Ada: Roman

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Rezensionen zu "Ada: Roman"

  1. Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 28. Okt 2020 

    Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?

    Wie seine Schauspielerkollegen Robert Seethaler, Matthias Brandt, Joachim Meyerhoff, Axel Milberg oder Ulrich Tukurs ist inzwischen auch der 1957 geborene Christian Berkel unter die Romanautoren gegangen. Sein Debüt "Der Apfelbaum" habe ich 2018 leider verpasst. Nun habe ich seinen zweiten Roman gelesen, "Ada", ohne zunächst zu wissen, dass er eine Fortsetzung darstellt. Zwar muss man den ersten Teil nicht unbedingt kennen, weil die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben von Adas Eltern und Großeltern kurz angerissen werden, aber hilfreich wäre es trotzdem gewesen. Vor allem aber habe ich den Eindruck gewonnen, dass mich der erste Teil thematisch mehr interessiert hätte. Sala, die Protagonistin in "Der Apfelbaum" und Mutter von Christian Berkel, war Halbjüdin und wurde während des Zweiten Weltkriegs unter anderem im Lager von Gurs nördlich der französischen Pyrenäen interniert, dessen eindrucksvolle Gedenkstätte und jüdischen Friedhof ich im Sommer 2020 besucht habe. Ada, die Tochter, wird im von einem großen Schweigen geprägten Nachkriegsdeutschland groß:

    "Sie hatten sich ihr Schweigen ebenso hart erarbeitet wie die scheißenden Tauben unseren Dachboden. […] Sie wollten ihre Ruhe. Sie wollten in ihrem Schweigen nicht gestört werden. Nur das interessierte sie.
    „Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?“" (S. 334)

    Während im ersten Teil der geplanten Trilogie mit Christian Berkels Eltern Sala und Otto zwei reale Personen Pate für den Roman standen, ist deren Tochter Ada, die Protagonistin und Ich-Erzählerin im zweiten Band, fiktiv. 1945 in Leipzig geboren und im Alter von zwei Jahren mit ihrer Mutter nach Argentinien ausgewandert, kehrte sie 1954 in ein ihr fremdes Land mit fremder Sprache und unbekannter Geschichte zurück.

    Ada besteht aus drei Teilen mit den Überschriften „Erinnern“, „Wiederholen“ und „Durcharbeiten“. Der Beginn jedes Teils sowie das Ende des Buches spielen in den Jahren 1989 bis 1993, und handeln insbesondere vom Versuch Adas, ihr Leben mit Hilfe einer Gesprächstherapie zu ordnen. Sie blickt auf ihre von dysfunktionaler Familienkommunikation geprägte Kindheit und Jugend zurück, die sich vor dem Hintergrund von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Mauerbau, Angst um West-Berlin und Aufbegehren der Jugend gegen das Schweigen ab Ende der 1960er-Jahre abspielte. Einerseits teilt Ada damit das Schicksal ihrer Generation, andererseits ist in ihrer Familie das Schweigen noch lauter, denn die Eltern enthalten ihr nicht nur Informationen über den eigenen Leidensweg und ihr Judentum vor, sondern ignorieren auch Adas Zweifel über Ottos Vaterschaft.

    Ein zwiespältiger Leseeindruck
    So spannend die Thematik des Romans unzweifelhaft ist, hatte ich mit der Umsetzung doch meine Schwierigkeiten. Obwohl Adas Verhalten, ihre innere und äußere Unruhe, ihre Rebellion gegen die mühsam aufgebaute Heile-Welt-Fassade und die Mauer des Schweigens, ihre Identitätssuche, ihre Drogenexperimente und schließlich ihr Bruch mit der Familie erklärlich sind, blieb sie mir doch als Figur sehr fremd. Mit einem auktorialen Erzähler oder wechselnden Erzählperspektiven, deutlichen Kürzungen im zweiten Teil und weniger direkter Rede hätte mir das Buch sicher besser gefallen. Statt alle Stationen der 68er-Bewegung kurz anzureißen und Ada bei der Anti-Schah-Demonstration ausgerechnet auf Benno Ohnesorg treffen zu lassen, hätte ich mir eine Fokussierung mit mehr Tiefgang gewünscht.

    Als Fazit bleibt mein Wunsch, den Vorgängerband möglichst bald zu lesen. Auf den Abschlussband der Trilogie werde ich dagegen verzichten.

  1. Eine Suche nach Identität

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Okt 2020 

    Ada wird 1945 in Leipzig geboren. Die ersten Jahre ihres Lebens verbringt sie mit ihrer Mutter in Argentinien, da diese Jüdin ist. Von einem Vater fehlt jede Spur, bis die beiden 1954 nach Deutschland zurückkehren und nun in Berlin leben. Dort treten zwei Männer in Adas Leben - Otto und Hannes. Mit beiden scheint ihre Mutter eine gemeinsame Vergangenheit zu teilen, und obwohl es Otto ist, der von nun an offiziell als Adas Vater gilt, bleibt in Ada stets ein leiser Zweifel zurück. Die Frage nach ihrer wahren Identität dehnt sich auch aus auf ihre Nationalität und ihre Religion: Ist sie Deutsche, weil dort geboren, oder Argentinierin, weil dort aufgewachsen? Jüdin, da ihre Mutter eine ist, oder Christin, weil sie so erzogen wurde? Oder ist sie alles davon, oder, schlimmer - nichts? Ada selbst äußert ihrem Psychologen gegenüber, den sie später als 45-Jährige aufsucht, sie habe eine glückliche Kindheit verlebt. Und dennoch steht hinter allem stets die Suche nach einer Identität, die Frage nach Heimat und Zugehörigkeit.

    Mit Ada schenkt Berkel seinem Roman eine sympathische, vielschichtige Protagonistin. Aus der Ich-Perspektive geschrieben ermöglicht er dem Leser einen tiefen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt Adas, die sich schon als kleines Mädchen mit vielen schwierigen Themen auseinandersetzen muss, was nicht zuletzt dem gerade erst überstandenen Krieg geschuldet ist. Die Erwachsenen sind Ada keine große Hilfe, denn kaum jemand ist bereit dazu, die Vergangenheit neu aufleben zulassen, und auch Adas Mutter selbst weicht den Fragen ihrer Tochter aus.

    Der Schreibstil gefiel mir gut, trotz der ernsten Thematik musste ich beim Lesen manches Mal schmunzeln. Es gelingt Berkel, die Kulisse der Nachkriegszeit glaubhaft und eindringlich nachzuzeichnen und an vielen Stellen wird die Melancholie, das Bedrückende, geradezu greifbar. Man kann der Geschichte gut folgen, und es macht auch nicht wiklich etwas, wenn man Berkels Debüt "Der Apfelbaum" vorher nicht gelesen hat. Vielleicht hätte das die ein oder andere Frage zur Vergangenheit der Eltern Adas geklärt, aber ich bin auch so zurechtgekommen - ich war in vielen Punkten eben genauso unwissend wie Ada.

    Trotz aller positiven Aspekte hat mir irgendetwas gefehlt. Manche Szenen fand ich zu ausführlich, andere kamen mir dagegen zu kurz vor, da hätte ich mir mehr Tiefgang gewünscht. Außerdem war mir das Ende zu abrupt und nach dem Lesen hatte ich den Eindruck, dass da noch irgendetwas hätte kommen müssen.

    Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn ich nicht zu hundert Prozent damit warmgeworden bin!

  1. Auf der Suche

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Okt 2020 

    Christian Berkel hat mit „ Ada“ eine Fortsetzung seines Bestsellers „ Der Apfelbaum“ geschrieben.( Das Buch lässt sich aber ohne Kenntnis des Vorgängerromans lesen.). Auch hier bedient er sich seiner komplizierten Familiengeschichte. Im „ Apfelbaum“ stand die Großeltern- und Elterngeneration im Zentrum; dieses Mal geht es um die Tochter. Allerdings ist hier die Protagonistin eine fiktive Figur.
    Ada, die kurz nach Kriegsende mit ihrer jüdischen Mutter Sala nach Argentinien emigriert ist, kehrt 1954 als Neunjährige nach Deutschland zurück. Alles wirkt fremd und kalt auf das Mädchen, die deutsche Sprache kann sie kaum. Doch Ada hofft, endlich eine richtige Familie zu haben. Als die Mutter ihr nacheinander zwei Männer vorstellt mit der Frage, welchen sie lieber als Vater möchte, entscheidet sich Ada für Otto, der ihr ein Fahrrad geschenkt hat. Doch zeitlebens wird sie sich fragen, ob ihre Entscheidung richtig war und wer wirklich ihr Vater ist. Sala und Otto heiraten. Otto arbeitet zunächst als Arzt in einer Klinik, bevor er sich mit einer eigenen Praxis selbständig macht. Ein kleiner Bruder kommt, Sputnik, der Liebling der Eltern.
    Ada ist ein verschlossenes Kind; Freunde findet sie nur schwer. Antworten auf ihre Fragen bekommt sie nicht.
    Es sind die Jahre des Wirtschaftswunders. Die Deutschen arbeiten an ihrer Zukunft, von der Vergangenheit möchten sie nichts hören. Überall herrscht das große Schweigen. „ ...selbst Eheleute schwiegen über das, was sie im Krieg erlebt hatten.“
    Ada erfährt von anderen, dass ihre Mutter Jüdin ist ( und somit sie auch selbst), dass Sala im KZ interniert war.
    Sexualität ist ebenfalls ein Tabuthema, über das nicht geredet wird. Ada macht deshalb völlig unaufgeklärt erste sexuelle Erfahrungen, die nicht ohne Folgen bleiben.
    Als Jugendliche beginnt sie zu rebellieren. Sie sehnt sich nach Freiheit, will weg von den Eltern. Sie zieht in eine Wohngemeinschaft, besucht Rock- Konzerte, probiert Drogen. Sie ist dabei, als gegen den Schah von Persien demonstriert wird, als Benno Ohnesorg erschossen wird. Sogar das legendäre Woodstock- Konzert erlebt sie mit. Ihre Erfahrungen sind typisch für viele der 68- Generation.
    Adas Geschichte bekommen wir im Rückblick geschildert. Sie ist mittlerweile Mitte Vierzig und sucht Hilfe beim Psychotherapeuten. Ihm erzählt sie ihre
    „ ganze verdammte Lebensgeschichte“.
    Christian Berkel konzentriert sich dabei auf die Zeit der 50er und 60er Jahre; danach bleibt eine Leerstelle. Vielleicht erfahren wir im geplanten dritten Teil mehr darüber.
    „ Ada“ ist der Roman einer Generation: Aufgewachsen nach dem Krieg, in einer Zeit des Verdrängens und Verschweigens. Dagegen lehnen sich die Jugendlichen auf; sie wollen endlich Antworten auf ihre Fragen.
    Christian Berkel schreibt schnörkellos und klar. Sehr gut kann er sich einfühlen in die Gefühlswelt eines Mädchens, einer jungen Frau, die auf der Suche ist nach ihrer eigenen Identität und ihrem Platz in der Welt.
    „Ada“ ist ein Buch, das ich gerne gelesen habe und ich bin schon gespannt auf den letzten Teil dieser Familien- und Zeitgeschichte.

 

Zwischenspiel: Roman

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Ketzer (Unionsverlag Taschenbücher)

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Mit Baťa im Dschungel

Buchseite und Rezensionen zu 'Mit Baťa im Dschungel' von Markéta Pilátová
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mit Baťa im Dschungel"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:280
Verlag:
EAN:9783990293829
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Goldkind: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Goldkind: Roman' von Claire Adam
4
4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Goldkind: Roman"

Es ist dunkel. Insekten umschwirren das Licht im Hof, und der Wachhund sitzt am Tor. Ein Junge ist nicht nach Hause gekommen, und seine Familie wartet ängstlich auf seine Rückkehr. Ein Vater tritt in die Dunkelheit, um nach seinem Sohn zu suchen. Clyde macht sich Sorgen um Paul, der nicht von seinem Streifzug durch den Busch zurückgekommen ist. Auf Trinidad bleibt man zu Hause, wenn die Sonne untergegangen ist. Vor allem aber ist Clyde wütend, denn schon immer hat sein Sohn ihm Ärger bereitet, ganz anders als dessen alles überstrahlender Zwillingsbruder Peter. Stunden vergehen, Tage. Schließlich melden sich Entführer. Als Clyde begreift, worum es ihnen geht, steht er vor einer ungeheuerlichen Entscheidung: Darf er wirklich das Leben eines seiner Kinder zugunsten des anderen opfern?

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:272
Verlag:
EAN:9783455005981
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Rezensionen zu "Goldkind: Roman"

  1. Goldkind und Tarzan

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Aug 2020 

    Die Karibikinsel Trinidad irgendwann in den 1980ern. Clyde Deyalsingh lebt dort mit seiner Frau Joy und den 13-jährigen Zwillingssöhnen Peter und Paul in ärmlichen Verhältnissen. Seit die Familie Opfer eines Raubüberfalls wurde, ist es auch ein Leben in Angst. Dann ist eines Abends Paul verschwunden. Nach Tagen ohne Lebenszeichen, melden sich Entführer und verlangen Lösegeld für Paul. Clyde muss eine Entscheidung treffen über das Leben seiner Söhne.
    Goldkind ist der erste Roman von Claire Adam. Geboren und aufgewachsen auf Trinidad lebt und schreibt die Autorin heute in London. Für ihr Debüt wurde Claire Adam mit dem Desmond Elliot Prize 2019 ausgezeichnet.
    Es ist eine sehr traurige und verstörende Geschichte, die Claire Adam erzählt. Die Deyalsinghs ist eine Familie indischer Herkunft (die Nachfahren indischer Arbeiter machen etwa 40 % der Bevölkerung Trinidads aus). Peter und Paul sind Zwillinge, die unterschiedlicher nicht sein können. Peter ist schon von klein begnadet kluges Kind mit hervorragenden schulischen Leistungen. Paul der Zweitgeborene, hatte einen schwereren Start ins Leben. Aufgrund eines Sauerstoffmangels bei der Geburt wird er als zurückgeblieben abgestempelt, er ist hochsensitiv, hat Lernschwierigkeiten, zeigt meiner Meinung nach Symptome von Asperger Autismus. Während Peter brav und angepasst ist, fällt Paul auf, als Kind mit Schreianfällen, später mit wilder Mähne und schäbigem Aussehen, weshalb er den Spitznamen Tarzan davonträgt.
    Der Vater – Clyde – versucht, seine Familie gut zu versorgen, ist aber immer und immer wieder auf Geldzuwendungen von Joys Onkel angewiesen. Geld und Familie, das ist ein brisanter Nährboden für allerhand Konflikte. Es ist ein täglicher zermürbender Kampf ums Überleben. Denn das Trinidad, das hier geschildert wird ist fern ab vom Bacardi-Feeling einer Karibikinsel. Geringe Löhne, schlechte Infrastruktur, Korruption, Drogen, Gewalt – es ist eine immerwährend drehende Spirale der sozialen Ungerechtigkeit.
    „Es gibt zwei Sorten Männer auf der Welt, denkt Clyde, zwei Sorten Väter. Die eine Sorte arbeitet hart und bringt das ganze Geld mit nach Hause und gibt es der Frau für den Haushalt und die Kinder. Die andere Sorte tut das nicht. Und niemand hat Einfluss darauf, welche Sorte Vater er erwischt. So einfach ist das.“
    Am Abend von Pauls Verschwinden macht sich Clyde auf die Suche nach seinem Sohn, in den Busch, den Paul oft als Rückzugsgebiet wählt. Noch glaubt er an simplen Ungehorsam seines „schwierigen“ Kindes.
    „Schlangen, Frösche, Agutis, die ganzen nachtaktiven Viecher oder Geister oder was auch immer. La Diablesse und Papa Bois und wie sie alle heißen. Nicht, dass er an diesen Quatsch glauben würde. Aber auch er findet, dass sich die Menschen in einem Gebiet aufhalten sollten und die Geister in einem anderen.“
    Es sind keine mystischen Geister, die in diesem Buschwerk zu Hause sind, es ist das ganz reale und banal menschliche Böse. Und es beschwört ein moralisches Dilemma herbei. Um Pauls Leben zu retten, muss er in Kauf nehmen Peters Leben zu zerstören. Dazu schlägt er jede Hilfe und Unterstützung aus, die sich ihm bietet.
    „Paul, möchte er sagen. Was ist mit Paul?“
    Goldkind oder Tarzan? Noch lange nach dem Lesen lässt sich über dies Frage nachdenken.

  1. Ein Tropenparadies ?!?!?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Aug 2020 

    Die Handlung dieses Buches spielt sich in den 80ern in Trinidad ab und beschreibt das Leben einer sozial niedrig gestellten indischen Familie aus Tiparo (Talparo?), einer Kleinstadt auf Trinidad. Was mich etwas verwundert hat. Ich wusste noch nichts von einer indischen Bevölkerung auf Trinidad, einer Insel, die vor Venezuelas Küste liegt. Ich wusste nur von einer indischen Bevölkerung in Suriname. Dann ist diese indische Familie noch recht bildungsfern. Das Leben dieser Familie und ihres Umfeldes/ihrer indischen Großfamilie zu schildern gelingt Claire Adam ganz gut, wenn auch anfänglich etwas langatmig, bevor der Leser immer mehr in ein Grauen hineingezogen wird, dem niemand mehr entkommen kann. Immer mehr verstört dieser Blick auf die Großfamilie, deren Zusammenhalt eh nicht besonders stark war, aber durch ein monströses Geschehen vollkommen auseinanderbricht. Wobei dies aber auch etwas verwundert. Denn diese indische Großfamilie wirkt nicht wie eine solche, es fehlt der Zusammenhalt und die Großfamilie wirkt nicht, als ob sie an einem Strang ziehen würde. Der Teil der Familie, der hier im Vordergrund steht, Clyde Deyalsingh, der Vater und Joy, seine Frau und deren Zwillingssöhne Peter und Paul, lebt ärmlich und bildungsfern, zumindest die Eltern, die Kinder gehen auf die Schule, wobei Peter eine Koryphäe zu sein scheint und ein teures Studium anstrebt. Sie bekommen etwas finanzielle Hilfe von Joys Onkel Vishnu Ramcharan, einem Arzt und etwas Hilfe im Haushalt von Joys Mutter Mousey Ramcharan. Vishnu verhilft Clyde auch zu einem besser bezahlten Job. Der restliche Teil der Familie kommt zwar immer wieder zu Besuch, besonders innig oder besonders indisch wirkt aber ihr Miteinander nicht. Da gibt es Joys großen Bruder Philip, ein Anwalt mit seiner englischen Frau Marylin und deren Tochter Anna. Und ebenso gibt es Joys Bruder Romesh, ein Transporteur mit dubiosen Kontakten ins Drogenmillieu und dessen Frau Rachel und deren Sohn Sayeed. Beide haben größere Häuser als die Deyalsinghs, erstere in der Hauptstadt Port of Spain, letztere ebenso in Tiparo. Obwohl beide Familien sozial bessergestellt sind, beäugen beide neidisch Vishnus Taten. Ein weiterer Punkt, der am Gefüge der Familie Deyalsingh nagt, ist der Umstand, dass es bei der Geburt der Zwillinge Probleme gegeben hat. Bei Peter, dem ersten Kind lief alles gut, aber bei Paul gab es Komplikationen, ein Sauerstoffmangel bei der Geburt. Etwas, was Paul in den Augen der Familie Deyalsingh und auch der Großfamilie zu einem Behinderten und Zurückgebliebenen macht. Doch ist Paul das wirklich? Dann passieren den Deyalsinghs mehrere Unglücke, an deren Ende ein Raubüberfall und daran anschließend eine Entführung und Lösegelderpressung stattfindet. Paul wurde entführt und Clyde trifft Entscheidungen, schwerwiegende Entscheidungen. Das Geschehen stellt eine Frage nach der Schuld in den Vordergrund, die aber nicht beantwortet werden kann. Und auch dadurch wird dieses Buch zu einer anklagenden Gesellschaftskritik. Trinidad scheint kein erstrebenswerter Ort zu sein. Auch wenn die Kulisse malerisch anmuten möchte.

  1. Leben auf Trinidad

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Jan 2020 

    Clyde und Joy sind einfache Leute und sie sind in Trinidad ansässig. Von dem kleinen Ort, an dem sie leben wird nichts berichtet. Auch sonst wird nichts Spezifisches bekannt von dem uns doch so unbekannten fernen Land. Das ist wahnsinnig schade. Dennoch schafft es die Autorin mit relativ wenigen, allerdings sehr allgemein gehaltenen Mitteln, die Atmosphäre von Dschungel, Ärmlichkeit und Bedrohung darzustellen.

    Clyde ist englischstämmig, hat aber eine hiesige Hindu geheiratet. Deren riesige Verwandtschaft hält das Paar in Atem. Jedes Wochenende fallen diese bei ihnen ein wie ein Schwarm Fliegen. Die anderen Verwandten halten sich bedeckt, bei ihnen ist das Familientreffen selten. Clyde tut sein Bestes, aber irgendwie wächst ihm alles über den Kopf. Und dann ist da noch sein Sohn Paul, von dem Onkel Vishnu, der Arzt, gesagt hat, er sei durch Sauerstoffmangel bei der Geburt etwas zurückgeblieben. Das stimmt gar nicht, meint ein Lehrer, der sich mehr Mühe mit Paul gibt als die anderen, aber auch ihm ist Legasthenie unbekannt.

    Paul und Peter sind Zwillinge. Während Peter leicht durchs Leben gleitet, war Paul ein Schreikind und macht Probleme … Als Paul entführt wird und ein hohes Lösegeld für seine Freilassung gefordert wird, gerät Clyde in eine Zwickmühle. Was soll er tun. Er hat Geld gespart. Aber dieses Geld ist dafür bestimmt, dass Peter ins Ausland geht und seinen Weg macht. Während Paul … eigentlich unnütz ist. Oder?

    Die Autorin hat die Atmosphäre des Landes gekonnt in Szene gesetzt, immer heiß, schwül und viel Arbeit, zwischenmenschliche Mühlsal, die Zurückgezogenheit und Abgeschiedenheit der Expats oder der Begüterten, zu denen alle gehören, die eben mehr als nichts haben. Scharfe Hunde, Überwachungssysteme, trotzdem keine Sicherheit.

    Nach einem stimmungsvollen Auftakt, wobei man Land und Familie kennenlernt und Paul verschwindet, setzt die Autorin zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt eine langwierige Rückblende, so dass alle Spannung versackt. Dem inneren Konflikt des Vaters hätte meines Erachtens noch mehr Raum gebührt, aber sei es drum. Ich mag die Idee.

    Fazit: Alles in allem ist die Idee der Autorin gut bei mir angekommen.

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag: Hoffmann und Kampe, 2020

 

Das dritte Hotel: Roman

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Rezensionen zu "Das dritte Hotel: Roman"

  1. Was machte Claire in Havanna?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Jul 2020 

    Claire hat vor kurzem bei einem Unfall ihren Mann Richard verloren. Richard war Professor der Filmwissenschaften, sein Spezialgebiet der Horrorfilm. Nun befindet sich Claire in Havanna, bei einem Filmfestival, das eigentlich Richard besuchen wollte. In der flirrenden Hitze Kubas beginnt Claire an ihrem Verstand zu zweifeln, als sie plötzlich Richard begegnet.
    Das dritte Hotel von Laura van den Berg ist ein Werk voller Rätsel und Fragen. Hypnotisch, wie in einem Traum zieht es einen in diese Geschichte über Trauer und Verlust.
    Was machte Claire in Havanna? Auf diese Frage hätte sie keine Antwort.
    „Sie könnte sagen: Ich bin nicht die, für die du mich hältst.
    Sie könnte sagen: Ich erlebe gerade eine Realitätsverschiebung.“
    Sie will erledigen, was ihr Mann tun wollte, aber nicht mehr dazu kam. Sie ist ein „final girl“, die Überlebende einer Beziehung, die nicht mehr viel Nähe, dafür sehr viel Gewohnheit beherbergte.
    Claire war „in ihrem früheren Leben“, einer Zeit vor Havanna; Handlungsreisende, sehr viel unterwegs. In vielen Rückblenden erfahren wir von Claires Reisen, ihren eigentümlichen Vorlieben, aber auch ihrer Kindheit. Ihre Eltern betrieben Hotels, zunächst eines in Georgia, später ein zweites in Florida.
    Das Hotel, das Claire in Havanna bewohnte, nannte sie „das dritte Hotel, weil sie im Flughafentaxi die Adresse falsch angegeben hatte, im verkehrten Stadtteil abgesetzt worden war und in zwei Hotels nacheinander die Portiers beknien musste, ihr den Weg zu ihrem eigentlichen Ziel zu beschreiben.“
    Claire bezeichnet sich selbst als unscheinbar. „..eine weiße Frau von mittlerem Aussehen und Alter in beigen Hosenanzügen und unmodischen Pumps….“ Wo ihre äußere Erscheinung unauffällig ist, hat sie ein sehr intensives und außergewöhnliches Innenleben. Ihre Fähigkeit nicht aufzufallen, macht sie sich zu Nutze, als sie den Mann zu verfolgen beginnt, den sie für Richard hält. Kann es sein, dass Richard noch lebt? Jagt sie einem Gespenst nach? Ist es ein Doppelgänger, Betrüger, ein Untoter?
    “Revolución Zombi” heißt der Film, den Richard bei dem kubanischen Filmfestival begutachten wollte. Hat sich gleich der Angst, die beim Horrorfilm erzeugt wird, eine bislang unsichtbare Realität aufgetan, in der Claire, Richard, sie beide, verschoben wurden?
    Je mehr Fragen sie sich stellt umso größer wird das Labyrinth der Möglichkeiten.
    Laura van den Berg spielt sehr gekonnt mit Realität, Fantasie und Einbildung, dass ich beim Lesen schon auch an Claires physischer Präsenz zu zweifeln begann, dass gar nicht Richard tot war, sondern Claire in einer Zwischenwelt existierte.
    „Das dritte Hotel“ ist unglaublich bildhaft, eine Hommage an den Film. Der Horrorfilm „lässt neue Wahrheiten wie Aale unter der Haut wimmeln“. Ein unangenehmes, unwirkliches Gefühl, das beim Lesen enormes Unbehagen bereitet. Für mich waren viele Szenen in Schwarzweiß zu sehen, verschwommen, schemenhaft, gleich einem Schwindelgefühl. Der junge Richard „liebte Sonnenaufgänge und Hitchcock…“ – merkbar.
    Nicht alle Fragen in diesem Buch werden beantwortet. Der Schluss fühlt sich an wie das Aufwachen nach einen Traum, den man beim nächsten Wimpernschlag schon nicht mehr beschreiben kann.

 

Das ungeschminkte Leben: Autobiographie

Buchseite und Rezensionen zu 'Das ungeschminkte Leben: Autobiographie' von Condé, Maryse
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das ungeschminkte Leben: Autobiographie"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
Verlag:
EAN:9783630876337
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Auf der anderen Seite des Flusses

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Rezensionen zu "Auf der anderen Seite des Flusses"

  1. Eine Lesereise

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Mär 2020 

    Manchmal kommt man auf seltsame Art und Weise zu Büchern. Ich las eine Rezension, was so außergewöhnlich nicht ist. In einem Buch plant ein Typ auf der anderen Seite des Flusses einige Unternehmungen, finanzieller einerseits und höchst körperlicher andererseits. Er fährt mit einer Autofähre in das Nachbarland, dann weiter in dessen Hauptstadt und dann noch ein wenig darüber hinaus. Am Strand dort schaut man über den Atlantik.

    Das Buch hat ein Pedro Mairal geschrieben, es heißt im Original La uruguaya und es erschien im Jahr 2016 bei Emecé Editores, Buenos Aires, neun Jahre nach meiner ersten Reise. Diese Reise hatte gewisse Ähnlichkeiten aufzuweisen, nur waren die Beziehungen zu den Personen, die mitreisten, sehr familiär, aber das gehört nicht hier her.

    Um was geht es?
    Der argentinische Schriftsteller Lucas, der an einer Schreibflaute laboriert, steigt morgens in Buenos Aires auf die Autofähre, die ihn nach Colonia in Uruguay bringt. Das Auto muss er zurück lassen, er fährt dann mit dem Bus weiter nach Montevideo, der Hauptstadt des südamerikanischen Landes. Außerdem erklärt er dem Mann am Schalter, dass er heute wieder zurück will, woraus aber nichts werden wird.

    Momentan verdient er nichts, wird von seiner Frau durchgebracht und am Schreiben hindert ihn ein „betrunkener Zwerg“, das ist sein Sohn. Lucas will sich sein Honorar von der Bank für noch nicht erbrachte Schreibleistungen abholen, welches aus steuerlichen Gründen dort liegt. Er möchte also sein eigenes Geld schmuggeln, denn in Argentinien hätte der Fiskus gewaltig zugeschlagen.

    Dummerweise gibt es dort noch eine Frau, die er bezeichnenderweise Guerra nennt, also Krieg. Die kennt Lucas von einer beruflichen Reise, ein Schriftstellertreffen. Und diese Frau ist schlicht weg betörend.
    Wir sehen also zwei Probleme, ein weibliches und ein finanzielles und ob beides gut geht lesen wir auf 176 Seiten. Die Ukulele, die Lukas für Maito, seinen Sohn kauft, bezahlt er jedenfalls vom abgehobenen Geld...

    Ach ja, wenn da nicht die Fahrt über den „glitzernden Fluss“ gewesen wäre, die Berschreibung der Fahrtstrecke und die „Bilder“ der Gegend um Cabo Polonio am oceano atlantico, ich hätte das Buch nicht zu Ende gelesen, denn es bot für meinen Geschmack etwas zuviel verzweifelter, sehr direkter Erotik.

    Immer auf der Suche nach Erinnerungen las ich weiter und dann kam doch Spannung auf und es interessierte immer mehr, ob dieser deprimierende Typ sein Vorhaben zu Ende bringt. Spielt diese Guerra etwa eine Doppelrolle?

    Am Ende muss ich sagen, es war kurzweilig, ernst, erotisch, manchmal komisch, verzweifelnd, hoffnungsvoll, gut erzählt – kurz, ein Erlebnis mit Erinnerungen, wie die Bilder zeigen.

    Mit dem argentinischen Bestseller, übersetzt von Carola S. Fischer, hat Pedro Mairal (1970 in Buenos Aires) das Kunststück vollbracht, auf 176 Seiten gerade mal 24 Stunden und darin ein, na sagen wir ein halbes, endlich auch wieder hoffnungsvolles Leben zu erzählen. Der Roman verhalf ihm zu internationalem Durchbruch.

    Der Verlag heißt „mare“, der Name scheint Verpflichtung zu sein, denn Bücher über die Meere der Welt, gibt es da zu Hauf und nicht nur...

    DNB / mare -Verlag / Hamburg 2020 / ISBN: 978-3-86648-380-4 / 176 Seiten

    © Bücherjunge

 

Harte Jahre: Roman

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