Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs

Buchseite und Rezensionen zu 'Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs' von Andrew Roberts
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:896
Verlag: Beck C. H.
EAN:9783406700521

Diskussionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

read more

Rezensionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

  1. Naja, kann man lesen, muss man aber nicht

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 13. Apr 2021 

    Andrew Roberts hat mit "Feuersturm" eine weitere Darstellung des Zweiten Weltkriegs vorgelegt, die ich wahrscheinlich niemals gekauft hätte, aber bei meiner letzten Bestellung bei der Landesbildungszentrale war noch Luft, also habe ich mir dieses Buch mitliefern lassen. Und aufgrund einer Flaute auf dem Büchermarkt (zugeggebnermaßen subjektiv empfunden) habe ich das "Werk" nun gelesen, das Urteil ist etwas zwiespältig. Insgesamt gesehen bietet die Darstellung eine brauchbare Übersicht über den Kriegsverlauf an den verschiedenen Fronten in Europa, Asien und Afrika, aber auch nicht mehr. Und das liefern zahlreiche andere Darstellungen zum Zweiten Weltkrieg auch, nur sind die, zumindest die mir bekannten, wissenschaftlich solider. An einigen Stellen betreibt Roberts einen wahren Heldenkult, was die Taten einzelner Soldaten betrifft, eine Art zu schreiben, über die die Wissenschaft eigentlich hinaus sein sollte. Zudem weist er ständig auf die Verstrickung insbesondere der deutschen Generäle in die Verbrechen des Nationalsozialismus hin, kann sich dann aber einer deutlichen Bewunderung ihrer taktischen Leistungen nicht entziehen. Und dass Hiltler böse war, muss man auch nicht bei jeder Gelegenheit erneut betonen, wem das nicht klar ist, der muss ein Neonazi sein. Störend sind auch zahlreich eingebundene Anekdötchen, die für die historische Erkenntnis unheimlich wichtig sind, so etwa die Tatsache, dass Hitlers Freude über Siege im Westen getrübt wurde durch einen Diener, der ihm persönliche Gegenstände gestohlen habe. Ja, wenn das die Geschichtsschreibung nicht revolutioniert, was dann? Im Abschlusskapitel stellt sich Andrews dann die Frage, warum die Achsenmächte den Krieg verloren haben. Die verblüffende Antwort: weil Hitler Nazi war. Für diese Erkenntnis musste ich nun 786 Seiten darstellenden Text lesen und gelegentlich im Anhang suchen, weil der Autor die Unsitte hat, immer Historiker zu zitieren, aber diese nicht mit Namen zu nennen (Ein Historiker führt aus....), meiner Meinung nach eine Respektlosigkeit gegenüber den Kollegen der Fachzunft. Man fragt sich, warum der renommierte Beck-Verlag so eine banales Werk ins Programm aufgenommen hat und warum es dann auch noch über die Landesbildungszentralen weitergegeben wird. Wer sich ernsthaft mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen möchte, sollte auf die Bände der Darstellung "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg", die vom Militärgeschichtlichem Forschungsamt Freiburg herausgegeben wurde, zurückgreifen, die zumindest teilweise auch als Taschenbuch relativ preisgünstig erhältlich ist und die ein Lehrstück für fundierte, wissenschaftliche Geschichtsschreibung zum Thema Zweiter Weltkrieg darstellten Hätte ich tatsächlich fast 40 € für die bisher nur gebunden erhältliche Ausgabe von "Feuersturm" ausgegeben, hätte ich mich geärgert, die 2 € Selbstkostenanteil bei der Bildungszentrale sind demgegenüber angemessen und zu verschmerzen.

 

Schwäne in Weiß und Gold: Geschichte einer Familie

Buchseite und Rezensionen zu 'Schwäne in Weiß und Gold: Geschichte einer Familie' von Christine von Brühl
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Schwäne in Weiß und Gold: Geschichte einer Familie"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
Verlag:
EAN:9783351037819

Diskussionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

read more
 

Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten

Buchseite und Rezensionen zu 'Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten' von Helga Schubert
4.2
4.2 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783423282789

Diskussionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

read more

Rezensionen zu "Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten"

  1. Zeit nehmen und genießen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Apr 2021 

    Aus sportlicher Sicht bin ich eher der Mittelstrecken-Leser. Ab und zu wage ich mich auch an die Langstrecke. Aber Kurzstrecke ist nicht so meins. Denn habe ich gerade meine Lesegeschwindigkeit erreicht, ist der Leselauf bereits vorbei.

    Anders ausgedrückt: Ich lese höchst selten Kurzgeschichten und Erzählungen. Wenn allerdings die Autorin einer Erzählung das Prädikat Bachmann Preisträgerin trägt, begebe ich mich auch mal auf eine Kurzstrecke, so geschehen bei Helga Schuberts Lebensgeschichten "Vom Aufstehen". Mit der titelgebenden Geschichte gewann Frau Schubert in 2020 den Ingeborg Bachmann Preis.

    Die Geschichten in diesem Buch beinhalten Erinnerungen und Episoden aus Helga Schuberts Leben, genauso wie Gedanken über das Leben und Alter(n) an sich. Frau Schubert ist mittlerweile Anfang 80 und blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Geboren und aufgewachsen in der DDR, hat sie sich in späteren Jahren bereits hier einen Namen als Schriftstellerin gemacht. Als erfolgreiche DDR-Schriftstellerin hatte sie das Privileg, berufliche Reisen in fremde Länder zu unternehmen. Sie erlebte die Wende und die Maueröffnung, engagierte sich politisch und schrieb auch später noch das eine oder andere Buch. Ihre Heimat hat sie nie verlassen. Sie lebt nach wie vor in den neuen Bundesländern (sofern man heute noch von "neu" sprechen kann). Mittlerweile ist es ruhiger um Frau Schubert geworden. Doch sie hat immer noch viel zu erzählen, wie sie mit dem Buch "Vom Aufstehen" unter Beweis stellt.

    Sie erzählt darin von ihrem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, sie erzählt von ihrem Leben als DDR-Schriftstellerin und Bürgerin der DDR, sie erzählt von ihrem Leben als Bürgerin der BRD und sie erzählt vom Alter(n).

    "In allen Zügen sitze ich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und sehe in die entschwindende undeutlicher werdende Landschaft, sie trennt sich von mir und bleibt doch da, bei jeder Fahrt erkenne ich sie erst, wenn sie schon vorüber ist. In der Fahrtrichtung sitzend, bin ich der Zukunft ohnmächtig ausgeliefert, kann ich nicht entweichen, müsste die Augen schließen oder wegsehen, mich unterhalten, lesen, die Sonne mit all ihren Schatten stürzt durch die Scheibe, in mich hinein, ist in mir gefangen.
    Ich sehe in die Vergangenhiet, wende mein Gesicht in die Schatten und spüre die Wärme der Sonne in meinem Rücken."

    Ich kann nicht behaupten, dass mich jedes Kapitel abgeholt hat. In Summe waren es diejenigen Kapitel, die das Alter(n) betreffen, die mir sehr viel gegeben haben. Frau Schubert legt im Alter eine Haltung an den Tag, die ich mir für mich ebenfalls erhoffe: Gleichmut und Freude gegenüber dem, was noch kommt, ohne die bange Frage zu stellen, wieviel Zeit noch bleibt. Unduldsamkeit gegenüber Menschen und Dingen, die einem nicht gut tun. Niederlagen, Verluste und Tiefschläge als Teil seines Lebens zu akzeptieren, und die dazu beigetragen haben, dass man zu dem Menschen geworden ist, der man ist.

    Die Eindrücke, die ich aus diesen besonderen Episoden über das Alter(n)mitgenommen habe, überdecken die Ratlosigkeit oder Ungerührtheit, die andere Geschichten dieses Buches bei mir erwirkt haben. Dies sind Geschichten über das Leben und Ereignisse in der DDR. Oder aber auch Geschichten, deren tieferer Sinn sich mir entzog und meine Interpretationsfähigkeit an ihre Grenze brachten.

    Schriftstellerisch betrachtet beherrscht Frau Schubert die Schreibkunst ganz hervorragend. Diejenigen Geschichten, die mir gefallen haben, strahlen eine große Ruhe und Poesie aus. Die Autorin ist unglaublich wortgewandt und tiefgründig. Aber diese Tiefgründigkeit findet sich erst, wenn man Frau Schuberts Geschichten die volle Aufmerksamkeit schenkt, sich also weder äußerlich noch innerlich von irgendetwas ablenken lässt. Bei Frau Schubert scheint jedes Wort wohl überlegt zu sein. Sie schreibt nicht, um dem Leser zu gefallen, sondern um mit sich selbst im Einklang zu sein. Auch ein Vorzug des Alter(n)s: Das zu machen, was man will und nicht das, was andere von einem erwarten.
    Viele werden dieses Buch vermutlich anders wahrnehmen als ich. Aber das macht gute Literatur aus: wenn bei jedem Leser eine eigene Wirkung erzielt wird, wird das Gelesene für den Leser sehr persönlich. Und das kriegen nur die wenigsten Autoren hin.

    "Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht auch hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz.
    Mein unveräußerlicher."

    Wie bewerte ich nun einen Erzählband, dessen Geschichten mir mal mehr und mal weniger gefallen haben? Nach dem Mehrheitsprinzip? Je mehr positiv wahrgenommene Geschichten, umso besser fällt das Gesamturteil aus? Nein, ich bewerte dieses Buch anhand der Nachhaltigkeit dieses Buches, die bei mir durch einzelne Kapitel hervorgerufen werden. Es reichen einige wenige Geschichten aus, die bei mir den nötigen bleibenden Eindruck hinterlassen, um dieses Buch als besonderes Lesevergnügen weiter zu empfehlen.

    © Renie

  1. Wenn du doch damals bei der Flucht gestorben wärst...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Apr 2021 

    Drei Heldentaten habe sie in ihrem Leben vollbracht, erklärt Helga Schuberts Mutter ihrer Tochter: Sie habe sie nicht abgetrieben, sie im Zweiten Weltkrieg auf die Flucht mitgenommen und sie vor dem Einmarsch der Russen nicht erschossen. In kurzen Episoden erzählt Helga Schubert ein deutsches Jahrhundertleben – ihre Geschichte, sie ist Fiktion und Wahrheit zugleich. Als Kind lebt sie zwischen Heimaten, steht als Erwachsene mehr als zehn Jahre unter Beobachtung der Stasi und ist bei ihrer ersten freien Wahl fast fünfzig Jahre alt. Doch vor allem ist es die Geschichte einer Versöhnung: mit der Mutter, einem Leben voller Widerstände und sich selbst.

    Kurzgeschichten! Das ist ja immer so ein Ding, eine Kunst für sich. Und noch dazu das Buch einer Preisträgerin – im Vergangen Jahr gewann Helga Schubert mit 80 Jahren den Klagenfurter Ingeborg Bachmann Preis. Erfahrungsgemäß tue ich mich mit den Werken von Preisträgern oft schwer, schreiben die doch meist wenig erbaulich für die gemeine Leserschaft, sondern zeichnen sich vielmehr durch Besonderheiten im Aufbau, dem Schreibstil, des Themas aus, womit ich persönlich meistens wenig anfangen kann.

    Nicht so aber hier. Die 29 Erzählungen, die zumeist mit wenigen Seiten auskommen, sind stilistisch eher einfach geschrieben, mit kurzen Sätzen und allgemeinverständlichem Vokabular – und doch merkt man jedem einzelnen Wort an, wie gefeilt und geschliffen es eingefügt wurde. Manche Erzählungen wirken fast eher wie Prosagedichte, und tatsächlich erscheint manches sehr poetisch. Die Geschichten überraschen mit Kippmomenten und Widersprüchlichkeiten und sind oft pointiert auf den letzten Satz zugeschrieben.

    Helga Schubert, die, wie sie in einem Interview verriet, nur nachts schreibt, wenn alles dunkel ist und niemand etwas von ihr will, durchdenkt die Themen ihrer Erzählungen lange, manchmal jahrelang, bevor sie sie zu Papier bringt. Das Schreiben bedeutet für sie nicht das Aufarbeiten von schwierigen Situationen, sondern ist quasi die Essenz dessen, der Endpunkt – alles ist im Kopf verarbeitet, bevor das erste Wort zu Papier gebracht wird.

    „Ich schreibe nicht, um was loszuwerden, sondern um ein Kunstwerk zu schaffen…“ (Quelle: Interview)

    Das erklärt vermutlich auch die Fähigkeit, selbst zu bedrückenden Lebensthemen eine Distanz zu wahren, die in den Erzählungen deutlich wird. Zumeist fließen hier in die Geschichten auch autobiografische Anteile ein, was das Buch zu einem sehr persönlichen macht. Gleichzeitig gibt es in den sehr genauen, detailgeschliffenen Schilderungen von Situationen und Gefühlen aber auch eine große Allgemeingültigkeit, so dass man sich beim Lesen angesprochen und berührt fühlt. Mir erging es jedenfalls so.

    Die Erzählungen sind nicht chronologisch angeordnet, sondern schwanken zwischen Kindheitserinnerungen und dem Erwachsenenleben hin und her, teilweise zu DDR-Zeiten (die Mauer fiel, als Helga Schubert 49 Jahre alt war), aber auch danach bis hin zur Gegenwart. Auch das Alter wird nicht ausgespart. Es gibt wiederkehrende Themen: der gefallene Vater, den die Autorin so gar nicht kennenlernen konnte, die friedvolle Zeit bei der Großmutter väterlicherseits als Kind, die strenge und offenbar auch harte Mutter („Wenn du doch damals nach der Flucht gestorben wärst.“ S. 150), die Drangsalierungen in der DDR, das Gefühl von Bedrohung und der Mut, der diesem Gefühl entgegengesetzt wurde, trotz allem, die Auflösung der Grenzen und das Danach, das Leben mit einem pflegebedürftigem Partner im Hier und Jetzt u.a.m.

    Ich möchte jetzt nicht so tun, als hätten mich alle Erzählungen gleichermaßen angesprochen. Mit einer Geschichte konnte ich tatsächlich z.T. gar nichts anfangen, da erschloss sich mir der Zusammenhang nicht. Gelegentlich werden Themen und Zusammenhänge nur angedeutet, und wenn man sich mit der Deutsch-Deutschen Geschichte nicht auskennt, wird man wohl die Internetsuche bemühen müssen, um die Bedeutung der Erzählung nachvollziehen zu können.

    Was mich an den Erzählungen aber fasziniert hat, ist der leise, oft zart-melancholische Ton, das Fehlen von jeglichem Pathos, die Gefühle, die trotz des distanzierten Schreibstils deutlich zwischen den Zeilen mitschwingen. Dabei klagt Helga Schubert niemals offen an, ihre Verwunderung, Verbitterung, Traurigkeit klingen an, geraten aber eben nie „pathetisch“. Ich mochte, wie mich manche Passagen unerwartet berühren konnten, schlucken oder plötzlich auflachen ließen, denn ja, auch ein zynisch-trockener Humor scheint der Autorin nicht fremd zu sein. Deutlich wird in den Erzählungen aber auch die Stärke der Autorin, ihre Reife, die dem Leben, dem Alter und ihrer Ausbildung als Psychologin geschuldet sein dürften, der unbedingte Wille, der Mut, der Trotz, das Dennoch in vielen Situationen, aber auch ein Annehmenkönnen und Friedenschließen mit Dingen, die nicht zu ändern sind.

    Ein längeres Zitat aus der Geschichte „Alt sein“ kann das vielleicht verdeutlichen:

    „Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werde (…) Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz. Mein unveräußerlicher. Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben.“ (S. 170)

    Ich hoffe, dass ich das eines Tages auch so sehen kann…

    Für mich ist dieses Buch aus 29 Erzählungen tatsächlich ein besonderes. Leise im Ton, nicht anklagend, aber doch deutlich benennend, lässt Helga Schubert den Leser / die Leserin ein wenig in ihr Leben blicken, in das was für sie bedeutsam ist, in ihre Erinnerungen Gedanken und Empfindungen, in kleine Dinge ihres Alltags, aber auch in Verletzungen und nicht zu vergessen auch in ihren Humor. Definitiv ist das ein Buch, was bei mir bleiben darf - es hat mich auf ganz eigentümliche Weise immer wieder berührt.

    © Parden

    ***

    Hier geht es zum Interview mit der Autorin!

    https://www.swr.de/swr2/literatur/vom-aufstehen-helga-schubert-ueber-leb...

  1. Die leise Wucht ehrlicher Worte⁣

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Apr 2021 

    Bedachtsam, einprägsam, wundersam: “Vom Aufwachen” liest sich wie aus einem Guss, obwohl die einzelnen Episoden in zahlreiche Zeitebenen und Themenbereiche zersplittern. Dabei werden die Risse, Macken und Schweißnähte dieses Lebens keineswegs versteckt oder beschönigt – gerade das hat die fragile Schönheit von japanischem Kintsugi.⁣

    Nicht alle Geschichten sind gleich ausdrucksstark oder gleich dicht; manche wirken beinahe wie Auszüge aus einem Tagebuch, das nicht für fremde Augen bestimmt ist und das man daher auch nur oberflächlich erfassen kann. Aber das Gesamtbild ist leuchtend und wirkungsvoll, ein wunderbarer Einblick in dieses Leben und diese Epoche(n) der Geschichte.⁣

    “Alles gut.”⁣

    Diese Worte fallen im Buch immer wieder, oft gerade dann, wenn eben nicht alles gut ist. Halbwaise, Kriegskind, Flüchtlingskind, später Schriftstellerin in der DDR, Tochter einer toxischen Mutter, Ehefrau eines pflegebedürftigen Mannes und mehr – Helga Schubert hat viel zu erzählen und erfüllt dabei ihre eigenen Anforderungen an gute Geschichten.⁣

    “Die guten Geschichte sind wie das Leben tragikkomisch, plötzlich reißt mich die Geschichte aus dem Mitleid in die Ironie, aus der Ironie in die Verachtung, aus der Verachtung ins Verständnis. Und alles in dem Moment, in dem ich mich auf eine Sicht eingelassen hatte.”⁣
    (ZITAT)⁣

    Im Zentrum stehen meines Erachtens vor allem der Untergang der DDR und der Untergang einer von vorneherein zum Scheitern verurteilten Mutter-Tochter-Beziehung. Nebenher gewährt das Buch auch noch scheinbar wahllose Einblicke in Helga Schuberts Leben – kleine Einsprengsel, die sich aber dennoch immer ins große Ganze einfügen und dadurch als durchaus relevant erweisen.⁣

    Da ich immer schon im Westen Deutschlands lebte, war die DDR für mich als Kind und Jugendliche ganz weit weg. An den Mauerfall kann ich mich zwar gut erinnern (da war ich 13 und fühlte mich mittendrin), an die Euphorie, die Ernüchterung, die Vorurteile – aber eben immer nur aus der Ferne. Später habe ich Bücher gelesen, Dokumentationen gesehen, Museen besucht.⁣

    Aber “Vom Aufstehen” gibt mir das Gefühl, jetzt erst zumindest leise erahnen zu können, wie sich das Leben in der DDR anfühlte – insbesondere für eine intelligente kreative Frau, deren Tätigkeit als Schriftstellerin sich notwendiger Weise beißen musste mit Zäsur und Propaganda.⁣

    “Wenn du doch damals nach der Flucht gestorben wärst.”⁣

    Das sagt die Mutter einmal ganz ruhig. Sie ist ihrer Tochter gegenüber meist eiskalt und verbittert; sie schlägt, straft und ätzt. Und doch hat Helga auch eine Erinnerung daran, wie sie als kleines Mädchen lebensbedrohlich erkrankt war und die Mutter mit der Waffe an ihrem Bett saß: “Wenn du jetzt stirbst, erschieße ich mich.” An diesem Widerspruch reibt sich Helga ihr ganzes Leben lang.⁣

    Meist werden die Episoden aus der Ich-Perspektive erzählt. Nur manchmal tritt die Autorin einen Schritt zurück und spricht in Episoden, die besonders das Verhältnis zur Mutter thematisieren, von sich selber in der dritten Person als “ihre Tochter”. Will sie uns damit zeigen, wie wenig Halt dieses Familiengefüge ihr gab, wie wenig verwurzelt sie darin war? Sie nimmt ihre Identität ganz heraus aus diesem Konstrukt, in dem sie sich selber den Namen verweigert und sich nur auf ihre Rolle als Tochter reduziert.⁣

    Diese Beziehung schmerzt beim Lesen. Die Tochter trägt sie mit sich wie ein ewig blutendes Stigma. Selber schon eine alte Frau, sucht sie nach dem Tod der Mutter schließlich geistlichen Rat, weil sie das vierte Gebot nicht befolgen könne. Doch die Pastorin sagt ihr, sie habe sich da ganz umsonst bekümmert – das Gebot verlange lediglich Achtung, Liebe sei freiwillig und immer ein Geschenk.⁣

    So ganz leise schwingt da ein Aufatmen in den Worten mit, ein Abschluss, vielleicht sogar ein Stück weit Vergebung. Überhaupt kann die Autorin das gut, ganz lebensklug mit leisen Tönen auch Versöhnliches transportieren.⁣

    Generell ist die Sprache eher schlicht. Sie ist glasklar und prägnant, bar jeden Kitsches oder unnötiger Verschnörkelung. Kein Pathos, keine emotionale Anklage – und doch hat der Text keine Kälte, keine Sterilität. Die Themen kommen und gehen, und doch schwingt jedes davon lange nach, so dass sie sich zu einem großen Themenkomplex vermischen.⁣

  1. Helga Schubert schreibt über ihr Leben

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Apr 2021 

    Helga Schubert schreibt über ihr Leben

    In mehreren kurzen Episoden beschreibt sie in schöner Sprache, was sie bewegt hat in den 80 Jahren ihres Leben.
    Wir erfahren von der politischen Situation in der DDR, von der Wende, aber auch vom schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, die nur mit ihrer Tochter und einem dreirädrigen Kinderwagen floh.
    Der Leser darf ebenso teilhaben am Wohlgefühl, das sich einstellt, wenn die noch junge Helga Schubert im Garten der Oma in der Hängematte schaukelt und Apfelkuchen ist, den sie ja bei ihrer Mutter nicht bekommt.
    Das interessante beim lesen war für mich, dass die Autorin alles eher nüchtern erzählt, ich hörte kaum Anklagen heraus.
    Vieles konnte ich sehr gut nachempfinden, doch es gab auch einige Geschichten, mit denen ich nicht warm wurde, die mich mit einem Fragezeichen zurück gelassen haben.
    Liegt es daran, dass ich jünger bin und im Westen aufgewachsen bin? Kann ich deshalb einiges nicht verstehen? Oder fehlt mir die Fähigkeit um ein paar Ecken zu denken? Ich weiß es nicht, habe aber in der Leserunde von Whatchareadin festgestellt, wo wir gemeinsam den Roman gelesen haben, dass es nicht nur mir so ergangen ist.
    Muss man als Leser jede Geschichte ins kleinste analysieren und für sich etwas mitnehmen? Im Großen und Ganzen würde ich diese Frage definitiv mit ja beantworten. Doch hier erzählt jemand über sein Leben. Wie kann ich mich da beschweren, dass mir da einiges verschlossen bleibt? Es fließt in so einem Fall ja viel persönliches Gedankengut und Empfinden mit ein.
    Ein großer Zwiespalt, der mir die Bewertung sehr schwer macht. Auf der einen Seite steht die tolle, ruhige Erzählform, dann die Verwirrung, wenn nach dem lesen einer Geschichte keine Erkenntnis erfolgte.
    Warum die Autorin die Geschichten bunt durcheinander gewürfelt aufgereiht hat, erschließt sich mir auch nicht. Sie wechselt zwischen Kindheit und Alter, teilweise wirken die Geschichten wie eine kurze Momentaufnahme, ein kleiner Eindruck eines Ereignisses, die Beschreibung einer Landschaft und ihre Eindrücke dazu. Lediglich die Tasache, dass sie die Episode, deren Titel auch der Titel des Romans wurde, ans Ende gesetzt hat, war für mich ein nachvollziehbares handeln.
    Nach dem lesen habe ich mir ein Interview der Autorin durchgelesen. Vieles wird von der Autorin dort plausibel begründet. Schade, dass ich dieses Gefühl nicht während der Lektüre hatte.
    Ich bewerte mit meiner Sterne Vergabe hauptsächlich den Mut der Autorin, soviel aus ihrem Leben preisgegeben zu haben, ebenso wie den angenehmen Schreibstil. Hätte ich die Verwirrung , die mich nach einigen Geschichten ergriff miteinbezogen, wäre das Ergebnis einiges schlechter ausgefallen, doch dabei hätte ich mich nicht gut gefühlt.

  1. Klug und lebenserfahren

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Apr 2021 

    Die Schriftstellerin Helga Schubert wurde im vergangenen Jahr mit dem Ingeborg - Bachmann - Preis ausgezeichnet. Sie war die älteste Teilnehmerin bisher in Klagenfurt. Allerdings wurde sie schon einmal hierhin eingeladen, 1980. Doch Helga Schubert, in der DDR lebend, durfte nicht einreisen, u.a. weil Marcel Reich- Ranicki, „ der Kommunistenfresser“, in der Jury saß.
    „ Ich bin ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung.“ Im Leben der Autorin lassen sich achtzig Jahre deutsch-deutsche Geschichte ablesen.
    Helga Schubert wurde 1940 in Berlin geboren. Ihr Vater fiel an der Ostfront, als Helga ein Jahr alt war. „ Er ist ein Trauma meines Lebens: Dieser zerrissene, mir doch unbekannte Mann...“
    Die Mutter flüchtet 1945 aus Hinterpommern mit der nunmehr fünfjährigen Helga vor den anrückenden Russen nach Greifswald zu den Schwiegereltern. Aufgewachsen in Ost- Berlin studierte Frau Schubert an der Humboldt- Universität Psychologie und war danach als klinische Psychologin tätig. Heute lebt sie zurückgezogen in einem kleinen Ort in Mecklenburg - Vorpommern und kümmert sich um die Pflege ihres schwerkranken Mannes. Zeitlebens hat Helga Schubert geschrieben, kurze Prosatexte, Kinderbücher, aber auch Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehspiele. Im Westen war sie wenig bekannt. Doch das hat sich seit dem Bachmann- Preis geändert. Mit dem Text „ Vom Aufstehen“ überzeugte sie die Jury und „ Vom Aufstehen“ heißt nun auch der Erzählungsband. Neben dem Siegertitel enthält das Buch weitere 28 Geschichten unterschiedlicher Länge, meist aus der Ich- Perspektive erzählt.
    „ Ein Leben in Geschichten“ - so der Untertitel - das ergibt keine vollständige Biographie. Trotzdem kommt man der Autorin, ihrem Leben und ihren Gedanken, hier sehr nahe.
    Es gibt zwei immer wiederkehrende Themen, zum einen die Erfahrungen mit dem Leben in einer Diktatur, zum anderen die Beschäftigung mit der eigenen Familie und hier vor allem die schwierige Beziehung zur Mutter.
    Helga Schubert schreibt über das Eingesperrtsein im „ Zwergenstaat“, von der Sehnsucht nach „der normalen zivilisierten Welt“ da draußen, vom Bespitzeln der eigenen Person und von den Privilegien eines Schriftstellers in der DDR. „ Sie ließen mich beobachten, fanden mich feindlich-negativ, und sie ließen mich trotzdem in den Westen reisen. Ein unglaubliches Privileg. Ein Privileg, das verdächtig machte,...“
    Trotzdem bleibt Helga Schubert im ungeliebten Staat, ihrem Mann, ihrem Sohn zuliebe. Sie passt sich nicht an, wird aber auch keine Dissidentin.
    Dem Mauerfall begrüßt sie freudig. „ Der Kaiser war nackt - mein Lieblingsmärchen wurde wahr nach achtundzwanzig Jahren, zwei Monaten und siebenundzwanzig Tagen.“
    Was hat sich verändert nach der Wende? Vieles. Zum Beispiel gibt es endlich Spargel und Erdbeeren für alle, die hier leben. Nicht wie früher, als alles für Devisen in den Westen ging.
    Und nun, wo die ganze Welt offen steht für Helga Schubert, braucht sie die Ferne nicht mehr. „ Seit ich ohne behördliche Erlaubnis in die weite Welt reisen darf, ist mein zerstörerisches Fernweh geheilt.“
    Es sind Alltagsbeobachtungen, die sie beschreibt, oftmals kleine Details, die aber auf das große Ganze verweisen.
    Das zentrale Thema jedoch war und ist für Helga Schubert das problematische Verhältnis zu ihrer Mutter. Helga erfuhr als Kind wenig Liebe, keine Zärtlichkeit, stattdessen Vorwürfe, Ablehnung, verbale Verletzungen und Schläge. Die Autorin leidet ihr Leben lang darunter. Vor allem macht sie sich Vorwürfe, weil sie ihrer Mutter keine Liebe entgegenbringen kann. Für sie, als evangelische Christin, ist das vierte Gebot wesentlich. Erst das Gespräch mit einer jungen Pastorin entlastet sie. Denn: „ Von Liebe ist im Gebot nicht die Rede. Gott verlangt von uns nicht, dass wir unsere Eltern lieben. Wir brauchen sie nur zu ehren“.
    Es sind harte Sätze, die die über hundertjährige Mutter am Sterbebett zu ihrer Tochter sagt.
    „ Ich habe drei Heldentaten vollbracht, die dich betrafen. Erstens: Ich habe dich nicht abgetrieben, obwohl dein Vater das wollte. Und für mich kamst du eigentlich auch unerwünscht. Wir haben deinetwegen im fünften Monat geheiratet. Zweitens: Ich habe dich bei der Flucht aus Hinterpommern bis zur Erschöpfung in einem dreirädrigen Kinderwagen im Treck bis Greifswald geschoben, und drittens : Ich habe dich nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten.“ Doch zu diesem Zeitpunkt ist Helga Schubert zum Vergeben bereit. „Ich verdanke dir, dass ich lebe, es ist alles gut.“
    Denn das Buch ist keine Abrechnung mit der Mutter. Helga Schubert versucht zu ergründen, warum ihre Mutter zu der werde, die sie war: Ein prügelnder Vater, jung verwitwet, alleinstehend mit Kind, die Flucht als lebenslanges Trauma. Es war ein hartes, kein glückliches Leben, das die Mutter gehabt hat.
    Es finden sich aber noch andere Geschichten im Buch, Erinnertes, Betrachtungen und Überlegungen. Eine bestimmte Chronologie ist nicht erkennbar, wobei der prämierte Text „ Vom Aufstehen“ gewissermaßen die Quintessenz darstellt. Doch jede Geschichte steht für sich selbst.
    In der ersten „ Mein idealer Ort“ träumt sich die Autorin zurück in die Sommerferien, die sie jedes Jahr bei der geliebten Großmutter verbracht hat. Bilder vom Liegen in der Hängematte unter Apfelbäumen, vom Duft des warmen Streuselkuchens werden heraufbeschworen. Erinnerungen, die ihr bis heute Halt geben. „ So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.“
    Die 80jährige Autorin macht sich Gedanken über das „ Alt sein“. Kein Gejammer über körperlichen und geistigen Verfall, nein. Helga Schubert sieht auch hier das Positive. „ Das ist das Gute, Sanfte, das Glückbringende am Alter: Ich muss gar nichts.“
    Und man wünscht sich, dass man selbst irgendwann das gleiche Resümee ziehen kann: „ Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir....Das ist nämlich mein Schatz.
    Mein unveräußerlicher.“
    Helga Schubert ist gläubige Christin, davon zeugen Liedtexte und Gebete, aber ebenso ihre Überlegungen zum Osterfest. „ Heute weiß ich: In dieser einen Woche vor Ostersonntag passiert alles, was ich inzwischen vom Leben verstanden habe:
    Wie schnell sich das Schicksal für einen Menschen ändert,
    dass man verraten werden kann.
    Dass es immer unvermuteten Beistand gibt und einen Ausweg.
    An diese Hoffnung will ich erinnert werden.
    Einmal im Jahr.“
    Es ist ungewöhnlich in der ( deutschen ) Gegenwartsliteratur, dass sich ein Autor zu seiner Religion bekennt. Die Kraft ihres Glaubens ist aber auch spürbar in Helga Schuberts Verständnis von Vergebung und Verzeihen.
    Sie erinnert an Leitsätze in ihrem Leben, die sie über Jahre begleitet haben , wie ein Zitat von Marie von Ebner- Eschenbach: „ Nicht, was wir erleben, sondern wie wir erleben, was wir erleben, macht unser Leben aus.“
    Die ganze Poetik ihres Schreibens umreißt Helga Schubert so : „ Die Geschichte hat etwas herausgehoben aus dem Lebensfluss, das ich nun betrachten kann, mit Freundlichkeit oder Trauer, mit Bewunderung oder Abscheu.“ Nichts erscheint ihr unwichtig, wenn man es nur genau und von allen Seiten betrachtet. Geschichten müssen keinen Anfang haben und kein Ende, denn in der Wirklichkeit gibt es auch keine solche Trennung. Wichtig ist ihr dagegen „ der letzte Satz. Vielleicht sogar eine Pointe.“ „ Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel.“
    Natürlich gibt es auch schwächere Erzählungen in dem Band ( wie es in jedem Buch starke und schwache Passagen gibt ). Dafür sind die anderen großartig. Helga Schubert ist eine kluge Beobachterin, die in einer klaren und unpathetischen Sprache schreibt, dabei voller Poesie und Rhythmus. Alles ist durchdacht, jeder Satz wohl überlegt. Aus ihr spricht Lebenserfahrung und Reife. „ Vom Aufstehen“ ist kein Buch zur schnellen Lektüre. Es erfordert einen aufmerksamen Leser, der dafür reich belohnt wird.

  1. Leider sehr anstrengend zu lesen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Apr 2021 

    Die Autorin Helga Schubert erzählt in einzelnen kurzen Epsioden von ihrem Leben.

    Mich hat die Beschreibung sehr neugierig gemacht und ich wollte wissen, was die Autorin in all ihren Lebensjahren alles erlebt und aufgeschrieben hat.
    Der Einstieg in das Buch gelang mir leider nicht so gut, denn den Schreibstil empfand ich ziemlich anstrengend. Er wirkte oft sehr beobachtend, aus der Ferne betrachtet. Dadurch konnte ich keinen Zugang zu den Geschichten finden, keine wirklichen Emotionen aufbauen.
    Die einzelnen Episoden, insgesamt 29 Stück, waren unterschiedlich lang, mal sehr kurz, mal länger. Im Prinzip waren es meines Erachtens alles Kurzgeschichten, von denen ich grundsätzlich kein Liebhaber bin, da mir meist der Tiefgang fehlt. Hier kam noch erschwerend hinzu, dass die Erzählungen nicht chronologisch sortiert waren, sondern bunt durcheinandergewürfelt. Ich hatte das Gefühl, als wenn die Autorin einfach das aufgeschrieben hat, was ihr gerade einfiel, ohne die zeitlichen Aspekte zu betrachten. Vielleicht war es aber auch absichtlich so gewählt, dann habe ich den Hintergrund allerdings nicht gesehen. Einige Episoden gefielen mir, weil sie nachdenklich machten und einen tieferen Sinn hatten. Andere verblassten sofort nach dem Lesen. Was auf jeden Fall absolut spürbar war, war das schwierige Verhältnis zu der Mutter, die sich teilweise schrecklich und abstoßend verhalten hat.
    Obwohl im Laufe der vielen Jahre, die hier betrachtet wurden, auch einige geschichtlich interessante Dinge dabei waren, fehlten mir die bewegenden und ergreifenden Momente. Ich möchte berührt werden und ein Buch soll unterschiedliche Emotionen bei mir hervorrufen, die mich packen. Das war hier leider nur vereinzelt der Fall.

    Mich hat dieses Buch leider nicht überzeugt, so dass ich 3 von 5 Sternen vergebe.

  1. Ein Kriegskind, Flüchtlingskind und ein Kind der deutschen Teilu

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Apr 2021 

    "Nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus." (Marie von Ebner-Eschenbach)
    Die erst kürzlich mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet Autorin beschreibt in 29 Geschichten aus der Sicht ihres Lebens. Dieser Preis hätte ihr schon 1980 zugestanden, doch die DDR Regierung wollte, dass sie ihn ablehnt. Ihre Geschichten erzählt die Autorin hier in der Ich-Form, in knappen kurzen Sätzen und mitunter wiederholen sich einzelne der Begebenheiten. Die Geschichten sind nicht chronologisch angeordnet, sondern ich habe eher den Eindruck, als wenn sie das niedergeschrieben hat, was ihr gerade in den Sinn kam. So schildert sie von der Nachkriegszeit und dem viel zu frühen Tod ihres Vaters, den sie selbst nie kennenlernen durfte, da er im Krieg gefallen ist. Und auch wenn sie ihn nicht kannte, bleibt sein Verlust doch immer ein Trauma für sie. Weil sie nie erfahren wird, ob wenigstens er sie geliebt hätte. Den ihre kaltherzige und lieblose Mutter vertraut lieber der eigenen Mutter ihr Kind an, als sich selbst um sie zu kümmern. Dort jedoch erlebt Helga meist ihre schönsten Zeiten. Besonders, wenn sie in den Ferien zwischen zwei Apfelbäumen in der Hängematte liegt und den Duft von Großmutters frischem Streuselkuchen ihr in die Nase steigt. Zumindest bei ihr fühlt sie Liebe und Geborgenheit, die ihr die eigene Mutter nie geben konnte. Die Mutter dagegen vermittelt ihr bei jeder Gelegenheit, das sie Helga eigentlich erst abtreiben, auf der Flucht zurücklassen und vor den Russen fast vergiften wollte. Was müssen solche Aussagen bei einem Kind für Spuren hinterlassen? Es muss für sie doch jedes Mal wie ein Stich gewesen sein, mitzuerleben, dass die eigene Mutter sie nie haben wollte. Lag diese Ablehnung daran, weil Helga ihrer Schwiegermutter und ihrem Vater so ähnlich war? Selbst mit dem vierten Gebot hadert sie, weil sie ihre Mutter ebenfalls keine Liebe zeigen konnte. Doch eine Theologin kann sie diesbezüglich etwas beruhigen. Und erst als die Mutter stirbt, beginnt sie ihre Leben mit diesem Buch aufzuarbeiten. Bei vielen Geschichten schreibt sie über den Alltag und das Regime der ehemaligen DDR, unter dem sie ebenfalls zu leiden hatte. Sie berichtet von ihrem ehemaligen Nachbarn, der sich erhängt hat, genauso wie über ihren Ehemann, dem Sohn der Enkelin, dem Altwerden und der Pflege, so wie den Vorlieben für gute Gerüche. Da schreibt sie z. B. über ihre Erinnerung an den Duft nach Nelkenseife, das Lavendelsäckchen neben dem Kissen und der Duft ihrer Bettwäsche, der in einem diese Gerüche widerspiegelt. Sie lässt den Leser in ihren Geschichten die Erinnerungen nicht nur fühlen, sehen, schmecken, sondern ebenso riechen. Leider kam ich nicht immer mit ihrem Schreibstil klar, der doch mitunter sehr anspruchsvoll war. Oft musste ich Sätze mehrmals lesen und sogar herausfinden, über wen sie gerade in der Geschichte erzählt. Doch die Emotionen, Tragik, mitunter Humor und insbesondere die Traurigkeit, die sich darin widerspiegelt, die spüre ich auf alle Fälle in ihnen. Und trotzdem sie mit so wenig Mutterliebe gesegnet wurde, habe ich das Gefühl bei ihren Geschichten, das sie mit ihrem Leben glücklich und zufrieden ist. Was sie sicherlich ihrer Großmutter, ihrem Mann, der Familie, dem starken Willen und ihrem Glauben zu verdanken hat. "Vom Aufstehen", einem autobiografischen, sehr persönlichen und intimen Einblick in ihr Leben und über Verletzung und Heilung, dem ich 4 von 5 Sterne gebe.

  1. Ein Reigen voller Geschichten

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Apr 2021 

    Helga Schubert wurde 1940 geboren und verbrachte ihr Leben bis zur Wiedervereinigung 1990 in der DDR. Als studierte Psychologin war sie im Hauptberuf als Psychotherapeutin tätig, widmete sich aber auch immer wieder dem Schreiben. Neben Prosatexten waren das u.a. Kinderbücher, Theaterstücke und Hörspiele. Mit „Vom Aufstehen“ legt sie ihr erstes Buch mit 29 Geschichten vor, die einen Bogen über ein ganzes Leben spannen und sehr viel autobiografischen Hintergrund besitzen. Mit der letzen 19-seitigen und titelgebenden Geschichte gewann die Autorin den Ingeborg-Bachmann-Preis 2020.

    Die Erzählungen sind thematisch sehr vielseitig. Mal nimmt die Autorin nur einen Gedankensplitter auf, mal reflektiert sie bedeutungsschwere Ereignisse aus ihrem Leben oder verarbeitet erlittene Verletzungen. Dabei gibt es keine Chronologie und keine logische Einbettung, kein Vor- und kein Nachwort. Jede Geschichte steht für sich und doch stehen sie auch im Zusammenhang und bewegen sich auf jene letzte Erzählung „Vom Aufstehen“ zu, die einige Themen wieder aufnimmt und komplettiert. Der Untertitel des Buches „Ein Leben in Geschichten“ hat also unbedingt seine Rechtfertigung. „Die Geschichte hat etwas herausgehoben aus dem Lebensfluss, das ich nun betrachten kann, mit Freundlichkeit oder Trauer, mit Bewunderung oder Abscheu. (…) Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel“ (S. 128f)

    Wir lesen über einen Sehnsuchtsort der Kindheit bei der geliebten Oma in Greifswald, wir erfahren wenig vom bereits 1941 gefallen Vater, dafür aber viel von der Mutter, die mit der kleinen Helga vor den Russen flüchten musste und wenig Unterstützung erfuhr. Die schwierigen Familienverhältnisse, insbesondere zwischen Mutter und Tochter, sind ein wiederkehrendes Kernthema. Es geht dabei aber nicht nur um Verletzungen und mangelnde Mutterliebe, sondern auch um das herausfordernde Verstehen und Vergeben am Ende des Lebens. Dieser Tenor haftet fast allen Erzählungen an. Man spürt die jahrelange Erfahrung Helga Schuberts in der Psychotherapie. Sie weiß, wie man Familiengeschichte interpretieren muss, sie weiß um die Verwicklungen, die eine Generation an die nächste weitergibt, sie kann sie aufdröseln und ihr den Stachel nehmen. Manchmal geht sie dafür in die Distanz, schreibt in der dritten Person, bekommt dadurch vielleicht einen klareren Blick von außen: „Eine Wahlverwandtschaft“ verlangt dem Leser einiges ab.

    Das Leben in der DDR ist ein weiteres, breit angelegtes Thema. Als Autorin wurde Helga Schubert über Jahrzehnte überwacht, genoss aber auch Privilegien, wie zum Beispiel das Reisen. „Sie ließen mich beobachten, fanden mich feindlich-negativ, und sie ließen mich trotzdem in den Westen reisen: Ein unglaubliches Privileg. Ein Privileg, das verdächtig machte, sowohl gegenüber den Mitbürgern, die nicht reisen durften, als auch den Menschen außerhalb der DDR-Grenze.“ (S. 27)

    Anhand scheinbar kleiner Ereignisse macht Schubert deutlich, was es heißt, in einer Diktatur zu leben: So war es keinesfalls selbstverständlich, in die Ostsee raus zu schwimmen, denn die Küste wurde strengstens überwacht. Spargel aus eigenem Anbau durfte man nicht selbst essen, denn er wurde ins Ausland verkauft. Die Reisefreiheit wird der Autorin nie selbstverständlich sein, zu sehr hat sie sich in all den Jahren in der DDR danach gesehnt. Helga Schubert hat die Balance zwischen Unauffälligkeit nach außen und festen Standpunkten nach innen während der Diktatur gefunden. Sie lernte, sich mit dem System zu arrangieren. Jetzt genießt sie die Geborgenheit ihres kleinen Heimatdorfes, in dem sie lebt: Wenn man erst einmal reisen darf, nimmt die Sehnsucht danach ab.
    Einen verlässlichen Beistand findet sie auch in ihrem protestantischen Glauben, christliche Lieder und Texte sind ihre ständigen Begleiter. Auch das Schreiben darf man getrost als Therapie verstehen.

    Das Buch ist keine leichte Lektüre. Die Texte brauchen volle Konzentration. Man muss sich auf jeden Text neu einlassen, ihn neu verorten. Wenn man einer anderen Generation als die Autorin angehört und dazu noch aus dem Westen kommt, kann man nicht jede Anspielung, nicht jede Pointe auf Anhieb verstehen. Es fehlen die Anknüpfungspunkte. Zudem gibt es wie in jedem Erzählband auch schwächere Geschichten. Doch die sind in der Minderheit. Unter dem Strich bleiben die starken Texte in der Erinnerung haften. Aus vielen geschilderten Begebenheiten kann man etwas Allgemeingültiges herauslesen, etwas, das bleibt und zum Nachdenken anregt. Es macht Spaß, der Autorin in ihren Lebensgeschichten zu folgen, zumal der Schreibstil ein Genuss ist.

    Obwohl so vieles autobiografisches Erleben ist, bleibt das Buch frei von Pathos und Sentimentalität. Helga Schubert erzählt lebensklug, kritisch, verständnisvoll und stets reflektiert. Sie verwendet eine wundervolle literarische Sprache, teilweise poetisch, aber auch mit Humor gewürzt und insbesondere, wenn es um die Paradoxien der DDR-Diktatur geht, streut sie gern ironischen Sarkasmus ein. Sie schreibt Sätze zum Niederknien.

    „Vom Aufstehen“ ist ein Buch zum Innehalten, zum Genießen und Eintauchen. Es eignet sich definitiv nicht zum schnellen Konsumieren. Wer mit der richtigen Erwartungshaltung an das Buch herangeht, wird mit Sicherheit nicht enttäuscht sein. Es ist etwas Besonderes, es ist ein eindrückliches Stück Deutsch-Deutscher Literatur.

  1. Politisches und Privates, Erschütterndes und Erhellendes...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Apr 2021 

    Dieser Erzählungsband von Helga Schubert, die 2020 mit dem Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, enthält 29 sehr persönliche Erzählungen, die ihr Leben und ihre Sichtweise aufs Leben fokussieren und fast ein ganzes Jahrhundert beleuchten.

    Er ist trotz aller privaten Details nicht als Autobiografie zu verstehen, weil neben den wahren Episoden ganz entscheidende Bereiche, z. B. ihre eigene Nachkommenschaft, ausgeklammert sind.

    Die 80-jährige Helga Schubert, die sich als „Kriegskind“, „Flüchtlingskind“ und „Kind der deutschen Teilung“ bezeichnet, jahrelang von der Stasi observiert wurde und fast 50 Jahre alt war, als sie erstmals frei wählen durfte, präsentiert uns ruhig, unaufgeregt und gelassen ausgewählte Erinnerungen aus ihrem außergewöhnlichen und bewegten Leben.

    „Vom Aufstehen“ ist ein Sammelsurium aus persönlichen Erinnerungen und Gedanken, die keiner Chronologie bedürfen und politische sowie persönliche Themen ansprechen, die für Frau Schuberts bisherigen Lebensweg und ihre Entwicklung eine Bedeutung hatten.

    Sie ist eine Frau, die es ihrer kalterherzigen lieblosen und barschen Mutter, die uralt wurde nicht recht machen konnte, deren Vater 1941, ca. zwei Jahre nach ihrer Geburt, im zweiten Weltkrieg vor Moskau fiel, die Halt und Geborgenheit bei ihrer Großmutter und im Glauben fand und die sich im hohen Alter um ihren todkranken Mann im Nebenzimmer kümmerte.

    Sie musste sich damit arrangieren, dass ihre Mutter ihr tiefgründige emotionale Verletzungen zufügte und fand Entlastung in der Aussage einer Theologin, dass man seine Eltern nicht lieben müsse.

    Die 1940 geborene Helga Schubert äußert Kritik am DDR-Regime und erinnert sich daran, dass im DDR-Alltag nichts selbstverständlich war, jeder kontrolliert und alles reglementiert wurde.

    Der Band versammelt überwiegend sehr kurze, nur selten mehrseitige Texte, die in ruhigem, überwiegend melancholischem Ton und in angenehmer Sprache von Geschehnissen und Begebenheiten aus dem Leben der Schriftstellerin erzählen.
    Sprachwitz und Ironie fehlen dabei nicht und kritische Sätze wie „...und dass ich zur Belohnung für mein Wohlverhalten Lesereisen im Westen unternehmen durfte, ein ungeheures Privileg.“ (S. 88), strotzen vor Sarkasmus.
    Zynismus und trockener Humor scheinen Frau Schubert nicht fremd zu sein.

    Die Texte mit persönlichem Inhalt sind meist leicht lesbar und gut verständlich, wenngleich manches verschlüsselt erscheint

    Daneben gibt es viele Texte die sich auf historische und politische Begebenheiten beziehen.
    Da ist es hilfreich, wenn man sich mit der deutsch-deutschen Geschichte befasst hat, weil sonst manche Anspielungen verloren gehen oder Andeutungen ins Leere laufen. So z.B. die Erschießung des RAF-Terroristen Wolfgang Grams in Bad Kleinen.

    Dass mir manche Erzählungen besser als andere gefielen liegt in der Natur der Dinge und unterm Strich zählt ja das Gesamtpaket.

    Geschichten, in denen Lebenserinnerungen stecken und Anekdoten aus ihrer privaten Biografie berührten mich mehr und gefielen mir persönlich besser als Geschichten mit politischen Inhalten. Sie strahlten für mich eine große Ruhe und Poesie aus.
    Das ist aber natürlich reine Geschmackssache.

    Mit einigen wenigen konnte ich nichts anfangen. Ich verstand deren tiefere Bedeutung oder hintergründige Symbolik nicht.

    Manche Geschichten waren, wie gesagt, sehr komplex und manche Sätze waren sehr lang, was das lesen mühsam machte und viel Aufmerksamkeit erforderte, so dass ich nicht selten noch mal von vorn zum Lesen anfangen musste.

    Die herausragende letzte und titelgebende Geschichte ist ein Höhepunkt. Sie rundet die Sammlung von Erinnerungen ab, stellt eine Art Essenz der vorhergehenden Texte dar und bildet damit einen wunderbaren Abschluss ihres Werkes.
    Mit dieser Geschichte hat die Autorin den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.

    „Vom Aufstehen“ ist ein sprachlich und inhaltlich höchst interessantes und tief beeindruckendes Buch mit allerlei tiefgründigen und weisen Gedanken und Überlegungen, die man festhalten möchte.

    Die Autorin spricht zahlreiche interessante Themen an.
    Zum Beispiel die Bedeutung von Wahlmöglichkeiten, auch wenn man sie nicht ergreift. Aber wenn man sie hat, dann fühlt man sich frei.
    Zum Beispiel die Bedeutsamkeit, auch das vermeintlich selbstverständliche immer wieder zu beachten und zu schätzen.
    Denn vieles ist und war für Viele niemals selbstverständlich.
    Ihre Gedanken beziehen sich meist konkret auf die DDR, können aber unschwer verallgemeinert werden und das macht das Buch besonders wertvoll.

    Eine Passage, die mich ganz besonders beeindruckt hat, möchte ich gern zitieren.
    Genauso möchte ich das auch einmal empfinden und sehen, wenn ich „ganz alt bin“:
    „Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werde…
    Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten.
    Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz. Mein unveräußerlicher. Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben.“ (S. 170)

    „Vom Aufstehen“ ist kein durch und durch unterhaltsames oder besonders vergnügliches Buch, in dem man schwelgen kann und durch das man fliegt.

    Die Lektüre ist phasenweise mühsam und manches konnte mich emotional nicht wirklich berühren oder gar fesseln.

    Die literarische Qualität und das hohe erzählerische Niveau kann man dem Werk aber keinesfalls absprechen.
    Frau Schubert ist eine sprachgewandte und tiefgründige Autorin. Jedes Wort scheint wohl überlegt zu sein.

  1. Prägung und Schmerz

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Apr 2021 

    Kurzmeinung: Dieses Buch erschließt sich nicht von Anfang an ...

    Was prägt uns? In den Texten, mal sehr kurz, mal etwas länger, von Helga Schubert sind die wesentlichen Prägungen auf das Leben der Autorin gut erkennbar. Es ist ein sehr persönliches Buch.

    Ein Kriegskind nennt sie sich, 1940 geboren. Die Mutter zuerst aus Berlin evakuiert, dann aus Hinterpommern geflüchtet. Das Kind, also die Autorin, schwerkrank irgendwo angekommen. Von freundlichen Menschen zu einem Arzt geschafft, sonst wäre sie, Helga, gestorben.

    Im Osten gelebt. Widerwillig. Widerständig. Scheinangepaßt. Im Westen schließlich mit dummen Fragen „Fühlen Sie sich als DDR-Schriftstellerin?“ gelöchert, dem äußeren Frieden einen inneren Frieden abgepressst, aber immer noch unter den Nachklängen der Diktatur gelitten. Diktatur macht etwas mit dir. Ob du willst oder nicht.

    Die Texte im Buch sind spröde. Nicht leicht erschließbar und kommen dir dann doch nahe. Das äußerst schmerzhafte Verhältnis zur Mutter, die uralt wurde, das eigene Alter, die Autorin ist jetzt 81 Jahre alt wiegt etwas, ein pflegebedürftiger Mann.

    Helga Schuberts Sprache ist sprunghaft, lyrisch, assoziativ, thematisch läßt sie sich von ihren Gedanken tragen. Kommt immer wieder auf das Wesentlichste zurück.

    Was ist das Wesentliche? Das müssen wir uns alle fragen. Das Gute im Bösen erkennen? Das Kleine schätzen lernen? Sich selber kennen. Einen Glauben haben. Etwas mit Worten festhalten. Etwas zu bewältigen versuchen. Was ich in diesem Buch in jedem Text finde, ist Schmerz. Schmerz, der nicht für sich stehen bleiben kann. Mit dem man etwas machen muss.

    Helga Schuberts Texte in „Vom Aufstehen“ sind anspruchsvoll. Man muss tief eintauchen und langsam lesen. Man versteht nicht alles, aber was man versteht, ist, dass eine Diktatur noch jahrzehntelang nach ihrem Untergang Spuren hinterläßt. Und dass Schmerz unvermeidlich ist. Jeden Morgen Aufstehen könnte mitunter das einzige Mittel sein, ihn zu bewältigen.

    Fazit: Anspruchsvoll.

    Kategorie: Kurze Texte/Kurzgeschichten
    Verlag dtv, 2021

 

Die Nacht der Physiker: Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Nacht der Physiker: Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe' von Richard von Schirach
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Nacht der Physiker: Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe"

Format:Taschenbuch
Seiten:256
EAN:9783499616426

Diskussionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

read more
 

Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41.

Buchseite und Rezensionen zu 'Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41.' von Lisa Fittko
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41."

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:336
Verlag: Dtv
EAN:9783423621892

Diskussionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

read more
 

Der Pakt: Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Pakt: Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz' von Claudia Weber
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Pakt: Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:276
Verlag: Beck
EAN:9783406735318

Diskussionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

read more

Rezensionen zu "Der Pakt: Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz"

  1. Hervorragende Studie über den Zynismus der Macht

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Aug 2020 

    "Nach wie vor wird die historische Bedeutung, die der Hitler-Stalin-Pakt für die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs besitzt, unterschätzt". So beschreibt die Autorin Claudia Weber auf der Seite 12 ihrer Studie "Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz" offensichtlich ein Movens, dass zu ihrer Auseinandersetzung mit diesem verbrecherischen Vertrag bildete. Darüber ließe sich trefflich und wahrscheinlich fruchtlos streiten, denn eigentlich ist mir kaum ein ernst zu nehmender Historiker bekannt, der das Gewicht dieser Vereinbarung zwischen zwei der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte verkennt. Sie stellt eben nicht nur den Auftakt zum Zweiten Weltkrieg, sondern auch zu einer gewaltigen und dauerhaften Veränderung Südosteuropas dar, verbunden mit den denkbar fürchterlichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch Frau Weber gebührt das Verdienst, mit ihrer Studie die Vorgeschichte und die Dauer dieses zynischen Paktes ausführlich und gut lesbar darzustellen. Dabei wird deutlich, dass in diesem Pokerspiel offensichtlich Stalin der "bessere" war, denn er nutzte Hitlers Zwangslage des öfteren aus. Dieser wollte den Krieg gegen Polen, fürchtete aber den Zweifrontenkrieg. So schenkte er Stalin im geheimen Zusatzprotokoll, dessen Existenz vom Unterzeichner Molotow noch vor dessen Tod 1980 stets geleugnet wurde, all das, was ihm die England und Frankreich, die sich ebenfalls um die Sowjetunion als Verbündetem bemühten, verweigerten/verweigern mussten, nämlich die Vorherrschaft in Osteuropa. Diese war aus seiner Sicht notwendig, um ein Glacis gegen den durch das Abkommen nur mühsam kaschierten Antibolschewismus der Nationalsozialisten. Auch wenn der Reichsaußenminister Ribbentrop, Architekt des Pakts auf deutscher Seite, in seinem antibritischen Affekt ernsthaft an eine Dauerhaftigkeit des Vertrags setzte, war diese aufgrund der ideologischen Gegensätze utopisch. Es hätte eines völlig anderen Hitlers bedurft, um sich darauf einzulassen. Interessant ist, dass Stalin mit dem verzögerten Einmarsch seiner Truppen in "seinen" Teil Polens dem Odium des Aggressors entging. Die folgenden zwei Jahre waren geprägt durch das Nebeneinander von Zusammenarbeit und Misstrauen: Einerseits kamen die Sowjets ihren Verpflichtungen zur Lieferung von Wirtschaftsgütern nach, was sicherlich nicht unerheblich zu den Erfolgen der Deutschen Wehrmacht in den folgenden Blitzkriegen beitrug, andererseits taten sich die Deutschen naturgemäß schwer, die zugesagten Kompensationen in Form von Maschinen und modernem Kriegsgerät einzuhalten, denn dies stärkte ja den eigentlichen Gegener, den es für die Erweiterung des Lebensraums im Osten zu überwinden galt. Ebenso ambivalent war die Zusammenarbeit auf einem anderen Gebiet. Durch die Aufteilung der gegenseitigen Interessenspären wurden gigantische Bevölkerungsverschiebungen nötig, so sollten sogenannte Volksdeutsche aus dem nunmehr sowjetischen Machtbereich heim ins Reich geholt werden, Weißrussen und Ukrainer aus den nun deutsch kontrollierten Bereichen Polens in die Sowjetunion abgeschoben werden. Stalin nutzte die Chance, die für ihn potentiell unzuverlässige deutschen Minderheiten loszuwerden, an den aus ideologischen Gründen abgelehnten eigenen Volksangehörigen hatte er dagegen wenig Interesse. So kam es dazu, dass Volksdeutsche in nennenswerter Zahl in den Westen gingen, die Gegenbewegung blieb dagenn gering, zumal auch wenige Menschen ernsthaft ein Interesse daran hatten, in Stalins Machtbereich zu leben. Die für die Vorbereitung dieses Bevölkerungsaustausches im jeweils anderen Machtbereich eingesetzten Kommissionen wurden argwöhnisch beobachtet, waren sie doch auch potentielle Spionage-Einrichtungen. Ganz schlimm traf es allerdings die Völker, an denen keiner der beiden Diktatoren ein Interesse hatte.Polen aus den Gebieten, die nun dem Deutschen Reich angegliedert wurden, wurden ins Generalgouvernement abgeschoben, für die Esten, Letten und Litaueer bedeutete der Pakt das Ende ihrer Unabhängigkeit und den Beginn jahrzehntelanger Unterdrückung. Und die Juden wollte keiner, so kam es zu Situationen, bei denen sie von den deutschen Besatzern - der Holocaust war noch in Vorbereitung - Richtung sowjetische Grenze getrieben wurden, wo sie mit Maschinengewehrfeuer vom Grenzübertritt abehalten wurden. Kleine, beinahe zynische Begebenheit am Rande: einige Juden entkamen der Vernichtung, weil sie als Ukrainer oder Weißrussen zu denen gehörten, die in der Sowjetunion aufgenommen wurden, allerdings begann mit der Aufnahme auch der Weg in den Gulag.

    Immer wieder geht Frau Weber auch auf den Spagat ein, der den kommunistischen Parteien durch diesen Pakt abverlangt wurde. Gesteuert durch die Internationale mit Sitz in Moskau, also von Stalin, mussten etwa deutsche Kommunisten, die ersten Opfer Hitlers, dessen angeblich positive Aspekte anpreisen, die französichen Kommunisten sollten sich sogar zur Kollaboration mit den deutschen Besatzern bereit erklären. Dies führte zu Verrenkungen, die nach dem Krieg nur all zu gern verschwiegen wurden.

    Alles in allem eine interessante und lehrreiche Studie über den Zynismus der Macht, die, nebenbei gesagt, zumindest in Nordrhein-Westfalen zu einem kleinen Preis (Zwei Euro Anteil an den Versandkosten) über die Landeszentrale für politische Bildung zu beziehen ist.

 

Acht Tage im Mai: Die letzte Woche des Dritten Reiches

Buchseite und Rezensionen zu 'Acht Tage im Mai: Die letzte Woche des Dritten Reiches' von Volker Ullrich
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Acht Tage im Mai: Die letzte Woche des Dritten Reiches"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:317
Verlag:
EAN:9783406749858

Diskussionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

read more

Rezensionen zu "Acht Tage im Mai: Die letzte Woche des Dritten Reiches"

  1. Anregendes Panoptikum

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Jan 2021 

    Voker Ulrich beschreibt in "Acht Tage im Mai" die letzte Woche des Dritten Reiches, wobei der Fokus auf der Regierung Dönitz liegt, die nach dem Selbstmord Hitlers im Führerbunker, mit dem das Buch auch beginnt, von Norddeutschland aus die Geschicke des untergehenden Staates lenken sollte. Deren Plan war es, möglichst viele Zivilisten und Soldaten vor der vorrückenden Roten Armee zu retten, weshalb man die Kampfhandlungen im Westen einstellen wollte, Optimsten rechneten sogar damit, dass die westalliierten sich zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen den Kommunismus gewinnen lassen würden. Doch, oh Wunder, die Briten und die US-Amerikaner spielten nicht mit. Sie bestanden auf einer Gesamtkapitulation. Die Regierung Dönitz unterlief dies teilweise durch Teilkapitulationen einzelner Heeresgruppen und spielte auf Zeit, allerdings davon überzeugt, dass sie auch nach der Kapitulation weiterhin die legitime deutsche Regierung sein werde. Himmler bot gar an, seine SS in den dienst des kommenden Staates zu stellen. Diese paar Schlaglichter sollen verdeutlichen, wie realitätsblind die Dönitz-Regierung und viele andere Deutsche waren. Die Verbrechen wurden mit keinem Wort erwähnt, im Gegenteil, man begann sofort an der Legende von der sauberen Wehrmacht und der bösen SS zu stricken, die für fast 40 Jahre Anerkennung fand. Aber die Darstellung bietet nicht nur diese Sicht, im Gegenteil, sie ist ein Panoptikum verschiedener Sichtweisen, es kommen ebenso die einfachen Menschen, Widerständler, KL-Insassen, gegnerische Soldaten zu Wort, die angesprochenen Ereignisse sind vielfältig, seien es der Massenselbstmord von Demmin, die Todesmärsche oder die Massenvergewaltiigungen im Osten.

    Das alles ist nicht wirklich neu, aber Ullrich gebührt das Verdienst, es unternommen zu haben, das Kriegsende auf anschauliche und multiperspektivische Art zu veranschaulichen.

 

Adolf Hitler: Die Jahre des Untergangs 1939-1945 Biographie (Adolf Hitler. Biographie, Band 2)

Buchseite und Rezensionen zu 'Adolf Hitler: Die Jahre des Untergangs 1939-1945 Biographie (Adolf Hitler. Biographie, Band 2)' von Volker Ullrich
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Adolf Hitler: Die Jahre des Untergangs 1939-1945 Biographie (Adolf Hitler. Biographie, Band 2)"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:896
Verlag: S. Fischer
EAN:9783103972801

Diskussionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

Lesern von "Adolf Hitler: Die Jahre des Untergangs 1939-1945 Biographie (Adolf Hitler. Biographie, Band 2)" gefiel auch

read more
 

Nazis in Tibet: Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer

Buchseite und Rezensionen zu 'Nazis in Tibet: Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer' von  Peter Meier-Hüsing
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Nazis in Tibet: Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
Verlag: wbg Theiss
EAN:9783806234381

Diskussionen zu "Feuersturm: Eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs"

read more

Rezensionen zu "Nazis in Tibet: Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer"

  1. Forschungsreise im Auftrag Himmlers

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Jun 2020 

    Am 21.4.1938 brechen fünf junge Männer zu einere Expedition in den Himalaya auf. Es sind fünf Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen, die unter der Leitung des Zoologen Ernst Schäfer in einer Mischung aus Abenteuerlust und Forscherdrang ins Ungewisse aufbrechen, denn das eigentliche Ziel ihrer Reise, Tibet, ist ihnen verschlossen, da duie Zugänge dorthin unter britischer Kontrolle stehen und die Briten dieser Expedition äußerst kritisch gegenüberstehen. Nicht zu unrecht, denn die fünf Männer mussten zur Verwirklichung ihres Traumes einen faustischen Pakt eingehen, nämlich einen mit dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler, der ihnen mittels seiner Organisation "Ahnenerbe" die notwendigen finanziellen Mittel verschafft. Ihr Auftrag: die Suche nach Beweisen für die "Welteistheorie" und die Suche nach Spuren der Urarier, die angeblich in Tibet beheimatet waren. Alle Teilnehmer der Expedition sind daher auch gleichzeitig SS-Männer, die unter dem Zeichen des Hakenkreuzes unterwegs sind. Peter Meier-Hüsing stuft vier als überwiegende Opportunisten, die sich willfährig dem Unrechtssytem unterwarfen, um ihren Forscherdrang zu befriedigen, der fünfte, Bruno Beger, war wohl auch eher ein Überzeugungstäter, der mit zahlreichen Utensilien zur Schädelvermessung im Gepäck reiste. Über Sikkim gelingt es der Expedition, sich Einlass nach Tibet zu verschaffen, wo sie vor allem Lhasa besuchen, bevor sie die erste Hauptstadt des Landes,Yumbhu Lhakhar besichtigen können. Sie lernen dort zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten des Landes kennen, forsche und spionieren wohl auch ein bisschen, aber Beweise für die esoterischen Ariertheorien finden sie nicht, wobei es auch so zu sein scheint, dass bis auf Beger, der zahlreiche Messungen an den Schädeln der Tibeter und Schädelabgüsse vornimmt, keiner intensiv sucht. Der sich abzeichnende Weltkrieg führt dann dazu, dass die Expedition, die zunehmend die widerwillige Unterstützung der Briten verliert, abreist und im August 1939 ins Deutschen Reich zurückkehrt. Peter Meier Hüsing beschreibt schwerpunktmäßig natürlich die Abenteuer der Forscher in Indien und Tibet, aber auch die Vorgeschichte, u.a. den erfolglosen Versuch Schäfers, das Ahnenerbe aus der Expedition herauszuhalten. Aber auch nach der Expedition erweisen sich die Wissenschaftler als willfährige Handlanger der Nationalsozialisten, wobei es wiederum Beger ist, der sich am tiefsten verstrickt, da er nachweisbar an der Vergasung von Juden im KZ Natzweiler beteiligt war, deren Slelette man zum Beweis des Rassenwahns zu benötigen glaubte.

    Abschließend geht der Autor auch noch auf die Nachkriegszeit ein, wobei es den Kenner der deutschen Nachkriegsgeschichte wenig überrraschen dürfte, dass Schäfer und Beger mittels Persilschein und fragwürdigen Eigenauskünften eigentlich schadlos aus der Angelegenheit kamen.

    Schade finde ich, dass das die esoterischen Ursprünge von Himmlers Weltsicht zwar in der Einführung kurz erläutert werden, aber da hääte ich gern etwas mehr gelesen, auch wenn es offensicht um phantastische Spinnereien handelt. Allerdings wird wieder einmal klar, dass Donald Trump zwar vielleicht der Meister der alternativen Fakten ist, aber keineswegs ihr Erfinder. So galt die Welteislehre als arisches Kontrastprogrmm zur vermeintlichen "jüdischen Physik" Albert Einsteins, dienichts anderes sei "als der in Form von Berechnungen eingekleidete, unüberbietbare Höhepunkt der geistigen Veriirung und wahnwitzigen Verneinung alles über dem Stoffe Stehenden, Geistigen und letzten Ende Göttlichen der Welt" (S. 24). Also wissenschaftliche Erkenntnis gegen borniertes Wunschdenken, kommt einem bekannt vor, oder?

 

Seiten