Kostbare Tage

Buchseite und Rezensionen zu 'Kostbare Tage' von Kent Haruf
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

Es ist der letzte Sommer für Dad Lewis am Rand der Kleinstadt Holt – die er nie verließ, im Gegensatz zu seinem Sohn Frank, zu dem es keinerlei Kontakt mehr gibt, oder Tochter Lorraine, die nun zur Unterstützung zurückkehrt. Aber es kommen auch neue Gesichter und mit ihnen Geschichten: Die kleine Alice zieht im Nachbarhaus bei ihrer Großmutter ein, und der neue Reverend Lyle hat nicht nur mit den eigenwilligen Anwohnern, sondern auch mit der eigenen Familie zu kämpfen.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:272
EAN:9783257071252
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Rezensionen zu "Kostbare Tage"

  1. Kleinstadtleben in Colorado

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Jun 2020 

    Kostbar sind die letzten Tage von Dad Lewis in der Kleinstadt Holt. Es bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. Er ist zum Sterben verurteilt. Sein ganzes Leben hat er Holt nicht verlassen, dort sich eine Existenz mit einem Eisenwarenhandel aufgebaut. Zusammen mit seiner Frau Mary und den beiden Kindern Frank und Lorraine. Inzwischen hat er allerdings seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu Frank. Die Sehnsucht seinen Sohn noch mal zu sehen und mit ihm ins Reine zu kommen ist groß. Lorraine eilt direkt zu ihren Eltern um der Mutter bei der Pflege zu helfen. Auch die Nachbarschaft unterstützt sich gegenseitig in diesen neuen Situationen. Das macht diesen kleinen liebenswerten Ort aus.

    Ins Nachbarhaus ist die kleine Alice eingezogen bei ihrer Großmutter. Auch sie hat ein Schicksal zu bewältigen. Ihre Mutter starb an Krebs und nun lebt sie in Holt und versucht sich zaghaft einzuleben.

    Gar nicht einleben will sich allerdings der Sohn von Reverend Lyle John Wesley. Denn der Umzug von Denver ist für den Jungen schwer zu ertragen. Auch sein Vater hat es schwer, sich den Bewohnern von Holt anzunähern. Seine sonntäglichen Predigten kommen nicht gut an bei den konservativen Bürgern der Kleinstadt. Die familiären Probleme machen ihm dazu auch noch zu schaffen.

    So still und leise, wie "Dad" gelebt hat, so leise haucht er auch sein Leben aus. Mit den Rückblenden bekommt der Leser einen guten Eindruck, wie der Protagonist war und was ihn umtrieben hat. Kent Haruf verstand sein Handwerk. Es wird nie langweilig in seinen Geschichten. Auch drückt er nicht auf die Tränendrüsen. Das Leben ist wie es ist. Dem muss jeder früher oder später ins Auge blicken. Wer diesen Art von Büchern mag, dem kann ich auch diesen Band der Holt-Reihe wieder empfehlen.

  1. Ein einfühlsamer, kluger Roman

    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Jun 2020 

    „Von beiden Seiten des Highways gingen unter dem klaren blauen Himmel Landstraßen ab, alle gerade wie Zeilen in einem Buch, mit nur wenigen vereinzelten Kleinstädten auf dem flachen, offenen Land.“ (Zitat Seite 7)

    Inhalt
    Dad Lewis aus Holt, Colorado, erfährt, dass er nur noch wenige Wochen zu leben hat. Es ist Sommer und umsorgt von seiner Ehefrau Mary und seiner Tochter Lorraine blickt er in Gedanken und Träumen auf sein Leben zurück, genießt die Sommertage und den Blick in die Natur. Langjährige Nachbarn kommen zu Besuch und auch Rob Lyle, der neue Reverend, der immer wieder Probleme bekommt, weil er die alten, festgefahren Ansichten und Einstellungen der Menschen verändern will. Wie Frank, der Sohn von Mary und Dad Lewis, der vor vielen Jahren den Kontakt zu ihnen abgebrochen hat. Leise und beständig vergehen die Tage und der Abschied rückt näher.

    Thema und Genre
    In diesem Roman, der wieder in der fiktiven Kleinstadt Holt in der Nähe von Denver, Colorado, spielt, geht es um das geerdete, genügsame Leben in einer kleinen Stadt, um Schicksal, Freundschaft, Familie und das Abschiednehmen am Ende eines langen Lebens.

    Charaktere
    Dad Lewis ist ein Mann mit Prinzipien und so trifft er auch seine Entscheidungen. Die Folgen dieses Handelns aus Überzeugung beschäftigen ihn noch in seinen letzten Lebenstagen. In diesem Roman sind es die einzelnen Personen, ihre Gefühle und Gedanken, welche die Handlung tragen, Dad Lewis, Mary, Lorraine, Frank, Rudy und Bob, Berta May und Alice, Willa und Alene Johnson, Lyle und sein Sohn John Wesley. Genau und mit viel Einfühlungsvermögen beobachtet und schildert der Autor das Leben der Menschen, den Zusammenhalt einer Nachbarschaft in der Enge einer Kleinstadt, die im Gegensatz zur Weite der Natur steht.

    Handlung und Schreibstil
    Dieser dritte und letzte Band der Plainsong-Trilogie spielt einige Jahre nach den beiden ersten Teilen. Abgesehen von einigen kurzen Erwähnungen lernen wir uns bisher unbekannte Einwohner von Holt kennen und erhalten in einzelnen Episoden einen Einblick in ihr Leben und ihr Schicksal. Im Mittelpunkt der Handlung steht der schwer kranke Dad Lewis. In diesen Wochen seines letzten Sommers nimmt er Abschied, erinnert sich an die wichtigsten Ereignisse in seinem arbeitsreichen Leben, an Entscheidungen, die er getroffen hat, und deren Auswirkungen. Rückblenden füllen die Gegenwart mit weiteren Details. Die Sprache schildert eindrucksvoll das karge Leben in der fiktiven Kleinstadt Holt, den Sommer mit Hitze und leisen Sommerabenden, als Gegensatz dazu stehen die einfachen, klaren Dialoge.

    Fazit
    „Du träumst rückwärts“, heißt es auf Seite 80 und diese Aussage klingt durch alle Seiten dieses Romans. Für Träume ist im Alltag von Holt wenig Platz und am Ende eines Lebens überwiegen die Erinnerungen. Ein leiser, wehmütiger und gleichzeitig tröstlicher, positiver Roman.

  1. Ein berührendes Ende

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Jun 2020 

    Der 77jährige Dad Lewis erhält eine Krebsdiagnose und damit verbunden die Nachricht, daß er nur noch kurze Zeit zu leben hat. Vor diesem Hintergrund spielt sich der Roman ab. Schauplatz ist auch in diesem Fall wieder der fiktive Ort Holt in Colorado.

    In der idyllischen Kleinstadt, die aus der Zeit gefallen zu scheint, begegnet man als Leser einer Auswahl von Bewohnern mit unterschiedlichstem Schicksal. Erst mal Dad Lewis' Ehefrau Mary und seiner Tochter Lorraine, die nach Holt kommt, um bei der Pflege des Vaters behilflich zu sein. Dann die Nachbarin Berta May, die ihre Enkelin Alice bei sich aufgenommen hat. Außerdem erleben wir das Mutter-Tochter-Gespann Johnson, Reverend Rob Lyle mit Familie und den Angestellten in der Eisenwarenhandlung von Dad Lewis. Sie alle sind vereint in einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig ohne viele Worte hilft, respektiert und zur Seite steht.

    Dad will die Zeit nutzen, um seine Hinterlassenschaft, die Eisenwarenhandlung geregelt zurückzulassen. Er möchte sie an Lorraine übergeben. Das überrascht sowohl die Tochter als auch die Angestellten, die allesamt nicht glücklich über diesen Wunsch sind. Außerdem erfährt man als Leser einige Geheimnisse zu den einzelnen Figuren, u.a. bezüglich Homosexualität oder außerehelichem Verhältnis.

    Dieser Roman war für mich - wie schon die Vorgänger - entschleunigend. Der Schreibstil des Autors ist ruhig, unaufgeregt, berührend und emotional. Sehr gut gefiel mir der Rückblick auf sein Leben und damit verbunden der Ausflug zur Farm der beiden mittlerweile verstorbenen Brüder aus Flüchtiges Glück. Die Bewohner, die der Leser in diesem Buch kennenlernt, sind zumeist in gesetzterem Alter, lediglich Alice belebt die Stimmung positiv, obwohl auch sie bereits einen schweren Schicksalsschlag verkraften mußte. Es ist ein schmerzliches Abschiednehmen, das am Ende, trotz aller Anstrengungen und Hoffnung, nicht in allen Bereichen gelingt.

    Ich empfehle auch diesen Band gerne weiter!

 

Wir von der anderen Seite: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Wir von der anderen Seite: Roman' von Anika Decker
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Roman
Gebundenes Buch
"Anika Decker hat den Durchblick! Beinhart komisch, liebevoll bissig, zum Heulen melancholisch erzählt sie mit großer Liebe über dieses merkwürdige und unberechenbare Wesen: den Menschen." Iris Berben

"Zum ersten Mal sehe ich mich im komplett im Spiegel. Ich bin dünn und bucklig, meine Muskeln sind verschwunden, meine Haut ist gelb von der angeschlagenen Leber. Irgendjemandem sehe ich ähnlich. Wem denn nur? Dann fällt es mir ein: Ich sehe aus wie Mr. Burns von den Simpsons! Immerhin noch Körbchengröße C. Ihr seid die echten Survivor!"

Als Rahel Wald aus einem heftigen Fiebertraum erwacht, versteht sie erst mal gar nichts. Wo ist sie, warum ist es so laut hier, was sind das für Schläuche überall. Nach und nach beginnt sie zu verstehen: Sie ist im Krankenhaus, sie lag im Koma. Doch richtig krank sein, hatte sie sich irgendwie anders vorgestellt: feierlicher, ja, heiliger. Als Komödienautorin kennt sich Rahel durchaus mit schrägen Figuren und absurden Situationen aus, aber so eineReise von der anderen Seite zurück ins Leben ist dann doch noch mal eine eigene Nummer. Vor allem, wenn der Medikamentenentzug Albträume und winkende Eichhörnchen hervorruft. Zum Glück kann sie sich auf die bedingungslose Unterstützung ihrer verrückten Familie verlassen, die immer für sie da ist. Und noch etwas wird Rahel immer klarer: Ihr Leben ist viel zu kostbar, um es nach fremden Erwartungen auszurichten. Von jetzt an nimmt sie es selbst in die Hand.

"Wäre ich ein Mensch, hätte ich beim Lesen mehrfach geweint. Ein großartiges Buch. Berührend und lustig, albern und unendlich traurig." Sibylle Berg

"Was war das für eine Freude, Dein Buch zu lesen - ich habe laut gelacht und ins Papier geweint." Katja Riemann

"Das ist die Chronologie von zwei Kämpfen. Der Kampf um das Überleben und der Kampf um die eigene Unabhängigkeit. Hart und mutig und traurig und schön." Helene Hegemann

"Voller Kraft...

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
EAN:9783550200373
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Rezensionen zu "Wir von der anderen Seite: Roman"

  1. Gefiel mir gut

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Okt 2019 

    Rahel erwacht im Krankenhaus aus dem Koma. Sie kann sich fast nicht mehr an die Zeit vor dem Koma erinnern. Doch sie will wieder ins Leben zurückfinden und verlangt sich und ihrem von einer Infektion und dem Koma geschwächten Körper alles ab. Aber sie ist nicht alleine, denn ihre verrückte Familie steht ihr bei.

    Auf diesen Roman war ich sehr gespannt, denn neben dem ernsten Thema versprach er auch eine gewisse Portion Humor. Und er hat mir letztlich sehr gut gefallen.
    Der Schreibstil ließ sich sehr gut lesen und ich hatte das Buch zügig durch. Es gab auch keine Längen, sondern eine durchgehend flüssige Story. Die gesamte Geschichte wurde sehr gefühlvoll erzählt und weckte viele Emotionen bei mir.
    Die Charaktere haben mir alle sehr gut gefallen. Sie wurden gut und detailreich beschrieben, passten prima in die Geschichte und ich hatte sie bildhaft vor Augen. Rahel war eine starke Person, die mutig für sich selbst kämpfte. Das mochte ich sehr an ihr. Ihre Gedanken und Gefühle wurden sehr gut dargestellt und ich konnte mich gut in sie hineinversetzen und mit ihr mitfühlen.
    Die authentische Geschichte wurde trotz der Ernsthaftigkeit mit einer tollen Prise Humor erzählt, so dass ich lachen und weinen konnte. Ich konnte mich ganz in die Geschichte fallen lassen.

    Eine emotionale und humorvolle Geschichte, die mir sehr gut gefallen hat. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.

 

Der größte Spaß, den wir je hatten: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der größte Spaß, den wir je hatten: Roman' von Claire Lombardo
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Wie hält man das Glück der eigenen Eltern aus?

Vierzig glückliche Ehejahre: Für die vier erwachsenen Sorenson-Schwestern sind ihre Eltern ein nahezu unerreichbares Vorbild – und eine ständige Provokation! Wendy, früh verwitwet, tröstet sich mit Alkohol und jungen Männern. Violet mutiert von der Prozessanwältin zur Vollzeitmutter. Liza, eine der jüngsten Professorinnen des Landes, bekommt ein Kind, von dem sie nicht weiß, ob sie es will. Und Grace, das Nesthäkchen, bei dem alle Rat suchen, lebt eine Lüge, die niemand ahnt. Was die vier ungleichen Schwestern vereint, ist die Angst, niemals so glücklich zu werden wie die eigenen Eltern. Dann platzt Jonah in ihre Mitte, vor fünfzehn Jahren von Violet zur Adoption freigegeben. Und Glück ist auf einmal das geringste Problem.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:720
EAN:
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Rezensionen zu "Der größte Spaß, den wir je hatten: Roman"

  1. Die Probleme der Familie Sorenson

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Okt 2019 

    Marilyn und David sind seit 40 Jahren glücklich verheiratet. Die Erotik war immer ein wichtiger Stützpfeiler ihrer Ehe und sie können sich daran erfreuen, dass das auch heute noch so ist.

    Vier mittlerweile erwachsene Töchter sind aus der Ehe hervorgegangen. Wendy hat harte Schicksalsschläge erdulden müssen, die sie zum Alkohol und mitunter in die Arme junger Liebhaber treiben. Violet war bis zur Geburt ihrer zwei Söhne als Anwältin tätig. Jetzt kümmert sie sich um ihre Familie und übernimmt ehrenamtliche Aufgaben. Liza war schon immer sehr ehrgeizig und gehört zu den jüngsten Professorinnen des Landes, was die Eltern sehr stolz macht. Ihr Partner Ryan hat allerdings eine schwierige Phase. Er ist antriebslos und depressiv. Die Beziehung steckt in einer ernsten Krise. Über Nesthäkchen Grace erfahren wir nicht ganz so viel. Aber sie hat ihre Eltern über ihre Ausbildung belogen und leidet sehr darunter.

    Das Auftauchen von Jonah bringt das Familiengefüge ordentlich ins Wanken. Jonah ist der 15-jährige, einst zur Adoption freigegebene, Sohn von Violet. Seine Adoptiveltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Der Junge wanderte von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, bis Wendy ihn aufstöberte und ins Sorenson-Nest legt. Der Teenager ist überraschend weitsichtig und sympathisch, trotzdem reißen durch ihn alte Konflikte wieder auf, die zu neuen führen.

    Der Roman liest sich sehr leicht, es gibt viele Dialoge. Der Erzähler verändert die Erzählebenen und springt in der Zeit. Dabei übernimmt er die verschiedenen Perspektiven der Protagonisten. Man weiß aber relativ schnell, wo man sich befindet, zumal die Jahreszahlen über den Kapiteln stehen.

    Alle Familienmitglieder sind sexuell sehr aktiv, darüber gibt es auch zu lesen. Die Art der Beschreibung war mir vielfach zu gewöhnlich: „Und selbst da hatte sie in ihrem Körper das Verborgene gespürt, das weiche Pochen in dem Schlitz zwischen ihren Schenkeln, die Lust auf ihren Mann, den sie am liebsten noch oben ins Schlafzimmer gezerrt hätte, am helllichten Tag, damit er sie nahm, seine sanfte Kraft, sein verlockender Mund.“ (S. 338). Zurückhaltung ist auch nicht Sache der Sorensons. Wenn es mal jugendliche Zuschauer gibt, dann ist das eben so.

    Diese Darstellungen kann man mögen, muss man aber nicht. Mein Haupt-Kritikpunkt liegt woanders: Die Charaktere wirken mir zu unecht, zu aufgesetzt. Sie scheinen amerikanischen Langzeit-Serien entsprungen zu sein. Ihre mitunter harten Schicksalsschläge führen aus meiner Sicht zu völlig abstrusen, theatralischen Verhaltensweisen. Niemand hat ernsthaft Interesse am Anderen, die Beziehungen erscheinen sehr oberflächlich, auch wenn das „Wir sind eine Familie“, sehr betont wird.

    Marilyn und David werden als fürsorgliche, verständnisvolle Eltern gezeichnet. Dennoch werden ihnen von den Töchtern bedeutsame Erlebnisse und Misserfolge verschwiegen. Warum? Alles für den schönen Schein.

    Aus meiner Sicht typisch amerikanisch tauchen viele Themen auf wie zum Beispiel Herkunft/Zugehörigkeit, Tod, uneheliche Kinder, Umgang mit Drogen, Bulimie, Depression, Alkoholismus, usw. Für mich eindeutig zu viel, zumal sich manches auf wunderbare Weise auch schnell wieder auflöst.

    Im Roman gibt es zahlreiche Aktionen und Reaktionen, die für mich so nicht nachvollziehbar sind. Kaum jemand hat Verantwortung für das eigene Tun übernehmen wollen, viel lieber wird die Schuld bei anderen gesucht, so dass man sich in Vorwürfen ergehen und auf eine Entschuldigung hoffen kann… Die Eltern, so sie denn Bescheid wissen, fungieren lediglich als gutmütige Zuschauer, die sich allerdings gerne um Jonah kümmern, als das notwendig wird.

    Ich hätte dieses Buch nicht lesen sollen. Es ist eindeutig nicht meine Kragenweite und weicht von meinem üblichen Lesestoff ab. Die Sprache ist süffig bis einfach, gegen Ende wollte ich auch wirklich kein „Süße“ oder „Kleine“ mehr lesen. Es sträubten sich die Nackenhaare. Für mich waren die 720 Seiten definitiv kein Spaß, aber auch keine Arbeit, denn im Großen und Ganzen liest sich das Buch flott weg.

    Wer also thematisch gerne etwas Drama hat und es schätzt, sich zur Unterhaltung mit Problemen einer schwierigen Familie auseinanderzusetzen, ist hier sicher gut bedient. Man hat eine kurzweilige Geschichte vor der Nase, in der immer was Neues passiert. Ich brauche keine Identifikationsfiguren, aber nachvollziehen können möchte ich Handlungsweisen schon. Das war mir hier selten möglich.
    Vielleicht bin ich einfach zu kritisch? Oder zu alt?
    Wie auch immer: von mir nur eine eingeschränkte Lese-Empfehlung.

 

Ich, Eleanor Oliphant: Roman

Rezensionen zu "Ich, Eleanor Oliphant: Roman"

  1. Mummy

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Jul 2019 

    Gerade dreißig geworden lebt Eleanor Oliphant in Glasgow. Seit dem Studienabschluss arbeitet sie als Buchhalterin in der Agentur. Sie ist keine von den interessanten Kreativen, eher eine Büromaus. Aber sie lebt gut so, alles ist in Ordnung. Auch ihre kleine Wohnung ist völlig okay. Ihre Pflanze Polly, die sie schon seit vielen Jahren hegt und pflegt, ist eine gute Gesellschaft und mit den um-die-Ecke-gedacht Kreuzworträtseln vergeht die Zeit wie im Flug. Wochenenden sind eh überbewertet und zwischenmenschliche Kontakte auch. Als Eleanor jedoch einen jungen Musiker entdeckt, gerät ihre geordnete Welt in Aufruhr. Der neue It-Spezialist in der Agentur, Raymond, der ihren Computer reparieren muss, ist dagegen ein schlecht angezogener Langweiler.

    Eleanor hatte eine Kindheit, über die sie lieber nicht redet. Ihr reichen die wöchentlichen Kontakte zu ihrer Mummy, die woanders ist. Überhaupt hat sie sich ihr Leben bestmöglich eingerichtet. Bestmöglich heißt allerdings auch eintönig. Arbeit von 9 bis 5, jeden Tag die gleichen Mahlzeiten, von der Kleidung mehrere Exemplare (eins wird getragen, eins in der Wäsche), am Wochenende Kreuworträtsel, Bücher und eine gewisse Menge Wodka, die beim Einschlafen helfen soll. Und am besten sagt man zu Eleanor ganz genau, was man meint, Interpretationen führen auf Minenfelder und die sind zu vermeiden. Da passen weder ein Sänger noch ein Raymond hinein.

    Und doch auch eine Eleanor, die ihr Leben notwendigerweise durchgetaktet hat, kann sich verändern. Da gibt ein Sänger einen nicht so schlechten Grund, um mal zum Friseur oder zur Kosmetik zu gehen. Und Raymond ist einer, der sich durch Eleanors etwas gekräuselte Ausdrucksweise nicht abschrecken lässt, und sie einfach so behandelt als wären sie befreundet. Nach und nach öffnet sich Eleanor ein wenig und erfährt, dass es auf der Welt noch mehr gibt als sie sich bisher an Erfahrungen erlaubt hat. Und die Worte ihrer Mummy sind auch nicht immer der Weisheit letzter Schluss.

    Bei „Ich, Eleanor Oliphant“ handelt es sich um ein wahrhaft lesenswertes Buch. Eleanor hat eine anrührende Persönlichkeit. Vielleicht kommt sie einem erst etwas speziell vor, doch je mehr man von ihrer Vergangenheit erahnt, desto mehr Verständnis und Mitgefühl kann man für sie aufbringen. Wobei die Andeutungen zur Vergangenheit die Handlung nicht zu sehr belasten. Eleanor und ihr Weg zu sich selbst stehen im Mittelpunkt und Eleanor hat es verdient, dass ihr das Interesse gilt. Man kann sich anders entwickeln, man kann anders sein und gerade deshalb liebenswert. Mit knapp über dreißig hat Eleanor Oliphant endlich ein Leben und eine Zukunft.

  1. Mr. Right

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Mai 2017 

    Eleanor Oliphant arbeitet als Buchhalterin in einer Grafikdesign-Agentur, sie führt ein sehr zurückgezogenes Leben, das sie strikt strukturiert hat. So isst sie zum Beispiel Freitag abends immer Pizza und trinkt dazu Wein. Ihre Kollegen mögen sie nicht besonders, für sie ist sie eher eine graue Maus, die sie gerne übersehen; selbst wenn sie anwesend ist, wird über sie gelästert, als sei sie unsichtbar. Sie weicht von ihren Plänen nicht ab. Bis sie eines Abends von ihrem Chef zu einem Marketingtreffen in einem Pub mit wichtigen Kunden geschickt wird. Dort treten Musiker auf. Schon beim allerersten Sehen, weiß Eleanor sofort, dass ER vor ihr steht – ihr Mr. Right. Von nun ab heißt es sich total zu verändern, zu verhübschen, das volle Programm, denn sie muss seiner würdig sein. Da wird ein Computer gekauft, um den Auserkorenen zu googeln, ein Beautysalon aufgesucht und so weiter. Aber wird ER sich auch für sie entscheiden? Eine neue, aufregende Zeit beginnt für Eleanor.

    Voller Feingefühl und mit ganz, ganz viel Herz hat die Autorin Gail Honeyman ihre Protagonistin Eleanor Oliphant angelegt. Schon nach den ersten Seiten fiebere ich als Leserin mit, mit der Frau, die nun ihr Leben völlig auf den Kopf stellen möchte. Die Nebenfiguren in diesem Debütroman haben Blut und sind lebendig. Der Schreibstil der Autorin ist erfrischend und packend. Die Sprache, die Gail Honeyman verwendet ist ansprechend und schön. Die Autorin versteht es die ganz großen Gefühle zu wecken: vor allem Liebe, Vertrauen und Freundschaft.

    Von Herzen gerne vergebe ich diesem Debüt seine wohlverdienten fünf von fünf möglichen Sternen und empfehle es absolut weiter. Hier erwartet den Leser, die Leserin ein großartiger Frauenroman mit einer überwältigenden Hauptfigur. Ein Roman wie geschaffen für ein langes Wochenende – erstklassige Unterhaltung ist garantiert.

 

Die kleine Spinne Widerlich - Meine ersten Buchstaben

 

Anna Amalia von Weimar: Regentin, Künstlerin und Freundin Goethes

Rezensionen zu "Anna Amalia von Weimar: Regentin, Künstlerin und Freundin Goethes"

  1. Opulente Biografie

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Jul 2019 

    Als ich vor einigen Wochen in Bad Berka (unweit von Weimar) weilte und ich eine Eintrittskarte zur Besichtigung der Anna Amalia-Bibliothek ergattert hatte, wollte es der Gott der Bücher, dass bei Netgalley eine vor kurzem erschienene Biografie aus dem Piper-Verlag zur Verfügung stand und ich nach Anfrage ein digitales Exemplar von „Anna Amalia zu Weimar: Regentin, Künstlerin und Freundin Goethes“ von Carolin Philipps zur Verfügung gestellt bekam.

    Ich fand es nämlich sehr spannend, ein wenig über die Namensgeberin der berühmten Bibliothek zu erfahren. Nun ist meine (Lese-)Reise beendet.

    Caroline Philipps hat sich sehr intensiv mit dem Leben Anna Amalia´s befasst. Das merkt man an dem umfangreichen Quellen- und Literaturverzeichnis. Mit 1308! Fußnoten bzw. Anmerkungen lässt die Autorin größtenteils die vorhandenen (Original-)Quellen sowie die Primär- und Sekundärliteratur sprechen. Das lässt nicht viel Spielraum für eigene Interpretationen sowohl der Autorin als auch der geneigten Leserschaft, aber gut – das ist „meckern“ auf hohem Niveau und stand (wahrscheinlich) auch nicht als vordergründiger Ansatz bei der Überlegung zu dieser in meinen Augen popularwissenschaftlichen Veröffentlichung auf der Agenda von Carolin Philipps.

    Nicht nur zwischen den Zeilen lernt die geneigte Leserschaft Anna Amalia als selbstkritische Regentin kennen, wie folgendes Zitat gut ausdrückt:

    „Hinzu kam ein weiterer Punkt, der Anna Amalia nach der ersten Euphorie ausbremste. Sie erkannte, dass sie auf die Aufgaben, die eine Regentin zu erfüllen hatte, in keinster Weise vorbereitet war: »Da stand ich nun ganz nackend, meine Eigenliebe wurde gedemüthigt durch das Gefühl meines Unvermögens. Ich sah auf einmal das Große, was auf mich wartete, und fühlte dabey meine gänzliche Untüchtigkeit. Wahrheit und Eigenliebe kämpften, zum Glück daß Wahrheit die Oberhand behielt. Ich hatte schon Stolz genug, um mich in der Welt hervorzuthun; er war aber nur noch in einem Schlummer. Meine Unvermögenheit kränkte mich sehr: Ich wurde gegen mich mißtrauisch, ich fühlte immer und wußte nicht, was. Ach! Wie glücklich wär ich gewesen, wen ich damals einen Freund gehabt hätte, der die größte Kenntniß des menschlichen Herzens beseßen hätte, mir das aufzuschließen, was mir selber ein Rezel [Rätsel] und in mir so tief verschlossen war. Es sollte aber nicht seyn, und es schien, ich solte ganz durch eigene Erfahrung gebildet werden.«“

    Diese und weitere Ausführungen im Buch zeugen von einer sensiblen Person, die durch den frühen Tod ihres Mannes und weiterer Schicksalsschläge nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens stand und Weimar und Umgebung durch schwere Zeiten (Kriege, Wirtschafts- und Finanzkrise) „lenken“ musste, bevor ihr erstgeborener Sohn Carl August nach Erreichen der Volljährigkeit die Regentschaft übernehmen konnte.

    Viel wird im Buch über das Leben „am Hofe“ berichtet; dass es dort neben viel Sein (noch) mehr Schein gab, wird hier deutlich:

    „Auch die zahllosen Porträts, die es von Fürsten und Fürstinnen und auch von Anna Amalia gibt, dienten diesem Zweck: Kleidung, Körperstellung, Herrschaftszeichen wie Krone und Zepter, der Hintergrund, symbolträchtige Gegenstände, die Farbgebung. Manchmal, wie bei dem Porträt von Anna Amalia auf dem Umschlag dieses Buches, wurden Musikinstrumente als Zeichen ihres Selbstverständnisses als Künstlerin hinzugefügt. Alles war inszeniert, das öffentliche Leben von Fürsten war eine Theatervorstellung mit dem Herrscher in der Hauptrolle.“

    Tja, daran hat sich in den letzten Jahrhunderten wohl nichts geändert…
    Im weiteren Verlauf treffen die Leserinnen und Leser dann auf allseits bekannte Namen wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Charlotte von Stein…Die vielen zitierten Quellen lassen bzgl. der Gerüchte eines Verhältnisses zwischen Goethe und Anna Amalia nur einen Schluss zu: nein, sie hatten keine Liebschaft :-)

    Bevor meine Rezension die Ausmaße eines Romans annimmt und ich mein Fazit nenne, möchte ich Anna Amalia selber zu Wort kommen lassen; Worte bei denen ich beim Lesen eine Gänsehaut bekommen habe:

    „Die Freundschaft ist hier auf Erden das einzige dauerhafte Glück, das der Lauf der Jahre nicht erschüttern kann.“

    Fazit: Trotz der ein oder anderen Länge und einem Daten- und Namenoverkill eine gut lesbare und tiefgehende Biografie über eine selbstkritische und sensible Regentin. 4 grundehrliche Sterne!

 

Craving You. Henry & Lauren (A Biker Romance 1)

Buchseite und Rezensionen zu 'Craving You. Henry & Lauren (A Biker Romance 1)' von Sarah Glicker
NAN
(0 Bewertungen)

Rich Girl meets Biker mit düsterer Vergangenheit

Lauren ist im Luxus aufgewachsen und hat immer getan, was ihre Eltern von ihr verlangt haben. Doch dann begegnet sie Henry und plötzlich ist alles anders. Der sexy Biker mit seinen Tattoos und der rebellischen Einstellung fasziniert Lauren vom ersten Augenblick an. Als er sie um ein Date bittet, sagt sie zu, obwohl sie weiß, dass es ein Fehler ist, sich auf ihn einzulassen. Immer weiter wird sie in seine Welt aus Verlangen, Lust und Gefahr hineingezogen. Bis die Grenzen zwischen richtig und falsch schließlich verschwimmen und sie nicht mehr weiß, wem sie trauen kann …

Von Sarah Glicker sind bei Forever by Ullstein erschienen:
Second Chance for Love (Las-Vegas-Reihe 1)
Love at Third Sight (Las-Vegas-Reihe 2)

Melody & Scott – L.A. Love Story (Pink Sisters Band 1)
Haley & Travis – L.A. Love Story (Pink Sisters Band 2)
Brooke & Luke – L.A. Love Story (Pink Sisters Band 3)
L.A. Love Storys Band 1-3: 3 Romane in einem Bundle

Craving You. Henry & Lauren (A Biker Romance 1)
Breaking You. Jenny & Dean (A Biker Romance 2)
Releasing You. Lucas & Abby (A Biker Romance 3)

Format:Kindle Edition
Seiten:248
Verlag: Forever
EAN:
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Inselleuchten: Ein Ostsee-Roman (Rügen-Reihe 2)

Buchseite und Rezensionen zu 'Inselleuchten: Ein Ostsee-Roman (Rügen-Reihe 2)' von Marie Merburg
NAN
(0 Bewertungen)

Endlich durchatmen! Als Jule bei ihrer Schwester auf Rügen ankommt, fällt ihr eine riesige Last von den Schultern. Wie sehr ihr Leben in München - und ihr Exfreund - sie eingeengt haben, merkt sie erst jetzt so richtig. Doch mit den Füßen im warmen Ostseesand geht es ihr gleich viel besser. Und dann eröffnet sich ihr auch noch eine unerwartete Chance: Sie soll ein altes Schlosshotel auf Vordermann bringen. Alles könnte perfekt sein. Wenn da nur nicht ihr unausstehlicher neuer Chef wäre ...

Wunderbar heiter und entspannend - ein Buch wie ein Tag am Meer

Format:Kindle Edition
Seiten:449
EAN:
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Verschwundene Seelen

Rezensionen zu "Verschwundene Seelen"

  1. Sieben Jugendliche im Kampf gegen das Böse

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Mär 2016 

    (2,5 von 5 Sternen, aufgerundet auf 3)

    "Verschwundene Seelen" ist der Debütroman einer sehr jungen Autorin: Annika Meyer, Jahrgang 1999. Daher möchte ich meine Rezension damit beginnen, herauszuheben, was für eine Leistung es ist, in diesem Alter nicht nur die Kreativität, sondern auch die Selbstdisziplin aufzubringen, einen Roman zu schreiben und zu überarbeiten, einen Verlag dafür zu finden und das Buch tatsächlich zu veröffentlichen! Die erste Fassung der Geschichte hat sie sogar schon im zarten Alter von 13 Jahren aufgeschrieben. Ich halte sie für herausragend talentiert und bin mir sicher, dass wir in Zukunft noch viele interessante Werke von ihr zu erwarten haben.

    Bereits nach wenigen Kapiteln war ich beeindruckt davon, wie reif sich ihr Schreibstil schon liest. Sie schreibt angenehm bildlich, flüssig und einfallsreich, kann eine Szene gut aufbauen und hat ein feines Gespür für Tempo und Spannungsbogen. Allerdings haben mich die zahllosen Wiederholungen von Wörtern oder Ausdrücken immer wieder gestört - da hätte ich mir mehr sprachliche Abwechslung gewünscht!

    Zitat (S. 25 des Hardcovers):
    "Aber sie haben auch diese unheimliche, durchsichtige Farbe. Wenn man das überhaupt Farbe nennen kann."
    Alina konnte sich noch genau an diese durchsichtige Farbe erinnern. Sie war unheimlich.

    Die Grundidee ist vielleicht nicht ganz neu: Jugendliche werden auserwählt, bekommen magische Fähigkeiten und sollen die Welt retten. Aber die Autorin beschreibt das sehr bunt und vielfältig, mit vielen interessanten Wendungen und Ideen. Allerdings passieren in meinen Augen zu viele Dinge ohne tiefergehende Begründung oder Erklärung.

    Zum Beispiel haben die "Schattenmenschen" magische Fesseln erfunden, die sich durch die Magie der Guten nicht zerstören lassen. Es wird gesagt, dass deswegen die "Welt der sieben Welten" entstand, deren Durchquerung die Zerstörung der Fesseln ermöglicht. Ok, aber wie? So eine Welt taucht doch nicht über Nacht einfach so auf - und wenn die Magie der Guten nicht ausreicht, die Fesseln zu zerstören, wie kann sie dann ausreichen, um eine Welt zu erschaffen, die genau das möglich macht? Die Durchquerung dieser Welt liest sich spannend, ohne Frage, aber ohne das Wie und Warum wirkt es auf mich wie Spannung ohne tieferen Sinn.

    Für mich ist es gerade im Genre Fantasy enorm wichtig, dass die beschriebene Welt in sich schlüssig und durchdacht ist, denn nur so holt mich die Geschichte tatsächlich ab und erlaubt es mir, sie für den Moment zu glauben. Ich zweifle nicht daran, dass Annika Meyer viel Herzblut und Hirnschmalz in ihre Welt gesteckt hat - aber sie lässt mich meines Erachtens nicht genug daran teilhaben, wie sie "funktioniert".

    Die Jugendlichen, um die es geht, sind alle sehr unterschiedlich: ein Nerd, eine modebewusste Oberzicke, ein kleines Mädchen, zwei Sportler und eben Alina, unsere Heldin, die ein ganz normaler Teenager ist. Eigentlich würden sie von sich aus wohl nichts miteinander zu tun haben wollen, und tatsächlich gibt es anfangs auch Reibungen und Konflikte, aber im Laufe der Geschichte wachsen sie immer mehr zusammen. Diesen Teil der Geschichte, mit Themen wie Freundschaft, Familie, Akzeptanz und Zusammenhalt, fand ich sehr schön geschrieben und unterhaltsam.

    Alina, Jonas, Mia, Luna und Anton lernt man als Leser ziemlich gut kennen. Sie werden lebhaft und sympathisch beschrieben, und ich konnte gut mit ihnen mitfühlen. Die anderen Charaktere blieben für mich aber leider eher blass. Auch die Liebesgeschichte konnte mich nicht ganz überzeugen - ich konnte die Chemie zwischen Alina und Jonas einfach nicht spüren.

    Ich fand oft etwas unglaubhaft, was die Jugendlichen alles mit sich machen lassen. Im Prinzip wird ihnen gesagt: Ihr seid auserwählt, die Probleme zu lösen, die andere verschuldet haben. Dabei werdet ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben, aber da müsst ihr jetzt durch, stellt euch nicht so an. In einer Szene wird Alina von den Guten (!!) so hart ins Gesicht geschlagen, dass sie beinahe bewusstlos wird, in den Bauch getreten, niedergerungen und mit dem Messer bedroht. Ja, sie wehrt sich, und das erbittert - aber später entschuldigt sie sich dafür und macht dann doch, was von ihr verlangt wird.

    Auch die Auflösung der Geschichte hat mich nicht gänzlich überzeugt, denn sie wirkt etwas übereilt, lässt vieles ungeklärt und beruht zum Teil auf etwas, das die Jugendlichen eigentlich schon die ganze Zeit wussten, aber irgendwie kollektiv vergessen hatten. Wir erfahren nicht tiefergehend, wie die Umsetzung tatsächlich möglich gemacht wurde - es funktioniert einfach.

    Fazit:
    Als Erstlingswerk ist "Verschwundene Seelen" eine beeindruckende Leistung, und Annika Meyer ist zweifellos eine talentierte Nachwuchsautorin. Für mich ein vielversprechendes Buch, das sein Potential nicht ganz entfalten konnte! Der Schreibstil ist vielversprechend, aber er krankt ein wenig an häufigen Wortwiederholungen. Die Welt ist interessant, aber es bleibt in meinen Augen zu vieles unerklärt. Die jugendlichen Helden sind sympathisch, aber sie sind zum Teil etwas blass. Auch das Ende ließ mich etwas unbefriedigt zurück.

    Übrigens sollte man nach Möglichkeit nicht lesen, was hinten aufs Buch gedruckt wurde, denn das nimmt etwas vorweg, was erst auf den letzten 30 Seiten des Buches passiert, und ruiniert damit eine der größten unerwarteten Wendungen des Buches!