Die Verwissenschaftlichung der ›Judenfrage‹ im Nationalsozialismus

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Verwissenschaftlichung der ›Judenfrage‹ im Nationalsozialismus' von Horst Junginger
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Verwissenschaftlichung der ›Judenfrage‹ im Nationalsozialismus"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:480
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Rezensionen zu "Die Verwissenschaftlichung der ›Judenfrage‹ im Nationalsozialismus"

  1. Lesenswerte Studie

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Aug 2020 

    Wie anfangen? Verleitet durch den Titel "Die Verwissenschaftlichung der "Judenfrage" im Nationalsozialismus und den für Mitglieder der WBG deutlich vergünstigten Preis habe ich micht entschlossen, die Studie Horst Jungingers zu lesen. Anfangs war ich ein wenig enttäuscht, weil sich Junginger vorwiegend auf die Entwicklung des Antisemitismus an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, seiner Alma Mater, bezieht. Doch das Durchhalten hat sich gelohnt, denn das, was sich im Tübinger Fokus abspielte, hatte durchaus Folgen für das gesamte Reich, denn mit dem Theologen Gerhard Kittel und dem Religionswissenschaftler Karl-Georg Kuhn wirkten die beiden wohl führenden Wissenschaftler, die sich mit der sogenannten "Judenfrage" auseionandersetzten. Beinahe zwangsläufig verführten sie eine ganze Generation von Studenten, so dass es kein Zufall ist, dass zahlreiche Namen von Technokraten, die in verschiedener Funktion aktiv an der "Endlösung" ihre Hochschulbildung an der Württembergischen Uni bekommen hatten. Das dabei vor allem die theologische Fakultät und das evangelische Pfarrhaus, aus dem eine nicht unbeträchtliche Zahl der Täter stammte, eine bedeutsame Rolle spielten, ist auch keine Überraschung, denn der nationalpatriotische des Protestantismus hatte bereits im deutschen Kaiderreich eine fragwürdige Rolle gespielt, ebenso lässt sich der Antisemitismus auch schon bei Luther erkennen. In Tübingen äußerte sich der Antisemitismus unter anderem darin, dass es im Gegensatz zu anderen Universitäten kaum nötig war, jüdische Professoren und Studenden zu vergrauelen, denn es gab sie nicht. Dafür sorgten auch die dort vertretenen Burschenschaften, aus denen ebenfalls viele der späteren Täter hervorgingen. Das alles war trotz der formalen Gleichberechtigung aller Religionen, die laut Verfassung der Weimarer Republik festgeschrieben war, möglich, indem man bei der Ablehnung jüdischer Professoren nicht auf deren Religion, sondern auf deren angebliche fehlende wisschenschaftliche Kompetenz verwies. Doch 1933 brachte auch für die Theologie in Tübingen Gefahren mit sich, denn es gab nationalsozialistische Fanatiker, die das Christentum ablehnten, weil es unbestreitbar aus dem Judentum hervorgegangen ist. Insofern verschaffte der Theologe Kittel mit seinen vermeintlich wissenschaftlichen Forschungen zur "Judenfrage" nicht nur dem Antisemitismus Aufrieb, er verteidigte auch seine Religion, die seit der Aufklärung zunehmend an Bedeutung verloren hatte, wenn auch längst nicht in dem Ausmaß von heute. Indem er "nachwies", dass die vermeintlich negative Sonderentwicklung der jüdischen "Rasse" erst mit der Zeit des neuen Testaments einsetzte, also der jüdischen Diaspora, schhug er sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits konnte damit das Alte Testament weiterhin als unbelastet und damit für das Christentum unbeschadet überdauern, andererseits konnte er so eine Brücke zwischen dem alten religiösem und dem neuen rassistisch motivierten Antisemitismus schlagen (nebenbei: ich finde, dass Junginger in diesem Kontext den von der Geschichtswissenschaft betonten Unterschied hier zu sehr herunterspielt, denn der entscheidende Unterschied, dass eine Konversion zum Christentum bei allen religiösem Vorbehalt und weiter bestehenden Vorurteilen gegenüber den Konvertiten im Gegensatz zum späteren Rassenantisemitismus, man denke an die Nonne Edith Stein, die als geborenene Jüdin zur Vernichtung nach Auschwitz deportiert wurde, nivelliert wird). Aber ganz im Sinne der Nationalsozialisten dreht Kittel mit seinen Thesen die Wirklichkeit um: wären die Juden dem weg des neuen Testaments gefolgt, gäbe es sie ja gar nicht mehr, also sind sie mit ihrer selbstgewählten Rolle als Außenseiter selbst an ihrer Verfolgung schuld. Kittel versteigt sich so sehr in diese Attitüde, dass er die Ghettobildung und Kennzeichnug der Juden über weite Teile der Geschichte als den auch dem Judentum angemessenen Weg sieht, die von ihnen ausgehende Gefahr zu bannen. Erst die Aufklärung und die Emanzipation habe zu einer Verschärfung der Judenfrage geführt, zumal jetzt auch die assimilierten Juden nicht mehr erkennbar seien. Und genau an dieser Stelle wird die Armseligkeit der nationalsozialistischen Judenpolitik und ihrer Begründung fassbar: wenn das Kriterium zur Erkennung eines Juden nicht mehr die Religion, sondern die Rasse ist, was macht dann diese Rasse aus? Zahlreiche nationalsozialistische Naturwissenschaftler versuchten, durch Blutuntersuchungen, Schädelvermessungen und anhand von sonstigen typologischen Merkmalen eine Defintion der jüdischen Rasse abzuleiten, allein, es gelang ihnen nicht, da es eben keine signifikanten Unterschiede zu anderen Menschen gab. Letztendlich blieben die Kirchenbücher und Geburtsregister die Grundlage für Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung zahlreicher jüdischer Mitbürger zunächst im Reich, dann in allen von Deutschland besetzten Gebieten. Doch da sprang die 'Geisteswissenschaft der Naturwissenschaft zur Seite. Legionen von Wissenschaftlern mühten sich, Beweise für den angeblich zersetzend wirkenden Volkscharakter der Juden nachzuweisen, so eben auch Kittel unn Kuhn, die den Talmud als angeblichen Kronzeugen heranzogen. Es führt sicherlich kein direkter Weg von den beiden zum Holocaust, aber berechtigterweise schreibt Junginger: "Das Fehlen einer direkten Aufforderung, Gewalt gegenüber Juden anzuwenden, befreit die Vertreter der nationalsozialistischen Judenwissenschaft nicht von ihrer Verantwortung, die intellektuellen Voraussetzungen dafür geschaffen zu haben, dass den Judenmördern ihr Tun sinnvoll und plausibel erschien. Man kann nicht über Jahre hinweg das jüdische Volk zum schlechthin Bösen und negativen Prinzip der Weltgeschichte erklären und dann nichts damit zu tun haben wollen, dass seine Verteufelung zum handlungsleitendem Motiv wurde" (S.403). Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, nur die Tatsache, dass das in vielen Fällen die (erfolgreiche) Strategie vieler Beteiligter war. Nur die wenigsten wurden tatsächlich für ihr Tun zur Rechenschaft gezogen, im Gegenteil, sie konnten unbehelligt weiterhin an deutschen Universitäten, ja sogar im auswärtigem Amt ihre Karriere fortsetzen (Man kann gar nicht so viel essen, wie man in diesem Zusammenhang Kotzen muss). Insofern war der 68-Impetus "Unter den talaren Muff von tausend Jahren" sicherlich nicht der falscheste.

 

Unser Vater: Ein Gespräch

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Format:Kindle Ausgabe
Seiten:148
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Vom Glück der Freundschaft (Insel-Bücherei)

Buchseite und Rezensionen zu 'Vom Glück der Freundschaft (Insel-Bücherei)' von Wilhelm Schmid
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Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:95
Verlag: Insel Verlag
EAN:9783458205050

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Vita activa oder Vom tätigen Leben

Buchseite und Rezensionen zu 'Vita activa oder Vom tätigen Leben' von Hannah Arendt
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»Vita activa« im ursprüngliche Sinne meint Arbeiten, Herstellen und Handeln. Hannah Arendts umfassende Analyse gilt vor allem diesen drei Grundtätigkeiten. Sie untersucht darüber hinaus, wie sie sich im Laufe der Geschichte bis in die Neuzeit hinein zu verhalten haben. Hannah Arendts Auseinandersetzung mit dem Fetisch Arbeit und Konsum in der modernen Arbeitsgesellschaft im Zusammenhang mit dem Niedergang einer Kultur der politischen Öffentlichkeit bildet den Kern ihrer politischen Theorie. Kurt Sontheimer schrieb dazu: »Der Philosophie als einer theoretischen, auf die reine Erkenntnis der Natur gerichteten Disziplin stellte sie die Politik als die Sphäre der Praxis, als das Reich handelnder Menschen gegenüber.«

Format:Taschenbuch
Seiten:484
EAN:9783492236232

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Geschichte Indiens: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Buchseite und Rezensionen zu 'Geschichte Indiens: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart' von Dietmar Rothermund
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Format:Taschenbuch
Seiten:128
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406718786

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Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne

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Zum Strukturwandel der Moderne
Gebundenes Buch
Das Besondere ist Trumpf, das Einzigartige wird prämiert, eher reizlos ist das Allgemeine und Standardisierte. Der Durchschnittsmensch mit seinem Durchschnittsleben steht unter Konformitätsverdacht. Das neue Maß der Dinge sind die authentischen Subjekte mit originellen Interessen und kuratierter Biografie, aber auch die unverwechselbaren Güter und Events, Communities und Städte. Spätmoderne Gesellschaften feiern das Singuläre.

Ausgehend von dieser Diagnose, untersucht Andreas Reckwitz den Prozess der Singularisierung, wie er sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Ökonomie, Arbeitswelt, digitaler Technologie, Lebensstilen und Politik abspielt. Mit dem Anspruch einer Theorie der Moderne zeigt er, wie eng dieser Prozess mit der Kulturalisierung des Sozialen verwoben ist, welch widersprüchliche Dynamik er aufweist und worin seine Kehrseite besteht. Die Gesellschaft der Singularitäten kennt nämlich nicht nur strahlende Sieger. Sie produziert auch ihre ganz eigenen Ungleichheiten, Paradoxien und Verlierer. Ein wegweisendes Buch.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
EAN:9783518587065

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Die Abstiegsgesellschaft: Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne (edition suhrkamp)

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Abstiegsgesellschaft: Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne (edition suhrkamp)' von Oliver Nachtwey
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Format:Taschenbuch
Seiten:264
EAN:9783518126820

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Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763-1815

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763-1815' von Michael Hochgeschwender
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Inhaltsangabe zu "Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763-1815"

Wer die USA verstehen will, muss zu ihrem Ursprungsmythos zurückgehen: zur Amerikanischen Revolution. Mit der Boston Tea Party begann 1763 der Aufstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Die Geburt der amerikanischen Nation erfolgte in zähen Schlachten. Sie sah menschliche Abgründe an Verrat und Grausamkeit, aber auch selbstlose Heldentaten und die hehren Ideale der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776. Erst im britisch-amerikanischen Krieg von 1812 bis 1815 fand sie ihren Abschluss. Michael Hochgeschwender erzählt diese dramatische Geschichte und zeichnet ein neues Bild der Revolution, das auch die Perspektive der Briten berücksichtigt.
Geschichte wird meist aus der Perspektive der Sieger geschrieben. Wer etwa Mel Gibson dem Monumentalepos „The Patriot“ britische Soldaten hinschlachten sieht, für den ist klar, dass freiheitsliebende Helden despotischen Besatzern gegenüberstanden. Doch tatsächlich war die Geschichte komplizierter. Nicht wenige der späteren Amerikaner hielten zu den Briten. Auch für die schwarzen Sklaven waren sie nicht selten die bessere Wahl. Und den Aufständischen ging es nicht nur um universalistische Ideale, sondern auch um ganz handfeste wirtschaftliche Interessen, wie etwa den Schmuggel oder den Raub von Indianerland. Doch die Amerikanische Revolution weckte auch Hoffnungen, die bis heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben. Schon bei ihrer Geburt hat die amerikanische Nation der Welt ein Janusgesicht gezeigt, das ihre Politik bis heute prägt.

Format:Kindle Edition
Seiten:512
Verlag: C.H.Beck
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Berlin 1936: Sechzehn Tage im August

Buchseite und Rezensionen zu 'Berlin 1936: Sechzehn Tage im August' von Oliver Hilmes
3.65
3.7 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Berlin 1936: Sechzehn Tage im August"

Die Diktatur im Pausenmodus: Stadt und Spiele im Sommer 1936


Im Sommer 1936 steht Berlin ganz im Zeichen der Olympischen Spiele. Zehntausende strömen in die deutsche Hauptstadt, die die Nationalsozialisten in diesen sechzehn Tagen als weltoffene Metropole präsentieren wollen. Oliver Hilmes folgt prominenten und völlig unbekannten Personen, Deutschen und ausländischen Gästen durch die fiebrig-flirrende Zeit der Sommerspiele und verknüpft die Ereignisse dieser Tage kunstvoll zum Panorama einer Diktatur im Pausenmodus.


Die »Juden verboten«-Schilder sind plötzlich verschwunden, statt des »Horst-Wessel-Lieds« klingen Swing-Töne durch die Straßen. Berlin scheint für kurze Zeit eine ganz normale europäische Großstadt zu sein, doch im Hintergrund arbeitet das NS-Regime weiter daran, die Unterdrückung zu perfektionieren und das Land in den Krieg zu treiben.


In »Berlin 1936« erzählt Oliver Hilmes präzise, atmosphärisch dicht und mitreißend von Sportlern und Künstlern, Diplomaten und NS-Größen, Transvestiten und Prostituierten, Restaurantbesitzern und Nachtschwärmern, Berlinern und Touristen. Es sind Geschichten, die faszinieren und verstören, überraschen und bewegen. Es sind die Geschichten von Opfern und Tätern, Mitläufern und Zuschauern. Es ist die Geschichte eines einzigartigen Sommers.


Format:Kindle Edition
Seiten:305
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Rezensionen zu "Berlin 1936: Sechzehn Tage im August"

  1. Brot und Spiele

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Sep 2016 

    Inhalt

    Oliver Hilmes stellt die Ereignisse rund um die Olympischen Spiele in kleinen Episoden dar, die er sehr gut recherchiert hat und von die auf Tatsachen basieren. Am Beginn jeden Tages steht der Wetterbericht für Berlin, es folgen unterschiedliche Eindrücke des Tages auf verschiedenen Perspektiven.
    Einen roten Faden bilden dabei die Erlebnisse des Schriftstellers Thomas Wolfe, der auf Einladung des Rowohlt-Verlags nach Berlin gekommen ist und dessen anfängliche Begeisterung für diese Stadt und die Organisation der Spiele verblasst. Nach seiner Rückkehr nach Amerika veröffentlicht er eine autobiographische Erzählung, die "einerseits eine Liebeserklärung an Berlin, andererseits (...) eine wortgewaltige Abrechnung mit den Nazis und ihrem Regime" (S.278) ist.

    Neben der Sicht des Literaten zeigen Goebbels Tagebuchaufzeichnungen einen nüchternen Blick auf die Spiele und verdeutlichen die gnadenlose Instrumentalisierung des Sportes für die machtpolitischen Ziele des NS-Regimes, auf die Hilmes immer wieder hinweist, indem er zum Beispiel Anweisungen der Gestapo zitiert. Erhellend sind auch die Tagesmeldungen der Staatspolizeistelle Berlins oder die Auszüge der täglichen Anweisungen der Reichspressekonferenz, die verdeutlichen, dass um jeden Preis der schöne Schein aufrecht zu erhalten ist.

    Auch die sportliche Ereignisse kommen nicht zu kurz, wie das Ausscheiden der deutschen Mannschaft beim Fußball oder die Alibi-Jüdin der deutschen olympischen Mannschaft, die Fechterin Helene Mayer. Der Unwille Hitlers über die Siege des schwarzen Sprinterstars Jesse Owens dagegen sind hinlänglich bekannt.
    Wirklich berühren die Geschichten der sogenannten "kleinen Leute", die im Fahrtwasser der Spiele untergehen. Wie zum Beispiel die kleine Elisabeth, deren Familie, da sie zu den Sinti und Roma gehören, im Rahmen der Olympiade aus dem Zentrum Berlins verbannt werden und unter menschenunwürdigen Bedingungen am Rande der Stadt zusammengepfercht werden. Diese Geschichten hätten noch stärker in den Vordergrund gerückt werden müssen, da sowohl die politischen als auch die sportlichen Ereignisse nicht Neues erzählen.

    Die Darstellung der glamourösen Etablissements, denen eine Gnadenfrist während der Olympiade gewährt wird, um das Bild des mondänen Berlins aufrecht zu erhalten, wie das Beispiel des Quartier Latin zeigt, runden die Eindrücke, die Außenstehende während der olympischen Spiele haben, ab.
    Der letzte Teil des Buches beleuchtet, was aus den einzelnen Personen nach den Spielen geworden ist.
    So entsteht insgesamt ein interessantes Kaleidoskop der Olympischen Spiele in Berlin im Jahre 1936.

    Bewertung

    Zu Beginn ist es mir schwer gefallen, in den Roman hineinzukommen. Die Episoden sind zunächst sehr kurz, verschiedene Personen tauchen auf, Schicksale werden angedeutet, ein schneller Wechsel der Orte und Perspektiven erfolgt. Bis auf wenige Einzelschicksale tauchen die Figuren jedoch immer wieder auf und es spinnen sich rote Fäden, wie z.B. die Erlebnisse des Autors Thomas Wolfe oder Goebbels Tagebuchaufzeichnungen, die den Roman stringenter werden lassen.
    Trotzdem bin ich der Meinung, dass weniger Figuren eine größere Identifikationsfläche geboten hätten und man so eventuell tiefer in das Geschehen hätte eintauchen können. So berühren die Einzelschicksale, der Rest zieht vorüber, ohne tiefere Spuren zu hinterlassen.

    Insgesamt entsteht ein facettenreiches "Gemälde" der 16 Tage im August, in denen es den Nationalsozialisten leider gelungen ist, einen Großteil der Besucher im Glauben zu lassen, sie hätten eine friedliche Gesinnung. Das Buch zeigt jedoch auf, dass es durchaus Menschen, wie Thomas Wolfe gegeben hat, die es vermochten, hinter den schönen Schein geblickt haben und verdeutlicht erneut die Unmenschlichkeit und Skrupellosigkeit des NS-Regimes. Dadurch gehört es für mich in die Reihe jener Werke gegen das Vergessen.

  1. Hervorragend recherchiert ohne zu berühren

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Sep 2016 

    Die Olympischen Spiele der Nationalsozialisten in Berlin 1936 gelten bis heute als Musterbeispiel staatlicher Propaganda. Nie zuvor war eine Veranstaltung mit soviel technischem und personellem Aufwand so perfekt inszeniert worden. Die Welt sollte beeindruckt sein - und sie war es auch. Bis heute wird Leni Riefenstahls Propagandafilm „Olympia“, die Dokumentation jener Tage und finanziert von Propagandaminister Joseph Goebbels, kontrovers diskutiert.

    Der Historiker Oliver Hilmes berichtet in „Berlin 1936 - 16 Tage im August“ über diese scheinbaren Tage der Normalität in einer pulsierenden Metropole. Unzählige ausländische Besucher sind in die Stadt gekommen, denen die Nazis Weltoffenheit demonstrieren wollen. Die „Juden verboten“-Schilder sind für gut zwei Wochen verschwunden.

    Jedem dieser 16 Tage ist ein eigenes Kapitel gewidmet, angefüllt mit Anekdoten zu mehr oder minder bekannten Persönlichkeiten der damaligen Zeit. Der Leser erfährt Details über den Tagesablauf des amerikanischen Autors Thomas Wolfe, der sich in der Stadt aufhält und die legendären Feiern und Saufgelage bei Verleger Ernst Rowohlt. Amüsant ist auch die Geschichte des unehelichen Sohnes Heinz Ledig. Verleger und Sohn wollen die Geschichte geheim halten, tatsächlich kennt sie der ganze Verlag. Hilmes zitiert auch aus den Tagebuchaufzeichnungen von Goebbels. Der Seitensprung seiner Frau und das sehr spezielle Verhältnis von beiden zum Führer werden beleuchtet. Das alles ist interessant und von Hilmes hervorragend recherchiert, bleibt aber immer seltsam oberflächlich.

    Es gibt in diesem Buch viele Anekdoten über Diplomaten, Komponisten, Schriftsteller und Nachtclubbesitzer, die sich während dieser Tage in der Stadt tummeln und das Partyleben der mondänen Clubs geniessen. Die Opfer der Nazis oder wie es um diesen Staatsapparat tatsächlich bestellt ist, werden eher nebenbei abgehandelt. So wird beispielsweise der damals schon berühmte Thomas Wolfe von einer Begleitung darüber aufgeklärt, dass in Deutschland unbequeme Personen schnell im Konzentrationslager landen. Das alles wird aber nur in wenigen Sätzen abgehandelt.

    Ja, man fühlt sich durch die vielen kurzen Geschichten wirklich ins Berlin des Jahres 1936 versetzt. Aber ein Buch über eine Diktatur im Pausenmodus ist dieses Buch nicht. „Ein Sommer der Widersprüche: Im Olympiastadion jubeln die Massen, und vor der Stadt entsteht das KZ Sachsenhausen“, beschreibt der Klappentext. Die Geschichte der Konzentrationslager beginnt bereits 1933. 1936 sind Hunderttausende inhaftiert und der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt. Was ist eigentlich mit denen? Das erfahren wir nicht, nur ansatzweise, nicht aber detailliert anhand von Einzelschicksalen. Das Los, der Überlebenskampf dieser Personen vor der Fassade von Olympia 1936 wäre sicher interessanter und beeindruckender gewesen als noch eine Anekdote mehr über den Nachtclub Sherbini und seinen zwielichtigen Betreiber.

    Hätte sich da nicht der eine oder andere Zeitzeuge finden lassen, der in diesen 16 Tagen um den verschleppten Bruder, die verschleppte Schwester gebangt hat oder vielleicht selber schon in der Zelle der Gestapo sass? Dann hätte „Berlin 1936 - 16 Tage im August“ ein berührendes Werk werden können - schade.

  1. Sehr interessant

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jul 2016 

    Es gibt sehr viele Bücher und Filme über den Nationalsozialismus, und ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass noch mehr Bücher dazu geschrieben werden. Es zeigt, dass man nie fertig ist mit dieser Thematik.

    "Berlin 1936" hat mir auch recht gut gefallen.

    Ich denke, dass es dem Historiker Oliver Hilmes ziemlich gut gelungen ist, zu den Olympischen Spielen 1936 hinter die Kulissen zu schauen. Am 1. August begann die Eröffnungsfeier und endete mit einer Abschlussfeier am 16. August. Adolf Hitler bzw. das Deutsche Reich ist Gastgeber gewesen.

    Die sechzehn Tage werden jeweils in einzelne Kapitel gegliedert. Zu Beginn eines neuen Tages gibt es einen kleinen Wetterbericht.

    Neben den sportlichen und politischen Ereignissen beschreibt Hilmes auch das Berliner Stadtleben, in dem viele Feierlichkeiten in Bars und gehobenen Tanzlokalen stattgefunden haben ...

    Der Autor hat die Propagandapolitik gut beschreiben können. Viele interessante Zitate aus verschiedenen Tagebüchern der Akteure wie z. B. Hitler, Goebbels und diverse andere Tagebuchschreiberlinge können dem Buch entnommen werden.

    Was sehr nachdenklich stimmt, ist, dass nicht nur das deutsche Volk manipulierbar gewesen ist, sondern auch die Sporttouristen. In diesem Sinne wurden die Olympischen Spiele zu politischen Zwecken im Nazi-Deutschland instrumentalisiert.

    Hitler und Goebbels waren eigentlich gegen die Olympischen Spiele. Goebbels äußerte sich in seinem Tagebuch recht abfällig dazu und dass er froh sei, wenn alles wieder schnell vorbei ginge. Manche Beteiligte bezeichnete er als "Zirkusflöhe."

    Goebbels und Hitler fühlten sich in ihrer Politik gestört, niemand sollte dahinterkommen, dass sie antisemitische Politik betreiben. Während der Olympischen Spiele setzte die Politik kurzweilig aus. Anderenorts wurde sie im Untergrund heimlich weiter betrieben. 1936 gab es schon vereinzelt KZ.

    Hitlers Auftreten in der Öffentlichkeit zeugte von großer Sympathie bei den Touristen. Seine Ausstrahlung war geprägt von väterlichem Charisma. Nur wenige konnten hinter seine Fassade schauen.

    Hilmes stellt sich die Frage, ob Hitler sich sogar als getarnter Friedensstifter ausgab, als dieser zu den verschiedenen Nationen spricht:

    >>Wir wollen uns kennen und schätzen lernen und dadurch eine Brücke bauen, auf der die Völker Europas sich verständigen können. << (2016,106)

    Oliver Hilmes gebraucht den Begriff Das Spiel als Massensuggestion.

    Dazu ein kritisches Zitat der Sportjournalistin Bella Fromm aus ihrem Tagebuch:

    >>Die Ausländer werden verwöhnt, verhätschelt, umschmeichelt und getäuscht (…). Indem man die Olympischen Spiele als Vorwand benutzt, versucht die Propagandamaschine bei den Besuchern einen günstigen Eindruck vom Dritten Reich zu schaffen.<< (105)

    Was hat mich persönlich berührt?

    Tief berührt hat mich der amerikanische Sportler Jesse Owens, schwarze Hautfarbe, der in den Olympischen Spielen mit mehreren Goldmedaillen ausgezeichnet wurde, über die sich Hitler massiv erregt hat. Hitler konnte nicht verstehen, dass die Amerikaner Schwarze für sich kämpfen ließen. Dass Jesse Owens so athletisch war, erklärte Hitler damit, dass Schwarze (Nigger) gegenüber der weißen Rasse keine fairen Konkurrenten abgeben würden, da die Schwarzen aus dem Dschungel kommen würden. Als würden die Menschen dort wie Affen nur auf Bäumen klettern ... Wobei der dunkelhäutige Athlet Amerikaner ist und nicht aus Afrika kommt.

    Auf Seite 206 findet man ein kritisches Gedicht mit dem Titel Nazi-Olympiade von dem Schriftsteller Alfred Kerr, der in London im Exil lebte. In seinem Gedicht hat er den Rassismus gegenüber Juden und Schwarzen deutlich gemacht.

    Dazu dritter Vers:

    "Der >>Führer<< ächzt: >>Die Olympiad´
    (Das ist schon durchgesickert)
    Scheint ganz wie der Franzosenstaat
    Verjuddet und Verniggert<<.
    Er stöhnt: >>Gott, du Gerechter!<<
    (Olympisches Gelächter)."

    Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe hat mich auch beschäftigt. Wolfe liebte Berlin so sehr, dass er erst Probleme hatte, die rassistisch gefärbte Politik, auch gegen andersgeartete Menschen, in Deutschland wahrzunehmen. Zu sehr idealisierte er das Land. Später kommt er zu einer anderen Erkenntnis:

    Ihm wird klar, dass die Nationalsozialisten dieses Land, das Tom so sehr liebt, schleichend mit ihrem Gift durchsetzen, dass sie es zerstören wollen: >>Es war eine solche Leistung -unsichtbar, aber unverkennbar, wie der Tod. (214f)

    Mein Fazit?

    Oliver Hilmes bestätigt meine Theorie, dass in den Sportmeisterschaften die Menschen hochgradig manipulierbar sind, und dass die Spiele aus meiner Sicht auch heutzutage noch politisch instrumentalisiert werden, weshalb ich mich selbst nicht für Sport interessiere. Fußball-WM und -EM können Sportdesinteressierten dadurch völlig kalt lassen. Man kann aber bei der Vorstellung, wenn die Masse vor dem Kasten sitzt und sie sich von dem Spiel und dem Sportmoderator emotional hochkochen lässt, leicht Gänsehaut bekommen, weil es deutlich macht, wie sehr der Mensch sich davon beeindrucken und beeinflussen lässt ...

    Nun habe ich durch dieses Buch jene Sportattraktionen im Nazi-Deutschland mitbekommen. Das hatte ich bisher neben den vielen anderen Nationalsozialistischen Büchern, die ich gelesen habe, noch nicht gehabt.

    Das Buch ist gut geschrieben, leicht verständlich, sehr interessant und gut recherchiert.

 

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