Laufen: Roman

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Rezensionen zu "Laufen: Roman"

  1. Der Weg ins Leben

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Aug 2020 

    Ein empathisches Buch! Ein berührendes Buch! Gerade weil die Erzählstimme versucht stark zu sein, versucht ein entsetzliches Geschehen zu begreifen und zu überwinden, gerade weil dieses Buch eben nicht vor Melodramatik überquillt berührt mich dieses Buch ungemein! Die Erzählerin ist traumatisiert, ihr depressiver Lebenspartner hat sich umgebracht. Sie bleibt zurück, schockiert, allein und voller Fragen, voller Gedanken, teilweise voller depressiver Gedanken, nachvollziehbarerweise natürlich. Über das Laufen versucht die Erzählstimme sich wieder aufzurappeln, wieder zu sich selbst zu finden, wieder ins Leben zu laufen. Und diesen Charakter der Erzählstimme einzufangen und wiederzugeben gelingt Isabel Bogdan bravourös. Ein tosender Applaus für dieses authentische Bild einer traumatisierten und trauernden und depressiven Frau, die nach und nach ins Leben zurückfindet! Schon mit "Der Pfau" hat mich Isabel Bogdan begeistert, hier ist aber noch eine Steigerung zu bemerken. War "Der Pfau" eher leicht und fluffig, so ist "Laufen" empathisch, berührend, authentisch und treffend. "Laufen" könnte ein Buch für Traumatisierte sein, für den Weg zurück ins Leben.

  1. zweimal ein, viermal aus

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Okt 2019 

    Eine Frau läuft. Sie läuft nahezu täglich. Sie läuft immer ein bisschen mehr. Sie hasst es zu Anfang. Bis es ihr zur Gewohnheit wird. Sie läuft nicht ohne Grund.
    „Laufen“ von Isabel Bogdan ist beileibe kein Sportbuch, kein Motiviationsratgeber, kein Lebenshilfebuch. Diese Frau im Buch, sie läuft, weil sie einen schweren Verlust erlitten hat, weil sie beim Laufen nicht denken will. Und mit jedem Schritt den sie macht, mit jedem Kilometer, den sie zurücklegt, mit jeder Seite, die ich lese, erkenne ich so viel an dieser Frau in mir wieder. Wie sie läuft, wie sie denkt, wie sie übers Laufen denkt, wie sie beim Laufen denkt. Wir haben nicht dieselbe Geschichte, nicht dieselben Erfahrungen und doch ähneln wir einander.
    „Der objektive Dreck tut nichts zur Sache, der ist ganz egal dafür, wie dreckig es einem geht…“
    Und so läuft sie sich zurück ins Leben, während sie ihre Beziehung überdenkt, ihre große Liebe. Von dem Schmerz, aber auch dem Zorn, den sie fühlt. Auf den Tod, auf die Krankheit, auf den Mann. Wie sehr seine Krankheit die Beziehung, sie selbst belastet hat.
    „Ich kann nicht mehr“, sagt die Frau gleich im ersten Satz. Aber das Leben ist Bewegung, es geht weiter, einatmen ausatmen, zweimal ein, viermal aus. Genauso wie die Frau atmet passt sich die Prosa des Textes dem Atemrhythmus an. So wie die Läuferin ihre Kreise auf der Laufstrecke zieht, so kreisen ihre Gedanken, Erinnerungen an die Vergangenheit, aber auch an das was kommen kann. So wie beim Laufen das Leben, vorwärtsschauen.
    Es ist unglaublich, was dieses Buch mit mir gemacht hat. Ich liebe es, liebe es aufrichtig!

  1. Einatmen-Ausatmen-Weiterleben

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Okt 2019 

    Laufen – die Trauer und den Schmerz einfach weg laufen. Das ist die Motivation der Protagonistin, einer Orchestermusikerin, wieder mit dem Laufen anzufangen. Der physische Schmerz überdeckt den psychischen. Sie konzentriert sich nur auf ihren Körper und den Schmerz, mehr gesteht sie sich nicht zu.
    Und wie sie läuft. Ihr Atemrhythmus- zwei Schritte einatmen, 4 Schritte ausatmen prägt den inneren Monolog. Im selben Takt setzt Isabell Bogdan ihre Sätze: ein ein aus aus aus aus. Je länger sie läuft, je mehr ihr Körper aushält, umso mehr kann sie sich den Erinnerungen öffnen. Ihre Gedanken schweifen, schmerzhafte Erinnerungen wechseln sich mit schönen Eindrücken, Wut bricht sich Bahn.
    Allmählich erfahren wir den Grund für ihren Schmerz, ihr Lebensgefährte ist tot. Sie ist Witwe und darf sich nicht Witwe nennen, seine Eltern vereinnahmen ihn auch nach dem Tod. Für sie bleibt nichts als ein paar alte Schlafanzüge, an die sich klammert.
    Wie lange darf man trauern? Wann muss man wieder funktionieren, wie es Familie und Freunde erwarten? Hätte man nicht schon früher etwas merken müssen, wie es dem Lebensgefährten geht? All diese Fragen stellt sich die Läuferin und ich als Leserin dringe immer tiefer in die Geschichte dieser Beziehung ein, ihrer Höhen und Tiefen und erkenne allmählich die Grund für den Schmerz der jungen Frau, der weit über die Traurigkeit über den Verlust hinausgeht.
    Doch mit jedem gelaufenen Kilometer befreit sich die Läuferin auch aus ihrer inneren Isolation, ihre Gedanken schweifen beim Laufen immer mehr in die Gegenwart und in eine Zukunft. Wie ihr Körper, so hat auch ihre Seele irgendwann den Schmerz besiegt.
    Was für eine atemlose Geschichte, ich spürte beim Lesen wie ich mich dem Atemrhythmus der Protagonistin anpasste. Das „Ein ein aus aus aus aus“ hat sich auf mich übertragen. Der innere Monolog, die mäandernden Gedanken der Läuferin haben mich gefangen genommen. Ich kannte Isabell Bogdan, aber dieser atemberaubende Text hat mich absolut überrascht.

  1. Ansprechendes und Tröstliches zur Trauerbewältigung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2019 

    Isabel Bogdan hat ein sehr schönes Buch geschrieben zur Trauerbewältigung.

    Ihre Protagonistin durchläuft, im wahrsten Sinne des Wortes, weil sie nämlich wieder mit dem Langlaufsport angefangen hat, wie sie es früher tat, zweieinhalb Jahre Trauerprozeß, nachdem ihr Lebensgefährte sich das Leben genommen hat.

    Die Autorin zeichnet deren Gedanken nach, so wie sie der Läuferin während des Laufens eben durch den Kopf schießen, dabei wiederholt sich manches, das macht nichts, das wird im Leben auch so sein. Allmählich öffnet sich sowohl die Innenwelt wie auch der Alltag der Konzertbratschistin, deren Namen ich gar nicht erfahren habe, me thinks; auch das zurückliegende Leben mit ihrem Partner öffnet sich dem Leser sozusagen Schritt für Schritt.

    Mir hat das Romanarrangement sehr gut gefallen, einzig das Laufen selber blieb thematisch ein wenig zurück.

    Fazit: Sehr ansprechender, glaubwürdiger Roman zur Trauerbewältigung, der möglichweise wirklich weiterhilft, wenn man selber einen Trauerfall erlebt; eine tröstende Lektüre. Diese Autorin mit ihren leisen Tönen, werde ich definitiv im Auge behalten.

    Kategorie: Anspruchsvoller Roman
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2019

 

Das letzte Bild: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das letzte Bild: Roman' von Anja Jonuleit
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das letzte Bild: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
Verlag:
EAN:9783423282819
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Rezensionen zu "Das letzte Bild: Roman"

  1. Die Tote von Isdal

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Jul 2021 

    Als die Schriftstellerin Eva in der Zeitung auf einen Artikel über einen nie gelösten Kriminalfall von 1970 in Norwegen stößt und das Phantombild des Opfers sieht, ist sie geschockt. Die Ähnlichkeit mit ihr und auch ihrer Mutter als junger Frau ist zu deutlich. Allerdings reagiert ihre Mutter auf diesen Artikel ganz anders, als erwartet. Das lässt Eva nicht ruhen und ein DNA Abgleich beweist, die nahe Verwandtschaft von Eva und der geheimnisvollen Toten. Natürlich reist sie nach Norwegen um diesem Familiengeheimnis auf die Spur zu kommen.

    Rückblenden führen in die Kriegs- und Nachkriegszeit. Hauptfigur ist hier die junge Marguerite, die in einem Waisenhaus aufwuchs und sich nichts sehnlicher wünscht, als ihre Familie – die in den Kriegswirren getrennt wurde – wiederzufinden.

    Ein packendes Stück Geschichte und gleichzeitig Familiendrama entfaltet die Autorin. Es bewahrheitet sich wieder, dass selbst die dritte Generation noch unter Ereignissen leidet, über die zwar nie gesprochen wurde und dennoch einen Schatten werfen.

    Außerdem werden immer wieder kurze Abschnitte aus einem Artikel der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ abgedruckt, die dokumentieren, dass sich Anja Jonuleit einen realen, nie geklärten Mordfall zum Hintergrund für ihren Roman genommen hat. Gerade das verleiht diesem Buch eine besondere Intensität. Sie baut auf dem Gerüst der damaligen Ermittlungen auf, entfaltet mit ihren erdachten Personen und ihrer Geschichte aber einen ganz eigenständigen Roman, bei dem man aber immer wieder denkt: so könnte es gewesen sein.

    Das liegt sicher an der intensiven, aber empfindsamen Art zu erzählen, die Anja Jonuleit schon mehrfach unter Beweis stellte. Mich hat diese Geschichte von der ersten Seite an gefesselt, der Wechsel der Erzählperspektiven macht das Buch sehr spannend. Auch die Figurenzeichnung ist der Autorin außerordentlich gelungen.

    Evas Spurensuche und wie sie Stück für Stück ein uraltes Puzzle versucht zusammenzusetzen ist spannend wie ein Krimi.

    Eine wirklich bewegende Geschichte, die mich in Bann zog.

 

Die Blankenburgs: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Blankenburgs: Roman' von Eric Berg
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Blankenburgs: Roman"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:544
Verlag:
EAN:9783764507763
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Der leere Platz

Buchseite und Rezensionen zu 'Der leere Platz' von  Marion Karausche
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der leere Platz"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag:
EAN:9783036958514
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Was man von hier aus sehen kann: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Was man von hier aus sehen kann: Roman' von Mariana Leky
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Was man von hier aus sehen kann: Roman"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:321
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Was man von hier aus sehen kann: Roman"

  1. Wie naive Kunst: Herzig.

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Jan 2021 

    Endlich hab ich es auch gelesen und es hat mir einige sehr nette Stunden beschert.

    Es gibt Romane, die (von mir) immer mehr Punkte oder Sterne bekommen, je länger ich nach dem Lesen über sie nachdenke, weil sie nachwirken und es gibt Romane, die immer weniger Punkte oder Sterne (von mir) bekommen, je länger ich über sie nachdenke. Darum wird es Zeit, dass ich meine Rezension für „Was man von hier aus sehen kann“ schreibe, bevor es Tag wird und die Sterne am Himmel völlig verblassen.

    Was mich sofort „gezogen“ hat oder hübscher gesagt für das Buch eingenommen hat, ist die wunderbare Art der Autorin zu erzählen.

    Dass „Was man von hier aus sehen kann“ kein Roman ist, dessen Inhalt man Eins zu Eins auf der Realitätswage wiegen kann, ist von Anfang an klar. Muss ja nicht. Also klopfen wir nichts auf Wahrscheinlichkeit ab. So ein Buch ist das nicht.

    In der naiv wirkenden Erzählweise der nicht weniger naiv wirkenden Icherzählerin Luise verbirgt sich trotzdem oder auch gerade manche Lebensweisheit und sehr viel feiner Humor.

    Als Luise eines Tages von jemandem eröffnet wird: „Ich muss dir etwas sagen!“ lässt die Autorin Luises Alarmglocken wie folgt schrillen:

    „Ich dachte daran, was in Selmas Vorabendserien mit dem Satz "Ich muss euch was sagen" eingeleitet wurde. Wir sind bankrott, ich verlasse dich, Matthew ist nicht dein Sohn. William ist klinisch tot. Wir stellen jetzt die Maschinen ab.“

    Das ist Humor vom Feinsten und gut beobachtetes Alltagsleben.

    Um was geht es eigentlich? Grob gesagt um das Dorfleben im Westerwald. Wie die Menschen dort miteinander umgehen. Nur passt der Ton irgendwie nicht zum Westerwald. Ich meinte mich die ganze Zeit nach Brasilien versetzt zu sehen. Das Buch erinnerte mich vom Flair her an „Blumentochter“ von Vanessa da Mata. Aber Westerwald? Niemals. Dort ist der Menschenschlag viel schwerer, ebenerdiger.

    Der Humor hat mir sehr gefallen und die Schreibweise rührt mich an. Nur dass halt Hübsches, wenn es zu oft wiederholt und präsentiert wird, dann weniger hübsch wird. Wiederholungen nutzen ab.

    Im Prinzip konnte ich alle Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten akzeptieren, den Schluß fand ich jedoch zu schwach für den Roman, weil die Autorin, um nicht in die Falle des Süßlichen zu tappen, ein halbherziges HappyEnd fabrizierte. Obwohl ein HappyEnd ja gut gepaßt hätte. Zu dieser Art des Erzählens. Es ist eben ein herziges Buch.

    Fazit: Herziges Buch, das Spaß macht, aber halt nicht hängen bleibt. Eigentlich wie Naive Kunst: Nett anzuschauen, bleibt aber nicht auf der Netzhaut bei Licht aus.

    Kategorie: Gute Unterhaltung.
    Verlag, Dumont 2017

  1. Das gefürchtete Okapi

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Dez 2020 

    Es gibt Zeiten, da erfährt das ganze Dorf im Westerwald, das Selma mal wieder von einem Okapi geträumt hat. Danach herrscht unbändige Unruhe im Dorf und auch in der nächsten Gegend. Denn, wenn Selma ein Okapi sieht, dann stirbt jemand. Das war schon immer so und wird auch weiterhin so bleiben. Wen es trifft, das erfährt man in etwa den nächsten 48 Stunden. Da hilft auch kein tricksen oder wegrennen.

    Aber dieses Dorf wäre nichts besonderes, wenn die Bewohner dort nicht immer irgendwie zusammen agieren. Jeder hängt mit jedem zusammen und wenn da einer aus einem anderen Teil von Deutschland kommt und nach Japan geht hängt er auch mittendrin. Er kann noch so weit weg sein, wie der der Sohn von Selma z.B., der die Welt hereinlassen will in sein Leben und selten da ist oder der Mönch Frederik, der vom Dach eines Klosters in Japan lebt.

    Es sind alles liebenswerte Personen, die die Autorin erschaffen hat. Selmas
    Enkelin, die einen Mönch liebt, der Optiker, der Louises Großmutter liebt, es
    ihr aber nie gesagt hat und sich auch jetzt nicht traut. Louises Vater ist auf
    Dauer-Reise und ihre Mutter liebt den italienischen Eisverkäufer. Da gibt es
    Martin, den Kinderfreund von Louise und sein Vater Palm, der dem Alkohol
    verfallen ist. Louise ist mehr ihrer Großmutter und ihrem besten Freund dem
    Optiker zugetan, denn die haben sich mehr um sie gekümmert, als ihre
    Eltern.

    Dieses Buch beinhaltet so viele Lebensweisheiten und auch übersinnliche
    Begebenheiten. Man möchte mehr davon haben. Es macht viel Freude es zu
    lesen. Allerdings fiel es mir schwer, die Dorfgemeinschaft altern zu sehen.
    Es ist zwar der Lauf der Dinge, aber irgendwie waren sie für mich alterslos.
    Wie im wahren Leben gehen sie dann doch davon und das Buch endet leider.

 

Auszeit: Roman

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Rezensionen zu "Auszeit: Roman"

  1. Am Scheitelpunkt

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Jul 2021 

    Henriette, die Ich-Erzählerin in "Auszeit", steckt mit Mitte 30 in einer handfesten Lebenskrise. Vordergründig ist eine nur wenige Monate zurückliegende Abtreibung dafür verantwortlich, doch die Probleme reichen bis ins verbummelte Kulturwissenschafts-Studium zurück und manifestieren sich aktuell in der festgefahrenen Dissertation zum Thema „Der Werwolf und seine Kulturgeschichte“:

    "Mir fehlt auf elementare Weise der innere Antrieb. […] Ich wünschte, ich könnte sagen, ich wäre erst seit dem Frühjahr so. […] Aber es war schon immer so. Es fühlt sich nur schlimmer an." (S. 85)

    Ganz anders ist ihre langjährige Freundin Paula: dem Leben zugewandt trotz schwerer Schicksalsschläge, spirituell, zupackend, empathisch:

    "Paula ist im Leben, ich bin es nicht. Ich bin in meinem Kopf." (S. 14)

    Ortswechsel als Therapie
    Kurzerhand verordnet Paula Henriette eine gemeinsame herbstliche Auszeit in einer abgelegenen bayerischen Hütte. Dort soll sie die Seele baumeln lassen, mittels Yoga, Reiki und Waldspaziergängen zur Ruhe kommen und die Schreibblockade lösen.

    Tatsächlich erscheinen die Probleme mit dem Abstand zu Berlin zunächst lösbarer, doch dreht sich die Gedankenspirale in Henriettes Kopf weiter. Sie reflektiert ihre Beziehung zu Tobias und den „Sex, der eigentlich keiner war“ (S. 139), ihre Bewunderung für die Lebenserfahrung dieses einige Jahre älteren Familienvaters, der ihr zuhörte, sie aber auch manipulierte. Die ungeplante Schwangerschaft erschien ihr zunächst „als wäre in meinem Inneren ein Licht angeschaltet worden“ (S. 99), trotzdem hat sie „eine Entscheidung gegen die Natur getroffen, gegen meine Natur“ (S. 134) und leidet darunter, deshalb nicht trauern zu dürfen:

    "Das Recht, um das Kind zu trauern, habe ich verwirkt." (S. 55)

    Mit dem Eintreffen von Tom, Paulas On-Off-Beziehung, wird aus dem Duo ein Trio. Ein neuer Takt muss gefunden werden – mit überraschenden Folgen.

    In Teilen autobiografisch
    Auch wenn die 1987 geborene Hannah Lühmann mit ihrer Protagonistin Henriette die Erfahrung eines Schwangerschaftsabbruchs teilt und seit ihrer Kindheit eine Grusel-Faszination für Werwölfe hegt, kann sie doch ansonsten nicht viel mit der zögerlichen Romanfigur verbinden. Wer wie sie mit Mitte 30 nach einem Philosophie- und Kulturjournalismus-Studium bereits für die FAZ, die Süddeutsche Zeitung, die Zeit und andere renommierte Presseorgane gearbeitet hat, nun als stellvertretende Ressortleiterin im Feuilleton der Welt tätig ist und den ersten Roman im Verlagshaus Hanser veröffentlicht, verzweifelt nicht an den Möglichkeiten dieser Generation, sondern hat sie ergriffen.

    Eine neue Autorin mit viel Potential
    Ich bin selbst überrascht, dass ich dieses düstere Buch, durch das allerdings - wie durch die stilisierten Äste auf dem hervorragenden Cover - stellenweise Licht dringt, gerne gelesen haben. Dabei kenne ich eher zielstrebige 30-Jährige und hege eine Abneigung gegen sich permanent selbst bespiegelnde, mit sich und der Welt hadernde, nur fordernde, nie gebende Menschen wie Henriette. Es erging mir hier ähnlich wie beim Roman "Die Glücklichen" von Kristine Bilkau, wo ein Paar in Henriettes Alter, allerdings anderer Lebenssituation, ähnlich erstarrt und leer ist. Die „groteske Unbegrenztheit von allem“, die „Überzahl an Entscheidungen“ und die „Übermacht möglicher Abläufe“ (S. 83) erweist sich als potentieller Hemmschuh dieser Generation.

    Hannah Lühmann ist definitiv eine literarische Entdeckung für mich, auf deren weitere Romane ich sehr gespannt bin. Auch wenn ich mich beim Thema ihres schmalen Debütromans lediglich als staunende Zuschauerin fühlte, mochte ich den Schreibstil sehr, die große Dichte, Präzision, Knappheit und Sensibilität.

  1. Gedankenstrudel

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Jul 2021 

    Im Herbst in einer kleinen Hütte in Bayern: Henriette, Anfang 30, nimmt sich zusammen mit einer Freundin, Paula, eine Auszeit in den Bergen. Die Doktorandin hat gerade eine Abtreibung hinter sich, die sie in depressive Stimmung versetzt hat. Nun will sie zur Ruhe kommen und mit ihrer Dissertation vorankommen, an der sie schon sehr lange sitzt. Doch es verläuft nicht alles wie geplant...

    „Auszeit“ ist der Debütroman von Hannah Lühmann.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus kurzen Kapiteln mit noch kürzeren Abschnitten. Erzählt wird im Präsens in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Henriette. Immer wieder eingestreut sind Rückblicke. Dieser Aufbau funktioniert gut.

    Eine Stärke des Romans ist seine Sprache. Der Schreibstil ist atmosphärisch dicht, intensiv und voll von gelungenen Bildern. Der Autorin schafft es, mit wenigen Worten viel zu transportieren.

    Als Protagonistin steht Henriette im Fokus der Geschichte. Leider konnte ich keinen Zugang zu ihr finden, zumal sie wenig über sich als Person preisgibt, gleichzeitig aber sehr selbstbezogen ist. Ihre Freundin Paula nimmt ebenfalls eine wichtige Rolle ein und beansprucht für meinen Geschmack sogar ein wenig zu viel Raum auf den bloß rund 170 Seiten. Und dann gibt es da noch Tobias, einen verheirateten Mann und Vater eines Babys, der mich in mehrfacher Hinsicht abgestoßen hat. Alle drei Charaktere sind mir unsympathisch und blieben mir bis zum Schluss fremd. Ihr Verhalten ist nicht immer nachvollziehbar.

    Inhaltlich hat mich die Geschichte ein wenig enttäuscht. Gereizt an der Lektüre hat mich das Thema Abtreibung. Dies tritt in weiten Teilen des Romans aber in den Hintergrund. Vor allem wird nicht deutlich genug herausgearbeitet, wieso die Protagonistin überhaupt abgetrieben hat. Stattdessen lesen wir einen großen Strudel an sonstigen Gedanken. Darin philosophiert die Protagonistin über eine Vielzahl an Dingen, wobei durchaus einige kluge Sätze dabei sind, die zum Nachdenken anregen. Allerdings haben mich etliche Passagen nicht überzeugt. Unter anderen haben mich die langen und irrelevanten Ausführungen zum Thema ihrer geplanten Dissertation, die Werwölfe, gestört.

    Insgesamt ist der Roman besonders zu Beginn recht handlungsarm und gleitet in einem sehr gemächlichem Erzähltempo dahin. Erst als es etwa ab der Hälfte des Buches darum geht, wie es überhaupt zu der Schwangerschaft kam und was daraufhin passiert ist, konnte mich die Geschichte wirklich fesseln. Das Ende wiederum hat mich zwar überrascht, aber auch verwirrt und ratlos zurückgelassen. Es ist für mich nicht ganz stimmig.

    Das Cover finde ich sowohl geschmackvoll als auch aufgrund des Baummotivs thematisch passend. Der prägnante Titel ist ebenfalls treffend.

    Mein Fazit:
    „Auszeit“ von Hannah Lühmann ist ein Roman, der mich sprachlich beeindruckt, aber inhaltlich meine Erwartungen nicht ganz erfüllt hat.

  1. Das Leben, Bürde oder Offenbarung?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Jul 2021 

    Das magische Blau des Covers zog mich an und da es um Figuren in meinem Alter geht, war die Neugier groß.

    In der Geschichte geht es um Henriette, die dringend eine Auszeit braucht. Bei ihrer Dissertation kommt sie einfach nicht weiter und auch sonst beutelt das Leben sie. Wird ihr die Ruhe in der einsamen Hütte gut tun und kann Freundin Paula helfen?

    In meinen Augen sollte man beim Lesen der Lektüre in einer stabilen, emotionalen Verfassung sein, denn der Inhalt des Romans zieht einen ganz schön runter.

    Frau Lühmann gelingt es hervorragend Generation Y, die alles hat darzustellen. Besonders prägnant und bei Lektüregenuss enorm spürbar die Depression der Hauptfigur. Zu Beginn denkt man noch wie anstrengend Henriette doch ist und dass man nicht gern mit ihr befreundet sein möchte, bis man hinter ihre Mauer schauen darf und immer mehr Verständnis für sie aufbringt.

    Während Henriette für mich der Schatten in der Handlung ist, strahlt Freundin Paula so viel Licht und Wärme aus, dass Hoffnung doch noch denkbar ist. Man wünscht sich, dass Henriette von ihrer Freundin doch bitte ein paar Lebensweisheiten annimmt.

    Der Roman ist gewiss keine leichte Kost, die man mal so ganz nebenbei liest, denn man wird tief in den Strudel der Depression gezogen und fragt sich: Hätte ich auch so gehandelt? Würde ich bereuen oder nach vorn schauen?

    Das Ende hat mich doch etwas überrumpelt und geschockt, aber das Leben ist nun mal kein Kindergeburtstag und fordert auch die Fröhlichsten unter uns, von daher eine interessante Wende.

    Fazit: Düster, schmerzhaft und emotional. Wer sich dem gewachsen sieht, wird seinen Nutzen aus der Geschichte ziehen können. Ich habe den Roman gern gelesen und werde die Figuren nicht so schnell vergessen. Gern spreche ich eine Empfehlung aus.

 

Kleine Wunder überall: Roman

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Rezensionen zu "Kleine Wunder überall: Roman"

  1. Wunder gibt es…

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Jul 2021 

    !ein Lesehighlight!

    Klappentext:

    „Manchmal kommt alles auf einmal. Eigentlich hat Charlotte im trubeligen Alltag mit Mann, Kindern und Job schon genug zu tun. Immer ist etwas wichtiger als ihre eigenen Pläne. Dann steht plötzlich auch noch ihre Mutter Barbara vor der Tür. Zwanzig Jahre zuvor verließ sie die Familie, um ein freies, unbeschwertes Leben auf Lanzarote zu führen. Nun ist sie krank und bittet ihre Tochter um Hilfe. Keine leichte Entscheidung für Charlotte.

    Dann überstürzen sich die Ereignisse, und die beiden Frauen erfahren, dass sie mehr verbindet, als sie dachten. War damals wirklich alles so, wie Charlotte immer glaubte? Und wie verzeiht man einem Menschen, der einen im Stich ließ, als man ihn dringend brauchte?“

    Autorin Katrin Lankers hat mit diesem Roman einen sehr intensiven aber auch kurzweiligen Roman verfasst. Die Geschichte um Charlotte und Barbara ist extrem realitätsnah und authentisch. Emotionen und Gefühle werden hier keinesfalls versteckt, sondern stehen im Mittelpunkt, dürfen sich weiterentwickeln und formen. Die Charaktere haben alle Gesichter und bleiben einem beim lesen sehr gut vor Augen, man gewöhnt sich an sie als Leser und baut sogar eine gewisse Bindung zu ihnen auf. Ich denke das ist auch der größte Pluspunkt in diesem Buch: jeder Leser wird sich hier in gewisser Weise wiederfinden, Leser werden selbst über ihre eigenen Erfahrungen mit diesen Themen nachdenken, grübeln und versuchen zu sehen, was wirklich richtig ist/war.

    Lankers Schreibstil ist sehr rund und gelungen. Man liest Seite um Seite und hat nicht den typischen Kitsch-Roman vor sich, sondern eine ernstzunehmende Literatur, die hervorragend in diese Geschichte gebettet wurde.

    Wie der Titel schon besagt, gibt es überall kleine und große Wunder und man sollte nie aufhören an sie zu glauben - eine geniale, emotionale und feinstimmige Geschichte, bei der alles glänzend gepasst hat! Diese Geschichte hallt nach! Bravo! 5 von 5 Sterne!

 

Der Klavierspieler vom Gare du Nord

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Klavierspieler vom Gare du Nord' von Gabriel Katz
NAN
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Inhaltsangabe zu "Der Klavierspieler vom Gare du Nord"

Autor:
Format:Audio CD
Seiten:0
EAN:9783839817476
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Windstill: Roman

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Rezensionen zu "Windstill: Roman"

  1. Das Nebeneinander von Idylle und Schmerz…

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Jul 2021 

    Wow!
    Was für ein erschütternder Beginn.
    Ein Paukenschlag, der einen schaudern lässt!
    Ein Drama, das eine sommerliche Ferienidylle zerschneidet!
    Marie rutscht auf der Treppe aus, fällt nach hinten und knallt mit dem Kopf auf das Metallrohr eines Sonnenschirmständers.
    Marie ist auf der Stelle tot.

    Die Geschichte spielt in Südfrankreich am Rand der Pyrenäen.
    Es ist August.
    Wir begleiten die Gäste und Bewohner eines idyllisch gelegenen Ferienhauses aus Sandstein, besser gesagt, „eines leicht vergammelten Landschlosses“ (S. 12) auf einer Hügelkuppe in den ersten Stunden nach dem fatalen Ereignis.

    Der Hausherr Pierre und sein kleiner Sohn Gian, die französische Mieterin Odile und eine vom Zufall bunt zusammengewürfelte Feriengemeinschaft bewohnen derzeit das Landschloss.

    Gesellige Abende mit Rotwein und gemeinsame Mahlzeiten auf der Terrasse bringen die Gäste ganz zwanglos einander näher.

    Neben Pierre, seinem Sohn Gian, Odile und dem soeben zum Witwer gewordenen Franz, lernen wir Dorothea und Mauro mit ihren Zwillingen Rosa und Emil, Stephan und seine kleine Tochter Lara sowie den Jugendlichen Nick, der von seiner Mutter hergeschickt wurde, um Französisch zu lernen, kennen.

    Abwechselnd begleiten wir den ein oder anderen Bewohner, haben Teil an seinen Gedanken und lernen so auch Marie aus den verschiedenen Sichtweisen heraus kennen.

    Jeder hat seine eigenen Erinnerungen an die gerade Verunglückte.
    Jeder hat ein eigenes und interessantes Leben.
    Jeder geht anders mit dem gerade erlebten Schock um.
    Jeder hängt anderen Gedanken nach.
    Dem zu folgen ist unterhaltsam und abwechslungsreich.

    Ilia Vasella überzeugt mit wunderbaren Landschaftsbeschreibungen und mit präzisen und eindrücklichen Schilderungen der Geschehnisse.

    Mit ihrer anschaulichen und zuweilen poetischen Sprache und mit knappen, präzisen und ausdrucksstarken Bildern vermittelt sie wunderbar die spannungsgeladene Atmosphäre zwischen Glück und Idylle auf der einen sowie Tragödie und Schmerz auf der anderen Seite.

    Ich wurde in diesem schmalen Bändchen mit einer außergewöhnlichen, kreativen, eindringlichen und manchmal abgehackten und bruchstückhaften Erzählweise überrascht, die zwar unaufgeregt und ruhig, aber gleichzeitig eindringlich ist, nachhallt und Denkanstöße gibt.

    Wer viel Handlung, Action oder spritzige Dialoge erwartet, wird enttäuscht sein, denn hier stehen die Einblicke in die Innenwelten der Schlossbewohner sowie wunderbare Landschaftsbeschreibungen im Vordergrund.

    „Windstille“ erinnert ein bisschen an ein Musaik, das sich aus mehreren Einzelstücken zusammensetzt.

    Ein Mosaik, das entsteht, weil abwechselnd unterschiedliche Menschen und ähnliche Situationen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden.

    Mal schwingt die Kamera ein bisschen vorwärts, mal ein bisschen rückwärts.
    Ab und zu gibt es auch Ausblicke in die Zukunft und gegen Ende macht die Autorin noch einen Zeitsprung nach vorne mit Blick zurück.

    Immer wieder stieß ich auf wunderschöne Formulierungen, die ich mehrmals lesen „musste“, wie zum Beispiel „Und als würde ihn diese Überlegung bereits alle Kräfte kosten, fällt er zurück in das Minenfeld seine Gedanken.“ (S. 76)

    Ich empfehle den Roman von Ilia Vasella gerne weiter.
    Ein besonderes und unbedingt lesenswerter Debut!

 

Beautiful Things: Meine wahre Geschichte (Deutsche Ausgabe)

Buchseite und Rezensionen zu 'Beautiful Things: Meine wahre Geschichte (Deutsche Ausgabe)' von Hunter Biden
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Beautiful Things: Meine wahre Geschichte (Deutsche Ausgabe)"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:272
Verlag:
EAN:9783455011883
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Rezensionen zu "Beautiful Things: Meine wahre Geschichte (Deutsche Ausgabe)"

  1. Schönes Leben ?

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jun 2021 

    In seiner Biografie berichtet Hunter Biden von seinem Leben: Als Sohn des Joe Biden, der sein Leben der Politik verschrieben hat und der jetzt gerade Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Als Sohn einer Familie die einen Autounfall erleben musste, wo seine Mutter und seine Schwester starben. Und als Bruder, als sein Herzensmensch Beau an einem Hirntumor starb. Mich hatte das Buch von der ersten Seite an gepackt, dieser Schreibstil ist so emotional getrieben, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ein wenig ziellos zu Beginn geht der Autor später recht chronologisch vor und erzählt aus seinem Leben, welches geprägt war von jahrelanger Alkohol - und Drogensucht. Das hat mich sehr berührt, wie tief ein Mensch fallen kann , wenn die Sucht überhandnimmt. Das ganze Denken und sein nur noch darauf ausgelegt den nächsten Deal zu machen.
    Auch die Familie wird erwähnt, und zwar sehr liebevoll. Hier steht der Verlust geliebter Menschen im Vordergrund. Erst Mutter und Schwester, dann der über alles geliebte Bruder. Hier aus Deutschland habe ich zwar das politische Geschehen in Amerika verfolgt, allerdings nur am Rande. So fand ich die politischen Themen im Buch sehr gut herausgearbeitet und beschrieben , mal die interne Sicht der Dinge zu erleben war schon spannend. Sicherlich haben all diese Lebensumstände dazu geführt, dass der Autor den Halt im Leben verloren hatte und sich in die Sucht geflüchtet hat. Er erzählt sehr emotional über diese Zeit, sodass man als Leser gut mitfühlen kann und ich hatte stellenweise sogar ein wenig Mitleid.
    Einige Passagen erscheinen mir dennoch weichgespült, bzw. zu rechtfertigend. Die Stelle mit dem Beratervertrag der ukrainischen Firma beispielsweise. Und hier setzt auch meine Kritik an diesem Buch an. Der Autor hatte zu Hochzeiten seiner Sucht immer massig finanzielle Mittel um alles zu finanzieren, dies kann ein Süchtiger ohne diesen finanziellen Hintergrund niemals so erleben. Da geht es blitzschnell auf die kriminelle Bahn. Auch bekommt er jedes Mal ohne einen Tag Wartezeit einen Platz in einer renommierten Entzugsklinik . Zwar nachvollziehbar , aber dennoch schade fand ich , dass er den politischen Vorgänger seines Vaters im Präsidentenamt sehr persönlich angreift, dies lässt ihn rachsüchtig und nachtragend erscheinen. Und ein wenig unreif.

    Insgesamt wirkt Hunter Biden in seinem Buch zwar gefestigt in seinem neuen Leben, gerade mit Melissa, die ihn viel unterstützt, dennoch hat der Gesamteindruck des Buches in mir das Bild des" verwöhnten" Typen entstehen lassen, der als Beruf" Beratertätigkeiten" angibt. Zwar erzählt er von Gelegenheitsjobs in seiner Jugend und ein Studium ist auch nur mit Willen und Fleiß zu bestehen, allerdings entsteht dadurch für mich ein Bild, dass ein wenig hinkt. Er spricht sehr offen und emotional von seiner Sucht und möchte Menschen damit Mut machen , die viel weniger finanzielle Mittel und Möglichkeiten haben, das hätte er noch ein wenig besser herausarbeiten können. Oder mehr klarstellen, dass er diese Menschen irgendwie unterstützt. So bleibt für mich der Eindruck des bessergestellten Menschen durchaus im Raume stehen. Glaubwürdig zwar , aber ohne Realitätsbezug. Abgesehen von den Traumata der verstorbenen Liebsten, das steht völlig außer Frage und ist dem Buch auch ganz klar herausgearbeitet ,wie sehr er da auch heute noch drunter leidet.

    Fazit: Ein tolles Buch voller Ängste, Emotionen, Suchtverhalten aber auch ganz, ganz viel Liebe. Eine klare Leseempfehlung.

 

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