Die See: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die See: Roman' von John Banville
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die See: Roman"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:231
Verlag:
EAN:

Diskussionen zu "Ein Blick in deine Augen: Roman"

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Rezensionen zu "Die See: Roman"

  1. Wer bin ich?

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Nov 2017 

    Inhalt
    Max Morden kehrt an einen Ort (Ballyless) seiner Kindheit, an "Die See" zurück. Dort hat er immer seine Ferien in einem kleinen Chalet gemeinsam mit seinen Eltern verbracht.

    "Wir kamen jeden Sommer im Urlaub hierher, viele Jahre lang, viele Jahre, bis mein Vater uns sitzen ließ und nach England ging, wie Väter es bisweilen taten, damals und eigentlich auch noch heute. Das Chalet war ein klassisches Holzhaus nur in verkleinertem Maßstab." (S.33)

    Auslöser für die Rückkehr ist der Tod seiner Frau Anna, die nach schwerer Krankheit von ihm geht und um die er trauert.

    Aus der Ich-Perspektive von Max werden in verschiedenen Zeitebenen die Erinnerungen an längst vergangene Ereignisse wach.
    Manchmal springt der Ich-Erzähler unvermittelt von der Gegenwart in die Vergangenheit, wobei die Gedanken inhaltlich zusammengehören.
    Auch innerhalb dessen, was geschehen ist, erinnert er sich nicht chronologisch. So setzt sich wie ein Puzzle die Vergangenheit - ein Sommer an der See, den Max als Junge erlebt hat - Schritt für Schritt zusammen, was er als Erzähler selbst kommentiert:

    "Und warum sollte ich mich wohl, anders als jeder dahergelaufene Melodramatiker, der Forderung verschließen, dass die Geschichte zum Schluss noch eine ordentlich überraschende Wendung braucht?" (S.196)

    Eine große Bedeutung kommt in jenem längst vergangenen Sommer der Familie Grace zu. Bestehend aus den Eltern Carlo und Conny und den Zwillingen: der stumme Myles und die knabenhafte Chloe, sowie der Gouvernante Rose, die in die Villa "Zu den Zedern" einziehen. Ihre gesellschaftliche Stellung, die der Max´ überlegen ist, übt auf ihn eine besondere Faszination aus.

    An jenen Ort kehrt auch der Witwer Max zurück.

    "Die Villa heißt Zu den Zedern, wie eh und je." (S.9)

    Inzwischen ist es eine Pension, geleitet von Miss Vavasour und dauerhaft bewohnt vom alten Colonel Blunden.
    Max Tochter Claire begleitet ihn zunächst an die See. Einerseits liebt er sie, andererseits scheint er auch von ihr enttäuscht zu sein, da sie keine zweite Anna ist, und äußert sich abfällig über sie.

    Außergewöhnlich gut gelingt es Banville die Atmosphäre, die Präsenz der See erlebbar zu machen, sie ist allgegenwärtig, man schmeckt sie, fühlt den Wind und hört die Wellen.

    "An der See besteht alles aus schmalen Waagerechten, die ganze Welt reduziert sich auf ein paar lange, gerade, zwischen Erde und Himmel gezwängte Linien." (S.14)

    Und man kann sich in die Gedanken und die erotischen Träume des 11-jährigen Max hineinversetzen, die sich zunächst um Conny Grace drehen, dann aber von der Mutter auf die Tochter übergehen.
    Mit Chloe wird er zur eigenständigen Person, entdeckt zum ersten Mal sich selbst.

    "Indem sie mich von der Welt loslöste und mich dadurch erkennen ließ, dass ich ein losgelöstes Wesen war, schloss sie mich von dem Gefühl der Immanenz allen Seins aus, von dem Allsein, das mich umfangen hatte, in dem ich bis dahin in mehr oder minder glücklicher Unwissenheit gelebt hatte." (S.142)

    Neben diesen Erinnerungen an das, was in dem Sommer geschehen ist, wandern Max´ Gedanken immer wieder zur gemeinsamen Vergangenheit mit Anna. Wie sie sich kennen gelernt haben, ihre Heirat, die Beziehung zu ihrem Vater, wie sie von ihrer Krankheit erfahren haben und zu ihrem Tod und seiner Hilflosigkeit.

    "Wir tragen die Toten nur so lange bei uns, bis wir selber sterben, und dann sind wir diejenigen, die eine kleine Weile mit herumgetragen werden, und dann ist es an denen, die uns tragen, selbst umzufallen und so geht es immer weiter, von Generation zu Generation, bis in unvorstellbare Ewigkeiten." (S.100)

    Die Identitätssuche des Protagonisten ist meines Erachtens der Mittelpunkt des Romans. Max hinterfragt sein Handeln, reflektiert sein Verhalten und gelangt zu Erkenntnissen über sich selbst.
    Den Fragen, wer er sein will, wer er geworden ist und welche Bedeutung Anna und die Ereignisse um Chloe in seinem Leben gespielt haben, nähert er sich langsam an.

    "Früher habe ich mich stets als eine Art Freibeuter gesehen, einen der jedermann mit dem Entermesser zwischen den Zähnen begegnet, aber heute muss ich eingestehen, dass das eine Selbsttäuschung war. Versteckt, beschützt, behütet sein, mehr habe im Grunde nicht gewollt." (S.54)

    Bewertung
    Über den Charakter des Protagonisten haben wir in der Leserunde am meisten diskutiert. Ist Max sympathisch? Zumindest ist er ein ambivalenter Charakter, der sehr darunter leidet, in eine Gesellschaftsschicht hinein geboren zu sein, in der er sich nicht zugehörig fühlt. Die Bekanntschaft mit den Graces führt ihm vor Augen, was er sein will und wohin er möchte. Insofern ist seine Heirat mit Anna, die aufgrund der illegalen Geschäften ihres Vaters Geld zur Verfügung hat, opportunistisch, andererseits liebt er sie und verzweifelt an ihrem Tod zutiefst.

    Letztlich ist die Frage nach der Sympathie zweitrangig. Die Auseinandersetzung mit seinem Leben, die Suche nach Identität, das Rätsel um jene schrecklichen Ereignisse, die an der See geschehen sind, die Beziehung der Figuren zueinander in jenem Sommer, die Schritt für Schritt aufgedeckt werden, erzeugen einen Lese-Sog - trotz der Reflexionen und der Sprünge zwischen und innerhalb der Zeitebenen.
    Die außergewöhnliche bilderreiche Sprache lädt dagegen immer wieder dazu ein innezuhalten und über das Gelesene nachzudenken.

    Ein besonderer Roman und sicherlich nicht der letzte, den ich von John Banville gelesen habe. Vielen Dank an @Literaturhexle, die mich auf die Leserunde aufmerksam gemacht hat und die genau wie ich von der wunderbaren Sprache des Romans angetan ist.

  1. Ein wirklich würdiger Preisträger

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Nov 2017 

    2005 bekam John Banville für dieses Buch den Man Booker Prize verliehen - völlig zu recht wie ich finde. Auch im Deutschen (dank der herausragenden Übersetzerin Christa Schuenke) fühlte ich mich beim Lesen, als ob ich an der Seite des Protagonisten wäre. Ich roch und schmeckte das Meer, den Herbst, den Sommer. Es gibt sicherlich nur wenige Bücher, in denen ich so unmittelbar am Erleben der Figuren teilgenommen habe wie hier.
    Die Geschichte an sich ist eher unauffällig: Ein Mann, Max Morden, ein Kunsthistoriker in den Sechzigerin, verliert seine Frau durch eine Krankheit und fährt in seiner Trauer an einen Ort seiner Kindheit; dort, wo er die Ferien verbrachte. Hier erinnert er sich an längst und jüngst Vergangenes, an die Urlaube als Kind, die letzten Monate während der Krankheit seiner Frau, ihre erste gemeinsame Zeit. Alles fließt ineinander über und doch sind die verschiedenen Lebensabschnitte leicht voneinander zu unterscheiden. Fast wirkt es wie im Film, wenn durch geschickte Überblendungen der Wechsel in eine andere Zeitebene erfolgt - John Banville beherrscht diese Kunst grandios. Max' Erinnerungen, wiederholt ausgelöst durch Vergleiche mit der bildenden Kunst, nimmt er auch zum Anlass, sich Selbstreflektionen hinzugeben, die teilweise zu philosophischen Betrachtungen werden. Wann entsteht Bewusstsein? Das Bewusstsein seiner Selbst? Was ist Arbeit? Banville besitzt unter anderem nicht nur ein bewunderswertes Wissen über Kunst, sondern beispielsweise auch über Neurophilosophie, an dem er die Lesenden teilhaben lässt.
    Doch über Allem steht dieser wunderbare Schreibstil, der exemplarisch zeigt, zu was Sprache fähig ist. "Sommerlicht, dick wie Honig ...", "Draußen gab es noch mehr Palmen, zerzauste, gakelige Dinger, deren graue Borke dick und zäh wie Elefantenhaut aussah." Banville ist ein unglaublich aufmerksamer Beobachter mit einem Blick für kleinste Details, die er in solch bildhafte Worte fasst, dass man wirklich Alles vor sich sieht.
    Bemerkenswert empfand ich auch die Darstellung des Protagonisten. Max, der einen von Beginn an durch seine schon fast poetische Sprache praktisch völlig für sich einnimmt, sich jedoch entlarvt durch kleine Nebensätze als ein nicht gerade sympathisches Exemplar seiner Gattung. Amüsant empfand ich seine Abneigung gegenüber Männern, an denen er exakt das missbilligte, was er darstellte: das Vortäuschen einer Figur, die er nicht ist, was mir jedoch erst gegen Ende bewusst wurde.
    Ein Buch, in dem so viel mehr steckt als nur die Geschichte eines trauernden Mannes. Ganz große Kunst!

 

Die kanadische Nacht: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die kanadische Nacht: Roman' von Jörg Magenau
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die kanadische Nacht: Roman"

In Kanada liegt der Vater im Sterben. Die Nachricht trifft seinen Sohn in einer Krise. Hinter ihm liegt ein gescheitertes Buchprojekt. Seit Jahrzehnten hat er den fernen Vater nicht gesehen, nun überquert er Atlantik und Rocky Mountains, um ihn hoffentlich noch lebend anzutreffen. Doch was ist überhaupt ein Leben? Was weiß man von einem fremd gebliebenen Vater, von der Liebe der anderen und der eigenen? Und wie schreibt man darüber? Die Fahrt durch die kanadische Nacht führt den Erzähler immer tiefer in die eigene Herkunft und hinaus ins Offene. Als er den Vater erreicht, geht etwas zu Ende, aber etwas Neues beginnt auch: die Suche nach dem, was trotz aller Vergänglichkeit bleibt.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:143
Verlag:
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Rezensionen zu "Die kanadische Nacht: Roman"

  1. Aus dem Ende entsteht ein Anfang

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Mär 2021 

    !ein Lesehighlight 2021!

    Klappentext:

    „In Kanada liegt der Vater im Sterben. Die Nachricht trifft seinen Sohn in einer Krise. Hinter ihm liegt ein gescheitertes Buchprojekt. Seit Jahrzehnten hat er den fernen Vater nicht gesehen, nun überquert er Atlantik und Rocky Mountains, um ihn hoffentlich noch lebend anzutreffen. Doch was ist überhaupt ein Leben? Was weiß man von einem fremd gebliebenen Vater, von der Liebe der anderen und der eigenen? Und wie schreibt man darüber? Die Fahrt durch die kanadische Nacht führt den Erzähler immer tiefer in die eigene Herkunft und hinaus ins Offene. Als er den Vater erreicht, geht etwas zu Ende, aber etwas Neues beginnt auch: die Suche nach dem, was trotz aller Vergänglichkeit bleibt.“

    Die Reise des Sohnes zu seinem sterbenden Vater ist eigentlich der Hauptteil dieses Buches. Autor Jörg Magenau nimmt den Leser auf eine ganz ruhige Reise mit über den großen Teich. Seine Worte wählt er für seinen Protagonisten mit Bedacht und größter Sorgfalt aus. Laute und kräftige Wörter wären bei diesem Schritt im Leben sowieso der falsche Weg. Hier stimmt alles! Wir begleiten den Sohn mit dem Mietwagen in den USA auf den Weg zu seinem Vater und wir erleben dabei, wie er sich selbst reflektiert. Er geht in sein tiefes Inneres und erlebt vor dem geistigen Auge nochmal seine Kindheit, seine Jugend, schöne und weniger schöne Erinnerungen. Er erinnert sich an seinen Vater, seine Familie. Es ist eine sehr intensive Selbstreflexion, die man nur macht, wenn der Tot nah ist. Ich fand Magenaus Worte und Gedanken von seinem Protagonisten unheimlich tiefgründig und feinfühlig. Die Auseinandersetzung mit Leben und Tot ist ein wichtiges Thema, welches niemals untergraben werden sollte oder sogar auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Das der Sohn es hoffentlich noch zu seinem Vater schafft, ist der eigentliche Spannungsbogen. Haben sie sich doch lange nicht gesehen, aber wenigstens der Abschied soll sie nochmal zueinander führen - ein letztes Mal die Verbindung halten - hoffentlich...

    Magenau hat mit diesem Buch einen ganz besonderen philosophischen Nerv bei mir getroffen und ich bin sehr tief beeindruckt von diesem zarten Büchlein. Es enthält so viel geballten Nachklang, das einem fast schwindelig wird, wenn man sich darauf einlässt.

    Ich fand dieses Buch großartig und kann es nur empfehlen und vergebe deshalb 5 von 5 Sterne!

  1. Abschied und Aufbruch

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Mär 2021 

    Der männliche Ich-Erzähler, der durchaus Gemeinsamkeiten mit dem Autor aufweist, wird ans Sterbebett seines 91-jährigen Vaters gerufen. Die beiden haben sich seit mehreren Jahrzehnten nicht gesehen, sich aus den Augen verloren, da der Vater nach Kanada ausgewandert ist und ein dortiger Besuch mehrfach scheiterte. Der Sohn landet in Calgary und muss nun mehrere Stunden mit dem Auto fahren, durch Prärielandschaft westwärts in Richtung der Rocky Mountains. Genug Zeit, um nachzudenken: Über seine Kindheit, seine Eltern und die Vaterferne; über Brüche im Leben, über ein misslungenes Buchprojekt, über sich selbst, über die Liebe und deren Vergänglichkeit, über Herkunft und Abschied. Daneben schildert er die vorbeifließende Landschaft während der Fahrt durch die immer dunkler werdende kanadische Nacht. Der Roman ist ein einziger Gedankenfluss, an dem uns der Autor teilhaben lässt. Er tut dies in unvergleichlich wohl gesetzten Worten. Immer wieder muss man innehalten, um das Gelesene zu reflektieren oder eigene Überlegungen anzustellen.

    „Vergangenheit ist nichts Festes, weil sie immer von einem bestimmten, aber nie gleichen Standpunkt, immer von der flüchtigen Gegenwart aus in den Blick gerät. Schreiben heißt, mit der Vergangenheit aufzuräumen.“ (S. 23) In diesem Sinne ist auch dieser Roman zu verstehen.

    Der Vater schrieb während der letzten Jahre viele Briefe und später Emails, in denen er viel von sich und seiner Herkunftsfamilie preisgab: „So war er mir zu einer Papierperson geworden…“ (S.24) Während der Fahrt resümiert der Sohn darüber. Er entdeckt Parallelen zu sich selbst. Die Eltern des Erzählers haben sich getrennt, als er noch ein Kind war, beide Elternteile fanden neue Partner. Den Vater zog es mit der Stiefmutter in die Ferne Kanadas, als der Sohn die Tradition brach und nicht in Tübingen, sondern in Berlin studierte. „Wir waren Familienflüchtlinge, jeder auf seine Weise, und hätten uns darin doch eigentlich sogar verstehen können.“ (S.30)

    Trotz seines Ewigkeitsbedürfnisses gibt auch der Sohn seine Ehe nach vielen gemeinsamen Jahren auf. Er hat eine neue Frau lieben gelernt, seine Seelenverwandte A.: „Ich litt darunter, dass der Aufbruch den Wortbruch voraussetzt, dass ich meiner Frau wehtun musste, aber es konnte nicht anders sein, ich musste gehen, um – anders – weiterzuleben.“ (S. 49)

    Neben diesen Familienverflechtungen beschäftigt den Ich-Erzähler ein beruflicher Rückschlag: Er wurde von einer Malerin angeheuert, um die Biografie ihres verstorbenen Mannes, der Dichter war, zu schreiben. Das Projekt hielt den Erzähler über die letzten zwei Jahre beschäftigt mit dem Ergebnis, dass die Auftraggeberin nach zahlreichen zeitintensiven Änderungswünschen das Manuskript schließlich verwarf und das endgültige Veto einlegte. Ein Vorgehen, das zunächst völliges Unverständnis bei ihm hervorruft.

    Während der Fahrt ändert sich sukzessive die Sichtweise des Erzählers. Er entdeckt immer mehr Parallelen und Zusammenhänge, die nicht nur sein Verständnis für den sterbenden Vater, sondern auch für die kapriziöse Malerin und sich selbst hervorrufen. Währenddessen drängt die Zeit: Der Vater liegt dem Tode nah im Krankenhaus und es ist fraglich, ob der Sohn noch rechtzeitig ankommen wird.

    Der Roman hat keinen Spannungsbogen im engeren Sinne. Dennoch sind die Gedanken des Erzählers und die Erkenntnisse, die sich daran anschließen, im Fluss und sehr lesenswert. Im Angesicht des bevorstehenden Todes eines Elternteils treiben wohl jeden Menschen ähnliche Überlegungen um – nur so brillant formulieren wie Jörg Magenau können es wohl die wenigsten.

    „Meine Herkunft werde ich nicht los, weil sie mich ausmacht, egal, wohin ich fahre.“ (S.42)
    „An der Geduld des Gebirges zerschellt jede menschliche Ungeduld.“ (S. 44)
    „Nur wenige Dinge überleben den Tod ihrer Eigner, die ihnen Sinn und Bedeutung verliehen haben. Der Tod verwandelt sie in Gerümpel, das die Hinterbliebenen dann wegschaffen.“ (S.92)

    Ich habe den Ich-Erzähler gerne auf seiner Reise durch die kanadische Nacht begleitet. Seine Reflexionen wirken durchaus nachvollziehbar, der Schreibstil gekonnt. Insgesamt hat mich die Familienhistorie stärker gefesselt als die des Künstler-Ehepaars – auch wenn die Bezüge und Parallelen schlüssig sind.

    Ein literarisches Buch, bei dem man mit Sicherheit auch bei einer Zweitlektüre auf seine Kosten kommt und bei dem man auf jeder Seite wunderschön formulierte Sätze und Weisheiten entdecken kann. Sehr empfehlenswert!

 

Vati: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Vati: Roman' von Monika Helfer
4.65
4.7 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Vati: Roman"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:171
Verlag:
EAN:

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Rezensionen zu "Vati: Roman"

  1. Tief berührende Familiengeschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Apr 2021 

    Nach dem vielgelobten Roman „Bagage", in dem die österreichische Autorin Monika Helfer die bewegende Familiengeschichte ihrer aus einem ärmlichen Vorarlberger Bergdorf stammenden Mutter und Großeltern zu Zeiten des 1. Weltkriegs erzählt, hat sie mit „Vati“ nun einen weiteren Erinnerungsroman geschrieben, der eine gelungene Fortführung von „Bagage“ darstellt, aber auch ohne Vorkenntnisse problemlos zu lesen ist.
    In ihrer bemerkenswerten autofiktionalen Geschichte widmet sich Monika Helfer der Lebensgeschichte ihres Vaters Josef Helfer und den Erinnerungen an ihre eigenen Familiengeschichte.
    In sehr einfühlsam und eindringlich erzählten Episoden fügt sie die unterschiedlichsten Erinnerungsfragmente zu einem berührenden Portrait ihres Vaters zusammen, das jedoch eine faszinierende und glaubwürdige Annäherung an seine vielschichte Persönlichkeit mit vielen Unschärfen und Leerstellen bleibt. Allmählich lernen wir einen sehr eigenwilligen und doch faszinierenden Menschen kennen, voller Rätsel und Widersprüche, wortkarg und unnahbar. Als Kriegsversehrter ist er aus dem 2. Weltkrieg mit nur einem Bein zurückgekehrt, heiratet die ihn pflegende, resolute Krankenschwester Grete und statt seinen ehrgeizigen Traum von einem naturwissenschaftlichen Studium zu realisieren, lebt er mit seiner kleinen Familie in den Nachkriegsjahren als Verwalter eines Kriegsversehrtenerholungsheims in den Bergen. Ein idyllischer Zufluchtsort wird dies für die Familie und den Vater, der hier ungestört seiner großen Liebe für schöne Bücher nachgehen kann, und doch durch eine fatale Fehlentscheidung alles zerstört.
    Gekonnt greift die Autorin in Rückblenden immer wieder in „Bagage“ erzählte Begebenheiten auf, lässt die vermeintlich unbeschwerte Nachkriegszeit lebendig werden und lässt zudem einige Anekdoten aus der jüngeren Vergangenheit mit einfließen.
    Mit faszinierender Leichtigkeit und voller Herzenswärme trägt die Autorin die verschiedenen Facetten dieses Mannes zusammen, erzählt über seine Herkunft, Verletzlichkeiten, Passionen, kleinen Fluchten und Unzulänglichkeiten.
    „Vati“ lässt er sich von seinen Kindern nennen, da es modern klinge und doch vermittelt uns die Autorin von ihm ein eher traditionelles Vaterbild, das doch recht typisch für jene Zeit ist – traumatisiert von Kriegserlebnissen, geprägt durch seiner Erziehung und Herkunft, gefangen in unüberwindbaren Umständen, die keine Träume zulassen, und hineingepresst in eine Rolle, aus der er sich bisweilen zu befreien versteht. Schonungslos und doch ohne jede Anklage schildert sie schließlich das schmerzvolle Abwenden des Vaters nach dem frühen Krebstod der geliebten Mutter, den unaufhaltsamen Verfall der Familie und konfrontiert uns mit seiner unverständlichen Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Kindern.
    FAZIT
    Ein tief berührender, wundervoll warmherzig erzählter Erinnerungsroman, der tiefe Einblicke in Helfers persönliche Familiengeschichte gewährt. Ein feines, ganz besonderes Leseerlebnis!

  1. Mehr wahr als erfunden

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Mär 2021 

    Der Vater war ein kleiner Mann mit einer großen Liebe zu Büchern. Aus dem Krieg kehrte er verletzt zurück, ein Bein wurde ihm angenommen Fortan lebte er mit einer Beinprothese. Im Lazarett lernte er Grete kenne. Mit ihr gründete er eine Familie, leitete ein Kriegsversehrtenheim. Gretes Tod warf ihn aus der Bahn, die Kinder wurden in der Verwandtschaft verteilt.
    Eines dieser Kinder ist die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer. „Vati“ ist ein Erinnerungsbuch, eine Annäherung an den Vater, eine Entfernung von der kindlichen Sicht.

    „Alles kriegt seinen Namen erst hinterher – was Kindheit ist, was Kompliziertheit, Blödsinn, Ruhe, Undurchsichtigkeit…“

    Einige Jahre nach dem Tod des Vaters befragte die Autorin die Stiefmutter, lässt sich von den vielen Geschwistern der früh verstorbenen Mutter erzählen. Monika Helfer hat sich Zeit gelassen, mit ihren Erinnerungen, gewartet mit dem Buch, dass niemand mehr da ist, den sie verärgern könnte.

    „Wenn man einen Menschen ein Leben lang kennt, und erst spät erfährt man, wer er im Grunde ist, dann kann man das vielleicht schwer ertragen.“

    Monika Helfer beschreibt ihre Kindheit, in der es einen mächtigen Einschnitt gibt. Aufgewachsen ist sie auf der Tschengla, einem Hochplateau in Vorarlberg, dem „Paradies“, in dem Kriegsversehrtenheim, das der Vater leitete. Nach dem Tod der Mutter ist auch der Vater fort, unfähig sich um seine Kinder zu kümmern.

    Bei allem was die Autorin erzählt, wertet sie nicht, beschreibt, liefert Bruchstücke eines Lebens in sehr einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen. Immer wieder kommt sie auf die große Liebe des Vaters zu Büchern zu sprechen. Bücher waren ein Heiligtum. Um eine Bibliothek zu retten, setzt der Vater einiges aufs Spiel. Die junge Monika verspürte damals den heftigen Wunsch, einmal ihren Namen auf einem Buchrücken zu sehen. Sogar der zukünftige Schwiegersohn musste beim Vater den richtigen Eindruck machen, wie er denn ein Buch zur Hand nimmt.

    Auf wenigen Seiten schafft die Autorin ein feinfühliges Portrait der Nachkriegszeit. Wie es so ist mit dem Erinnern kommt sie auch vom damals ins heute. Auch die eigene Trauer um ihre viel zu früh verstorbene Tochter lässt sie spüren. Sie wiegt behutsam autobiografische Nähe und erzählerische Distanz ab. Ein ständiges Bemühen, nichts verloren gehen zu lassen. Ein Roman, mehr wahr als erfunden.

  1. Mein Vater, der Leser...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Feb 2021 

    Auf ein Wiedersehen mit der Bagage hatte ich mich schon sehr gefreut, weshalb ich direkt mit der Lektüre startete und wieder kurzweilig und gut unterhalten wurde.

    In der Geschichte geht es dieses Mal um die Eltern der Autorin, vorzugsweise um ihren Vater, der während des Krieges ein Bein verlor und vernarrt in Bücher ist.

    Monika Helfer ist als Ich- Erzählerin unterwegs und beschreibt wie sie die Zeit in der Familie erlebt hat und lässt auch ihre Schwestern zu Wort kommen.

    Schön war zu lesen, dass sich das Leben der Nachfolgegeneration der Bagage etwas verbessert hat und dennoch werden schnell große Unterschiede zu heute klar. Da erscheint trotz der Verletzten das Kriegsversehrtenheim wirklich der schönste Ort gewesen zu sein, mitten in der Idylle und viel Platz.

    Sympathisch war mir der Vater in jedem Fall, teile ich doch seine enorme Leidenschaft für Bücher. Das ist kein Gebrauchsgegenstand, sondern das Zuhause von Figuren, die wir lieb gewinnen.

    Die Paarbeziehung der Eltern empfand ich als tragisch und gleichzeitig so echt. Einfach gut, dass hier nichts geschönt wurde seitens der Autorin, denn genauso ist nun mal die Liebe und das Leben.

    Schön fand ich auch das Wiedersehen mit den Kindern aus "Die Bagage", nur das jetzt alle erwachsen sind und ihren eigenen Weg gehen, sofern sie dies denn umgesetzt bekommen.

    Der nüchterne Schreibstil Helfers trägt dazu bei, dass allein die Familie im Fokus steht, fast so als würde man mittels Zielfernrohr drauf schauen, um ja nichts zu verpassen.

    Fazit: Steht seinem Vorgänger in nichts nach. Ich habe mich wieder gut unterhalten gefühlt. Gern spreche ich eine Empfehlung aus.

  1. Die Familiengeschichte geht weiter

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Feb 2021 

    In hohem Alter erzählte Tante Kathe der Nichte Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits mit der Auflage, sie erst nach ihrem Tod für einen Roman zu verwenden. Unter dem Titel Die Bagage war er eines meiner Lese-Highlights 2020. Die bitterarmen Lebensverhältnisse, in denen die Familie Moosburger als verachtete „Bagage“ im hintersten Bregenzerwald lebte, und das Schicksal ihrer Mutter Grete als vermeintliches Kuckuckskind erzählte Monika Helfer äußerst knapp, mit Unschärfen, ohne Dramatisierung oder Pathos und ebenso lebendig wie elegant.

    In ihrem neuen Roman, Vati, steht nun ihr Vater Josef im Mittelpunkt. Man muss den Vorgängerband nicht kennen, da alle notwendigen Informationen kurz zusammengefasst werden, trotzdem macht es mit Vorkenntnissen noch mehr Spaß. Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut, so viele „alte Bekannte“ wiederzutreffen.

    Anders ist bei diesem neuen Buch das Schöpfen aus eigenen Erinnerungen. Darüber hinaus hat Monika Helfer ihre Stiefmutter befragt – und auf deren Wunsch bis nach ihrem Tod mit dem Schreiben gewartet – und eigene Erinnerungen mit denen ihrer beiden Schwestern verglichen.

    Auf und ab
    Die Lebensumstände ihres Vaters als unehelich geborener Sohn einer Magd im Lungau waren ähnlich prekär wie die der Mutter. Allerdings nahm sich ein Pfarrer des begabten Jungen an und sorgte dafür, dass er in Salzburg Aufnahme ins Gymnasium und Schülerwohnheim fand. Schon damals fiel seine ungewöhnliche Liebe zu Büchern auf, die ihn ein Leben lang begleitete.

    Ein halbes Jahr vor der Matura erhielt er die Einberufung und verlor in Russland ein halbes Bein und viele Hoffnungen. Weder über seine Kindheit noch über den Krieg sprach der Vater, eher schon, wie er im Lazarett die Mutter kennenlernte. Völlig mittellos lebten die beiden zunächst bei der „Bagage“.

    Ab 1955 leitete der Vater das Kriegsversehrtenheim auf der Tschengla, rückblickend ein Paradies für die 1947 geborene zweite Tochter Monika Helfer. Fast wäre ihm seine rücksichtslose Büchersucht dort zum Verhängnis geworden. Als das Unglück abgewendet war, starb die zeitlebens zurückgezogene, den Alltagsanforderungen nicht gewachsene Mutter und Monika Helfer kam mit ihrer älteren Schwester Gretel und der jüngeren Renate zur Tante Kathe:

    "Ohne Mutti ist ohne Würde. Sie konnte nicht kochen, aber sie war unsere Würde. Natürlich wusste ich damals nicht, was dieses Wort bedeutete, aber heute weiß ich es. Alle wissen: Die Gretel und ich sind noch dazu nur untergestellt bei den Armen, wir sind sogar noch ärmer als die Armen, die Ärmsten der Armen sind unsere Wohltäter." (S. 109)

    Immer wieder greift die „Bagage“ ohne viele Worte bei größter Not ein:

    "Tante Kathe sagte: „Es geht niemand verloren.“ Diesen Satz habe ich später sehr oft von ihr gehört." (S. 111)

    Zuletzt vermitteln sie dem Vater sogar eine neue Frau und eine Stelle. Die vier Kinder bekommen wieder ein Zuhause:

    "Das waren trotz allem schöne Abende. Das Paradies waren sie nicht, das war oben, 1220 Meter über dem Meer, für uns nicht mehr erreichbar." (S. 117)

    Große Literatur auf nur 172 Seiten
    Es ist bei weitem nicht nur die anrührende Lebensgeschichte des Vaters, die Monika Helfer „mehr wahr als unwahr“ (S. 9) in puzzleartigen Versatzstücken erzählt. Es ist ihre eigene Geschichte bis zur Gegenwart und eine Reflexion über das Schreiben und Erinnern, letzteres am greifbarsten in der Übergangsphase zwischen Wachsein und Schlaf. Vor allem aber ist es wieder ein großes Stück Literatur.

  1. Leise Annäherung an den Vater

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Jan 2021 

    Monika Helfers Roman „ Die Bagage“ war im vergangenen Jahr sehr erfolgreich, hochgelobt von der Kritik, geliebt von den Lesern. Darin erzählt sie die Geschichte der Großeltern mütterlicherseits. Nun hat sie mit „ Vati“ ihre Familiengeschichte weitergeschrieben.
    Zehn Jahre nach dem Tod des Vaters nähert sie sich ihm auf literarische Weise an. Dabei soll „ mehr wahr als erfunden sein“. Sie greift hier auf die eigenen Erinnerungen zurück und befragt noch lebende Verwandte, so z.B. ihre Schwester und ihre Stiefmutter.
    „ Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern.“ Wohl wollte er damit auch seine eigene Vergangenheit hinter sich lassen.
    Wie die „ Bagage“ stammt er ebenfalls aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Er war das ledige Kind einer Magd, von dem jeder wusste - aber darüber schwieg- dass der Bauer sein Vater war. Josef war ein sehr kluges, wissbegieriges Kind; er konnte bei Schuleintritt schon lesen und schreiben. Die Honoratioren im Ort ermöglichten ihm den Besuch des Gymnasiums. Doch kurz vor der Matura kam der Einberufungsbefehl. Josef kam nach Russland und holte sich dort solche Erfrierungen, dass ein Bein amputiert werden musste.
    Im Lazarett lernte er eine resolute, junge Frau kennen, die ihm , dem Schüchternen, einen Heiratsantrag machte. Die beiden heiraten und bekamen vier Kinder; Monika ist die zweitälteste Tochter.
    Bald begannen glückliche Jahre für die junge Familie. Zwar kann Josef seinen Traum, Chemiker zu werden, nicht verwirklichen, doch er bekam eine Stelle als Verwalter eines Kriegsopfer- Erholungsheims auf der Tschengla, in Vorarlberg. Das Leben hier oben, auf 1225 Metern Höhe , inmitten der wunderbaren Berglandschaft, war für Monika und ihre Geschwister das Paradies.
    Doch sollten sie bald wieder daraus vertrieben werden. Einige Schicksalsschläge trafen die Familie, der schlimmste davon war der frühe Krebstod der Mutter.
    Den Vater warf das völlig aus der Bahn, „ er verliert den Tritt“.
    Die Kinder wurden auseinandergerissen und bei verschiedenen Verwandten untergebracht. Die hatten zwar wenig Platz und Geld, aber „ die Bagage lässt die Ihren nicht im Stich“.
    Doch es war keine leichte Zeit für die Kinder, ohne Mutter, ohne Vater, nirgends zugehörig. Und niemand sprach mit ihnen über das Geschehene.
    Trotzdem heißt es am Ende : „ Wir alle haben uns sehr bemüht.“
    Monika Helfer nähert sich behutsam ihrem Vater. Alle seine Geheimnisse kennt sie nicht, will sie auch nicht kennen. „ Wenn man einen Menschen ein Leben lang kennt, und erst spät erfährt man, wer er im Grunde ist, dann kann man das vielleicht schwer ertragen.“
    Über seine Kriegstraumata hat der Vater nie gesprochen, doch was er mit seiner Tochter geteilt hat, was sie sicher auch geprägt hat, war die große Liebe ihres Vaters zu Büchern. „ Er wollte alle Bücher lesen.“ „Aber lesen war ihm nicht genug. Lesen war ihm sein Leben lang nicht genug.“ „ Heilig war ihm das Buch.“ „ Er wollte ein Buch nicht nur lesen, er wollte es besitzen.“
    In schöner Erinnerung sind der Autorin die „ berühmten Vorlesestunden“ des Vaters, der Inbegriff von Gemütlichkeit.
    Als Monika Helfer 18 Jahre alt war, antwortet sie auf seine Frage, was sie sich vom Leben wünsche: „ Ich wünsche mir, dass irgendwann auf einem Buchrücken mein Name steht.“
    Und heute noch sitzt ihr der Vater beim Schreiben als Korrektor im Nacken; seine Stimme zwingt sie, die Dinge präzise und klar auszudrücken.
    Monika Helfer schreibt auch hier wieder in ihrem ganz besonderen Stil: reduziert, verdichtet, manches kommt ganz einfach daher. So läuft sie nie Gefahr, sentimental oder pathetisch zu werden. Gerade dadurch berührt und fesselt sie den Leser. Sie versteht es, mit ganz wenigen Worten Wesentliches auszudrücken.
    Monika Helfer erzählt nicht chronologisch, sondern fügt Ereignisse und Episoden kunstvoll zusammen, schlägt den Bogen in die Gegenwart und reflektiert immer wieder über das Schreiben und das Erinnern.
    Neben der zentralen Vaterfigur wird auch die große Verwandtschaft lebendig, die vielen Onkels und Tanten mit ihren Besonderheiten.
    Einzig die Mutter, eine stille Frau, die mehr mit den Tieren spricht als mit den Menschen, bleibt etwas blass. „ Sie ist wie ein flüchtiger Vogel. Kaum ist sie da, schon ist sie wieder weg.“
    Monika Helfers „ Vati“ hat die gleiche literarische Qualität wie das Vorgängerbuch. Und man muss „ Die Bagage“ nicht kennen, um „ Vati“ zu lesen und zu verstehen. Aber man wird sie kennenlernen wollen nach der Lektüre von „ Vati“.

  1. Beeindruckende Familiengeschichte aus der Nachkriegszeit

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jan 2021 

    Monika Helfer legt mit „Vati“ ihren zweiten biografischen Roman vor. Während im Zentrum des ersten Romans „Die Bagage“ die Herkunftsfamilie ihrer Mutter steht, nähert sie sich in „Vati“ ihrem Vater an. Sie greift dabei nicht nur auf eigene (Kindheits-)Erinnerungen zurück, sondern ergänzt sie um die Perspektiven der Schwestern, der Stiefmutter oder anderer Verwandter, wodurch sich am Ende ein stimmige Annäherung an das Leben des Vater ergibt, das naturgemäß eng mit dem Leben der Tochter verbunden ist.

    Die Autorin erzählt nicht chronologisch. Die Haupthandlung wird immer wieder von kleinen Erinnerungssplittern, Episoden, Gesprächen und Reflexionen unterbrochen. Trotzdem verliert Helfer nie den roten Faden, sondern kehrt zu ihrer Kerngeschichte zurück. Wunderbar, dass sie den Anschluss an die Figuren aus der Bagage findet, so dass der Leser beider Romane schnell die Verwandtschaftsverhältnisse wieder im Blick hat. „Vati“ ist aber auch ohne Kenntnis des Vorgängerromans gut lesbar und verständlich.

    Der Vater war das ledige Kind einer Bauernmagd. „Die Familie des Ärmsten war besser dran als mein Vater und seine Mutter“ (S. 11) Der Junge wurde mit einem überdurchschnittlichen Verstand gesegnet, konnte schon vor Schulbeginn lesen und schreiben. Mit ein bisschen Glück und Protektion gelingt der Schritt aufs Gymnasium, doch kurz vor der Matura muss Josef in den Krieg, wo er ein Bein verliert. Im Spital lernt er Krankenschwester Gretel kennen. Beide gründen eine Familie, Monika wird eines von insgesamt vier Kindern und deren zweite Tochter sein.

    Was sich nun anschließt, ist die Nachkriegsgeschichte einer Familie, die einiges an Schicksalsschlägen zu verwinden hat. Monika Helfer beschreibt ihre eigene Kindheit. Es gab glückliche Zeiten, als ihr Vater Leiter eines Kriegsopfererholungsheims in den Bergen auf der Tschengla war. Der Vater liebte den Wald, verehrte Bücher: „Ihm war sein ganzes Leben hindurch der Gegenstand ebenso wichtig wie der Inhalt. Das ist untertrieben. Heilig war ihm das Buch.“ (S. 21) Eine Liebe, die er an die Tochter weitergibt und deren Ziel es sein wird, ihren eigenen Namen einst auf einem Buchrücken lesen zu können. Es geht im Roman aber auch um Monikas Mutter, die wenig mit Menschen spricht, sondern häufiger mit den Tieren. Eine Mutter, die sich nicht um das Notwendige kümmert (das macht Tante Irma), die zwar präsent und doch irgendwie flüchtig erscheint.

    Die Familie wird von Krankheit und Tod heimgesucht, die unbeschwerte Zeit auf der Tschengla findet ein jähes Ende und die Verhältnisse ändern sich vollkommen. Die vier Geschwister werden vor große Herausforderungen gestellt… Es ist große schriftstellerische Kunst, wie sich Monika Helfer als Erwachsene dem selbst Erlebten annähert, wie sie versucht, für die Eltern und besonders für den Vater Verständnis aufzubringen, warum er so gehandelt hat, wie er es tat.

    Monika Helfer schreibt in kurzen, verdichteten Sätzen, die relativ nüchtern wirken, oftmals aber gerade durch ihre vermeintliche Schlichtheit große Resonanz beim Leser erzeugen: „Ich kann mich an die Vorlesestunden erinnern, nicht deutlich, aber hätte ich Worte gehabt, auch ich hätte gesagt: Das ist Glück. Dieses Wort, so will mir scheinen, kommt erst vor, wenn bereits das Gegenteil eingetreten ist. Dann erinnert man sich daran, wie es vorher gewesen war.“ (S. 55)

    Die Autorin erzeugt Gefühl und Empathie, ohne große Emotionalität oder Sentimentalität zuzulassen. Das gelingt ihr auch durch eine Position aus der Distanz heraus: Sie schildert, aber sie (be)wertet nicht. Manch einen Satz muss man erst einmal wirken lassen, vieles bleibt ungesagt und steht zwischen den Zeilen: „Schon fast am Ende des Krieges war er (Ferdinand) eingezogen worden. Und wurde gleich zusammengeschossen und lag im Dreck, und ein Kriegsfahrzeug fuhr ihm über das Bein und ein nächstes über den Arm. Als er zurückkam, konnte er mit nichts mehr etwas anfangen…“ (S. 50) So wenige Worte für ein ganzes Schicksal!

    Bildhaft werden Umgebungen, Gegenstände und Menschen beschrieben, wie sie sie als Kind wahrgenommen hat. Dabei werden alle Sinne angesprochen. Auch die verschiedenen Mitglieder der Großfamilie haben ihre Schwächen und sind völlig heterogene Typen. Wenn es aber hart auf hart kommt, wird Rat gehalten und man hält felsenfest zusammen. Das hat schon etwas sehr Imponierendes. Die Bagage hilft einander in der Not, ist füreinander da. Bei aller Tragik, die der kleine Roman verströmt, hat diese Erkenntnis etwas ungemein Tröstliches: Familie muss zusammenhalten, in guten wie in schlechten Zeiten.

    „Vati“ ist ein überaus lesenswerter Roman, der mich von den ersten Seiten gefesselt hat. Der Sprachstil Helfers ist wunderbar. Das Buch lädt gewiss zu einer zweiten Lektüre ein und eignet sich bestens für Diskussionsrunden und Lesekreise. Große Empfehlung!

  1. Wo ist Vati?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Jan 2021 

    Nachdem sie in "Die Bagage" bereits die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits aufgearbeitet hat, widmet sich Monika Helfer nun ihrem Vater. Dieser, vom Krieg versehrt, leitet ein Kriegserholungsheim in den Bergen, in welchem er auch mit seiner Familie lebt. Nach und nach erzählt Helfer vom Zusammenleben mit ihrem "Vati", wie er stets genannt werden will, und seinen Eigenheiten. Er ist ein stiller Mann, sehr in sich zurückgezogen, seine Bücher und die kleine Bibliothek des Erholungsheimes bedeuten ihm viel.

    Darüber hinaus fällt es mir schwer, etwas über ihn zu sagen, denn während der ganzen Kindheit Helfers bleibt "Vati" vor allem eines - merkwürdig abwesend, stets irgendwie woanders. Die nüchterne Erzählweise und die betonte Neutralität darin, die anfangs noch mein Interesse weckten, bewirkten auf Dauer, dass mir alle Figuren seltsam fremd blieben, ich habe mich beim Lesen wie ein unbeteiligter Aussenstehender gefühlt, der zufällig kurze Episoden aus dem Leben Helfers und ihres Vaters beobachtet hat.

    Keine der Figuren hat wirklich meine Sympathie geweckt, zu groß war die Distanz, die hier über die sprachliche Ebene aufgebaut wurde. Auch die junge Monika erscheint eher als stumme Beobachterin anstatt als Tochter dessen, von dem das Buch handeln soll. Sie enthält sich nahezu jeglicher Wertung über das Verhalten ihrer Eltern und deren Geschwister, bis auf einige Ausnahmen erfährt man als Leser kaum etwas darüber, wie sie empfindet; ein wenig fühlt es sich an, als würde man einen Stummfilm schauen. Besonders aber "Vati" selbst ist eher passiv, obwohl im Mittelpunkt stehend, irgendwie abwesend - gerade die zweite Hälfte des Buches handelt weniger von ihm als vielmehr von seiner Abwesenheit. Und wie schreibt man ein Buch über jemanden, der nicht da ist?

    Die Geschichte tröpfelt von Seite zu Seite, ohne einen wirklichen Sog zu entwickeln, obwohl das Potential dahinter spürbar ist. Es gibt einige schöne Beschreibungen, einige Figuren wurden in groben Zügen durchaus interessant skizziert - mich störten die stets aufrechterhaltene Distanz und Sachlichkeit aber zu sehr.

  1. Annäherung an den Vater

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jan 2021 

    Monika Helfer hat in ihrem autobiografischen Roman ihren Vater zum Mittelpunkt gemacht. Josef ist ein stiller Mann, der Krieg hat ihm viele Pläne zunichte gemacht und ein Bein genommen. Aber sein Streben „etwas zu werden“ glimmt immer weiter. Schließlich war er der erste seiner Familie der aufs Gymnasium konnte, doch kurz vor dem Abitur wurde er noch eingezogen. Geheiratet hat er die Krankenschwester, die ihn nach der Kriegsverletzung pflegte, eine stille, aber wohl glückliche Ehe aus der sechs Kinder hervorgingen.

    Vati und Mutti sollten die Kinder sagen, denn das klingt modern und die neue, moderne Zeit gilt etwas für Josef. Bücher liebte er, den Geruch, das Haptische, das Sinnliche daran. Das brachte ihn sogar einmal fast an den Rand der Legalität.

    Monika Helfer teilt ihre Erinnerungen mit uns, in kleinen Episoden und Anekdoten, in Rückblenden und Deutungsversuchen lässt sie die Nachkriegszeit, den beginnenden Wohlstand lebendig werden. Wo ihre Erinnerungen nicht reichen, teilen die Geschwister, die Stiefmutter ihre Gedanken mit.
    Daraus wurde ein schönes Buch, das mir richtig nahe ging, weil ganz unvermutet immer das Bild meines eigenen Vaters aufblitzte.

    Eine Hommage an den Vater und eine gelungene Fortsetzung zu Monika Helfers erstem autobiografischen Roman „Bagage“.

 

Ein Tag im Sommer: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein Tag im Sommer: Roman' von J.L. Carr
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ein Tag im Sommer: Roman"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:305
Verlag:
EAN:

Diskussionen zu "Ein Blick in deine Augen: Roman"

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Scherbentanz

Buchseite und Rezensionen zu 'Scherbentanz' von Chris Kraus
4.2
4.2 von 5 (14 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Scherbentanz"

Jesko ist ein Freak, ein junger Modedesigner, der gerne Röcke trägt. Gesellschaftlichen Normen und Zwängen beugt er sich nicht – schließlich hat er Leukämie und nicht mehr lange zu leben. Unter einem Vorwand wird Jesko in die großbürgerliche Villa seiner Familie gelockt. Seine Mutter käme als Knochenmarkspenderin in Betracht. Doch Jesko verweigert sich ihrer Hilfe. Denn einst hat diese Frau ihm und seinem Bruder Furchtbares angetan.

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:256
Verlag:
EAN:

Diskussionen zu "Ein Blick in deine Augen: Roman"

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Rezensionen zu "Scherbentanz"

  1. Und Scherben und Tanz zusammen?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Jan 2021 

    „Wenn Du am Boden bist, bist Du auf dem Weg nach oben",
    von William Bourroughs

    So lautet das Motto dieses Romans.

    In diesem Familien- und Generationenroman geht es um tiefe Schatten der Vergangenheit. Wir tauchen ein in Familiengeheimnisse, über die niemals gesprochen wird und die dadurch auch die Gegenwart belasten. Chris Kraus zeigt uns einen Rückblick auf traumatische Kindheitserfahrungen und gibt uns eine Vorstellung von Themen wie Krankheit, Hass, Lügen, Eifersucht und Neid, Intrigen und verletzten Gefühlen, die einzig durch Alkohol, Tabletten oder sonstige Verdrängungsmittel, von denen reichlich im Hause Solm vorhanden ist, zu ertragen sind.

    Inhalt
    Jesko ist jung. Jesko ist schlagfertig. Jesko ist widerborstig. Jesko ist erfolglos. Jesko ist ein Außenseiter. Jesko hat Leukämie und wird bald sterben.

    „Tod ist Nichtsein. Was damit gemeint ist, weiß ich schon lange.“ (S. 7)

    Jesko trägt nur Röcke, er ist Modedesigner, der seine Kleidung selbst näht und gerne Röcke trägt und das krasse Gegenteil seines älteren Bruders Ansgar ist. Sein Bruder ist als Juniorchef in die väterliche Zementfabrik eingestiegen. Er ist ein erfolgloser Modemacher, der Provokateur in der Familie.
    Jesko wird in die Familienvilla gerufen in der Hoffnung, dass seine leibliche Mutter dem kranken Jesko eine lebensverlängernde Knochenmarkspende geben kann. Eine Frau, die Jesko und sein Bruder Ansgar seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen haben. Nun liegen sieben lange Tage bis zum operativen Eingriff vor Jesko, und seine Krankheit ist das bei Weitem geringste Problem.
    Seine Mutter, eine verrückte Frau, die immer kurz vor der Einweisung oder vor der Entmündigung. Vor vielen Jahren, als er und sein Bruder noch Kinder waren, hat diese Frau ihm etwas Schreckliches angetan. Das ist der Grund, warum Jesko sich weigert, die Spende seiner Mutter anzunehmen, obwohl er kurz vor dem Tod steht. Er will die Rettung von ihr nicht und weigert sich, mit seiner Mutter zu sprechen. Sein Vater hat Erinnerungen aus dem Krieg, die ihn nicht loslassen. Sein Bruder, der perfekte Sohn seines Vaters, verbirgt seine geheimnisvollen Abgründe.

    „Seit Jahren leben wir in dieser geflügelten Bitterkeit, die im Rhythmus der Zugvögel verlässlich entkommt, in südlichen Gestaden überwinternd, und wenn sie fast vergessen ist, verdüstert sich der Himmel, sie kehrt zurück und baut sich in unseren Herzen Nester.“ (S. 59)

    Schreibstil
    Das Besondere des Romans ist die Sprache des Autors, der seine Figuren auf einmalige Art auswählt, um auf einem schmalen Grat zwischen sarkastisch, absurd und auch realistisch seine Geschichte zusammensetzt.
    Jesko berichtet als Icherzähler über die Ereignisse. Kraus' Sprache ist plastisch und bilderstark, die Dialoge sitzen perfekt. Chris Kraus zeigt, dass er mehr kann als gut unterhalten. Sein Erzählstil lässt Emotion zwischen lachen und weinen aufkommen.
    Rückblenden eigener Erinnerungen lassen Fragen beantworten, aber auch diffus offenstehen.

    Fazit
    Das Sprichwort „Scherben bringen Glück“ wird oft zitiert, wenn ein Gefäß zerbrochen ist. Tanzen kann eine Therapieform sein, eine Form sozialer Interaktion oder schlicht ein Gefühlsausdruck. Und Scherben und Tanz zusammen?
    Chris Kraus hat nachdenklich gemacht mit seiner Geschichte um verpasste Chancen, um verfehlte Hoffnungen und Lebensniederlagen. Er erzählt sie realistisch und absurd, so wie das Leben heute manchmal ist.

  1. Liebevoll wie ein offenes Messer

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jan 2021 

    Wenn ich nach Bildern für diesen Roman suche, denke ich an Dinge, die verletzen. Messer, Nadeln, Stacheln, Säure, Scherben, Feuer. Oder vielleicht ein Katana – so scharf geschliffen, dass es schon bis auf die Knochen durchs Fleisch gleitet, bevor man den Schmerz registriert.⠀

    Die Diskrepanz zwischen dem, was Familie in der Idealvorstellung bedeuten sollte, und dem, wie Familie sich hier in bitterster Konsequenz präsentiert, tut weh. Ach je, ich denke schon in Klischees, aber: mir blutete das Herz. Der instinktive Versuch, zum Trost wenigstens einen Schuldigen zu entlarven, schlug fehl; die Geschichte ist zu komplex angelegt für eine stumpfe Aufteilung in “gut” und “böse”.⠀

    Es wäre allzu einfach, mit anklagendem Finger auf die misshandelnde Mutter zu weisen: Schande, Schande, Schande. Burn the Witch. Aber das würde die Tragik zu sehr auf das Oberflächliche reduzieren – ich hasse, was Käthe den Kindern angetan hat, aber ich kann SIE nicht hassen. Sie ist in meinen Augen nicht weniger ein Opfer dieser Situation.⠀

    Schon nach wenigen Kapiteln fragte ich mich: wieso hat diese Frau nie Hilfe bekommen, was auch die Söhne beschützt hätte? Ihre Wahnvorstellungen und bipolaren Episoden hätten deutlicher kaum sein können. Sie ist tatsächlich ein großartig geschriebener Charakter, der sich einfachen Erklärungsversuchen entzieht. Der Autor gesteht ihr den nötigen Raum zu, sich ehrlich und ungeschönt zu zeigen, lässt aber auch immer wieder ihr Potential durchscheinen, was sie umso tragischer macht.⠀

    Sie denkt sich die wildesten Geschichten aus, was sie in ihrem Leben schon alles erlebt und getan hat, was erst lächerlich klingt, geradezu armselig. Sie glaubt selber jedes Wort, als Leser*in ist man peinlich berührt – doch im Laufe des Buches klingt an, dass darin auch viel Wahrheit steckt.⠀

    Ich habe mich binnen weniger Zeilen in Jesko verliebt, obwohl ich durchaus auch seine Fehler sehe. Er ist ein kreativer Mensch mit einer Unmenge an Potential, der aber auch ein launischer kleiner Mistkerl sein kann – besonders gegenüber von Krankenschwestern, die er als Berufsgruppe aus Prinzip hasst. Aber ich konnte den Gedanken kaum ertragen, all dieses Potential könnte vom Krebs einfach ausgelöscht werden.⠀

    Jesko ist in meinen Augen eine zutiefst verletzte Seele; er ist mitten im Fall und hat niemanden, der ihn auffängt. Doch sein Sprachwitz ist einfach kostbar, und der Humor ist tatsächlich bitter nötig, um den Schmerz zu lindern, der kontinuierlich aus den Seiten sickert. Der Humor hält die Balance und erlaubt den Leser*innen kurze Verschnaufpausen. Durchatmen, einen Schritt zurücktreten, sich für den Moment lösen von den Figuren. Sich den Anflug von Hoffnung erlauben, dass ein Happy End vielleicht noch möglich ist.⠀

    “Er öffnete die Beifahrertür. Meine Mutter schwappte heraus und fiel in den Regen. Ich erkannte sie daran, dass sie nicht wieder aufstand.”⠀
    (Zitat)⠀

    Sterben will Jesko nicht, ans Leben bindet ihn aber scheinbar auch nichts. Doch sein Vater und Bruder wollen ihn zum Überleben zwingen, und damit zur Konfrontation mit der Mutter, die als Knochenmarkspenderin möglicherweise in Frage käme.⠀

    Damit stehen sich hier zwei Menschen gegenüber, denen der freie Wille genommen wurde – in Käthes Fall: mal wieder. Das ist nicht unbedingt der beste Nährboden für Kommunikation, geschweige denn Vergebung! Aber im erzwungenen Wechselspiel lassen sich durchaus Berührungspunkte und widerwillige Gemeinsamkeiten erkennen. Jesko als Spiegelbild lässt erahnen, wer Käthe mit psychiatrischer Hilfe möglicherweise hätte sein können.⠀

    Die Menschen, die um Käthes Misshandlung von Jesko und Ansgar wussten, legten deren Leid auf die Waagschale – doch der Status Quo wog offenbar schwerer als Striemen und blaue Flecken auf Kinderhaut. Der Vater, der dominante Patriarch im Hintergrund, bleibt dabei seltsam farblos, was ich als bewusste Entscheidung sehe; die zentralen Figuren in diesem Kammerspiel sind Käthe und Jesko.⠀

    Was man über den Vater erfährt, macht ihn aber ohnehin nicht gerade zum Sympathieträger: er hegt und pflegt den Standesdünkel und redet sich die Nazivergangenheit der Familie schön. Jeskos Bruder Ansgar wandelt derweil mit ererbter Arroganz in den väterlichen Fußstapfen, was zwischen den beiden Brüdern steht. Ohnehin ist da anscheinend viel zu Bruch gegangen seit dem gemeinsam durchlebten Trauma – und am Schluss zeigt sich Ansgar auf schlimmste Art als Produkt dieser Kindheit.⠀

    “Seit Jahren leben wir in dieser geflügelten Bitterkeit, die im Rhythmus der Zugvögel verlässlich entkommt, an südlichen Gestaden überwinternd, und wenn sie fast vergessen ist, verdüstert sich der Himmel, sie kehrt zurück und baut sich in unseren Herzen ihr Nest.”⠀
    (Zitat)⠀

    Der sympathischste Charakter ist wohl “Zitrone”, wie Ansgar seine Freundin nennt. Sie ist Krankenschwester und damit automatisch Jeskos Nemesis, und sie soll sich um ihn und seine Mutter kümmern, bis diese zur Knochenmarksspende überredet / gezwungen / genötigt werden kann. Sie ist ein Lichtblick, ein Leuchtfeuer der Normalität in dieser kaputten, alles andere als normalen Familie — doch dann zeigt sich, das auch Zitrone Dinge verbirgt.⠀

    Das klingt alles nach einem deprimierenden Trauerspiel… Tatsächlich ist der Roman aber auf ganz eigene Art unterhaltsam und spannend. Die Geschichte funktioniert immer wieder “obwohl” – trotz diverser Stolpersteine, die einen weniger begabten Autor sicher zu Fall gebracht hätten. Es hat mir Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen, auch wenn der Tanz über die Scherben oft eine schmerzliche Erfahrung war.⠀

    Beim Lesen habe ich mir einige Notizen zu dieser Geschichte einer dysfunktionalen Familie gemacht. Die erste davon war: “Ich habe mich direkt in den Schreibstil verliebt: tolle Sogwirkung, interessante Bilder, und die Sprache hat auf jeden Fall eine ganz eigene Note. Mehr gute Zitate, als man für eine Rezension gebrauchen kann.” Daher kommt hier jetzt noch ein letztes dieser Zitate:⠀

    “Ich glaube, Heimat kann eine ziemlich endlose Fläche sein, eine bösartige Wüste, durch die du stapfst, ohne jemals anzukommen. Heimat kann überall aufplatzen, egal wo du dich aufhältst. An den Schmerzen erkennst du, ob du zu Hause bist. Nicht am Türschild.”⠀
    (Zitat)⠀

    Fazit:⠀

    Der junge Modedesigner Jesko hat sich bis zu einem gewissen Punkt von seiner toxischen Familie gelöst. Dummerweise stirbt er gerade an Krebs und weder Vater noch Bruder sind als Knochenmarkspender geeignet. Bleibt nur noch seine physisch und psychisch kranke Mutter, die kurzerhand im Auftrag des Vaters von der Straße gekidnappt wurde, wo sie als Obdachlose lebte – von der will Jesko aber nichts annehmen, nachdem sie seine Kindheit zur Hölle gemacht hat. Doch dann findet er sich quasi als Gefangener in der väterlichen Villa wieder und wird genötigt, sich ein Zimmer mit seiner Mutter zu teilen, um diese zu überreden, Knochenmark zu spenden.⠀

    Der Roman nimmt den Leser mit auf eine tragikomische Gratwanderung durch die Abgrunde einer dysfunktionalen Familie, in der nur noch der schöne Schein stimmt – wenn man nicht zu genau hinschaut. Jesko und seine Mutter Käthe sind großartige komplexe Charaktere, die sich binären Vorstellungen von gut oder böse entziehen, und das Buch punktet darüber hinaus mit einem wunderbaren Schreibstil.

  1. Dancing with tears in my eyes

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 06. Jan 2021 

    Komisch, dieser Titel von Ultravox fiel mir gerade spontan ein, als ich über einen Titel für meine Rezension zu „Scherbentanz“ von Chris Kraus nachdachte. Und je länger ich das sacken lasse, umso mehr fasziniert mich der Titel (das Lied gehört schon lange zum „Soundtrack meines Lebens“) – drückt er doch eigentlich perfekt aus, was ich über das Buch denke. Ich bin nämlich eigentlich selbst traurig darüber, dem Roman kein gutes Urteil zu geben, dass es „zum Heulen“ ist.

    Dabei sind die Zutaten des Debütromans (Erstveröffentlichung: 2002 und jetzt (2020) in einer Neuauflage im Diogenes-Verlag erschienen) des Regisseurs und Autors eigentlich gar nicht so schlecht: (Auto-)biografisch angehauchte Familiengeschichte mit schrägen Figuren, purem Sarkasmus vermengt mit philosophischen Zitaten von Lucius Annaeus Seneca (römischer Philosoph). Also eigentlich alles, was mich interessiert, wenn – ja, wenn das Wörtchen wenn nicht wär.

    Entweder war es das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt in meinem Leben oder aber ich konnte mit der völlig kaputten Familie Solms, in der nichts ist, wie es im ersten Moment scheint, wirklich nichts anfangen. Weder der im Angesicht des Todes verbreitete tiefschwarze Sarkasmus von Jesko (er hat Leukämie und soll von seiner psychisch mehr als labilen Mutter Stammzellen gespendet bekommen) noch die relativ rasant gesetzten Schnitte in Sprache und Handlung (hier kommt anscheinend der Regisseur Kraus durch *g*) konnten mich fesseln oder in ihren Bann ziehen.
    Auch das „Nachwort“ mit einer Episode aus Kraus´ Leben, die in wohl zu „Scherbentanz“ animiert hat, fand ich nicht besonders witzig.

    Ich weiß, ich stehe relativ allein mit meiner Meinung, aber ich konnte und kann dem „Scherbentanz“ nichts abgewinnen und spreche deshalb auch keine Leseempfehlung aus.

    Für die ein oder andere gelungene Passage und die Zitate von Seneca gibt´s jeweils einen Stern; mehr ist für mich nicht drin. So, und jetzt gehe ich wieder tanzen…

    ©kingofmusic

  1. Großes Erzählkino!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Jan 2021 

    Wikipedia sagt: "Eine Literaturverfilmung, von der Literatur detaillierter als Filmadaption betrachtet, ist die Umsetzung einer literarischen Vorlage im Medium Film."
    Zuerst kommt also der Roman und danach der Film. Der deutsche Regisseur und Schriftsteller Chris Kraus zäumt das Pferd jedoch scheinbar gern von hinten auf: erst der Film und dann der Roman. Sein erster Film "Scherbentanz" kam 2002 in die Kinos. Erst ein Jahr später veröffentlichte Chris Kraus den gleichnamigen Roman.

    Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans ist Jesko, Anfang 30, Spross der deutschen Zementfabrikanten-Familie Solm, baltische Wurzeln, Mode-Designer mit Hang zum Tragen von Männerröcken, ein Zyniker wie er im Buche steht, das schwarze Schaf der Familie und todkrank.
    Jesko hat nicht mehr lange zu leben, bestenfalls sind es noch Monate. Denn eine Krebserkrankung hat ihm einen Strich durch seine Zukunftspläne gemacht. Die bisherigen Therapieversuche sind gescheitert, eventuell könnte noch die Knochenmarkspende eines Verwandten sein Leben verlängern. Familie hat er reichlich, aber keiner scheint in das nötige Knochenmarkprofil zu passen.

    "'Ein Meter achtzig. Ungefähr siebzig Kilo. Dünn. Schmächtig. Leukämie. Anfang dreißig. Hat Angst, dass sich die ganze Welt, wenn er die Deckung auch nur für eine Sekunde aufgibt, in ein Chaos verwandelt. Trägt Röcke. Aus Wut vielleicht. Von Beruf Schneider. Wäre lieber Coco Chanel oder so. ... Hält nette kleine Beobachtungen für das einzig Wichtige im Leben. Legt sich mit allen an, die anderer Ansicht sind. ...'"

    Die Hoffnung von Jeskos Familie lastet nun auf Käthe, Jeskos Mutter. Die Sache hat nur einen Haken: Käthe ist seit Jahren von dem Familienpatriarchen Gebhard, der Jeskos Vater ist, geschieden. Zudem ist sie geistig nicht ganz auf der Höhe, weshalb ihr Verhalten unberechenbar ist und sie äußerst aggressiv werden lässt. Insbesondere Ex-Mann und Familienoberhaupt Gebhard musste schon einiges einstecken. Auch Jesko und sein älterer Bruder Ansgar hatten in ihrer Kindheit unter den Ausbrüchen von Käthe zu leiden, was nun die Entscheidung für Jesko, die Hilfe von Käthe in Anspruch zu nehmen, nicht einfach macht. Am Ende siegen Jeskos Lebenswille sowie Geld und Einfluss der wohlhabenden Familie, um Käthe auf dem Anwesen der Familie Solm einzuquartieren. Auch Jesko wird für die nächsten Wochen hier wohnen. Schließlich gilt es zu prüfen, ob Käthe überhaupt als Knochenmarkspender geeignet ist. In dieser Zeit des Wartens passiert so einiges in dieser Familie. Der Leser lernt nach und nach die einzelnen Familienmitglieder kennen und solche, die es werden wollen. Dabei stellt sich heraus, dass es Geheimnisse in dieser Familie gibt, über die man nicht sprechen möchte.

    "Das Gehirn meiner Mutter ist einen anderen Weg gegangen. Es hat sich aus einen vielversprechenden mentalen Hyperzyklus in pure Materie zurückverwandelt, in ein heißes, klebriges Stück Teer, aus dem es kein Entrinnen gab für die wenigen Gedanken, die noch hinauswollten."

    "Scherbentanz" ist Kopfkino pur. Denn man merkt diesem Roman an, dass hier ein Filmemacher am Werk war. Ich habe selten einen Roman gelesen, der dermaßen präzise Bilder vor dem geistigen Auge entstehen lässt. Die Geschichte birgt natürlich sehr viel Potenzial für eine Verfilmung: eine verkorkste und reiche Familie, die von ihren Geheimnissen aus der Vergangenheit eingeholt wird, schräge Charaktere, Emotionen, bissiger Humor und Tragik.

    Die Charaktere in diesem Roman sind gewöhnungsbedürftig, teilweise sogar klischeehaft, was ich jedoch mochte, da die Klischees sehr originell rübergebracht werden. Der Protagonist und Ich-Erzähler Jesko ist natürlich besonders, da er sich im Verlauf der Handlung von einem todgeweihten, zynischen Ekel zu einem Charakter entwickelt, der sensibel und verletzlich ist, und völlig andere Seiten von sich zeigt, als man es ihm anfangs zugetraut hätte.

    So schräg die Charaktere in "Scherbentanz" sind, so geradlinig ist der Sprachstil in diesem Roman. Ich mag es, wenn ein Autor nicht lange palavern muss, um Bilder in meinem Kopf entstehen zu lassen. Hier sitzt jeder Satz. Chris Kraus gelingt es, mit wenigen Worten, aber viel Wortwitz das Kopfkino zum Laufen zu bringen. Der schwarze Humor, der dem Leser dabei begegnet, trägt zur Unterhaltung bei. Dennoch verliert dieser Roman nie seine Ernsthaftigkeit.

    Schön sind auch die Überraschungen in diesem Buch, welche häufig klitzekleine Momente sind (bspw. in einem Nebensatz), die jedoch einen umso größeren Effekt auf die Handlung haben. Das sorgt für Spannung, so dass in diesem Buch immer etwas los ist.

    Fazit:
    Eine schräge Geschichte mit schrägen Charakteren in einer geradlinigen Sprache erzählt. Ein unglaublich guter Roman!

    © Renie

  1. Interessante Familiengeschichte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Dez 2020 

    Interessante Familiengeschichte

    Scherbentanz von Chris Kraus ist ein eigenwilliger aber dennoch brillanter Roman. Er zeigte mir wieder mal, dass die Fassade von Reichtum trügerisch ist, doch dies zeigt er nicht durch anprangern. Chris Kraus versteckt die Seitenhiebe in einer tragischen wie auch komischen Familiengeschichte, die bis zu den Wurzeln einer Großfamilie zurück reicht.

    Der 33 jährige Jesko Solm kommt nicht gut aus mit seinem Vater Gebhard, der eher solide Ansichten vertritt. Diese harmonieren nicht mit denen des Modeschöpfer, der gern Röcke trägt und kein Blatt vor den Mund nimmt. Nach außen muss alles perfekt sein bei der Unternehmerfamilie, niemand möchte negative Publicity. Doch als Jeskos Erkrankung an Leukämie einen Spender erforderlich macht, darf die geschiedene Frau, Käthe, gezwungenermaßen auf das Anwesen der Solms, um als möglicher Spender zu fungieren.
    Die aktuelle Freundin von Ansgar, Jeskos Bruder, ist Krankenschwester, und soll gemeinsam mit Jesko nebenan mit Käthe im Gartenhaus wohnen und sie in Schach halten. Jesko will seine Mutter, die geistig verwirrt ist, und den Kindern in der Vergangenheit schreckliches angetan hat, eigentlich nie wieder sehen, doch er beugt sich dem Druck der restlichen Familie.

    Chaos ist natürlich vorprogrammiert, doch zwischen diesem Chaos blitzen Fragmente aus der Vergangenheit ans Licht, die ein gänzlich anderes Licht auf die Familie werfen. Auch Käthes Verhalten wird im Laufe des Romans erläutert, und der Leser bekommt am Ende eine andere Sicht geboten. Wer glaubt schon einer Irren? Dies kam dem Familienoberhaupt Gebhard natürlich gut aus, und ein großes Geheimnis wird am Ende leider nicht geklärt, auch wenns die Gemüter der Familie doch sehr erhitzt hat. Wie im wahren Leben bleiben Dinge offen, die zwar alle interessieren, doch nie offenbart werden.
    Jesko machte in meinen Augen ebenfalls eine beachtliche Transformation durch, denn er entpuppte sich als umgänglicher Mensch, ganz entgegen meiner ursprünglichen Meinung. Jeskos Art und sein Humor lockerten die Handlung für mich enorm auf.

    Am Ende des Romans herrschte zwar ein wenig viel Friede-Freude-Eierkuchen vor, doch es sei Chris Kraus verziehen, denn ich habe mich köstlich amüsiert, und den verqueren Humor sehr genossen.

    Der Roman regte mich zum nachdenken an, und ließ mich auch staunen, denn Kraus hat wirklich eine interessante Art seine Geschichte zu verpacken. Salopp gesagt ist dies wohl einer der kritischsten Romane der humoristisch wiedergegeben wird. Mir hat es gefallen!

  1. Auf den Punkt

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Dez 2020 

    Jesko von Solm hat Leukämie. Zu seiner Mutter Käthe hat er seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr, seit sie versucht hat Jesko und seinen Bruder Ansgar umzubringen. Nun soll aber die Mutter als Knochenmarkspenderin Jeskos letzte Überlebenschance sein. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Mutter leidet an diversen psychiatrischen Erkrankungen, ist schwere Alkoholikerin und sowieso Persona non grata in der Familie von Solm.

    Es ist eine sehr verstörende Geschichte über eine äußerst dysfunktionale Familie, die der deutsche Autor und Filmregisseur Chris Kraus in seinem Roman „Scherbentanz“ erzählt. Kraus‘ Protagonist Jesko, so wie auch dessen Bruder Ansgar, erlebte eine Kindheit an der Seite einer psychotischen Mutter und eines kaltherzigen Vaters.

    Der Patriarch von Solm etablierte sich in der Baustoffindustrie, ist in zweiter Ehe ganz klassisch mit der ehemaligen Sekretärin verheiratet. Die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Herkunftsfamilie trägt Gebhard von Solm als Aushängeschild vor sich her. Ansgar tritt ins Familienimperium ein. Aber der Exzentriker Jesko distanziert sich von der Familie, hebt sich allein schon im Aussehen und Kleidung – er hat ein Faible für Herrenröcke – ab, ist nicht von Beruf Sohn, sondern wurde Modedesigner. Mit der Philosophie Senecas und erstklassigem Zynismus rüstet er sich gegen alles, was ihm nahekommen könnte. Erst seine Erkrankung treibt ihn gezwungenermaßen in den kalten Schoß der Familie zurück.

    „Kaum ein Mensch weiß um die eigene Seele, ihren Geiz, ihre Arroganz, ihre Habgier oder abgrundtiefe Gemeinheit. Wir alle sind blind, wenn es um die andere Seite unseres Mondes geht, auf die kein Sonnenstrahl trifft.“

    Jeskos vordergründige Arroganz beginnt zu bröckeln, als er sich seiner Mutter zu nähern beginnt. Käthe hat einige große Auftritte. Nie kann man sich bei ihr sicher sein, ob diese ihrem Wahnsinn entsprechen oder bewusst in Szene gesetzt werden.

    Die Szenerie beherrscht Chris Kraus, dies ist sicher auch seinem Metier als Filmregisseur geschuldet. Pointiert, bitterböse, voller schwarzem Humor bringt er diese zerbrochene Familie auf den Punkt. Ein Scherbentanz.

  1. Sehr eigenwillig

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 27. Dez 2020 

    Jesko ist das schwarze Schaf der Industriellenfamilie Solm. Er ist Modedesigner, trägt gerne Röcke und sagt meist sehr direkt, was er denkt. Gesellschaftliche Normen und Zwänge sind ihm ein Gräuel und oft verhält er sich provokant dagegen.
    Eigentlich hat er seit Jahren mit der Familie gebrochen, zu vieles ist passiert, gesagt oder eben nicht gesagt worden. Doch nun hat Jesko Leukämie und seine Mutter käme eventuell als Knochenmarkspenderin in Betracht. Doch auch die Mutter ist eigentlich seit Jahren von der Bildfläche verschwunden gewesen, alkoholkrank und verrückt. Nun hat der Vater die Mutter ausfindig gemacht und im Gartenhäuschen einquartiert. Hier soll auch Jesko wohnen, bis eine medizinische Untersuchung ergibt, ob die Mutter als Spenderin in Frage kommt oder nicht.
    Der Empfang bei der Familie Solms verläuft nicht so, wie man sich das üblicherweise vorstellt. Der Vater ist mit Gästen beschäftigt, das Häuschen muss er zunächst einmal grundreinigen und von Mäusen befreien, um die verrückte und ständig betrunkene Mutter kümmert sich Simone, genannt Zitrone, die Verlobte seines Bruders Ansgar. Dieser hat eigentlich schon wieder eine andere, standesgemäßere Freundin, aber Zitrones Pflegedienste an der Mutter sind eben doch gerade so geschickt....
    ,,Scherbentanz" ist für mich ein schwieriges Buch. Sehr gut gefallen mir Sprache und Stil des Autors, die sich durch einen genialen Wortwitz, Ironie und Sarkasmus auszeichnen.

    So wird z.B die neue Freundin des Bruders so von Jesko beschrieben:
    ,,Ihre Überheblichkeit wäre erträglich gewesen, hätte sie nicht diesen Vorhang aus intellektueller Unterforderung dazugewebt. Sie wirkte, als wolle sie eignentlich Sätze sagen wie : Die Intuition eines Features hasardiert losgelöst von der Wissenschaft , die sich mit mathematischen Schritten baltischen Paradoxons und ostpreußischen Infinitums annähert, denn manchmal macht die Ars longa den sentimentalen Pathfinder der historischen Scientia." (S. 155)
    Allerdings gibt es auch sehr viele merkwürdige Ereignisse oder böse und grausame Situationen, die zwar das bitterböse Familiendrama vor Augen führen, mich aber eher abstoßen als anrühren.
    Auch wenn man sich vorstellen kann, dass Familienbande sehr schwierig, verletzend und teilweise auch gnadenlos sein können, wundert man sich doch, dass Jesko sich auf diese ,,Familienschlacht", wie es im Klappentext heißt, einlässt. Seine Waffe ist sein Zynismus, der teilweise witzig, teilweise aber auch schwer erträglich ist.
    Ein interessanter, aber auch sehr eigenwilliger Roman.

  1. Leben heißt manchmal jeden Tag zu kämpfen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Dez 2020 

    "Was auch immer für ein Ende mir das Schicksal bestimmt hat, ich werde es ertragen." (Lucius Annaeus Seneca)
    Der junge Modedesigner Jesko, der ein Faible für Röcke hat, ist an Leukämie erkrankt und braucht dringend einen Knochenmarkspender. Die letzte Möglichkeit scheint seine psychisch kranke Mutter zu sein, auf die er in der elterlichen Villa trifft, wo man ihn heimlich unter einem Vorwand angelockt hat. Doch Jesko weigert sich erst mal, die Mutter als Spenderin anzunehmen. Viel zu präsent sind in ihm noch die Erinnerung an seine Kindheit und das, was er und sein Bruder mit seiner Mutter erleben mussten. Doch hat Jesko überhaupt eine andere Wahl, wenn er nicht sterben möchte?

    Meine Meinung:
    Das Cover fand ich schon ein wenig eigenwillig, ich konnte erst etwas damit anfangen, als ich in die Geschichte eingetaucht bin und erfuhr, das Jesko dieses Faible für Röcke hat. Der Schreibstil ist gut, jedoch empfand ich ihn sehr oberflächlich. Leider wird mir viel zu wenig in die Vergangenheit der Familie und selbst in die des Familienoberhaupts eingegangen. Der Autor beschreibt zwar sprachgewaltig die Familie, die eigentlich schon lange keine Familie mehr ist. Sodass selbst ich als Leser nach und nach mitbekomme, was in dieser Familie schiefgelaufen ist. Zwar werden manche Aussagen nur oberflächlich und größtenteils durch die Blume angedeutet. Was das Lesen der Geschichte nicht gerade einfacher für mich macht. Alle Mitglieder der Familie haben für mich im Grunde ihre ganz eigene Problematik, die sie mit sich herumschleppen. Kein Wunder bei dem, was jeder Einzelne erleben musste. Jesko scheint das schwarze Schaf der Familie zu sein, weshalb er schon recht früh weggegangen ist. Seinen großen Halt findet er in einem blauen Buch von Seneca, das er immer bei sich trägt. Dass man Jesko zu seiner kranken Mutter ins ehemalige Haus der Tanten einquartiert, statt ihn zu sich in die Villa zu nehmen, hat mich ebenfalls ein bisschen verwirrt. Scheint es daran zu liegen, das sie an ihm hängen und sie Jesko helfen möchten? Oder will man ihn nicht zu nahe bei sich haben? Dass er dazu noch als Kranker das komplette Haus putzen muss, fand ich schon recht schräg und ungerecht. Dass er überhaupt an so ein zu Hause zurückkehrt, war für mich unverständlich. Doch vielleicht war es wirklich nur aus Verzweiflung, weil er sich Hilfe von seiner Familie erhofft hat. Doch irgendwie scheint dieses zu Hause wieder seine Erinnerungen an früher zu wecken. Seine Probleme, die er zu Anfang mit Ansgars Freundin Simone hat, konnte ich ebenfalls nicht ganz nachvollziehen, war es aus Eifersucht? Immer stärker wird mir die Unterschiedlichkeit der Brüder klar. Während Jesko doch mehr von seiner Mutter hat, scheint Ansgar dem Vater total hörig zu sein. Doch Jesko scheint nach 20 Jahren Trennung von seiner Mutter zum ersten Mal klar zu sein, das die Probleme von ihr eigenen Ursachen hat. Nie wurde über bestimmte Vorkommnisse gesprochen. Selbst heute noch lässt der patriarchische Vater sich nicht in alle Karten blicken. Für mich war es ein erschreckendes, frustrierendes Familienbild, das hier der Autor beschreibt. So ganz klar bin ich am Ende trotz allem nicht geworden, was der Autor mir damit wirklich sagen wollte. Den ich glaube oder hoffe nicht, dass es so eine chaotische Familie wirklich gibt. Der schwarze Humor dagegen stimmte mich eher traurig, als das ich lachen konnte. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte manche Szenen deutlicher und detaillierter dargestellt. So jedoch blieben bei mir nach dem Buch viel zu viele Fragen unbeantwortet. Ich hatte da doch mehr erwartet anhand des Klappentextes deshalb von mir nur 3 von 5 Sterne.

  1. Im Angesicht des Todes...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Dez 2020 

    "Ein Sommer kann sehr kurz sein. Dann kommt ein bisschen Herbst, und im Handumdrehen liegt Laub auf den Friedhöfen." (S. 32)

    Jesko ist todkrank, ja, aber außerdem und vor allem ist er ein Zyniker, der das Leben dadurch versucht erträglich zu gestalten, indem er stets ein Buch des altrömischen Philosophen Seneca bei sich trägt - zu dem er aber, wie sich später herausstellt, ebenfalls eine zynische Einstellung pflegt. Wie überlebenswichtig der Zynismus für Jesko ist, stellt der Leser rasch fest, als er dessen Familie kennenlernt: Vater, Mutter, Stiefmutter, Stiefgeschwister und Bruder samt Freundin. Ausreichend Stoff, der manch anderen in die Verzweiflung getrieben hätte, doch Jesko hat seinen eigenen Weg gefunden, mit den Widrigkeiten des Lebens im Allgemeinen und der Familie im Besonderen umzugehen.

    Die Zement-Dynastie hat Jesko nie gereizt, die aalglatten Verlogenheiten der High-Society ebenso wenig. Sein Bruder dagegen folgt dem Vater nach, wird das Zementwerk Solm dereinst übernehmen, und hält sich auch an die gesellschaftlichen Gepflogenheiten der Upperclass. Jesko dagegen ist eher das schwarze Schaf der Familie, interessiert sich für Mode, trägt Röcke statt Hosen und sagt recht unverblümt was er denkt. Doch der Vater will den nahenden Tod seines Sohnes nicht einfach hinnehmen und greift daher nach jedwelchem Rettungsanker.

    Dafür wurde Jeskos Mutter ausfindig gemacht, die seit Jahrzehnten von der Bildfläche verschwunden war. Obdachlos, Alkoholikerin, psychisch krank - für die ach so ehrenwerte Familie Solm definitiv kein Vorzeigekandidat. Und so verbannt der Vater seine Ex-Frau in das 'Tantenhaus', ein kleines Häuschen am See - und Jesko gleich noch dazu. Jesko behagt diese Vorstellung gar nicht. Er mag sich nicht um seine Mutter kümmern, die ihn und seinen Bruder nicht nur im Stich gelassen, sondern als Kinder fast umgebracht hätte. Würde er ihre Dieste als Knochenmarkspenderin tatsächlich in Anspruch nehmen? Wohl kaum.

    Doch Jesko richtet sich ein in dem Sommer in seinem Elternhaus, schläft in den warmen Nächten auf der Veranda, kämpft gegen eine Mäuseplage und stellt sich auf seine zynische Art seinen Erinnerungen wie auch aktuellen Ereignissen, die einige Familiengeheimnisse zu Tage bringen, die manch einer wohl lieber im Verborgenen gehalten hätte. Was für eine Familie! Es ist nicht zu viel gesagt, dass einem Jeskos Mutter im Verlauf der Erzählung fast noch als die zugänglichste und normalste Person erscheint.

    "Und das Leben glich den Kondensstreifen am Himmel, die in alle Richtungen verblassten." (S. 223)

    Diese eigenwillige Familiengeschichte wird in einer verknappten Sprache erzählt, aufs Wesentliche reduziert, dabei aber hinter dem Zynismus voller Emotionen im Hintergrund. Melancholisch aber leicht - große Kunst.

    Mir hat der Roman sehr gut gefallen, allerdings bleiben am Ende einige angerissenen Themen bzw. Fragen offen, was mich doch etwas störte. Deshalb gibt es von mir hier nicht die volle Punktzahl. Aber empfehlen kann ich den Roman dennoch - für jeden, der gerne einmal etwas ganz anderes lesen möchte.

    © Parden

  1. Hinter den Kulissen des schönen Scheins

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Dez 2020 

    Schande über mein Haupt, aber Kraus war mir bisher weder als Autor, noch als Regisseur bekannt. Vorsichtig tastete ich mich also an diese 220 Seiten dünne Geschichte über einen an Leukämie erkrankten Exzentriker, beziehungsweise Aussteiger und Sohn aus reichem Hause an. Seine leibliche Mutter, längst geschieden und in die alkoholgetränkten Tiefen von Depression und Schizophrenie abgestiegen, scheint der einzige Lichtblick für eine Stammzellenspende zu sein. Aber Jesko zögert. Zuviel hat die Mutter in seiner Kindheit nach der Scheidung von seinem Vater zerstört. Wärend Jesko im Modedesign Abstand gewann, hat sich sein Bruder für Aufstieg und Thronfolge im väterlichen Betrieb entschieden, mit all seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen und Bewahrung des Scheins.
    Und der Schein trügt! Denn nichts scheint hinter den Kulissen des herrschaftlichen Anwesens zu stimmen und der Showdown der Zusammenkunft aller Familienmitglieder zwecks Rettung von Jeskos Leben, erweckt alle Kellerleichen.

    Sowohl die Mutter, als auch Jesko werden unter einem Vorwand zur Villa gelockt. Sie sollen sich versöhnen und hoffentlich gesunden helfen. Die Freundin des Familienerben Armin(Jeskos Bruder), wird zur privaten Krankenschwester der beiden umfunktioniert, obwohl sie eigentlich schon längst auf der Abschussliste steht, da sie für diese Familie nicht gesellschaftsfähig genug ist. Dieses Außenseitertrio wuppt dann aber auch die Geschichte aus dem Gartenhaus des Grundstücks heraus, lässt alte Erinnerungen gründlich aufkochen und gegen den patriarchischen Widerstand den wirklichen Retter Jeskos aufspüren.

    Das Buch gewinnt durch seine ungewöhnliche, aber zielsichere Wortwahl, die der eigentlich tragischen Familiengeschichte eine fast schon satirische, auf jeden Fall aber ironische Form verleiht. Die Leichtigkeit der bildhaften Vergleiche verleiten zum Lachen, die fehlenden Längen lassen das Bild der dysfunktionellen Familienstruktur umso krasser hervortreten. Das Ende fordert Opfer, findet Überlebende und lässt ein Trümmerfeld als Statement zurück.

    Einfach grandios und subjektiv das Beste an dem Buch aber ist das Nachwort, in dem Kraus in Begleitung von Volker Schlöndorff vom Zusammentreffen mit Günter Grass erzählt. Aus Kraus gescheiterter Lebensaufgabe wurde schließlich die Geburtsstunde des Scherbentanzes. Kraus eigene Syntax bekommt hier ihre ganz besonderen Wiedererkennungswert.

  1. Ein besonderer Roman

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Dez 2020 

    Der Modedesigner Jesko ist sehr speziell. Er trägt gerne Röcke und gesellschaftlichem Zwang beugt er sich nicht. Doch er hat Leukämie und nicht mehr lange zu leben. Er wird unter einem Vorwand in die Villa seiner Familie gelockt, denn seine Mutter soll als Knochenmarkspenderin in Betracht kommen.

    Ich war sehr gespannt auf diesen Roman, denn die Bücher aus dem Diogenes Verlag sind häufig sehr besonders.
    Das Buch ließ sich sehr gut und zügig lesen. Ich konnte mir die Personen bildhaft vorstellen, und die Szenen liefen wie ein Film vor meinen Augen ab. Mir gefiel dieser besondere Schreibstil sehr gut. Es war eine tolle Mischung aus Tragik und Humor.
    Die Personen wurden sehr gut beschrieben und ihre Besonderheiten prima herausgearbeitet. Sie waren alle sehr unterschiedlich und ihre Entwicklungen teilweise überraschend. Sie waren nicht alle sympathisch, aber dennoch sehr passend in ihren Rollen. Witzig waren einige Bezeichnungen, wie z.B. die Freundin von Jeskos Bruder Ansgar, die Zitrone genannt wurde. Sowas ist schräg.
    Die Geschichte fand ich von Anfang an sehr faszinierend, ich mochte einfach diese besondere Mischung. Einerseits waren es tragische und teils sehr traurige Momente und Szenen, die dann aber durch Feinheiten in den Gedanken oder Dialogen wieder sehr humorvoll untermalt wurden, so dass ich teilweise laut losprusten musste. Dies zog sich durch das gesamte Buch hindurch. Ich liebe solch einen schwarzen Humor. Auch die bösen Szenen haben mir sehr gut gefallen. Sie waren einfach ehrlich und auf den Punkt getroffen.

    Ein wirklich besonderer Roman, dem ich tolle und unterhaltsame Lesestunden verdanke. Ich vergebe 5 von 5 Sternen.

  1. Eine zerbrochene Familie

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Dez 2020 

    „Sie hatten mich angerufen.
    Und wie.
    Fünf Stunden später kam ich in Mannheim an.
    Mitten in der Nacht.“ (S. 9)

    Der Ich-Erzähler ist Jesko, 33, gelernter Schneider mit Hang zum Modedesign und so schwer an Leukämie erkrankt, dass es keine Heilung zu geben scheint. Er stammt aus der großbürgerlichen Familie Solm, hat der Zement-Dynastie aber schon lange den Rücken gekehrt. Zu groß waren die unterschiedlichen Weltanschauungen zwischen Vater und Sohn. Jesko ist das schwarze Schaf der Familie, der Stachel im Fleisch, der Kritiker. Trotzdem hat Vater Solms ihn in die Familienvilla beordert. Offenbar will er den Sohn nicht aufgeben und ihm helfen. Skurril mutet es an, dass auch Jeskos leibliche Mutter, zu der seit Jahren kein Kontakt besteht und die geistig schwer verwirrt und äußerlich verkommen ist, „eingeladen wurde“. Patriarch Solm plant den großen Coup: Ihre Stammzellenspende soll den Sohn retten -  am besten heimlich, ohne öffentliches Aufsehen.

    Was sich daraus ergibt, ist ein rasantes Buch, wie ich bislang noch keins gelesen habe. Chris Kraus erzählt seine Geschichte sehr bildhaft, spart nicht mit übertriebenen Szenen (immer aus der Sicht Jeskos), bei denen einem jedoch das Lachen oft im Hals stecken bleibt. Er packt viele Überraschungsmomente, Dialoge und Stimmungswechsel in seinen Text.

    Jesko versucht sich innerlich, von seiner Familie zu distanzieren. Viele Verletzungen rühren aus Kindheit und Jugend, die Erinnerungen daran sind krass und dabei sehr berührend geschildert. Dass Jesko schwer krank ist, spürt man an den leisen, eingestreuten Sätzen, die belegen, dass er sich gründlich mit dem bevorstehenden Tod auseinander gesetzt hat:

    „Tod ist Nichtsein. Was damit gemeint ist, weiß ich schon lange. Nach mir wird es genauso sein, wie es vor mir war.“ (S.12)

    „Ein Sommer kann sehr kurz sein. Dann kommt noch ein bisschen Herbst, und im Handumdrehen liegt Laub auf den Friedhöfen.“ (S. 32)

    „Das Schlimmste ist, wenn du zu Pudding wirst, wenn sie dich weglöffeln können, weil du einfach keine Kraft mehr hast.“ (S. 147)

    Jesko ist sowieso bei all seiner Schnoddrigkeit ein sehr nachdenklicher Charakter. Das blaue Buch mit den Weisheiten Senecas ist sein Elixier für alle Lebenslagen.

    Familie Solm ist einigermaßen zersplittert. Vater Gebhard ist zum zweiten Mal verheiratet. Seine Gattin („Stiefi“) wirkt relativ blass und ist um die Erziehung der beiden Kinder bemüht („Saddam“ und „Khomeini“). Jeskos Bruder Ansgar wirkt wie ein oberflächlicher Mustersohn, der bedenkenlos in die Fußstapfen des Vaters tritt. Seine Freundin „Zitrone“, die sich als Krankenschwester um Jesko und die geisteskranke Mutter kümmern soll, scheint ein Lichtblick in dieser maroden Familie zu sein. Die einzelnen Figuren sind absolut nicht frei von Klischees. Komischerweise ist mir das überhaupt nicht aufgestoßen, weil Kraus niemals überdreht. Er besteht den Drahtseilakt aus (tragischer) Komik und Ernsthaftigkeit mit Bravour: Man fühlt sich durch das hohe Erzähltempo mitgezogen und fliegt nur so durch die Seiten. Der überspitzte, sarkastische Tonfall wird mit großer Empathie kontrastiert.

    Auch der Protagonist Jesko hat seine Ecken und Kanten. Auch er hat aus einer gescheiterten Beziehung eine Tochter, um die er sich nur rudimentär kümmert. Trotzdem schließt man ihn ins Leserherz.

    Im Zuge des Buches wird die komplizierte Familiengeschichte bis zur Großvatergeneration aufgedeckt, die ein wenig Verständnis auf die Figuren wirft. Die Schatten der Vergangenheit wirken bis in die Gegenwart. Auch der letzte Satz ist durchaus erwähnenswert:

    „Und das Leben glich den Kondensstreifen am Himmel, die in alle Richtungen verblassten.“ (S. 223)

    Wie Kraus im Nachwort mit viel Humor erläutert, verdankt der vorliegende Roman seine Existenz der Tatsache, dass eine für Anfang der 2000er Jahre geplante Verfilmung unter Volker Schlöndorff scheiterte, weil Chris Kraus´ Drehbuch vom Autor abgelehnt wurde. Die sich daraus ergebende freie Zeit nutzte Kraus zum Schreiben von „Scherbentanz“, das in dieser Neuauflage vom Autor noch einmal komplett überarbeitet wurde.

    Ich bin selbst überrascht, in welchem Maße mich der Roman überzeugt hat und vergebe meine 5 Sterne im Brustton der Überzeugung. Er war für mich ein Highlight zum Jahresende.

  1. Eine Story in hochverdichteter Sprache

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Dez 2020 

    Chris Kraus’ Roman Scherbentanz wurde in diesem Jahr wiederaufgelegt vom Diogenes Verlag, nachdem er bereits 2003 erschienen war und in dem Jahr auch verfilmt wurde. Chris Kraus ist eigentlich Regisseur und Filmemacher, hat aber inzwischen auch schon eine Reihe von Romanen – meist verbunden mit Filmprojekten – veröffentlicht. Die Entstehungsgeschichte des „Scherbentanz“ erzählt uns Kraus in einer als Nachwort bezeichneten Geschichte über ein desaströses Treffen von ihm mit Volker Schlöndorf und Günter Grass, auf dem ein dann gescheitertes Filmprojekt besprochen wurde. Das Scheitern dieses Projektes dann lieferte die Initialzündung zu „Scherbentanz“.
    Chris Kraus erzählt darin die Geschichte einer kurzzeitig wiedervereinten Familie, die mit viel Dramatik aber vor allem auch Sprachwitz und Humor geschildert wird. In der Villa der Familie, irgendwo an einem See in der Nähe von Mannheim gelegen, treffen nach Jahren vollkommener Funkstille wieder aufeinander:
    - Jesko, Rock tragender Außenseiter der Familie, Modeblogger und -designer, der lebensbedrohlich an Leukämie erkrankt ist;
    - Ansgar, sein älterer Bruder, der an der Seite seines Vaters lebt und darauf hinsteuert, dessen Unternehmen zu übernehmen und in seine gesellschaftlichen Fußstapfen zu treten;
    - der Vater, Unternehmensleiter und herrschendes Oberhaupt der Familie;
    - Käthe, seine Exfrau, die er einst aus dem Haus warf, da sie nicht in der Lage oder gewillt war, die gesellschaftliche Stellung neben ihm einzunehmen. Grund dafür war wohl zumindest teilweise eine psychische Störung, die auch zu einem gefährlichen tätlichen Angriff auf die Söhne geführt hat.
    Auf Initiative des Vaters kommen diese Familienmitglieder nach Jahren, in denen sie nichts voneinander wussten und gehört haben, wieder zusammen. Anlass ist der Versuch, Käthes Rückenmark als Jeskos letzte Chance auf Heilung zu nutzen. Ansonsten bleibt der Vater sehr stark im Hintergrund. Er lässt die anderen Familienmitglieder die dramatischen Figurenkonstellationen und Situationen regeln und gibt sich wohl seinen wichtigeren Geschäften und Verpflichtungen hin.
    Dieses Zusammenkommen der unterschiedlichsten Charaktere mit hochdramatischem Hintergrund aus Vergangenheit und Gegenwart liefert den Stoff für den Roman, den Kraus mit einer ganz besonderen Sprache dem Leser präsentiert. Diese Sprache ist enorm verdichtet und legt durch Sprachbilder und andere sprachliche Mittel oftmals ganze Geschehen in einzelne kurze und knappe Sätze. Als Beispiel mögen hier die ersten Sätze des Buches dienen:

    „Sie hatten mich angerufen.
    Und wie.
    Fünf Stunden später kam ich in Mannheim an.“

    In die zwei kleinen Wörter „Und wie.“ kann der Leser eine ganze Geschichte hineindenken. Die fünf Stunden bis zur Ankunft in Mannheim können sich vor dem geistigen Auge des Lesers ausbreiten.
    Kraus schafft es dabei ungemein gut, eine schwierige Gradwanderung hinzubekommen. Sein ziel- und treffgenaues Erzählen bewegt sich an der Grenze zum Überzogenen, kippt aber nicht, sondern trifft den Leser eher genau ins Herz beziehungsweise ins Hirn, mit dem er dem Geschehen mit großem Genuss, Freude und häufig genug mit einem Lächeln auf den Lippen folgen kann.
    Das sprachliche Gewand dieses Romans ist für mich deshalb auch der eigentliche Held des Romans und ich möchte meinen Hut ziehen vor diesem sprachlichen Können des Autors. Ein Lesegenuss! 5 Sterne!

  1. Brillant

    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Dez 2020 

    „Seit Jahren leben wir in dieser geflügelten Bitterkeit, die im Rhythmus der Zugvögel verlässlich entkommt, in südlichen Gestaden überwinternd, und wenn sie fast vergessen ist, verdüstert sich der Himmel, sie kehrt zurück und baut sich in unseren Herzen Nester.“ (Zitat Seite 59)

    Inhalt
    Jesko Solm, ein eigenwilliger Modedesigner, ist das schwarze Schaf einer ohnedies sehr dunklen Familie voller Geheimnisse, die vehement unter dem schönen, öffentlichen Schein der erfolgreichen Unternehmerfamilie verborgen gehalten werden. Nun wird Jesko dringend in die protzige Familienvilla gerufen, ohne den wahren Grund zu kennen. Er leidet unter Leukämie. Die letzte Hoffnung als mögliche Knochenmarksspenderin ist die leibliche, psychisch kranke Mutter. Eine Frau, die Jesko und sein Bruder Ansgar seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen haben und mit der sie nie wieder etwas zu tun haben wollten. Diese wurde nun vom Vater aufgefunden und heimlich ebenfalls in den Sitz der Familie gebracht. Sieben lange Tage bis zum operativen Eingriff zur medizinischen Abklärung liegen vor Jesko, und seine Krankheit ist das bei weitem geringste Problem.

    Thema und Genre
    In diesem Familien- und Generationenroman geht es um tiefe Schatten der Vergangenheit, Familiengeheimnisse, über die niemals gesprochen wird und die dadurch auch die Gegenwart belasten, zusammen mit traumatischen Kindheitserfahrungen. Themen sind Krankheit, Konflikte und die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen.

    Charaktere
    Jesko ist Modedesigner, er fühlt sich in Röcken am wohlsten und bevor ihn seine Krankheit aus der Bahn werfen kann, hat dies längst seine Familie getan. Auch Seneca hilft da nicht immer. Beinahe abgeklärt beobachtet und kommentiert er spöttisch-ironisch-böse und immer punktgenau die Menschen in und außerhalb der Familienvilla, die er Festung nennt. Eine Figur, die man von der ersten Zeile an ins Leser*innenherz schließt.

    Handlung
    Jesko berichtet als Ich-Erzähler über die Ereignisse dieser Tage, gibt manchen Personen im familiären Kreis eigene Namen, die er aus den für ihn sichtbaren Eigenschaften ableitet. Rückblicke in Form eigener Erinnerungen und aus den Erzählungen anderer ergänzen und füllen die zunächst diffuse, mit offenen Fragen gefüllte Gegenwart mit Erklärungen. Zusätzliche Spannung ergibt sich aus der Frage, wer diese Renate und ihr Sohn sind, von denen die stark verwirrte Mutter immer wieder faselt. Der Klappentext lässt eine nachdenkliche, traurige Geschichte erwarten, doch die Sprache des Autors, seine einmalige Art, seine Figuren auszuwählen und dann zu erzählen, auf einem schmalen Grat zwischen sarkastisch, sehr böse und sehr liebevoll, machen diesen Roman definitiv zu einem Leseerlebnis.

    Fazit
    Eine zerrüttete Familie, konsequent dirigiert vom starken Willen des Vaters. Das hohe öffentliche Ansehen der erfolgreichen Unternehmerdynastie muss um jeden Preis gewahrt werden. Wie passt der todkranke zweitälteste Sohn, der sich längst aus allen Zwängen befreit hat, in dieses Bild? Der Autor lässt uns an einer bitterbösen und dennoch überaus positiven, mit feinem Humor erzählten Geschichte teilhaben, einem einfühlsam und facettenreich gemalten Bild unserer Zeit.

 

Unter Wasser Nacht: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Unter Wasser Nacht: Roman' von Kristina Hauff
4.25
4.3 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Unter Wasser Nacht: Roman"

Wie lebt man weiter nach einem großen, unerklärlichen Verlust? Mit psychologischem Gespür erzählt Kristina Hauff eine Geschichte voller Hoffnung und Trauer und vom Wert der Freundschaft In den idyllischen Elbauen im Wendland teilen zwei Paare Hof, Scheune und Kräutergarten - doch ihre einst enge Freundschaft ist zerbrochen. Thies und Sophie trauern um ihren Sohn Aaron, der unter ungeklärten Umständen ertrank. Allein mit ihren Schuldgefühlen müssen sie Tag für Tag Ingas und Bodos scheinbar perfektes Familienglück mit ansehen. Bis ein Jahr nach Aarons Tod eine Fremde in den Ort kommt und ans Licht bringt, was die vier Freunde lieber verschwiegen hätten.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:269
Verlag:
EAN:

Diskussionen zu "Ein Blick in deine Augen: Roman"

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Rezensionen zu "Unter Wasser Nacht: Roman"

  1. Wie ein grauer Schleier

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Mär 2021 

    Klappentext:
    „In den idyllischen Elbauen im Wendland teilen zwei Paare Hof, Scheune und Kräutergarten - doch ihre einst enge Freundschaft ist zerbrochen. Thies und Sophie trauern um ihren Sohn Aaron, der unter ungeklärten Umständen ertrank. Allein mit ihren Schuldgefühlen müssen sie Tag für Tag Ingas und Bodos scheinbar perfektes Familienglück mit ansehen. Bis ein Jahr nach Aarons Tod eine Fremde in den Ort kommt und ans Licht bringt, was die vier Freunde lieber verschwiegen hätten.“

    Bei diesem Buch von Kristina Hauff stimmt einfach alles: der Titel, das Cover mit dem Graureiher, der Inhalt. Hier ist einfach ein komplett gelungenes Werk vor dem Leser.
    Hauff beschreibt intensiv und feinfühlig die Geschichte zweier Paare, die einem in gewisser Weise auf Distanz bleiben und das ist gar nicht mal so schlecht. Wir erleben ein Hofleben, das nicht an Bullerbü erinnert, sondern ein dunkler Schatten über allem liegt was dort stattfindet obwohl es nach außen ganz anders scheint. Der Schmerz, den Thies und Sophie durch den Verlust von Aaron erleiden geht einem beim lesen durch Mark und Bein. Alles scheint verständlich und doch wieder nicht. Es fehlt einfach an Konversationen zwischen den Paaren, aber niemand kann sie zwingen, auch wenn wir Leser dies gern täten. Aber wir werden eines besseren belehrt auch was Emotionen betrifft. Hier ist zu Beginn nichts wie es scheint!
    Kristina Hauff beschreibt natürlich auch das zweite Paar Inga und Bodo....Sie wechselt dabei immer wieder nach den Kapiteln die Sichtweise und als Leser erleben wir dadurch alle Seiten. Wir Leser sollen verstehen, was dort los ist, welche Stimmung herrscht und hinter die Seelen blicken. Durch Hauff‘s Schreibstil und Wortwahl ist dies alles gar kein Problem, aber man muss sich die Protagonisten erlesen. Hier wird nichts einfach „hingeworfen“, sondern feinsinnig und tiefgründig beschrieben mit sehr vielen Hintergedanken. Ich mag solche anspruchsvolle Literatur sehr gern, denn es entsteht ein gewisser Sog, eine Lust immer weiter lesen zu wollen und zu erfahren was denn das eigentliche Problem ist. Wie einige andere Leser bereits angemerkt haben, hat dieser Roman eine gewisse Düsternis, die ich nur unterschreiben kann. Ja, wie bereits am Anfang gesagt, hier stimmt einfach schon die äußere Gestaltung des Buches mit dem Inhalt vortrefflich überein. Der Tenor der Geschichte: eine Freundschaft kann und muss viel aushalten, sonst ist es keine wahre Freundschaft. Aber wieviel Leid erträgt sie? Lesen Sie selbst!
    Dieses Buch ist wie ein grauer, vernebelter Tag, an dem die Natur wie tot erscheint, die Vögel krächzen und nicht singen, weil sie Angst haben vor dem Schönen in der Welt, aber das Schöne setzt sich immer durch!
    Dieser Roman hat mich tief und nachhallend beeindruckt und verdient 5 von 5 Sterne sowie eine glatte Leseempfehlung!

  1. Trauer, Schuld und Neid

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 28. Feb 2021 

    Der Roman "Unter Wasser Nacht" mit einem so herausragenden Cover, dem Handlungsort Wendland und einem so interessant klingenden Titel stand in diesem Frühjahr weit oben auf meiner Leseliste, ist mir doch ein wunderschöner Fahrradurlaub im Mai 2020 mit Quartier nahe Gorleben und der traumhaften Elbe noch frisch im Gedächtnis. Für zumindest zwei der Protagonisten ist jedoch die Elbe Hassobjekt:

    "Er [Thies] wollte Edith nicht begegnen. Wenn es jemanden gab, der den Fluss noch mehr hasste als er, dann war sie es, die Fährfrau wider Willen. Er wollte ihre stummen Blicke nicht ertragen. Nicht wissen, was sich dahinter verbarg. Unausgesprochenes. Es ging ihm schlecht genug." (S. 7)

    Abschied von Bullerbü
    Thies und seine Frau Sophie haben vor gut einem Jahr ihren Sohn Aaron verloren. Zwei Tage nach seinem Verschwinden wurde er tot in der Elbe gefunden, die Umstände liegen im Dunkeln. Thies und Sophie entfernen sich seither in ihrer Trauer und ihren Schuldgefühlen immer mehr voneinander, leben in getrennten Welten. Auch die Freundschaft zu ihren Nachbarn Inga und Bodo mit den Kindern Lasse und Jella, alte Mitstreiter aus ihrer Vergangenheit als politische Aktivisten gegen die Castor-Transporte, ist daran zerbrochen.

    Aus der Bullerbü-Idylle der beiden Familien wurde blanker Neid Sophies auf das scheinbar perfekte Leben der anderen. Dabei war auch vorher nicht alles gut, denn das Wunschkind Aaron terrorisierte, seit er laufen konnte, alle mit seinem Hass, seinen Aggressionen und seiner Wut.

    Gerade als die Ermittlungen der Polizei eingestellt werden, taucht die mysteriöse Mara aus Christiania auf, eine Frau Ende vierzig, selbstbewusst, attraktiv, unkonventionell, lebendig. Thies fühlt sich vom ersten Moment magisch zu ihr hingezogen, aber auch auf Sophie, Inga und Jella macht sie großen Eindruck. Nur Ingas Mutter Edith, die Fährfrau, reagiert schroff. Noch ahnt keiner, wie sie aller Leben auf den Kopf stellen wird.

    Ein Roman mit Schwächen
    Kristina Hauff, die unter ihrem wirklichen Namen Susanne Kliem bereits mehrere Krimis veröffentlichte, überschreibt die kurzen Kapitel mit der Person, aus deren Sicht erzählt wird, bei Rückblenden ergänzt durch eine Zeitangabe. Zweiundzwanzig Kapitel heißen „Sophie“, zwölf „Thies“, acht „Inga“, drei „Jella“ beziehungsweise „Edith“ und eines „Mara“.

    Leider nahm meine anfängliche Freude während des Lesens zunehmend ab, zumal die Auflösung irgendwann absehbar wurde. Hauptgründe dafür waren die auf mich unecht wirkenden Dialog und die Charaktere, die mir zu eindimensional (Aaron), zu konstruiert (Mara) oder zu unverständlich in ihrem Verhalten (Thies und Jella) waren. Außerdem störten mich Ungenauigkeiten und Fehler, die ich so bei einem Buch aus dem Hanser Verlag nicht kenne: Da wird beispielsweise eine Hündin am „Armband“ gezogen (S. 156), „Hausbesetzerfreunde“ werden zu „Hausbesitzerfreunden“ (S. 228), die Kapitelüberschriften heißen mal „Dreizehn Monate zuvor“ (S. 127), mal „Vor 13 Monaten“ (S. 202) und Mara liegt, nur mit einem Slip bekleidet, auf einem Bett (S. 281), um sich kurz darauf T-Shirt und Hose auszuziehen (S. 284). Schade, denn die Grundidee des Buches ist gut, die Autorin hat zur Vergangenheit der Protestbewegungen recherchiert, hat Zeit im Wendland verbracht und viele Naturbeschreibungen, vor allem des Wassers, sind gelungen. Wer sich an den genannten Kritikpunkten also nicht stört, kann sich bei der Lektüre sicher gut unterhalten.

  1. Vielschichtig und psychologisch stimmig

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Feb 2021 

    Die Geschichte hier führt uns ins Wendland, in die malerische Landschaft der Elbauen. Das Wendland steht aber auch für den Widerstand gegen die Atomkraft. Damals, im Kampf gegen das geplante Endlager in Gorleben, waren sie vereint, die Freunde Thies, Botho und Inga. Als Thies später Sophie heiratete und mit ihr zusammen einen Hof kaufte, da bauten Botho und Inga sich nebenan ein Haus . Es war ein „ Leben wie in Bullerbü“, um das sie ihre auswärtigen Freunde beneidete. Doch bald bekam die Idylle erste Risse. Während Sophie und Thies jahrelang vergeblich auf ein Kind hofften, bekamen die Freunde schnell nacheinander einen Sohn und eine Tochter. Als sich dann endlich das ersehnte Wunschkind ankündigte, schien das Glück vollkommen. Aber Aaron erwies sich schon früh als unnahbar, zornig und aggressiv. Mit Schuleintritt entwickelte er sich immer mehr zum Einzelgänger, begann andere Kinder zu schikanieren und lehnte jegliche Nähe ab. Seine Eltern verzweifelten beinahe an ihm. Was hatten sie nur falsch gemacht bei der Erziehung?
    Dann passierte das Schreckliche. Aaron, mittlerweile elf Jahre alt, ertrinkt unter ungeklärten Umständen in der Elbe.
    Das Geschehen liegt dreizehn Monate zurück, als die Handlung des Romans einsetzt. Die Ehe von Thies und Sophie ist an diesem Schicksalsschlag beinahe zerbrochen. Beide gehen unterschiedlich mit ihrer Trauer um. Thies wurde depressiv und ist seitdem arbeitsunfähig. Er sitzt täglich an der Elbe, sieht die Leiche seines Sohnes vorübertreiben und fragt sich, was an jenem Abend tatsächlich geschehen ist. War es wirklich ein Unfall oder waren andere dabei beteiligt?
    Sophie erstickt ihren Kummer und ihre Schuldgefühle in Arbeit.
    Auch durch die alte Freundschaft zwischen den Paaren geht ein tiefer Riss. Voller Neid beobachtet Sophie die Bilderbuchfamilie von gegenüber mit ihren perfekten Kindern. Botho und Inga dagegen wissen kaum, wie sie mit dem Unglück ihrer Nachbarn umgehen sollen. Vorsichtige Hilfsangebote stoßen auf wenig Resonanz.
    Da taucht eines Tages Mara auf, eine fremde Frau Ende Vierzig. Sie ist schwer zu durchschauen; die Gründe für ihr Kommen bleiben lange unklar. Aber sie wirkt wie ein Katalysator auf die eingefrorene Situation. Sie wird schnell aufgenommen von der Hofgemeinschaft, stellt dann aber unliebsame Fragen, provoziert und bringt so das Beziehungsgefüge durcheinander.
    Kristina Hauff erzählt ihre Geschichte aus wechselnden Perspektiven. Die kurzen Kapitel lassen verschiedenen Figuren zu Wort kommen. So gewinnt der Leser einen genauen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonisten und kommt ihnen so sehr nahe. Manches erscheint dadurch auch in einem neuen Licht. Nach und nach entwickelt sich das Geschehen, mit z.T. überraschenden Wendungen.
    Einmal angefangen mochte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Subtil baut die Autorin Spannung auf, nicht nur um das Geheimnis um Aarons Tod.
    Der Roman stellt viele weitere Fragen, so z.B.
    Was macht eine glückliche Familie aus?
    Wie lebt es sich weiter mit einem solchen Schicksalsschlag?
    Gibt es die Chance auf einen Neuanfang für die Eltern?
    Woran zerbrechen Freundschaften und auf welcher Basis lässt sich neu daran anknüpfen?
    Kristina Hauff schreibt in einer klaren und präzisen Sprache. Mit viel Empathie entwirft sie Figuren, die glaubhaft und psychologisch fundiert sind. Und mit stimmungsvollen Bildern schafft sie Atmosphäre. Dabei spielt die Landschaft und die Natur eine wesentliche Rolle. Der Fluss, Sinnbild für steten Wandel und Veränderung, wirkt einerseits idyllisch, birgt aber ebenso Gefahren.
    „ Unter Wasser Nacht“ ist ein packender und vielschichtiger Roman, dem ich viele Leser wünsche.

  1. Freundschaft für immer?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Feb 2021 

    Mich hat der Klappentext des Buches so enorm angesprochen, dass ich einfach mehr wissen wollte. Und dann kam es komplett anders als ich erwartet hatte.

    In der Geschichte geht es um die vier Freunde Sophie, Thies, Inga und Bodo, die über Jahre alles geteilt und immens viel zusammen unternommen haben. Doch dann stirbt Aaron, der Sohn von Thies und Sophie. Plötzlich ist nichts mehr wie davor. Kann es das Paar aus dem dunklen Loch wieder heraus schaffen? Und was wird aus der Freundschaft, die seit dem Ereignis zerstört scheint?

    Ein beobachtender Erzähler führt uns durch die Handlung und der Leser begleitet diverse Charaktere mitsamt ihren Empfindungen nach dem Erlebten. Jedes Kapitel ist mit dem Protagonistennamen überschrieben, der gerade dran ist. Das hilft beim Orientieren.

    Genau das ist auch die Stärke des Romans. Ein schlimmes Ereignis wird aus der Sicht unterschiedlicher Personen beleuchtet und so wird deutlich, dass nicht alles so ist wie es scheint. So real ist sonst nur das echte Leben.

    Das Setting im Wendland passte in meinen Augen gut, da die Gegend Idylle pur ist, aber hinter der Fassade eben auch Gefahren lauern.

    Mir gefiel, dass die handelnden Akteure Menschen wie du und ich sind, mit denen man sich leicht identifizieren kann. Mittels Thies wird so greifbar wie eine Depression sich äußern kann. Sein Verhalten war so intensiv beschrieben, dass ich Gänsehaut bekam. Obwohl ich eine Frau bin, konnte ich mich in ihn am besten einfühlen.

    Zudem mochte ich die Thematisierung von Neid und Missgunst innerhalb einer Freundschaft. Nie möchte das jemand zugeben und dennoch wird dies täglich gelebt. Auch wird deutlich, was die Gesellschaft von einem erwartet, nämlich die perfekte Familie, aber dass es die eben nicht wirklich gibt. Wer ist schon perfekt?

    Während sich der Leser dem Lüften des Geheimnisses immer mehr näherte, hatte man fast das Gefühl einen Krimi zu lesen, so spannend wurde es. Ich hatte etwas komplett anderes erwartet, so dass mich der Schluss echt überrumpelt hat.

    Fazit: Eine tragische Geschichte, die mich spannend unterhalten hat. Gern spreche ich eine Empfehlung aus.

 

Versprechen kann ich nichts: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Versprechen kann ich nichts: Roman' von Valeria Parrella
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Versprechen kann ich nichts: Roman"

Elisabetta arbeitet als Lehrerin im Jugendgefängnis von Neapel. Als ihr Mann stirbt, stürzt sie sich in die Arbeit. Morgens durchquert sie die Stadt, lässt Lärm und Trauer hinter sich und verspürt Erleichterung, sobald sich das Tor hinter ihr schließt. Doch wie weit geht ihre Verantwortung für die Jugendlichen? Als die eigensinnige Almarina in der Anstalt landet, wird dies für Elisabetta zur persönlichen Prüfung. Kann sie der jungen Frau, die vor dem gewalttätigen Vater aus Rumänien geflohen ist, helfen? Oder ist es in Wirklichkeit sie selbst, die Halt sucht? Die Geschichten der Frauen verbinden sich zu einem Porträt des heutigen Italiens – ein leuchtender Roman über die Frage nach dem richtigen Handeln.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:144
Verlag:
EAN:

Diskussionen zu "Ein Blick in deine Augen: Roman"

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Spiele (Kommissar Carl Edson 2)

Buchseite und Rezensionen zu 'Spiele (Kommissar Carl Edson 2)' von Bo Svernström
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Spiele (Kommissar Carl Edson 2)"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:608
Verlag:
EAN:

Diskussionen zu "Ein Blick in deine Augen: Roman"

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Rezensionen zu "Spiele (Kommissar Carl Edson 2)"

  1. Kindermord

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Nov 2020 

    Als er noch ein Kind war, hat Robert Lindström seinen Freund Max umgebracht. So lautet jedenfalls das Ergebnis der Untersuchung der Polizei. Robert war noch nicht strafmündig und wurde deshalb nicht verurteilt. Doch sein ganzes Leben ist geprägt von der Tat. Als Erwachsener funktioniert er, aber viel Freude im Leben hat er nicht. Als die Journalistin Lexa ihn um ein Interview bittet, ist er in heller Aufregung. Sie will ein Buch über seinen Fall schreiben und sie zweifelt an seiner Täterschaft. Um die selbe Zeit wird ein Mädchen tot aufgefunden. Und Robert hat sich in der Nähe des Fundorts aufgehalten. Kommissar Carl Edson schöpft Verdacht.

    Zum zweiten Mal ermittelt Carl Edson und wieder bekommt er es mit einem verwickelten Fall zu tun. Der Verdacht auf Robert drängt sich auf, aber kann es auch noch andere Verdächtige geben? Unklar ist, was mit dem Mädchen geschehen ist, nachdem ihre Eltern sie vermisst haben. Und warum hat sich Lexa gerade Roberts Fall ausgesucht, um darüber zu berichten. Schließlich hat Robert immer behauptet, dass er sich nicht an seine Tat erinnern kann und so kann er eigentlich keine großen Auskünfte geben. Und sehr auskunftsfreudig wirkt er auch nicht.

    Wie auch im ersten Band um Carl Edson legt der Autor sehr viel Wert auf die Schilderung der Lebensumstände des vermeintlichen Täters. Das führt zu dem Eindruck, dass die Ermittlungen manchmal am Rande nebenher laufen und Carl Edson als Person sehr neutral wirkt. Dennoch packt einen die Frage, ob Robert damals wirklich der Täter war. Und natürlich will mal wissen, wieso das Mädchen umgebracht wurde. Das Buch ist sehr verschachtelt und spielt auch auf verschiedenen Zeitebenen. Führt man sich das Hörbuch, das sehr ansprechend vorgetragen wird, zu Gemüte, muss man schon sehr genau aufpassen, um jeden Wechsel mitzubekommen. Dennoch ist es interessant und spannend nach und nach die verschiedenen Schichten der Story zu durchdringen. Für mich war dieser zweite Teil etwas fesselnder als der erste.

 

Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück: Roman' von Lilly Bernstein
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück: Roman"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:512
Verlag:
EAN:

Diskussionen zu "Ein Blick in deine Augen: Roman"

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Rezensionen zu "Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück: Roman"

  1. Sehr bewegend

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Nov 2020 

    Seit ihre Tante den Bäcker Matthias geheiratet hat, fand die kleine Anna ein liebevolles und im wahrsten Wortsinn ein warmes Zuhause. Sie verbringt glückliche Kinderjahre, auch wenn die Zeiten nicht einfach sind. Auch als ihre beste Freundin Ruth plötzlich verschwindet und die Wohnung der Kohns nur noch ein Trümmerfeld ist, fühlt sie sich in ihrem Zuhause sicher. Doch dann wird der Onkel doch noch eingezogen und sie und die Mutter müssen das Haus und die Bäckerei verlassen, das Haus ist ausgebombt.

    Harte Trümmerjahre und der alltägliche Kampf um ein wenig Essen und ein bisschen Wärme prägt Annas Jugendzeit. Aber die Menschlichkeit und Liebe, die sie erfahren hat, lässt sie Unrecht und Not ertragen und offen für das Leid der Mitmenschen zu bleiben.

    Ich habe einen Roman gelesen, der sich auch als Zeitbeschreibung lesen lässt. Die Autorin hat die die Kriegs- und Nachkriegsjahre sehr realistisch eingefangen und alles hätte sich auch so in Köln oder anderen Städten ereignen können. Eine sehr warmherzige und anrührende Geschichte, die mich so richtig gepackt hat. Anna ist die prägende Figur in diesem Roman, aber auch die anderen Protagonisten, besonders die Tante, haben mir sehr gut gefallen. Die Hunger- und Kältejahre nach Kriegsende sind realistisch erzählt, beim täglichen Kampf um das Notwendigste kann man nicht unberührt bleiben. Hier merkt man deutlich, dass die Autorin auf Familienerinnerungen zurückgreifen kann, denn sie und die Mutter stammen ebenfalls aus einer Bäckerfamilie. Diese Nähe spürte man in diesem Buch, ganz besonders bei kleinen alltäglichen Begebenheiten.

    Die farbige Erzählweise macht den Roman zu einem richtigen Pageturner, der Überlebenswille und Kampfgeist Annas haben mir so gut gefallen, dass ich auch über einige Längen im letzten Drittel sehr gut hinweglesen konnte. Natürlich darf es ein glückliches Ende geben, das hat ein Roman dem echten Leben manchmal voraus.

    Mir hat dieser Roman mit zeitgeschichtlichem Hintergrund sehr gut gefallen.

 

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