Luftgitarrengott: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Luftgitarrengott: Roman' von  Herbert Hirschler
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Luftgitarrengott: Roman"

Format:Taschenbuch
Seiten:384
Verlag:
EAN:9783701181841

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Rezensionen zu "Luftgitarrengott: Roman"

  1. Und immer wieder weiße Rosen aus Athen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Apr 2021 

    Bastian und Lisa sind Geschwister und träumen von einer Musikkarriere : Als Rock Duo wie Ike und Tina Turner , nur auf Deutsch . Aber Lisa hat es faustdick hinter den Ohren und drängt Bastian immer wieder ins Abseits . Wird er es trotzdem in der Musikbranche bis an die Spitze schaffen ?

    Ich bin sehr gut in das Buch hinein gekommen da der Schreibstil locker und leicht ist zu lesen ist . Dadurch bin ich recht zügig durch dieses Buch gekommen . Die Protagonisten sind äußerst sympathisch , ansprechend und herzlich . Sie passen sehr gut in die Story .
    Die Spannung baut sich zwar im Laufe des Buches auf , aber der Humor und Witz stehen doch im Vordergrund .

    Fazit: Die Kapitel fangen 1980 an und enden 2070 . Ich durfte miterleben wie alles begann angefangen bei Bastians Geburt . Dann geht es im zehn Jahres Rhythmus weiter . Je mehr Seiten ich las umso skurriler wurde die Story . Manchmal tat mir Bastian schon leid . Er hat das Glück nicht gerade gepachtet und das ist noch eine Untertreibung . Ich finde er ist der Pechvogel des Jahres . Das Buch ist witzig , frech , emotional und dramatisch . Mit Lisa hatte ich so meine Probleme . Ich bewunderte sie eigentlich wie sie immer wieder ihre Intrigen ausspielte . Anderseits hätte ich sie am liebsten aus dem Buch geschmissen . Ja , ich fieberte mit und mit meinen Gefühlen ging es zu wie auf einer Achterbahn . Gerade ab der zweiten Hälfte des Buches nimmt die Geschichte rasant an Fahrt auf und zwar so , dass ich dableiben musste um zu sehen was das Leben noch alles mit Bastian vorhat . Die Geschichte zog sich für mich dann zwischendurch immer mal wieder in die Länge . Das Ende war emotional aber auch irgendwie schön . Auf jeden Fall ist die Geschichte skurril und schräg und es ist mal etwas ganz anderes was den Inhalt angeht .

 

Die Reisen mit meiner Tante. Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Reisen mit meiner Tante. Roman' von Graham Greene
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Reisen mit meiner Tante. Roman"

Format:Taschenbuch
Seiten:352
EAN:9783423141796

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Das Baby ist meins: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Baby ist meins: Roman' von Oyinkan Braithwaite
3.35
3.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Baby ist meins: Roman"

Nach ihrem preisgekrönten Bestseller »Meine Schwester, die Serienmörderin« legt Oyinkan Braithwaite ihren zweiten Roman vor. »Das Baby ist meins« ist eine augenzwinkernde Ansage an das Patriarchat, ein spannender Einblick in die nigerianische Gesellschaft – und vor allem eine rasante Geschichte um zwei Frauen, die wie Löwinnen um das Baby in ihrer Mitte kämpfen. Natürlich ohne Rücksicht auf Verluste oder gar auf den Mann, der versucht herauszufinden, wem er glauben soll. Und der selbst alles andere als ein Unschuldslamm ist.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:128
Verlag:
EAN:9783351050894

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Rezensionen zu "Das Baby ist meins: Roman"

  1. Erinnert an den biblischen weisen König Salomo...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Mär 2021 

    Nach ihrem preisgekrönten Bestseller »Meine Schwester, die Serienmörderin« legt Oyinkan Braithwaite ihren zweiten Roman vor. »Das Baby ist meins« ist eine augenzwinkernde Ansage an das Patriarchat, ein spannender Einblick in die nigerianische Gesellschaft – und vor allem eine rasante Geschichte um zwei Frauen, die wie Löwinnen um das Baby in ihrer Mitte kämpfen. Natürlich ohne Rücksicht auf Verluste oder gar auf den Mann, der versucht herauszufinden, wem er glauben soll. Und der selbst alles andere als ein Unschuldslamm ist.

    Wohngemeinschaften werden in der Regel auf freiwilliger Basis gebildet. Nicht so hier. Der Ich-Erzähler Bambi braucht dringend eine Unterkunft, nachdem er von seiner derzeitigen Freundin aus der Wohnung geworfen wurde. Er, der nach dem Postulat lebt, dass der Mann nicht für die Monogamie geschaffen sei, muss nun mit den Konsequenzen seines Handelns leben. Mitten in der Nacht durch Nigerias größte Stadt zu fahren, ist derzeit wegen der Corona-Pandemie verboten. Bambi fällt lediglich das Haus seines kürzlich vertorbenen Onkels ein, und so begibt er sich mit seinen wenigen in aller Hast gepackten Sachen dorthin.

    Zu seiner Überraschung findet er in dem Haus nicht nur die verwitwete Tante und ihr Baby vor, sondern auch die ehemalige Geliebte seines Onkels. Eine brisante Mischung, die noch explosiver wird, als jede der Frauen behauptet, die Mutter des kleinen Jungen zu sein. Wem soll Bambi glauben? Keine der Frauen gibt nach, und so kommt es zu Streitereien, körperlichen Auseinandersetzungen und Psychokrieg. Kann Bambi hier vermitteln? Und - will er das überhaupt? Eigentlich will er seine Ruhe haben, seine Wunden lecken, sich von den Frauen bedienen lassen. Und doch fühlt er sich irgendwie für das Baby verantwortlich...

    Eher ein Kammerspiel denn einen Roman hat Oyinkan Braithwaite hier vorgelegt. Der Inhalt erinnert an die Geschichte um den biblischen weisen König Salomo, doch wie die Lösung in diesem Buch hier ausschaut - und ob es eine gibt - wird natürlich nicht verraten. Das Buch liest sich aufgrund der geringen Seitenzahl sowie des flüssigen Schreibstils recht flott, ich fand die Mischung aus augenzwinkernden und zynischen Szenen ganz unterhaltsam, doch in Begeisterungsstürme verfallen bin ich nicht.

    Oyinkan Braithwaite kann schreiben, das bewies sie schon mit ihrem Debüt 'Meine Schwester, die Serienmörderin', und auch hier erhält der_die Leser_in einen Einblick in die gesellschaftlichen Besonderheiten des patriarchalischen Nigeria, aber irgendwie war das mehr so ein Buch für zwischendurch. Nicht schlecht, aber eben auch kein Must-Read...

    © Parden

  1. Der Mann an der Wiege

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Feb 2021 

    Gerade ist Bambi von seiner derzeitigen Freundin aus der Wohnung geworfen worden. Der junge Mann findet Unterkunft im Haus seines verstorbenen Onkels, wo er überraschender Weise nicht nur seine verwitwete Tante vorfindet, sondern auch ein Baby und die ehemalige Geliebte seines Onkels. Die drei Erwachsenen müssen eine Art Zweckgemeinschaft bilden, denn das Land befindet sich im Corona Lockdown. In der Enge der häuslichen Situation spitzt sich die Situation zu, als beide Frauen behaupten, sie seien die Mutter des Kindes.

    „Das Baby ist meins“ von der nigerianischen Schriftstellerin Oyinkan Braithwaite ist kein Roman, mehr eine Kurzgeschichte, jedenfalls ein kryptisches Kammerspiel. Der scheinbar unerschütterliche Grundsatz „mater semper certa est“ gerät hier ins Wanken. Das Thema des Streits um ein Kind ist so alt wie das Alte Testament. Dass man heute mittels DNA Test die Verwandtschaft bestimmen könnte, übergeht die Autorin mit der derzeitigen Überlastung sämtlicher Labore aufgrund der COVID 19 Pandemie. Überhaupt ist der aktuelle Bezug in dieser Geschichte tonangebend.

    „…fühlte es sich seltsam an, die Alexander Road entlangzufahren und kaum einem anderen Fahrzeug zu begegnen. Man konnte sich schwer vorstellen, dass das Leben je wieder wie vorher werden würde.“

    Es ist eine eigene Stimmung in dem Haus des Onkels. Es wirkt verwahrlost, aufgegeben. Immer wieder fällt der Strom aus. Irgendwo treibt ein krähender Hahn Bambi in Rage. So erbittert der Streit der beiden Frauen – Auntie Bidemi und Esohe – um die Mutterschaft geht, ist es umso erstaunlicher, dass es oft nur Bambi ist, der sich um das Baby kümmert. Es mag mitunter auch an seinem Namen liegen, aber dem jungen Mann ist - obwohl ein Schwerenöter, der in den Tag hineinlebt und sich vor jeglicher Verantwortung drückt – die Leserin wohlgesonnen.

    Oyinkan Braithwaite bedient sich einer lakonischen und pointierten Sprache. Die psychische und emotionale Ausnahmesituation ist nur mit einer Prise schwarzen Humors aushaltbar. Die Autorin verteilt in diesem Kammerspiel die Rollen Frau und Mutter, Mann und Playboy zunächst ganz klassisch. Doch beim nächsten Hinschauen haben die Darsteller das Fach gewechselt. Hier kann man sich keiner Person sicher sein. Das Buch endet zu einem Zeitpunkt, wo andere Geschichten erst loslegen. Der offene Ausgang lässt einige Salomonische Schlüsse zu.

  1. Skurriler Kurzroman aus Nigeria

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 19. Jan 2021 

    Ich-Erzähler Bambi ist gerade wegen wiederholter Untreue bei seiner Freundin Mide rausgeflogen. Wo kann man mitten in der Nacht bei geltendem Corona-Lockdown ein günstiges Domizil finden? Bei der Familie. So bezieht er ein Zimmer im Haus seines verstorbenen Onkels, das jetzt seine Frau Auntie Bidemi mit dem Neugeborenen Remi alleine bewohnt. Welch eine Überraschung, als er neben der Tante auch noch des Onkels ehemalige Geliebte Esohe im Haus antrifft. Der Grund ihrer Anwesenheit mutet ziemlich skurril an: Die beiden Frauen streiten lautstark um den Säugling. Jede beansprucht die Mutterschaft für sich, Bambi soll die Position der Familie vertreten und die Nebenbuhlerin des Feldes verweisen. Doch so einfach ist das nicht!

    Beide Frauen kämpfen mit ausgefahrenen Krallen, blutigen Traditionen und wenig Rücksicht auf das Kind um ihren Anspruch. Remi wird aus dem Schlaf gerissen, sporadisch gefüttert und zum Spielball der geifernden Frauen gemacht, bis schließlich Bambi die nächtliche Hege des Kindes übernimmt. (Wo er seine bemerkenswerten Kenntnisse gesammelt hat, bleibt im Dunklen). Obwohl Remi das Tohuwabohu relativ gelassen hinnimmt, ist keine Ruhe in Sicht. Jede Frau versucht, sich Vorteile zu verschaffen und Bambi auf ihre jeweilige Seite zu ziehen. Bambi eroiert die Möglichkeit von DNA-Tests, zieht Babyfotos heran – stichhaltige Indizien ergeben sich daraus nicht.

    Die Frauen lassen nicht nach, führen vermeintliche Beweise ihrer Mutterschaft an. Bambi ist der Mann im Haus. Er will nicht nur ordentlich verpflegt und bedient werden, er soll auch Recht sprechen. Die Dialoge sind kurzweilig mit Esprit verfasst, auch wenn die gesamte Grundproblematik skurril anmutet. Die Figuren wirken auf mich so schablonenhaft, dass ich eine offene Gesellschaftskritik dahinter vermute, Nigeria ist noch patriarchalisch strukturiert. Die Einbeziehung der aktuellen Corona-Pandemie ist originell, legt aber auch den Verdacht nahe, dass der kleine Roman in relativ kurzer Zeit geschrieben wurde.

    Die Kammerspiel-Atmosphäre bleibt bis zum Schluss erhalten. Bambi ist kein Sympathieträger, sondern ein Macho in Reinkultur. Er ist hin- und hergerissen zwischen Familiensolidarität und Esohes Attraktivität, zudem möchte er sich eigentlich aus dem Konflikt raushalten und nur den Kleinen beschützen.

    Zum Ende hin ergeben sich noch ein paar neue Aspekte, die den Leser einerseits überraschen. Andererseits fehlt aber auch die schlüssige Begründung für den relativ friedlichen Ausgang. So richtig überzeugen konnte mich der Roman nicht, wenn ich ihn auch interessiert gelesen habe. Er kommt an den Vorgänger „Meine Schwester, die Serienmörderin“, der mich in vielerlei Hinsicht begeistert hat, nicht heran. Dennoch ist der überzogene Streit zweier Frauen um ein Baby unterhaltsam zu lesen. Das Buch ist hübsch gestaltet und hat in der Printausgabe 128 Seiten. Länger hätte man es auch auf keinen Fall ausweiten dürfen.

 

Die letzten Meter bis zum Friedhof

Buchseite und Rezensionen zu 'Die letzten Meter bis zum Friedhof' von  Antti Tuomainen
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die letzten Meter bis zum Friedhof"

Format:Audible Hörbuch
Seiten:0
Verlag:
EAN:

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Rezensionen zu "Die letzten Meter bis zum Friedhof"

  1. Du suchst deinen Mörder und findest dich selbst...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Aug 2020 

    Jaakko ist 37, als sein Arzt ihm eröffnet, dass er bald sterben wird: Jemand hat ihn vergiftet. Das an sich ist schon genug, um einem Mann so richtig den Tag zu verderben. Leider wird Jaakko zu Hause auch noch Zeuge, wie ihn seine Frau mit Petri betrügt, dem jungen knackigen Angestellten der gemeinsamen Firma. Der Firma, die jüngst gefährliche Konkurrenz bekommen hat.

    Jaakko beschließt herauszufinden, wer ihn um die Ecke bringen will. Und er wird sein Unternehmen für die Zeit nach seinem Tod fit machen. Das Geschäft mit den in Japan zu Höchstpreisen gehandelten Matsutake-Pilzen läuft nämlich blendend, und in Finnlands Wäldern wachsen nun einmal die besten. Doch die neuen Mitbewerber kämpfen mit harten Bandagen. Ist es da Jaakkos Schuld, wenn jemand zu Tode kommt? Und hat er überhaupt noch Zeit für anderer Leute Sorgen? Eins ist jedenfalls klar: Mit dem Tod vor Augen geht’s irgendwie auch leichter.

    Obiger Klappentext verrät in der Tat sehr gut, um was es in dem Buch geht. Um seine Gedanken zu ordnen - und das tut Not angesichts der sich überschlagenden Ereignisse und der Kürze der verbleibenden Zeit - fährt Jaakko gerne ziellos mit dem Auto durch die Straßen der kleinen Stadt. Wer hat ihn vergiftet und weshalb? Wer oder was steckt hinter dem plötzlichen Konkurrenzunternehmen in der Pilzbranche? Steht seine Firma ebenso vor dem Aus wie er selbst? Und wem kann er überhaupt noch vertrauen?

    „Bist du krank?“, fragt sie. --- „Nein“, entgegne ich. Ich fühle mich tatsächlich in diesem Moment ganz gesund. Ich bin ja auch nicht wirklich krank, ich sterbe nur.

    Jaakko beschließt jedenfalls, keine Zeit damit zu verlieren, zur Polizei zu gehen und zu versuchen, die merkwürdigen Umstände zu erläutern, die sich gegen ihn verschworen haben. Bis die Polizei einen möglichen Täter gefunden hat, ist der 37Jährige womöglich schon tot. Es bleibt ihm also nur, selbst nach seinem Mörder zu fahnden. Und im Rahmen seiner Ermittlungen kommt es dann zu allerlei skurrlien Begegnungen...

    Natürlich ist Jakkoo schockiert über die Nachricht, dass er bald sterben wird. Aber so kann er eben auch plötzlich jeden Augenblick so leben, als sei er sein letzter, was ihn Dinge machen lässt, über die er zuvor nie auch nur nachgedacht hätte. In jedem Fall ruiniert er nach und nach seine komplette Garderobe, denn immer wieder landet er aus diversen Gründen in Dreck und Schlamm, was letztlich fast so etwas wird wie ein Running Gag.

    Trotz des drohenden Todes mit einigen durchaus schwermütigen Gedanken, kommt hier auch der Humor nicht zu kurz. Schwarz, trocken, morbide kommt der daher, so dass der Hörer hier auch durchaus was zu lachen hat. Skurrile Szenen gibt es hier zudem zuhauf, so überzogen oft, dass sie den Wirklichkeitstest sicher nicht bestehen würden - Spaß machen sie trotzdem. Ob nun eine Verfolgungsjagd im Kreisverkehr, ein actionmäßig gekonnt in Szene gesetzter Suizid oder ein zweckentfremdeter Saunaofen: man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

    Ein wenig fehlte mir hier phasenweise der Spannungsbogen, gerade im Mittelteil zog sich die Erzählung für meinen Geschmack etwas zäh in die Länge. Dann aber überraschte der Autor wieder mit ungeahnten Wendungen - und letztlich kommt eben doch immer alles anders als gedacht.

    Jaakko fungiert hier als Ich-Erzähler und ist demzufolge der Charakter, der am sorgfältigsten ausgearbeitet wurde und den man im Verlauf immer besser zu kennen glaubt. Schön fand ich, dass er bei aller Betroffenheit über seine tödliche Vergiftung nicht in Selbstmitleid verfiel, sondern im Gegenteil zunehmend das Heft selbst in die Hand nahm und dadurch lebendiger wurde als je zuvor. Die anderen Charaktere blieben eher eindimensional, was hier aber nicht schlimm ist, allenfalls skurril.

    Mich hat das Hörbuch (ungekürzte Ausgabe, 7 Stunden und 57 Minuten, passend unaufgeregt gelesen von Peter Lontzek) jedenfalls so gut unterhalten, dass ich gerne Ausschau halte nach weitern Büchern von Antti Tuomainen.

    © Parden

  1. Ein Raum aus Zeit, der schwindet

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Feb 2020 

    Jaakko geht wegen einer hartnäckigen Magendarmgrippe zum Arzt – und wird zum Sterben nachhause geschickt. Irgendjemand hat ihn vergiftet, offenbar über einen langen Zeitraum hinweg. Alle Organe sind bereits so stark geschädigt, dass da nichts mehr zu machen ist; er hat nur noch ein paar Tage, allerhöchstens Wochen.

    Wer steckt dahinter? Seine Ehefrau und ihr beschämend attraktiver Liebhaber? Die zwielichtige Konkurrenz, die seinem florierenden Pilzhandel nur zu gerne die Kundschaft stehlen würde?

    Jaakko wird herausfinden, was dahintersteckt – auch wenn es höchstwahrscheinlich das Letzte ist, was er tut. Aber bis dahin pflastern erstmal die Leichen anderer Menschen seinen Weg… Düster ist es in Finnland – bitter die Schwermut, schwarz der Humor.

    Es gibt Szenen, die actiongeladen und brutal auch in einem Film von Tarantino nicht fehl am Platz wären. Gnadenlos überzogen, da muss man jeglichen Gedanken an Glaubwürdigkeit erstmal fallen lassen. Aber irgendwie funktioniert das.

    Es gibt Szenen, bei denen man sich totlachen will, wo einem das Lachen dann aber quer im Halse stecken bleibt. Darf man das, so über den Tod lachen? Über eine Tragödie, die ihrem Helden quasi das Leben von den Knochen schabt? Ja, darf man, vor allem, wenn der Humor so gekonnt und wohldosiert eingesetzt wird.

    Dies ist eine Tragikomödie mit Flair, die ihre Munition nicht unbedacht verpulvert.

    Und nebenbei, vollkommen überraschend: Tiefgang, das kann Antti Tuomainen auch. Und dieser Tiefgang ist es auch, der für die nötige Balance sorgt, so dass der Humor nicht zu viel wird, die Geschichte nicht zu platt.

    Noch bei den skurrilsten Entwicklungen schwingt ein leiser Ton lebenskluger Philosophie mit. Denn so klischeebehaftet es klingt, so zutiefst ehrlich und lebensnah liest sich das: erst im Angesicht des Todes wacht Protagonist Jaakko auf und begreift, was das Leben noch alles zu bieten hätte. Nur ist es jetzt zu spät. Oder?

    Er hat nicht mehr viel Zeit, aber er packt so viel Leben in jede Minute, wie möglich – allerdings nicht, indem er einen Baum pflanzt oder einen Sohn zeugt. Seinen Mörder finden, das will er unbedingt noch schaffen, bevor er den Löffel abgibt. Und seinen Betrieb retten, obwohl ihm das ja eigentlich schon egal sein könnte. Nebenbei kann er ja noch am ein oder anderem Blümchen riechen.

    Fest steht: irgendwie erleichtert ihn sein bevorstehender Tod auch. Er hat nicht mehr genug Platz im Handgepäck für Nebensächlichkeiten.

    Was wir hier haben, ist eine Geschichte mit scheinbar überschaubarem Verlauf und Ende. Schließlich weiß man von Anfang an, was passiert und wie es unvermeidlich enden wird: Jaakko stirbt. Ob er seinen Mörder findet oder nicht, ob er seinen Betrieb rettet oder nicht. Nicht vielleicht. Nicht im schlimmsten Fall.

    JAAKKO. STIRBT.

    (Oder? Die Hoffnung stirbt zuletzt.)

    Dennoch baut der Autor einige unerwartete Wendungen ein, die es in sich haben. Während dem Leser noch der Kopf schwirrt, wartet Tuomainen mit einem brillant geschriebenen Charakter nach dem anderen auf, dem das Kunststück gelingt, gleichzeitig lebensecht und wie ein Klischee zu wirken. Er treibt diese Klischees auf die Spitze, bis man sich denkt: ja klar, solche Menschen muss es doch auch wirklich geben. Wahrscheinlich in Finnland.

    Das ist so zutiefst originell und einfallsreich, dass man sowas wie logische Schlüssigkeit gar nicht vermisst. (Das muss man als Autor auch erstmal schaffen.) In dieser Stadt, in diesem verklingenden Leben, sind die Dinge nun mal, wie sie sind. Und das nimmt den Leser, der sich darauf einlässt. mit auf eine spannende, lustige, tragische Reise. Alles auf einmal.

    Jaakko selber ist ein liebenswerter Mensch mit Macken und Fehlern, der durch seinen nahenden Tod paradoxer Weise erst so richtig aufblüht.

    Das Sahnehäubchen auf dem Beerdigungskuchen ist der Schreibstil. Mal ist er locker-leicht, mal so karge und knochentrocken, dass man zum Glas greifen will. Aber immer zielsicher mitten rein, ob nun ins Herz oder ins Zwerchfell. Und manchmal wird er gar melancholisch-poetisch – ohne so zu klingen wie die pseudo-poetischen Ergüsse auf Grußkarten. Da haut der Autor einem mal so eben die eigene Sterblichkeit um die Ohren.

    "Es ist seltsam. Wie lange ich in dem Glauben gelebt habe, unsterblich zu sein, als würde Sommer auf Sommer folgen, als würde der nächste besser werden als der vergangene. Wahr ist, dass wir nur einen Augenblick haben: einen Moment lang Sonne, einen hellen Schein, den wir nicht verstehen, einen Raum aus Zeit, der schwindet."
    (Zitat)

    Fazit

    Jaakko hat gerade erfahren, dass er nur noch wenige Tage, höchstens Wochen, zu leben hat – Organversagen durch eine lange andauernde, schleichende Vergiftung. Die Zeit, die ihm bleibt, will er nutzen, um aufzuräumen: seinen Mörder finden, seinen Betrieb so hinterlassen, dass dieser Chancen am Weltmarkt hat.

    Skurril. Morbide. Zum Schreien komisch. Tragisch. Actiongeladen, Mit Tiefgang. Absurd.

    Über das Buch kann man vieles sagen, auch viel Widersprüchliches. Aber es ist alles wahr, alles auf einmal, denn es schert sich keinen Deut um Konventionen und Genregrenzen. Verfolgungsjagden im Kreisverkehr (!!) kommen hier genauso vor wie choreographisch beeindruckende Actionszenen mit ungeplantem Suizid.

    In meinen Augen ist das sehr gelungen und wirklich mal was ganz Anderes, wenn auch sicher nichts für allzu Zartbesaitete.

  1. Fast tot

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Jan 2020 

    Seit einiger Zeit fühlt Jaako sich nicht wohl. Endlich geht er zum Arzt, der ihm mitteilt, dass die Untersuchungen Hinweise auf eine Vergiftung ergeben haben. Diese sei schon so weit fortgeschritten, dass nichts mehr zu machen sei. Schockiert überlegt Jaako, wer einen Grund haben könnte, ihn zu töten. Tja, wer? Jemand aus seinem Umfeld? Er muss unbedingt mit seiner Frau sprechen. Daheim angekommen ist das erste was er sieht, seine Herzensdame, die sich mit einem Angestellten vergnügt. Ist da das Motiv? Oder liegt es doch eher in seiner Firma, die Pilze nach Japan liefert und die plötzlich Konkurrenz bekommen hat.

    Schon seltsam, man geht zum Arzt und erfährt, dass man eigentlich schon so gut wie tot ist. Damit muss man erstmal zurecht kommen und auch mit dem Gedanken, dass einem offensichtlich einer ans Leder will. Fraglich, wem man noch vertrauen kann. Der eigenen Frau offenbar nicht. Und die Konkurrenz beginnt, Mitarbeitern in seiner Firma Arbeitsplätze anzubieten. Haben sie alle Jaako etwa schon abgeschrieben? Das lässt Jaako nicht mit sich machen. Er will unbedingt herausfinden, was wer vorhat. Und wenn es das Letzte ist, war er tut.

    Richtig schön schräg ist dieser Kriminalroman um skurrile Typen aus Finnland. Natürlich ist es eine Ausgangslage, in der man nicht stecken möchte. Da ist man doch lieber gesund. Aber nichtsdestotrotz Jaako packt es an. Er gibt nicht einfach auf und damit ergibt sich eine spannende Gemengelage, die es aufzulösen gilt. Wahrscheinlich nicht perfekt und manchmal vielleicht auch etwas weit hergeholt, aber so witzig oder gar irrwitzig wie sich die Handlung entwickelt, da kann man einfach nur weiterlesen. Leicht und vergnüglich, aber auch fesselnd besticht dieser Roman mit seinem Helden quasi auf Krücken. Gerade das Richtige für einen entspannten Sonntagnachmittag.

 

Brumm!: Eine schwarz/weiße Fabel für das postfaktische Zeitalter

Buchseite und Rezensionen zu 'Brumm!: Eine schwarz/weiße Fabel für das postfaktische Zeitalter' von  Helmut Barz
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Brumm!: Eine schwarz/weiße Fabel für das postfaktische Zeitalter"

Format:Taschenbuch
Seiten:432
Verlag:
EAN:9783966982849

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Rezensionen zu "Brumm!: Eine schwarz/weiße Fabel für das postfaktische Zeitalter"

  1. Ein originelles Lesevergnügen

    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Jul 2020 

    „Bei uns sagt man, der Panda ist freundlich und die Verkörperung der Seelenruhe, doch begegnest du ihm, tritt ihm nicht zu nahe, willst du nicht gegen einen gnadenlosen Krieger kämpfen.“ (Zitat Seite 46)

    Inhalt
    Dr. Urs A. Podini, 46 Jahre alt, von seiner egozentrischen Lebensgefährtin Karolin „Bärchen“ genannt, ist als Werbemanager und Co-Geschäftsführer eines Marketingunternehmens erfolgreich. Sein Traum von einer Professur für vergleichende Literaturwissenschaften und vom eigenen Roman dagegen hat sich nicht erfüllt. Gutmütig lässt er zu, dass ihn sein Leben lebt statt umgekehrt. Bis er eines Tages in der schrägen Boutique „Transitions!“ ein flauschiges Pandakostüm entdeckt, in das er mit einem zunächst vorsichtigen „Brumm“ schlüpft. Damit beginnt ein neues Leben für ihn, denn jetzt bestimmt sein Krafttier, der Panda, seine Handlungen, sanft, gemütlich, verspielt – doch wenn es darauf ankommt, fletscht er die Zähne und wird zum hartnäckigen Kämpfer.

    Thema und Genre
    Der Autor nennt seinen Roman eine moderne Fabel für unsere Zeit, in der Fakten bewusst durch gefühlte Wahrnehmungen ersetzt werden. Themen sind die alles bestimmende Medienpräsenz unserer Tage und ihre Scheinwelten, satirische Gesellschaftskritik und Politik. Es geht aber auch um Entscheidungen darüber, wer man sein will und wie man sein Leben gestaltet.

    Charaktere
    Ein Stückchen „Doktor Urs Ailuro Podini“ findet sich wohl im Leben vieler Menschen, die Entscheidung für Karriere und ein finanziell abgesichertes Leben, statt zumindest zu versuchen, die eigenen Träume zu leben. Kreativität ohne das notwendige Umsetzungspotential. Bei Dr. Urs A. Podini bewirkt der Panda in seinen Gedanken und dann auch in seinem Kostüm das Umdenken und die Veränderung. In welcher Form auch immer, als Leser schließt man diesen sympathischen, liebenswerten Hauptprotagonisten der Handlung sofort ins Herz.

    Handlung und Schreibstil
    Die Sprache zeigt den studierten Theaterwissenschaftler, sie führt uns flüssig durch die Handlung, ein großartiges Lesevergnügen. Unsere moderne Zeit der Influencer und ihrer Netzwerke, die Schwächen der derzeit die politische Bühne bespielenden Figuren werden gekonnt überspitzt, treffend, und mit einem großen Augenzwinkern beschrieben. Es sind der Humor und Witz, die skurrilen und doch aus dem Alltagsleben gegriffenen Szenen, die für laute Heiterkeit während des Lesens sorgen, unterbrochen durch Nachdenklichkeit und manchmal die Sorge um Urs. Denn auch sein Leben als erster anerkannter menschlicher Panda wird in der Geschichte immer noch von außen gesteuert, und als Romanfigur vom Autor, der mit einer überraschenden Wendung das von mir erwartete open End kappt. Für mich trotz verschiedener Andeutungen nicht stimmig, zu viel gewollt und zu bewusst konstruiert.

    Fazit
    Ein vergnüglich zu lesender, sprachlich großartiger Roman mit einer liebenswerten Hauptfigur. Mit einem grollenden „Brumm!“ für das Ende ziehe ich persönlich zwar einen Bewertungsstern ab, aber empfehle, dieses ungewöhnliche Buch auf jeden Fall zu lesen, es macht wirklich Spaß!

 

Das Kind in mir will achtsam morden: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Kind in mir will achtsam morden: Roman' von Dusse, Karsten
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Kind in mir will achtsam morden: Roman"

Format:Taschenbuch
Seiten:480
Verlag:
EAN:9783453424449

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Rezensionen zu "Das Kind in mir will achtsam morden: Roman"

  1. Leider schwächer als der erste Band...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Jun 2020 

    Björn Diemel hat die Prinzipien der Achtsamkeit erlernt, und mit ihrer Hilfe sein Leben verbessert. Er hat den stressigen Job gekündigt und sich selbstständig gemacht. Er verbringt mehr Zeit mit seiner Tochter und streitet sich in der Regel liebevoller mit seiner Frau. Ach ja, und nebenbei führt er noch ganz entspannt zwei Mafia-Clans, weil er den Chef des einen ermordet und den des anderen im Keller eines Kindergartens eingekerkert hat. Warum nur kann Björn das alles nicht genießen? Warum verliert er ständig die Beherrschung? Hat er das Morden einfach satt? Ganz so einfach ist es nicht. Sein Therapeut Joschka Breitner bringt ihn endlich auf die richtige Spur: Es liegt an Björns innerem Kind!

    Björn Diemel steht als erfahrener Anwalt auch diesmal wieder im Mittelpunkt des Geschehens. Die Erzählung knüpft an die Geschehnisse des ersten Bandes an und spielt sechs Monate später. Eigentlich läuft gerade alles halbwegs glatt. Björn arbeitet nun auf selbständiger Basis, und zwar ausschließlich für die beiden Mafia-Clans, die im vorherigen Band eine wichtige Rolle spielten. Einer dieser Clans besitzt nun einen eigenen Kindergarten, den auch Björns Tochter begeistert besucht - geleitet wird dieser von Björns Vertrautem Sascha. Mit seiner getrennt lebenden Frau hat Björn sich halbwegs arrangiert, und immerhin kann er seine Tochter ungestört sehen.

    Sascha und Björn haben die beiden Wohnungen über dem Kindergarten gemietet und versorgen abends den heimlichen Bewohner des Hauses, der keine Miete zahlt: Boris. Der amtierende Mafia-Clan-Chef ist im wahrsten Sinne des Wortes untergetaucht. Er lässt sich angeblich von seinem Anwalt Björn vertreten, der derzeit alles Geschäftliche regelt - ebenso wie der Kollege des verfeindeten Clans, den es aber härter getroffen hat. Der wurde nämlich von Björn achtsam ermordet, während Boris nur in dessen Keller eingesperrt wurde.

    Doch irgendwie findet Björn trotz seiner ganzen verinnerlichten Achtsamkeitsregeln nicht wirklich zur Ruhe. Er ist schnell auf 180 und muss sich durch seine Achtsamkeitsübungen wieder runterbringen. Seine Frau ist überaus abweisend und missachtet seine Wünsche und Bedürfnisse völlig, was Björn hinnimmt, um den Kontakt zu seiner Tochter nicht zu gefährden. Aber es nervt ihn. Zunehmend. Und als sich die explosiven Situationen häufen, beschließt Björn, seinen bereits vertrauten Therapeuten Joschka Breitner noch einmal aufzusuchen.

    Einige anstrengede Therapiestunden später ist Björn mit seinem inneren Kind bekannt gemacht worden, das ihm aufgrund früherer Kränkungen immer wieder dazwischen funkt. Ein ganzes Stück Arbeit liegt nun vor Björn, denn es gilt, die Bedürfnisse des inneren Kindes zu erkennen und zu würdigen. Der Beginn eines konstruktiven Dialogs...

    "Wenn Sie einen blauen Fleck am Oberschenkel haben, schränkt der Sie dann im Alltag ein?" --- "Nein." --- "Und wenn jemand auf diesen blauen Fleck draufhaut?" --- "Dann tut das höllisch weh." --- "Sehen Sie. So ist das auch mit dem inneren Kind. Ihr inneres Kind trägt die blauen Flecke Ihrer Seele." (S.69)

    Ich habe mir gerade noch einmal die Rezension zu Band eins ('Achtsam morden') durchgelesen, um den Unterschied der beiden Romane besser fassen zu können. Vom Aufbau her sind sich die Romane ähnlich - die Kapitel werden eingeleitet von einem Zitat des Therapeuten Joschka Breitner, und die Handlung des Kapitels greift diese Notiz dann auf. Dies passte für mich in Band eins jedoch besser als hier - manchesmal wirkte es diesmal auf mich zu konstruiert.

    Ähnlich wie im ersten Band ließ sich das Buch flüssig lesen, doch zogen sich für meine Empfinden zu viele Nebenhandlungen durch das Geschehen, wodurch wiederholt der Eindruck von Langatmigkeit aufkam. Das Achtsamkeits-Prinzip ist dem Leser ja schon aus dem vorherigen Band vertraut, so dass dieser Ansatz in der Gestaltung von Problemlösestrategien jetzt nicht wirklich neu war. Neu war allerdings das innere Kind von Björn, das hier ständig dazwischen funkte - und ständig wieder in den Vordergrund geschubst wurde, für mich tatsächlich zu viel.

    Vielleicht war Björn einfach zu sehr mit seinem inneren Kind beschäftigt, so dass er seinen Vertrauten Sascha diesmal viel 'erledigen' ließ. In Band eins hat mich vor allem begeistert, dass Björn so allein auf weiter Flur den Achtsamkeits-Regeln gemäß seine Probleme lösen musste. Hier zerfaserte mir die Handlung zu sehr, da hätte ich gern mehr persönlichen Einsatz von Björn selbst gesehen.

    Ich bin ein großer Fan von schwarzem Humor, und im ersten Band traf der Autor damit voll meinen Nerv. Auch der Ansatz als Gesellschaftssatire hat mir seinerzeit gut gefallen. In diesem zweiten Band kam der Humor für mich dagegen nicht so recht in Fahrt. Stellenweise war es durchaus amüsant - die Sexszene beispielsweise, während der Björn seinem innernen Kind eine Geschichte erzählen sollte - aber insgesamt bei allem zugestandenen Einfallsreichtum doch eher etwas bemüht.

    Klingt hier Enttäuschung durch? Irgendwie schon. Zumal mir das Ende nicht wirklich schlüssig erschien. Insgesamt einfach zu viel inneres Kind, zu wenig an Krimi, immer wieder schleppende Passagen, und an Spritzigkeit, schwarzem Humor und Originalität leider nicht mit Band eins zu vergleichen. Nett zu lesen und ganz unterhaltsam. Mehr aber auch nicht...

    © Parden

 

Sorck: Ein Reiseroman

Buchseite und Rezensionen zu 'Sorck: Ein Reiseroman' von Thurau, Matthias
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Sorck: Ein Reiseroman"

Format:Taschenbuch
Seiten:252
EAN:9783740705909

Diskussionen zu "Luftgitarrengott: Roman"

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Rezensionen zu "Sorck: Ein Reiseroman"

  1. "Sorck" von Matthias Thurau

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Mai 2020 

    Fazit: Ausnahmsweise muss ich meine Rezension mal mit einer Bitte um Verzeihung beginnen, nämlich bei Matthias Thurau persönlich. Als dieser mir das Rezensionsexemplar seines Buches zuschickte, war es hierzulande nämlich noch warm. Nun werden, je nach Region, einige einwenden, dass es doch gerade warm sei, aber ich meine das warm, das war, bevor es kalt wurde. Wer jetzt einwirft, dass es hierzulande ja niemals mehr wirklich kalt werde, gehört zur Kategorie Klugscheißer, denn ihr versteht mich schon. Es liegt jedenfalls ein ausgesprochen langer Zeitraum zwischen Zusendung des Buches und Rezension desselben. Das ist eigentlich für mich nicht üblich, soll nicht wieder vorkommen und ich gelobe Besserung.

    Vor allem, nachdem sich herausgestellt hat, dass ich dieses schöne Buch schon längst hätte lesen sollen, denn es hat mir tatsächlich auf ziemlich vielen Ebenen gefallen.

    Und das, obwohl man eine Dinge vergebens sucht, beispielsweise ein umfassendes Figurenensemble. Auch Dialoge sind lange Zeit rar gesät. Lediglich zwei wichtigere Nebenfiguren bekommen Namen, Hintergrundgeschichte und Sprechrolle, im Vordergrund steht hinsichtlich der Charaktere aber eindeutig Martin Sorck selbst. Und das schon zu Beginn ganz buchstäblich, nämlich im Vordergrund seines brennenden Hauses, später dann im Vordergrund der Geschichte selbst. Und ja, zugegeben, der Titel des Buches deutet auch darauf hin.

    Und dieser Martin Sorck ist eine wunderbar vielschichtig gestaltete Person. Sorck ist ein Mann, der sich auf einer Sinnsuche befindet, der zurückgezogen von anderen Menschen und der Welt gelebt hat. Jemand, der jedoch Strukturen im Leben braucht, weswegen er nahezu zwanghaft begonnen hat, Listen über alles zu führen, was er so den ganzen Tag über tut. All das in vollständiger oder vorgeschobener Überzeugung der Tatsache, irgendwann einmal im Leben etwas wirklich Bedeutsames zu vollbringen, sei es die Veröffentlichung eines Buches, eine wissenschaftliche Entdeckung oder ähnlich Weltbewegendes, was zwingend eine Biografie Sorcks nötig machen wird und etwaige zukünftige Biografen werden ihm dann danken für die Existenz zahlloser Listen aus denen vermeintlich hervorgeht, welche Art Mensch er denn nun ist, so Sorcks Denkweise.

    Nun steht der besagte Protagonist ja bereits vor den noch fackelnden Trümmern seiner Existenz, ist seines Konkons beraubt und gezwungen, sein Leben neu zu überdenken und sich auf die Suche nach Sinn und Bedeutung desselben zu machen.

    Und diese Reise auf der „SSCF Aisha Harmonia“ gerät dann auch zu einer Art Sinnsuche, einer Suche nach Halt, Stabilität und Bedeutung im Leben und des Lebens an sich.

    Und auch der Leser geht auf eine Art Suche, zumindest ging es mir so. Nämlich auf die Suche nach den Hintergründen des Protagonisten und der Antwort auf die Frage, wie Sorck wurde, was er wurde. Ich persönlich habe mich auf eine nahezu kindliche Art und Weise gefreut, wenn ich wieder mal auf so etwas wie einen Hinweis stieß, der mich Sorck besser verstehen ließ. So verläuft sich der Protagonist auf der Suche nach einer bestimmten Bar – er trinkt wirklich, wiiirklich viel – mehrmals auf dem Schiff, was sicherlich als Verdeutlichung der Sinnsuche, auf der er sich befindet, verstanden werden kann. Als weiteres Beispiel kann wohl auch genannt werden, dass er während dieses Herumirrens in einem Raum festsitzt, den er nur auf dem Weg verlassen kann, auf dem er ihn betreten hat, weswegen er an eine Fensterscheibe hämmert, um eine vorbeigehende Familie auf sich aufmerksam zu machen. Bezeichnend ist hierbei sicherlich, dass nur die Mutter der Familie auf sein Hämmern aufmerksam wird, ihn letztlich aber ignoriert und lieber den Lippenstift nachzieht.

    Solche Hinweise, die für mich darauf hindeuten, dass Sorck in seiner Kindheit und Jugend innerhalb der Familie, sagen wir mal „unschöne“ Erfahrungen hat machen müssen, gibt es noch mehrere, die aber naturgemäß nicht alle genannt werden sollen, denn ein bisschen Eigenleistung der Leserschaft muss ja nun auch sein … Zumal ich sicher bin, noch längst nicht alle Hinweise gefunden zu haben, die den Hintergrund der Figur Sorck beleuchten. Klar und unverstellt wird über sein vorheriges Leben – außer hinsichtlich der erwähnten Listen – jedenfalls nahezu nichts gesagt.

    Wenn ich jetzt nur noch wüsste, welche Bedeutung die Geschichte der russischen Reiseleiterin hat …

    Auch stilistisch bzw. sprachlich ist „Sorck“ ein reines Vergnügen. Das beginnt bei solchen Einfällen wie dem, die Hauptfigur immer mit einem anderen, neuen Substantiv zu bezeichnen, so wird aus dem „Bootsmann Sorck“ mal „Lebenszweckentfremdeter Sorck“ und mal der „Trümmerexistenzler Sorck“, geht über die Tatsache, dass bei zwei aufeinanderfolgenden Sätzen schon mal die Themen Wrestling und griechische Gottheiten zusammentreffen können, über so schöne Sätze wie „Ich vertraue auf Ihre Adaptabilität, Herr Sorck, und hoffe notfalls auf Akkomodation“ (S. 30) und endet noch lange nicht bei dem charmanten Einfall, eine Bar an Bord des Schiffs „Fubar“ zu nennen, was einerseits für „fucked up beyond all recognition“ stehen könnte und somit ziemlich passend wäre, und mir andererseits aus irgendeinem Antikriegsfilm bekannt ist, dessen Titel mir jetzt schon seit Tagen partout nicht einfallen möchte. Vielleicht „Der Soldat James Ryan“?

    Was Thuraus Roman überdies ausmacht, das sei abschließend noch gesagt, ist die Tatsache, dass man ihn auch dann gut lesen kann, wenn man zu all der Deuterei, der Spurensuche hinsichtlich der Hauptfigur und überhaupt zu allem Denken jenseits der eigentlichen Handlung keine Lust hat, was ja auch absolut legitim ist. Denn abseits all dessen liest sich „Sorck“ als böse Satire, eigentlich schon eher als eine Groteske auf den modernen Massentourismus, bei dem ja mittlerweile wirklich Armeen von Touristen über einstmals abgelegene Ziele hereinbrechen wie sie Passagiere der „SSCF Aisha Harmonia“ über das arme Tallin.

    Geblieben ist in Summe ein sehr unterhaltsames Leseerlebnis, das ich wärmstens empfehlen kann.

 

Paul muss ausziehen

Buchseite und Rezensionen zu 'Paul muss ausziehen' von Horwath, Tommi
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Paul muss ausziehen"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:110
Verlag:
EAN:

Diskussionen zu "Luftgitarrengott: Roman"

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Rezensionen zu "Paul muss ausziehen"

  1. Krass und witzig

    3
    (3 von 5 *)
     - 21. Mai 2020 

    Achtung:

    Dies ist meine persönliche Meinung. Meine Meinung wurde nicht gefälscht. Alles was ich schreibe kommt von mir. Falls Du das Buch lesen möchtest, bitte ich dich, bei den Buchhandlungen deines Vertrauens oder bei den kleineren zu kaufen. Sie brauchen unsere Unterstützung. Dieses Buch habe ich auf Youtube im Gelesene Bücher Januar 2020 vorgestellt. Schaut gerne darin vorbei. Freue mich auf Euren Besuch

    Danke an den Autor und an den Verlag, dass ich dieses Buch rezensieren durfte.

    Ich habe das Buch als „Leseexemplar“ bekommen. Da ich kein kindle habe, habe ich es als „Buch“ bekommen. Der Klappentext klingt sehr vielversprechend und macht neugierig auf mehr. Als ich die Seite öffnete, war die Schrift sehr groß. Meines Erachtens viel zu groß. Es hätte gereicht wenn die Schrift kleiner wäre. Dann waren die Lücken, die mich als Leser teilweise ein bisschen gestört haben.

    Die Geschichte an sich ist sehr schön geschrieben. Allerdings kam ich irgend wie nicht rein. Das ganze hatte so eine „Kindliche, liebevolle, Zuckerwatte“ Seite gehabt. Es gab keine Gefühle oder „was ich dazu denke“ Mir hat das gefehlt. Etwas persönliches. Die Geschichte ist etwas holprig. Der Funke ist mir nicht übergesprungen. Auch wenn die Mutter von Paul ziemlich drüber reagiert hat und ihn manipulativ ihn beansprucht hatte, kam mir ihre Art etwas befremdlich vor. Vor allem wie Paul reagierte, wenn Mutter ihre Pläne schmiedete. Er redete einfach irgend wie total merkwürdig „Ja Mutter, bitte Mutter“. Mir hat da was gefehlt. Dieses gewisse etwas, dieses gewisse „WOW“. Dieser Funke ist mir nicht übergesprungen. Obwohl man ein bisschen was von Paul erfuhr, kam ich irgend wie nicht nah an seine Geschichte ran.

    Der Protagonist ist Paul und wohnt bei seiner Mutter. Er leider unter der Fittiche seiner Mutter. Seine Mutter ist eine einzige Katastrophe. Sie leidet ,weil ihr ex sie verlassen hatte. Und damit kommt sie nicht klar. Und sehnt sich nach Liebe. Da sie niemanden hat, nervt sie ihren Sohn. Die Mutter hat die fehlende Komponente „Selbstliebe“, weil sonst wäre es ihr egal gewesen, was ihr Sohn macht. Im Gegenteil es ist nicht ihr egal, sie will es so haben wie sie es gerne hätte und wenn es nicht ihr passt, schluckt sie Schlaftabletten rein. Paul muss halt Sachen machen, die ihm nicht passen. Und langsam reicht es ihm. Und er tut etwas, damit er endlich rauskommt.

    Der Klappentext klingt vielversprechend und macht neugierig auf mehr. Das Buchcover ist nett gestaltet, allerdings nicht so, dass es mich von den Socken gehauen hat.

    Alles in allem eine nette Geschichte, mehr nicht.

 

Feßmann

Buchseite und Rezensionen zu 'Feßmann' von Maik, Gerecke
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Feßmann"

Sommer 1998. Der 17-jährige Ich-Erzähler zieht mit seinen Eltern in eine verschlafene Gemeinde irgendwo in Deutschland. Als Ingenieur hält sein Vater die Familie mit Ortswechseln auf Trab. „Der Neue“ zu sein, ist ihm daher nur zu vertraut. Im Handumdrehen findet er Freunde, verbringt Nachmittage am Badesee und dann verliebt sich auch noch Debbie in ihn, das begehrteste Mädchen der Schule. Besser könnte es nicht laufen, wäre da nicht: Fabian Feßmann, Fettmann, die Zielscheibe der gesamten Schule. Der Neue hat Mitleid und beschließt, Feßmann in die idyllische Gemeinschaft zu integrieren. Ein Versuch, der nach allen Regeln der Kunst scheitert und in einem Amoklauf gipfelt.

Format:Taschenbuch
Seiten:132
Verlag:
EAN:9783948574024

Diskussionen zu "Luftgitarrengott: Roman"

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Rezensionen zu "Feßmann"

  1. Mobbing

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Aug 2020 

    Ein interessantes Buch. Mobbing in den Endneunzigern, das ist das Hauptthema dieses Buches, aber Mobbing wird hier anders erklärt, deutlich treffender in meinen Augen. Denn ebenso ist in diesem Buch eine Gesellschaftskritik zu finden, die ins Damals/in die damalige Zeit/in die Handlung des Buches passt, aber ebenso schafft es Maik Gerecke mit etwas scharfen Worten die Handlung des Buches mit dem Jetzt/mit dem Heute zu verbinden. Der Autor schafft dies mit im Text gezogenen Vergleichen, eine interessante Art zu schreiben, wie ich finde. Auch diesen tragenden Sarkasmus fand ich herrlich in diesem Buch. Denn Mobbing wird immer auch von der Gesellschaft getragen und ist zum Beispiel in unserer vernetzten Gesellschaft viel besser/viel wirksamer/viel ausufernder möglich. Das ist etwas, was wir in unserer gläsernen Welt nicht vergessen sollten. Genauso wie wir nicht vergessen sollten, dass es bestimmten Kreisen in unseren Ländern gefällt, dass im Gleichschritt gegangen wird. Ziele von Mobbing werden oft Menschen, deren Gang nicht der Gleichschritt ist. Auch das und auch die große Gefahr darin sollte uns bewusst sein. Denn obwohl bei Mobbing immer sehr betroffen getan wird, Schuld an dieser Schikane trägt eine große Anzahl von Menschen, alle die nämlich, die zusehen und nichts tun. Und das sind viele. Genauso wie sich viele daran beteiligen. Ob nun direkt oder indirekt, denn auch manche Blicke oder unterschwellige Botschaften können verletzen. Das sind für mich herauslesbare Fakten in diesem Buch, Fakten, deren Sichtbarmachung mir sehr gefallen hat. Auch wenn die Schreibe nicht immer berauschend gut ist, hier besteht noch Verbesserungspotenzial. Die Erzählstimme ist mir zwar anfänglich sympathisch, wirkt aber nach und nach immer steriler, gekünstelter und unechter, nach und nach übernimmt die Botschaft des Autors die Führung und die Erzählstimme wirkt etwas entmenschlicht und blechern. Das ginge auch anders. Aber dennoch ist "Feßmann" ein interessantes Buch!

  1. Mobbing und das Feßmann-Projekt...lesenswert!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Jun 2020 

    Mit dem Aufschlagen des Buches geraten wir in eine äußerst angespannte und hochbrisante Situation:
    Der 17-jährige schwer adipöse Schüler Fabian Feßmann steht am ersten Schultag des neuen Schuljahres 1998/99 mit einem Messer und mit einem Wassergewehr der Marke „Super Soaker 200“ bewaffnet auf der Bühne in der Aula seiner Schule.
    Die Zugangstür hat er verriegelt, Lehrer und Schüler können nicht fliehen.

    Mit Beginn des zweiten Kapitels normalisiert sich der Adrenslinsspiegel wieder, aber Neugierde und Spannung sind geweckt.
    Wir erfahren, dass der ebenfalls 17-jährige Ich-Erzähler nach vielen Umzügen und Schulwechseln, bedingt durch den Beruf seines Vaters, in o. g. Schule gelandet ist.

    Erfahrungsbedingt hat der zunächst uneingeschränkt sympathische, kommunikative und offene Ich-Erzähler keine Probleme, in einem neuen Dorf und in einer neuen Schule Fuß zu fassen.

    Gleichzeitig weiß er, wie schmal der Grat vom Neuen zum Außenseiter ist und kann sich deshalb in eine solche Rolle gut einfühlen.

    Bereits am ersten Tag erlebt er mit, wie Fabian Feßmann gemobbt, gedemütigt und ausgegrenzt wird und es dauert nicht lange, bis er einen Einblick in all die unfassbaren Erniedrigungen bekommt, denen sein Mitschüler ausgesetzt ist.

    Sehr anschaulich zeigt Maik Gerecke die innere Ambivalenz des Ich-Erzählers auf. Er ist hin- und hergerissen zwischen Mitgefühl, Beschützerinstinkt und dem Impuls, sich gegen Ungerechtigkeit und Bösartigkeit aufzulehnen einerseits und der Angst, durch Solidarisierung selbst in eine Außenseiterrolle zu geraten, andererseits.

    Aber natürlich ist der Ich-Erzähler auch ein „ganz normaler“ Jugendlicher, dessen Testosteronspiegel nach Taten schreit und dessen Ego ehrgeizig danach strebt, Besonderes zu erreichen und dadurch Ruhm zu erlangen.

    Der Ich-Erzähler spürt mit einer unumstößlichen Gewissheit, dass ein Hinterfragen, ein Kritisieren oder ein Aufbegehren ihn aus seiner noch instabilen Rolle des interessanten Neuen herauskatapultieren und aus ihm selbst ein Ziel für Erniedrigungen machen würde.

    Und dann entscheidet sich der Ich- Erzähler dafür, ein Risiko einzugehen:
    Wie sein Vater, ein Architekt, der hierher versetzt wurde, um eine Brücke zu bauen, wollte auch er ein Brückenbauer sein.
    Ein Brückenbauer zwischen dem Außenseiter Fabian Feßmann und seinen Peinigern.

    Darüber, wie er das macht, ob bzw. inwieweit ihm das gelingt und welche Rolle Debbie, das begehrteste Mädchen der Schule, dabei spielt, werde ich natürlich nichts berichten, aber es lohnt sich auf jeden Fall, es selbst herauszufinden.

    Der Roman fesselte und überzeugte mich von der ersten Seite an.
    Nach zwei Dritteln ließ meine Begeisterung etwas nach. Das mag damit zusammenhängen, dass ich die Handlung ab da etwas zu konstruiert und ein bisschen unglaubwürdig empfand. Aber trotzdem konnte und wollte ich nicht aufhören, weiterzulesen. Ein gewisses Bedauern darüber, dass die bis dahin gefühlte Brillanz nachließ, überschattete ab da die Lektüre.

    Gleichzeitig und vor allem im Nachhinein war und ist da eine Faszination für die Fantasie des Autors und dachte und denke ich, dass trotzdem alles zusammengepasst hat und dass der Autor mit seiner Zuspitzung eine Möglichkeit gewählt hat, um zu verdeutlichen, was er mit seinem Text aussagen will.

    Das Ende, bei dem man schließlich erfährt, wie der Amoklauf in der Aula ausgeht, hat mich dann positiv überrascht, weil es desillusioniert und Abgründe fernab von romantischen Wünschen oder Vorstellungen aufzeigt.

    Vordergründig geht es um Mobbing und seine pot. Auswirkungen, aber eigentlich geht es um viel mehr: Gerüchte, Vorurteile, Gruppendynamik, die Macht der Gewohnheit, die Angst vor Veränderung und die Bereitschaft, seine eigene Haut auf Kosten Anderer zu retten. Um nur einiges zu nennen.

    Der Text beinhaltet zwischen den Zeilen ein Plädoyer für Selbstreflexion, Empathie, die Offenheit, zu hinterfragen und die Courage, sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen, statt sich bequem anzupassen und unterzuordnen.

    Er zeigt aber auch auf, dass der Trieb „seinen eigenen Arsch zu retten“ manchmal stärker ist als das moralische Gewissen.

    „Feßmann“ ist ein wortgewaltiger, wuchtiger, flott, bildhaft und fesselnd erzählter Text.
    Der Autor beweist psychologisches Gespür und Feingefühl. Er behandelt seine Themen differenziert in ihrer Komplexität und schafft es, eine drückende, gespannte und düstere Atmosphäre zu erschaffen, die das Buch durchzieht.

    Während des Lesens kam mir der Gedanke, dass sich das Buch als Schullektüre für Jugendliche eignen könnte, weil es so viele aktuelle, brisante und wichtige Themen beinhaltet und diese flott und spannend behandelt.

    Die Lektüre drängt regelrecht auf Austausch und ist deshalb sehr geeignet für eine Diskussion, z. B. in einem Lesekreis.

  1. Eindrückliche Erzählung über die Nachwirkungen von Mobbing

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Mai 2020 

    Maik Gerecke ist mir schon in den zwei Anthologien („Zerschlagen“ und „*innen – Frauengeschichten“) des VHV-Verlags positiv aufgefallen. Darum war ich erfreut, als ich im Verlagsprogramm die Vorankündigung einer Novelle von ihm entdeckte.

    Nun, mit „Feßmann“ (so der Titel) ist Maik Gerecke eine (Fazit vorab) eindrückliche Erzählung gelungen, die das Gestern ins Heute holt und zeigt, wie aktuell das Thema "Mobbing" immer noch ist!

    Der Ich-Erzähler erzählt den Leser*innen in Rückblenden die Geschichte eines, nun ja, ungewöhnlichen Amoklaufs mit noch ungewöhnlicherer Munition und wie es dazu kommen konnte. Der titelgebende Fabian Feßmann wird von allen an seiner Schule, die mitten in einem (im wahrsten Sinne des Wortes) rückwärtsgewandten kleinen Ort irgendwo in Deutschland steht, gehänselt und gemobbt. „Der Neue“ (der Ich-Erzähler) will sich daran nicht beteiligen; er ist der Meinung „[…] keiner hat es verdient, so behandelt zu werden. Auch der schrullige Fabian Feßmann nicht.“ (S. 63). Darum versucht er, Fabian „ins Boot zu holen“, sich mit ihm anzufreunden, was ihm zumindest auch zeitweise gelingt – nur um dann selbst zum „nächsten“ Hassobjekt der Schule zu werden.

    Maik Gerecke zeigt eindrucksvoll, was Mobbing bewirkt, lässt den Ich-Erzähler sich fragen, wie es (ob bewusst gewollt oder „nur mitgemacht, weil es jeder macht“ – beides ist unmenschlich) entsteht („Wer ist schuld an all den Fabians, den Hitlers, Stalins und Trumps? Waren wir nicht wachsam genug? Zu sehr mit uns selbst beschäftigt? Vielleicht ist unsere Kultur zu keinem Zeitpunkt ihrer Entwicklung jemals erwachsen gewesen.“ (S. 110)) – das alles (zum Teil) in der Sprache des heutigen Gestern und mit hinter den schwarzen Buchstaben versteckten Humor sowie der Verbeugung vor kultigen Science-Fiction-Serien.

    Wie immer im VHV-Verlag ist auch dieses Büchlein hochwertig gestaltet mit viel Liebe zum Detail.

    Glasklare Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

 

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