Stummes Echo (Gatsby)

Buchseite und Rezensionen zu 'Stummes Echo (Gatsby)' von Susan Hill
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Auf einem Hügel irgendwo im Norden Englands steht ein Haus, vom Wind umtost: der Beacon. Hier sind May, Frank, Colin und Berenice aufgewachsen. Das Leben auf dem Hof war hart, aber die Geschwister hatten es immer gut miteinander. So war es doch, oder? Nur zwei von ihnen ziehen in die Fremde, nach London. May kehrt schon nach ihrem ersten Studienjahr
zurück und kümmert sich fortan um ihre Eltern und den Hof. Nur auf dem Beacon fühlt sie sich sicher und geborgen. Frank aber bleibt in der Großstadt, macht Karriere als Journalist und schaut nicht mehr zurück. Bis zu dem Tag, an dem er beschließt, ein Buch über einen Jungen zu schreiben, dessen Kindheit geprägt war von Leid und Gewalt. Und dieser unglückliche Junge war er selbst? Ein Buch über fragile Familienbande und die Brüchigkeit von Erinnerungen, über die unsichtbaren Verletzungen, die uns das Leben zufügt, und die wundersamen Wege, diese zu überwinden.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:176
Verlag: Kampa Verlag
EAN:
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Rezensionen zu "Stummes Echo (Gatsby)"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Mär 2019 

    Und dann war da noch Frank

    Wunderschön aufgemacht ist dieses kleine Büchlein, mit seinem Leineneinband eine wahre Zierde fürs Regal. Die Geschichte entwickelt eine stille Wucht, die so bescheiden und dezent daherkommt wie das Titelbild und dennoch etwas Unwiderstehliches an sich hat – vom Umfang her ist sie jedoch wenig mehr als eine Novelle. Das kam mir sehr gelegen, denn nachdem ich die letzte Seite gelesen hatte, dachte ich etwa eine Stunde lang intensiv darüber nach und las das Buch dann direkt ein zweites Mal.

    Denn die letzen Zeilen (die ich hier nicht verraten werde) werfen ein ganz neues Licht auf diese Geschichte:

    Colin, Frank, May und Berenice Prime hatten eine ganz normale Kindheit in Nordengland – glücklich, fast schon idyllisch, obgleich das Leben im elterlichen Farmhouse ‘The Beacon’ geprägt war von harter Arbeit und ärmlichen Mitteln. Doch als Erwachsener schreibt Frank, der als erfolgreicher Journalist seinem Elternhaus schon lange den Rücken gekehrt hat, ohne jegliche Vorwarnung ein Buch, in dem er behauptet, seine Eltern und Geschwister hätten ihn als Kind geschlagen, gedemütigt und gequält.

    Das Buch, eine typische Sensationsbiographie, wird zum Bestseller, die Geschwister sind fassungslos. Frank nennt die echten Namen, beschreibt die tatsächlichen Örtlichkeiten, die Geschichte lässt sich mühelos zurückverfolgen auf die Familie Prime.

    Der Vater ist schon tot, der kränklichen Mutter, die das Haus nicht mehr verlässt, verschweigen sie die Sache, der Titel “Stummes Echo” macht auf einmal Sinn: Franks Verrat hat gravierende Folgen für alle Beteiligten und dennoch gibt es über viele Jahre keine offene Konfrontation – obwohl der Widerhall kein Ende findet.

    Die zwei Gesichter der Wahrheit sind ein grundlegendes Thema des Buches.

    Das stimmt doch alles nicht, das ist niemals so gewesen! Nichts davon ist passiert! Empörung und Wut sind die ersten Reaktionen der Geschwister, sie sind sich der unumstößlichen Absolutheit ihrer Wahrheit ganz sicher: Lüge, alles Lüge. Doch im Stillen nagt im Laufe der Jahre der Zweifel an ihnen. Haben sie Dinge vergessen, falsch interpretiert? Derweil geht es Frank umgekehrt ganz ähnlich: die persönliche emotionale Wahrheit und die auf Fakten basierende Wahrheit schwingen nicht mehr im Einklang.

    Die Autorin beschreibt ihre Charaktere zurückhaltend, taktvoll und mit sparsamen Worten.

    Dennoch wirken sie sehr lebendig und authentisch, wobei sich die Geschichte vor allem auf den verschlossenen Frank und die hochintelligente May konzentriert, während der freundliche Colin und die verwöhnte Beatrice eher im Hintergrund stehen.

    Interessant ist, dass Frank und May oft wirken wie Gegenpole der selben Wahrheit – doch hier möchte ich noch nicht zuviel verraten, denn darauf beruht meines Erachtens der Schlüsselmoment des Buches.

    FAZIT

    Die Geschwister Colin, Frank, May und Berenice hatten eine glückliche Kindheit auf dem Lande – oder nicht? Frank schreibt ein Buch über seine angeblich schreckliche Kindheit, das seine Eltern und Geschwister als Täter porträtiert. Alles eine Lüge? Selbst Frank glaubt nicht an die faktische Wahrheit seiner Erinnerungen – oder doch?

    Die Wahrheit ist fließend in diesem Roman, die Erinnerungen sind trügerisch. Doch jeder kämpft im Stillen mit seinen Zweifeln, obwohl Franks Buch ein starkes emotionales Echo hervorruft.

    Einfache, klare Wahrheiten und Antworten findet man hier nicht, und gerade deswegen entwickelte die Geschichte eine starke Sogwirkung auf mich. Ich habe das schmale Büchlein direkt zweimal hintereinander gelesen.

 

Im Schatten der Vergangenheit: Roman.

Buchseite und Rezensionen zu 'Im Schatten der Vergangenheit: Roman.' von Elisabeth Büchle
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Pattonville, Baden-Württemberg 2015: Die Eltern und Geschwister der Deutsch-Amerikanerin und ehemaligen Leistungssportlerin Hanna Jameson sind von einem Tag auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt. Ihre Spurensuche führt Hanna in die Vereinigten Staaten. Dort trifft sie auf den charmanten Chris Thompson, der sie bei ihren Ermittlungen unterstützt. Doch kann Hanna ihm wirklich vertrauen? Denn je länger sie miteinander unterwegs sind, desto mehr Hindernisse und Gefahren stellen sich ihnen in den Weg. Schmerzlich wird der jungen Frau bewusst, dass nichts in ihrem Leben so ist, wie es scheint ... Eine spannende, rasante, aber auch romantische Geschichte.

Format:Kindle Edition
Seiten:512
Verlag: Gerth Medien
EAN:
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Rezensionen zu "Im Schatten der Vergangenheit: Roman."

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Mai 2019 

    Wen das Leben einem den Boden unter den Füßen wegzieht

    "Wir alle dürfen Fehler begehen. Allerdings müssen wir aus ihnen lernen und es das nächste Mal besser machen." (Buchauszug)
    2015 Pattonville, Baden-Württemberg:
    Die Deutsch-amerikanische Familie Jameson will hier ihre neue Zukunft beginnen. Hanna Jameson eine Leistungssportlerin gönnt sich währenddessen nach einem Zusammenbruch eine Auszeit in den Alpen. Als sie zum Haus ihrer Familie kommt, öffnet ihr eine wildfremde Frau die Türe. Niemand weiß, wo ihre Stiefmutter, Vater, und die drei Geschwister sind. Auch telefonisch erreicht sie niemanden aus der Familie, bis auf ihre Zwillingsschwester Helena, doch da geschieht im Hintergrund ein Attentat und Hanna bangt um das Leben von Helena. Die Polizei in Deutschland aber auch in den USA kann Hanna nicht weiterhelfen, zudem sind noch andere Personen hinter ihr her. Lediglich Kevin Pancol ein Mitarbeiter und Freund der Familie unterstützt sie so gut es geht. Doch dann macht sich Hanna auf nach Charleston, um Helena zu suchen. Unterwegs trifft sie auf Chris Thompson der ihr helfen möchte. Kann sie ihm Vertrauen oder möchte auch er ihr etwas antun? Einige Gefahren und Hindernisse lauern auf ihrem Weg nach Charleston und Hanna muss nach und nach erkennen, das ihr Leben danach nicht mehr dasselbe sein wird.

    Meine Meinung:
    Das unscheinbare Cover mit der jungen sportlichen Frau und dem Wald im Vordergrund konnte mich nicht ganz überzeugen, dafür jedoch der Klappentext. Da ich außerdem schon viele Bücher von der Autorin gelesen hatte, wusste ich, dieses würde sicher wieder eine interessante Geschichte werden. Der Schreibstil war locker, flüssig und in drei größere Abschnitte und mehrere Kapitel eingeteilt. Dabei sprangen die drei Handlungsstränge hin und her, wobei Hannas Spurensuche nach ihrer Familie am meisten Raum einnahm. Im Plot ging es um eine verschwundene Familie, die spannende Suche nach ihnen und um den Ku-Klux-Klan den sie schon in ihrem letzten Buch "Mehr als ein Traum" erwähnt hatte. Aber auch Themen wie Rassismus, Glaube, Gebet und Vergebung fließen in diese Geschichte mit ein. Dieses Buch erzählt im Grunde die Geschichte der Thompsons ein wenig weiter, allerdings erst viele Jahre später. Nachdem ich Elisabeth Büchle bisher eher von Liebesromanen her gekannt hatte, waren ihre beiden letzten Bücher doch sehr dramatisch und spannend geschrieben. So fieberte ich auch die ganze Zeit mit Hanna, ihrer Familie, Chris und Kevin mit und konnte gut ihre Ängste verstehen. Eigentlich dachte ich anhand des Klappentextes, das diese Geschichte länger in Deutschland spielen würde, doch recht schnell wurde der Schauplatz dann wieder die USA verlagert, was aber auch in Ordnung war. Die einen oder anderen Szenen waren manchmal etwas langatmig geschrieben, da hätte man sicher etwas kürzen können, doch gefesselt hat mich das Buch wieder mal bis zum Ende. Zudem erwähnte die Autorin ein Attentat in der Mother Emanuel Church in Charleston welches am 17. Juni 1985 wirklich stattgefunden hatte und bei dem 9 Menschen ums Leben kamen. Die Charaktere hatte sich die Autorin wieder sehr gut ausgedacht, besonders gefiel mir die sympathische, resolute, selbstbewusste und dynamische Hanna. Sie kämpfte sich durchs Leben, auf der Suche nach ihrer Familie, auch wenn sie sich dadurch in eigene Gefahr begab. Ebenso Chris Thompson, der mir sofort sympathisch war, auch wenn ich am Anfang nicht wusste, auf welcher Seite er stand. Seine ausgeglichene, freundliche und fürsorgliche Art konnten mich jedoch schnell überzeugen. Genauso bei Kevin, der zwar auf mich etwas fahrig, nervös und etwas kleinkariert wirkte aber sich zusehends positiv veränderte. Unsympathisch war mir am meisten Hannas Vater, von dem man erst gegen Ende etwas mehr erfuhr. Seinen Lebenswandel konnte ich so gar nicht nachvollziehen und begreifen. Dieses Buch, das man vor Spannung kaum mehr weglegen kann und das ich jedem nur empfehlen kann, bekommt von mir 5 von 5 Sterne.

 

Deine kalten Hände: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Deine kalten Hände: Roman' von Han Kang
3.6
3.6 von 5 (10 Bewertungen)

Ein großer Roman über die Einsamkeit der menschlichen Existenz.

Eines Tages verschwindet der Bildhauer Jang Unhyong beinahe spurlos. Er hinterlässt seine faszinierenden Gipsabdrücke von Händen und Körpern – und ein bewegendes Tagebuch, das seine lebenslange Suche nach Nähe und Wahrhaftigkeit in aller Welt voller Masken schildert.
»Han Kang erzählt zugleich mit großer Brutalität und großer Poesie – eine Mischung, die nur wenigen Schriftstellern gelingt.« Stern.

»Man kann sich dieser Stimme nicht entziehen.« Independent.

Von der Autorin des internationalen Bestsellers »Die Vegetarierin«.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:300
EAN:
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Rezensionen zu "Deine kalten Hände: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Apr 2019 

    Seltsame Geschichte

    Eine seltsame Geschichte

    Deine kalten Hände von Han Kang

    Als der Bildhauer Jang Unhyong verschwindet, begibt sich seine Schwester auf die Suche. Anhand Aufzeichnungen ihres Bruders will sie herausfinden, was in ihm vorging. Dies bleibt ohne Erfolg gekrönt, so landen die Schriftstücke bei einer entfernten Bekannten ihres Bruders, ihr letzter Versuch Antworten zu finden.

    Durch diese Aufzeichnungen erfährt der Leser einiges aus der Kindheit des Bildhauers, der Hüllen von den Gliedmaßen vieler Frauen erstellte. Die gesamte Zeit suchte ich nach Gründen für seine Obsession, einige waren sicherlich auch in der Kindheit zu finden. Seine Mutter brachte es nicht fertig mit den Augen zu lächeln, eine Formulierung des jungen U, die Sinn ergibt, wenn man die genaueren Umstände kennenlernt.
    Die Frauen, mit denen er während seiner Karriere zu tun bekommt, haben alle Probleme, genau dort scheint der Reiz für ihn zu liegen. Nur warum? Will er ihnen helfen, will er das warum verstehen? Oder sucht er sich einfach nur selbst, in seiner eigenen Unvollkommenheit?
    Was mich gestört hat ist der Aspekt, dass die Modelle alle nur mit ihrem Anfangsbuchstaben benannt werden, auch der Bildhauer selbst wird so abgekürzt. Auf mich wirkte es immer sehr unpersönlich, genau darauf schiebe ich es auch, dass ich zu keinem der Protagonisten eine echte Beziehung aufbauen konnte. Sicher muss man nicht immer mit den Personen mitleiden, aber ein gewisses Gefühl sollte schon aufkommen.
    Der Roman wirkte stellenweise sehr provokant durch seine Direktheit. Tabus scheint es keine zu geben, der Leser wird mitgenommen in die tiefsten Tiefen der Frauen, reißt dort aber nur kurz etwas an und geht zur nächsten Episode über. Die Abschnitte gehen nicht sanft ineinander über, oft wirkte es so, als ob man als Leser einfach in den nächsten Bereich katapultiert wird. Erst nimmt L einen großen Raum ein, verschwindet aus Us Leben, taucht wieder auf, um dann aus heiterem Himmel von E ersetzt zu werden. Ein Karussell der Gefühle, eine Achterbahn der Ereignisse, die sich mir nicht ganz erschlossen hat.
    Wenn ich meine Beschreibung des Romans so lese, wirkt sie sehr negativ. Ich habe vielleicht einfach etwas anderes gesucht, als die Autorin zeigen wollte. Nichts desto trotz war es eine Erfahrung, wie ich sie vorher beim lesen noch nicht gesammelt habe. Ein Erzählstil der mich verwundert und gefordert hat.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Mär 2019 

    Hinter der Maske

    Der koreanische Bildhauer Jang Unhyong ist eines Tages verschollen. In seiner künstlerischen Arbeit hat er Gipsabdrücke von Händen und Körpern angefertigt. Dadurch ist er der Schriftstellerin H. aufgefallen, die mit ihm auch einmal ein Gespräch geführt hat. In dem Versuch seiner Schwester, den Mann zu finden, gelangt H. an sein bewegendes Tagebuch. Es dokumentiert seine lebenslange Suche nach Nähe und Wahrhaftigkeit in einer Welt voller Masken.

    „Deine kalten Hände“ ist ein ungewöhnlicher Roman von Han Kang.

    Meine Meinung:
    Der Roman beginnt mit einem langen Prolog, der in sieben Kapitel unterteilt ist. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht der Schriftstellerin H. Dann folgt – nach einem Vorwort – das Tagebuch des Bildhauers, ebenfalls aus der Ich-Perspektive geschrieben. Es besteht aus drei Teilen, die wiederum in mehrere Abschnitte, jeweils mit Überschriften markiert, untergliedert sind. Der Roman endet mit einem Epilog, wieder aus der Sicht der Schriftstellerin, mit vier kurzen Kapiteln. Der Aufbau wirkt gut durchdacht und einleuchtend.

    Der Schreibstil ist besonders. Er scheint einerseits schnörkellos und recht nüchtern, andererseits aber geradezu poetisch und voll von Symbolen. Die Sprache hat mich fasziniert, verlangt dem Leser allerdings eine hohe Aufmerksamkeit ab. Der Einstieg in die Geschichte gelang mir ohne Probleme.

    Der Roman beschränkt sich auf wenige Charaktere. Im Vordergrund steht natürlich der Künstler, über den man am meisten erfährt. Jedoch fiel es mir schwer, aus ihm und den anderen Protagonisten schlau zu werden. Alle Figuren erscheinen recht kühl und bleiben merkwürdig auf Distanz, was sich zum Beispiel darin äußert, dass der Name der Schriftstellerin nur abgekürzt wird. Es ist schwierig, Sympathie für die Personen zu empfinden, obwohl es sich um reizvolle Charaktere handelt.

    Die Grundthematik des Romans finde ich sehr interessant. Es geht um die Einsamkeit der menschlichen Existenz und die Suche nach der Wahrheit. Was verbergen die Menschen hinter ihrer Maske, hinter ihrer Hülle? Was ist Schein, was ist Sein? Mit diesen Fragen setzt sich der Bildhauer auch künstlerisch auseinander.

    In seiner Kindheit erlebt der Künstler Neid, Eifersucht und Verrat, was ihn zum Außenseiter werden lässt. Die Schilderungen dazu konnten mich bewegen. Allerdings lässt der Roman auch vieles offen – für meinen Geschmack zu viel, denn so blieb mir einiges unverständlich.

    Das Nachwort der Autorin fällt leider ziemlich kurz aus und trägt recht wenig zum Verständnis der Lektüre bei. Es gibt aber Einblicke in den Schreibprozess, was ich interessant finde.

    Das Cover wirkt sehr künstlerisch, was thematisch gut zum Roman passt. Der deutsche Titel ist treffend gewählt.

    Mein Fazit:
    „Deine kalten Hände“ von Han Kang ist ein Roman, zu dem ich keinen vollständigen Zugang finden konnte. Der Inhalt ist verstörend, aber auch aufwühlend und zum Nachdenken anregend. Meinen hohen Erwartungen wurde das Buch leider nicht in Gänze gerecht. Doch wegen seiner Besonderheit halte ich es dennoch für lesenswert.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Mär 2019 

    faszinierend unverständlich

    "Ich verstehe dich nicht. Aber ich mag dich trotzdem."
    Das würde ich dem Roman "Deine kalten Hände" der Koreanerin Han Kang sagen, wäre dieses Buch ein Mensch - also im übertragenen Sinne. Denn dieser Roman steckt voller Symbolik und fordert dem Leser einiges an Abstraktionsfähigkeit ab. Ich habe mich bemüht, ich habe den Roman sehr gern gelesen, aber die Symbolik und der emotionslose Protagonist haben mich am Ende doch an meine Grenzen gebracht. Dennoch habe ich den Sprachstil der koreanischen Autorin sehr genossen, so dass es mir ein Leichtes war, diesen Roman zügig und gern zu lesen. Verrückt!

    Bei „Deine Kalten Hände“ handelt es sich um eine Geschichte in einer Geschichte. Die Autorin wählt einen autobiografischen Einstieg. Der Bildhauer Jang, ein flüchtiger Bekannter von ihr, ist verschwunden. Dies erfährt sie von seiner Schwester, die sich mit seinen Aufzeichnungen, in denen die Autorin namentlich erwähnt wird, an sie wendet. Die Schwester hat die Hoffnung, dass Han Kang ihr bei der Aufklärung des Geheimnisses um das Verschwinden ihres Bruders helfen kann.

    Die Autorin liest also Jangs Aufzeichnungen und mit ihr der Leser. Ob Jang am Ende wieder aus der Versenkung auftauchen wird, ist für die Geschichte unerheblich. Wichtig ist, als welcher Mensch sich der Bildhauer anhand der Notizen dem Leser präsentiert (bzw. nicht präsentiert).

    "Ich hatte die unklare Ahnung, dass diese Ruhe in seinen Augen kein friedliches Inneres widerspiegelte, sondern sich wie ein dünnes Häutchen über etwas Unheimlichem spannte."

    Die Aufzeichnungen beschreiben zunächst Jangs Kindheit. Er wächst in einer wohlhabenden Familie auf. Bezeichnend ist die Lieblosigkeit, der er ausgesetzt ist. Insbesondere seine Mutter ist eine Meisterin darin, nach Außen das Bild der liebevollen Mutter zu präsentieren, ihrem Sohn gegenüber jedoch Gefühlskälte an den Tag zu legen.
    Mit den Jahren entdeckt Jang sein künstlerisches Talent. Er hat Erfolg als Bildhauer. Seine Kunst ist sehr speziell. Er fertigt Gipsabdrücke von menschlichen Körperteilen an, bis hin zu Masken von Gesichtern. Über seine Kunst versucht er, seine Kindheit zu verarbeiten und das, was sie aus ihm gemacht hat: Einem Menschen, der beobachtet. Der seinen Mitmenschen mit Freundlichkeit begegnet, aber nie etwas von sich Preis gibt. Seine Modelle sind durch die Bank weg Frauen. Insbesondere die Geheimnisvollen haben es ihm angetan. Das Aussehen spielt keine Rolle. Er versucht, hinter die Geheimnisse dieser Frauen zu kommen. Die Skulpturen, die er dabei von ihnen anfertigt, haben symbolischen Charakter.

    "Wenn ich spürte, dass jemand etwas verbarg, entstanden bei mir Sympathie und eine Art Faszination für die betreffende Person, und zwar umso stärker, je weniger fassbar das Geheimnis war."

    Und gerade diese Symbolik, die einen großen Raum in dieser Geschichte einnimmt, macht diesen Roman zu einem sehr unbequemen. Einerseits ist es großartig, wenn man beim Lesen gefordert wird, also nicht nur vom Autor mit einer Geschichte berieselt wird, sondern auch reflektieren muss. Aber andererseits kann Symbolik auch frustrieren, insbesondere, wenn man sie nicht versteht, so sehr man sich auch anstrengt. Die Autorin gewährt dem Leser unendlich viel Raum für Spekulationen, was des Guten zuviel war. Da ich den Anspruch hatte, hinter die Symbolik des Romans zu steigen, war ich nie mit meinen Erklärungsansätzen zufrieden.

    Dennoch hat dieser Roman eine unglaubliche Faszination auf mich ausgeübt. Wie der Titel "Deine kalten Hände" schon andeutet, geht es in dieser Geschichte frostig zu. Frostig, nicht im Sinne von Niedrigtemperaturen sondern im Sinne von Gefühlskälte. Jang scheint nicht in der Lage zu sein, Emotionen zu zeigen. Er beginnt zwar mit dem einen oder anderen seiner Modelle eine Beziehung. Dennoch scheint seine Hingabe zu der jeweiligen Frau eher in seinem Interesse an deren Geheimnis begründet zu sein. Er gibt nichts von sich Preis, lässt die Frauen nicht an sich heran, und den Leser erst recht nicht. Er ist ein netter Kerl. Aber das, was er von sich zeigt ist nur Fassade. Diese Distanz durchzieht den Roman von Anfang bis zum Ende. Das macht ihn zu einer sehr unbequemen Lektüre. Schließlich will man den Protagonisten verstehen. Man muss ihn nicht mögen. Aber zumindest möchte man in der Lage sein, ihn zu charakterisieren. Das funktioniert hier nicht. U. bleibt ein Fremder.

    "Das Leben ist eine Hülle, die sich über einem Abgrund wölbt, und wir leben darauf wie maskierte Akrobaten. Mal hassen wir, mal lieben wir, und manchmal brüllen wir vor Wut. Über unseren Kunststücken vergessen wir, dass wir vergänglich sind und sterben müssen."

    Im krassen Gegensatz zu dieser unbequemen Geschichte, steht die Sprache, in der sie erzählt wird. Han Kang ist eine große Poetin. Die Sprache, die sie verwendet ist wunderschön und geht mitten ins Herz. Man könnte fast sagen, dass das, was der Geschichte und dem Protagonisten an Emotionen fehlt, sich tausendfach in dem unglaublichen Sprachstil wiederfindet.

    Daher komme ich zu folgender Erkenntnis:
    Scheinbar muss man nicht alles verstehen, was man liest, solange es gut geschrieben ist. Und "Deine kalten Hände" ist mehr als gut geschrieben.

    © Renie

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Mär 2019 

    Da hilft auch kein Handwärmer

    Scheinbar ist dieses Jahr von „kalter“ Literatur geprägt. Oder liegt es an der Jahreszeit? Egal, mit „Deine kalten Hände“ von Han Kang habe ich nun zwei Bücher in Folge gelesen, die mich von der in ihnen eiskalt herrschenden Handlung nicht wirklich oder nur zum Teil begeistern konnten. Es war in diesem Roman noch nicht mal die Schreibweise, die mich kalt gelassen hat (die war sogar teilweise sehr poetisch), nein – es lag schlicht an der Handlung, die mich bis kurz vorm Schluss nicht wirklich gepackt hat.

    Ein Bildhauer verschwindet spurlos, hinterlässt eine Art Tagebuch, was eine flüchtige Bekannte zu lesen bekommt. So weit so okay. Es hätte auch eine spannende Spurensuche werden können, hätte Han Kang ihrem Roman nicht diese „kalte“ Distanziertheit verliehen, die es den Leserinnen und Lesern schwermacht, irgendeinem Charakter ihrer Geschichte „näher“ zu kommen.

    Während ich bei Kafka und anderen Autor*innen keine Schwierigkeiten habe, einem Charakter emotional näher zu kommen, der sich mir nur mit „K.“ vorstellt, sind „L.“, „E.“ usw. bei Han Kang mir bis relativ zum Schluss fremd geblieben. Ich kann nicht mal genau sagen, woran genau es gehakt hat, aber wie die Schriftstellerin „H.“ habe ich mir nicht nur einmal die Frage nach dem „Warum?“ gestellt. Wollte Han Kang eine „Hommage“ an die Hand schreiben? Man könnte es vermuten, wenn man folgendes Zitat liest:

    „Alle Handlungen […], alles geschieht mit den Händen. Sie sind sozusagen das Symbol für den handelnden Menschen.“ (S. 190)

    Aber den Roman darauf zu beschränken, wäre falsch. Han Kang versucht auf Missstände aufmerksam zu machen, die überall auf der Welt vorherrschen: „Du bist nur erfolgreich, wenn du schön bist.“ Diese Erfahrung darf/ muss E. in ihrem Leben machen. Das gelesene schockiert und trotzdem lässt es einen emotional kalt zurück. Auch L. hat tragisches erlebt – ihre Geschichte wird im 3. Abschnitt betrachtet. Hier konnte ich beim Lesen ansatzweise etwas empfinden und trotzdem war alles seltsam distanziert und unterkühlt.

    Vielleicht war es die Absicht von Han Kang, auf literarische nüchtern-kalte und doch (teilweise) hochpoetische Weise ihren Leserinnen und Lesern die „Kälte“ der Gesellschaft (nicht nur der koreanischen) aufzuzeigen, um sie so zu einem „Umdenken“ zu bringen. Wenn es so ist, ist es ihr leider nur bedingt gelungen. Ich kann also (vorläufig) nur eine bedingte Leseempfehlung aussprechen und vergebe 3*.

    „Das Leben ist eine Hülle, die sich über einem Abgrund wölbt, und wir leben darauf wie maskierte Akrobaten. Mal hassen wir, mal lieben wir, und manchmal brüllen wir vor Wut. Über unseren Kunststücken vergessen wir, dass wir vergänglich sind und sterben müssen.“ (S. 299)

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Mär 2019 

    Auf der Suche nach Nähe und Wahrhaftigkeit...

    Als der Bildhauer Jang Unhyong spurlos verschwindet, hinterlässt er eine Vielzahl außergewöhnlicher Gipsabdrücke von Händen und Körpern. Und ein Tagebuch, in dem er seine Suche im Leben und in der Kunst schildert: nach einer von Eifersucht, Neid und Verrat geprägten Kindheit wird er zum Außenseiter und nähert sich Menschen nur in seiner Kunst. Als er einer jungen Studentin begegnet, die, stark übergewichtig, unter ihrem Körper leidet, sind es ihre Hände, die ihn faszinieren und von denen er zahllose Gipsabdrücke anfertigt. Nur langsam öffnet sich die junge Frau ihm und lässt einen Blick hinter die Maske ihres deformierten Körpers zu. Bald schon ist der Künstler getrieben von der Sehsucht, ihr nahe zu kommen...

    Nachdem ich 'Die Vegetarierin' und 'Das Menschenwerk' von Han Kang vor einiger Zeit gelesen habe, war ich neugierig auf den neuesten Roman der südkoreanischen Autorin. Anfangs war ich etwas irritiert, denn wenn ich eines gelernt habe, dann die Tatsache, dass Han Kangs Schreiben in jedem Fall eines kennzeichnet: Verstörung. Dies war hier beim Lesen jedoch nur rudimentär der Fall, was mich verwunderte. Als ich schließlich erfasste, dass sie diesen Roman bereits 2002 veröffentlicht hatte - also deutlich vor den anderen beiden genannten Werken -, klärte sich die Verwirrung. Es wirkt tatsächlich wie ein Roman 'davor', beispielsweise aufgrund von deutlich weniger surrealen Szenen.

    In eine kurze Rahmenhandlung eingebunden, wird die Erzählung um den Bildhauer chronologisch präsentiert, entsprechend der Einträge von Jang Unhyong in dessen Tagebuch. In meist recht kurz gehaltenen Kapiteln wechseln Zeit und Ort, wobei das Atelier des Künstlers schon eine dominante Stellung einnimmt. Wie auch in ihren anderen Romanen, wählt Han Kang hier einen distanzierten Schreibstil, klar und wenig poetisch, so dass der Leser die Figuren zwar genau betrachten kann, ihnen aber zu keinem Zeitpunkt wirklich nahe kommt. Dies wirkt phasenweise befremdlich und kühl, pointiert damit andererseits aber deutlicher die eigentliche Fragestellung des Romans.

    Han Kang beschränkt sich in dieser Erzählung auf wenige Charaktere, wobei der Bildhauer Jang Unhyong im Mittelpunkt steht. Andere Figuren werden namentlich nicht erwähnt, sondern mit P., L. und E. abgekürzt, ebenso wie die Schriftstellerin H., die als Ich-Erzählerin der Rahmenhandlung fungiert. Von klein auf erkennt Unhyong, dass die Menschen stets ihr wahres Wesen hinter einer Maske verstecken - alles ist mehr Schein als Sein. Hände drücken oft mehr aus als das Gesicht eines Menschen, weshalb der Bildhauer eine Zeitlang fasziniert von diesen Körperteilen ist und Gipsabdrücke von ihnen fertigt. Aber auch Hände können Wahrheiten verbergen, und Unyhongs Suche gilt dem wahren Kern eines Menschen und damit der wahren Nähe zu ihm. Eine große Einsamkeit begleitet ihn dabei zeitlebens, denn die Wahrhaftigkeit will sich ihm einfach nicht zeigen.

    Die Handlung selbst ist meist wenig aufregend, die inneren Vorgänge sind da weitaus spannender. Die Fragestellung: 'Wer sind wir wirklich - wer die anderen?' durchzieht den Roman und beschäftigt nicht nur den Bildhauer Unhyon, sondern lässt auch mich als Leser nicht kalt. Und auch die Autorin bekennt in ihrem Nachwort:

    "Der Roman (...) veränderte meinen Blick, meine Art zu hören und zu lieben. Still brachte er meine Seele an Orte, an denen sie noch nie gewesen war." (S. 312)

    Ein früher Roman der südkoreanischen Autorin Han Kang, der auf ihr wirkliches Können hindeutet, allerdings noch weniger Spuren der Verstörung aufweist als die späteren Werke. Eine Erzählung, durch die ich mühelos gleiten konnte, deren existenzielle Fragestellung mich beim Lesen beschäftigte und die ich trotz aller Distanziertheit wirklich mochte.

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Mär 2019 

    Die Dunkelheit dieser Körperhüllen

    Wie ein Leitmotiv zieht sie sich durch das Buch: die Maske, die Hülle, die Schale.

    Der Bildhauer Jang Unhyong ist besessen davon. Sie prägt sein ganzes künstlerisches Werk, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: er zeigt Gipsabdrücke menschlicher Körper und damit den Inbegriff des Oberflächlichen. Ohne Interpretation oder emotionale Suggestion seinerseits präsentieren sich seine Skulpturen dem Zuschauer und lösen dennoch einen starken, oft verstörenden Widerhall aus.

    Was zeigt ein Mensch dem anderen von sich selbst? Wie viel davon ist wahrhaftig und wie viel nur schöner Schein? Jang Unhyong misstraut nicht nur seinen Mitmenschen, sondern wähnt sich selbst gänzlich hohl und leer.

    Nur Oberfläche. Nur Maske. Keine Substanz.

    Die Ursachen seiner Obsession liegen in Jang Unhyongs Kindheit. Als kleiner Junge beobachtete er seine Eltern mit scharfem Blick und sah, was anderen verborgen blieb: die leere Schönheit seiner Mutter, die hohle Herzlichkeit seines Vaters – emotionale Kälte verborgen hinter gesellschaftlicher Konvention. Als Leser spürt man den Nachhall dieser Kälte auf jeder Seite.

    Ein Großteil der Handlung wird als Auszug aus Unhyongs Tagebüchern erzählt, und das liest sich oft vage unbehaglich, auf diffuse Art unangenehm.

    Wie ein ständiger Misston, der eine instinktive emotionale Ablehnung auslöst, wie das Quietschen von Fingernägeln auf einer Kreidetafel.

    Die Menschen, denen der Bildhauer im Laufe der Handlung begegnet und die eine Rolle in seinem Leben spielen, sind ebenfalls gefangen in diesem Zerrbild von Schein und Sein. Selbst die schönste Fassade wirkt so grundlegend falsch, so erbärmlich, dass man als Leser kaum glauben kann, dass nur Unhyong dies bemerkt.

    “Mir war klar geworden, dass sich die Wahrheit immer in einem von mir selbst gesteckten Rahmen bewegte. Was mir tatsächlich passierte und welche Gefühle ich dabei hatte, spielte überhaupt keine Rolle. Ich musste nur auf die von außen geforderte Weise reagieren und mit den eigenen Gefühlen klarkommen, sei es durch Geduld, Verdrängen oder Vergeben. Letzten Endes war ich so oder so gezwungen, das Vorgefallene selbst zu verarbeiten, unabhängig davon, ob ich im Namen der Wahrheit handelte oder nicht.”
    (Zitat)

    Interessanterweise wird den meisten Charakteren ein Name verwehrt, sie werden auf einen Anfangsbuchstaben reduziert:

    Da ist zum Beispiel H., die Schriftstellerin, die Unhyong nach dem Grund seiner Arbeit fragt und ihn dadurch zum Führen des Tagebuchs veranlasst – obwohl er die Frage zunächst als kindisch abtut.

    Die wichtigste Frauengestalt des Buches ist in meinen Augen die stark übergewichtige L., deren weiche Hände Unhyong so verzaubern, dass er zahllose Abdrücke von ihnen nimmt. Mit ihr beginnt er eine zunehmend obsessive Liebesbeziehung, und sie verkörpert am deutlichsten die Gratwanderung zwischen Maske und wahrem Ich, denn ihr Äußeres und ihr Inneres passen nie zusammen.

    Das Triumvirat der weiblichen Charaktere wird von E. vervollständigt. Diese erscheint zunächst wie die in jeder Hinsicht perfekte Frau, hat sich diese Perfektion jedoch bis zur Selbstaufgabe antrainiert. Bei Unhyong und einem seiner Bekannten löst sie Gefühle von Verschmutzung und Übelkeit hervor, ohne dass sie dies begründen könnten.

    Die Frage, ob ich dieses Buch mochte, lässt sich nicht leicht beantworten.

    Es ist unbequem, sperrig, gelegentlich abstoßend, oft verstörend. Seine Figuren sind nicht liebenswert, die Geschichte macht keinen Spaß und ist auch nicht auf herkömmliche Art spannend. Dennoch bietet es eine hochinteressante Studie seiner wichtigsten Charaktere und ihrer Abgründe – ein Spiel mit Identität und Erwartung, das in meinen Augen nie trivial oder langweilig wird.

    Bisher habe ich zwei Bücher der Autorin gelesen, “Menschenwerk” und “Deine kalten Hände”. Beide sind nicht die Art von Lektüre die man zur Unterhaltung liest, dann zuschlägt und vergisst. Tatsächlich glaube ich, dass die Bücher von Han Kang dieser viel zitierten Anforderung Franz Kafkas an die Literatur Genüge tun:

    “Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”

    Was bleibt also am Ende – und muss so ein Buch überhaupt eine Botschaft haben?

    Han Kang reißt den Charakteren nur für wenige kurze Augenblicke die Masken herunter, ihre Einsamkeit und emotionale Verkümmerung hat eine Aura der Unvermeidlichkeit an sich. Und vielleicht muss man mehr darüber gar nicht sagen.

    Nur den großartigen Schreibstil, der auch bei poetischen, zarten Bildern keine Gleichgültigkeit zulässt, möchte ich noch erwähnen.

    FAZIT

    Der Bildhauer Jang Unhyong ist bekannt für seine Gipsabdrücke von Körpern und Gesichtern. Die Leere dieser Hüllen spiegelt wider, wie verloren er sich fühlt in einer Welt der Masken, und wie überzeugt er von seiner eigenen inneren Leere ist.

    Als er verschwindet, nimmt sich die Schriftstellerin H. im Auftrag seiner Schwester seine Tagebuchaufzeichnungen vor und erfährt von seinen Beziehungen zu zwei Frauen, die beide auf ihre eigene Art die Unvereinbarkeit zwischen dem innersten Sein und dem äußeren Schein verkörpern.

    So wunderbar die Sprache daherkommt, so schwer verdaulich ist oft der Inhalt. Die Charaktere und ihre Geschichte verstören, ekeln manchmal sogar an, machen es dem Leser alles andere als leicht – und dennoch würde ich das Buch jetzt schon als Jahreshighlight bezeichnen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 27. Feb 2019 

    Das Gegenteil von Warum

    In Han Kangs neuem Roman „Deine kalten Hände“ sind nicht nur die Hände kalt sondern eigentlich alle vorkommenden Figuren. Er hinterlässt bei mir nach der Lektüre ein Gefühl von: Niemals Korea! Und so kann ich nur hoffen, dass der Roman nicht wirklich ein Abbild des Landes ist, das sich da im fernen Asien so rauschhaft entwickelt.
    Worum geht es?:
    Eine junge Schriftstellerin (zunächst die Ich-Erzählerin) trifft auf ein Kunstwerk, das sie tief berührt, weil es als direkter und unmittelbarer Abdruck des menschlichen Körpers erstellt wurde und durch diese Unmittelbarkeit auf sie eine ganz besondere Wirkung ausübt. Als sie kurz darauf auch den Künstler kennen lernt, stellt sie ihm die eigentlich ganz natürliche und auch nahe liegende Frage nach dem Warum dieser Technik. Nach einer oberflächlichen Antwort des Künstlers trennen sich ihre Wege wieder und die Geschichte könnte hier schon beendet sein.
    Aber wir erfahren indirekt, dass diese normale Warum-Frage den Künstler wohl so irritiert und aufgewühlt hat, dass er sie zum Anlass nimmt, einen Bericht zu schreiben über einen Teil seines Lebens. Im weiteren Verlauf des Romans besteht er dann aus diesem Bericht, den die Schriftstellerin liest, weil die Schwester des Künstlers sich dadurch Aufschluss erhofft über das überraschende Verschwinden ihres Bruders. Der Künstler wird zum Ich-Erzähler und startet seinen Bericht mit einer Warnung an die Leser, dass sie vermutlich enttäuscht werden, denn:
    „Ich weiß nicht, was ich von jetzt an schreiben werde. Aber eines weiß ich: Diese Dokumente sind keinesfalls die Antwort auf das Warum, vielmehr wird man das Gegenteil erfahren.“
    Ich fragte ich mich als Leserin an dieser Stelle: Was kann denn das nur sein: das Gegenteil von Warum? Und war gespannt und neugierig. Was ich dann aber zu lesen bekam, hat mich nur tief enttäuscht, denn zum Ende des Buches, nachdem wir über zwei Beziehungen des Künstlers mit Frauen erfahren haben, die er nur mit Anfangsbuchstaben bezeichnet und zu denen er trotz Beziehung eigentlich gar keine Gefühle aufbaut, konnte ich leider nur den Schluss ziehen, dass als das "Gegenteil von Warum?" hier Han Kang die absolute Sinn- und Zwecklosigkeit des Tuns und Handelns gepaart mit der daraus folgenden Beziehungslosigkeit der Personen herausarbeitet. Und so konnte ich zu dem Buch eben auch keine Beziehung aufbauen und habe unbewegt, unberührt und kalt distanziert gelesen bis zum Schluss. Und stelle am Ende die Frage: "Warum?" nur hat die Schriftstellerin mir diese Geschichte erzählen wollen?
    Ich ringe mich zu 3 Sternen durch.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Feb 2019 

    Ein Buch, das mich nicht ganz überzeugt hat

    Ein Roman über einsame, ernste und traurige Menschen

    Leider hat mir das Buch nicht durchgehend gefallen, obwohl die Autorin schon gut schreiben kann, aber hier hat sie mich auf den letzten 150 Seiten nicht mehr überzeugen können. Ich habe mich schwer getan, da die Spannung und das Interesse, das mich anfangs gepackt hat, nicht zu halten war. Viel zu viel wurde über Gibpsabdrücke gesprochen, dass ich am Ende gar nicht mehr wusste, was ich zu Beginn alles gelesen hatte.

    Die Handlung
    Die Handlung müsste schnell erzählt sein.

    Eine Schriftstellerin bekommt ein Tagebuch eines Bildhauers namens Jang Unhyong zugetragen, mit der Bitte, es schriftstellerisch zu bearbeiten. Das Tagebuch besitzt den Titel Ihre kalten Hände.
    Jang Unhyong fertigt von seinen Probandinnen verschiedene Abdrücke des menschlichen Körpers ab. Es ist nicht irgendein Körper. Je unästhetischer der Leib eines Menschen für Jang ist, desto mehr fühlt er sich von der Person angezogen. Obwohl sich die Schriftstellerin überhaupt nicht für Bildhauerei interessiert, bleiben ihre Blicke vor den Abdrücken hängen, als sie diese im Theater zum ersten Mal zu sehen bekommt.

    Das Ziel seiner Arbeit ist, hinter die menschliche Fassade zu schauen. Was verbirgt sich symbolisch gesehen unter der Haut eines Menschen? Yang arbeitet an dem menschlichen Körper, als habe er eine Zwiebel vor sich.

    Obwohl sich die Schriftstellerin erst verweigert hat, das Tagebuch zu bearbeiten, konnte sie schließlich doch nicht anders, als es sich zur Brust zu nehmen, vermehrt auch, da der Künstler zusammen mit einer anderen Person verschollen ist.

    Das Buch ist sehr symbolträchtig, aber die Autorin verrät ganz viel, was diese Bilder bedeuten könnten. Aber es bleibt trotzdem noch viel Raum für eigene Interpretationen.

    Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
    Ich fand es ganz schrecklich, als der kleine Jang beschuldigt wurde, das Geld seiner größeren Schwester gestohlen zu haben, da angeblich nur er hätte wissen können, wo die Schwester das Geld aufbewahrt habe. Jang wurde von dem Vater mit dem Gürtel solange ausgepeitscht, bis er zugegeben hatte, dass er das Geld entwendet habe …

    Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
    Mir hat gut gefallen, dass Jang L. ein wenig innere Heimat hat zukommen lassen, auch wenn der Ausgang mit ihr desaströse Züge bekam.

    Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
    Keine

    Welche Figur war mir antipathisch?
    Mir hat E. überhaupt nicht gefallen. Sie schien mit elf Fingern geboren zu sein, und macht daraus ein großes Drama, da sie angibt, in ihrer Schulzeit von den Mitschüler*innen deswegen mit einem Spitznamen, der wie ein Stigma auf sie gewirkt haben muss, gemobbt worden zu sein.

    Meine Identfikationsfigur
    Keine

    Cover und Buchtitel
    Mir hat das Cover von Anfang an nicht gefallen. Aber da mich asiatische Schriftsteller*innen faszinieren, wollte ich das Buch trotzdem lesen. Der Buchtitel hält, was er verspricht.

    Zum Schreibkonzept
    Der Prolog war schon gewöhnungsbedürftig. Selten habe ich einen zu lesen bekommen, der sich über mehrere Kapitel hinzog. Insgesamt sind es hier elf. Anschließend geht es mit einem Vorwort weiter, bevor der erste Teil des Buches beginnt. Zusammengenommen umfasst das Buch auf den 313 Seiten drei Teile und endet mit einem mehrteiligen Epilog. Auf der allerletzten Seite ist ein Nachwort zu entnehmen. Ich fand das alles ein wenig zu geballt.

    Im Prolog spricht die Schriftstellerin in der Ichperspektive, im Vorwort gibt die Autorin das Wort an Jang weiter, der bis zum Ende des dritten Teils die Geschichte aus seiner Sicht wiedergibt.

    Im ersten Teil geht es erst mal autobiografisch mit Jang Unhyong weiter. Jang gibt Einblicke in seine Herkunft und Kindheit. Hier wird deutlich, weshalb er den Beruf zu einem Bildhauer seiner Art ergriffen hat.

    Im zweiten Teil ist Jang bereits erwachsen, und macht Bekanntschaft mit der jungen L., die über 90 Kilo wiegt. Die vielen Kilos hat L. sich schon in der Jugend angefressen gehabt, um sich vor ihrem Stiefvater zu schützen, der sie sexuell missbraucht hatte. In dem Körperabdruck von L. möchte Yang für sich einen Sarg daraus machen, in dem er sich bestatten lassen möchte, wenn für ihn eines Tages die letzte schlagen wird.

    Im dritten Teil lernt Jang E. kennen, eine Frau, die mit elf Fingern geboren wird. E. ist auch eine Figur, zu der sich Yang hingezogen fühlt.

    Den Schluss fand ich gut, denn hier wurden wieder alle Fäden zusammengeführt. Die Schriftstellerin kommt an dieser Stelle erneut zu Wort, sodass sich der Anfang mit dem Ende fügt.

    Meine Meinung
    Bis zum Ende des zweiten Teils fand ich das Buch psychologisch fundiert erzählt. Im dritten Teil flachte es zunehmend ab. Die Figur E. hat aus meiner Sicht nicht mehr reingepasst, sodass ich mich gefragt hatte, ob die Autorin sich die Zusammenhänge hier aus den Fingern gesaugt hat? Die Thematik plätscherte so vor sich hin. Außerdem haben mich die viel zu vielen Gespräche über die Gipsabdrückte vom Wesentlichen abgelenkt. Viele Details gingen mir verloren, die ich mir gedanklich in den ersten beiden Teilen erworben hatte.

    Mein Fazit
    Ein Roman über einsame Figuren, ein Roman, in dem der Künstler Jang sich mit seinen Probandinnen symbiotisch zu verbinden versucht. Die Ursache dazu ist in der Kindheit zu suchen.

    Auch wenn ich dem Roman keine volle Punktzahl erteilen möchte, besitzt die Autorin auf jeden Fall großes Potenzial zu schreiben. Vielleicht hätte sie sich mit dieser Geschichte noch etwas Zeit lassen sollen, oder es wäre gut gewesen, wenn sie ihr Buch nach dem zweiten Teil mit einem runden Abschluss beendet hätte.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 24. Feb 2019 

    Schein und Sein

    Han Kang gilt als wichtige literarische Stimme Koreas. Ihre Romane „Die Vegetarierin“ und „Menschenwerk“ sind bereits in deutscher Sprache erschienen.
    Bereits das Cover zu „Deine kalten Hände“ befremdet: Es zeigt den Kopf einer hübschen jungen Frau, deren Gesicht auf ihren Händen ruht. Blumenranken wachsen an ihrem Körper entlang; dort, wo das rechte Auge sein müsste, befindet sich ein großes Loch…

    Im Prolog des Buches erzählt eine Ich-Erzählerin H. (das könnte das Alter Ego der Autorin Han Kang sein) über ihre Begegnungen mit dem Werk des Künstlers Jang Unhyong, das sie zu verschiedenen Gelegenheiten wahrnahm und dessen Intensität sie tief beeindruckte. Unhyong erstellt Gipsabdrücke von Körpern und Körperteilen, die er mitunter symbolträchtig und verstörend modelliert und ausgestaltet. Bei der Premierenfeier einer Freundin lernt H. den Künstler persönlich kennen und fragt ihn, warum er Abdrücke von Menschen nimmt. Er weicht zwar aus, jedoch wird diese Frage zu einem zentralen Thema des Romans.

    Fünf Monate nach dem Zusammentreffen wird die Autorin von der Schwester des Künstlers angerufen und bekommt ein eigenartiges Manuskript zugeschickt mit dem Titel „Ihre kalten Hände“, das Unhyong hinterlassen hat, nachdem er spurlos verschwunden war. Es endet mit den Worten: „Ich weiß nicht, was ich von jetzt an schreiben werde. Aber eines weiß ich: Diese Dokumente sind keinesfalls die Antwort auf das Warum, vielmehr wird man das Gegenteil erfahren.“ (S. 28)

    Die weiteren 270 Seiten befassen sich mit den autobiografischen Aufzeichnungen des Künstlers. Im Ersten Teil wird seine Kindheit in einem sehr kalten Elternhaus beschrieben. Die Eltern waren nicht in der Lage, Gefühle zu zeigen und völlig unberechenbar in ihren Reaktionen. Dadurch empfand Jang das Gesicht seiner Mutter früh als Maske und wünschte sich, hinter die Fassade blicken zu können. Da ihm dies nicht gelang, lernte er, die Erwartungen seiner Umwelt zu erfüllen, um nicht mehr anzuecken oder Groll auf sich zu ziehen. Auch versuchte er, seine eigenen Gefühle komplett zu verbergen.

    Im Zweiten Teil berichtet Unhyong über seine Bekanntschaft zu L., die ihn trotz ihrer übermäßigen Leibesfülle fasziniert, insbesondere ihr Gesicht und ihre Hände. Er bittet sie, für ihn Modell zu sitzen und fertigt nach und nach zahlreiche Formen ihrer wunderschönen Hände an.
    „Ich war mir schon immer dessen bewusst, dass ich anders als andere begriff und dachte. Was andere für echt hielten, zweifelte ich hartnäckig an, und womit sich alle zufriedengaben, reichte mir nicht aus. Dafür entdeckte ich Schönheit, wo sonst niemand welche fand.“ (S. 86)
    Die Freundschaft zwischen diesen beiden Menschen, die bisher viel Schmerz und Enttäuschung von ihren nächsten Angehörigen erfahren hatten, hat mich an vielen Stellen berührt. Gerade weil beide so verwundet sind, können sie sich aber nicht nachhaltig helfen. Dennoch wird L. eine ganz wichtige Person in Unhyongs Leben, die sein Werk, aber auch sein Denken und Fühlen nachhaltig beeinflusst.

    Im Dritten Teil lernt der Künstler eine weitere Frau kennen, die erfolgreiche Innenarchitektin E.. Sie ist eine Frau, die auf der Oberfläche selbstbewusst und stark scheint, im Inneren aber keine Nähe zulassen kann, von Schatten belastet ist und deren Gesicht in Windeseile zur Maske erstarrt. Auch diese Beziehung weist schicksalhafte Züge auf.

    Es sind diese drei einsamen Seelen, deren Geschichte nach und nach offengelegt wird. Die großen Themen des Romanes sind Schein und Sein, Außen und Innen. Was zeigt die Oberfläche eines Menschen wirklich? Was ist Maskerade? Was liegt unter der Außenhaut verborgen? Diese Themen werden nicht nur im Rahmen der Handlung verarbeitet, sondern auch im künstlerischen Schaffen Unhyongs.

    Das ist zutiefst anspruchsvoll und verstörend.

    Die Autorin verfügt über einen klaren Sprachstil. Viele bedeutungsschwere Sätze muss man mehrfach lesen und möchte sie sich herausschreiben. Dafür hier zwei Beispiele:
    „So war das mit der Zeit: Sie ließ Fleisch und die Eingeweide der Erinnerungen allmählich faulen, löschte Spuren aus, und schließlich blieben ein paar Handvoll weißer Knochen übrig.“ (S. 125)
    „Ich erträume mir nichts, also kann ich auch nicht enttäuscht werden. Ich habe zu niemandem ein vertrautes Verhältnis, also kann ich auch von niemandem verletzt werden.“ (S. 288)

    Im abschließenden kurzen Epilog wird der anfangs aufgenommene Handlungsfaden wieder aufgenommen, so dass sich ein Ganzes ergibt.

    Fazit:
    Der Sprachstil der Autorin hat mir gut gefallen. Sie zeichnet die Figuren klar und deutlich, beschreibt deren Biografie und die daraus resultierenden Charakterzüge. Allerdings sind alle Protagonisten dermaßen kalt und unnahbar gezeichnet, dass sie dem Leser nicht nahe kommen können. Mit zunehmender Lektüre fiel es mir schwer, die Zusammenhänge zu erfassen und die Symbolik, insbesondere im Werk Unhyongs, einzuordnen. Manche Szenen gerieten in meinen Augen zu wuchtig und zerstörerisch, die möglicherweise dahinter stehende Bedeutung hat sich mir nicht erschlossen. Ein Buch über einsame Seelen, das große Interpretationsspielräume lässt, mich jedoch nicht durchgängig erreichen konnte.

    Deshalb leider von mir nur eine eingeschränkte Lese-Empfehlung.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Feb 2019 

    Warum?

    Der Bildhauer Jang Unhyong ist von Kindheit an angezogen vom Verborgenen. Seine Skulpturen sind Gipsabdrücke von Händen und Körpern. Doch eines Tages verschwindet er spurlos. Er hinterlässt ein Manuskript über sein Leben, seine Faszination und Begierden.

    Ausgehend von der Frage "Warum?" Warum schafft er seine Kunstwerke auf diese besondere Weise, fragt sich der Bildhauer. "Warum ist die Mitte meines Lebens so absolut hohl?" (S. 27) Es ist keine so ungewöhnliche Frage, die sich der Bildhauer stellt. Von Kindheit war er umgeben von Menschen, die eine Maske trugen. Die Mutter, die nach außen immer ein Lächeln trägt, innen aber kalt und lieblos war. Der immer schweigende strenge Vater. Schon als Kind ist Unhyong ein Beobachter, will den Menschen genau betrachten, sein Inneres sehen. "Jedes Mal, wenn ich mir diese verborgenen Details vorstellte, bebte mein junger Körper vor Aufregung. Ich brannte darauf, sie zu sehen. Ich wollte den Menschen die verletzliche Hülle abziehen, um ihr Inneres zu sehen."(S. 34)

    Zwei Frauen prägen Unhyong: Der Bildhauer lernt L. kennen, eine junge extrem übergewichtige Frau, von deren titelgebenden Händen er fasziniert ist. Der sozial sehr zurückgezogene Bildhauer beendet seine selbstgewählte Einsamkeit. Er und L. bilden eine Zweckgemeinschaft, die an L‘s selbstzerstörerischem Verhalten scheitert. Auch später ist der Bildhauer zu keiner gewöhnlichen zwischenmenschlichen Bindung fähig. Es ist die Gier nach menschlichen Abdrücken, die ihn antreibt. Auch E., deren Gesicht zwar wunderschön aber gleichzeitig kalt und wie maskiert wirkt, verbirgt etwas.

    Han Kang hat Deine kalten Hände schon 2002 verfasst, 2019 ist es nun erstmals in deutscher Sprache erschienen. Vieles in diesem Buch erinnert an ihr Werk Die Vegetarierin (2007, deutsch 2016). Auch hier gibt es Frauen die ein sehr spezielles Verhalten zeigen und ein Künstler versucht, sie und ihren Körper zu vereinnahmen.

    Die Sprache der Autorin ist poetisch, präzise und verwirrend gleichermaßen. In ihrem Text steckt unendlich viel an Symbolik: Welchen Abdruck im Leben hinterlässt ein Mensch. Was tut er, um die Leere in seinem Inneren zu füllen. Was passiert hinter den Masken und was fühlt der Mensch, wenn ihm diese Maske schmerzhaft abgezogen wird. Vieles bleibt zum Schluss rätselhaft und offen.

 

Frühling in Utrecht: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Frühling in Utrecht: Roman' von Julia Trompeter
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Klara ist überstürzt nach Utrecht gezogen. Hier will die Ex-Berlinerin, die eine zerbrochene Beziehung und eine gescheiterte Karriere als Kneipenwirtin hinter sich lässt, ein neues Leben anfangen. In Zeiten, wo Flüchtlingsströme durch Europa ziehen, verarbeitet sie ihre persönliche 'Flucht' im Kleinen. In einem ›dagboek‹ hält sie die verwirrenden Unterschiede zwischen ihrem alten und neuen Leben fest. So hat sie nicht nur der deutschen Sprache und Kultur, sondern auch Hauke den Rücken gekehrt. Zwar war diese Trennung längst überfällig, doch erst als sie von Erinnerungen übermannt wird, beginnt sie sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Eine wichtige Rolle für den Neubeginn spielt ihre Zuneigung zum jungen Thijs. Doch ihre Selbstbestimmung findet sie durch ihn nicht. Als sich die Lage zuspitzt, wird ihr klar, dass sie sich ihre Freiheit erobern muss – und Geborgenheit nur in sich selbst finden kann.
Ein kluger Roman über die manchmal unerträgliche Leichtigkeit des Seins im heutigen Europa.

Format:Kindle Edition
Seiten:264
EAN:
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Rezensionen zu "Frühling in Utrecht: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 11. Feb 2019 

    Wendepunkt

    Klara verlässt Hals über Kopf Berlin und landet in Utrecht. Schon die Wahl des neuen Wohnorts ist eher zufällig. Wichtig ist ihr nur, dass es wenig Ähnlichkeit mit der Berliner Szene hat. Sie will neu anfangen, ein neues Land und eine neue Sprache, aber auch nicht ganz so fremd und exotisch, deshalb fiel die Wahl auf das Nachbarland.
    Sie macht ihre ersten Schritte in einer neuen Sprache, notiert sich Gedankenfetzen in ihrem Dagboek. Sie flaniert und plaudert und nimmt den Leser mit in ihre neue Umgebung. Sie will keine Gedanken mehr an ihre zurückgelassene Beziehung in Berlin zulassen. Hauke, nur noch der Name an der gemeinsamen betriebenen Kneipe im Kiez. Die Liebe hat sich schon lange verflüchtigt, innerlich hat sie sich schon seit Jahren getrennt, nur für den letzten Schritt hat sie lange gebraucht. Vielleicht weil sie sich immer schon schwer tat mit Entscheidungen und Dinge zu Ende zu bringen.
    Doch allmählich schleicht sich ein anderer Ton ein, sie vermeint Hauke zu sehen, Erinnerungen verfolgen sie und sie beginnt ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein Anstoß und eine Hilfe ist auch Thjis, ein junger Niederländer, der ihr gefällt und den sie bewundert, weil er genau weiß, was er will. Ein Wesenszug, der der Mitdreißigerin Klara in den vergangenen Jahren gefehlt hat, sie hat Unverbindlichkeit und mangelnde Entscheidungsfreudigkeit mit Freiheit verwechselt.
    „Freiheit aushalten“ der Spruch, der auch an der Wand von Klaras Kneipe hing, ist eigentlich das Schlüsselwort. Klara muss es auf wirklich schmerzhafte Weise lernen, damit umzugehen und zu sich zu finden.
    Mir hat der leichte, aber nie seichte, oder belanglose Ton gefallen, den Julia Trompeter für ihre Protagonistin findet. Die Sprache ist lebendig und bildhaft. Der Lernprozess, den Klara durchmacht, ist sicher vielen Lesern aus eigener Erfahrung bekannt. Es ist ein treffsicher geschildertes Bild einer Generation, die alle Möglichkeiten hat und der Schwierigkeit sich für die richtige zu entscheiden.
    In vier Jahreszeiten hat Julia Trompeter ihren Roman gegliedert und als der Sommer endet, hat Klara ihren Weg gefunden. Wohin er führt, das wird dann eine andere Geschichte.

 

All die Wege, die wir nicht gegangen sind (Gatsby)

Buchseite und Rezensionen zu 'All die Wege, die wir nicht gegangen sind (Gatsby)' von William Boyd
NAN
(0 Bewertungen)

Bethany Mellmoth hat sich ein großes Ziel gesetzt. Sie will Schriftstellerin werden. Oder vielleicht doch Fotografin?
Oder Schauspielerin? So schnell sie einen Plan fasst, so schnell ist er wieder passé. Irgendetwas kommt eben immer dazwischen. Und auch in der Liebe hat Bethany kein glückliches Händchen. An Verehrern ist kein Mangel, nur taugt leider keiner von ihnen. Und als wäre das alles nicht genug, muss Bethany sich auch noch mit den Liebeswirren ihrer Eltern befassen. So stolpert sie durch ihr Leben in London – von Job zu Job, von Mann zu Mann, von Pleite zu Pleite – und lässt doch nie den Kopf hängen: "Dinge gehen eben schief."
Schwungvoll und mit leichter Hand zeichnet William Boyd das Bild einer jungen Frau, der viele Türen offenstehen, die aber trotzdem ständig mit dem Kopf gegen die Wand rennt, und er erzählt von all den kleinen Entscheidungen und Zufällen, die unser Leben formen – ob wir wollen oder nicht.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:176
Verlag: Kampa Verlag
EAN:
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Vom Dazwischen: Erzählungen/Kurzprosa

Buchseite und Rezensionen zu 'Vom Dazwischen: Erzählungen/Kurzprosa' von Victoria Hohmann
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Eine junge Frau in der Fremde, ein Maler in der Schaffenskrise, ein Mädchen, das sich zu seiner Homosexualität bekennt, ein Hasskommentare Schreiber, eine Frau im Griff einer Angster-krankung, eine andere im Griff ihres Smartphones, ein frustrierter Familienvater, ein angetrunkener Existenzialist, sogar eine Unbekannte in einer Wand.

Getragen von einer assoziativen, bildreichen Sprache, entfaltet sich in zwölf Geschichten ein Mikrokosmos von Schicksalen mit oftmals unverhofften Wendungen.

Format:Kindle Edition
Seiten:124
EAN:
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Rezensionen zu "Vom Dazwischen: Erzählungen/Kurzprosa"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Dez 2018 

    Von einer, die auszog um das „Vom Dazwischen“ zu ergründen

    Tretet ein, liebe Leserinnen und Leser. Tretet ein, macht´s euch gemütlich, nehmt euch von den kostenlosen Getränken und Knabbereien. Gleich beginnt die Vorstellung.

    (Vorhang geht auf)

    Hallo und Herzlich Willkommen in der Rezension zu „Vom Dazwischen“ von Victoria Hohmann.

    „Dazwischen“ – ein kleines Wort mit so vielen Variations- und (Be-)Deutungsmöglichkeiten, wie es Sand am Meer gibt. Man sitzt „zwischen“ den Stühlen, liest „zwischen“ den Zeilen, steht „zwischen“ zwei Menschen – die Liste ließe sich endlos fortführen.

    Da das auch Victoria Hohmann klar war, hat sie sich auf 12 Geschichten „Vom Dazwischen“ konzentriert und in ihrem eigenen kleinen, aber feinen Verlag veröffentlicht. Das vorliegende Buch ist nach „Von Verwandlungen“ ihr zweites mit Kurzgeschichten, Kurzprosa und Erzählungen und zählt für mich wie bereits der Vorgänger zu den Highlights im jeweiligen Lesejahr.

    Victoria Hohmann gibt der Sprache eine ganz eigene Sprache. In manch einer ihrer Geschichten kümmert sie sich nicht um „gängige“ Sätze, sie setzt Satzzeichen dort, wo die Leserinnen und Leser sie niemals gesetzt hätten, jongliert innerhalb bzw. nach den Einwortsätzen mit den zuvor benutzten Worten, stellt sie um, stellt sie vor, stellt sie nach – mancher Wechsel ist rasant, zu schnell für das langsame Gehirn des Normallesers, um zu registrieren, was da gerade passiert ist. Von daher muss ich an dieser Stelle eine (ernst-, aber nicht zu ernstgemeinte) Warnung aussprechen: lest die (meisten) Texte niemals, hört ihr, niemals, wenn ihr müde, abgespannt, genervt oder krank seid. Sie erfordern eure ganze Aufmerksamkeit und sind beleidigt, wenn sie die nicht kriegen (ja, auch Texte haben eine Seele und reagieren sensibel, wenn man nicht angemessen auf sie eingeht – ich durfte es am eigenen Leib erfahren!). Ein Autor, auf den das ebenfalls zutrifft ist Franz Kafka!

    Apropos Kafka: Victoria Hohmann´s Texte sind an der ein oder anderen Stelle genauso kafkaesk wie die vom Meister selbst und deshalb für mich auch so faszinierend (wenn ich mich denn auf sie einlassen kann *g*). Wie bereits angemerkt, spielt die Autorin gerne mit Worten wie mit Jonglage-Bällen, schenkt den Leserinnen und Lesern (reinen) Wortwein ein („Fado – eine vollmundige Trunkenheit“ sei hier als bestes Beispiel genannt), so dass selbige verwirrt und „besoffen“ zurückbleiben und zunächst den Kopf schütteln ob der Wirren in den Windungen ihres Kopfes.

    Die Geschichten in „Vom Dazwischen“ sind so vielfältig wie das Leben, sie lassen einen lachen, sie lassen einen weinen, man denkt hier einmal nach, liest dort ein zweites (drittes, drölfzigstes Mal), denkt noch mal nach und kommt schlussendlich zu dem Schluss, dass einem die nicht alltäglichen Alltagsgeschichten doch verdammt bekannt vorkommen.

    Wer also nach nicht alltäglicher und vor allem lange nachhallender Literatur sucht, keine Angst vor Wortspielereien hat und eine indirekte „Nachfolgerin“ von Franz Kafka kennenlernen will, sollte sich „Vom Dazwischen“ zulegen.

    Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

    (Vorhang schließt sich)

 

Von Verwandlungen: Erzählungen

Buchseite und Rezensionen zu 'Von Verwandlungen: Erzählungen' von Victoria Hohmann
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Ein Mann löst sich in den Überbleibseln seiner verronnenen Liebe auf, eine Frau schlafwandelt durch ihre Vergangenheit, um sich neu zu erfinden, Kinderaugen verändern politische Sichtweisen, Bildschirme befeuern überraschende Transformationen, Gleichschaltung zersetzt Leben – und mündet unverhofft in magischer Metamorphose.

Sieben Erzählungen über vielgestaltige Verwandlungen inmitten absurder Alltäglichkeit.

Format:Kindle Edition
Seiten:108
Verlag: VHV-Verlag
EAN:
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Rezensionen zu "Von Verwandlungen: Erzählungen"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Dez 2018 

    Verschiedenste Verwandlungen in literarisch hochwertiger Verpack

    „Ich habe immer Angst davor, dass etwas geschieht, weil es vorbei ist, sobald es geschehen ist.“ (S. 73)

    Ein ähnliches Gefühl kam bei mir auf, als ich gestern Abend das Buch „Von Verwandlungen“ von Victoria Hohmann zugeklappt hatte und zuvor aus der „Virtual Reality“ der Abschlussgeschichte „Avatare“ aufgetaucht bin.

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele talentierte Autorinnen und Autoren es gibt, die keine Mainstream-Literatur schreiben, sondern sich von der breiten Masse der gähnend langweiligen und sich stets wiederholenden Kitsch-/Pseudo-SM-/Vampir-/Fantasy-/Romantasy-Veröffentlichungsflut abheben, die aber genau deswegen kaum eine Chance auf dem deutschen Buchmarkt haben, da sie keine millionenschweren Werbeetats von etablierten Verlagen im Rücken haben. (Dieser Absatz ist ein klein wenig meine Ergänzung zur o. genannten Geschichte „Avatare“, in der die Autorin eben jene Verlagsvermarktungskritik geschickt einbaut *g*).

    Umso schöner ist es, wenn man dann trotzdem auf Independent-Autoren trifft, die einen (so viel sei als Fazit schon mal vorausgeschickt) mit ihren Geschichten direkt und ohne Umwege ins Herz treffen, weil sie zumeist Geschichten aus dem Leben schreiben, die dem Leser jenen Spiegel vorhalten, der ihn zum Nachdenken über sich, das Leben, die „Realität“ (was ist eigentlich Realität? Gibt es eigentlich die „eine“ Realität?) und über die allgemeine Lage der Welt bringt.

    Wenn diese Geschichten, in denen es um die verschiedensten Arten von Verwandlungen (sowohl im physischen als auch im geistlichen und auch im körperlichen Sinn) geht, mit solch einer sprachlichen Eleganz geschrieben sind, dass der unbedarfte Leser vielleicht erst einmal im wahrsten Sinne des Wortes vor eine „Wall of words“ gestoßen wird und dann beim unweigerlich notwendigen (im Sinne von „Was ist hier gerade mit Worten und Sprache passiert?“) Reread einer oder mehreren Geschichten anfängt, Feinheiten zu finden, die einem beim ersten Lesen nicht aufgefallen sind und man dann gar nicht mehr genug bekommen kann, dann weiß man, dass hier etwas ganz Großes entstanden ist.

    Hinzu kommt, dass man der Autorin ihre Vorliebe für Franz Kafka anmerkt, da sie ebenso wie er mit Worten jongliert und so Gefühle erzeugt, wie es nur jemand kann, der – nun ja, es halt kann *g*. Ich hatte beim Lesen der sieben Geschichten von „Von Verwandlungen“ oft das Gefühl, als ob hier die weibliche Reinkarnation von Franz Kafka zu mir spricht, was mich dazu verleitet, dieses Buch zu meinem bisherigen Jahreshighlight zu küren. Außerdem darf mich das Buch in meinen Sommerurlaub an die Nordsee begleiten, wo dann insbesondere die Geschichte „Undine“ ihren ganz speziellen Reiz entfalten dürfte.

    Ganz großartiges Werk und ich danke der Autorin für das Rezensionsexemplar und die Widmung im Buch.

 

Ich und der Weihnachtsmann: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ich und der Weihnachtsmann: Roman' von Matt Haig
NAN
(0 Bewertungen)

Weihnachten in höchster Gefahr

Aus ist es mit der Ruhe in Wichtelgrund – eine finstere Intrige wird geschmiedet, und zwar vom hinterlistigen Osterhasen. Das Wichtelreich soll untergebuttert und Weihnachten zu einem zweitrangigen Fest zurückgestuft werden! Das können Amelia, das ehemalige Kaminkehrermädchen, und Nikolas alias der Weihnachtsmann nicht zulassen. Sie kämpfen mit allen Mitteln der Fantasie darum, Wichtelgrund und Weihnachten zu erhalten.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:288
EAN:
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Grau: Ein Eddie-Russett-Roman (Eichborn digital ebook)

Buchseite und Rezensionen zu 'Grau: Ein Eddie-Russett-Roman (Eichborn digital ebook)' von Jasper Fforde
NAN
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Es läuft gut für Eddie Russett: Seine Rotsicht ist exzellent, er wird mit etwas Glück auf der Farbskala nach oben heiraten, und sein Leben plätschert angenehm ereignislos dahin - bis zu dem Tag, an dem er sich unrettbar und wider jede Vernunft verliebt. Denn Jane ist nicht nur geheimnisvoll und wunderbar stupsnasig, sie ist auch komplett farbenblind und gehört damit der gesellschaftlichen Unterschicht an: eine Graue! Jane hebt Eddies geordnete Welt aus den Angeln: Plötzlich hat er einflussreiche Feinde, wird mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert, und zu allem Überfluss versucht seine Angebetete auch noch immer wieder, ihn umzubringen. Denn Jane hütet ein hochexplosives Geheimnis, und Eddie weiß bereits zu viel ...

"Grau" ist das neue Meisterwerk des britischen Erfolgsautors Jasper Fforde. Ein spektakuläres Ideenfeuerwerk und phantastisches Abenteuer um Liebe, Verrat und die unüberschätzbare Macht der Neugier.

Format:Kindle Edition
Seiten:497
EAN:
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ORPHEUS: Musik, Liebe, Tod.

Buchseite und Rezensionen zu 'ORPHEUS: Musik, Liebe, Tod.' von Salih Jamal
4.8
4.8 von 5 (5 Bewertungen)

Orpheus und Eurydike.

Neben Romeo und Julia die andere große Liebesgeschichte. Eigentlich weiß man, was passieren wird. Doch Salih Jamal bricht in seinem neuen Roman Orpheus mit allen Erwartungen. Gleich bei seinem Eingangsgedicht über den immerwährenden Kampf des Lebens versteht der Leser: Das, was jetzt kommt, ist etwas ganz anderes. So stürzt er in das erste Kapitel, das wie mit Maschinengewehrsalven in kleinen Absätzen die Not und Verzweiflung eines Mannes schildert, der seiner Liebe beraubt ist. Und schon ist man mitten in der Geschichte:

Der Rock- und Bluessänger Orpheus, ein Suchender in unserer Zeit, schlägt sich mit Nebenjobs durch die Tage. In Nienke begegnet er der Liebe seines Lebens. Sie arbeitet als Anwältin im Unternehmen seines Großvaters, des Patriarchen Zeus. Eines Tages findet sie Beweise, die Zeus in Verbindung zu einem viele Jahre zurückliegenden Mord an einer Frau bringen. Kurz bevor sie die Unterlagen bei der Polizei abgeben kann, verschwindet Nienke spurlos. Orpheus beginnt, sie zu suchen, und stößt auf ein Geflecht aus grausamen Familiengeheimnissen, Intrigen und Verrat. Am Ende lernt er loszulassen, um Nienke für immer zu finden.

Den Sänger Orpheus würdigt Salih Jamal mit kongenialer Begleitmusik. Jedes Kapitel ist mit dem Titel eines passenden Musikstücks überschrieben, die Auswahl ist grenzüberschreitend und unterstreicht die jeweilige Stimmung der Erzählung. So finden sich neben Bach, Mahler und Beethoven auch Tom Waits, die Leningrad Cowboys, Nina Hagen, Pink Floyd und sogar ABBA. Eine Playlist zum Buch ist auf YouTube hinterlegt.

Jamals Roman Orpheus ist mehr als eine an die griechische Mythologie angelehnte Story. Seine Betrachtungen über das Band und die Fesseln der Familie, über Liebe, Sehnsucht und Einsamkeit, über die Jugend und das Alter und nicht zuletzt über eine verrohende Gesellschaft treffen in ihrem Ton immer den Nerv. Ob einfühlsam und poetisch, wütend und entfesselt, nachdenklich und leise oder anklagend und laut.

-Die Sprache und der Inhalt ergeben magiche Literatur.-
(HAUKE HARDER, Buchhandlung Almut Schmidt)

-Ich kenne nichts vergleichbares.-
(ULRIKE RABE, Mrs. Rabes Bookaccount)

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:270
Verlag: Salih Jamal
EAN:
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Rezensionen zu "ORPHEUS: Musik, Liebe, Tod."

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Feb 2019 

    Patriarchale Welt

    "Orpheus" ist ein äußerst interessantes Buch, welches ich lesen durfte. Die gesamte Art des Aufbaus war für mich bisher unbekannt und definitiv einzigartig.

    Da haben wir einmal den Sprachklang; anders, brutal, roh, gewaltig, aber auch poetisch, feinsinnig, nachdenklich, dann wieder fesselnd, reißerisch. Insgesamt ein sehr interessantes und beeindruckendes Konstrukt. Dann ist dieses Buch wieder kein chronologisch geordnetes, sondern springt in den Geschehnissen und Zeitebenen hin und her. Das ist etwas was ich sehr liebe.

    Die Geschichte an sich hat deutliche Parallelen in der griechischen Mythologie, einer sehr patriarchalen Welt, die in der Mythologie, wie auch in dem Roman, von Zeus beherrscht wird. Nur ist die Welt im Roman noch deutlich patriarchaler als die Welt der griechischen Mythologie. Ich habe als Kind die Sagen des klassischen Altertums verschlungen und das Abenteuerliche in dieser Welt geliebt, aber mit wachsendem Alter diese Welt der doch meist devoten oder im Hintergrund gehaltenen Frauengestalten etwas anders wahrgenommen. Aber selbst in der griechischen Mythologie gibt es noch die eine oder andere Dame, die etwas aus dieser weiblichen Unterwürfigkeit heraussticht. Im Roman gibt es bis auf Nienke oder die kurz aufblitzende Hera keine wichtigen weiblichen Rollen. Wir haben hier die Geschichte von Orpheus und Eurydike in neuem Gewand in die jetzige Zeit transferiert. Und es ist eine interessante Geschichte in der Salih Jamal geschickt philosophische Betrachtungen über das Leben und die Liebe und den Verlust einbaut, aber genauso beinhaltet der Roman auch einen Thriller über Macht, Wahn und Rausch. Insgesamt habe ich dieses Buch sehr gern gelesen.

    Herausstechend ist dieses Buch nicht nur durch den sehr eigenen Sprachklang, sondern auch durch die Verbindung von Roman und Musik, jedes Kapitel im Buch hat eine Überschrift in Form eines Liedes, welches der Stimmung des betreffenden Kapitels nahe kommt, der Autor hinterlässt dem Leser auch am Anfang des Buches einen Hinweis auf eine Playlist auf Youtube. Dies empfand ich als eine sehr geschickte und künstlerisch wertvolle Handlungsweise und dieses Zusammenführen von Sprache und Musik und der Sprachklang des Salih Jamal sind für mich Gründe für eine 5 Punkte Bewertung.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Nov 2018 

    Orpheus in der Postmoderne

    Sprachgewaltig wird die Geschichte des jungen Musikers Orpheus erzählt, dessen Geliebte Nienke, eine Anwältin, die für seinen übermächtigen Großvater Zeus (!) arbeitet, verschwunden ist.
    Nienke kann Zeus in einen Zusammenhang mit einem lange zurück liegenden Mordfall bringen - sie hat belastendes Material aus der Firma mitgehen lassen. An dem Morgen, an dem sie zur Polizei gehen will, verliert sich ihre Spur - eine Tatsache, die den liebenden Orpheus um den Verstand bringt.

    Zeus ist ein skrupelloser Machtmensch, der in seiner Vergangenheit mehrere furchtbare Verbrechen begangen hat, die in Rückblicken erzählt werden, so dass sich die Familiengeschichte wie ein Puzzle langsam zusammensetzt.
    Warum Orpheus Vater einen Biohof betreibt und Orpheus Onkel Dino (Dionysos) der beste Kunde seiner eigenen Kneipe ist, warum Orpheus Bruder Aris eine unberechenbare Wut in sich trägt, schildert der allwissende Ich-Erzähler, der aus der Retrospektive alle Ereignisse durchschaut und in Beziehung zueinander setzen kann.

    "Heute begreife ich das Ausmaß dieser Tragödie. Denn von dort, wo ich jetzt bin, kann ich auf das sehen, was gewesen ist." (20)

    Jamal erzählt die griechische Sage neu, ohne sie nachzuerzählen. Er bedient sich der mythologischen Vorbilder und kreiert daraus eine außergewöhnliche Geschichte über Liebe, Verrat, Gewalt und Macht.

    Meines Erachtens hätte die eigentliche Story auch ohne die Bezüge zur griechischen Sage "funktioniert", denn das Aufdecken der Familiengeheimnisse ist spannend zu lesen und gleicht einem Krimi. Jamals Sprache wartet mit ungewöhnlichen Metaphern und schrägen Vergleichen auf, gleichzeitig ist er in der Lage schonungslos das zu beschreiben, was Menschen sich gegenseitig antun können. Wer gewaltsame Szenen nicht lesen kann, legt diesen Roman besser aus den Händen - aber in diesen Schilderungen und in den schnörkellosen Szenen liegen die Stärken seines Schreibstils.

    Ich wünsche ihm, dass er noch viele Leser*innen findet, denn Talent hat Jamal und das schreibe ich nicht, weil er mir seinen Roman als Lese-Exemplar zur Verfügung gestellt hat ;), sondern weil mich bis auf wenige Kleinigkeiten die Story überzeugt hat.

    Besonderheit des Romans, die zum Sänger Orpheus passt, sind die vielen Bezüge zur Musik. Jede Kapitelüberschrift ist der Titel eines klassischen Musikstücks oder eines Songs, z.B. "Leaving on a Jet Plane". Wer will, kann sich passend zur Lektüre die entsprechenden Titel anhören - intermedial sozusagen, denn die Playlist gibt es auf YouTube. Originelle Idee!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Nov 2018 

    Krass

    „Das Böse zehrt aus Bösem. Lass es einfach nicht rein und sei geduldig, es wird heilen.“ (S. 247)

    Ich muss jetzt mal was zugeben: die Geschichte von Orpheus und Eurydike war mir bisher unbekannt. Was vielleicht daran liegt, dass ich mich mit der griechischen Mythologie kaum bis gar nicht auseinandergesetzt habe. Man kann schließlich nicht in allen Töpfen rühren *g*. Und trotzdem war ich auf das neue Buch von Salih Jamal -„Orpheus“ - ziemlich gespannt; hatte mich doch im letzten Jahr schon sein Erstlingswerk „Briefe an die grüne Fee“ gefesselt und begeistert.

    Nun, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte, einen Thriller, eine modern interpretierte Sage und einen mehr als passenden Soundtrack in EINEM bewerten? Puh, schwere Kost – aber okay, so wie die Leber wächst auch der Mensch an seinen Aufgaben *g*. Let´s go:

    In Rückblenden erfahren die Leserinnen und Leser die tragische Liebesgeschichte des Sängers Orpheus und seiner Geliebten Nienke, die durch Zufall in ein Geflecht aus Brutalität, Tod und Orpheus´ Familie betreffende (tödliche) Geheimnisse verstrickt wird und dem auch Orpheus zum Opfer fällt.

    Dabei bedient sich Salih Jamal einmal mehr einer schonungslos offenen Sprache – nichts wird beschönigt, nichts bleibt ungesagt. Und so klappt dem Leser ein ums andere Mal der Kiefer nach unten, bekommt er große, angst- und schreckerfüllte Augen und fragt sich, woher der Autor das Selbstbewusstsein nimmt, solch eine harte Ausdrucksweise zu verwenden. Okay, wenn man in manche Psychothriller oder Horrorbücher reinliest, bekommt man noch heftigeres Zeugs zu lesen – von daher kann der Leser sich bei Salih Jamal „entspannen“. Zumal das nur die eine Seite der sprachlichen Medaille ist. Die andere ist nämlich geprägt von Zärtlichkeit, Philosophie, Lyrik und – ja, man muss es so sagen: von Musik.

    Allen Kapiteln stellt Salih Jamal nämlich ein Musikstück passend zum Inhalt voran (der „Soundtrack“ ist bei Youtube zu finden) und hat dabei ein unglaublich faszinierend gutes Gespür für die Stimmung des Kapitels und des Songs bewiesen. Die Bandbreite reicht von Klassik über Pop bis hin zu Death Metal, was meiner Meinung nach sehr gut die epische Bandbreite menschlicher Gefühlsregungen zeigt. „Negativ-Aspekt“ davon ist allerdings, dass ich Stücke wie die „Cello Suite No. 1“ von Johann Sebastian Bach oder „Wish you were here“ von Pink Floyd nun mit anderen Ohren und Gefühlen hören werde, da mir dann automatisch die entsprechende Szene in „Orpheus“ einfällt. Aber gut, andere Songs wie „A kind of magic“ von Queen funktionieren problemlos ob ihres transportierten Gefühls und es gibt auch schlechtere Gedanken, als sich bei guter Musik an herausragende Bücher zu erinnern – von daher: alles gut, Salih *g*.

    Mit „Orpheus“ hat Salih Jamal (der für mich zu den hoffnungsvollsten Newcomern einer „jungen“ Garde deutscher Schriftsteller gehört) einen mehr als würdigen Nachfolger von „Briefe an die grüne Fee“ veröffentlicht (auch wenn man beide Bücher nicht unmittelbar miteinander vergleichen kann) und ich wünsche dem Buch trotz „harter Kost“ ein großes Publikum und Salih Jamal weiterhin viel Erfolg!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Nov 2018 

    Kummer ist ein hungriges Tier ohne Schlaf

    Orpheus und Nienke könnten ein glückliches Paar sein. Wäre nicht Orpheus nicht Enkel des mächtigen und skrupellosen Patriarchen Zeus und Nienke dessen Anwältin. Ein 40 Jahre alter ungeklärter Mordfall lässt die ehemalige Polizistin nicht in Ruhe. Die Indizien weisen auf Zeus, doch bevor Nienke ihre früheren Kollegen einschalten kann, verschwindet sie spurlos.
    Die Geschichte von Orpheus und Eurydike sei die traurigste Liebesgeschichte, die es gibt, behauptet der Autor. Die Geschichte von Orpheus und Nienke ist nicht nur traurig und eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Geschichte über Macht, Besessenheit und Begierde. Ein Thriller, eine Parabel, eine Achterbahn der Gefühle, und – so seltsam es für ein Buch vielleicht klingen mag – ein musikalischer Hochgenuss.
    Es ist eine frauenarme Familie, in der Orpheus und sein jüngerer Brüder Ari aufwachsen. Die Mutter verstarb bei Aris Geburt, die Großmutter Hera bleibt – bis auf einen entscheidenden Moment – unsichtbar. Der Vater vergeistigter Humanist. Der Onkel alternativer Bohemien, die einzige Bezugsperson für Orpheus und Ari als sie Kinder waren. Es sind die alten Männer, die diese Familie beherrschen. Orpheus Großvater hat ein Stahlimperium, die Großonkel haben sich mit Reedereien und Nachtclubs Meer und Unterwelt untereinander aufgeteilt. Mit strengem Regiment und ohne Skrupel führt Zeus sowohl Familie als auch Untergebene und Handlanger, ist sich aber nicht zu gut auch sich selbst die Hände schmutzig zu machen.
    Die Parallelen zur griechischen Mythologie sind nicht zufällig sondern wohl platziert. Natürlich kann man dieses Buch auch lesen, ohne Ahnung von der griechischen Götterwelt zu haben, aber es bereitet ungemein mehr Vergnügen, die Zusammenhänge zu erkennen und zu analysieren. Ich habe sehr viel nebenher nachgelesen und dabei gelernt. Auch wenn man die Geschichte vom mythologischen Orpheus und seinem Bruder kennt, auch wenn man ahnt, was passiert, trifft es einen mit voller Wucht. Wie eine Raubkatze, die im Dunkeln nur auf den richtigen Moment wartet, springt dich die schreckliche Wirklichkeit an.
    Jedes Kapitel ist musikalisch unterlegt, von der idyllischen Morgenstimmung zur Unheil dräuenden Cellosuite von SeBEASTian Bach, Zeitsprünge, magische Momente, vergangene Tage, unendliche Sehnsucht, besser kann man Emotionen nicht transportieren. Die Gefühle, die Orpheus für Nienke hat, seine große Liebe zu ihr, seine Verzweiflung, sie verloren zu haben, muten manchmal etwas pathetisch an. Wer wie Orpheus kaum zärtliche Zuneigung gekannt hat, wer über Gefühle nicht zu sprechen kommt, neigt im Extremfall wie eine Sprudelflasche unter Druck aufzuschäumen, überzugehen, brodelnd, explosiv. „Kummer ist ein hungriges Tier ohne Schlaf“, sagt Orpheus, in seinen Alpenträumen leidet er an Glückssucht. Denn ja, er sucht das Glück und für kurze Zeit hatte er es gefunden. So beginnt dieses Buch. Und so endet es.
    „We're just two lost souls
    Swimming in a fish bowl
    Year after year
    Running over the same old ground
    And how we found
    The same old fears
    Wish you were here“ (Songtext von Wish you were here; Pink Floyd)

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Nov 2018 

    Die Familie kann man sich leider nicht aussuchen

    "Tage, an denen man nichts tut, sind die Tage, die einem nichts tun." (Auszug aus dem Buch)
    Orpheus ein Musiker der sich mit kleinen Nebenjobs durchschlägt. Dann lernt er eines Tages Nienke kennen und verliebt sich in sie, schnell stellt er fest, dass sie die Liebe seines Lebens ist. Nienke arbeitet ausgerechnet bei Orpheus Großvater Zeus dem Patriarchen, als Anwältin. Bei dieser Tätigkeit entdeckt Nienke Beweise das vor Jahren eine schwangere Frau ermordet wurde und das Zeus in diese Sache verwickelt ist, aber was ist mit dem Kind geschehen? Jedoch kurz, nachdem sie Orpheus davon erzählt und die Unterlagen zur Polizei bringen möchte, verschwindet Nienke spurlos. Orpheus der von Nienke kein Lebenszeichen erhält, geht auf die Suche nach ihr, den insgeheim hat er ja den Verdacht das Zeus sie womöglich entlarvt und ihr was angetan hat. Dabei entdeckt er nach und nach die grausamen Geheimnisse seiner Familie, aus Intrigen, Verrat und Mord. Doch als er auch nach Monaten kein Lebenszeichen von Nienke bekommt, versucht Orpheus mit Alkohol und Musik sie zu vergessen. Aber dann bekommt er einen entscheidenden Hinweis und geht zusammen mit seinem Onkel Dino auf die Suche.

    Meine Meinung:
    Ich kenne den Autor von seinem Debütroman "Briefe an die grüne Fee", der mich schon damals literarisch begeistert hat. Auch dieses Buch ist wieder eine literarische Meisterleistung. Angelehnt an Orpheus und Eurydike aus der griechischen Mythologie ist diese Geschichte sicher den meisten bekannt. Trotzdem bringt hier der Autor einen ganz neuen Wind in diese Sage, im Grunde ist es Orpheus in die Moderne interpretiert. Der Schreibstil ist flüssig, sehr gut, auch wenn mich das erste Kapitel etwas verunsichert hatte, gefiel mir die Geschichte von Kapitel zu Kapitel immer besser. Das sich dabei der Autor die Mühe macht für jedes Kapitel den geeigneten Song und dazu auch noch außergewöhnliche Interpreten sucht, fand ich beeindruckend. Darunter ist von Klassik, Blues bis Pop alles vertreten, wie z. B. Nina Hagen-Ave Maria, Johann S. Bach-Air, Lou Reed-PerfektDay und viele andere mehr. Natürlich nimmt Salih Jamal kein Blatt vor den Mund, er beschönigt nichts, auch keine Vergewaltigungsszene. Von daher wird der eine oder andere Leser schon entsetzt oder gar schockiert sein. Doch in finde gerade in unserer Zeit wo solche Dinge tagtäglich real passieren, sollte man sie nicht unter den Teppich kehren. Die Charaktere waren ja im Grunde schon vorgegeben, doch die Umsetzung durch den Autor in diese moderne Interpretation, hat mir Orpheus Geschichte erst so richtig nahegebracht. Gefallen hat mir vor allem der Lebemann Dino, der das krasse Gegenteil seines Vaters war. Zum ersten Mal habe ich sie so richtig verstanden, was in dieser Liebe wirklich geschah. Natürlich ist manches frei interpretiert und nicht alles wie in der Sage überliefert, trotzdem hat sie mich in den Bann gezogen. Vor allem die Darstellung dieser außergewöhnlichen Familie, die er sehr gut aus verschiedenen Blickrichtungen erzählt, mal herzlich, liebevoll, aber auch wütend und rabiat doch immer mit viel Poesie zeigt er dem Leser alle Hintergründe. Der Autor verschmelzt hier, Poesie, Lyrik, Sage, Krimi, Abenteuergeschichte und Liebesroman in einem. Für mich wieder ein gigantisches literarisches Meisterwerk, das mit viel Poesie geschrieben wurde und dem ich gerne 5 von 5 Sterne gebe.

 

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