Diese alte Sehnsucht: Roman (Taschenbücher)

Buchseite und Rezensionen zu 'Diese alte Sehnsucht: Roman (Taschenbücher)' von Richard Russo
NAN
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Großes amerikanisches Erzählkino

Jack Griffin wollte niemals werden wie seine Eltern. Seit dreißig Jahren ist er verheiratet, hat eine wohlgeratene Tochter und wurde nach seiner Karriere als Hollywood-Drehbuchautor Professor an einem kleinen College im Nordosten. Doch nun ist er Mitte fünfzig und erkennt, dass ihn die Lebensmuster seiner wunderbar scheußlichen Eltern längst eingeholt haben.
Der Pulitzer-Preisträger Richard Russo, der in den USA schon seit Langem zu den bedeutenden Schriftstellern zählt, zeigt in seinem facettenreichen Roman, dass wir den Rollenbildern, denen wir zu entfliehen suchen, niemals ganz entkommen: Wir wiederholen sie – oder verkehren sie in ihr Gegenteil. ›Diese alte Sehnsucht‹ führt ebenso unterhaltsam wie kunstvoll vor, dass Familie dort ist, wo uns das Schlimmste, aber auch das Beste geschieht.

»Eine romantische Komödie aus der Lebensmitte, voller Humor und Zuversicht.« The Guardian

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:352
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Drei Kilometer: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Drei Kilometer: Roman' von Nadine Schneider
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Rumänien 1989: Die Hitze ist drückend, das Getreide steht hoch, sonst würde man bis zur Grenze sehen können. Der Gedanke an Flucht liegt verlockend und quälend nahe, noch weiß niemand, was kommt und was in ein paar Monaten Geschichte sein wird. In einem Dorf im Banat, weit weg von Bukarest, dem Machtzentrum des
Ceaușescu-Regimes, erlebt Anna einen Spätsommer von dramatischer und doch stiller Intensität. Sie ist hin- und hergerissen, nicht zuletzt zwischen Hans, ihrem Geliebten, und Misch, dem gemeinsamen Freund. Bei wem will sie bleiben? Mit wem will sie gehen? Und ist Hans tatsächlich ein Spitzel, wie Misch vermutet? Mit diesen Fragen bewegt sich Anna plötzlich gefährlich nahe an der Grenze zwischen Treue und Verrat.
Atmosphärisch dicht und schnörkellos erzählt Nadine Schneider von den persönlichen Verstrickungen in einer Zeit vor dem politischen Umsturz. Und davon, was es braucht, um zu bleiben – oder was es bedeutet, sein Land zu verlassen, für sich und die, die man zurücklässt.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:160
EAN:
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Rezensionen zu "Drei Kilometer: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Jan 2020 

    Es sind nur drei Kilometer bis zur Grenze und doch eine Weltreis

    Ja, eine Reise in eine ganz andere Welt. Eine bessere? Hoffentlich, sicherlich, denn schlechter kann es gar nicht werden.

    Wir schreiben das Jahr 1989 und die Menschen in Rumänien leiden bitterlich unter dem Diktator Ceaușescu. Die Wirtschaft ist am Ende, Hunger und Kälte sind stete Begleiter, Freiheit ist etwas, das anderswo passiert. Jenseits der Grenze eben.

    Viele denken an Flucht, so auch Anna, Misch und Hans. In ihrem kleinen Dorf gibt es keine Perspektive, für niemanden. Wären da nur nicht die Familien, die man zurücklassen müsste. Wäre da nicht die Angst, dass man auf der Flucht erschossen wird. Oder schlimmer noch: gefangen, gefoltert und zurückgeschmissen ins Eismeer.

    Aber… Es sind nur drei Kilometer, und sie sind jung genug für Hoffnung.

    Wenn ich zurückdenke an das Jahr 1989, denke ich: DDR. Honecker. Mauerfall. Ich denke nicht: Ceaușescu, Rumänien. Ich war 13 Jahre alt, ich lebte in Westdeutschland, Rumänien war mir unendlich fern.

    Ich kann mich auch nicht daran erinnern, schon mal einen Roman gelesen zu haben, der diese Ära in den Mittelpunkt stellt. Und genau das machte diesen Roman für mich zu einer interessanten, ja, einer Pflichtlektüre.

    Die Autorin zeichnet das Bild dieser Zeit ungemein eindringlich.
    Ohne falsches Pathos lässt sie den Leser teilhaben an den Ängsten, Hoffnungen und Wünschen ihrer Protagonisten. Sie zupft sachte an den Saiten, da schwingt vieles mit, ohne erklärt werden zu müssen. Die Liebe zur Heimat, ihrer Landschaft und ihren Menschen, ist die Grundmelodie – Angst und Verzweiflung sind leise Dissonanzen, mühsam erstickt, die dennoch nicht zu überhören sind.

    Es ist die Zerrissenheit, die besonders deutlich herausklingt.

    Die Menschen wollen nicht viel. Das ist keine Frage von ‚Zusammenreißen‘ oder ‚Sich-nicht-so-anstellen‘. Da kommen Grundbedürfnisse zusammen, die sich nicht vereinbaren lassen.

    Man kann die Protagonisten gut verstehen – oder zumindest erahnen, was sie antreibt.
    Im Zentrum steht Anna, die sich in vielerlei Hinsicht zerrissen fühlt. Wollen und Können, Müssen und Sollen, das zerrt an ihr und sie klammert sich an das letzte bisschen Sicherheit.

    Sie will ihr Dorf eigentlich nicht verlassen, aber sie erträgt es nicht mehr. Sie liebt Hans, aber sie liebt auch den gemeinsamen besten Freund Misch. Das ist jedoch keine platte Dreiecksgeschichte – eigentlich spiegelt es nur auf einer emotionalen Ebene Annas grundsätzlichen Konflikt wieder. Hans steht für Heimat und Beständigkeit. Misch steht für Veränderung und Mut.

    Und wie das so ist, in diesem Buch und in dieser Ära, kann Anna nicht beides haben.

    Die Sprache ist leise, atmet Atmosphäre.
    Das Buch lebt mehr von den Zwischentönen und den Spannungsgefällen als von der Handlung an sich – die ist gar nicht so wichtig, es ist das Gesamtbild, das besticht. Dennoch wird nichts geschönt, man spürt die Dramen dieses Jahres in den Knochen.

    Die Autorin findet starke Metaphern und Vergleiche, die die Sätze dennoch nicht überfrachten, und vor allem lässt sie dem Leser genug Raum für eigene Interpretationen. Das ist Mut zur Lücke: die Geschichte ist keine erschöpfende Abhandlung der Zeit, lässt aber ein lebendiges Bild entstehen.

    Und das reicht, das lässt nichts vermissen.

    Fazit
    Im Rumänien des Jahres 1989 befindet sich das Land immer noch im Würgegriff des Diktators Ceaușescu. Den Menschen geht es schlecht, in vielerlei Hinsicht, der Leidensdruck ist enorm. In einem Dorf unweit der rumänisch-serbischen Grenze fragen sich drei junge Menschen, ob sie es wagen sollen, ihr Heil in der Flucht zu versuchen. Nur drei Kilometer quer durchs Maisfeld trennen sie von der Freiheit – aber die Flucht könnte sie das Leben kosten, und im Erfolgsfall müssten sie Heimat und Familie hinter sich lassen.

    Nadine Schneider erzählt eine Geschichte der leisen Töne und dennoch eine starke Geschichte, die auf nur 160 Seiten ganz viel Widerhall erzeugt. Meines Erachtens hat dieses Buch seine Nominierung für den Preis „Das Debüt“ mehr als verdient.

 

Der Kreis des Weberknechts

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Kreis des Weberknechts' von Ana Marwan
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Karl Lipitsch mag keine Menschen. Er wohnt alleine, da er eine tiefe Abneigung gegen die Gesellschaft hegt und Gespräche meiden möchte. Häufig sitzt er lesend im Garten oder schreibt an seiner umfassenden philosophischen Abhandlung. Doch die Überzeugung, fortan als Einsiedler in Einsamkeit zu leben und damit glücklich zu sein, gerät schnell ins Wanken. Durch einen Zufall (sofern es denn tatsächlich einer war) macht er nähere Bekanntschaft mit seiner Nachbarin Mathilde. Beide umkreisen den anderen, jeder in der Überzeugung, der Überlegene zu sein. Und so beobachten wir Lipitsch bei seinen Bemühungen, ihr nicht ins fein gesponnene Netz zu gehen. Doch je mehr Lipitsch zappelt, desto kräftiger verfängt er sich in Mathildes Fäden...

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:196
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Rezensionen zu "Der Kreis des Weberknechts"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Jan 2020 

    Die warme Umarmung der Einsamkeit

    Die Geschichte, dicht gestrickt und zugleich fernab der gängigen Muster, beruht auf den Beobachtungen eines selbsterklärten Misanthropen, der seine Schwächen am Revers trägt wie Ehrennadeln. Er rühmt sich seiner Marotten, ist stolz auf seine Schrullen, stößt andere Menschen (wenn er sie partout nicht vermeiden kann) genüsslich vor den Kopf, um seine Einzigartigkeit zu unterstreichen.

    Seht her, ich stehe über den plebejischen Normen der Höflichkeit.

    So bietet ihm Mathilde, an der er wider Erwarten und Willen interessiert ist, das Du an, doch er lehnt in grandioser Selbstherrlichkeit ab. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass dies ihrer Wertschätzung für ihn einen Dämpfer verpassen könnte, denn das ist in seinem Plan nicht vorgesehen. Für ihn steht außer Frage, dass er Mathilde intellektuell überlegen ist, und er ignoriert deutliche Anzeichnen für das Gegenteil.

    Sein Blick auf die Welt ist durch und durch getränkt von seiner Egomanie und seinen rigiden Ansichten.

    Eine stete Selbstbestätigung, die es ihm ermöglicht, seine Meinung nie zu ändern. („Selbstbestäubung“, schlägt die Autokorrektur an dieser Stelle vor – und warum nicht, das passt. Er befruchtet wieder und wieder das eigene Ego, und das Resultat sind Blüten des Eigennutzes.)

    Wenn die Bestätigung von außen ausbleibt, wenn die Reaktion anderer Menschen sich beißt mit seiner Erwartung, dann muss nicht etwa das eigene Verhalten überdacht und verändert werden. Oh nein. Dann wird das Verhalten der Umwelt neu interpretiert, im Zerrspiegel betrachtet, bis es wieder ins Schema passt – und die Schuld an Wasauchimmer bei den Anderen liegt.

    Warum sollte man das lesen wollen?

    Ja, der Held dieser Geschichte ist in vielerlei Hinsicht ein Antiheld, den man mit hoher Gewissheit nicht mögen würde, träfe man ihn im echten Leben. Zu allgemeiner Verachtung der gesamten Menschheit gegenüber kommt noch ein überaus antiquiertes, herablassendes Frauenbild. Nein, er ist nicht der Star dieses Buches – auch wenn er aus der sicheren Entfernung der Literatur sehr unterhaltsam ist.

    Der Star dieses Buches ist die Sprache.

    Denn die ist schön, so schön. So grandios, so einzigartig, so clever und erfrischend und gekonnt und das ist genug Hyperbel, das muss reichen. Oder auch nicht: In die Sprache hab ich mich schon nach wenigen Seiten schockverliebt.

    Sie schildert das emotional vertrocknete Leben des Protagonisten perfekt und würzt es zugleich mit einem sehr speziellen Humor – was es nicht nur bekömmlich, sondern sogar vergnüglich macht. Die Autorin spielt meisterhaft mit Worten und Phrasen, indem sie Klang und Bedeutung in den unterschiedlichsten Kontexten immer wieder feinjustiert.

    „Mit Unbehagen musste Lipitsch an diesem Punkt auch feststellen, dass er keine Antwort auf ihre Frage parat hatte. Nachdem er mit der Menschheit Schluss gemacht hatte, rechnete er nicht mehr damit, neue Antworten liefern zu müssen. Auf diesen neuen Gegenstand war keiner von den alten vorgefertigten Sätzen anwendbar, und neue kann man nicht einfach so liefern, ohne sie vorher getestet zu haben, bei den neuen weiß man nie, sie können womöglich ausarten, wenn sie freigelassen werden, und wenn man sie dann zurücknehmen will, geht das gar nicht, wir wissen alle, wie unmöglich das sein kann, der Mund ist oft eine Wurmdose.“

    Die Geschichte an sich ist schnell erzählt:
    Ein Menschenfeind verliebt sich in eine Frau, verfängt sich in ihrem und im eigenen Netz und schreibt an einem „umfassenden ontologischen Werk“, das nicht recht voran kommt.

    Die Geschichte alleine wäre zu mager für ein Buch, sogar für nur 196 Seiten, mehr das bloße Skelett einer Geschichte. Aber das, was mitschwingt, was angedeutet wird, was man hineininterpretieren kann, verleiht diesem Buch Tiefe, Bedeutung und Kraft. Da steckt ganz viel drin.

    Die Autorin führt den Protagonisten gekonnt vor, meines Empfindens jedoch nicht ohne nachsichtiges Mitgefühl. Er ist ein zerrissener Mensch, der sich selber der ärgste Feind ist, weil er Anziehung und echte Wertschätzung nicht zulassen kann.

    Gegen Ende fühlte ich, zugegeben, eine gewisse Übersättigung, was Karl Lipitsch betrifft, und allen Anscheins nach ging es ihm selbst da nicht viel anders. Er überspannt den Bogen, überreizt seine Menschenfeindlichkeit, scheitert an sich selber. Der Leser kann sich wundlesen daran, das schmerzte mich wie eine offene Blase.

    Dennoch – am Ende schließt sich mehr als ein Kreis. Das erschöpfte, überstrapazierte ontologische Werk gibt der Geschichte im Kontext auf einmal einen ganz neuen Sinn. Ich bin geneigt, das Buch noch einmal zu lesen, mit dem Ende im Hinterkopf.

    Konsequent, das muss man Karl Lipitsch lassen, ist er bis zum bitteren Schluss.

    Fazit

    Karl Lipitsch hasst Menschen. Grundsätzlich, ohne Ausnahme, und er ist stolz darauf. Am liebsten verbringt er seine Tage in der „warmen Umarmung der Einsamkeit“ und schreibt an einem philosophischen Werk, an dessen Erfolg er nicht im geringsten zweifelt. Dann zerrt ihn seine Nachbarin Mathilde nach einer Zufallsbegegnung beharrlich aus seiner Isolation, doch das ist keineswegs der Auftakt einer harmonischen Liebesbeziehung. Lipitsch kann nicht aus seiner Haut, will nicht aus seiner Haut.

    Mir haben diese Betrachtungen eines Misanthropen viel Spaß gemacht, denn Sprache und Schreibstil sind großartig, und das Ganze entbehrt nicht eines gewissen bösen Humors und gleichzeitig eines gewissen Tiefgangs. Wie gehen wir um mit unseren Mitmenschen, aber vor allem: wie gehen wir um mit uns selbst.

 

Aus den Winterarchiven

Buchseite und Rezensionen zu 'Aus den Winterarchiven' von Merethe Lindstrøm
NAN
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Merethe ist mit ihrer Familie aufs Land gezogen. Hier, am Rand eines Waldes, zwischen endlosen Tagen und Nächten ohne Schlaf, schreibt sie an ihrer Erzählung über Mats, mit dem sie zusammenlebt. Sie erzählt von einer Liebe, die alles in den Schatten stellt. Von der Nähe zu einem Menschen, der nur selten den Wunsch verspürt zu leben. Von der Angst, sich selbst zu verlieren, von der aber noch größeren Bedrohung, den zu verlieren, den sie liebt. Darüber, trotzdem weiterzumachen. Zu leben, zu lieben. Sie will verstehen, und so schreibt sie in immer enger werdenden Kreisen, während die Welt in Kälte und Eis erstarrt. Bis der Winter langsam dem Frühling weicht. Aus den Winterarchiven ist ein sehr eindringlicher, sehr persönlicher Roman. In glasklaren Bildern beschreibt Merethe Lindstrøm das Leben zweier Menschen, die sich in einer existenziellen Not und Hilflosigkeit gegenüber dem Leben befinden.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:294
EAN:
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Ich kann dich hören (Quartbuch)

Buchseite und Rezensionen zu 'Ich kann dich hören (Quartbuch)' von Katharina Mevissen
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Ein schalldichter Raum. Draußen die Großstadt. Osman Engels übt Cello. Er spielt an gegen unsichtbare Hindernisse, die irgendwo in seiner Vergangenheit liegen und denen er auf dem Fußballfeld besser ausweichen kann. In seiner Welt ersetzt Musik schon lange die Worte. Er kann selbst nicht gut zuhören, nichts festhalten, ohne Kontaktlinsen auch schlecht sehen.
Als er ein zufällig gefundenes Aufnahmegerät abhört, wird er zum Ohrenzeugen einer Beziehung, die auf ganz andere Art laut ist. Seine Mitbewohnerin Luise lernt derweil im Nebenzimmer für ihre Prüfung, manchmal rauchen sie gemeinsam am offenen Fenster, kochen Knoblauchnudeln, bringen Altglas zum Container. Sie verstehen sich, ohne sich richtig anzufassen, denn auch mit der Liebe fangen sie gerade erst an.
Als sein türkischer Vater, ebenfalls Musiker, sich das Handgelenk bricht und Tante Elide, seine Ziehmutter, nach fast zwanzig Jahren in Deutschland plötzlich nach Paris gehen will, ist Osman gezwungen, ein paar Dinge aufzuräumen, ein paar Fragen zu stellen.
Der Roman erzählt von einem jungen Mann, dem Augen und Ohren geöffnet werden, und von einer Frau, die in der Stille lebt. Es geht um Vater-, Mutter- und Gebärdensprache und um die berührende Kraft von Musik. Ungewöhnliche Themen, eindringliche Bilder. Ein großes Talent.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:168
EAN:
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Rezensionen zu "Ich kann dich hören (Quartbuch)"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Dez 2019 

    Sprache, Sprachlosigkeit und alles dazwischen.

    Handlung:

    Osman studiert Cello. Die Liebe zur Musik und das Talent dafür hat er von seinem türkischen Vater Suat geerbt, mit dem ihn jedoch eine eher schwierige Beziehung verbindet. Gerade läuft es generell nicht so gut: Osman tut sich schwer mit einem Stück, das er bald im Rahmen einer wichtigen Prüfung spielen soll, er hadert mit seinen erblühenden Gefühlen für seine Mitbewohnerin, und dann bricht sich sein Vater auch noch das Handgelenk, was für den Profigeiger natürlich eine Katastrophe ist. Osmans Tante Elide, die ihn quasi großgezogen hat, nachdem seine deutsche Mutter Mann und Kinder urplötzlich im Stich ließ, fleht ihn um Unterstützung an, was ihn haltlos überfordert.

    Dann findet er ein Diktiergerät und flüchtet sich in den Klang und die Stille dieses fremden Lebens: dem Leben von Ella und ihrer gehörlosen Schwester Jo.

    Meine Meinung:

    Das Erste, was mir einfällt, wenn ich über diesen Roman nachdenke, ist die Vielfältigkeit der Sprache.

    Das Offensichtliche, Naheliegende: auf dem Fußballfeld wird anders gesprochen und gedacht als im Konzertsaal, und die Gedanken verschiedener Generationen und verschiedener Nationalitäten haben einen prägnant unterschiedlichen Klang, Takt und Rhythmus. So weit ist das wenig überraschend, verleiht vielen Szenen jedoch Atmosphäre und verwurzelt sie im Kontext.

    So wird die Sprache älterer Migranten, die das Deutsche eigentlich fast perfekt beherrschen, manchmal fast bis zur Sprachlosigkeit reduziert.

    Ich stutzte, ich ließ nachwirken, ich dachte nach. Ein wirkungsvolles Stilmittel, um zu verdeutlichen, wie wenig sich der ein oder andere Charakter auch nach einem halben Leben in der Fremde beheimatet fühlt – wie sehr Sprache und Heimat untrennbar miteinander verwoben und verwachsen sind.

    Interessanterweise fällt Tante Elide genau dann zurück in ihre „Mutterzunge“, als ihr deutlich wird, wie sehr ihr dieses Leben aufgezwungen wurde. Sie, die bis dahin in der Geschichte immer nur diejenige war, die einfach da ist, die alles auffängt, die immer hintenansteht hinter den Bedürfnissen anderer Menschen, stößt das Deutsche ab, jäh und unbewusst – und emanzipiert sich damit kurioser Weise ein Stück weit.

    Dennoch: in den Dialogen wird die Sprache manchmal etwas gestelzt oder auch übertrieben flapsig, gerät aus dem Fluss.

    Interessant ist jedoch insbesondere, wie die Sprache sich wandelt, sobald in irgendeiner Form der Hörsinn angesprochen wird. Da gurgelt es, gluckert und zischt, knallt und schleift, da wird jeder Klang und jedes Geräusch ausgekostet und gefeiert. Dann gewinnen die Gedanken des 24-jährigen Musikstudenten Osman, dessen Perspektive wir die meiste Zeit folgen, eine eindringliche, manchmal geradezu zornige Poesie. Ihm selber ist dies sicher nicht bewusst – seine Welt ist Klang und Schwingung, Tempo und Pegel, dies geschieht so automatisch wie das Atmen.

    Er drückt viel aus über diese Klangwelt. So zerschmettert er Altglas mit großem Getöse, statt über seine Gefühle zu sprechen. Die Musik ist ihm Fluch und Segen zugleich, und das spürt man in jedem einzelnen Wort.

    Osman liebt die Musik nicht nur , er hasst sie im gleichen Atemzug. Im Verlauf des Buches füllten sich meine Notizen mit unschönen Vergleichen: Er leidet an ihr wie an einer chronischen Krankheit. Hadert mit ihr wie mit einer toxischen Beziehung. Verzehrt sich nach ihr wie nach dem nächsten Schuss Heroin. Manchmal kotzt er sie geradezu heraus, die Musik, die ihn innerlich zerfrisst.

    Dies sind die Passagen, in denen das Buch seinen Bann über mich sprach, in denen es mich an die Zeilen fesselte. Die Autorin bringt ihre Worte so deutlich zum Klingen, dass man sich manchmal geradezu so vorkommt, als hörte man das Hörbuch.

    Osman ist eine gute Wahl als zentrale Figur des Buches.

    Er ist nicht nur (meist) sympathisch und erlaubt es dem Leser, sich ein Stück weit mit ihm zu identifizieren, sondern ist auch in seinen persönlichen Konflikten spannend. Da steht nicht nur seine Hassliebe zur Musik, sondern auch das schwierige Verhältnis zu seinem türkischen Vater, das Verlassenwordensein durch seine deutsche Mutter, die Art und Weise, wie er die Liebe seiner Tante gedankenlos als gegeben und selbstverständlich annimmt, seine zögerlichen Gefühle für seine Mitbewohnerin und nicht zuletzt die Faszination für diese Frau, die er nie getroffen hat: Ella.

    Aber er hat sie gehört, er kennt den Klang ihrer Stimme, ihres Atems und ihres Schweigens.

    Seit er ihr Diktiergerät gefunden hat, hört er es wie besessen immer wieder ab. Hört zu, wie sie über ihre gehörlose Schwester Jo spricht und deren anstehende Entscheidung, ob sie sich ein Cochlea-Implantat einsetzen lassen will oder nicht – was Jo, die nie gehört hat, das Hören ermöglichen könnte. Die Aufnahme enthält viele Passagen des Schweigens, in denen Osman lernen muss, genauer hinzuhören auf das Geräusch der gebärdenden Hände, besser umzugehen mit der Stille.

    Dies wird zu seinem Rettungsanker, ein Stück weit zu seinem Lebensinhalt.

    Allerdings fängt es hier schon an mit den Aspekten, die mich nicht vollends überzeugen konnten.
    Im Grunde fand ich diese Konstellation hochinteressant. Hier prallen zwei Lebenswirklichkeiten aufeinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Osman, für den Musik und Leben untrennbar verwoben sind, und Ella und Jo, in deren Leben die Stille eine zentrale Rolle einnimmt.

    Aber Jo wird in diesem Roman so sehr an den Rand gedrängt, dass sie kaum noch existiert. Sie, die wie viele Gehörlose die Gebärdensprache als ihre Muttersprache betrachtet, wird nahezu sprachlos gemacht. Hier könnte so viel zu Wort kommen, hier könnte der Leser einiges erfahren über die komplexe Gehörlosenkultur – warum zum Bespiel so viele Gehörlose gar nicht hören wollen, warum sie das Cochlea-Implantat ablehnen.

    Das ist eine ganz eigene Welt, die hier jedoch nur als Aufhänger benutzt wird.

    In meinen Augen die größte Schwäche des Buches: Zu viele Themen, zu viele Erzählebenen, das hätte 500 Seiten füllen können (müssen?) statt 168. So werden manche Konflikte nur grob angerissen, wie zum Beispiel die Homosexualität von Osmans Bruder, die zum Bruch mit dem türkischen Vater führt. Manchen Themen hätte mehr Tiefgang gut gestanden – so zieht vieles am Leser so schnell vorbei, dass gar keine Zeit ist für den nötigen Wiederhall.

    Das passt nicht so recht zum Grundkonflikt von Osman: der muss im Verlauf des Buches erst lernen, sorgfältig und bedacht zuzuhören und auch Leerstellen zuzulassen.

    Fazit:

    Osman hat drei Probleme: Er studiert Cello und verzweifelt fast an dem Stück, das er in der nächsten Prüfung spielen soll. Dann bricht sich sein Vater Suat, seines Zeichens Profigeiger, das Handgelenk. Und auf einmal fordert Osmans Tante Elide seine Unterstützung, die er gerade nicht geben kann oder will.

    Zu seinem Rettungsanker wird das Diktiergerät, das er findet – er hört sich die Stücke eines fremden Lebens immer wieder an: Ella spricht über sich, spricht über ihre gehörlose Schwester Jo, und Osman lernt, die Stille zuzulassen.

    Die Sprache hat grandiose Elemente, gerade wenn Osman seine reiche Klangwelt zum Ausdruck bringt. Die Autorin spricht eine Vielzahl interessanter Themen an, und paradoxer Weise liegt genau darin mein Hauptproblem mit diesem Buch: für nur 168 Seiten sind es zu viele Themen, die dadurch nicht genug Raum bekommen, um mehr zu sein als Aufhänger – als Mittel zu dem Zweck, Osmans Geschichte voran zu treiben.

 

Das Regenorchester: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Regenorchester: Roman' von Hansjörg Schertenleib
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

"Vom Loslassen und Leben lernen." Die Welt



Nachdem seine Frau gegangen ist, lebt ein Schriftsteller allein in seinem Haus in Irland. Da begegnet er Niamh, einer sechzigjährigen Irin, die ihn zum Chronisten ihres Lebens macht. Sie führt ihm die Wunder des alten, untergegangenen Irland vor Augen und erzählt ihm von ihrer verlorenen Liebe. Voller Poesie und mit großer Sprachkunst erzählt Hansjörg Schertenleib eine unerhörte Liebesgeschichte.



"Ein überraschend lebensbejahender Roman." Berner Zeitung

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:231
EAN:
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Rezensionen zu "Das Regenorchester: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Jan 2020 

    Eine irische Geschichte aus Sicht einer Frau

    Die Geschichte wird von einem Schriftsteller erzählt, der hier als Ich-Erzähler auftritt. Seine Frau hat ihn verlassen, womit er doch zu kämpfen hat. Eines Tages lernt er die ältere Niamh kennen, eine Irin, die ihm ihre Lebensgeschichte erzählt. Wir befinden uns also in zwei Zeitzonen. Einmal im Heute beim Schriftsteller und zurück in Niamhs Jugendzeit. Sie hatte eine relativ gute Kindheit. Die Eltern sorgten immer dafür, dass Essen im Haus war. Es gab also auch Familienväter, die ihr Geld nicht versoffen haben.

    Nach dem Tod eines Bruders kam ihre Mutter nicht mehr mit ihrem Leben zurecht und starb dann auch bald. Niamh ging wegen der Arbeit nach London und verbrachte dort ihre jungen Jahre. Sie lebte anfangs mit ihrer Schwester zusammen, die schon vorher von zuhause auszog. Doch eines Tages verliebte diese sich in einen Schotten und so trennten sich die Wege der Schwestern.

    Ich fand es spannend, die Geschichte mal aus der Perspektive einer Frau zu erleben. Bisher weiß ich nur von Männern oder ganzen Familien, die Irland verlassen haben, um ihr Glück woanders zu versuchen.

    Hansjörg Schertenleib hat einen angenehmen Schreibstil. Und zwischendurch laufen mir richtige Perlen über den Weg, wie zum Beispiel:

    "Auf dem Heimweg hatte mir mein Vater erzählt, wie die Welt zu ihren Seen gekommen war: Vor langer Zeit, als es noch nichts gab, nicht einmal Seen, fasste sich ein Junge in meinem Alter ein Herz und schleuderte mit aller Kraft einen Stein in den Himmel, um ihn in tausendundzwei Scherben zu zersplittern. Diese Scherben fielen auf die Erde nieder und blieben zwischen Tälern, Bergen und Hügeln liegen. Seither spiegelten sie das, was sie früher einmal selbst gewesen waren: Himmel..."

    Klingt das nicht gut?

 

Oreo: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Oreo: Roman' von Fran Ross
3.4
3.4 von 5 (8 Bewertungen)

»Die Wiederentdeckung dieses Buches und die grandiose Übertragung von Pieke Biermann ist ein Glücksfall.« Max Czollek

Christine ist sechzehn, hat eine schwarze Mutter und einen jüdischen weißen Vater und wächst auf in Philadelphia, verspottet als »Oreo« (wie der Keks) – eine doppelte Außenseiterin. Der Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht und ihr ein Geheimnis hinterlassen, für dessen Lösung sie ihn finden muss. Auf nach New York!



Unterwegs trifft sie unglaubliche Leute: einen schwulen »Reisehenker«, der anonym Manager feuert, einen Radio-Macher, der nicht spricht, einen grotesk tumben Zuhälter und endlich auch ihren Vater. Nicht jeder ist ihr wohlgesinnt. Aber Oreo überlebt alle und alles dank ihres selbsterdachten Kampfstports WITZ, getreu ihrem Motto: »Niemand reizt mich ungestraft.«



Oreo folgt der Theseus-Sage mit all ihren Volten bis zum letzten irrwitzigen Twist, dem Vatergeheimnis. Aber der antike Held ist heute jüdisch, schwarz und weiblich.

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:288
EAN:
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Rezensionen zu "Oreo: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 11. Jan 2020 

    Feministischer Slapstick

    Respektlose Schnoddrigkeit einer feministischen Superwoman, so könnte man das Buch der Amerikanerin Fran Ross „Oreo“ aufs Wesentliche reduzieren. Erschienen ist dieser auch heute noch erstaunliche Roman bereits 1974 in den USA als Debüt der Schriftstellerin Fran Ross, und ebenso erstaunlich wie der damals wohl aus der Zeit gefallene Text ist die kongeniale Übersetzung von Pieke Biermann.

    Eine griechische Heldensage wurde herangezogen und substituiert auf eine jüdisch-schwarze Heldin, die sich schnoddrig, ordinär und äußerst gebildet durch das Geschehen bewegt. Theseus machte sich in der griechischen Sage genau wie „Oreo“ Christine Clark auf die Suche nach dem Geheimnis ihrer Geburt, sich entlang hangelnd an Hinweisen seines/ihres Vaters. Dass Oreos Vater die Liste mit Hinweisen der Lächerlichkeit preisgibt und es bereits an Slapstick grenzt, diese überhaupt zielführend zu nutzen, macht die Unkonventionalität des Romanes genauso aus, wie der Bezug auf europäische und äußerst männliche Sagenkultur für ein freches amerikanisches Feministenwerk.
    Oreo, geschliffen durch diverse Hauslehrer, belesen und zurechtgestutzt im Hause der schwarzen Großeltern, wo der Großvater, ein Judenhasser, jahrelang hakenkreuzartig sitzend schweigt wegen eines Hirnschlages, die Großmutter mehr mit dem Kochen südstaatlicher Leckereien als mit ordentlicher Sprache oder gar Kindererziehung beschäftigt ist und der kleine Bruder reimend singt, macht sich also wie der griechische Held Theseus auf den Weg, ihren Jüdischen Vater und das Geheimnis ihrer Geburt zu finden.
    Oreo besteht ein absurdes Abenteuer nach dem anderen, allesamt eine Persiflage auf die sagenhaften Heldentaten des Theseus, und für den begriffsstutzigen Leser von der Autorin am Ende als solche erklärt und eingeordnet werden. Ihr ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit, ihr Superhirn angereichert mit allerlei Wissen aus Klassik, Geschichte und Literatur machen sie ebenso bereit für Angriffe auf ihre Jungfräulichkeit wie auf die Beseitigung von Unrecht und Gewalt, und das alles nebenbei, während sie ihren jüdischen Vater findet und das Geheimnis um ihre Geburt zu lüften vermag.

    Dieses Buch, in den USA mittlerweile mit Kultstatus geadelt, spaltet sicherlich die Leserschaft. Das äußerst freche slapstickhafte Werk mag man entweder oder nicht. Die aufgegriffenen Themen sind vielseitig und nach wie vor hochaktuell und spannend: Emanzipation, Prostitution, alles beherrschendes Geld, Technologie; und eine aus Zeit und eine aus Raum und Zeit gefallene feministische Superheldin, die wegen ihrer enormen geistigen Fähigkeiten voller spitzfindiger Anspielungen brachial durchs Geschehen zieht und alles schamlos niedermetzelt hat durchaus etwas für sich. Sprachlich erinnert mich das Buch an eine Mischung aus Bukowski und klassischer Literatur, gleichermaßen angefüllt mit Slang und literarischen und historischen Anspielungen, und ich ziehe den Hut vor der Übersetzung.

    Ich hätte gern die Begeisterung vieler Rezensionen für diesen schelmenhaften Slapstick geteilt. Ich erkenne den Wert des Buches an, das sowohl griechische Tragödie und europäisch weißes Kulturgut als auch matriarchalische Werte Amerikas in den 1970er Jahren verhohnepipelt hat, ich sehe, dass es seiner Zeit weit voraus war, aber nein, mit Vergnügen habe ich es nicht gelesen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 08. Jan 2020 

    Ein ziemlich zähes Luder

    Die Vereinigten Staaten in den 1970er-Jahren: Christine wächst mit ihrem kleinen Bruder Jimmie bei den Großeltern in Philadelphia auf. Sie ist das Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen, jüdischen Vaters, der sich allerdings schon früh aus dem Staub gemacht hat. Sie erhält den Spitznamen Oreo nach dem Keks, der außen schwarz und innen weiß ist, und wird zur doppelten Außenseiterin. Doch auch von ihrer Mutter ist nicht viel Unterstützung zu erfahren, denn sie tingelt seit Jahren durch die Lande. Als Christine 16 Jahre alt ist, schickt Helen Clark ihre Tochter allerdings auf eine besondere Reise. Sie soll ihren Erzeuger, Samuel Schwartz, ausfindig machen. Und so begibt sich Oreo auf eine abenteuerliche Unternehmung nach New York…

    „Oreo“ ist der erste und einzige Roman der inzwischen verstorbenen Fran Ross, der bereits 1974 erstmals erschienen ist und nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus zwei Teilen („Troizen“ und „Mäandern“), die wiederum in insgesamt 15 Kapitel untergliedert sind. Erzählt wird – mit Ausnahme von Rückblenden – in chronologischer Reihenfolge und überwiegend aus der Sicht von Oreo.

    Sprachlich ist der Roman sehr besonders. Er ist geprägt von teils recht kreativen Wortneuschöpfungen, Metaphern, ungewöhnlichen Vergleichen und Onomatopoesie. Zudem ist er gespickt mit jiddischen Wörtern. Das macht es nötig, immer wieder zum beigefügten Glossar und den im Anhang ebenfalls befindlichen Erklärungen zu blättern, was den Lesefluss erheblich stört. Darüber hinaus ist negativ anzumerken, dass dort nicht alle Begriffe erläutert werden, was das Verständnis des Textes erschwert. Auch nichtig erscheinende Details und etliche Ausschweifungen machen es anstrengend, den Roman zu lesen. Dennoch ist es eindrucksvoll, wie es der Autorin gelingt, mit der Sprache zu spielen.

    Mit Oreo steht eine für ihre Zeit sehr moderne, mutige und unerschrockene Protagonistin im Vordergrund, die sowohl dem Leser Respekt abnötigt als auch immer wieder Sympathiepunkte einfährt. Ihr Einsatz für die sozial schwächeren Mitglieder der Gesellschaft und ihre direkte, freche und unverschämte Art machen sie zu einer reizvollen Figur. Gleichwohl ist zu bedenken, dass keiner der Charaktere im Roman lebensnah dargestellt wird. Der Leser begegnet samt und sonders skurrilen, stark überzeichneten Personen, was wahrscheinlich aber so beabsichtigt ist.

    Bei dem Roman handelt es sich um eine Neuerzählung der Thesus-Sage – eine schöne Idee. Anstatt eines antiken Helden haben wir es mit einer jüdischen, schwarzen und weiblichen Protagonistin zu tun. Im Abschnitt „Schlüssel für Schnellleser, Antikenferne etc.“ werden die ursprüngliche Sage kurz zusammengefasst und die Entsprechungen aufgelistet. Weiteren Aufschluss gibt das interessante Nachwort von Max Czollek („Von der Kunst, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen“), das ich mir als Vorwort gewünscht hätte, da ohne diesen Hintergrund der Einstieg in den Roman und das Verständnis der Geschichte schwerfallen.

    Der Autorin geht es aber nicht nur darum, eine alte Heldensage wieder ins Gedächtnis zu rufen. Sie will der Gesellschaft mit ihren Vorurteilen, ihrem Antisemitismus, ihrem Rassismus, ihrem Sexismus und ihren Diskriminierungen von Juden, Afroamerikanern und Frauen einen Spiegel vorhalten. Diesen Ansatz finde ich äußerst bemerkenswert, zumal die Thematiken nur wenig an Aktualität eingebüßt haben. Im Roman stecken daher auf nur 260 Seiten viele Referenzen und Denkansätze, von denen mir sicherlich aufgrund des fehlenden historischen Kontextes nicht alle aufgefallen sind. Allerdings wirkt das Buch dadurch auch ziemlich überfrachtet.

    Der erste Teil des Romans zieht sich in die Länge. Die Geschichte macht einen unzusammenhängenden Eindruck, die Handlung kommt nicht in Gang. Erst im zweiten Teil, der mir wesentlich besser gefallen hat, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Leider trifft die zumeist absurde Handlung nicht meinen Geschmack und ist nur an wenigen Stellen amüsant. Der beworbene Humor und Witz des Werkes sind bisweilen etwas geschmacklos und vulgär. Die Satire ist meiner Ansicht nach oft einfach nur albern und übertrieben.

    Sowohl die reduzierte, aber passende Gestaltung als auch der knackige Titel orientieren sich erfreulicherweise stark an der amerikanischen Ausgabe.

    Mein Fazit:
    „Oreo“ von Fran Ross ist ein außergewöhnlicher Roman, der mit seiner experimentellen Art heraussticht. Das sprachliche Talent der Autorin und die Komplexität des Werkes sind beeindruckend. Ich musste mich jedoch durch einen Großteil der Lektüre kämpfen, ohne am Ende einen echten Erkenntnisgewinn zu erhalten oder ein Lesevergnügen zu erleben. Deshalb halte ich das Buch nur für eingeschränkt empfehlenswert.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 19. Dez 2019 

    Niemand reizt mich ungestraft

    Christine ist eine außergewöhnliche Heldin: Ihre Mutter ist schwarz, der Vater Jude. Christine ist wie ein Oreo, außen schwarz, innen weiß, eine doppelte Außenseiterin. Der Vater hat die Familie verlassen, als Christine und ihr Bruder noch sehr klein waren. Die Mutter lässt die Kinder in der Obhut ihrer Mutter, um Karriere (als was eigentlich?) zu machen. Die Kinder wachsen also bei der schwarzen Großmutter auf, deren breiiger Südstaatendialekt nahezu unverständlich ist, der Großvater ist ein Pflegefall. Es sind keine günstigen Bedingungen in einen Start ins Leben. Mit 16 macht sich Christine auf, den Vater, der für sie ein seltsames Vermächtnis aufbewahren ließ, in New York zu suchen.
    Die afroamerikanische Autorin Fran Ross hat diese Geschichte 1974 verfasst. Es ist ein gelinde gesagt merkwürdiges Buch. Kurze Abschnitte, kein erkennbarer roter Faden, ein konstruierter Bezug zur griechischen Theseus Sage, platter Witz und derbe Sprache. Ich halte mich für eine versierte Leserin, aber ich bevorzuge ein Konzept, wie bei den berühmten Dominosteinen. Steine am Anfang, Steine in der Mitte, Steine am Schluss und beim Umfallen ergibt sich eine fließende Bewegung: Hier ist es so, als ob die Katze durch die Steine gelaufen wäre. Alles an diesem Buch ist grotesk, aufgeblasen wie ein Frosch kurz vor dem Platzen, jedes Klischee aufs Äußerste ausgereizt. Eine Mischung aus Comic ohne Bilder, Tagebuch einer Pubertierenden und Sprachbastelbuch für Erwachsene. Fran Ross lässt Christine und ihren Bruder eine eigene Sprache reden, schöpft neue Worte, seitenweise Aufzählungen. Es ist mühsam, witzlos und äußerst verwirrend.
    Ja, es ist ein mutiges Buch gegen Rassismus und Sexismus. Das Psychedelische an dem Buch ist wahrscheinlich seiner Zeit geschuldet. Ja, es gibt für jeden Leser das richtige Buch wie den richtigen Deckel zum Topf. Doch wie sagt Christine so wunderbar: „n’ Pott ohne Deckel tut’s auch.“
    Aber ich folge ganz getreu Christines Motto: Nemo me impune lacessit – niemand reizt mich ungestraft. (Ich würde ja statt „reizen“ ein anderes Verb wählen, das mit dem Gesäß, aber dann schmeißt mich beim online stellen wieder so ein Algorithmus aus dem System.)

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Dez 2019 

    Außen schwarz und innen weiß

    Außen schwarz und innen weiß

    Oreo von Fran Ross

    Die Hauptcharakterin dieses Werkes ist die 16 jährige Christine, deren Spitzname quasi der Name Oreo ist, wie der Keks....außen schwarz und innen weiß. Ihre Mutter ist schwarz, ihr Vater ist ein Jude, den Oreo nun finden möchte, durch einige Hinweise, die er für sie verfasst hat.

    Da dieses Werk in den Staaten als Klassiker gehandelt wird, war ich sehr neugierig auf dieses Buch. Eine Leseprobe habe ich vorweg nicht gelesen, lediglich der Klappentext und das Wissen einen Klassiker zu bekommen, hat mich bewogen an einer Leserunde zum Roman teilzunehmen. Mir persönlich scheint vieles nicht bewusst worden zu sein, was die Autorin mitteilen wollte. Sicher wäre es hilfreich gewesen die amerikanische Geschichte der Zeit in der der Roman angesiedelt ist und speziell auch die der schwarzen Bevölkerung in der Region besser zu kennen, als es bei mir der Fall war. Durch die Runde habe ich schnell erfahren, dass auch die griechische Mythologie eine sehr große Role spielt. Man könnte sogar sagen, der Roman stellt die Saga nach. Oreo und weitere Charaktere stehen nämlich für Personen aus der Theseus-Saga. Ein weiterer Aspekt der mir persönlich entgangen ist. Durch den Anhang am Ende des Buches bekommt man nähere Einblicke in die Rollenverteilung, und sollte es noch nicht geschehen sein, auch sicher den ein oder anderen aha-Moment.
    Die Sprache ist anders als alles zuvor erlebte. Es werden Worte kreiert die sehr abstrus auf mich wirkten, irrwitzige aber auch bissige Kommentare finden Anwendung. Trotz aller Schwierigkeiten während des Lesens kann ich sagen, dass mir Christine alias Oreo sympathisch war, aber das war es auch schon. Ich hätte dem Roman gern mehr abgewonnen, kann ihm aber nur seine Originalität zusprechen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Dez 2019 

    Frech, laut, unerschrocken, Oreo

    Das englische Original von „Oreo“ erschien bereits im Jahr 1974. Das erstaunt aus einem gewichtigen Grund: die fünfzehnjährige Heldin der Geschichte ist schwarz (mütterlicherseits), jüdisch (väterlicherseits), kompromisslos selbstbewusst (ihrerseits) und bietet den Vorurteilen der überwiegend von Weißen regierten Gesellschaft mit rotzfrecher Traute die Stirn. Das war in der Literatur der Zeit beileibe keine Selbstverständlichkeit – dass die afroamerikanische Autorin Fran Ross dafür einen Verleger fand, grenzt an ein Wunder.

    Dass sie ihre gemischtrassige Protagonistin ausgerechnet auf den Spuren Theseus‘ wandeln lässt, dieses weißen Ur-Helden westlicher Mythologie, erstaunt da kaum noch. Warum auch nicht? Eine schwarze Heldin und ihre schwarze Erschafferin erobern sich ein Stück Identität, indem sie einem patriarchalischen weißen Mythos ihren eigenen Stempel aufdrücken. Seht her, wir sind auch noch da.

    Der Roman ist keine direkte Neuerzählung der Sage, aber deren Themen ziehen sich durchs ganze Buch und einige der Charaktere finden ihre Entsprechung in den Menschen, die Oreo trifft.

    Die Themen lassen sich daher grob aufteilen in drei Gebiete:
    1) Der persönliche Kosmos der jungen Heldin: Ethnizität, Sexualität, Identität.
    2) Die Gesellschaft (nicht nur) der 70er Jahre: Normen, Erwartungen, Vorurteile, Klassendenken.
    3) Und letztendlich: die griechische Mythologie, auf deren Basis alle diese Themen zu einer satirischen Geschichte verwoben werden, die ihrer Zeit weit voraus war.

    Oreo weiß, dass ihr ihr nichts geschenkt wird und sie als Tochter gemischtrassiger Eltern sogar um ihre Identität kämpfen muss. Also tut sie das – mit allen Mitteln, unverfroren und ohne Pardon. Sie ist größer, bunter, lauter als das Leben, das ihr zugedacht wird.

    An diese Stelle möchte ich eines direkt vorwegschieben:

    Ich verneige mich vor dem Mut der Autorin, die leider schon 1985 an Krebs verstarb. Sie schrieb an gegen Rassismus, Sexismus, Klassizismus, indem sie entsprechende Ideen und jegliche Klischees mit gnadenlosem Humor ad Absurdum führte. Ich erkenne die Bedeutung des Buches für die afroamerikanische Literatur im Allgemeinen und für Leser gemischter Ethnie im Besonderen an. Oreo gab und gibt marginalisierten Menschen eine Identifikationsfigur.Ich ziehe meinen Hut vor der Komplexität und dem Einfallsreichtum des Werkes. Es ist zutiefst intelligent und versteckt in seinem schrillen Witz einen großen Tiefgang.

    Dennoch tat ich mich über lange Passagen schwer.

    Mit dem Humor konnte ich mal umgehen, dann wieder nicht, was von der Autorin aber sicher ganz bewusst ausgereizt wurde.
    Es ist großartig, wie sie rassistische Klischees immer wieder gnadenlos umdreht und dem Leser damit deren Absurdität vor Augen führt, aber vieles war für mich persönlich zu überzogen – zu viel, zu bemüht, zu anstrengend.

    Im Grunde ist „Oreo“ ein klassischer Schelmenroman, der den Humor jedoch oft in unerwarteter Manier auf die Spitze treibt – von fein-satirisch bis hin zu derbe, grotesk und vulgär. Hier ist alles erlaubt, und da bin ich das ein oder andere Mal fast ausgestiegen. Haarscharf am Abbruch vorbeigeschlittert.

    Auch der Schreibstil beziehungsweise die Übersetzung machten es mir nicht immer leicht.
    Oreo ist ein Kind zweier ganz unterschiedlicher Kulturen und damit verbundenen Sprachgebrauchs. Das Jiddische spielt immer wieder eine Rolle, und im Original liest sich die Sprache mancher schwarzer Charaktere wie eine Form von „Black English Vernacular“, einer speziellen Form des afroamerikanischen Englisch.

    Dieser Sprachmix geht in der Übersetzung natürlich zwangsläufig ein Stück weit verloren. Ich habe ein paar Probekapitel im englischen Original gelesen und würde sagen, dass Sound und Rhythmus der Sprache im Deutschen etwas an Lebendigkeit und Wirkung einbüßen.

    Dazu kommen Fremdwörter und Wortneuschöpfungen. Oreo ist sehr kreativ darin, sich ihre Welt mit Sprache untertan zu machen, und das war mir gleichzeitig eine Freude und verursachte graue Haare. Auch aus Sicht anderer Charaktere knallt Fran Ross dem Leser die Worte ungebremst an die Stirn.

    In vielen Kapiteln habe ich das geliebt, in anderen war ich versucht, das Buch aus dem Fenster zu schmeißen. Ein Beispiel, bei dem ich kurz davor war, mit einem Teelöffel Harakiri zu begehen:

    __
    »Was, was, was, woher ha’m Sie das?« Moe wollte das ganze Couplet für sich kapern und verriet damit einen egoistischen Zug. Mit dem würde sich Flo später, in den gemeinsamen choliambischen Jahren, wenn es skazonierend dem Lebensende entgegenging, wohl oder übel arrangieren müssen

    In wie viele Zäsuren wird ein so undisziplinierter Versefex wie Moe wohl mit fliegenden Fahnen rennen?, überlegte Oreo. Wie viele Katalexe werden akatalektieren, wie viele Spondeen amphimazerieren dank seinem Drang, ganz allein Reime zu schmieden (…)?
    __ Zitat

    Zuguterletzt lief mir die Geschichte streckenweise zu sehr ins Ungewisse. Einige Kapitel lang mäanderte sie in alle möglichen Richtungen. Es tauchten Charaktere auf, die keine weitere Rolle spielten, Oreos Erlebnisse schienen planlos und nicht in der Handlung verankert – ein grandioses Durcheinander.

    Aber dann nahm die Geschichte zunehmend Struktur an, erinnerte immer deutlicher an die Theseus-Sage, ohne sie schlicht als Blaupause zu nehmen. Bei der ein oder anderen Umsetzung eines der Charaktere der Sage musste ich laut lachen, weil die Autorin hier sowohl ihren Witz als auch ihre Intelligenz spielen ließ. Aus dem Chaos kristallisierte sich ein klassisches Schema heraus – quasi Oreos persönliche Heldenreise, im Oreo-Stil.

    Ab da fand ich das Buch wieder großartig, doch im Rückblick pendelt sich meine Gesamtmeinung auf eine Art Mittelmaß ein: Ein bedeutendes Buch, das ich mir aber mit Zähnen und Klauen erkämpfen musste und daher unter Ermüdungserscheinungen litt… Mehr mein Fehler als der des Buches.

    Fazit

    „Oreo“ erschien im Jahr 1974, und seine Heldin war das genaue Gegenteil des damals üblichen Romanhelden: nämlich weiblich, jüdisch, schwarz. Ihre Suche nach ihrem abgängigen Vater beruht lose auf der Theseus-Sage, hat aber stilistisch nur wenig damit zu tun. Die Geschichte wird getrieben von einem derben Humor, der gnadenlos ausgereizt wird, und erzählt in einer Sprache, die es dem Leser in vielerlei Hinsicht oft nicht einfach macht.

    Die Bedeutung des Buches liegt in meinen Augen zum einen darin, dass es in einer Zeit erschien, als marginalisierte Menschen noch nicht allzu oft in der Literatur repräsentiert wurden (obwohl im gleichen Jahr auch „Roots“ von Alex Haley erschien), und zum anderen in der Art und Weise, wie es Missstände und Klischees durch Übertreibung und Umkehrung der Verhältnisse anprangert. So wird ein schwarzer Charakter aus Judenhass geizig, kleinlich, heimtückisch und geldgierig – also zum Inbegriff des antisemitischen Klischees, an das er selbst glaubt.

    Einfach zu lesen fand ich es jedoch nicht. Viel ist sicher auch „lost in translation“, da die Sprache des Originals mit Fremdwörtern und Wortneuschöpfungen spielt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Dez 2019 

    Oreo, eine der berühmtesten Heldinnen der amerikanischen Mytholo

    Oreo, eine der berühmtesten Heldinnen der amerikanischen Mythologie

    Wenn ein Buch polarisiert, dann wohl dieses! Ich habe es in einer Leserunde lesen dürfen und die Reaktionen der Mitlesenden fand ich spektakulär. Um es vorweg zu nehmen, ich gehöre zu denen, die dieses Buch begeistern konnte. Sehr sogar! Nicht gleich von Anfang an. Nein, das nicht. Am Anfang dachte ich nur, wo bin ich denn hier hingeraten. Was soll denn das sein??? Aber nachdem ich mich an den Stil der Fran Ross gewöhnt hatte und auch der Schreibstil etwas ausführlicher wurde, mehr ein Erzählstrang erschien, begann sich mein Eindruck zu verändern, deutlich zu verbessern.

    Hier muss ich nun etwas ausholen, um diese Geschichte meiner Meinung nach vollkommen begreifen zu können, sollte man sich mit dieser Ausnahmeautorin Fran Ross befassen. Man muss sich mal auf der Zunge zergehen lassen, diese Frau wurde 1935 geboren. Die Tochter eines jüdischen Schweißers und einer afroamerikanischen Verkäuferin war ein recht helles Köpfchen und studierte an der Temple University of Philadelphia und graduierte dort 1956 als Bachelor of Science of Communications, Journalism and Theatre. 1974 hat sie Oreo herausgebracht. Sie hat für Essence, Titters und Playboy geschrieben und für die The-Richard-Pryor-Show gearbeitet. Ein zweites Buch hat sie leider aus finanziellen Gründen nicht mehr herausbringen können. 1985 starb sie dann an Krebs. Mit diesem Wissen wird klar, dass dieses Buch einen recht großen autobiographischen Anteil hat, Fran Ross ist das Kind eines Juden und einer Afroamerikanerin und sie graduierte 1956 als Afroamerikanerin an der Uni von Philadelphia. Ich denke sie wird schon früh die negativen Seiten ihrer Mitmenschen kennengelernt haben! Und auch aus diesen Erfahrungen heraus ist die Schärfe von "Oreo" erklärbar. Es ist auch in meinen Augen kein Wunder, dass sie keine Geldgeber für ein zweites Buch fand. Sie war ihrer Zeit weit voraus und ich hoffe sehr, dass wir zumindest heute anerkennen können, was Fran Ross damals geschafft hat!

    Sie scheint eine mehr als außergewöhnliche Frau gewesen zu sein. Ihr Schreibstil ist auf jeden Fall sehr gewöhnungsbedürftig, aber dabei absolut interessant. Ich überlege sehr, an was mich diese Art der Schreibe erinnert. Als erstes ist da dieser so eigene Humor, einerseits Satire und auch Groteske, aber auch der blanke Spaß am Humor und auch am verqueren Schreiben/Denken und damit einhergehend blitzt hier eine höchst eindringliche Gesellschaftskritik durch, die richtig weh tut, die richtig schmerzt und die Ross kann Menschen sehr gut beobachten und ihr Handeln wiedergeben. Aber genau dies macht ja auch einen guten Autor aus. Und diese Melange dann in das Theseus Thema zu kleiden. Wahnsinn! Klar wird das nicht jedem gefallen! Ihr Stil tut weh! Aber genau das will sie auch in meinen Augen und das hat sie geschafft. Sie konstruiert für die Gesellschaft einen Spiegel, in den man nicht schauen möchte und sie schafft Strukturen, die nur von einem mythologischen Superhelden zerschlagen werden können. Dieser Spiegel passt auf das Damals, aber auch auf das Heute. Dieses Buch ist durch seine Struktur und auch sein Thema im Gesamtpaket etwas Einzigartiges! Und ich bin dementsprechend beeindruckt und spende tosenden Applaus!

    Unbedingt lesen kann ich hier nicht rufen, denn man sollte sich erstmal informieren, was dieses Buch ist und wie es aufgebaut ist. Aber wer weiß? Vielleicht ist dies auch nicht richtig, ich habe nicht so richtig gewusst, auf was ich mich hier einlasse. Hätte ich das getan, wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet? Dann also doch, bitte unbedingt Lesen!!!

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 01. Dez 2019 

    Jüdisch-schwarze Mischung auf mythologischen Pfaden

    Fran Ross hat ihr einziges Buch vor Jahrzehnten schon in einem sehr experimentellen, den Leser stark herausfordernden Stil geschrieben.
    Die Herausforderung liegt dabei sowohl in der inhaltlichen Struktur des Romans als auch in dessen sprachlicher Ausformung. Inhaltlich folgt der Roman über die erzählte Geschichte der Heldin Oreo lose den Handlungssträngen der griechischen Theseus-Sage und erfordert so vom Leser eine nicht unerhebliche Kenntnis dieser Geschichte, um die Handlungsstränge und Episoden der Oreo-Geschichte wirklich richtig einordnen zu können. Sprachlich ist der Roman gespickt mit Wörtern, die für einen Großteil der Leser Neuland sein werden. Es werden jüdische Ausdrücke sowie Fremdwörter und Wortneuschöpfungen munter in den Text mit eingebaut. Die jüdischen Ausdrücke können dabei in einem im Anhang beigefügten Glossar aufgelöst werden. Fremdwörter und Neuschöpfungen erfordern ein Nachschlagen in Lexika. Und erst dort wird der Leser entscheiden können, in welche der Kategorien der nachgeschlagene Begriff fällt: einfach nur fremd oder tatsächlich nicht existent.
    Zur Handlung: Oreo ist eine junge Erwachsene, die gleich (mindestens) zwei diskriminierten Minderheitsgruppen angehört: jüdisch und schwarz. Das ist eine Mixtur, die bisher – nach meinem Wissen – literarisch nur wenig oder gar nicht in Erscheinung getreten ist. Der Autorin Fran Ross ist deshalb zu danken, dass sie die Aufmerksamkeit des Lesers auf diese in den Hintergrund gerückte gesellschaftliche Gruppe gelenkt hat.
    In jungem Erwachsenenalter begibt sich Oreo auf eine Reise, um die Suche nach dem früh aus ihrem Leben verschwundenen Vater aufzunehmen. Dabei trifft sie auf dem Weg eine Auswahl von skurrilen Typen, für die jeweils – bei Kenntnis der griechischen Sage – eine Entsprechung im klassischen Mythos gefunden werden kann. Das kann dem Leser durchaus Vergnügen bereiten, zumal die Geschichte mit einer ganz besonderen Art von Humor erzählt wird. Der Leser muss sich aber auch durch Sätze wie etwa:
    „Die Verwendung genito-skatologischer Begriffe als Ausdruck akademischen Verdrusses erschien ihr durchaus sinnhaft.“
    durcharbeiten.
    Mein Fazit:
    Ein Fazit über dieses Buch zu ziehen, fällt mir ungemein schwer. Ich hatte zwischendurch immer wieder mal einen Heidenspaß bei der Lektüre. Mindestens genauso häufig aber war ich einfach nur genervt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Buch etwas ganz Besonderes ist, dem ich ungemein gern auf die Spur gekommen wäre, fühlte mich aber letztlich leider im Wesentlichen überfordert, bei dem Versuch, dem Sinn des Buches nachzuspüren.
    Ich vergebe etwas unentschlossene 3 Sterne und verbleibe in ziemlicher Ratlosigkeit zurück.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Nov 2019 

    Mutig + Experimentell = OREO

    Sö mit ö. Da denkt man, man hat im Lauf der Jahres-(Lese-)Zeit schon krasse Bücher gelesen und – bämm – kommt eine Wiederentdeckung aus den 1970er Jahren hervor und beschert einem mal gerade eben DAS mutigste und experimentellste Werk 2019.

    Die Rede ist von „Oreo“, dem leider einzigen Roman der 1985 verstorbenen afroamerikanischen Schriftstellerin Fran Ross, der nun bei DTV erschienen ist.

    In selbigem „münzt“ Fran Ross die Theseus-Sage in die Suche der Romanheldin Oreo nach ihrem Vater um. Wer (wie ich) nicht viel Ahnung von griechischer Mythologie hat, dem mag das bis zum „erhellenden“ Kapitel „Schlüssel für Schnellleser, Antikenferne etc.“ gar nicht mal so deutlich auffallen. Trotzdem ist es interessant, im Nachhinein die Parallelen zu entdecken und sich die entsprechenden Szenen aus dem Buch (wieder) ins Gedächtnis zu rufen.

    Bis man als Leser*in nämlich zu besagtem Kapitel gekommen ist, hat man eine Odyssee der Sprache, des Witzes, aber auch der Fragezeichen hinter sich. Fran Ross schreibt nicht einfach so – nein: sie mischt die „normale“ Sprache mit jiddisch (ein Glossar findet sich im Anhang, was das Lesen etwas mühselig macht – aber man gewöhnt sich an alles *g*), fügt eigene Wortkreationen hinzu und würzt das Ganze mit viiiiiel Witz, (schwarzem) Humor, Sarkasmus – manches Mal möchte einem das Lachen am liebsten im Hals stecken bleiben, aber oft kann man gar nicht anders als über die absurd-komisch-überzeichneten, jedoch auch der Gesellschaft (nicht nur der damaligen, sondern auch der heutigen) den Spiegel vorhaltenden Episoden lauthals zu lachen oder zumindest zu grinsen. Hier zeigt sich (leider), dass die im Roman angesprochenen und kritisierten Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit usw. immer noch vorherrschen – erschreckend…

    Dieser Roman lebt von seiner Andersartigkeit – als Leser*in sollte man sich kurzzeitig von seinen „gewohnten“ Lesegepflogenheiten verabschieden und eintauchen in die kuriose Welt von Oreo und ihrer Familie. Wer sich jedoch drauf einlässt und bis zum Schluss „durchhält“ (ja, Durchhaltevermögen ist durchaus gefragt, siehe vorheriger Abschnitt *g*) wird mit einem trotz aller Kuriosität zum Nachdenken anregenden Roman belohnt.

    Ich verteile 5* und spreche eine absolute Leseempfehlung aus!

    ©kingofmusic

 

Flüster mir zu

Buchseite und Rezensionen zu 'Flüster mir zu' von Kerry Anne King
NAN
(0 Bewertungen)

Ein unfassbares Familiengeheimnis, das bis in die nächste Generation nachwirkt ‒ ein mitfühlender Roman von Washington-Post-Bestsellerautorin Kerry Anne King.

Ein kurzer Anruf, ein altes Foto ‒ und plötzlich ist alles anders: Maisey hat eine Zwillingsschwester. Ein schockierendes Geheimnis, das ihre Mutter jahrzehntelang für sich behalten hat.

Während sie alles daransetzt, den Geschehnissen um ihre Familie und ihre wiedergefundene Schwester Marley auf die Spur zu kommen, muss sie weitreichende Entscheidungen für ihre Eltern treffen, denn ihre Mutter liegt im Koma und ihr Vater zeigt Anzeichen von Demenz.

Als Maisey zu begreifen versucht, warum ihre Eltern ihr die Schwester verheimlicht haben, ist sie gezwungen, sich den eigenen dunklen Schatten in ihrer Beziehung zu ihrer Tochter Elle und zu deren Vater zu stellen.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:445
Verlag: Tinte & Feder
EAN:
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Tage in der Geschichte der Stille

Buchseite und Rezensionen zu 'Tage in der Geschichte der Stille' von Merethe Lindstrøm
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Eva und Simon haben ein schönes und erfülltes Leben: ein großes Haus, drei erwachsene Töchter, verdienter Ruhestand nach erfolgreichen Karrieren als Lehrerin und Arzt. Doch als Simon aufhört zu sprechen, beginnt die Vergangenheit an Eva zu nagen. Bedingt durch die Stille, die mit Simons Rückzug entsteht, macht sie sich auf die Suche im Gespräch mit sich selbst nach den erschwiegenen Flecken in ihren beiden Leben. Sie versucht sich zu öffnen, sich der Isolation und Stille zu entziehen, in der sie schon viel länger leben, als sie es sich eingestehen will. Sie sucht das Gespräch mit dem örtlichen Priester, arbeitet allein an ihrer Erinnerung und plötzlich tauchen einzelne Bilder auf, werden für sie wieder greifbar: der mysteriöse Einbrecher damals, als die Kinder noch klein waren, die jähe Entlassung der ehemaligen Hausangestellten, die ihnen doch beiden so nah stand. Doch während Eva ihrer eigenen Lebensgeschichte näher kommt, verschwindet Simon in sich selbst, verstummt zusehends, bis er fast kein Wort mehr herausbringt. Eva beginnt zu verstehen, dass seine Erinnerungen andere sind als ihre. Ein für die Poetik seiner Sprache mit dem Kritikerprisen 2011 und dem Literaturpreis des Nordischen Rates 2012 ausgezeichneter Roman, der zwischen Erinnerung und Vergessen oszilliert. Ein Buch über das Schweigen und die Liebe zweier Menschen, die sich am Ende eingestehen müssen, dass es Dinge gibt, die vielleicht immer unaussprechlich bleiben.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:221
EAN:
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Rezensionen zu "Tage in der Geschichte der Stille"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Okt 2019 

    Vom Schweigen und Verschwinden

    Eva, pensionierte Lehrerin, und Simon, Arzt im Ruhestand, leben in einem schönen Haus, die drei gemeinsamen Töchter sind längst erwachsen und ausgezogen. Simon ist deutlich älter und hat bereits mit den Malaisen des Alters zu tun. Er spricht nicht mehr, wirkt verwirrt, geht verloren. Ob es sich dabei um eine bewusste Entscheidung handelt oder um das Symptom einer Krankheit, bleibt lange ungewiss.

    „Seine schleichende Veränderung begann vor ein paar Jahren. Aber vielleicht war seine Rastlosigkeit schon lange zuvor da, vielleicht ist sie ein Ausdruck für etwas, das er sich lange gewünscht hatte. Sich davon zu machen.“ (S. 14)

    Eva, die Ich-Erzählerin, tut sich schwer mit dem Schweigen. Sie vermisst die Gespräche, empfindet die Stille als bedrückend. Neuerdings geht Simon zweimal wöchentlich in eine Senioreneinrichtung, die Töchter wollen die Mutter überreden, dass er ganz dorthin übersiedelt, um sie zu entlasten.

    Eva berichtet uns in Episoden aus ihrem und Simons Leben. Beide haben schon schlimme Dinge erlebt, die ihre Biografie prägen. Sie kennen zwar die Erlebnisse des jeweils anderen, konnten sich aber nicht einmal den eigenen Töchtern anvertrauen. Dadurch wird die Hemmschwelle immer höher und den Kindern ist es unmöglich, aktuelle Ereignisse und Entscheidungen ihrer Eltern nachzuvollziehen. Konflikte stellen sich ein.

    „Es gab keine Erklärung. Er konnte es niemandem erklären, es kam so plötzlich. Die Depression. In schweren Phasen war er manchmal mehrere Wochen da, ohne anwesend zu sein, ohne wahrzunehmen, wie die Tage vergingen. Nur ich wusste davon. Die Kinder nicht. Ich habe ihnen nichts erzählt, von der Sonnenfinsternis. Von den Verwandten, den ganzen Menschen aus der Vergangenheit, die weg sind.“ (S. 35)
    Das Schweigen und das Verschwinden sind zentrale Motive des Romans. Beide Eheleute empfinden unabhängig voneinander eine schwere Schuld, mit der sie fertig zu werden versuchen. Allerdings nicht miteinander, sondern jeder für sich – ohne Hilfe von außen.

    „Schuld ist relativ, antwortete ihr der Priester. (…) Und das Gefühl von Schuld entspricht wohl nicht immer der Härte des Verbrechens.“ (S.53)

    Über drei Jahre hatten sie eine Haushaltshilfe: Marija, die zur Freundin wurde. Aufgrund eines „Vorfalls“ musste sie gehen. Lange bleiben die näheren Umstände im Dunklen, es gibt nur Andeutungen und weitere Episoden.

    „Ich kann das Warum nicht erklären. Warum ausgerechnet Marija? (…)
    Wir haben sie hereingelassen. Wir hatten scheinbar die ganze Zeit auf sie gewartet.“ (S.85)

    Es baut sich von Beginn an Spannung auf. Was ist geschehen? Welche Erlebnisse der Vergangenheit haben noch eine dermaßen große Auswirkung auf die Gegenwart? Warum spricht Simon nicht mehr? Warum pflegt Eva das Grab eines unbekannten Jungen?

    Die Autorin hat ihren Roman genial komponiert. Gegenwart und Vergangenheit stehen im Wechsel. Immer, wenn sie an neuralgische Punkte kommt, wird wieder geschwiegen. Dennoch wird das Bild für den Leser immer vollständiger. Brillant gemacht.

    Hinzu kommt eine sehr hohe sprachliche Dichte. Ich habe langsam gelesen, die Formulierungen genossen. Es gibt Sätze zum Niederknien, zum Nachdenken. Nichts ist leicht, alles hat eine Bedeutung, man möchte die beiden Alten verstehen. Dennoch ist der Roman keinesfalls verkopft, sondern sehr gut lesbar.

    Am Ende versteht man die beiden Eheleute nicht unbedingt, dazu wird manches einfach verschwiegen. Aber die wesentlichen Sachverhalte liegen auf dem Tisch und laden zum Nachsinnen über das Gelesene ein. Das ist es, was ich von guter Literatur erwarte.

    Meine volle Lese-Empfehlung für diesen tiefgründigen und großartig geschriebenen/ übersetzten Roman! Ein Buch, das in Erinnerung bleibt und einen Dauerplatz in meinem Regal bekommt.

 

Mehr als die Erinnerung

Buchseite und Rezensionen zu 'Mehr als die Erinnerung' von Melanie Metzenthin
NAN
(0 Bewertungen)

Der neue Roman der Bild-Bestsellerautorin Melanie Metzenthin ist ein mitreißendes Porträt der zwanziger Jahre und ein bewegender Appell an die Liebe.

Gut Mohlenberg, 1920: In der Einrichtung für psychisch kranke Menschen kümmert die junge Medizinerin Friederike von Aalen sich liebevoll um die Patienten. Einer von ihnen ist Friederikes Mann Bernhard, der nach einer Hirnverletzung im Krieg ihre besondere Zuwendung braucht. Der schneidige Leutnant von einst erinnert sich an vieles nicht, aber mit seiner Frau verbindet ihn noch immer eine tiefe Liebe.

Da geschehen in der Gegend kurz hintereinander zwei grausame Morde. Man ist schnell bei der Hand mit den Verdächtigungen: Es muss einer der »Geisteskranken von Mohlenberg« gewesen sein! Doch Friederike würde für ihre Patienten die Hand ins Feuer legen und stellt heimlich eigene Nachforschungen an. Was weiß Walter Pietsch, der Mann mit den schlimmen Verbrennungen, den sie vor Kurzem erst eingestellt haben? Und welche Rolle spielt der hochintelligente, aber kühle Dr. Weiß? Zu spät begreift Friederike, dass sie mit ihren Fragen sich selbst und die Menschen in ihrer Nähe in große Gefahr gebracht hat …

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:379
Verlag: Tinte & Feder
EAN:
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