Tanz mit den Sternen

Buchseite und Rezensionen zu 'Tanz mit den Sternen' von Mary Kuniz
NAN
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Inhaltsangabe zu "Tanz mit den Sternen"

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Format:Kindle Ausgabe
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Offene See

Buchseite und Rezensionen zu 'Offene See' von  Benjamin Myers
4.85
4.9 von 5 (6 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Offene See"

Format:Audible Hörbuch
Seiten:0
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Rezensionen zu "Offene See"

  1. Robert und Dulcie...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Dez 2020 

    Der junge Robert Appleyard verlässt sein Elternhaus und das britische Kohlearbeiterdorf, in dem er aufgewachsen ist. Es ist Sommer, der Zweite Weltkrieg ist vorbei, und Robert ist hungrig nach Meer, Sonne und Weite. Nach Wochen der Wanderschaft, die offene See schon in Sicht, lernt er Dulcie Piper kennen, eine ältere, exzentrische Dame, die in einem verwunschenen Cottage lebt. Aus einem Nachmittag wird ein ganzer Sommer und Dulcie eröffnet dem jungen Mann auf unvergessliche Art die Welt der Poesie, der Musik und der Malerei. Eine unwahrscheinliche Freundschaft entsteht, die ihrer beider Leben auf immer verändern wird.

    Zu Beginn hatte ich ehrlich gesagt Mühe, in die Erzählung hineinzufinden. Die überaus poetischen und ausschweifenden Landschafts- und Naturschilderungen ließen meine Gedanken immer wieder abdriften, so dass ich mehrfach von Neuem starten musste, was mich irgendwann zu nerven begann. Doch spätestens als Robert auf das Cottage von Dulcie trifft, konnte mich die Geschichte packen. Ab da folgte ich ihrem Fluss gerne.

    Der 16jährige Robert beschließt nach dem Ende seiner Schulzeit, nicht sofort im Kohlebergwerk zu arbeiten, wie es die dörfliche Tradition verlangt, sondern erst einmal etwas von der Welt zu sehen. So beschließt er, England zu durchwandern - er will bis zum Meer gelangen und dort noch die Küste entlang nach Süden laufen. Mit wenig Gepäck macht er sich auf den Weg und bestaunt die sich immer wieder verändernde Landschaft. Er hat einen Blick für die kleinen und unscheinbaren Dinge und genießt es, Teil der Natur zu sein. Gegen kleine Handlangerarbeiten verdient er sich sein täglich Brot, und bei sommerlichen Temperaturen ist es keine Problem, im Freien zu übernachten.

    Kurz bevor er zum Meer gelangt, stößt er auf ein Cottage, dessen Garten von der wild wuchernden Natur fast schon zurückerobert wurde. Die alte Dame, die dort wohnt, lädt Robert spontan zum Essen ein - und daraus entspinnt sich ein völlig anderer Sommer als geplant. Robert bleibt. Zunächst einen Tag, dann einen weiteren - und schließlich mehrere Wochen. Er bringt Garten und Schuppen in Ordnung, erhält dafür freie Kost und Logis. Und kochen kann Dulcie - trotz der Nahrungsmittelknappheit nach dem Krieg gelangt sie an köstliche Zutaten und weiß sich ansonsten zu behelfen. Brennnesseltee mit Zitrone wird beispielsweise zum Lieblingsgetränk der beiden, wenn sie nicht gerade zur Weinflasche greifen.

    Die Gespräche zwischen Robert und Dulcie konnten mich hier am meisten begeistern. Dulcie als starke und unkonventionelle Frau, alleinlebend mit viel Lebenserfahrung und einer überaus eigenen Meinung zu allem und jedem, nimmt definitiv kein Blatt vor den Mund. Sie gewährt Robert Einblicke in ihr Leben und spart dabei nicht mit Lebensweisheiten und Ermutigungen für den jungen Mann, das Leben zu leben, das am besten zu ihm passt. Und das muss nicht zwangsläufig ein Alltag im Bergwerk sein.

    "‘Das da draußen ist die offene See", sagte Dulcie leise. "Dieser ferne Streifen, wo Himmel und Wasser eins werden."

    Robert verändert sich zunehmend im Verlauf der Wochen, genießt die Gesellschaft, die Arbeit, die Natur, den Sommer. Und er nimmt die Bücher an, die Dulcie ihm zukommen lässt: Gedichte verschiedener Autoren, Lyrik, die ihn in der Schulzeit nur abgeschreckt hat, hier aber Saiten in ihm zu klingen bringt, die er bei sich gar nicht vermutet hätte. Als er im alten Schuppen einen Koffer mit einem Manuskript entdeckt, das Dulcie gewidmet ist, wird er neugierig. Er liest die zarten und ausdrucksstarken Gedichte - und im Verlauf der Wochen im Cottage am Meer kommt er immer mehr hinter die Bedeutung der Verse. Dulcies Widerstand gegen das Manuskript birgt ein Geheimnis, das Robert gerne ergründen würde...

    Eine leise, langsame Erzählung über einen Nachkriegssommer, der zwei Leben verändert - poetisch und zart... Durchaus mit einigen langatmigen Passagen, aber eine Hymne an die Natur und an die Schönheit der Sprache mit sehr schönen lyrischen Elementen.

    Durch Lachen gestärkt
    durch Liebe beschwingt
    bin ich für immer
    in deinen Atomen.

    Eintauchen und gleichzeitig nach dem Meer sehnen. Meine Empfehlung.

    © Parden

  1. Ein inspirierender Aufenthalt bei der Honigschleuderin

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jul 2020 

    Ein schönes Buch! Ein betörendes Buch! Ein Jüngling, der 16-jährige Robert begibt sich in der Nachkriegszeit auf eine Reise durch England, möchte sich darüber klar werden, was er will. Er möchte nicht in den Fußstapfen des Vaters in den Bergbau gehen, wie von der Familie vorgesehen. Er weiß aber auch nicht, wie er das dem Vater mitteilen kann, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen. Er weiß allerdings auch nicht, wohin er überhaupt will/was ihn interessiert. Und er begegnet auf seiner Wanderung einer älteren eigenwilligen und autarken Frau in einem Cottage am Meer, der Honigschleuderin. Aus dem Begegnen wird ein langsames Annähern und schlussendlich beeinflussen und helfen sich beide gegenseitig. Denn die eigenwillige und autarke, unkonventionelle und kluge Dulcie trägt auch manche Verletzungen und Wunden mit sich herum. Dieses gegenseitige Annähern bringt auch nach und nach ein Vertrauen, ein Vertrauen, welches Früchte tragen wird. Denn die starke und freiheitsliebende Dulcie hilft Robert, fördert bisher unbekannte Ressourcen zu tage und stärkt ihn auch sonst für die Anforderungen des Lebens, wie auch Robert Dulcie hilft, Verletzungen und Wunden heilen zu lassen und neue Kraft zu finden. Eine wirklich wunderschöne Geschichte, in der es um den Lebenssinn geht, wie auch um Fragen der Schuld, insbesondere auch um die Schuld der Deutschen im zweiten Weltkrieg, aber auch um das wichtige Thema Verlust und eine starke Geschichte, in der es ebenso um die Kraft der Literatur geht. Das ist sicher etwas, was unsere Leserherzen besonders berührt. Eine wunderschöne Geschichte, die in inspirierenden Naturbildern daherkommt und in schöne und poetische Worte gekleidet ist. Eine wunderschöne Geschichte, die tief berührt, mit zwei wunderbaren Charakteren, die einen Platz tief in meinem Herzen finden. Eine Geschichte, die ich empfehlen möchte und die mir satte 5 Sterne wert ist. Einfach wunderschööön!!! Benjamin Myers kann man nur gratulieren zu diesem echt gelungenen Buch und ich bedanke mich herzlichst für diesen Lesegenuss.

  1. Ein Schubs in die richtige Richtung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Jul 2020 

    Die kurze, berührende Rahmenhandlung zeigt den geistig rüstigen, körperlich gebrechlichen Robert Appleyard, der staunend über das Vergehen der Zeit sinniert: „Wo ist das Leben geblieben?“ Nur in seiner Erinnerung wird er wieder jung und kann eine Begegnung heraufbeschwören, die seinem Schicksal eine neue Richtung gab.

    Auf der Suche nach dem wahren Ich
    Ausgerechnet ihm, dem introvertierten, die Natur über alles liebenden 16-Jährigen war die Laufbahn seiner Vorfahren in der heimischen Kohlemine im Norden Englands vorgezeichnet. Wenigstens einmal wollte er jedoch zuvor den Süden und das Meer dort sehen, wo es nicht grau vor Staub war:

    "Ich wollte sehr viel mehr von dem erleben, was anderswo geschah, jenseits der Grenzen meines ländlichen Bergarbeiterdorfs, das irgendwo zwischen der Stadt und dem Meer in einer sanft gewellten Landschaft lag. Ich wollte überrascht werden. Nur wenn ich allein in der Natur war, hatte ich je eine Ahnung von meinem wahren Ich bekommen…“ (S. 17)

    Eine Begegnung mit Folgen
    Auf seiner Wanderung im Nachkriegsfrühling 1946 zwischen dem Abschluss der Schule und dem unvermeidlichen Zecheneintritt verdingte sich Robert als Tagelöhner, bis er in einer Bucht in Yorkshire auf ein Cottage stieß, das wie ein Traumbild anmutend inmitten einer verwilderten Wiese lag. Dulcie Piper, die unkonventionelle Besitzerin, war anders als alle Frauen, die er kannte. Groß, derb, sarkastisch, sehr direkt und weit gereist, machte sie aus ihrem Atheismus keinen Hehl, deklarierte die Lust zum Geburtsrecht, trank gern und verabscheute Spießer, Schnösel, Großmäuler und Vorurteile.

    Aus der spontanen Einladung zum Tee wurden ungeplant Tage und Wochen, in denen Dulcie nicht nur die Schätze ihrer erstaunlich reichhaltigen Speisekammer, sondern auch ihre Liebe zur Literatur und ihre freien Ansichten mit ihm teilte. Robert machte sich derweilen pflichtschuldig im Garten und bei der Entrümpelung und Instandsetzung einer alten Hütte nützlich. Zufällig stieß er dabei auf Dulcies gut gehütetes Geheimnis, den Grund für ihre Melancholie und ihre Abneigung gegen das Meer…

    Eine Perle mit minimalen Schönheitsfehlern
    Ich habe dieses Buch mit dem auffallend schönen Cover und der wertigen Herstellung mit großer Freude gelesen. Der 1976 geborene Brite Benjamin Myers, der auch Lyrik und Sachbücher verfasst, hat mich mit dem ungleichen Duo seines Zwei-Personen-Romans, den fantastischen Naturschilderungen und seinem verschwenderischen Vorrat an fast immer passenden bildlichen Vergleichen bezaubert. So konnte ich leicht über kleinere Kritikpunkt hinwegsehen, wie die Tatsache, dass ich eigentlich einen Überdruss bei zufällig auftauchenden Tagebüchern, Manuskripten, Briefen und ähnlichem empfinde. Auch die Glaubwürdigkeit der beiden Protagonisten hat mich kaum beschäftigt, liest sich doch die Geschichte in Teilen märchenhaft, den Kitsch haarscharf vermeidend. Nicht immer passen Roberts Gedanken zu seinem Alter, denn die Überlegung, ob junge Mädchen einst ihren Müttern gleichen und Männer wie ihre Väter heiraten werden, entspringt wohl eher dem Denken des gealterten Erzählers. Der hintergründige Humor beim wiederholten Scheitern von Roberts ambitionierten Aufbruchsversuchen hat mich in der ersten Romanhälfte erheitert, in der zweiten hätte ich dagegen Straffungen bei Dulcies trauriger Geschichte vorgezogen. Letztlich aber ist nichts davon Grund genug, diese gelungene Mischung aus Entwicklungsroman und Nature Writing nicht wärmstens zu empfehlen.

  1. Niemand gewinnt einen Krieg wirklich

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Mai 2020 

    Frühjahr 1946. Dem sechzehnjährigen Robert ist seine Welt in einer kleinen Bergarbeiterstadt im Norden Englands zu eng geworden. Die Erwartung, wie all seine männlichen Vorfahren unter Tage zu arbeiten, kann er noch nicht erfüllen. Um endlich einmal Freiheit zu spüren, begibt er sich auf Wanderschaft durch seine vom Krieg noch stark mitgenommene Heimat. Sein Weg führt ihn schließlich zum kleinen Cottage von Dulcie Piper - eine ältere Dame, die sein Leben für immer verändern soll.

    Mit "Offene See" ist Benjamin Myers ein großartiger Coming of Age-Roman gelungen, der so viel mehr als dieses eine Label zu bieten an. Die Sprache ist von unglaublicher Poesie und fängt die Küstenlandschaft und ihre Bewohner perfekt ein. Robert ist ein stiller Junge, der seinen Weg im Leben erst noch finden muss. Der Krieg hat auch ihn geprägt und seine Wut auf die Deutschen geschürt. Das Aufeinandertreffen mit Dulcie verändert jedoch etwas in ihm. Im Gegensatz zum klassischen Frauenbild der Zeit nimmt sie kein Blatt vor den Mund, lebt, wie sie es für richtig hält und hat auch zum Kriegsgeschehen eine klare Meinung: Niemand gewinnt einen Krieg wirklich, im Grund gibt es nur Verlierer und auf beiden Seiten stehen menschliche Wesen. Eine wichtige Botschaft, auch und gerade in der heutigen Zeit.

    Nach und nach begreift Robert, dass Dulcies Leben ein Geheimnis birgt, eine Wunde, die immerzu schmerzt und nicht heilen will. Bei gemeinsamen Essen und langen Gesprächen kommen die beiden sich näher und öffnen sich einander. Dabei ist es schön zu spüren, dass Dulcie als die Ältere sich nie überlegen gibt, sondern auch die Chance nutzt, etwas von Robert zu lernen. Der hingegen erhält durch Dulcie einen völlig neuen Blickwinkel auf sein Leben und was er damit anzufangen gedenkt. Ein fabelhafter Roman, der auf jeden Fall zu meinen Highlights in 2020 gehört!

  1. Poetische Entwicklungsgeschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Mär 2020 

    Der englische Schriftsteller und Journalist Benjamin Myers, bisher ein Unbekannter in Deutschland, hat in seiner Heimat schon einige Bücher veröffentlicht. Darunter sind auch mehrere Gedichtsammlungen und das merkt man diesem Roman an. Die Sprache des Autors ist außerordentlich poetisch und Gedichte spielen eine nicht unerhebliche Rolle in der Geschichte.
    In einer kurzen Rahmenhandlung erleben wir den alten Dichter Robert Appleyard, der am Ende seines Lebens auf die Zeit zurückblickt, die prägend war für ihn und in der er seine Berufung entdeckte.
    Wir sind in England, im Frühjahr 1946. Der Zweite Weltkrieg war vorüber, aber er lebt noch weiter in den Köpfen und Herzen der Menschen. Der Ich-Erzähler Robert ist ein junger Mann von 16 Jahren. Seine Schulzeit ist vorüber und auf ihn wartet ein Leben im Bergwerk. Das gleiche Leben, das schon sein Vater und Großvater und die meisten Männer im Dorf geführt haben. Doch zuvor will er noch kurz ein Stückchen Freiheit erleben und er macht sich auf, zu Fuß die Küste Englands zu entdecken. Er übernachtet in Scheunen und Hütten und manchmal auf freiem Feld. Sein Essen verdient er sich mit Hilfsarbeiten bei den Bauern.
    Eines Tages trifft er zufällig auf ein kleines Cottage inmitten eines verwilderten Grundstücks. Dulcie, die Bewohnerin, eine hagere, alte Dame, lädt ihn zum Essen ein. Sie erweist sich schnell als äußerst unkonventionell.
    Am nächsten Morgen zieht Robert weiter, doch er ist bald wieder da und bleibt. Er erledigt verschiedene Arbeiten für Lucie, kleine Reparaturen und Besorgungen, versucht den Wildwuchs ringsum etwas einzudämmen. Dafür kocht Lucie für ihn - wunderbare Köstlichkeiten, zubereitet aus den Dingen, die das Meer und der Garten bietet.
    Bei Tee und Wein kommt es zu intensiven Gesprächen, die Roberts Blick auf das Leben verändern. Lucie gibt ihm Bücher zu lesen, Lawrence „Liebende Frauen“; aber v.a. Gedichtbände. Das eröffnet ihm eine völlig neue Welt. Gleichzeitig spürt er aber, dass Lucie schwer an einem Geschehnis aus der Vergangenheit trägt. Aber Genaueres erfährt er nicht von ihr.
    In dem verwilderten Garten steht eine heruntergekommene Hütte, ein ehemaliges Atelier. Robert macht sich daran, dieses Häuschen wieder instand zu setzen. Bei dieser Arbeit stößt er auf einen Packen Papier, eine Sammlung von Gedichten mit dem Titel „Offene See“. Er beginnt zu lesen, doch vieles ist ihm fremd. Und bald begreift er, dass diese Gedichte eng mit dem tragischen Geheimnis zusammenhängen, das Lucies Leben überschattet.
    Am Ende des Sommers kehrt Robert zurück in sein Elternhaus. Aber er ist ein anderer geworden. Er wird sich danach gegen seinen vorgezeichneten Weg entscheiden und seinen eigenen gehen.
    „Offene See“ ist ein Buch der leisen Töne, voller Poesie und Sinnlichkeit, voller Lebensweisheit. Myers beschreibt immer wieder detailliert die Natur und die Landschaft und die Gefühlswelt der Figuren. Lucie lehrt Robert das Leben, erweitert seinen Blick und mit ihm gemeinsam bewältigt sie ihre Trauer.
    Es ist dem Verlag zu danken, dass er für dieses außergewöhnliche Buch einen entsprechend schönen Umschlag gestaltet hat.

  1. Eine ungewöhnliche Freundschaft im Nachkriegsengland

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Mär 2020 

    „Offene See“ ist ein ruhiges Buch. Es besticht durch seine poetische Sprache, die bildhaften Landschaftsbeschreibungen und die wunderbare Zeichnung der beiden Protagonisten, in deren Empfindungen man sich sehr genau einfühlen kann.

    Nur kurz begegnet uns der Ich-Erzähler als alter Mann am Anfang und am Ende des Romans. Sein Leben besteht aus Routinen, doch auch er war einmal jung. Er erinnert sich zurück an das Nachkriegsjahr 1946, als er seinen Schulabschluss machte und auf Wanderschaft ging, um Nordengland besser kennenzulernen und schließlich das offene Meer zu sehen.

    Robert Appleyard stammt aus einer Bergarbeiterstadt im Norden Englands. Es wird Kohle abgebaut, alle Männer sind im Bergwerk tätig und auch Roberts berufliche Zukunft scheint vorbestimmt unter Tage zu liegen, eine wirkliche Berufswahl hat man in diesen Tagen nicht. Die Menschen sind von Entbehrungen gezeichnet, viele Männer sind auf dem Feld gefallen. Es liegt noch eine Schwere auf dem Dasein:
    „Es war Krieg gewesen, und obwohl der Kampf zu Ende war, tobte er noch immer in den Männern und Frauen, die ihn mit sich nach Hause genommen hatten. Er lebte in ihren Augen weiter oder hing ihnen um die Schulter wie ein blutgetränkter Umhang.“ (S. 13 Epub)

    Robert möchte raus aus dieser Welt. Zumindest ein paar Monate will er sich als Auszeit nehmen, bevor er in den Kohlebergbau einfährt: „Solange ich zurückdenken konnte, hatte die Unausweichlichkeit eines Arbeitslebens in der staubigen Dunkelheit wie ein Schreckgespenst in meinem Unterbewusstsein gelauert und alles mit einem dunklen Tuch bedeckt. Anfangs hatte ich mich vor der Vorstellung gefürchtet, doch in letzter Zeit lehnte ich sie mit einer Unnachgiebigkeit ab, die an Hass grenzte.“ (S. 21 Epub)

    Robert liebt Natur sowie Tiere, hat schon immer mit Leidenschaft die Vogelwelt beobachtet und zahlreiche Aufzeichnungen darüber gemacht. Er sehnt sich nach etwas Neuem, nach Abenteuer, vor allem nach Weite.
    Mit kleinem Gepäck bricht er auf. Er genießt die Landschaft in vollen Zügen, verdingt sich auf seiner Wanderung als Tagelöhner auf Bauernhöfen. Überall sind seine kräftigen Hände gern gesehen, im Gegenzug bekommt er etwas zu essen, mal mehr, mal weniger. Er begegnet anderen vom reisenden Volk, kommt mit verschiedensten Menschen ins Gespräch. Gern spricht man in England über das Wetter, doch: „In diesen Gesprächen mit Fremden wurde der Krieg kaum erwähnt; diese Bestie blieb begraben. Sie war noch zu frisch, um exhumiert zu werden.“ (S. 22 Epub)

    Durch Zufall läuft er in eine Sackgasse hinein, an deren Ende sich ein großes, eingewachsenes Grundstück befindet, auf dem ein kleines Cottage steht. Dort lebt die großgewachsene Dulcie allein mit ihrem Deutschen Schäferhund. Robert fühlt sich von Anfang an auf eigentümliche Art zu dieser Einsiedlerin hingezogen. Sie ist sehr gastfreundlich, lädt zu Brennnesseltee und Rosinenkeksen ein, die beiden kommen ins Gespräch:
    „Kein Plan ist ein guter Plan“, sagte sie, nachdem einige Zeit verstrichen war. „Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartet. Der sonnige Zauber eines Morgens birgt vielleicht schon nachmittägliche Gewitterwolken. Das Leben ist lang, wenn du jung bist, und kurz, wenn du alt bist, aber immer unsicher.“ (Epub S. 33)

    Von Dulcie geht Lebenserfahrung und Weisheit aus, aber auch eine tiefe Traurigkeit. Der junge Mann bleibt einige Zeit bei ihr. Er genießt den schier unerschöpflichen Vorrat ihrer Lebensmittel, aus dem sie köstliche Speisen zubereitet. Im Gegenzug versucht er, Reparaturen und schwere Arbeiten für sie zu erledigen. Auch verrichtet er kleine Besorgungen in dem nahen Küstenort, wo man Dulcie offensichtlich schätzt. Recht schnell erfährt Robert, dass sie einen schweren Schicksalsschlag verwinden musste, was genau, bleibt aber im Dunklen.

    Robert ist hin und her gerissen, ob er Dulcies Gastfreundschaft noch länger in Anspruch nehmen oder weiter ziehen soll. Im verwachsenen Teil des Gartens entdeckt er ein kleines verwahrlostes Häuschen und macht es sich zur Aufgabe, dieses instandzusetzen, zu reparieren und zu streichen. Er ahnt nicht, dass er mit dieser Aufgabe auch verschüttete, zum Teil schmerzhafte Erinnerungen aus Dulcies Leben frei legt, die zudem ihre trüben Tage erklären.

    Myers hat eine sehr warmherzige, berührende Geschichte geschrieben, die niemals ins Kitschige abgleitet. Die Dialoge der Protagonisten sind zutiefst menschlich und von Weisheit durchdrungen:
    „Eine famose Haltung. Tun wir so, als käme das Morgen niemals.“
    „Gestern ist es aber gekommen“, sagte ich scherzhaft.
    „Oh, der war gut, sagte sie. „Dann lass uns das Tagebuch wegwerfen, den Kalender verbrennen, die Uhren zertrümmern und stattdessen so tun, als wäre das Heute unendlich und würde nur durch den dunklen Himmel und den Ruf der Eule unterbrochen. Ich will damit sagen, drehen wir der Zeit eine lange Nase, denn Zeit ist auch bloß ein System von selbst gewählten, willkürlichen Grenzen, die einengen und kontrollieren sollen. Möge das Heute für immer währen, Robert. (…) Wir untergraben just das, was die Menschheit zusammen hält. Wir werfen die Ketten ab. Ist das nicht genial?“ (Epub S. 74)

    Zwei unterschiedlich beschädigte Seelen helfen sich gegenseitig: Robert hilft Dulcie, sich mit ihrer verdrängten Vergangenheit und auch ihrer Liebe auseinanderzusetzen. Dulcie zeigt Robert neue Horizonte und Möglichkeiten. Sie hilft ihm, selbst zu entscheiden, welche Lebensziele er erreichen möchte. Beide tun sich ungemein gut und entwickeln sich unter dem Einfluss des anderen weiter.

    Erwähnen möchte ich noch, dass auch die Literatur ein weiteres Thema in diesem wunderbaren Roman darstellt. Robert, der in seinem bisherigen Leben die Schule eher als Last empfand und wenig mit Kunst, Literatur und Musik zu tun hatte, wird in diese Welt der Geschichten und der Poesie eingeführt. Eine Welt, die neue Saiten in ihm zum Klingen bringt…

    Es ist ein Buch über Freundschaft, über Verlust, über die Liebe zur Literatur, über das Leben an sich, Lebensplanung und Lebensziele. Man könnte es auch als Entwicklungsroman bezeichnen. Wie auch immer: Ich wünsche diesem wunderschön gestaltetem Buch viele Leser und bewerte im Brustton der Überzeugung mit 5/5 Lesesternen.

 

Germanischer Bärenhund: Portrait Einer Außergewöhnlichen Hunderasse

Buchseite und Rezensionen zu 'Germanischer Bärenhund: Portrait Einer Außergewöhnlichen Hunderasse' von Jörg Krämer
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Germanischer Bärenhund: Portrait Einer Außergewöhnlichen Hunderasse"

Format:Taschenbuch
Seiten:124
Verlag:
EAN:9783990266960

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Unter uns die Nacht: Roman (Wayfarer 3)

Buchseite und Rezensionen zu 'Unter uns die Nacht: Roman (Wayfarer 3)' von Becky Chambers
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Unter uns die Nacht: Roman (Wayfarer 3)"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:464
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Unter uns die Nacht: Roman (Wayfarer 3)"

  1. Endlosschleife um eine geschenkte Sonne

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 04. Jan 2021 

    Im dritten Band der Wayfarer Trilogie kümmern wir uns um die armen Erdlinge, die ihren Planeten verloren haben und in immerwährender Schleife in ihren Schiffen, die mehr und mehr veralten, um eine von der Galaktischen Union geschenkte Sonne kreisen. Dort haben sie ihre eigene Kultur kreiert und halten an den ehrwürdigen Traditionen fest.

    In diesem Band verlor ich die Geduld mit Becky Chambers. Denn es geschieht wieder absolut nichts. Zwar verunglückt ein Raumschiff im Irgendwo. Und es gibt ein paar Plünderer. Aber im Prinzip kümmern wir uns wieder nur um Befindlichkeiten.

    Hauptsächlich geht es um Kreisläufe, optimale Ressourcenverwertung, Werte und endlose Reden und Begegnungen in Bezug auf Bestattungsriten. Obwohl auch in diesem Band sehr inniglichst Zwischenmenschliches behandelt wird und mit den Harmagianern eine seltsame Rasse beschrieben wird, es sind hochintelligente Schnecken-Quallen, die in einem Rollstuhl herumkutschieren, gehen mir die langen Dialoge über Werte und Verschiedenheiten allmählich auf die Nerven. Was zu viel ist, ist zu viel. Ich will Action. Und bekomme keine.

    Was ich natürlich auch honoriert hätte, wäre eine Anknüpfung an die Personen des ersten Bandes gewesen, eine Fortführung deren Abenteuern. But no. Nothing.

    Fazit: Der letzte Band der Trilogie konnte mich nicht in so in den Bann schlagen wie die zwei Bände vorher und die Geschichte begann mich zu langweilen. Was heißt, dass man als Autor nicht zu lange mit demselben Zug fahren sollte.

    Kategorie: SF
    Verlag: Fischer Tor. 2019

 

Die gefährliche Mrs. Miller: Thriller

Buchseite und Rezensionen zu 'Die gefährliche Mrs. Miller: Thriller' von Allison Dickson
2
2 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die gefährliche Mrs. Miller: Thriller"

Phoebe Millers Ehe ist am Ende. Sie verlässt ihr Haus nur noch selten, doch ihr fällt auf, dass seit einer Weile ein alter, rostiger Wagen in ihrer Straße steht. Sie fühlt sich beobachtet, doch warum sollte jemand ausgerechnet sie ausspionieren? Eines Tages zieht nebenan eine neue Familie ein – mit dem achtzehnjährigen Jake, von dem Phoebe sich von Anfang an angezogen fühlt. Die beiden kommen einander näher, und Phoebe achtet nicht mehr auf das verdächtige Auto. Damit aber bringt sie sich in höchste Gefahr …

Format:Taschenbuch
Seiten:384
EAN:9783746636160
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Rezensionen zu "Die gefährliche Mrs. Miller: Thriller"

  1. Wirkt sehr konstruiert und hat keinen Thrill

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 04. Jan 2021 

    „Die gefährliche Mrs. Miller“ ist ein Thriller von Allison Dickson, der 2020 beim AUFBAU Verlag erschienen ist. Im Fokus steht das Leben von Phoebe Miller, einer jungen und reichen Frau deren Ehe am Ende ist und die nicht viel mit sich anzufangen weiß. Eines Tages bemerkt sie einen alten rostigen Wagen an der Straße. Augenscheinlich wird sie beobachtet, aber warum? Als eines Tages eine neue Familie nebenan einzieht, inklusive des 18-Jährigen Jakes von dem sich Phoebe angezogen fühlt, ist das Chaos perfekt.
    Ich habe bisher noch nie ein Buch von Allison Dickson gelesen und war daher neugierig auf die Autorin. Zudem hatte ich mal wieder Lust auf einen richtig guten Thriller. Der Klappentext hat sich genau richtig angehört. Das Gefühl beobachtet zu werden gehört bei mir zu den Themen, die ich echt beunruhigend finde und wo mir die Haare zu Berge stehen.
    Vom Schreibstil her ist das Buch angenehm geschrieben. Man kommt schnell im trostlosen Leben von Phoebe an und kommt flüssig durch die Seiten. Das erste Drittel des Buches fand ich recht spannend. Ich fand Phoebe als Charakter interessant (wenn auch nicht gerade sympathisch) und möchte die kurzen Intermezzos aus Sicht des Beobachters aus dem Auto. Ich fand es klasse beide Blickwinkel einnehmen zu können. Die Beziehung zwischen Phoebe und Jake fand ich stellenweise nicht so nachvollziehbar, da Jake mir für einen 18-Jährigen zu forsch rüberkam. Aber vielleicht kenne ich einfach die falschen 18-Jährigen.
    Nach dem ersten Drittel kam es dann zu einer Wendung, die ich nicht erwartet habe, aber leider auch überhaupt gar nicht plausibel fand. Damit hat sich die Geschichte extrem von dem entfernt, was ich aufgrund des Titels und Klappentextes erwartet habe. Zudem waren der Plot und auch weitere Handlungsstränge einfach nicht nachvollziehbar. Kein Mensch handelt so. Irgendwie wirkten die anderen 2/3 des Buches komplett an den Haaren herbeigezogen und konstruiert. Leider kann ich nichts genaueres schreiben ohne zu spoilern, jedoch kann ich das Buch leider nicht weiterempfehlen. Für mich hat die Geschichte keinen wirklichen Sinn ergeben und ist auch alles andere als ein Thriller. Vielleicht eher eine Art Drama.
    In Summe war ich von dem Buch enttäuscht und habe zwischen 2-3 Sternen gehadert. 3 Sterne, weil ich glaube, dass Allison Dickson eine gute Autorin ist (Schreibstil), aber die Story war aus meiner Sicht für den Eimer. Ich gebe dem Buch damit 2 Sterne (auch wenn es mir echt Leid tut).

 

Men Women and Boats

Buchseite und Rezensionen zu 'Men Women and Boats' von Stephen Crane
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Men Women and Boats"

Format:Taschenbuch
Seiten:73
Verlag:
EAN:9798571048309
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