Das Haus in der Claremont Street: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Haus in der Claremont Street: Roman' von Wiebke von Carolsfeld
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Haus in der Claremont Street: Roman"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:356
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Das Haus in der Claremont Street: Roman"

  1. Wie eine Tragödie eine Familie vereint

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Sep 2020 

    Sonya die nach einem schweren Schicksalsschlag den traumatisierten neunjährigen Sohn ihrer Schwester bei sich aufnimmt , hat es nicht leicht . Er redet nicht und schweigt beharrlich . Sie weiß sich bald nicht mehr zu helfen ... Durch Tom findet ihre ganze Familie wieder zusammen .

    Die Kapitel wechseln sich zwischen den einzelnen Charakteren ab . Die wiederum passen sehr gut in die Geschichte , sind glaubwürdig und jeder auf seine ganz besondere Art sympathisch . Der Schreib - und Erzählstil ist fast schon poetisch ,ruhig und hat für mich einen etwas traurigen Klang . Die Spannung in diesem Familienroman hält sich im Hintergrund . Es ist eher das nachdenkliche was bei mir im Vordergrund steht . Es gibt immer wieder Rückblicke wie es vor dem Schicksalsschlag war . Davon hätte ich mir allerdings etwas mehr gewünscht . Die Handlung spielt sich hauptsächlich in der Innenstadt von Toronto ab .

    Fazit : Zu Beginn hatte ich etwas Schwierigkeiten in das Buch hineinzukommen . Es ist eher eine Erzählung mit einem traurigen Thema . Umso schöner und positiver wird er dagegen zum Schluss . Es ist ein berührender Familienroman der mich leider nicht richtig fesseln konnte .

 

Das Leben ist ein wilder Garten: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Leben ist ein wilder Garten: Roman' von Roland Buti
3.15
3.2 von 5 (6 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Leben ist ein wilder Garten: Roman"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:176
Verlag:
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Rezensionen zu "Das Leben ist ein wilder Garten: Roman"

  1. wundervolle Poesie - aber was will sie mitteilen?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 29. Aug 2020 

    Das Leben des Gärtner Carlos gerät in Aufruhr: Die Frau hat ihn verlassen, die Tochter studiert auswärts. Agon, sein Hilfsgärtner aus dem Kosovo, eine sensible Seele in einem massigen Körper, wird aus heiterem Himmel zusammengeschlagen. Und dann ist plötzlich Carlos demente Mutter verschwunden. Von seiner Frau verlassen und auch die Tochter ist auswärts, unterstützt ihn nur sein Mitarbeiter Agon bei der Suche. Dabei kommt er in einem Grandhotel am Berg der Vergangenheit seiner Mutter während des Zweiten Weltkriegs auf die Spur.

    Fazit:
    Die Geschichte von Gärtner Carlos wird in ausgesprochen poetischen Worten gelesen - da schlägt mein Literaturherz gleich höher. Sehr schön und flüssig zu lesen.
    Inhaltlich konnte mich die Geschichte nicht ganz überzeugen.
    Es wird sehr viel erzählt - man hat das Gefühl, der rote Faden geht verloren, und das was der Autor eigentlich erzählen möchte, kommt beim Leser nicht an.
    Das Leben des Gärtner Carlos gerät in Aufruhr: Die Frau hat ihn verlassen, die Tochter studiert auswärts. Agon, sein Hilfsgärtner aus dem Kosovo, eine sensible Seele in einem massigen Körper, wird aus heiterem Himmel zusammengeschlagen. Und dann ist plötzlich Carlos demente Mutter verschwunden. Von seiner Frau verlassen und auch die Tochter ist auswärts, unterstützt ihn nur sein Mitarbeiter Agon bei der Suche. Dabei kommt er in einem Grandhotel am Berg der Vergangenheit seiner Mutter während des Zweiten Weltkriegs auf die Spur.

    Fazit:
    Die Geschichte von Gärtner Carlos wird in ausgesprochen poetischen Worten gelesen - da schlägt mein Literaturherz gleich höher. Sehr schön und flüssig zu lesen.
    Inhaltlich konnte mich die Geschichte nicht ganz überzeugen.
    Es wird sehr viel erzählt - man hat das Gefühl, der rote Faden geht verloren, und das was der Autor eigentlich erzählen möchte, kommt beim Leser nicht an.

  1. Ein wenig Aufregung in einem wenig bewegten Leben

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 24. Aug 2020 

    Carlo, ein Landschaftsgärtner in der Schweiz, führt ein wenig bewegtes Leben. Aufregung scheint ihm fremd – bis eines Tages seine Mutter verschwindet und er sich auf die Suche nach ihr macht.
    Ich bin sehr gerne Carlos Gedankengängen gefolgt und fand seine Sichtweise auf seine Umgebung und die Menschen in seiner Nähe oft sehr erfrischend und auch nie langweilig. Die Rückblicke auf die Beziehung zu seiner Frau stimmten meist traurig und auch insgesamt vermitteln seine Gedanken doch eher eine melancholische Stimmung. Obwohl er eigentlich fest im Leben steht, hatte ich manchmal den Eindruck, dass er sich etwas verloren durch die Welt bewegt.
    Die Geschichte um seine Mutter – ihre ihm bisher unbekannte Vergangenheit – fand ich von der Grundidee spannend, aber mir fehlte da doch etwas mehr Substanz. Ich hätte gerne mehr darüber erfahren und fand es etwas schade, dass seine Mutter und ihre Geschichte nicht etwas mehr Platz eingenommen haben. Interessanter war dann eigentlich doch seine – ungläubige – Reaktion darauf.
    Gefühlt mehr Platz hat dann die Geschichte um seinen Mitarbeiter, Agon, eingenommen. Da dieser ein sehr besonderer Charakter und außerdem auch sehr präsent ist, war das auch passend. Als die Sprache auf dessen Vergangenheit kommt, wird diese jedoch auch sehr kurz abgehandelt, was ich wiederum schade fand.
    Möglicherweise ist das „Nicht-tiefer-Gehen“ ja gewollt, aber mir hat doch etwas gefehlt. Insgesamt habe ich das Buch gerne gelesen, aber die Geschichte um Carlo hatte leider für mich nicht das Potenzial, mir länger im Gedächtnis zu bleiben.

  1. Vom Verschwinden des Gärtners

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 16. Aug 2020 

    Der Landschaftsgärtner Carlo Weiss ist Mitte 40, seine Frau Ana hat ihn vor geraumer Zeit verlassen, seine Tochter Mina studiert im Ausland, sein Angestellter Agon landet nach einem tätlichen Angriff im Krankenhaus. Dann bekommt Carlo einen Anruf aus dem Pflegeheim, in dem seine Mutter Pia untergebracht ist. Die demente Frau ist verschwunden. Carlo spürt sie auf im Hotel Grand National, einem Luxushotel bei Montreux, mit dem Pia durch nostalgische Erinnerungen ihrer Jungend verbunden ist.
    „Das Leben ist ein wilder Garten“ des französisch Schweizer Schriftstellers Roland Buti ist ein sehr wehmütiger Roman über die Brüchigkeit irdischer Existenz. Es sind schöne Bilder, die Buti mit seiner Sprache formt.
    Carlo verbringt seinen Alltag mit Arbeit, die ihn zu erfüllen scheint. Er ist einsam, die Lücken, die entstanden sind, als seine Tochter und kurz darauf auch seine Frau Ana aus der Wohnung auszogen, kann er jedoch nicht füllen. Carlo ist lethargisch und farblos. Die Gespräche mit seiner Mutter scheinen ihm peinlich und langweilig zu sein. Bei den wenigen Begegnungen mit Ana lebt die sexuelle Komponente ihrer früheren Beziehung wieder auf, die trotz der körperlichen Nähe immer auf Distanz bleibt.
    Carlos Hilfsgärtner Agon ist Exilkosovare und ist für mich eindeutig der interessantere Charakter. Vor dem Bürgerkrieg war Agon Französischlehrer. Er ist in der französischen Literatur belesen, liebt seinen Schrebergarten. In dem „Schrank von einem Kerl“ steckt ein zuweilen kindliches Gemüt, glaubt an die Legenden seiner Heimat und steckt voller Überraschungen.
    „Gärten sind sozialistisch, die Natur ist kapitalistisch.“
    In der geschützten Welt des Gartens bleibt nichts dem Zufall überlassen, während die Natur der Unordnung und dem Triumph des Stärksten Vorschub leistet.
    „Ein Garten überlebt das Verschwinden des Gärtners nicht.“
    Carlos Mutter Pia zieht sich in die Erinnerungen ihrer Jugend zurück, entrückt in eine Abwesenheit von der Welt, nimmt „Urlaub von sich selbst“.
    Im Grand National offenbart sich für Carlo einen Lebensabschnitt seiner Mutter, von dem er nichts ahnte.
    „Mama hatte eine Existenz vor mir gehabt, und nachher lebte sie ihr Leben ohne mich weiter. Diese beiden Realitäten blieben für mich im Dunklen.“
    Letztlich muss sich Carlo die Frage stellen, wie genau er seine Mutter konnte, ob sie jemals glücklich war.
    Butis „wilder Garten“ ist mehr ein langsamer Fluss, der träge von einem Handlungsstrang zum nächsten mäandert. Zu gewollt sind die Bilder, die sich zur Natur aufdrängen, zu maniriert die geschliffene Sprache. Zu lose fügen sich Gedanken zur Natur, zur Einsamkeit, zur Selbstbestimmtheit aneinander. Zu viele Türen werden geöffnet.
    „Man muss die Tür hinter sich zumachen können.“ sagt Agon. Dieses Buch kann ich ganz getrost zumachen.

  1. Ruhiger, wundervoll erzählter Roman

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Aug 2020 

    MEINE MEINUNG
    In seinem jüngsten Roman „Das Leben ist ein wilder Garten“ erzählt der mehrfach preisgekrönte Schweizer Autor Roland Buti eine berührende, nachdenklich stimmende Geschichte über das Leben in all seinen schillernden Facetten. Es ist ein zarter, einfühlsam erzählter Roman der sich mit Einsamkeit, Entfremdung, Liebe, Trauer, Verlusten und den verpassten Gelegenheiten im Leben beschäftigt, aber auch mit Heimatgefühl und Naturverbundenheit.
    Schon bald hat mich der wundervoll ruhige und einfühlsame Erzählstil des Autors mit seinen bildmächtigen, sehr atmosphärischen Schilderungen gefangen genommen. Buti kommt in seiner beschaulichen, etwas melancholischen Geschichte oft ohne viele Worte aus, so dass vieles der Fantasie des Lesers überlassen bleibt. Dennoch versteht er es hervorragend, uns auch mit überraschenden Wendungen, humorvollen Passagen und feiner Ironie zu unterhalten.
    Nach und nach tauchen wir ein in das auf den ersten Blick recht ruhige Leben des Protagonisten und Ich-Erzählers Carlo Weiss - einem Landschaftsgärtner, der in der Arbeit in seinen Gärten völlig aufgeht und den die Natur auf wundersame Weise zu erden scheint. Nach dem Scheitern seiner Ehe lebt er allein und kämpft gegen seine innere Leere und Einsamkeit an. Seine Freizeit verbringt er meist mit dem angestellten Hilfsgärtner Agon, einem hünenhaften, sanftmütigen, aus dem Kosovo stammenden Flüchtling mit einem Hang für Philosophie und französische Klassiker. Doch als Carlo`s hochbetagte, demente Mutter Pia spurlos aus ihrem Seniorenheim verschwindet und Agon von zwei brutalen Landsleuten krankenhausreif geprügelt wird, gerät Carlo`s kleine, geordnete Welt unversehens ins Wanken – umso mehr als Carlo seine Mutter im luxuriösen Hotel Grand National in den Bergen nahe der Schweizer Grenze aufspürt, die dort in ihrer einstigen Heimat ihre letzten Tage verbringen möchte.
    Fesselnd ist es mitzuerleben, wie Carlo sich nach und nach seiner oft verwirrten Mutter annähert und dabei viele gut gehütete Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit und Jugend während des Zweiten Weltkriegs enthüllt werden, die mit dem Grand National zusammenhängen. Ganz neue Seiten entdeckt Carlo an seiner Mutter und erfährt schließlich verblüffende Details aus ihrem damaligen Leben – von ihren außergewöhnlichen Talenten, ihren Träumen, ihrer großen Liebe, aber auch ihrem schmerzvollen Verlust. Ganz nebenbei erkennt er, wie wenig er über das Leben seiner Mutter weiß. So muss er sich eingestehen, dass er vieles von dem, was um ihn herum geschehen ist, nur oberflächlich wahrgenommen und nicht verstanden hat, ja, dass die Menschen, die ihm am nächsten sind, ihm stets rätselhaft und fremd geblieben sind und er mehr oder weniger blind und unsensibel durch sein Leben geht.
    Buti hat in seinem Roman wundervolle, ausgefallene Charaktere geschaffen, die einen mit ihren Eigenarten faszinieren und die man nur ungern gehen lässt. Er versteht es hervorragend, die Emotionen und Gesten seiner liebenswerten Figuren glaubhaft und treffend zu skizzieren. Vor allem mit seinem Hilfsgärtner Agon, seiner dunklen, beklemmenden Vergangenheit im Kosovo aber auch mit seinen pragmatischen Lebensweisheiten ist Buti eine überaus tiefgründige, authentische Figur gelungen, die mich sehr beeindruckt und für einige Schmunzelmomente gesorgt hat.
    Langsam entfaltet sich die Vielschichtigkeit der Geschichte mit ihren wiederkehrenden Motiven, die zunehmend an Tiefgang gewinnt und zum Nachdenken anregt. Geschickt sind die verschiedenen, eher beiläufig erzählten Handlungsstränge miteinander verwoben, werden zum Ende hin zusammengeführt und doch bleibt einiges vage in der Luft hängen.
    Schade, dass dieser Roman so schnell zu Ende ging, denn ich hätte gerne noch einige Hintergründe erfahren – es fühlte sich fast ein bisschen so an, als hätte sich der Autor unbemerkt durch die Seitentür hinausgeschlichen…

    FAZIT
    Ein ruhiger, wundervoll erzählter Roman mit einer melancholischen, vielschichtigen und nachdenklich stimmenden Geschichte über das Leben und außergewöhnlichen Charakteren!

  1. Schön erzählt

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Aug 2020 

    Das Leben ist ein wilder Garten – was für ein schöner Titel und was für ein einnehmender Klappentext.

    Das nicht sehr umfangreiche Buch ist Carlos Sicht erzählt. Seine Frau Ana hat ihn verlassen, was er auch nach Jahren bedauert und nicht recht versteht, die Tochter studiert in London, ist ihm längst entfremdet. Seine Mutter lebt im Altersheim.
    Er ist Gartenarchitekt und seine Firma läuft wohl gut. Einer seiner Angestellten ist Agon, ein Schrank von Mann mit einem sensiblen Charakter und so wie es scheint, sein einziger Vertrauter.

    Eines Tages verschwindet die schon leicht demente Mutter aus dem Heim und Carlo findet sie im Heimatdorf in den Bergen, in einem Luxushotel. Den Bezug erfährt er ganz allmählich und erkennt, dass seine Mutter ein Leben vor Ehe und Mutterschaft hatte, sogar ein amouröses Verhältnis mit einem Hotelgast.

    So mäandert das Geschichte durch die Seiten. Es passiert nicht viel, aber das auf eine schöne Weise. Buti hat einen sehr rhythmischen Sprachstil, das macht das Lesen wirklich angenehm. Aber trotzdem: mir fehlte was. Gedanken und Szenen werden angerissen und verlieren sich dann. Warum, zum Beispiel, wurde Agon angegriffen? Ein roter Faden, der die Geschichte vielleicht gestützt hätte, fehlt völlig, aber so plätscherte die Geschichte angenehm vor sich hin.

  1. Wie das leben so spielt

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Aug 2020 

    Roland Buti ist sprachlich versiert. Er schafft wunderbare Bilder, kann atmosphärisch Orte und Landschaften so gekonnt beschreiben, dass man sie vor sich sieht, die Charaktere und ihre Gefühlslagen haben Hand und Fuß. „Das Leben ist ein wilder Garten“, heißt Butis neues Buch und dieser Titel scheint mir Programm zu sein, denn so richtig stringent und zusammenhängend stellt sich die erzählte Geschichte nicht dar.

    Im Mittelpunkt steht Ich-Erzähler Carlo Weiss, der als Landschaftsgärtner selbständig ist und interessanterweise exquisite Gärten für betagte, wohlhabende Menschen anlegt. Sein Mitarbeiter Agon stammt aus dem Kosovo, ist ein Hüne von Mann und gleichzeitig eine Seele von Mensch. Er hat sich eine kleine Schrebergarten-Idylle angelegt, die jedoch von den Stadtvätern bedroht wird. Eine Umsiedlung der Kleingartenanlage ist vorgesehen. Als sei das nicht genug, erleidet Agon auch noch einen mysteriösen Überfall.

    Carlo selbst hat eine erwachsene, studierende Tochter. Er leidet darunter, dass nicht nur sie die gemeinsame Wohnung verlassen hat, sondern auch seine Frau, die Krankenschwester Ana, gleich mit. Er fühlt sich einsam und empfindet die Lücken in seiner Küche sehr plastisch:
    „Sie hatte einiges mitgenommen, was ich nicht ersetzt hatte. (…) Die Proportionen der Küche hatten sich unter dem Einfluss eines sonderbaren Phänomens verändert. Sämtliche Geräusche darin kamen mir deutlich lauter vor. Zwischen den Gegenständen war ein ungewohnter Abstand eingezogen, als hätte sich der Ort, an dem wir sechzehn Jahre lang zweimal am Tag zusammen gegessen hatten, mit der Zeit ausgeleiert.“ (S. 11)

    Aufgeschreckt wird Carlo von der Nachricht, dass seine Mutter aus dem Altersheim verschwunden ist. Zum Glück findet er sie schnell, sie ist in einem ehemaligen Luxushotel abgestiegen, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Offensichtlich hatte sie schon als junge Frau engen Kontakt zu diesem Haus, dort trifft sie einen alten Freund wieder und darf fortan im Hotel wohnen.

    Die alte Dame verliert an Kraft und flüchtet sich zusehends in die Vergangenheit. Dabei lernt der Sohn nicht nur seine Mutter von einer neuen Seite kennen, sondern er erfährt auch viel über deren Leben als junge Frau. Der Umgang mit der demenzkranken Mutter fällt ihm nicht leicht, auch weil er den Wahrheitsgehalt ihrer Erzählungen nicht einschätzen kann. Eine Hilfe im Umgang mit der Mutter wird ihm Noch-Ehefrau Ana. Die Beziehung zu ihr ist nicht spannungsfrei und von ihrer Seite aus höchst ambivalent, was dem Protagonisten sehr zu schaffen macht:
    „Meine Sehnsucht schmerzte. Es fühlte sich an wie Heimweh. Die Arme dieser Frau waren mein eigentliches Zuhause, und ich wusste, dass ich mich überall sonst fremd fühlen würde.“ (S.95)

    Buti lässt die einzelnen Handlungsstränge für sich wirken. Alle haben sie einen Bezug zur Natur, zu Gärten und zu Vögeln. Jeden einzelnen gestaltet er bildreich und zuweilen poetisch aus, die Figuren haben klare Konturen und Handlungsorten wird Leben eingehaucht. Das ist große schriftstellerische Kunst.

    Trotzdem hat mir etwas an dem kleinen Roman gefehlt. Ich hätte mir einen stärkeren Zusammenhang unter den verschiedenen Geschichten und mehr Spannung gewünscht. Mir war klar, dass es sich hier um eine ruhig erzählte Familien- und Freundschaftsgeschichte handelt. Ein bisschen mehr Schwung hätte ihr jedoch gut getan. Alles plätschert (von wunderbaren Formulierungen getragen) vor sich hin, ohne große Überraschungen und ohne komplette Auflösung am Ende. Manche Fragen bleiben offen – wie im richtigen Leben auch. Der Titel des Buches ist offensichtlich Programm: Das Leben ist ein wilder Garten – nicht alles lässt sich in eine gerade Bahn und Struktur bringen. Jedes Leben hat seinen eigenen Kreislauf. Der Klappentext wirkt im Gegensatz dazu reißerisch und weckt andere Erwartungen: eine „ungeahnt glamouöse Vergangenheit“ wird man bei Carlos Mutter vergeblich suchen. Auch biedert sich das Cover sehr den derzeit inflationär im Buchhandel ausliegenden historischen Frauenromanen an.

    Ein lesenswertes, ruhiges, fein geschliffenes Buch ohne nennenswerte Spannungskurve. Brillant formuliert mit kurzen philosophischen Ausflügen. Wer so etwas gerne liest, wird das Buch zufrieden zuklappen. Mir hat der Roman mittelgut gefallen, er lässt sich interessant und flüssig lesen. Langeweile kommt ebenso wenig auf wie ein kräftiger Lesesog. An Butis letzten Roman „Das Flirren am Horizont“, für den der Autor mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, kommt dieser neue meines Erachtens nicht heran.

 

Der letzte Satz: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der letzte Satz: Roman' von Robert Seethaler
4.15
4.2 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der letzte Satz: Roman"

Gustav Mahler auf seiner letzten Reise – das ergreifende Porträt des Ausnahmekünstlers. Nach „Das Feld“ und „Ein ganzes Leben“ der neue Roman von Robert Seethaler. An Deck eines Schiffes auf dem Weg von New York nach Europa sitzt Gustav Mahler. Er ist berühmt, der größte Musiker der Welt, doch sein Körper schmerzt, hat immer schon geschmerzt. Während ihn der Schiffsjunge sanft, aber resolut umsorgt, denkt er zurück an die letzten Jahre, die Sommer in den Bergen, den Tod seiner Tochter Maria, die er manchmal noch zu sehen meint. An Anna, die andere Tochter, die gerade unten beim Frühstück sitzt, und an Alma, die Liebe seines Lebens, die ihn verrückt macht und die er längst verloren hat. Es ist seine letzte Reise. "Der letzte Satz" ist das ergreifende Porträt eines Künstlers als müde gewordener Arbeiter, dem die Vergangenheit in Form glasklarer Momente der Schönheit und des Bedauerns entgegentritt.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:91
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Der letzte Satz: Roman"

  1. Ein scheidender Künstler...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Aug 2020 

    Aufgrund der Buchpreisnominierung und da mir "Der Trafikant" schon so gut gefallen hatte, wollte ich mir den neuen Seethaler nicht entgehen lassen. Ich begab mich auf die Spuren von Gustav Mahler.

    In der Geschichte geht es um den berühmten Musiker und Dirigenten Mahler, der schwer krank mehr oder weniger auf seinen Tod wartet. Was für Gedanken gehen da einem durch den Kopf? Wie weit plant man sein Leben noch oder gibt man gänzlich auf?

    Robert Seethaler hat mit diesem Buch mal wieder ein Meisterwerk geschaffen, denn sprachlich ist es einfach eine Wucht. Beim Lesen musste ich immer wieder innehalten und tolle Sätze herausschreiben.

    Man bekommt durch den Roman ein Gefühl für Menschen, die ihrem Lebensende nah sind und zeitgleich einen kleinen Einblick in das Leben des Künstlers. Ausführliche, biografische Informationen sollte der interessierte Leser nicht erwarten, denn das Meiste spiegelt sich in Gedanken und Gefühlen wider.

    Auch wenn das Buch nur 126 Seiten hat, so ist es doch so viel mehr, da Emotionen aus einem herausgelockt werden beim Lesen. Man konnte den Schmerz des Künsterls in jeder Zeile spüren.

    Fazit: Eine tolle Geschichte, die zu Recht für den Buchpreis 2020 nominiert worden ist. Ihr solltet euch dieses Kleinod nicht entgehen lassen. Ich kann nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Spitzenklasse!

  1. Gustav Mahlers letzte Reise

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Aug 2020 

    Gustav Mahler verlässt New York, die Stadt, in der er große Erfolge als Konzertmeister und Dirigent feiern durfte, zum letzten Mal. Er ist chronisch krank, von Schmerzen gepeinigt, fiebrig und schwach. Auf dem Passagierschiff Amerika hat man eigens für ihn einen Teil des Sonnendecks abgetrennt, wo er sich gerne aufhält. Ein Schiffsjunge wurde abkommandiert, um sich um die Bedürfnisse des berühmten Gastes zu kümmern.

    Die Weite des Meeres lässt auch die Gedanken Mahlers durch die Zeit mäandern. Er erinnert sich an Stationen seines Lebens. Gerne war er in den Bergen, oft auf der Suche nach entscheidenden Inspirationen für seine Musik. Während seiner Arbeitsphasen erlebte ihn sein Umfeld oft als gereizt und launisch, alles musste sich der Kunst unterordnen – auch sein Körper. Gustav Mahler war ein Genie, ein Perfektionist, der auch anderen viel abverlangte.

    Einst konnte er die schönste Frau Wiens für sich gewinnen, Alma Werfel. Mit ihr hatte er zwei Töchter. Die ältere von beiden, Maria, starb noch im Kindesalter – ein Schicksalsschlag, den er nie verwunden hat. Die Ehe war anfangs glücklich, nutzte sich jedoch über die Jahre ab, nun ist sich Mahler sicher, dass Alma ein Verhältnis zu einem Baumeister hat.

    Mahlers Gedanken fließen aber auch an seine Wirkungsstätten. Er erinnert sich an seine Arbeit mit Orchestern, die er zu Höchstleistungen trieb und an seinen größten Erfolg, die Uraufführung der Achten Sinfonie der Tausend in Wien. Auch an einen Besuch bei Professor Freud erinnert er sich.

    Diese Erinnerungsfetzen werden unterbrochen von Szenen auf dem Schiffsdeck. Bedingt durch seine Leiden ist die Stimmung melancholisch-gedrückt. Lichtblicke scheinen die Gespräche mit dem Schiffsjungen zu sein, auf den er regelrecht wartet und in dem er ein Stück der eigenen Jugend zu erkennen glaubt. Der Junge passt auf den Musiker auf, versorgt ihn und verwickelt ihn in Gespräche, die manchmal anrühren, manchmal aber auch barsch sind:
    „Was ist das für Musik, die sie machen? Erzählen Sie mir etwas darüber?“
    „Nein. Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“ (S. 65)

    Für Mahler ist die Musik das Höchste im Leben: „Musik hat noch jeden Menschen hinter sich gelassen und braucht im Grunde weder Musiker noch Zuhörer. Musik braucht nichts und niemanden, sie ist einfach da.“ (vgl. S. 72)

    Robert Seethaler hat einen kleinen Roman über einen großes Genie geschrieben. Seine Prosa ist gewohnt eindringlich und verständlich. Man muss den Text langsam lesen, um das Zwischenmenschliche, die Stimmungen, das Ungesagte aufnehmen zu können. Man kann sich wunderbar in die Figur des Gustav Mahler hineindenken, dessen Krankheit so allgegenwärtig ist, dass der Tod während dieser Schiffspassage schon vor der Tür steht. Dem Komponisten ist klar, dass er in Kürze sterben wird. Insofern sind seine Gedanken auch als Resümee über sein Leben zu verstehen. Seethaler arbeitet mit Bildern, Stimmungen und Motiven. Das macht er sehr gekonnt, gerade die letzten Seiten haben es ungemein in sich… Im kurzen Epilog gelingt mit einem Perspektivwechsel noch ein Kunstgriff, den ich sehr gelungen finde und der einen zusätzlichen Nachhall beim Leser erzeugt.

    Der Roman ersetzt definitiv keine Biografie über den Komponisten oder seine Frau. Aber er macht neugierig, sich anschließend mit ihnen oder mit Mahlers Musik zu beschäftigen.

    Die Nominierung zur Longlist des DBP 2020 halte ich für sehr gerechtfertigt und wünsche dem Roman viele Leser.

  1. wunderschön geschriebener trauriger Rückblick

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Aug 2020 

    An Deck eines Schiffes auf dem Weg von New York nach Europa sitzt Gustav Mahler. Er ist berühmt, der größte Musiker der Welt, doch sein Körper schmerzt, hat immer schon geschmerzt. Während ihn der Schiffsjunge sanft, aber resolut umsorgt, denkt er zurück an die letzten Jahre, die Sommer in den Bergen, den Tod seiner Tochter Maria, die er manchmal noch zu sehen meint. An Anna, die andere Tochter, die gerade unten beim Frühstück sitzt, und an Alma, die Liebe seines Lebens, die ihn verrückt macht und die er längst verloren hat. Es ist seine letzte Reise.

    Fazit:
    Die letzte große Reise des Musikers und Dirigenten Gustav Mahler wurd in diesem Buch mit einem wunderschönen Schreibstil sehr detailliert und emotional beschrieben - das Buch lässt den Leser gemeinsam mit dem Musiker auf dessen Leben zurückblicken. In kleinen Abschnitt wird Glück und Unglück herausgehoben - die Emotionen sind beim Lesen richtig zu spüren - und das war für mich auch das richtig besondere an diesem Buch. Als Leser wird man komplett mitgenommen - absolut gelungen.
    Erwarten darf man keinesfalls eine ausführliche Biografie - es sind wirklich nur kleine Lebensabschnitte, die thematisiert werden.

  1. Ein melancholischer Rückblick

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 19. Aug 2020 

    Gustav Mahler blickt während seiner letzten Schiffreise auf sein Leben zurück. So wie sein Blick über das endlose Meer schweift, schweifen seine Gedanken zurück und ermöglichen dem Leser einen Einblick in verschiedenste Episoden seines Lebens. All die Momente, die er mit seiner Frau Alma verbringen durfte, welche er so sehr liebt, das Glück, das er empfindet, wenn er seiner Tochter beim Spielen zusieht. Seine Zeit als Dirigent bei der Wiener Oper, verschiedene Reisen. Es ist ein wenig, als zöge sein Leben schon hier nochmals an ihm vorbei, denn Mahler ahnt, dass er nicht mehr lange zu leben hat.

    Das Buch lässt sich ganz wunderbar lesen, der Schreibstil Seethalers ist wirklich sehr angenehm. Auch das Episodenhafte des Buches, das Hin- und Herspringen zwischen Gegenwart und Vergangenheit mit einem fließenden Übergang gefiel mir gut. Warum ich dennoch nur drei Sterne vergebe: Es war mir tatsächlich zu kurz. Ich habe sehr lange gebraucht, um mich an die doch sehr exzentrische Art Mahlers zu gewöhnen, und ganz warmgeworden bin ich damit auch bis zum Schluss nicht. Vielleicht hätte ich einfach noch 100 Seiten mehr gebraucht, so aber habe ich mich nicht wirklich mit Mahlers Art anfreunden können. Es hat mich schlichtweg nicht so sehr berührt wie ich anfangs gehofft hatte, ich war beim Lesen eher ein neutraler Beobachter, der auf ein zweifellos interessantes Leben zurückschaut, an diesem aber nicht wirklich teilhaben kann.

    Nichtsdestrotrotz hat mir das Buch gefallen, und wer Gustav Mahler besser kennt als ich (für mich war das komplettes Neuland), der wird sicherlich seine Freude an diesem Buch haben!

  1. Annäherung an einen großen Künstler

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Aug 2020 

    Robert Seethaler ist ein sehr erfolgreicher Schriftsteller. Bisher hat er in seinen Büchern das Leben einfacher Menschen beschrieben, äußerst gelungen in „ Ein ganzes Leben“.
    In seinem neuesten Buch ( Roman wäre fast zu viel für diesen schmalen Band) steht ein berühmter Mann im Zentrum, Gustav Mahler, 1860 geboren, Komponist und der größte Dirigent seiner Zeit.
    Es ist im Februar 1911. Gustav Mahler sitzt in Wolldecken gewickelt auf dem Sonnendeck des Ozeandampfers „ Amerika“. Er ist auf der Heimreise von seinem zweiten Aufenthalt in den USA. Anstrengende Wochen voller Arbeit liegen hinter ihm. Mahler ist krank; ihn friert, er fühlt, dass es zu Ende geht.
    Ein Schiffsjunge kümmert sich fürsorglich um ihn, bringt ihm heißen Tee und Botschaften von seiner Frau Alma, die sich mit der sechsjährigen Tochter Anna unter Deck befindet. Ab und zu führen die beide kurze Gespräche über das Meer, das Wetter.
    Mahler sitzt hier und lässt sein Leben Revue passieren. Er erinnert sich an seine großen Erfolge, aber auch an Demütigungen und die dunklen Stunden im Leben.
    Er war schon immer in kränklicher Verfassung, litt zeitlebens an Migräne, Schlaflosigkeit und anderen Gebrechen. Trotzdem arbeitete er wie ein Besessener. Er war gefürchtet bei den Musikern, die er an ihre Grenzen brachte und darüber hinaus, „ ein Höllenhund am Pult“.
    Zehn Jahre lang war Mahler Direktor der Wiener Staatsoper, brach dort mit alten Konventionen und das Publikum war erst irritiert und dann begeistert. Allerdings gab es auch immer wieder antisemitische Diffamierungen. Zwei Amerika- Reisen folgten und Mahler feierte Triumphe an der MET und mit den New Yorker Philharmonikern.
    Aber nicht nur seine Gesundheit litt unter dem riesigen Arbeitspensum, sondern auch seine Ehe mit Alma. Wie glücklich war er , als er mit 42 Jahren die wesentlich jüngere Frau heiratete. Alma, Tochter aus gutem Hause, galt es die „ schönste Frau Wiens“. Doch bald merkt sie, dass die Musik immer die erste Stelle bei ihm einnimmt. Stehen keine Aufführungen an, zieht sich Mahler in seine Komponierhäuschen zurück.
    Dann folgt ein tragischer Schicksalsschlag. Die älteste Tochter Maria stirbt mit fünf Jahren an Diphterie. Das Paar entfremdet sich immer mehr. Und Mahler weiß, dass er seine Frau verloren hat. Durch einen irrtümlich an ihn adressierten Brief erfährt er von der Affäre seiner Frau mit Walter Gropius. Eifersucht und verletzter Stolz spricht aus ihm : „ Dein Baumeister ist ein Idiot. Du bist die Geliebte eines Idioten.“
    Alma bleibt bei ihm, aber Mahler macht sich darüber keine Illusionen. „Wahrscheinlich hatte seine Krankheit sie gehalten.“ „Sie würde bei ihm bleiben bis zum Schluss, das war mehr, als er erwarten durfte. Letztendlich war er derjenige, der ging.“
    Wir erfahren noch von Mahler’s Sitzung bei Rodin, der eine Büste von ihm machen soll; eine eher komische Szene. Und einen kleinen Auftritt hat Siegmund Freud, den Mahler in Leiden besucht und der ihm bei einem Spaziergang den Ratschlag „Arbeit und ein warmer Pullover“ mit auf den Weg gibt.
    Das letzte Schlusskapitel gehört dem fiktiven Schiffsjungen, der später vom Tod des berühmten Künstlers in der Zeitung liest.
    Die Eckdaten aus Mahler’s Leben bringt Seethaler in diesem kleinen Buch unter, auch trifft er gut das Wesen dieses schwierigen Künstlers. Allerdings fällt kaum ein Wort über Mahler’s Musik. Die Erklärung dazu liefert der Autor im Text selbst. Auf die Frage des Schiffsjungen : „ Was ist das für Musik, die Sie machen?“ lässt er Mahler antworten: „ Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“
    Robert Seethaler ist mit diesem Buch eine Annäherung an den großen Musiker Mahler gelungen. Er weckt des Lesers Interesse und macht Lust, Mahler zu hören. Ein Buch voller Melancholie und Atmosphäre, dicht und poetisch , das mich berührt hat und das ich gerne empfehle.

  1. Licht und Schatten eines Musikerlebens

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Aug 2020 

    Die letzte Überfahrt Gustav Mahlers 1910 von New York nach Europa bildet den Rahmen für den nur 126 Seiten starken Roman "Der letzte Satz" von Robert Seethaler. Der bereits vom Tode gezeichnete Dirigent und Komponist, der im Mai 1911 mit nur 50 Jahren in Wien verstarb, weiß um sein nahes Ende. Während seine Frau Alma und die sechsjährige Tochter Anna den Vormittag unter Deck verbringen, sitzt Mahler oben, eingewickelt in Wolldecken und umsorgt von einem kindlichen Schiffsjungen in feiner, viel zu großer Uniform, seinem einzigen Gesprächspartner:

    "Den Kopf gesenkt, den Körper in eine warme Wolldecke gewickelt, saß Gustav Mahler auf dem eigens für ihn abgetrennten Teil des Sonnendecks der Amerika und wartete auf den Schiffsjungen. Das Meer lag grau und träge im Morgenlicht. Nichts war zu sehen außer dem Tang, der in schlierigen Inseln an der Oberfläche schwamm, und einem überaus merkwürdigen Schimmern am Horizont, das aber, wie ihm der Kapitän versichert hatte, absolut nichts bedeutete." (Romanbeginn S. 7)

    Zeit für eine Bilanz
    Eingebettet in diese Rahmenhandlung lässt Robert Seethaler Mahler auf die Licht- und Schattenseiten seines Lebens zurückblicken. Zeitlebens war er kränklich, litt unter dem "Desaster eines sich selbst verzehrenden Körpers" und seiner zarten Gestalt, unter Migräne, Schlaflosigkeit, Schwindelanfällen, Mandelentzündungen, Hämorrhoiden, Magen- und Herzbeschwerden. Trotz dieser körperlichen Einschränkungen und seiner jüdischen Herkunft stieg Mahler zum größten Dirigenten seiner Zeit und gefeierten Komponisten auf. An Deck wandern seine Gedanken zurück in seine Zeit als Direktor der Wiener Hofoper zwischen 1897 und 1907, zu seinem Wirken in New York, Konzertreisen in zahlreiche europäische Städte, Komponier-Sommer in Toblach sowie zur monumentalen Uraufführung der Achten Symphonie 1910 in München vor 4000 Zuhörern.

    Auf dem Höhepunkt seiner Macht als Wiener Operndirektor schien sein Glück vollkommen, als er 1902 mit der 19 Jahre jüngeren Alma eine der schönsten und begehrtesten Frauen Wiens heiratete. Alma stammte aus bestem Haus, war klug und Mahlers große Liebe. Nach dem frühen Tod der älteren Tochter Maria verschlechterte sich jedoch das Verhältnis der Ehepartner zu seinem großem Kummer zusehends und Alma verließ ihn nur wegen seines sich abzeichnenden Todes nicht für den „Baumeister“, den im Roman nicht namentlich genannten Walter Gropius:

    „Alles, woran ich einmal geglaubt habe, existiert nicht mehr. Vielleicht war es auch nie da. […] Ich wollte dich, du warst Gustav Mahler, das Genie, und ich habe mich in dich verliebt. In deine Hände. In deinen Mund. In deine idiotisch hohe Stirn. Es war ein Traum, und wir haben ihn eine Zeitlang gemeinsam geträumt. Aber jetzt bin ich aufgewacht.“ (S. 88/89)

    Mensch Mahler
    Mir hat dieses kleine Büchlein mit den meisterhaften Übergängen zwischen Gegenwart und Erinnerungen und Robert Seethalers beneidenswerter Kunst der knappen Worte gut gefallen, auch wenn es nicht an seinen überragenden Roman "Ein ganzes Leben" oder an "Der Trafikant" heranreicht. Viel Erfahren habe ich über den Menschen Gustav Mahler, sein Leben, seine Melancholie, seine Träume - so wie Seethaler sie sich vorstellt -, wenig dagegen über seine Musik, was Mahler dem Schiffsjungen aber plausibel erklärt:

    „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“ (S. 65)

  1. Intensiv, dicht, poetisch

    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Aug 2020 

    „Dort draußen läuft ein Glück im Gras herum, und hier drinnen sitzt ein anderes mit mir am Tisch. Ich habe alles, was ich mir wünsche. Ich bin ein glücklicher Mann.“ (Zitat Seite 19)

    Inhalt
    Ein halbes Jahr nach seinem großartigen Erfolg in München reist Gustav Mahler an Bord der ‚Amerika‘ mit Alma und Anna wieder nach New York. Erst fünfzig Jahre alt, ist er nach wie vor voll musikalischer Schaffenskraft, ein unruhiger Geist, doch sein Körper ist von seiner schweren Krankheit gezeichnet und müde. Mit Blick auf das Meer denkt er über die vergangenen letzten Jahre nach.

    Thema und Genre
    Der Autor beschreibt einige Stunden im Leben des Komponisten Gustav Mahler, doch durch dessen Erinnerungen wird dieser Roman auch eine sehr persönliche Biografie des Künstlers.

    Charaktere
    Gustav Mahler wird als eigenwilliger, aber überzeugter Künstler geschildert, als Komponist ebenso innovativ, fordernd und auf der Suche nach der perfekten musikalischen Ausdruckskraft, wie als Dirigent. Gleichzeitig erfahren wir viel über den Menschen Gustav Mahler, seine Liebe zu seiner Frau Alma und zu seinen Töchtern, seine Begeisterung für die Natur und seinen Blick für das Glück der kleinen Dinge. Doch er erkennt auch, wie selbstverständlich es für ihn war, dass sich auch seine Familie seinem musikalischen Genie unterordnet.

    Handlung und Schreibstil
    Es sind nur wenige Stunden am Beginn eines neuen Morgens, in denen Gustav Mahler allein auf seinem persönlichen Lieblingsplatz auf dem Sonnendeck des Schiffes sitzt. Betreut von einem Schiffsjungen, hängt er seinen Gedanken nach und reist in der Erinnerung zurück zu den wichtigen Ereignissen der letzten Jahre.

    Fazit
    In seiner leisen, eindrücklichen Sprache erzählt der Autor auf nur 126 Seiten eine in ihrer Tiefe und Dichte beeindruckende Geschichte eines intensiv gelebten Künstlerlebens. „Ich hätte noch so viel mehr komponieren können. Es fühlt sich an, als hätte ich gerade erst angefangen, dabei ist es schon wieder zu Ende.“ (Zitat Seite 30)

  1. Schöne Worte des Bedauerns

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Aug 2020 

    Ein kranker Mann am Deck der America bei der Überfahrt von New York über den Atlantik. Es ist Gustav Mahler, der Komponist, der Dirigent, der Herr Direktor. Auf seiner letzten Reise, gezeichnet von Krankheit und Schwäche, betreut von einem Schiffsjungen, zieht er Bilanz über sein Leben, sein Schaffen, seine Ehe mit Alma.
    Mahlers letzte Reise ist Robert Seethalers „Der letzte Satz“. Es ist ein sehr melancholisches Kurzporträt eines begabten Künstlers, eines gebrochenen, müden Mannes.
    Gefangen in einem seit Kindheit kränkelnden Körper, getrieben von seinem musikalischen Ausnahmegenie erinnert sich Mahler an sein Wirken als Direktor der Wiener Hofoper. Wie jung er damals war, als alle dabei sein wollten, man „diesen kleinen, zappeligen Juden sehen (wollte), der es aus unerfindlichen Gründen geschafft hat, das beste und störrischste Orchester der Welt zu disziplinieren.“
    Doch das musikalische Werk Mahlers steht nicht im Vordergrund dieses schmalen Büchleins. Seethaler reduziert Mahler auf ein Minimum, auf Schmerzen, Schwäche, Schlaflosigkeit.
    „Nein. Man kann über Musik nicht reden. Es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“
    So sinniert Mahler über die Endlichkeit des Lebens und die Unendlichkeit des Meeres. Dieses Motiv der Weite, Kälte, Vielfalt und Tiefe des Meeres kommt immer wieder. Doch die schönen Worte des Bedauerns, die Seethaler dafür findet, erreichen diese Tiefe nicht.
    Immer wieder führen Mahlers innere Monologe zu vergangenen Ereignissen, versäumten Gelegenheiten. Der Verlust eines Kindes hat ihn schwer getroffen. Seine Ehe zu Alma besteht nur mehr aus Loyalität.
    Erstaunlicherweise erscheint Alma - die nicht nur Mahlers Frau war sondern später auch Muse, Geliebte, Ehefrau anderer namhafter Künstler der Wiener Secession und Bauhauszeit, wie dem „Baumeister“ Hans Gropius, Oskar Kokoschka, Franz Werfel…, war – sehr brav und bieder bis zu dem Moment, als Mahler sich Almas Affäre mit Gropius gemahnt.
    Nur flüchtig streift Seethaler am Antisemitismus an, mit dem Mahler konfrontiert war. Bedeutsame Begegnungen mit Auguste Rodin oder Sigmund Freud, sind nur kleine Gedankensplitter. Was von Mahler übrig bleibt, ist ein kleiner, rührseliger, einsamer Mann. Zu mehr hat die Kürze dieses Buches wohl nicht gereicht.

 

Lovely Mistake (Bedford-Reihe 2)

Buchseite und Rezensionen zu 'Lovely Mistake (Bedford-Reihe 2)' von Sarah Stankewitz
2.5
2.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Lovely Mistake (Bedford-Reihe 2)"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:321
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Lovely Mistake (Bedford-Reihe 2)"

  1. Hat mich Enttäuscht

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 07. Aug 2020 

    Nach einem Rohrbruch in ihrer eigenen Wohnung zieht Molly anstatt bei ihrer besten Freundin Brooke und deren Freund Chase, bei Chase bestem Kumpel Troy ein. Durch ein Versprechen, dass sie sich selbst und auch ihrer Mutter gegeben hat, möchte sie nicht mehr von Männern angefasst werden. Doch diese Regel bei Troy durchzusetzen ist alles andere als einfach für Molly.

    Ich mag das Cover des Buches sehr. Es sieht dem, des ersten Bandes recht ähnlich, was ich immer sehr gerne hab, wenn man die Zugehörigkeit zum Vorgänger sieht. Man muss jedoch den ersten Band nicht zwingend gelesen haben, jedoch ist es ganz schön zu wissen, wie es zur Beziehung zwischen Brooke und Chase gekommen ist.
    Der Schreibstil war schön locker flockig und ich konnte nur so durch die Seiten fliegen. Ich mochte es auch sehr, dass nicht nur aus Sicht von Molly sondern auch aus Troys, die Geschichte erzählt wird. Das gab dem ganzen noch eine schöne Tiefe, da man die Gefühle beider Hauptcharaktere erfahren hat.

    Ich muss sagen, Molly hat mich sehr genervt. Irgendwie hat sie sich so gar nicht wie eine Frau ihres Alters benommen sondern eher wie ein Teenager. Die Sache mit dem ja nicht von Männern angefasst werden war
    mehr als nur kindisch.

    (ACHTUNG SPOILER!) Was mich am meisten gestört hat: Sie holt sich einen Hund aus dem Tierheim, danach geht sie erstmal auf ein Date um sich dann mit ihm im Bett rumzuwälzen und dann zu faul zu sein mit dem Hund raus zu gehen, sondern das Troy machen zu lassen. (SPOILER ENDE)

    Troy habe ich auch nicht so richtig verstanden. Molly hat ihn schon einmal abserviert und sich einfach nicht mehr bei ihm gemeldet. Dann kommen sie sich näher und sie sägt ihn wieder ab. An dieser Stelle hätte ich sie einfach ihrer Wege gehen lassen. Das hat mich auch ganz schön genervt.

    Alles in allem war die Geschichte eher so naja. Der ganze Aufbau hat mir irgendwie gar nicht gefallen. Ich verstehe die Idee dahinter, aber die Umsetzung hat mich so gar nicht zu Frieden gestellt. Da fand ich den ersten Band besser. Schade eigentlich.

  1. Unterhaltsamer 2. Teil mit Schwächen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Aug 2020 

    „Lovely Mistake“ von Sarah Stankewitz ist der 2. Band der Bedford-Reihe. Im Zentrum steht Molly, die noch unter schlechten Erfahrungen mit ihrem Exfreund leidet und zeitgleich ihre schwerkranke Mutter unterstützt. Um sich nicht ablenken zu lassen und ihr Herz zu schützen setzt sie sich Regeln: Nicht verlieben, keine Dates und bloß nicht anfassen. Als sie ein Wasserschaden aus der Wohnung vertreibt, zieht sie notgedrungen beim attraktiven Handwerker Troy ein. Regeln sind ja bekanntermaßen zum Brechen da, oder?

    Erstmal möchte ich anmerken, dass ich die Cover der Bedford-Reihe liebe. Ich finde sie einfach wunderschön in ihrer Einfachheit und Eleganz. Inhaltlich konnte mich dieser Band nicht 100%-ig überzeugen. Die Charaktere Molly und Troy fand ich beide sehr sympathisch. Troy fand ich sehr authentisch und liebenswert, wenn er auch mehr Ecken und Kanten hätte haben können. Mollys Verhalten konnte ich trotz ihrer Situation und Vergangenheit nicht immer nachvollziehen. Auch das Ende war mir einfach zu glatt, etwas zu klischeehaft und kitschig. Ein bisschen zu viel des Guten und des Dramas. Zudem waren mir einige Handlungsstränge im Buch einfach zu vorhersehbar,
    Gut gelungen waren die Szenen, wo beide sich näherkamen. Da hat die Autorin das Knistern wirklich sehr gut rübergebracht. Generell mag ich den Schreibstil von Sarah Stankewitz sehr gerne, da er sehr direkt und nicht ausschweifend ist.

    Alles in allem habe ich mich gut unterhalten gefühlt, fand den ersten Teil aber stärker.

 

Apeirogon

Buchseite und Rezensionen zu 'Apeirogon' von Colum McCann
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Apeirogon"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:588
Verlag:
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Kein Ort ist fern genug: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Kein Ort ist fern genug: Roman' von Santiago Amigorena
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Kein Ort ist fern genug: Roman"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:155
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Kein Ort ist fern genug: Roman"

  1. Ergreifend und intensiv

    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Jul 2020 

    „Mit am schlimmsten am Antisemitismus ist die Tatsache, dass die Juden sich zwangsläufig als Juden zu fühlen haben, dass man sie auf eine Identität jenseits ihres Willens festlegt und kurzerhand für sie beschließt, wer sie wirklich sind.“ (Zitat Pos. 572)

    Inhalt
    1928 verlässt der junge Pole Vicente Rosenberg Europa und wandert nach Argentinien aus. Fünf Jahre später begegnet er Rosita Szapire, die er heiratet. 1940 haben die beiden drei Kinder und Vicente hat gerade sein Möbelhaus eröffnet. Als er im Oktober 1941 einen Brief von seiner Mutter erhält, in dem sie ihm das Leben im Warschauer Ghetto schildert, fühlt er sich schuldig, weil er sie und seinen Bruder nicht schon längst zu sich nach Argentinien geholt hat. Um die Stimme des eigenen Gewissens nicht mehr hören zu müssen, spricht auch er nicht mehr, er zieht sich völlig in sein Schweigen zurück.

    Thema und Genre
    Das Hauptthema dieses biografischen Romans ist eine andere Perspektive des Völkermordes an den Juden im WKII, es geht um die Schuldgefühle jener, die überlebt haben, ihre Fassungslosigkeit, Scham und Ohnmacht, nichts tun zu können. Weitere Themen sind die Frage nach den eigenen Wurzeln und Identität, und die Familie.

    Charaktere
    Vicente Rosenberg war der Großvater des Autors, der sich als Pole, später als Argentinier, aber nie als Jude fühlte. Die Ungewissheit über das Schicksal seiner Mutter und seines Bruders stürzen ihn in tiefe Schuldgefühle, gefolgt von Depressionen und Spielsucht. Er hüllt sich buchstäblich in ein umfassendes Schweigen.

    Handlung und Schreibstil
    Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Jahre 1940 bis 1945, ergänzt durch Rückblenden und sachliche Berichte über geschichtliche Tatsachen. Die bewegende Geschichte beginnt voll Hoffnung, Vicente ist dabei, sich ein erfolgreiches Leben aufzubauen, ist ein romantischer Ehemann und liebevoller Vater. Dies alles ändert sich schlagartig, als die ersten kurzen Meldungen über die Situation der Juden in Europa nach Argentinien gelangen. Nun stehen Vicente und seine Befindlichkeiten und Schuldgefühle im Mittelpunkt der weiteren Geschichte und die bisherige Intensität der Handlung und die eindrückliche Sprache verlieren etwas von der ursprünglichen Aussagekraft.

    Fazit
    Eine ergreifende Geschichte, beklemmend in ihrer Hoffnungslosigkeit. Irgendwann jedoch mündest sie in eine ständige Wiederholung der Metaphern und Schilderungen der Befindlichkeit des Hauptprotagonisten, als ob auch dem Autor weitere Worte fehlten. Ich vermute, dass dies Absicht ist, mich konnte es jedoch nicht vollkommen überzeugen.

 

Ein Sonntag mit Elena: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein Sonntag mit Elena: Roman' von Fabio Geda
3.85
3.9 von 5 (6 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ein Sonntag mit Elena: Roman"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:240
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Ein Sonntag mit Elena: Roman"

  1. Wenn eine Begegnung dein Leben verändert...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 13. Sep 2020 

    Aufgrund der hübschen Aufmachung bin ich über das Buch gestolpert und gespannt begann ich mit der Lektüre.

    In der Geschichte geht es um Giulias Vater, der von seinen Kindern am Mittagstisch versetzt wird, weshalb er einen Spaziergang macht und dort Elena begegnet. Ist der Tag gerettet? Und was für einen Einfluss haben die beiden auf ihr weiteres Leben?

    Das Besondere an dem Roman ist, dass nicht die Hauptfigur als Erzähler fungiert, sondern eine seiner Töchter. Zu Beginn weiß man noch gar nicht genau wer dort berichtet, bis dann klar ist, dass es sich um Giulia handelt.

    Richtig gut gefallen hat mir der Schreibstil, denn es gibt so viele sprachliche Bilder und schöne Formulierungen, dass es einem leicht fällt sich alles vorzustellen.

    Die Begegnung zwischen dem älteren Herren und Elena weiß zu berühren, denn sie geben einander Halt, wo sie es gerade am meisten brauchen, weil sie sich zum Zeitpunkt der Begegnung sehr einsam fühlen.

    Die große Schwäche des Romans ist jedoch die Erzählweise, denn während der eigentlichen Handlung wird dauernd abgeschweift, was das Lesen sehr anstrengend macht und den Lesefluss bei mir gestört hat. Viele Einschübe bringen die Haupthandlung nicht wirklich voran, sondern verwirren eher. Fast hatte man das Gefühl, dass hier Seitenfüller eingesetzt werden, obwohl die Geschichte das gar nicht nötig hat.

    Fazit: Süße Begebenheit mit einigen Schwächen. Kann man lesen, wenn einem der Schreibstil wichtiger ist als die Handlung. Ich kann nur bedingt eine Leseempfehlung aussprechen.

  1. Familiendynamik

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Aug 2020 

    Eine Dramaturgin als Ich-Erzählerin eines Romans ist eine ausgezeichnete Wahl. Giulia ist die junge Frau vom Theater, die in "Der Sonntag mit Elena" berichtet, was ihr Vater an jenem titelgebenden Tag erlebte. Sie war zwar nicht dabei, hatte zu dieser Zeit nicht einmal Kontakt zu ihm, doch haben er und Elena Jahre später ausführlich von ihrer zufälligen Begegnung berichtet. Giulia brachte die Geschehnisse zu Papier, reicherte sie mit eigenen Kindheitserinnerungen, der Familiengeschichte und Betrachtung über die Ehe der Eltern an, ergänzte sie um passende Erlebnisse aus ihrem Alltag, schmückte aus oder unterschlug, was sie nicht preisgeben wollte.

    Ein Tag…
    An jenem lange zurückliegenden Sonntag hatte der Vater in Erwartung des Besuchs seiner ältesten Tochter Sonia und deren Familie erstmals selbst gekocht. 67 Jahre war er alt, seit acht Monaten Witwer und einsam. Der Kontakt zu Giulia war abgebrochen, der Sohn Alessandro arbeitete in Helsinki und auch Sonia war aus Turin hinaus aufs Land gezogen. Nach einem Arbeitsleben als Brückenbauer auf Baustellen weltweit hatte der Vater sich seinen Ruhestand anders vorgestellt:

    "Das Leben hatte ihn mit interessanten Menschen zusammengebracht, mit denen er ebenso angenehme wie oberflächliche Beziehungen geführt hatte, kurzlebige Freundschafen, die die Zeit mit der Unerbittlichkeit eines Jahreszeitenwechsels gekappt hatte. Er verzehrte sich geradezu danach, sich in einer verwandten Seele zu spiegeln, aber da war niemand…" (S. 57)

    Als Sonia überraschend absagen musste, stand dem Vater ein weiterer einsamer Sonntag bevor, mit Bergen von gekochtem Essen, aber ohne Appetit. Bis er am Skatepark zufällig die dreißig Jahre jüngere Witwe Elena mit ihrem 13-jährigen Sohn Gaston traf, beide genauso einsam wie er – und hungrig dazu. Mit Gaston hatte der Vater endlich wieder einen interessierten Zuhörer an seinen Ingenieursabenteuern, mit Elena konnte er über seine unerfüllten Träume fürs Alter reden und Anteil an ihren Problemen nehmen. Der unverhoffte Einklang heiterte alle auf:

    "Elena prostete ihm zu. „Danke“, sagte sie. „Heute Morgen beim Aufwachen hatte ich den Kopf voller Schatten. Alle haben Sie nicht verjagt, aber ein paar schon. Danke dafür, wirklich.“" (S. 120)

    … und noch viel mehr
    Wer nun eine mehr oder weniger kitschige Liebesgeschichte erwartet, liegt zum Glück daneben. Nur für kurze Zeit bleibt das ungleiche Trio in Kontakt, doch es reicht für neue Impulse. Als sich Elena und der Vater Jahre später noch einmal begegnen, sind die Karten neu gemischt, nicht zuletzt aufgrund jenes Sonntags.

    Mir hat die Erzählweise Giulias sehr gut gefallen, besonders ihre Überlegungen zu sich verändernden Eltern-Kind-Verhältnissen und die Hommage an die Mutter. Diese ertrug die Abwesenheit des Vaters scheinbar stoisch, stellte eigene Ambitionen zurück und fragte mehr, als sie von sich preisgab. Ganz anders der Vater, Held von Guilias Kindheit, der lieber erzählte, und zu dem sie erst über Umwege wieder einen Zugang fand.

    Lesenswert und hübsch gemacht
    Der Turiner Autor Fabio Geda nennt mit Kent Haruf und Elizabeth Strout zwei Vorbilder, die ich ebenfalls sehr schätze. Ein Sonntag mit Elena ist ein kleiner, stiller und lesenswerter Roman in deren Tradition. Das Cover passt vorzüglich zum Inhalt des handlichen Büchleins ohne Schutzumschlag, den ich mit einem Lächeln beendet habe.

  1. Stiller, berührender Roman

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Aug 2020 

    MEINE MEINUNG
    Mit seinem neuen Buch „Ein Sonntag mit Elena“ ist dem italienischen Autor Fabio Geda ein eher stiller, atmosphärisch dichter Roman gelungen, der nachdenklich stimmt und noch länger in Erinnerung bleibt. Geda erzählt auf gerade einmal etwas mehr als 200 Seiten eine berührende und tiefgründige Geschichte von schlichter Schönheit und faszinierender Leichtigkeit. Es handelt sich hierbei eigentlich um eine kleine Episode, wie das Leben sie schreibt mit Momenten voller Herzenswärme, Zuversicht aber auch gewissen Unergründlichkeiten.
    Schon nach wenigen Seiten hatte mich die Geschichte rund um diesen vereinsamten, sympathischen alten Herrn mit der zart-poetischen Sprache, dem ruhigen Erzählstil und seiner besonderen Atmosphäre gefangen genommen. Die vom Autor gewählte Erzählperspektive sorgt anfangs etwas für Verwirrung, denn die Geschehnisse rund um besagten Sonntag werden nicht vom Protagonisten selber, sondern aus Sicht seiner jüngeren Tochter Giulia im Rückblick geschildert, die dabei gar nicht anwesend war. Erst sehr viel später klärt sich auf, wie dies zustande kommen konnte. Durch diese geschickt gewählte Erzählperspektive erfahren wir in eingestreuten Passagen zugleich aber auch eine Menge Wissenswertes aus Giulias Leben als Künstlerin und ihr nicht unproblematisches Verhältnis zu ihrem Vater, Erinnerungen an ihr gemeinsames Familienleben und interessante Informationen zu ihren Eltern und deren Ehe sowie zu ihren Geschwistern. So erhalten wir allmählich Einblicke in eine nicht ganz so intakte und harmonische Familie, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, und können uns unseren eigenen Reim auf die angedeuteten, aber unausgesprochenen Probleme aber auch die tiefen inneren Verletzungen in dieser Familie machen.
    Anders als der Klappentext nahelegt rankt sich die Geschichte jedoch nicht nur um den titelgebenden Sonntag mit Elena, sondern lässt uns teilhaben an dem recht einsamen Lebensalltag des erst vor kurzem verwitweten Protagonisten, der sich in seinem kleinen Mikrokosmos gut eingerichtet hat und eine gewisse Entfremdung zu seinen Kindern nicht wirklich realisieren möchte. Mit viel psychologischem Feingefühl ist es dem Autor gelungen, seine Hauptfigur mit seinen Stärken und Schwächen authentisch und glaubhaft zu zeichnen. Nach und nach erfahren wir auch Details aus seinem Berufsleben als Ingenieur im Brückenbau. Eine Tätigkeit, die ihn mit großem Stolz erfüllt, die ihn aber oft für lange Zeit ins Ausland führte und ihm wenig Zeit für das Familienleben mit seinen drei Kindern ließ.
    Berührend ist es mitzuerleben, wie durch die zufällige Begegnung mit der jungen ebenfalls verwitweten Mutter und ihrem aufgeweckten Sohn Gaston und die spontane Essenseinladung, die ihre Einsamkeit und Traurigkeit für kurze Zeit vergessen ließ, unbewusst etwas in Gang gesetzt wurde. Erst viele Jahre später wird den Beteiligten die schicksalhafte Bedeutung jenes Sonntags offenbar und es zeigt sich rückblickend, dass jene zufällige Begebenheit ihren weiteren Lebensweg beeinflusst hat.
    Geda hat für seine feinfühlig erzählte Geschichte passender Weise ein trauriges, etwas offenes Ende gewählt, lässt seinen Roman aber schließlich doch versöhnlich ausklingen.

    FAZIT
    Ein eher stiller, feinfühlig erzählter Roman mit einer berührenden und tiefgründigen Geschichte, die zum Nachdenken anregt! Sehr lesenswert!

  1. Das Schweigen der Väter

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Aug 2020 

    Kurzmeinung: Schön - aber ein bisschen oberflächlich dahingestrichelt.

    In wechselnden Erzählperspektiven, ineinander übergreifend, nicht geordnet pro Kapitel, aber so geschickt gemacht, dass man dreimal hinschauen muss, schon wieder ein Perspektivwechsel?, erzählt der Autor vom Vater, einem liebevoll verpeilten Architekten in Rente, der sich leer fühlt, wenn keins seiner erwachsenen Kinder um ihn herum ist. Oder seine Enkel.

    Die an und für sich belanglose Geschichte wird ausgesprochen zärtlich erzählt. Ganz sicher möchte der Autor Empathie für das Papachen wecken. Es wird keine Kritik an ihm geübt. Aber Papachen ist ganz selber schuld an seiner relativen Einsamkeit.

    Warum ist die Story an und für sich belanglos? Weil es so alltäglich ist, dass Väter und Kinder sich auseinanderleben, wenn der Klebstoff Mutter nicht mehr zur Verfügung steht. Alt. Alt. Alt. Zumal der Autor keine tiefgreifenden Folgen schildert. Oder ist gerade das Folgenlose auch wieder gut? Dass der Autor kein Drama daraus macht? Nun, ein wenig Eigenreflexion von Papachen hätte ich mir schon gewünscht. Und ein wenig Reue. Dann wäre ich ein wenig höher gegangen mit meiner Punktzahl.

    Der Autor lässt seine Figuren, den Vater, die Töchter, Sonia und Giulia und Ale(ssandro) vom Höxken aufs Stöxken kommen. Bei jeder neuen Ausschweifung in weitere belanglose Episoden ihrer jeweiligen Lebensentwürfe, will ich eigentlich aufhören zu lesen, doch die kurzen Kapitel halten mich dann doch bei der Stange. Und die bezaubernde Schreibweise. Ja, man kann nicht anders, als von dieser Schreibweise ein wenig bestrickt zu sein und sich einlullen lassen. Das Buch ist ja nicht lang, es lohnt sich kaum, vorzeitig aufzuhören.

    Der Autor führt vor Augen, was passiert, wenn Väter sich auf ihre Karriere konzentrieren und zu Hause nicht verfügbar sind. Schleichende Entfremdung setzt ein. Erst mit den Enkeln korrigiert sich die Väterhaltung. Aber das rettet auch nichts mehr. Die Sprachlosigkeit bleibt.

    Die Kritik an dem Roman ist rein inhaltlicher Natur, denn am Stil des Autors und seiner Art zu erzählen ist nichts auszusetzen, abgesehen davon, dass die ganze Geschichte so belanglos wie alltäglich ist. Nun gut, aber will man sich nicht im Alltäglichen, literarisch beschrieben, wiederfinden?

    Konkrete Kritikpunkte:

    Erstens: Die ganze Familie macht einen mächtigen Bohai daraus als die jüngste Enkelin, Rachele, vom Baum fällt und sich den Arm bricht. Als ob die Welt unterginge gebärden sie sich und langweilen mich damit gründlich.

    Zweitens: obwohl der Vater als Architekt Erfolge einheimste und in der ganzen Welt herumkam, tut er sich unheimlich schwer mit sozialen Kontakten. Das ist einfach nicht glaubhaft. Vor allem nicht in Italien, wo jeder mit jedem redet und bei Bedarf den Gemüsehändler zuquatscht. Ich will nicht wissen, was sich Postboten anhören müssen!

    Drittens: Obwohl Papa nie im Leben einen Kochlöffel in die Hand nahm, kocht er ein kompliziertes Gericht aus dem Kochbuch seiner Frau und es klappt auf Anhieb. Nonsens.

    Und Viertens muss man sich das Thema „Das Schweigen der Väter“ zusammenreimen, denn das Treffen mit Elena am Sonntag und seine Folgen ist dann doch zu geringfügig für den Roman. In der Musik wäre es ein nettes, kleines Nebenmotiv. Ein Anlass, ein Aufhänger, aber kein Grund für einen Roman.

    Fazit: Sehr, sehr nett geschrieben, ein ruhiger Roman, den ich durchaus hätte noch mehr mögen können, wenn er sich nur mehr auf (s)ein Thema konzentriert hätte.

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur: 3 Punkte
    Unterhaltung: 4 Punkte

    Ergo: 3.5

    Verlag: hanserblau, 2020

  1. Erinnern, Verstehen und Verzeihen – eine empathische Familienges

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Aug 2020 

    Die Ich-Erzählerin ist Giulia, eine der beiden erwachsenen Töchter des Protagonisten, der seit acht Monaten verwitwet ist und sich mit der neuen Lebenssituation nur schwer zurecht findet. Seine drei Kinder haben sich andere Wohn- und Arbeitsorte gewählt, was er nicht recht verstehen kann – und das, obwohl er früher selbst weltweit als Ingenieur im Brückenbau tätig und nur selten zu Hause in Turin war. Jetzt ist er häuslich und sehnt sich nach der Familie.

    Am titelgebenden Sonntag hat er beschlossen, seine älteste Tochter Sonia mit Mann und Kindern zum Essen einzuladen. Zum ersten Mal schlägt er das Kochbuch seiner verstorbenen Frau auf und bereitet ein mehrgängiges Menü zu. Er möchte wieder Leben im Hause haben:
    „Ihm lag viel daran, dass sich die Wände der Wohnung am Lungo Po Antonelli von Zeit zu Zeit mit Stimmen vollsogen: Ihr Nachklang würde sacht daraus hervorsickern und ihn ein paar Tage lang wie ein Grundrauschen begleiten.“ (S. 35)

    Doch leider muss die Familie absagen, weil eines der Kinder unglücklich vom Baum gefallen ist und ins Krankenhaus muss. Der Großvater ist nervös, kann aber nicht helfen, so dass er einen Spaziergang am Fluss unternimmt. Dort lernt er Elena und ihren Sohn Gaston kennen, einen leidenschaftlichen Skateboardfahrer. Die beiden Erwachsenen kommen ins Gespräch, schließlich lädt der alte Mann beide zu sich nach Hause zum Essen ein. Dieses Zusammentreffen entwickelt eine angenehme Aura. Man fühlt sich wohl, hört einander zu und bringt den anderen weiter. Gaston ist beglückt angesichts der leckeren Mahlzeit und dem kreativen Hobby des alten Mannes.

    Die Begegnung mit Elena macht aber nur einen Teil des Buches aus. In vielen weiteren zeitversetzten Episoden und Retrospektiven erinnert sich Giulia an ihre Familie. Die Mutter war eine fröhliche Frau, die ihre eigenen Ambitionen zurückstellte, um sich ganz Mann und Kindern zu widmen. Sie war der Mittelpunkt der Familie, während ihr Mann meist woanders war. Giulia meint damit nicht nur die körperliche sondern noch eine andere Art von Abwesenheit:
    „Manchmal wirkte er, als wäre sein Interesse für uns – wie soll ich es ausdrücken? – rein vertraglich: als hätte jemand ihm die Gebrauchsanweisung vorgelesen und er versuchte sie zu befolgen.“ (S. 111)

    Giulia spürt eine schwer definierbare Distanz zu ihrem Vater, der sie auf den Grund kommen will. Lange schon haben beide nicht mehr miteinander gesprochen, ohne dass es dafür eine konkrete Ursache geben würde. Die Tochter fühlt sich vom Vater nicht anerkannt. Als Kind hatten die beiden ein liebevolles Verhältnis, später jedoch wurde ihre Freude am Theater missbilligt. Mittlerweile hat Giulia das Theater als Regisseurin zu ihrem Beruf gemacht.

    Die Erzählerin spürt nicht nur dem Vater, sondern auch den anderen Familienmitgliedern nach und versucht sie zu begreifen. Welche Art Beziehung hatten ihre Eltern miteinander? Wie kamen sie mit der dauerhaften Abwesenheit des Vaters zurecht? Welche Rolle nahmen die einzelnen Kinder ein? Wie sieht Giulias eigene Stellung innerhalb der Familie aus? Anhand der berichteten Episoden ergibt sich für den Leser ein vielschichtiges und interessantes Bild, das bis in die Gegenwart fortgesetzt wird.

    Eingestreut werden auch weitere Begegnungen mit Menschen, die eine Tür zu ihrer eigenen Erinnerung öffnen. Giulia ist eine sensible Zuhörerin, bezeichnet sich selbst als Frau des Wortes. Besonders gut gefiel mir ein Satz über das Wesen unserer Erinnerungen:
    „Wir beschworen die Geister unserer Kindheit herauf. Man musste sich nur umblicken, schon ließ jeder Gegenstand eine Erinnerung auflodern, die sich wie eine Papiertüte in den Zweigen der Vergangenheit verfangen hatte.“ (S. 228)

    „Ein Sonntag mit Elena“ ist ein völlig unaufgeregtes, ruhiges Buch. Aus Fabio Gedas Sätzen strömen leise Melancholie, zarter Humor und nachdenkliche Weisheiten. Er verfügt über eine metaphernreiche, ausdrucksstarke Sprache. Seine Dialoge sind empathisch und glaubwürdig. Es ist nicht die spannende Handlung, die den Leser fesselt, es sind mehr die beschriebenen Begebenheiten, die die verschiedenen Familienmitglieder charakterisieren und das Beziehungsgeflecht untereinander entschlüsseln. Im Mittelpunkt freilich stehen Giulia, ihr Vater und natürlich Elena, mit der der Roman anfängt und endet.

    Ein wunderbarer Roman, für den ich mit 5 Sternen meine volle Lese-Empfehlung aussprechen möchte.

  1. Unaufgeregt erzählte, interessant zu lesende Familiengeschiche!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Jul 2020 

    Brücken, die Orte verbinden und Brücken, die Menschen (wieder) einander näher bringen...

    Brücken vereinen, überwinden und verknüpfen.
    Gute Brücken regen dazu an, zu verzeihen und über seinen Schatten zu springen. (S. 148)

    Der Roman mit dem ansprechenden Cover - ein Gedeck und eine Blumenvase auf einem Holztisch -spielt in Italien und wird aus der Ich- und allwissenden Perspektive der erwachsenen Tochter Giulia, einer Theaterregisseurin und Mutter von Zwillingen, geschrieben.

    Kurz gesagt ist der Roman eine Familiengeschichte und geht es um Giulias Beziehung zu ihrem Vater.
    Dieser reiste jahrzehntelang als Ingenieur durch die Welt, um seine geliebten Brücken zu bauen.
    Nun ist er 68 Jahre alt und seit einigen Monaten Witwer.

    Er hat beschlossen, im Gegensatz zu früher, den Wichtigkeiten ab jetzt mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den Dringlichkeiten.
    Ein weiser Entschluss, den er tatsächlich umsetzt.

    Die Erzählerin Giulia hat noch zwei Geschwister.
    Die ältere Sonia, Ehefrau, Mutter zweier Töchter und studierte Erziehungswissenschaftlerin und der jüngere Alessandro, Chemiker in Helsinki.

    Der Vater plant, Sonia und ihre Familie zum Essen einzuladen. Er will sich zum ersten Mal in seinem Leben selbst an den Herd stellen und mit Hilfe der Anleitungen im dicken roten Rezeptbuch seiner Frau kochen.

    Aber kein simples Gericht soll es werden, sondern traditionelle Lieblingsgerichte möchte er zaubern.
    Natürlich ist er aufgeregt.
    Natürlich befürchtet er, dass das Resultat ungenießbar sein könnte.

    Das Menü ist fix und fertig und schmeckt tadellos - da kommt der enttäuschende Anruf:
    Sonia sagt den Besuch ab, weil Rachele, ihre Tochter vom Baum gefallen ist und sich den Arm gebrochen hat.
    Jetzt geht die Fahrt ins Krankenhaus anstatt zum Opa, der Frust, Enttäuschung und Sorge auf einem Spaziergang abbauen und in den Griff bekommen möchte.

    Und da lernt der ehemalige Ingenieur die Mittdreißigerin Elena und ihren 13jährigen Sohn Gaston kennen. Elena, die gerade ihren Job verloren hat und Gaston, der endlich mal etwas anderes essen will als Tiefkühl-Tacos...

    Ich möchte noch so viel verraten:
    Es geht in diesem ruhigen und berührenden Band nicht nur um diesen Sonntag und um die Auswirkungen der Begegnung mit Elena.
    Es geht noch um viel mehr.

    Auf einmal steht z. B. ein Geheimnis im Raum. Warum sprechen zwei Menschen nicht mehr miteinander?

    Und dann erfährt man von seltsamen, vielleicht sogar unwahrscheinlichen, aber eben doch möglichen Begebenheiten.
    Jeder dieser beiden Menschen, die nicht mehr miteinander sprechen, trifft einen anderen unbekannten Menschen, der dem ähnelt, mit dem der Kontakt abgebrochen ist.
    Diese Begegnungen bringen Gefühle und Sehnsüchte ans Tageslicht und wirken letztlich wie Brücken...

    Die Erzählerin Giulia erzählt im Verlauf respektvoll und mit Zärtlichkeit, aber auch mit Enttäuschung und Gekränktheit aus dem Leben des anpackenden, gewissenhaften und selbstbewussten Vaters, der berufsbedingt manchmal wochenlang abwesend war und von der warmherzigen Mutter, einer Juristin, die ihren Beruf aufgegeben hat, um sich ganz der Familie zu widmen. Sie war der Fels in der Brandung und der sichere Hafen.

    Giulia erinnert sich an die Beziehung der Eltern, an Episoden aus dem vergangene Familienleben und an gemeinsame Erlebnisse mit dem Vater, dem sie als Kind herzlich zugetan war und dessen Wertschätzung sie als Heranwachsende immer ersehnte und gleichzeitig vermisste.
    Sie erzählt aber auch aus ihrem Leben und vom Alltag ihrer Geschwister.

    Auf diese Weise taucht man immer mehr in die Dynamik der Familie ein und man bekommt einen immer besseren Eindruck vom Beziehungsgeflecht zwischen den Mitgliedern und davon, wie die einzelnen Personen, v. a. der Vater gestrickt sind.

    Es geht hier weniger um Handlung als um Beschreibungen, Stimmungen, Gefühle, Erinnerungen und Reflexionen.

    „Ein Sonntag mit Elena“ ist unterhaltsam und tiefgründig, sowie leicht und flüssig zu lesen. Außerdem gibt es immer wieder Passagen, die einen schmunzeln lassen.

    Der Leser wird mit einer schönen Sprache, wunderbaren Formulierungen und Metaphern, die einen innehalten lassen, verwöhnt.

    Zwei Beispiele dazu:
    „Der Schreck, der hinter den Worten kauerte, war dennoch spürbar: man hörte ihn hecheln wie einen verletzten Fuchs.“ (S. 41)

    „Wir fürchteten, der Vulkan, an dessen Hängen wir lebten, würde früher oder später ausbrechen, und hofften, dass uns zur schicksalhaften Stunde genug Zeit zur Flucht bliebe.“ (S. 51)

    Ich empfehle den Roman, in dem dem Leser auf raffinierte Weise und mit schöner Sprache eine letztlich recht gewöhnliche Familie vorgestellt wird, gerne weiter.

 

So sterben wir: Unser Ende und was wir darüber wissen sollten

Buchseite und Rezensionen zu 'So sterben wir: Unser Ende und was wir darüber wissen sollten' von Roland Schulz
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "So sterben wir: Unser Ende und was wir darüber wissen sollten"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:240
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "So sterben wir: Unser Ende und was wir darüber wissen sollten"

  1. Im Gedenken zum Jahrestag

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Jul 2020 

    Genau heute vor einem Jahr starb meine Mutter, fast genau 2 Jahre nach ihrer Diagnose. Diese 2 Jahre waren voller Hoffnung, Verdrängung und Wut, voller Termine, Pläne und Verzweiflung. Schließlich und endlich blieb meine Mutter daheim und starb. Meine Schwester hat sie gepflegt, ich habe sie so gut es ging dabei unterstützt, die letzten Nächte habe ich an Mamas Seite verbracht.

    Meine Fragen, Ängste und Sorgen kamen erst nach der Beisetzung. Natürlich hätte ich fragen dürfen. Ärzte, Pfleger und der Bestatter forderten mich dazu auf, aber mein Kopf war leer, die Zeit hektisch. Im November 2019 kaufte ich mir dann "So sterben wir" und brachte es bis jetzt nicht fertig, es zu lesen. Ich scheute mich ein wenig vor der schonungslosen Wahrheit, die Bilder meiner Mutter im Pflegebett waren mir zu frisch im Kopf. Erst das Entrümpeln des Haushalts half mir, loszulassen.

    Trotzdem hat es noch drei Bücher parallel zur Ablenkung gebraucht, um dieses eine zu lesen. Viele Tränen habe ich vergossen, bin aber froh und dankbar, es geschafft zu haben.

    Das Buch unterteilt sich in drei Abschnitte, Sterben, Tod und Trauer. Wenn ich das Sterben hinter mich gebracht hätte, würden Tod und Trauer mich nicht mehr aus der Bahn werfen, so dachte ich. Aber all meine nichtgestellten Fragen wurden hier wieder hochgespült und ich musste mich damit auseinandersetzen.

    Mit schlichten Worten geht der Autor ins Detail und beschränkt sich dabei nicht auf die Körperlichkeiten und medizinischen Möglichkeiten, sondern klärt auch die so kalt erscheinenden gesetzlichen und amtlichen Angelegenheiten, die zu beachten und einzuhalten sind. Aktuelle Gesetzesänderungen wurden mit eingearbeitet. Natürlich kann man sich auf die Profis in dieser Branche verlassen, aber es tut gut zu wissen, wo und wann man noch ein Mitspracherecht hat, welche Gestaltungsmöglichkeiten für das eigene Ende bestehen und was vielleicht noch alles zu bedenken ist.

    Das Buch klagt nicht an, jammert nicht rum und schreit nicht populistisch durchs Medium. Es ist vielmehr eine hilfreiche Abhandlung über den letzten Weg in unserem Leben, der gerne verdrängt, aber doch bedacht werden will. Es ist hilfreich für die Hinterbliebenen, als auch für alle Ratsuchenden. Die Sprache ist ruhig, einfühlsam und tröstlich. Dezente Hinweise auf Grauzonen, geben einem das Gefühl, nicht hilflos ausgeliefert zu sein und mit Insiderwissen Fragen stellen zu können, die ehrliche Antworten erfordern.

    Es ist keine leichte Kost, es geht unter die Haut und definitiv das erste Sachbuch, das mich sehr herausgefordert hat. Es gibt keine Listen, die abgehakt werden wollen, keine Hinweise, was man "abarbeiten" sollte, trotzdem baut dieses Buch ein strukturiertes Gerüst, das Halt in den Zeiten unseres Lebens bietet, in denen wir am verletzlichsten sind. Aber man sollte auch breit sein, es lesen zu wollen!

 

Friday Black: Storys - Der Überraschungsbestseller aus den USA - DEUTSCHSPRACHIGE AUSGABE

Buchseite und Rezensionen zu 'Friday Black: Storys - Der Überraschungsbestseller aus den USA - DEUTSCHSPRACHIGE AUSGABE' von Nana Kwame Adjei-Brenyah
NAN
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Inhaltsangabe zu "Friday Black: Storys - Der Überraschungsbestseller aus den USA - DEUTSCHSPRACHIGE AUSGABE"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:241
Verlag:
EAN:
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Dänische Schuld: Gitte Madsen ermittelt (Ein Gitte-Madsen-Krimi 2)

Buchseite und Rezensionen zu 'Dänische Schuld: Gitte Madsen ermittelt (Ein Gitte-Madsen-Krimi 2)' von Gronover, Frida
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Dänische Schuld: Gitte Madsen ermittelt (Ein Gitte-Madsen-Krimi 2)"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:368
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Dänische Schuld: Gitte Madsen ermittelt (Ein Gitte-Madsen-Krimi 2)"

  1. Auge um Auge

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 13. Jun 2020 

    Seit Gitte Madsen von Münster nach Marielyst in Dänemark umgezogen ist, hat sie sich gut eingelebt, sie arbeitet beim örtlichen Bestatter, hat Freunde und Verwandte gefunden. Immer noch hat sie die Suche nach ihrem vor 18 Jahren verschwundenen Vater nicht aufgegeben. Er war Däne und sie glaubt nicht, dass er seine Frau und Tochter einfach im Stich gelassen haben könnte.

    Gitte scheint ungewöhnliche Todesfälle anzuziehen, schon einmal wurde sie in einen Mordfall verwickelt und nun wird sie Zeugin wie im Restaurant ein Gast am Nebentisch jäh verstirbt, waren es die Pilze? Aber schnell stellt sich heraus, dass es ein heimtückischer Mord war. Bei der Vorbereitung zur Bestattung erfährt Gitte, dass die Familie des Mannes schon mehrfach von Tod und Unfall gebeutelt wurde. So sitzt der älteste Sohn der Familie nach einem Fallschirmsprung im Rollstuhl und er gibt Gitte auch den Anlass zu ermitteln. Natürlich sehr zum Missfallen des örtlichen Kommissars Ole Ansgaard. Zwar funkt es zwischen Ole und Gitte, aber Einmischung in seine Arbeit finde er nicht gut und auch privat ist er eher unentschieden.

    Das ist der zweite Fall mit der jungen Bestatterin und er schließt zeitlich nahtlos an den Vorläufer an, ist aber völlig eigenständig zu lesen.

    Gitte ist eine sehr sympathische, oft spontan agierende Figur, deren Charakterisierung der Autorin gut gelungen ist. Auch das ganze dänische Umfeld gefällt mir gut. Da sich das Buch an deutsche Leser wendet, wird einiges an dänischen Besonderheiten eingeflochten und erklärt. Da geht von den Essgewohnheiten bis hin zu den dänischen Gepflogenheiten des Heizens oder besonderen Regeln im Straßenverkehr. Das ist für zukünftige Dänemarktouristen sicher sehr hilfreich, bremst aber die Spannung des Krimis.

    Neben der Krimihandlung ist auch das Verhältnis zu Ole ein wichtiger Handlungsstrang, es knistert zwischen den beiden, aber Ole zögert, sehr zum Missfallen von Gitte. Er scheint immer erst nach ein-zwei Bierchen aufzutauen. Auch hier gibt es eine Erklärung, die gleich mehrfach thematisiert wird.

    Der Plot gefiel mir ganz gut, der Schreibstil könnte für meinen Geschmack ein wenig mehr Pep vertragen. Es liegt sicher an den ganzen eingestreuten Exkursen, die Tempo aus der Geschichte nehmen, auch wenn sie durchaus lesenswert sind und illustrieren, wie Gitte langsam in ihrer zweiten Heimat ankommt. Aber vielleicht wäre da weniger mehr gewesen.

    Insgesamt ein solider Krimi, der sicher noch weiter geführt wird, denn das Verschwinden des Vaters bleibt weiter offen.

 

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