Lea: Novelle

Buchseite und Rezensionen zu 'Lea: Novelle' von Pascal Mercier
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Lea: Novelle"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:257
Verlag:
EAN:
read more
 

Aus der Zuckerfabrik

Buchseite und Rezensionen zu 'Aus der Zuckerfabrik' von Dorothee Elmiger
3
3 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Aus der Zuckerfabrik"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:239
Verlag:
EAN:
read more

Rezensionen zu "Aus der Zuckerfabrik"

  1. Wohin der Wind dich weht …. Oder: Des Kaisers neue Kleider.

    bewertet:
    1
    (1 von 5 *)
     - 18. Nov 2020 

    Kurzmeinung: Bisher das schwächste Buch des Deutschen Buchpreises 2020

    Wie der Rezensionstitel schon andeutet, weht in dem Roman „Aus der Zuckerfabrik“ der Gedankenwind der freien Kunst, der sowohl die Autorin wie auch die Leserschaft mal hierhin mal dorthin treibt. Wohin ist letztlich egal. Es gibt keinen Anfang und kein Ziel.

    Die Autorin überlässt es völlig ihren Lesern, die willkürlich aus ihren Gedanken und Erinnerungen oder mihtilfe von Literaturzitaten aus der Historie auftretenden und herbeizitierten Geistesgrößen und deren Gedankensplitter, zu ordnen. Was schwierig ist, denn ein Ordnungskonzept ist nicht erkennbar. Weder erkennbar noch vorhanden. Es geht im weitesten Sinne um Lust, um Erinnerungen, um Essstörungen, um Schönheit, um Erfassen der Welt, einfach um alles – und leider auch um nichts. (Nach allen Seiten offen - wird löchrig).

    Dies nennt man also experimentelle Literatur. Das ist erlaubt. Es ist sicher extreme Kunst, weil extrem künstlich. Aber ist es auch so interessant, dass jemand, nämlich die Leserschaft, derartige Gedenkensprünge nachvollziehen sollte? Äh, nein.

    Das muss zwar jeder für sich selber entscheiden. Ich breche diesen Roman jedenfalls nach 85 Seiten Quälerei und einigem Querlesen ab.

    Wie kommt „Aus der Zuckerfabrik“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises? Diese Juryentscheidung empfinde ich nicht als mutig, sondern als Zumutung und Provokation. So ist es wahrscheinlich auch gedacht.

    Wer, aus dieser Jury, hat einen Lustgewinn aus dieser Lektüre gezogen?Bitte aufzeigen! Denn dass der Begriff „Zucker“ ein Synonym für Genuß in jeder Variante, sogar für Lustexzesse sein soll, das versteht man. Mag sein, dass im Buch immant Gesellschaftskritik enthalten ist. Doch muss man tief graben, um sie zu finden.

    Nun kann ein Künstler experimentieren, Verlage können diese Experimente veröffentlichen, Kunstexperten können darüber diskutieren und sich daran ergötzen und diese Art Romane feiern.

    Aber eines dürfte schwierig werden, trotz aller Wertschätzung von Experten: diesen Roman zu verkaufen. Denn mir erscheinen solche Experimente, wie des Königs neue Kleider, da ist nix dahinter. Der König ist nackt

    Fazit: „Aus der Zuckerfabrik“ ist am besten auf einer Lesung aufgehoben.

    Kategorie: Experimentelle Literatur
    Verlag. Hanser 2020

  1. Ich habe Hunger, so liebe mich doch.

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 13. Okt 2020 

    Noch nie habe ich einem Buchpreis-Buch so ratlos gegenüber gestanden. ⠀

    Aber ich muss schweren Herzens sagen: “Aus der Zuckerfabrik” ist mir zu hoch. Es ist kein Roman, es ist kein Sachbuch, es ist kein Gedichtband, es ist kein Essay… Die Autorin selber bezeichnet es als Recherchetagebuch, und genau so liest es sich auch: wie ein Stapel zerfledderter Notizhefte, eine unsortierte Zettelsammlung, man kann die Kaffeeflecken förmlich sehen. Das ist nicht abwertend gemeint und kann sicherlich funktionieren – es ist auf jeden Fall unverbraucht und gewagt! –, aber ich bin letztlich daran gescheitert.⠀

    In einem Kapitel schildert die Autorin, wie sie ihre Aufzeichnungen und Materialien durchblättert und keinen Pfad durchs Chaos sieht, sondern nur den Ausgangspunkt, mit dem alles begann und alles in Verbindung steht: eine Auktion im Jahr 1986, bei der der Auktionator – “Prediger einer vulgären Messe” – zwei traditionelle afrikanische Frauenfigürchen mit abfälligen Worten verkaufte.⠀

    “Dann sind diese alten N—- auch weg da”⠀
    (Zitat)⠀

    Dort, wo alles anfing, verortet Dorothee Elmiger ihren “hypothetischen Speicher”, in dem sie gedanklich alles Wissen ablegt, das sie im Laufe ihrer Recherche zusammengetragen hat:⠀

    “Es gibt an diesem Ort keine feststehende Ordnung: Mit jedem Gang durch das Chaos, über die Ananasfelder von Monte Plata, durch die Pariser Vorstädte oder den längst vergessenen Garten eines Sanatoriums, über die sizilianischen Berge, vorbei an den russischen Bädern von Philadelphia zu den Ufern des Swan River in Australien, scheinen die Dinge in neue Verhältnisse zueinander zu treten.”⠀
    (Zitat)⠀

    Dorothee Elmiger häuft eine Unmenge an Themen, Fakten und Querverweisen an, die Quellenangaben nehmen für ein (semi)belletristisches Werk erstaunlich viele Seiten ein. Das wird von keinem Handlungsbogen, keiner leitenden Erzählerin zusammengehalten – das erzählende Ich taucht zwar häufig auf, aber ihre Wege durchs Buch sind verschlungen und rätselhaft.⠀

    Zugegeben: sie verstreut mehrfach wiederkehrende Bilder, Metaphern und ganze Szenen wie Hänsel seine Brotkrumen. Man kann sich daran entlanghangeln, sich so nach und nach selber sein Hexenhäuschen erbauen – genug Zucker dafür gibt es auf jeden Fall, denn der wird wiederholt eingebracht, mit all seinem geschichtlichen Ballast und seinen immer noch problematischen Konsequenzen.⠀

    Bilder, Metaphern und Satzfragmente werden in stets neue Zusammenhänge gestellt, zerlegt und anders wieder zusammengesetzt. Das ist zweifellos interessant, aber es kam mir unfertig vor – mehr als einmal beschlich mich das Gefühl, ich habe es hier nur mit dem ersten Entwurf eines Romans zu tun, der aus dem gesammelten Material erst noch entstehen soll und den ich dann durchaus gerne lesen würde.⠀

    “In diesem Moment trete ich vor oder meine ich es nur, ich ziehe eine Birne aus meiner Manteltasche und biete sie ihm an. Die Frucht schimmert im Licht der Straßenlaternen. Mehr habe ich nicht, flüstere ich, es ist eine gute Birne, nimm sie endlich.”⠀
    (Zitat)⠀

    Der Hunger ist ohne Frage ein Leitmotiv: in diesem Buch wird ständig gegessen, mehr oder weniger lustvoll, oft obsessiv und unkontrolliert – kaum ein Kapitel, in dem niemand isst oder nicht zumindest etwas zum Essen erwähnt wird. Doch die andere Seite der Medaille bleibt ebenfalls nicht unerwähnt, vor allem in Gestalt von Ellen West, einer berühmten Patientin des Schweizer Psychiaters Ludwig Binswanger. Sie litt an Depressionen, massiven Essstörungen und daraus folgendem kritischen Untergewicht, bis sie sich schlussendlich das Leben nahm.⠀

    Mit dem buchstäblichen Hunger geht der Hunger im übertragenen Sinne einher – die Gier in jedweder Form, die hier wie der Ursprung aller menschlichen Emotionen erscheint. Liebe und Obsession, Macht und Ohnmacht, Ausbeutung und Kapital, alles hat dort seinen Ursprung und wird von Dorothee Elmiger auch thematisiert. Der Zucker wird zum Inbegriff dieser Gier.⠀

    C., von dem die Erzählerin besessen ist, verspürt nur selten Hunger, was einen deutlich sexuellen Unterton hat. Ich habe Hunger, denkt sie, so liebe mich doch. J’ai faim, j’ai faim, j’ai faim…⠀

    ‘Gatekeeping’ wäre ein zu harter Ausdruck – aber…⠀

    Ganze Passagen in Englisch und Französisch werden nicht übersetzt, auch sonst wird eine gewisse Bildung erwartet. Es wird gar kein Versuch unternommen, diejenigen Lesenden abzuholen, deren Wissen nicht dem umfassenden der Autorin entspricht; ganz selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass dies oder jenes einfach bekannt ist.⠀

    Es gibt unzählige Verweise auf die unterschiedlichsten Themen, ein übergreifendes Ordnungsprinzip blieb mir indes verborgen.⠀

    Zum literarischen Personal des Buches gesellen sich zahlreiche Menschen aus unserer Realität, die zum Fundus der Allgemeinbildung gehören: Karl Marx wird mit dem gleichen beiläufigen Schwung in den Text geworfen wie Klaus Kinski, Deborah Levy, George Orwell, John Berryman, Chantal Akerman, Werner Bruni, Friedrich Dürrenmatt, Vaslav Nijinsky und viele etceteras.⠀

    Fazit:⠀

    Eine Handlung gibt es nicht, soll es laut Autorin auch gar nicht geben. Man blickt in ihre Gedankenwelt wie durch ein Kaleidoskop, sieht die Motive in bunten Fragmenten, in Textsplittern, die sich wieder und wieder ineinander spiegeln:⠀

    “DIE EROBERUNG DER NATUR ODER DER JUNGFRAU⠀
    DAS GEWALTSAME VORDRINGEN IN NEUE GEBIETE (ÜBERSEE)⠀
    DER HUNGER ALS VERFASSUNG*⠀
    DIE LIEBE usw.”⠀
    (Zitat)⠀

    Das Buch ist sicher experimentell und mutig, es bricht Genregrenzen auf, schert sich scheinbar nicht um Erwartungen und Konventionen. Die Sprache ist dabei kraftvoll und wartet mit zahlreichen wunderbaren, ausdrucksstarken Passagen auf. Daher hat es die Nominierung für den Deutschen Buchpreis sicher verdient.⠀

    Aber es las sich für mich persönlich auch sehr anstrengend und ermüdend. Letztendlich obliegt es meines Erachtens den Lesenden, sich nicht nur eine ganz eigene Bedeutung, sondern vor allem erstmal eine Struktur zu erschließen.⠀

  1. Ungewöhnlich, intensiv, packend

    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Okt 2020 

    „Wenn ich meine Hefte und Kopien durchblättere, die Abbildungen, Schemata und Fotografien, wenn ich die im Verlauf der vergangenen Monate erstellten Dateien öffne, sehe ich keinen Pfad, keine sich an den Rändern überlagernden, aufeinander hinweisenden Bilder, Illuminationen, sondern einen Platz, einen Punkt, von dem ich vor vier oder fünf Jahren ausgegangen bin; seither habe ich alles, was mir in die Hände fiel, alles, was ich so sah, das in einem Zusammenhang mit diesem ersten Ort zu stehen schien, dorthin zurückgetragen und vorläufig abgestellt auf diesem weitläufigen Platz.“ (Zitat Pos. 45)

    Inhalt
    Eine Ich-Figur, Schriftstellerin, sieht einen Dokumentarfilm über den ersten Schweizer Lottomillionär Werner Bruni und eine Szene, eine Versteigerung, ist einer der Auslöser für viele Fragen, die sich daraus ergeben. Der symbolische Gang durch ein Gestrüpp, am Beginn und am Ende des Buches steht für die immer neuen Verästelungen und Themen, die in Fragmenten auftauchen, durch neue Gedankenverbindungen unterbrochen und dann später irgendwann weitergeführt werden. Daraus ergibt sich ein vielfältiges Mosaik aus Themen und Fragen unserer Gesellschaft und Zeit.

    Thema und Genre
    An einer Stelle des Buches stellt die Ich-Figur fest, ihr Buch sei kein Roman, sondern ein Recherchebericht. Es geht um Zucker, als Metapher für Gier, Ausbeutung aus wirtschaftlichen Gründen, Geldgier, aber auch für Gier im Sinne von Begierde, die Sehnsucht nach Süßem, nach Liebe.

    Handlung und Schreibstil
    Es sind Fragmente, Geschichten, die zwischen den Jahrhunderten pendeln, Szenen und Auszüge aus Biografien, aus bekannten literarischen Werken, teilweise neu gedeutet und neu verknüpft. Von der Schweiz an die amerikanische Ostküste, mit Max Frisch nach Montauk, nach Port-au-Prince, zu den Sklaven auf den Zuckerplantagen auf Haiti, führt die Reise kreuz und quer, dokumentiert durch Notizen der Recherchen in Bibliotheken, dazwischen Tagebucheinträge, manchmal nur in Stichworten, Textauszüge und Originalzitate in mehreren Sprachen, die sich immer wieder neu um den Grundbegriff „Zucker“ ergeben, ohne Ordnung und dennoch irgendwie geordnet. „Jetzt alles noch einmal revidieren: Zu allen Dingen ein letztes Mal zurückkehren, sie ins Licht halten, befragen.“ (Zitat Pos. 2690)
    Eine literarische Achterbahnfahrt, manchmal episch schildernd, langsam sich steigernd, dann atemlos rasch, Satzteile, Ereignisse über Zeilen aneinandergereiht, weil ja auch in der Realität viele Dinge immer gleichzeitig geschehen, dazu kommen noch die sich dazu aufdrängenden Überlegungen und genau so will die Ich-Figur es auch erzählen. Das Ende?
    „Aber wenn du glaubst, es gebe ein Ende, dann täuschst du dich.“ (Zitat Pos. 2529)

    Fazit
    Ein ungewöhnliches Buch, das eine der Facetten der aktuellen Gegenwartsliteratur zeigt, komplexe Themen, kritische Fragen unserer Zeit in eine neue Form des Erzählens gebracht. Keine leichte Lektüre, aber gerade wegen dieser sprunghaften Gedankenläufe, der unvorhersehbaren, breit gefächerten Geschichtenfragmente interessant und packend und nach einem ersten erstaunten, etwas verwirrten Innehalten las ich mit neugieriger Begeisterung weiter, gespannt, wohin mich die nächste Seite führen würde.

 

Was Nina wusste: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Was Nina wusste: Roman' von David Grossman
3.75
3.8 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Was Nina wusste: Roman"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:312
Verlag:
EAN:
read more

Rezensionen zu "Was Nina wusste: Roman"

  1. Was Nina wusste

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Nov 2020 

    Frauenschicksal, Familienroman, Entwicklungsroman und eine Lektion in Europäischer Geschichte ist Davis Grossmans neuer Roman „Was Nina wusste“. Das Buch erzählt von Leid in einem totalitärem Regime, das Generationen später spürbar und greifbar ist. Und es erzählt auch davon, wie spätere Generationen einer Familie sich dem stellen und einen Ausweg für sich finden können. Davis Grossmans Roman beruht auf einer wahren Geschichte, und der Autor erzählt sie mit großem Können, sensibel und meisterhaft.

    Vera Bruck feiert im großen Kreis ihren 90.Geburtstag im Kibbuz, glücklich und aufgehoben in ihrer Familie. Die Enkeltochter Gili, mittlerweile 39 Jahre alt, beschließt eine. film über Vera zu drehen. Kurz danach tritt sie eine Reise in Veras düstere Vergangenheit an, und von dieser Reise berichtet das Buch. Vera und Gili, begleitet von ihrer Tochter Nina, Raffael, dem Stiefsohn Veras aus zweiter Ehe und zugleich Vater Gilis, reisen nach Kroatien. Der Weg führt auf den Spuren von Veras Vergangenheit schließlich auf die ehemalige Gefängnisinsel Goli Otok, wo Vera unter dem Diktator Tito inhaftiert gewesen ist. Veras Leben wird aufgerollt, sie erzählt von ihrer Kindheit, von ihrer Ehe mit ihrer großen Liebe mit dem Serben Milos Novak, den die Jüdin Vera 1936 im Alter von 18 Jahren heiratete, vom Deutschen Überfall auf das jugoslawische Königreich und dem nationalsozialistischen Judenmord, der Nachkriegszeit unter Tito und der Abkehr des kommunistische. Diktators von der Sowjetunion, als die politischen Verfolgungen in Jugoslawien begannen. Vera wurde verhaftet und Milos überlebte den Terror nicht. Schließlich zog Vera mit ihrer Tochter Nina nach Israel, lernte dort im Kibbuz 1963 ihren zweiten Mann und dessen Sohn Raffael kennen.

    Drei Frauengenerationen sind durch Veras Schicksal verbunden, und auf der Reise bewegen sich alle Geschichten um die Folgen des Todes von Milos, Veras über alles geliebten Ehemann. Selbst Gili, die erst Jahre nach der Tragödie zur Welt kam, lebt in diesem Schatten, denn sie war als Kind von ihrer Mutter Nina verlassen worden, und sie teilt dieses Schicksal mit ihrer Mutter Nina, die nach dem Tod von Milos und Veras Inhaftierung bei Fremden aufwuchs. Gili konnte zwar bei ihrem Vater Raffael leben, doch die beiden liebten und vermissten Nina schmerzlich. Nina lebte und lebt ein unkonventionelles nymphomanisches Liebesleben, bei dem Raffael nur der Beginn eines langen Protestweges gegen ihre Mutter Vera darstellt.
    Vier Versehrte einer zersplitterten Familie finden sich einem kleinen Citroën im heutigen Kroatien zusammen und versuchen gemeinsam, die Vergangenheit zu verstehen und sich einander zu nähern. Die alles entscheidende Frage, was Vera zu Titos Terrorzeiten passierte und warum sie Nina nicht schützen konnte, umkreisen alle Reisenden der Gruppe, und Vera stellt sich dieser Frage nur zögerlich.

    Gili erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht, als Mitglied der Gruppe, als versehrtes Familienmitglied und als Frau hinter der Kamera, die während der Reise im Jahr 2008 Aufzeichnungen macht. Sie kennt das größte Geheimnis ihrer Großmutter, ein Privileg, das Nina nie hatte. Gili ist letztlich der Mittelpunkt des Buches, um den sich der Plot dreht, und auch wenn letztlich Veras und Ninas Geschichte aufgerollt werden kommt man keiner der Figuren so nahe wie ihr.
    Nina, distanzierte titelgebende unschuldig Gepeinigte bekommt auf der Reise alles enthüllt, was sie bis dahin nicht wusste, und man leidet beim Lesen mit ihr und ihrem Schicksal, das ihr zuletzt Alzheimer beschert hat und die Panik vor dem Vergessen.
    Die alte Vera wächst ans Herz, stark, witzig und voller Lebensmut kämpft die alte Dame im hohen Alter gegen Israelische Besatzungspolitik. Als Mittelpunkt der Familie schafft David Grossman mit ihre ein Frauenportrait, das man umarmen und bewundern möchte, für das was sie erlebte und für das was sie jetzt ist.
    Für Vera Bruck stand ein reales Vorbild Pate - Eva Panic-Nahir, die 2015 im Alter von 97 Jahren verstarb, Freundin des Autors, dem sie ihre Lebensgeschichte erzählte.

    Mit Liebe und mit Härte hat David Grossman einen Roman geschaffen, dem man sich nicht entziehen kann, dessen Essenz kaum in Worte zu fassen ist und den man unbedingt selbst lesen muss, um sich ein Bild machen zu können davon, wie unbegreiflich Nachwirkungen eines schweren Risses Familien prägen, über Generationen, und dass es immer Hoffnung auf Heilung gibt.

  1. Ein Ereignis vergiftet das Leben dreier Frauen/dreier Generation

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Sep 2020 

    Ein Ereignis vergiftet das Leben dreier Frauen/dreier Generationen

    Ein geniales Buch! Hat mir wirklich sehr gut gefallen! David Grossmans Sprache ist einfach wunderbar! Und seine Zeichnung dieser wirklich sehr interessanten Frauen ist genial. Drei Frauen einer Familie, drei Generationen einer Familie und ein zurückliegendes Ereignis und dessen Folgen auf alle drei Generationen. Psychologisch dicht und durchdacht. Berührend, empathisch und bedrückend. Es gibt kein Gut und kein Böse. Jede Person hat beides in sich. Recht real wie ich finde. Und erst eine Konfrontation mit der Vergangenheit kann das Geschehene aufdröseln, erst eine umfassende Konversation ist hilfreich. Eigentlich sind das Dinge, die wir alle kennen, nur mit der Umsetzung hapert es manchmal. Was für mich auch wunderbar war, diese Personen sind mir nah und irgendwie wachsen sie einem ans Herz, auch wenn manche wirklich furchtbare Wesenszüge haben. David Grossman ist ein wirklich interessanter Autor, dessen Werk ich genauer betrachten werde, denn dieses Buch berührt mich, knipst mich an, wie ich es auch ausdrücke. Dieses Buch ist auch ungemein spannend, ich flog nur so durch die Seiten. Und wer problembehaftete Familiengeschichten und eckig gezeichnete Charaktere mag, ist hier vollkommen richtig. Von mir gibt es für dieses Buch 5 vollkommen verdiente Sterne!

    Drei Frauen - Vera, ihre Tochter Nina und deren Tochter Gili - verbindet ein Trauma. Ein Trauma, das Vera und Nina in Jugoslawien widerfährt, das sie nach Israel mitnehmen, und das auch Auswirkungen auf Gili haben wird. Drei Frauen und ihr Leben!

    Ein weiterer Punkt, der mir sehr gefallen hat, ist der reale Hintergrund. Die Figuren von Vera und Nina hat es wirklich gegeben. David Grossman hat die Geschichte der realen Personen als Grundlage für diesen Roman nehmen dürfen, dennoch ist dieser Roman eine Fiktion, denn David Grossman hat diese Geschichte natürlich etwas verändert.

  1. Familiäre Verstrickungen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Sep 2020 

    „Rafael war fünfzehn, als seine Mutter starb und ihn von ihrem Leiden erlöste.“ (S.7) Bereits mit diesem ersten Satz erfasst man den Charakter dieses Romans, in dem es im Kern um familiäre Verstrickungen, um Liebe, Verrat, Reue, Schuld und Scham geht. Rafael lebt zusammen mit seinem Vater Tuvia in einem Kibbuz in Israel, als der Teenager sich unsterblich in die geheimnisvolle, nur wenige Jahre ältere, Nina verliebt, die erst kurz zuvor gemeinsam mit ihrer Mutter Vera im Kibbuz eingezogen ist. Das Schicksal will es, dass Tuvia und Vera nach Ende der Trauerzeit heiraten. Die neue Stiefmutter versucht dem Jungen ein liebevoller Mutterersatz zu sein. Nina entzieht sich der Familie jedoch, sie verlässt den Kibbuz und wird jahrelang nicht gefunden.
    Rafael leidet unter ihrer Abwesenheit, sie ist die Liebe seines Lebens. Irgendwann wird seine permanente Suche belohnt. Nina wird eine Weile sesshaft, die beiden führen eine schwierige Beziehung, sie bekommen eine Tochter, Gili. Nach etwa drei Jahren hält es die unstete Nina nicht mehr aus. Sie zieht erneut von ihren Dämonen getrieben in die Welt.

    Anlässlich des 90. Geburtstages ihrer Oma Vera beginnt die mittlerweile 36-jährige Gili, die Familienchronik zu recherchieren und zu hinterfragen. Wie ihr Vater arbeitet sie in der Filmbranche. Das macht es naheliegend, eine Filmdokumentation mit Interviews aller Familienmitglieder vorzubereiten.
    Auch Nina ist zum Geburtstag ihrer Mutter angereist. Es ist sofort augenfällig, dass die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern schwer gestört sind. Gili kann das frühe Verlassenwerden von ihrer Mutter nicht verzeihen, sie wird zwischen Anziehung und Ablehnung hin- und hergerissen. Auch Nina hat ein dysfunktionales Verhältnis zu ihrer Mutter Vera. Ursachen scheinen auch bei ihr traumatische Erlebnisse aus der Kindheit zu sein. Eine diagnostizierte schwere Krankheit macht Nina etwas zugänglicher. Sie bleibt und öffnet sich für das Filmprojekt.

    Die Ich-Erzählerin ist Gili. Sie führt den Leser zunächst in das komplizierte Familiengeflecht ein, indem sie verschiedene Episoden aus der Vergangenheit zusammenträgt. Ihre wichtigsten Bezugspersonen sind ihr Vater und Oma Vera, viele Informationen hat sie zwangsläufig von ihnen erhalten.

    Im Rahmen des Filmprojekts werden sich die Frauen zum ersten Mal seit Jahren mit den Brüchen ihrer Familiengeschichte konfrontieren und sich gemeinsam darüber auseinander setzen. Das führt zu Diskussionen und Konflikten, zu intensiven Gefühlen; verschwiegene Wahrheiten und Geheimnisse brechen aus ihnen heraus. Der Leser erfährt immer mehr, kann sich nach und nach ein komplettes Bild der Figuren und ihrer Traumata machen. Dabei muss man nicht alles verstehen oder gar gutheißen. Grossman versteht es, die Charaktere seiner Protagonisten differenziert und vielschichtig anzulegen. Es gibt nicht nur gut oder nur schlecht.

    Höhepunkt des Romans ist eine gemeinsame Reise, die zunächst nach Kroatien in Veras Heimatstadt Cakovec führt, wo sie einst Ninas Vater Milos kennen- und lieben lernte. Ihre Geschichte wird blumig, zu Übertreibungen neigend, erzählt. Manche Episode mutet auch skurril an, doch man nimmt sie dieser alten jüdischen Dame ab. Doch diese Ablenkungen währen nur kurz, denn Veras Geschichte findet ihren tragischen Ausgang auf der Gefängnisinsel Goli Otok. Nach dem Tod ihres Mannes wird sie der Spionage verdächtigt und für fast drei Jahre dort eingesperrt. Sie muss Zwangsarbeit leisten und ihre 6-jährigeTochter Nina zurücklassen - ein Verhängnis, das sie lebenslang begleitet.

    Die Erinnerungen Veras an das Lager Goli Otok werden durch eine andere Schriftart und Erzählperspektive abgehoben. Für mich waren diese Abschnitte die Highlights des Buches. Man hat schon oft über die Zustände in Lagern von Unrechtsstaaten gelesen, hier gelingt es besonders intensiv, bewegend und authentisch. (Man sollte wissen, dass es für die Figur der Vera eine reale Person gegeben hat: Eva Panic-Nahir war eine in Jugoslawien hoch angesehene Frau, die fast drei Jahre auf der Gefängnisinsel Goli Otok zubringen musste. Das ist der Ort, an den unter Tito die vermeintlichen Dissidenten des Regimes verbracht wurden. Die beschriebenen Erlebnisse dürften weitgehend der Wahrheit entsprechen. Grossman war mit der vor wenigen Jahren verstorbenen Eva Panic-Nahir befreundet und hatte die Erlaubnis, ihre Lebensgeschichte fiktional zu bearbeiten.)

    Die Stärke des Romans ist seine bild- und facettenreiche Sprache. Die Dilemmata der weiblichen Charaktere werden sehr gut ausgearbeitet. Rafael bleibt im Hintergrund für meinen Geschmack etwas blass. Der Roman entwickelt immer mehr Dramatik. Das muss man mögen. Grossman lässt die Handlung sehr gezielt auf einen Höhepunkt zusteuern, der von Naturgewalten, unglücklichen Zufällen und Gefahren begleitet wird. Das war mir persönlich etwas viel. Die Geschichte an sich hat ein so großes Potential, sie beginnt so intensiv, dass man sie auch etwas leiser mit weniger Wucht hätte erzählen können. Außerdem empfand ich manche Länge, kreiste der Roman doch immer wieder um das Seelenleben seiner drei Protagonistinnen, ohne im Kern zu neuen Erkenntnissen zu führen. Zudem passte aus meiner Sicht die Auflösung am Ende nicht zu den zuvor höchst kompliziert angelegten, lange schwelenden Konflikten.

    Ich empfehle diesen Roman allen Freunden komplizierter Familiengeschichten. „Was Nina wusste“ ist kein Roman, der fröhlich stimmt. Er setzt sich mit einem Stück europäischer Zeitgeschichte auseinander, ohne sehr politisch zu werden. Alles dreht sich um drei Frauenfiguren einer Familie, die unter großen Verlusten leiden und gemeinsam versuchen, ihre Traumata zu überwinden.

  1. Unausgewogen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Sep 2020 

    Wunderbares Thema: Eine Familientragödie, die noch in der dritten Generation Auswirkungen hat. Die 90jährige Vera hat im damaligen Jugoslawien eine Entscheidung getroffen, die ihre Tochter schwer verstört hat. Die wiederum hadert mit der eigenen Mutterrolle. Enkelin Gili möchte es jetzt wissen, befragt die Oma und dreht einen Film darüber. Was ist passiert und was wusste Nina, ihre Mutter?

    David Grossman schreibt wunderbar, plastisch, eindringlich, poetisch, und entschlüsselt gekonnt dieses vertrackte Beziehungsgeflecht. Hier erzählt jeder mal ein bisschen, was einen spannenden Flickenteppich ergibt, der sich zur Familiengeschichte mausert, die mit den politischen Unruhen in Jugoslawien zu Titos Zeit ihren Anfang nimmt.

    Das sind die Pluspunkte dieses Buches: Erzählerische Raffinesse, spannendes Thema, einfühlsame psychologische Analyse der Figuren, alle Zutaten, die ein grandioses Buch braucht. Nur belässt es der Autor nicht dabei. Er will auch noch große Kunst und ewige Liebe, der ein Denkmal gesetzt werden muss. Gili und ihr Vater Rafael sind Filmprofis und so filmen sie nahezu besessen, jeden Moment, jedes Wort, jede Regung, verlieren dabei aber aus den Augen, dass es hier nicht um die Oskarnominierung geht. Und um dem Projekt zusätzliches Gewicht zu verleihen, zaubert er noch eine Alzheimererkrankung aus dem Hut. Unnötig.

    Grossman setzt auf große Gefühle, vergisst dabei aber den historischen Background zu beleuchten. Vera und ihr Mann waren im Untergrund gegen das Tito-Regime aktiv, erfährt man hier im Nebensatz und hätte gerne mehr erfahren. Die eigentliche Tragödie, verursacht durch die Repressalien eines diktatorischen Regimes tritt zurück hinter einem aufgebauschten Gefühlsdilemma, Liebe gegen Verantwortung, Mutterliebe gegen Familienehre. Schade.

    Man spürt das emotionale Engagement des Autors, der, wie er im Nachwort erzählt, Eva Panić-Nahir persönlich gesprochen hat. Auf ihrer Geschichte beruht dieses Buch, eine tragische Geschichte, die wirklich erzählenswert ist und es nicht nötig hat, mit Effekten ausgeschmückt zu werden.
    Der tolle Erzählstil gleicht vieles aus, es ist durchaus lohnend, dieses Buch zu lesen. Es ist nur eher ein Rührstück geworden, was das Zeug zu großem Kino gehabt hätte.

 

Elbwärts: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Elbwärts: Roman' von Thilo Krause
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Elbwärts: Roman"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:211
Verlag:
EAN:
read more
 

Der doppelte Felix

Buchseite und Rezensionen zu 'Der doppelte Felix' von René Bote
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der doppelte Felix"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:0
Verlag:
EAN:
read more
 

Seiten