch das gezahlte Kindergeld noch einmal. Schwarzarbeit ist ebenso selbstverständlich, und man klaut dort zwar nicht selbst, gibt aber entsprechende Tipps weiter an zahlende Interessenten. Für die eigenen Kinder kauft man aber kein Spielzeug, denn die können in die Läden mit den vollgefüllten Regalen gehen und sich das 'nehmen', was sie wollen. Klauen sei das nicht. Dazu kommen noch etwa 40 bis 60 Mitglieder des ehemaligen gefürchteten rumänischen Geheimdienstes Securitate in Duisburg und Umgebung, die die Strippen ziehen - organisierte Einbrüche, Drogenhandel, Prostitution. Ich muss gestehen: ein sicheres Gefühl schafft das nicht.

    Nach der Lektüre habe ich das Gefühl, mir nun ein umfassenderes und vielseitigeres Bild von Duisburg Marxloh machen zu können und die Berichte der Einwohner besser einordnen zu können, die immer wieder an mich herangetragen werden. Doch bei allem Optimismus, den manche Aussagen in diesem Buch zu verbreiten suchten, bleibt bei mir das Bild der Problematik mit den Roma haften, die sich zudem noch stets in riesigen Familiensippen ansiedeln. Wenn man Gast ist, soll man sich auch so benehmen? Wenn das der Maßstab für Integration ist, ist diese Gruppe der Zugezogenen jedenfalls noch weit davon entfernt.

    Insgesamt jedenfalls eine durchaus interessante Lektüre...

    © Parden

    Teilen
 

Seiten