Bi: Vielfältige Liebe entdecken

Buchseite und Rezensionen zu 'Bi: Vielfältige Liebe entdecken' von Julia Shaw
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Bi: Vielfältige Liebe entdecken"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
EAN:9783446272934
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Rezensionen zu "Bi: Vielfältige Liebe entdecken"

  1. 5
    21. Jun 2022 

    Ganz fantastisch zusammengetragen

    Das Buch hat viele Informationen zum Thema Bisexualität zusammengetragen und interessant aufgearbeitet.

    Das Buch behandelt die Bisexualität. Dabei geht die Autorin auf sehr weitgefächerte Themen ein. Es geht von Geschichte zu Biologie zu Soziologie. Mir hat sehr gefallen wie viele Themen abgedeckt wurden. Es wurde auch gelegentlich auf den Zusammenhang zu anderen Kapiteln hingewiesen, aber insgesamt hat sich wenig wiederholt, sodass man viele wertvolle Informationen erhielt.

    Das Buch ist großartig eingeteilt. Der Aufbau ist in sich schlüssig und hat zu einem guten Lesefluss geführt. Insgesamt liest es sich sehr flüssig für ein Sachbuch. Alle Themen wirken gut recherchiert und es gibt jede Menge Quellenangaben.
    Julia Shaw schafft es sowohl sehr persönlich als auch wissenschaftlich zu schreiben. Sie ist selbst bisexuell, was ich als sehr bereichernd empfinde, da man so sicherer sein kann, dass sie tatsächliche Stereotypen und ähnliches kennt und diese nicht reproduzieren wird. Sie gibt persönliche Erfahrungen wieder und hat teilweise einen amüsanten Schreibstil, bleibt aber durchweg sachlich. Sie bringt dann aber auch den nötigen Ernst für einige bedrückendere Themen des Buches auf, welche wirklich wichtig sind.

    Das Buch war wahnsinnig spannend und ich habe es erstaunlich schnell verschlungen. Ich empfehle es klar jedem, der sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte oder sich selbst noch nicht auskennt.

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  1. Für mehr Aufklärung zum Thema

    Ich wollte dieses Buch unbedingt lesen, weil ich noch nie eins über Bisexualität in den Händen gehalten habe und einfach zum Thema kaum etwas weiß. Und ich darf gestehen: ich habe reichlich Neues dazugelernt.

    Frau Shaw schildert in gut zugänglichen Worten was Bisexualität ist, die geschichtlichen Hintergründe, was queere Menschen, vor allem Bisexuelle an Diskriminierung aushalten müssen und vieles mehr.

    Ich fand gut, dass eindeutig klar wird, dass Bi-Sein nicht nur was mit Sexualität zu tun hat, sondern so viel mehr bedeutet.

    Am meisten bedrückt haben mich die Schilderungen aus dem Abschnitt "Alles ist politisch". Manchmal meint man ja schon viel erreicht zu haben was Akzeptanz betrifft, aber dies ist vielleicht in Deutschland der Fall, in vielen anderen Ländern jedoch so ganz und gar nicht.

    Über die Sichtbarkeit von Bisexualität hatte ich mir zuvor keine Gedanken gemacht, weil homosexuelle Liebe öffentlich mehr im Fokus steht bzw. präsenter ist. Mir war nicht klar, dass aber gerade die Sichtbarkeit so wichtig ist, damit Menschen sich zugehörig und nicht anders fühlen.

    Zudem war mir die Diskriminierung aus allen Lagern gegen Bi- Menschen so gar nicht bewusst. Irgendwie dachte ich immer, dass gerade sie überall rein passen und akzeptiert werden.

    Fazit: Wichtige Lektüre, die aufklärt und gewiss für den Abbau von Klischees sorgt. Klare Leseempfehlung.

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Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden

Buchseite und Rezensionen zu 'Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden' von  Lori Gottlieb
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden"

Format:Audible Hörbuch
Seiten:0
EAN:
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Meinetwegen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Meinetwegen: Roman' von Dagmar Schifferli
4.2
4.2 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Meinetwegen: Roman"

Die siebzehnjährige Katharina ist Anfang der 1970er Jahre in einer geschlossenen Einrichtung für Jugendliche untergebracht. Sie wurde straffällig. Mindestens einmal pro Woche muss sie mit einem Psychiater sprechen, um die Hintergründe ihres Deliktes zu ergründen. Erstaunlicherweise gelingt es ihr dabei, dem Arzt »ihre« Gesprächsregeln aufzuzwingen. Die »Delinquentin« wird zur »Regisseurin«. Er darf nichts fragen, sich nicht einmal räuspern. Das würde Katharina zu sehr von sich selbst »wegtreiben«. Der Psychiater lässt sich darauf ein. Später erhält er die Erlaubnis, mit selbst beschrifteten Kärtchen in einen Dialog zu treten. Stück für Stück erfährt man, was Katharina erlebt hat.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:112
EAN:9783755600107
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Rezensionen zu "Meinetwegen: Roman"

  1. Vertraue niemand

    Ein Bericht aus der Jugendpsychiatrie: Die 17-jährige Katharina befindet sich derzeit in der geschlossenen Einrichtung. Einmal wöchentlich hat sie einen Termin bei ihrem Psychiater. Von Anfang an gibt Katharina den Ton an. Der Arzt darf sie nichts fragen, sich nicht einmal räuspern.

    „Meinetwegen“ ist ein kleines Kammerspiel, die handelnden Personen eine junge Frau, die in der Psychiatrie ist und ihr behandelnder Arzt. Die schweizerische Schriftstellerin Dagmar Schifferli schürt von Anfang an den Argwohn gegen ihre Protagonistin. Ist Katharina, bei all dem was sie ihrem Arzt erzählt, zu trauen. Und zu erzählen hat Katharina sehr viel. Von ihrer Kindheit, der kranken Mutter, der „Pflegetante“, dem sehr schwierigen Verhältnis zum Vater.

    Angesiedelt ist die Geschichte in den 1970er Jahren in Zürich. Kleine Zeitanker lassen Katharinas Geschichte authentisch wirken. Lange ist man auch im Unklaren, warum Katharina überhaupt in der Anstalt ist.

    „Ich möchte, dass Sie alles erfahren. Ob es die Wahrheit ist, müssen Sie selbst entscheiden.“

    Dieser kurze Roman bietet viel Raum für Spekulation und Interpretation. Mitleid für und Abscheu gegen die Erzählerin halten sich die Waage. Das ist gut gemacht und doch wünscht sich die Leserin ein eindeutiges und nicht offenes Ende.

    Dass der Roman eigentlich eine Fortsetzung ist zum Roman „Wegen Wersai“, der von der Kindheit Katharinas handelt, habe ich erst nach der Lektüre von „Meinetwegen“ festgestellt.
    Mein Fazit: Vertraue niemand, nicht der Erzählerin, nicht dem Klappentext und lies die Bücher in der richtigen Reihenfolge.

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  1. Es steckt mehr drin als man auf den ersten Blick denkt

    Der Roman lässt den Leser an den therapeutischen Sitzungen der 17 Jährigen Katharina teilnehmen. Diese Sitzungen sind sehr speziell, da die junge Frau den Ton angibt. Sie verbietet dem Psychiater, Herrn Conti, zu sprechen. Sie muss die Ereignisse ohne Unterbrechung und in ihrem Tempo erzählen, ansonsten befürchtet sie gar nicht in der Lage zu sein. Aus den anfänglichen Strapazen für sie, entwickelt sich in der weiteren Handlung ein fast schon angenehmer Austausch zwischen den beiden.

    Beim lesen wirkt dies direkt mehr als befremdlich, da es ungewöhnlich ist, dass sich ein Psychiater auf so eine Bedingung einlässt. Erst recht, da man weiß, dass diese ein Verbrechen begangen hat, in dieser geschlossenen Einrichtung ist bis zur Verhandlung, die ihren weiteren Weg entscheiden wird. Doch bei Katharina funktioniert es, sie breitet nach und nach ihre Geschichte aus.

    Der Roman ist kurz, besteht eigentlich ausschließlich aus den Dialogen während der Therapie, doch im Zuge der Leserunde in der ich dieses Buch gelesen habe, sind ein paar interessante Arten das wenige zu interpretieren aufgetaucht.
    Man kann das Buch tatsächlich aus zweierlei Sicht sehen. Da wäre dann einmal die Katharina, die viel schlimmes erlebt hat, und von ihren Bezugspersonen enttäuscht wurde, die eine Kurzschlusshandlung begeht. Des weiteren kann man einiges auch so deuten, dass man es mit einer sehr berechnenden Person zu tun hat, die bewusst jemanden verletzen wollte und schlau genug ist, anderen das Gegenteil einzureden.

    Genau dieser Aspekt hat mich das Büchlein am Ende mit anderen Augen sehen lassen. Ein Werk, das viel Diskussionsstoff bietet.

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  1. Monolog einer Psychopathin (?)

    Katharina ist ein 17-jähriges Mädchen, das sich in einer geschlossenen Einrichtung für Jugendliche befindet, weil sie straffällig geworden ist. Der kurze Roman ist ausschließlich aus ihrer Sicht in der Ich-Perspektive verfasst. Als Leser:innen hören wir ihr zu, wie sie einmal in der Woche mit ihrem Psychiater spricht, der selbst ins Gespräch nicht eingreifen darf. Das ist ihre Bedingung, damit er alles über ihre Tat erfährt.

    Gleich zu Beginn gibt sie zu bedenken:

    „Es wäre nicht willentlich gelogen, wenn ich etwas erzählte, dass ich gar nicht so erlebt habe oder mir jemand erzählt hat, dass es so gewesen sei. Ohrfeigen, wenn sie heftig genug sind, verletzen das Gehirn. Die, die ich gekriegt haben, waren heftig. Darum bin ich mir unsicher, ob ich mich an alles korrekt erinnere. Obwohl ich möchte.“ (5)

    Kann man ihr trauen? Ist sie eine zuverlässige Erzählerin? Will sie sich wirklich ihrer Tat stellen? Und was hat sie getan? Das sind die Fragen, die durch den Roman tragen und kontinuierlich die Spannung hochhalten. Katharina erzählt nur das, was sie wirklich will. Vieles bleibt ausgespart und nachfragen darf der Psychiater zunächst nicht.

    „Eines aber müssen Sie wissen: Sie dürfen mich nie unterbrechen, niemals. Auch keine Fragen stellen, keine Töne, keinen Pieps von sich geben, wie etwa hm, oder sich räuspern. Das würde meine Gedanken durcheinander bringen.“ (5)

    Von ihrem Leben selbst erfahren wir wenig. Ihre Mutter ist an MS erkrankt und verstorben. Ihr Vater hat ein Verhältnis mit der Pflegekraft gehabt und hat Katharina laut ihrer Aussagen geschlagen und auch verbal Schaden zugefügt. Nach eigenen Aussagen lebt sie in „der ständigen Angst vor Prügel und Beschimpfungen. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft mir mein Vater den Tod gewünscht hat.“ (24)
    Katharina macht ihn auch für den Tod ihrer Mutter verantwortlich.

    „Nein, ich weiß, dass er schuld war,
    schuld ist,
    am Tod meiner Mutter. Schauen Sie mich nicht so an. Es stimmt. Er hat ihren Rollstuhl nicht arretiert, sie saß drin, der Rollstuhl fuhr immer schneller,
    kippte um.“ (19)

    Eine Zeitlang hat sie bei ihrer Tante gelebt und war auch in einem katholischen Internat, woraus sie geflohen ist. Ihre Tante wollte sie jedoch auch nicht aufnehmen.

    „Keine Ahnung, warum micht ihre Kinder…Man sieht sich ja nie von außen. Das habe ich schon mal gesagt. Jedenfalls haben sie mich ziemlich gemieden.“ (36)

    Der Psychiater lässt sich darauf ein und erst nach ein paar Sitzungen darf er mithilfe von Karten mit ihr interagieren. Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, dass das Geschehen im Jahr 1970 spielt. In diesem Jahr ist erstmals die Psychopathy Checklist von R. Hare erschienen ist, so dass der behandelnde Psychiater diese noch nicht gekannt haben kann. Damit gibt uns die Autorin einen Hinweis darauf, dass Katharinas Charakter eine antisoziale Persönlichkeitsstörung aufweisen könnte, d.h. dass sie eine Psychopathin ist, die ihr Gegenüber manipuliert.
    (Vielen Dank an unser Leserundenmitglied @Gaia, die uns darüber aufgeklärt hat)

    Allerdings legt auch die Erzählweise dies nahe, denn ausgerechnet bei der Sitzung, in der sie ihre Tat erzählen will, muss der Psychiater eingreifen.

    „Helfen Sie mir, sagen Sie etwas!
    WAS?
    Etwas, das mir weiterhilft, bitte!
    JA
    Ich habe im Bericht Folgendes gelesen, Katharina: (…)" (92)

    Dadurch, dass sie sonst die Fäden in der Hand behält und nur beim Geständnis ihrer Tat auf Hilfe angewiesen ist, zeigt meines Erachtens, dass sie keine echte Reue empfindet und den Psychiater dahingehend manipuliert, dass er ihr hilft in den offenen Strafvollzug zu gelangen und ihr ein gutes „Zeugnis“ auszustellen. Auch die intertextuellen Bezüge, z.B. zur Todesfuge von Paul Clean könnten ein Hinweis darauf sein, dass sie sich als Opfer stilisiert, um selbst in einem besserem Licht zu erscheinen.

    Allerdings könnte man den Roman auch anders lesen. Katharina befreit sich von ihrer Tat mithilfe der Gesprächstherapie, empfindet Reue, entwickelt sich und will neu anfangen. Beim ersten Lesen erscheint sie durchaus sympathisch, man empfindet aufgrund ihrer Kindheit Mitleid mit ihr. Es bleibt am Ende tatsächlich offen, jedoch bleibt das ungute Gefühl, Katharina meine es nicht ernst, sondern wähle ihre Worte mit Kalkül. Ein Eindruck, der sich beim 2.Lesen bestätigt.

    Ein interessanter Roman, der zum Diskutieren einlädt und die Leser:innen herausfordert.

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  1. Katharina redet

    „Meinetwegen“, der fast ununterbrochene, an einen Psychiater gerichtete, Monolog einer 17-jährigen, die nach einem Vorfall in einer geschlossen Anstalt sitzt, ist ein problembehaftetes Buch. Der Roman nutzt naheliegender Weise unzuverlässiges Erzählen, um vor dem Leser eine Charakterstudie Katharinas auszubreiten und ihm eine eigenständige Analyse der Erzählerin zu ermöglichen. Die ersten beiden Kapitel sind in dieser Hinsicht ausgesprochen gut gelungen und enthalten zahlreiche Hinweise und Merkmale auf die Unzuverlässigkeit der Erzählerin und lassen einen spannenden Entwicklungsverlauf erwarten. Im Verlauf des Textes schleifen sich diese deutlichen Elemente aber mehr und mehr aus, werden spürbar weniger, stattdessen tritt eine immer angepasstere Katharina zu Tage, deren Wunsch es ist, aus der Anstalt entlassen zu werden, um wieder das Gymnasium zu besuchen. Auch wenn dem Leser selbstverständlich die Unzuverlässigkeit dieser Figur bekannt ist, fehlt im Romanverlauf der gezielte Einsatz der Unzuverlässigkeit an Schlüsselstellen, die u.a. für Momente der unbewussten Selbstenthüllung der Erzählerin sorgen könnten und so dem Leser einen Blick hinter die Fassade erlauben würden. Stattdessen hat man es mit einer zunehmend zahmen, bemühten Erzählerin zu tun, die geläutert erscheint. Liest man den Text so – und das ist vordergründig das, was der Text hergibt – dann könnte man zu dem Schluss kommen, es hier mit einem didaktisch orientierten Text zu tun zu haben, einem Coming-of Age in Monologform, bei dem es darum geht, die Vorteile einer Unterordnung an gesellschaftliche Normen aufzuzeigen – eine recht brave, eher langweilige Lektüre.

    Es gibt allerdings noch eine zweite Lesart, die jedoch erst durch fachlichen psychologischen Input ermöglicht wird und die Erzählerin als möglicherweise psychopathisch einstuft. Wenn man den Roman unter Hinzunahme dieser Fachexpertise liest, wird deutlich, dass die Erzählerin ebenso auch manipulativ und ich-bezogen vorgehen und ihre eigenen Ziele fokussiert verfolgen könnte. Unter Berücksichtigung dieses Bezugsrahmens gewinnt der Roman eine ganz neue Qualität, wird in seinen Verweisen auf die 70er Jahre und literarische Werke dichter und komplexer und als Charakterstudie um ein Vielfaches interessanter.

    Problematisch ist und bleibt in der Konzeption des Romans jedoch genau dies: der psychologisch ungeschulte Leser, der mit der Symptom-Checkliste der Psychopathie nicht vertraut ist, sieht diese vermutlich eher nicht (immerhin sind Psychopathen im Alltag für den Laien ja auch kaum zu erkennen), weil die erzählerische Unzuverlässigkeit in diesem Text zu sparsam eingesetzt wird. Da die Unzuverlässigkeit eines Erzählers nicht zwangsläufig auf eine psychische Störung verweist, hätte es zumindest ab und an belastbarerer, auch für den normalen Leser identifizierbarer, Indizien bedurft, da ein allgemein bekannter Bezugsrahmen zur Auflösung des (bis auf die Tat) in weiten Teilen „normal“ und gesellschaftlich akzeptabel erscheinenden Verhaltens fehlt. Die Möglichkeiten unzuverlässigen Erzählens, die den Leser befähigen könnten, die Erzählinstanz zu durchschauen, werden leider nicht umfassend genug genutzt. Stattdessen wird der Text durch ein ewiges Changieren zwischen „es könnte, aber könnte auch nicht“ in der Schwebe gehalten. Dies ist in sich eine wunderbare, anspruchsvolle Leistung, da sie die absolute Realitätsnähe (wenn man der Hypothese der Psychopathin folgt) der Charakterdarstellung belegt – nur, sie bringt leider wenig, wenn das Gros der Leser diese Lesart ohne psychologische Vorkenntnisse kaum wahrnehmen kann.

    Der Roman hat sehr viel Potenzial, aber er bleibt in seinem Zusammenspiel mit dem Leser eher vage, nutzt die erzählerischen Möglichkeiten, die er zur Kommunikation hat, nicht vollends aus und setzt Wissen voraus, über das man in der Regel nicht verfügt.

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  1. 4
    26. Mär 2022 

    Hier ist aufmerksames Lesen notwendig

    Dagmar Schifferli vollführt mit ihrem Roman „Meinetwegen“ ein kleines psychologisches Kunststück. Die auf den ersten Blick wie die reumütigen Therapiesitzungen einer jungen Straftäterin, die Opfer ihrer eigenen harten Kindheit wurde und somit zur Täterin, aufgebaute Geschichte bietet mehr als erwartet.

    Die 17jährige Katharina erscheint zur ersten Therapiesitzung mit ihrem Psychiater in einer geschlossenen Einrichtung für auffällige Jugendliche. Ganz unerwartet gibt sie vom ersten Satz an den Ton an und legt fest, dass ihr Therapeut schweigen müsse und nur sie reden dürfe. Nicht einmal räuspern dürfe sich der Mann. In der ersten Hälfte des Buches lesen wir einen Monolog von Katharina über ihre schlimme Kindheit. Immer wieder bekommen wir – mal mehr mal weniger – subtile Hinweise darauf, dass sich das Gespräch in 1970 abspielt. Im zweiten Teil dann lässt Katharina den Therapeuten Kärtchen mit kurzen Wörtern wie „Ja“, „Nein“, „Warum?“ hochhalten und kommt somit in eine Art Dialog mit ihm. Ganze 17 Therapiesitzungen bekommen wir auf diesem Wege vermittelt und bekommen sogar noch einen kleinen Ausblick, wie es zukünftig mit Katharina darüber hinaus weitergehen könnte.

    Mich hat zunächst die – für mich – innovative Form der einseitigen Darstellung einer Kommunikation und im Speziellen eines Therapiesettings überrascht sowie positiv eingenommen. Etwas derartiges habe ich bis dato noch nicht gelesen. Enttäuschend schlug sich für mich dann die Entwicklung nieder, dass doch plötzlich Kärtchen zur dyadischen Kommunikation genutzt werden und somit die Stringenz der Erzählung unterbrochen wird. Auch empfand ich das Einweben von Hinweisen zum zeitlichen Setting in 1970 erst sehr gekonnt und später dann leider doch zu penetrant. Nach zwei drei Andeutungen Katharinas sollte eigentlich jedem:r Leser:in klar geworden sein, in welchem Handlungsjahr wir uns befinden. Störend empfand ich ebenso die vermehrt auftretenden Hinweise von Katharina auf Gegenstände, die im Therapieraum eigentlich für beide Gesprächspartner sichtbar sind, und scheinbar nur angesprochen werden, dass die Lesenden erfahrend, was Katharina gerade nonverbal tut, z.B. etwas Wasser trinken, husten, die Uhrzeit ablesen.

    Aber all diese Punkte, die mich im Gesamten das Werk von Schifferli zunächst kritisch haben sehen lassen verblassen gegen den versteckten Anteil Katharinas Ausführungen. Bei aufmerksamen Lesen werden immer mehr Indizien ersichtlich, die Katharina als waschechte Psychopathin ausweisen und sie von einem bemitleidenswerten Opfer ihrer Lebensumstände zu einer berechnenden Täterin im Opfer-Schafspelz machen. So bekommt der Roman zwei Deutungsebenen, die eine Zweitlektüre lohnenswert werden lassen. Geschickt wickelt die Autorin ihre Leser:innen zunächst um den Finger. Man sollte jedoch während der gesamten Lektüre nicht vergessen, dass Katharina selbst sich schon auf der ersten Seite als eine unzuverlässige Erzählerin beschreibt. Dass diese Unzuverlässigkeit nicht mit Erinnerungslücken sondern mit dem Willen zur Manipulation zusammenhängt wird im Verlauf immer deutlicher. Eine kreative Charakterdarstellung von Katharina, die psychologisch durchaus schlüssig gelungen ist.

    Insgesamt handelt es sich meines Erachtens hierbei um einen sehr klug konstruierten Roman über eine äußerst hinterlistige Wölfin im Schafspelz. Ich habe das Buch trotz seiner kleinen Schwächen sehr gern gelesen und mich diebisch an den verschiedenen Deutungsmöglichkeiten erfreut. Es handelt sich bei diesem 112 Seiten dünnen Büchlein um eine definitiv lohnens- und empfehlenswerten Lektüre.

    Somit komme ich auf glatte 4 Sterne und damit die Bewertung „sehr gut“.

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  1. Psychologisches Kabinettstück mit Aha-Effekt

    Die 17-jährige Katharina hat Anfang der 1970er Jahre offensichtlich eine Straftat begangen. Nun sitzt sie in der geschlossenen Abteilung für Jugendliche ein. Der Prozess steht noch bevor, in Einzelsitzungen soll ein Psychiater das Mädchen begutachten, um anschließend mitentscheiden zu können, wie und wo es für Katharina weitergeht. Bereits in der ersten Sitzung zeigt sich das Mädchen sehr selbstbewusst: „Eines müssen Sie wissen: Sie dürfen mich nie unterbrechen, niemals. Auch keine Fragen stellen, keine Töne, keinen Pieps von sich geben, wie etwa hm, oder sich räuspern.“ (S.5)

    Katharina fängt an zu erzählen. Sie erzählt von sich, von ihrer früh verstorbenen Mutter, dem gewalttätigen Vater. Eine Pflegetante trat in ihr Leben („Pflege und Tante, keins von beidem hat gestimmt.“ (S.8)) Das Mädchen lässt uns an seinen Erinnerungen teilhaben. Wenige davon sind schön. Ihr Leben scheint von Gewalt, Ungerechtigkeit und Leid geprägt gewesen zu sein. Ihr Hass auf die Welt der Erwachsenen, in der Kinder unterdrückt und gedemütigt werden, ist groß. Katharina deutet dabei viele Episoden nur an. Man hat den Eindruck, dass sie manches Schlimme nicht aussprechen kann, ein starkes Trauma scheint sie daran zu hindern. Dann setzt sie Stichworte oder kurze Sätze, gern auch in derben Worten, die beim Zuhörer ihr Echo nicht verfehlen und Kopfkino in Gang setzen. Katharina ist eine unzuverlässige Erzählerin. Als Leser sollte man aufmerksam sein und möglichst früh entscheiden, ob man ihr ihre Geschichte eins zu eins abnimmt oder ob es Zweifel daran geben kann. Wer ist Katharina? Opfer oder geschickte Akteurin? Das ist die Kernfrage, die den Leser während der 17 einstündigen therapeutischen Sitzungen beschäftigen sollte.

    Hinweise gibt es reichlich. Das Mädchen erzählt nicht stringent, sie springt mitunter von Thema zu Thema. Manchmal gibt es (scheinbar) keinen Zusammenhang, manchmal doch. Sie ist belesen, liebt Wortspielereien, Gedichte und Bücher, die natürlich nicht ohne Bezug Erwähnung finden. Man kann kaum glauben, dass sich der Psychiater auf seine schweigende, völlig passive Rolle eingelassen hat. Katharina ist Herrin des Verfahrens. Sie entscheidet zu sprechen, zu schweigen oder zu gehen. In späteren Sitzungen gestattet sie den Einsatz von JA und NEIN Kärtchen, die es dem Fachmann ermöglichen, ein kurzes Feedback zu geben. Später kommen weitere Kärtchen hinzu. Das alles wirkt wie eine Inszenierung.

    Nach und nach steuert die Handlung auf den Höhepunkt, den eigentlichen Tathergang, zu. Ihm muss sich die Delinquentin stellen. Geschickt werden dazugehörige Fragmente gestreut, erst spät versteht man als Leser, was eigentlich passiert ist. Dieser Teil ist der spannendste. Ansonsten ist das Buch kein Pageturner im engen Sinn. Es wird erst dann packend, wenn man sich zur Beantwortung der oben genannten Kernfrage entschlossen hat. Erst dann hebt sich der Vorhang: Vieles, was zuvor banal wirkte, bekommt auf einmal Tiefe. Der Blick hinter die Fassade ist erschreckend faszinierend. Nach Beendigung der dichten 112 Seiten muss man, wenn man den Twist verstanden hat, alles noch einmal lesen – mit aufgerissenen Augen. Bleibt der Aha-Effekt während der Erstlektüre aus, könnte eventuell der Klappentext den Weg weisen. Mehr möchte ich nicht verraten.

    Dagmar Schifferli hat mit „Meinetwegen“ einen sehr ungewöhnlichen psychologischen Roman vorgelegt, der Therapiesitzungen abbildet, in denen nur einer spricht. Ich habe den Roman mit zunehmender Faszination gelesen. Katharina war mir zu keinem Zeitpunkt sympathisch. Vielleicht hat das meine Sinne geschärft. Wer sich gerne intensiv mit psychologischen Verhaltensmustern auseinandersetzt und dem ungewöhnlichen Stil offen gegenüber steht, dem sei dieser Roman ans Herz gelegt. Er ist nicht zum schnellen Konsum geeignet, sondern fordert zur Auseinandersetzung auf. Schifferli hat sich etwas getraut. Dieser Roman ist dermaßen außergewöhnlich und faszinierend, dass ich ihn mit Höchstpunktzahl bewerte.

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  1. Ein Büchlein, das man am besten zweimal liest

    Kurzmeinung: Das Romänchen verstellt sich!

    Von diesem sehr kleinen Buch ist man am Ende erst einmal verblüfft. Was hat man da gelesen? Eine 17jährige Jugendliche, Katharina, ist in einer geschlossenen Einrichtung für Jugendliche einsässig. Es ist offensichtlich, dass Katharina eine Straftat angelastet wird. Deswegen werden Katharina Stunden beim Psychotherapeuten verordnet. Von seiner Beruteilung und Einschätzung hängt es ab, wie mit Katharina weiter verfahren wird. Katharina verweigert sich den verordneten Therapiestunden nicht, aber sie stellt Bedingungen. Sie will kein „normales Gespräch“. Sie redet nur, wenn der Therapeut sich völlig neutral verhält.

    Der Kommentar:
    Das Konzept der Gesprächstaktik Katharinas ist interessant, sogar lustig, aber am Ende ist man verwirrt: Hat man sich jetzt von Katharina einwickeln lassen? Oder ist Katharina das Opfer einer lieblosen Umgebung? Man weiß es nicht genau. Man sollte das Buch ein zweites Mal lesen, sobald man Verdacht geschöpft hat.

    Auffällig sind die vielen Hinweise auf die 70er Jahre, die in das Selbstgespräch Katharinas einfließen, was ich zuerst für willkürlich und funktionslos halte, sozusagen eine Verlegenheit der Autorin - bis ich erfahre, dass in den 70er Jahren auf dem Gebiet der Psychotherapie/analyse sozusagen ein Erkenntnissprung stattfand. Man erkannte den Typus des Psychopathen und gab den Ärzten eine aufgrund empirischer Studien erarbeitete Checkliste zur Hand, um diesen speziellen manipulativen Charakter zu enttarnen. Das änderte meine Sichtweise auf den Roman. Es machte ihn ungleich spannender und erfordete einen zweiten Durchgang. Und plötzlich sieht man Indizien, über die man vorher hinweggelesen hat. Aber Indizien sind kein Geständnis.

    Das Konzept des Romans überzeugt erst auf den zweiten Blick. Man könnte es für naiv halten. Kindlich naiv. Nett. Brav. Aber dann schlägt es voll durch und einige kleinere inhaltliche beziehungsweise stilistiische Ungeschicklichkeiten spielen keine Rolle mehr.

    Fazit: Das Büchlein ist entweder verschlagen wie der Wolf beim Rotkäppchen oder naiv und herzig. Das muss der Leser für sich entscheiden. Es lebt ganz und gar von der Frage, ob Katharina authentisch ist oder ein manipulativer Charakter. Für beide Sichtweisen gibt es gute Argumente.

    Kategorie: Belletristik. Charakterstudie.
    Verlag: Nagel & Kimche, 2022

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  1. 4
    24. Mär 2022 

    Die Stunden

    Katharina ist in einer geschlossenen Abteilung einer Jugendeinrichtung. Für wenigstens eine Stunde in soll sie mit dem Psychiater Herrn Conti sprechen. Sie ist hier, weil sie straffällig geworden ist. Sie ist hier, weil sie verstanden werden soll. Doch erstmal bestimmt Katharina den Weg. Vielleicht ist es eines der ersten Male, wo sie bestimmen kann. Und der Psychiater Conti lässt sich darauf ein, um ihr die Öffnung zu erleichtern. So beginnt Katharina zu erzählen, etwas zusammenhanglos zunächst, dann immer flüssiger. Dabei ist sie zuerst zurückhaltend. Doch schließlich fängt sie sogar an, den Stunden entgegen zu sehen.

    Der Leser begleitet Katharina zu ihren Besuchen bei dem Psychiater. Aus ihrer Sicht kann er an den Stunden teilnehmen und sich nach und nach in sie hineinfühlen. Eigentlich sperrt sich Katharina gegen diese Stunden, sie sieht nicht, was es bringen soll. Bald merkt sie jedoch, dass es ihr leichter fällt, die Gespräche zu führen. Und sie führt die Gespräche. Eine ungewöhnliche Form einer Gesprächstherapie, aber schließlich doch wohl hilfreich. Was hat dazu geführt, dass Katharina in der Einrichtung gelandet ist? Was hat Katharina in ihrer Kindheit erlebt. Ist ihre Reilienz stark genug, um zu bestehen?

    Mit seinem ungewöhnlichen Stil der direkten Teilnahme aus Sicht der Patientin an den Gesprächsstunden besticht dieser Roman und zieht einen in seinen Bann. Was einem fehlen könnte, ist eine klarere Sicht auf die Kindheitserlebnisse der jungen Katharina und wie diese schließlich zu dem Ereignis geführt haben. Dennoch bleibt man fasziniert von der Form dieses Romans, die die kleinen Änderungen von Stunde zu Stunde zutage fördert. Vielleicht versteht man auch den Sinn einer Gesprächstherapie, hin zu einem besseren Verständnis von sich selbst, zur Erkenntnis über das eigene Selbst und vielleicht auch zu einem Fortschritt, der Katharina hilft, sich selbst besser zu erkennen. Diesem schmalen Büchlein hätten vielleicht ein paar Seiten mehr gut getan, um Katharinas Leben noch genauer zu beleuchten, aber dennoch bleibt es dabei, man hat einen Roman, der einen gefangen nimmt.

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  1. Intensiver Blick in den Kopf einer jungen Straftäterin

    Die 17-jährige Katharina befindet sich im Jahre 1970 wegen einer zunächst nicht näher bezeichneten Straftat in einer geschlossenen Einrichtung für Jugendliche und trifft sich dort wöchentlich mit einem Therapeuten. In den Gesprächen setzt sie die Regeln und möchte sich nicht unterbrechen lassen. Es entwickelt sich ein intensiver Monolog, der Stück für Stück Details über die Tat enthüllt - und ganz nebenbei einen Blick in den Kopf des jungen Mädchens gewährt...

    "Meinetwegen" von Dagmar Schifferli ist ein kurzer Roman von gerade einmal 112 Seiten, der vor allem in der ersten Hälfte formal und sprachlich überzeugt. Ich-Erzählerin Katharina macht nicht nur dem Therapeuten, sondern auch den Leser:innen schnell klar, dass sie diejenige ist, die den Ton angibt und setzt. "Eines aber müssen Sie wissen: Sie dürfen mich nie unterbrechen, niemals", heißt es gleich zu Beginn und so bleibt auch der Leserschaft nichts anderes übrig, als sich dem Gedankenstrom dieser ambivalenten und unzuverlässigen Erzählerin hinzugeben.

    Katharina weicht dabei häufig von den Fakten ab, die mit ihrem Delikt zu tun haben, so dass es der Autorin gelingt, einen veritablen Spannungsbogen aufzubauen und die Leser:innen spekulieren zu lassen, warum Katharina sich an diesem Ort befindet. Selbst der Roman hält inne, wenn Katharina sich ihre Denk- und Sprechpausen nimmt. Dagmar Schifferli macht dies durch Leerstellen deutlich - eine ansprechende und anspruchsvolle Spielerei. Lesenswert sind auch die Gedanken Katharinas zur Sprache selbst. Nicht selten weist sie den Therapeuten und die Leser:innen auf Doppeldeutigkeiten hin und lässt immer wieder sprachliche Besonderheiten aus der Schweiz einfließen. Bisweilen erinnert das an Lyrik, man erkennt versähnliche Textteile und nicht von ungefähr verweist Dagmar Schifferli auf Gedichte wie die "Todesfuge" von Paul Celan.

    Leider nutzt sich die Erzählweise aber ab etwa der Hälfte des Romans dann doch recht schnell ab. Katharina umkreist das eigentliche Thema der Sitzungen weiterhin großflächig, dem Therapeuten ist es dann irgendwann immerhin gestattet, kleine Kärtchen mit den Antwortmöglichkeiten "Ja" oder "Nein" in ihren Monolog einfließen zu lassen. Doch innerhalb des Monologs selbst - und damit auch innerhalb des Romans - ist kaum noch eine Entwicklung zu erkennen, was dazu führte, dass sich "Meinetwegen" trotz seiner Kürze bisweilen sogar deutlich länger anfühlte.

    Ein weiterer Schwachpunkt ist das recht unausgegorene Ende. Ohne etwas darüber verraten zu wollen, hatte ich bei dieser außergewöhnlichen Art des Erzählens doch eine größere Überraschung, vielleicht sogar ein größeres Übel erwartet. Doch Dagmar Schifferli bleibt in ihrer Auflösung recht brav und belässt es bei den zuvor aufgebauten Sympathien für ihre Protagonistin.

    Auch wenn andere Romane wie Angela Lehners "Vater unser" bereits auf den manipulativen Monolog setzten, halte ich Sprache und Form von "Meinetwegen" für ungewöhnlich genug und damit für die Stärke des Büchleins. In der Entwicklung der Geschichte und der Erzählerin und im Finale geschieht jedoch in der zweiten Hälfte zu wenig, so dass die genannten Vorzüge recht bald verpuffen. Schade, denn "Meinetwegen" hätte in meinen Augen ein größeres und aufregenderes Potenzial gehabt, wenn sich die Autorin mehr getraut und die Leserschaft noch stärker provoziert hätte.

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Wut und Böse

Buchseite und Rezensionen zu 'Wut und Böse' von Ciani-Sophia Hoeder
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Wut und Böse"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
Verlag: hanserblau
EAN:9783446271159
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Rezensionen zu "Wut und Böse"

  1. 5
    13. Dez 2021 

    Wichtiges Thema

    Wut ist seit je her für die Geschlechter unterschiedlich besetzt; das beginnt schon als Kind. Während Jungs auch mal laut und aggressiv werden dürfen („Es sind eben Jungs“), sollen Mädchen „brav“ sein und ihre Wut unterdrücken. Diese von einander abweichende Bewertung setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort: Wütende Männer sind stark und durchsetzungsfähig, wütende Frauen sind Zicken und hysterisch. Dabei haben Frauen auch heutzutage noch jede Menge Gründe, um eigentlich dauerhaft wütend zu sein – warum sind wir es nicht?

    Diesem spannenden Thema widmet die Journalistin Ciani-Sophia Hoeder ihr erstes Sachbuch. Dabei verbindet sie auf gelungene Weise gesellschaftliche Betrachtungen mit historischen Rückblicken, faktischen Studien und persönlichen Erfahrungen. Zunächst klärt die Autorin den Begriff der Wut und seine Geschichte, schlägt dann den Bogen speziell zu weiblicher Wut und wagt am Ende den Ausblick, inwiefern Wut Veränderung schaffen kann und was eigentlich nach ihr kommt. Es fällt positiv auf, dass Hoeder dabei auch aktuelle Diskussionen und Entwicklungen einfließen lässt und einen intersektionalen Ansatz verfolgt.

    Schon früh im Text wird deutlich: Männer sind nicht wütender als Frauen, sie bewerten Wut nur anders. Frauen geben oft an, sich eher traurig oder enttäuscht zu fühlen, einfach weil das gesellschaftlich viel akzeptierter ist. Dabei ist es die männliche Wut, die als Ursache zu Aggression wird und zu riskanten Verhalten und Gewalt (vor allem gegen Frauen!) führt. In einer heterosexuellen Ehe werden Männer älter, weil sie ein besseres, sicheres Leben führen, Frau hingegen sterben früher – ist das nicht bezeichnend?

    Was können Frauen also tun? Die Wut für sich zurückfordern, sie „reclaimen“, sagt die Autorin; sie nicht länger unterdrücken, denn letztendlich macht genau das uns krank. Daher sollten wir stolz auf uns sein, wenn wir in einer Situation Wut empfinden und für uns selbst einstehen, um Gerechtigkeit zu erfahren. Wer bereits die einschlägige Literatur zur Ungleichbehandlung von Frauen kennt, für den ist vieles nicht neu, dennoch ist „Wut und Böse“ eine gelungene Zusammenfassung zu einem wichtigen Thema.

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