Hiob

Buchseite und Rezensionen zu 'Hiob' von Joseph Roth
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Hiob"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:164
Verlag: e-artnow
EAN:
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Rezensionen zu "Hiob"

  1. Ein Klassiker

    Klappentext:

    „Das Leben beschert dem Tora-Lehrer Mendel Singer in seinem Schtetl harte Schicksalsschläge. Auch nachdem er mit seiner Familie nach New York emigriert ist, begleiten ihn unerträgliches Leid und Verlust. Mendel verliert jede Hoffnung und seinen Glauben an Gott. Nur ein Wunder kann ihm noch helfen….“

    Autor Joseph Roth hat diese Geschichte im Jahr 1930 veröffentlicht und sie beweist auch heute noch, wie aktuell und treffend sie ist, auch noch nach über 90 Jahren.

    Hauptprotagonist Mendel Singer hat seinen festen Glauben und ist mit Leib und Seele diesem verschrieben. Seine Arbeit als Tora-Lehrer ist Passion und Geschenk zugleich für ihn. Genau wie Hiob, eine biblische Person. Nur kann der Glaube einen vor allem schützen? Ist immer die schützende Hand über einem? Nein. Mendel erleidet hier schwere und tiefgreifende Schicksalsschläge und der Zweifel an seinen Glauben ist die Folge. Joseph Roth legte in diesen Roman sehr viele persönliche Gedanken und verarbeitete selber eine Menge Geschehnisse. Seine Figur wird zum Sinnbild für die große Frage aller Fragen: „Warum ich, obwohl ich dir doch immer treu gedient habe! Warum legst du mir diese Bürde auf, warum strafst du mich damit?“ Man muss nicht gläubig sein um diese Gedanken auch selbst zu denken aber hier geht es um das Judentum und ihre Gedanken dazu und die vernichtenden Folgen durch kriegerische Handlungen. Roth ist bei seiner Wortwahl immer treffend und stilsicher geblieben. Er hat nicht um den heißen Brei geredet, sondern alles punktgenau fallen gelassen. Dem Leser begegnet hier eine klassische und so zeitlose Geschichte voller Kraft und Sinnsuche, ohne dabei wertend zu sein. Oder doch? Seine Geschichte rund um Mendel und seine Heimat in den Schtetls in Osteuropa.

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Die Zeichnungen

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Zeichnungen' von Franz Kafka
NAN
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Inhaltsangabe zu "Die Zeichnungen"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:368
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406776588
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Der versperrte Weg: Roman des Bruders

Buchseite und Rezensionen zu 'Der versperrte Weg: Roman des Bruders' von Georges-Arthur Goldschmidt
4.2
4.2 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der versperrte Weg: Roman des Bruders"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:111
Verlag:
EAN:9783835350618
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Rezensionen zu "Der versperrte Weg: Roman des Bruders"

  1. 4
    10. Sep 2022 

    Traumata

    Georges-Arthur Goldschmidt schaut in diesem Buch auf das Leben seines Bruders Erich Goldschmidt und ermöglicht über diese Blicke der Leserschaft Einblicke in eine vergangene Zeit und Einblicke in das Miteinander der Brüder. Beide sind durch das Erleben ihrer verrückt machenden Zeit und von tiefen und immer wiederkehrenden Verlusten gezeichnet, aber auch durch ein auf Kämpfen und Eifersucht beruhenden Miteinanders. Sicherheiten sind wohl für beide ein Fremdwort und was macht so ein Erleben wohl mit Kindern, die ja gewisse Sicherheiten auch in ihrer Entwicklung brauchen. "Der versperrte Weg" ist ein Blick auf eine tiefe Zerrissenheit, auf ein durch den Faschismus erworbenes Trauma. Dabei ist das Buch kühl erzählt, behandelt es doch verschiedene Traumata, denen man sich wahrscheinlich aber nur mit einer gewissen Distanz annähern kann, ohne daran zu zerbrechen. Wenn man bedenkt, wie lange der Autor gebraucht hat, um diesen Blick zu verfassen, kann man vielleicht davon ausgehen, dass diese Thematik schon lange in ihm arbeitet. Denn dieses Buch behandelt ja nicht nur das Trauma der Nazizeit, sondern auch das Trauma der Brüder untereinander, in dem der Autor im Blick des Bruders, den er auch noch selbst zeichnet, nicht gut wegkommt. Und damit zeigt der Autor ja auch eine Ehrlichkeit, die gewürdigt gehört, denn wer steht schon so sehr zu seinen eigenen in jungen Jahren geschehenen Fehlern, dass er sie in einem Buch einer großen Masse eröffnet. Dazu muss man ja auch sagen, dass die Fehler der Jugend ja auch tiefgreifende Folgen für die Brüder hatten, gewisse Abgründe sich wohl nicht mehr überbrücken ließen. Und dann steht dieses Buch dann noch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises von 2021 und gewinnt dadurch noch eine größere Reichweite, ein größeres Publikum. Das Öffnen des Autors wird einer größeren Gruppe zugänglich, diese sicher nicht einfache Offenbarung wird öffentlich, sicher wurde die Thematik auch in manch einer Leserunde und/oder Talkrunde heiß diskutiert. An mancher wird der Autor teilgenommen haben, manche wird er bloß irgendwo mitgeschnitten haben. Ich muss sagen, ich finde es sehr mutig von Georges-Arthur Goldschmidt dieses Buch veröffentlicht zu haben und ich kann nur sagen, dass ich es sehr gern gelesen habe und dass ich dieses Buch gut platziert auf der Longlist des Deutschen Buchpreises von 2021 finde.

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  1. Versuch einer Erinnerung

    Erich und Jürgen-Arthur Goldschmidt sind Brüder, geboren in Deutschland in den 1930er Jahren. Die ursprünglich jüdischen Eltern sind schon vor Jahren zum Protestantismus konvertiert. Aber und er nationalsozialistischen Gesetzen gelten die Goldschmidts immer noch als Juden. Um die Kinder zu retten, werden die Buben nach Italien verschickt. Die Wege der Brüder trennen sich während des Krieges. Jürgen-Arthur, nunmehr Georges-Arthur, überlebt in einem französischen Internat. Erich jedoch schließt sich der Resistance an. Erste viele Jahrzehnte später begegnen die Brüder einander wieder.

    Der versperrte Weg stand 2021 auf der Longlist für den deutschen Buchpreis und fiel mir deswegen auf.
    Georges-Arthur Goldschmidt, der heute über 90-jährige Schriftsteller versucht den Roman (s)eines Bruders zu schreiben. Der versperrte Weg ist eine Geschichte voller Lücken. Das Buch ist der Versuch einer Erinnerung. Über die ersten Lebensjahre erzählt Goldschmidt zügig, später merken wir, wie schwer es dem Autor fällt, die Lebenslücken des Bruders mit eigener Wahrnehmung zu füllen

    "Warum bin ich gerade der, der ich bin?"

    Der Krieg verstellt den eigentlichen Lebensweg. Was wäre gewesen, wären die Eltern nicht jüdisch gewesen, welchen Weg wäre Erich, aber auch Georges-Arthur Goldschmidt gegangen? Die äußeren Umstände zwingen das Schicksal auf.

    Sprachlich beeindruckt mich das schmale Buch, die Suche nach Identität, der Versuch einer Annäherung nach einer Entfremdung berührt.

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  1. Verdammt und entwurzelt

    Kurzmeinung: Lesenswert!

    In dem vorliegenden Roman verarbeitet der Autor wohl einige biographische Begebenheiten. Er begleitet seinen Helden vom ersten Lebensjahr an bis zum letzten. Dabei werden manche Episoden ausführlich beschrieben, andere Lebenszeiten nur gestreift.

    Im Wesentlichen geht es darum, wie ein Kind die willkürliche Ausgrenzung erlebt und verarbeitet, die in der Zeit des deutschen Nationalsozialismus unzähligen Menschen unsägliches Leid brachte. Äußerlich übersteht Erich diese Zeit gut. Zusammen mit seinem Bruder wird er in Sicherheit gebracht und lebt in Frankeich. Doch die inneren Schäden sind nicht wiedergutzumachen.

    Der Kommentar:
    Die große Stärke des Romans liegt darin, dass der Autor versucht, verständlich zu machen, wie die sowie so schon schwierige Suche nach sich Selbst und seiner Identität einen jungen Menschen innerlich völlig aus der Bahn werfen kann, wenn äußere unüberwindbare Widerstände dazu kommen. Die Geschichte wirkt auf uns ein, auch wenn sie uns nicht umbringt. Das nennt man dann wohl Schicksal!

    Man bekommt als Leser bemerkenswerte Einblicke in das Seelenleben eines getriebenen, innerlich entwurzelten Menschen.

    Allerdings wirkt es manchmal so, als ob das Sprachvermögen des Autors dem inhaltlichen Anspruch nicht ganz gerecht werden könnte. Da bleiben Unschärfen, die man als Leser nicht aufdröseln kann.

    Ein anderer nicht hoch genug zu veranschlagender Aspekt des Romans ist der, dass er beschreibt, wie die Geschichte manchmal auf Menschen wirken kann ,nämlich wie eine griechische Tragödie: wie man es auch dreht und wendet, es muss zur Katastrophe kommen, denn, sagt sich Erich, wenn ich kein Jude gewesen wäre, wäre ich mit meinem Naturell unter dem Nationalsozialismus mit Sicherheit ein sehr böser Mensch geworden. Es gab keinen Weg für ihn. Was den Titel erklärt.

    Fazit: In all seiner Schmalheit ein eindringlicher, guter Roman, der große Empathie weckt.

    Zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021.

    Kategorie: Belletristik.
    Verlag: Wallenstein 2021

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  1. 4
    10. Sep 2021 

    Bruder

    Die Goldschmidts leben während der 1920er in Reinbek bei Hamburg. Die älteste Schwester ist schon fast aus dem Haus und Erich ist der kleine Herrscher des evangelisch geprägten Hauses. Bis sein kleiner Bruder Jürgen-Arthur im Jahr 1928 auf die Welt kommt. Erichs Welt bricht zusammen, weil dieser Kleine ihm die Aufmerksamkeit der Eltern entzieht. Als die Nazi-Herrschaft beginnt, kommt es schlimmer. Die Familie, obwohl sie sich seit Jahren als protestantisch empfindet, zählt per Dekret plötzlich zu den deutschen Juden und verliert somit ihren bürgerlichen Status. Die Eltern sind sich der Gefahr bewusst und um wenigstens die Jungs zu retten, schicken sie diese ins Exil.

    Über Italien geht es für Erich und Jürgen-Arthur in ein Internat im Osten Frankreichs. Die Brüder leiden aneinander, besonders Erich fällt es schwer, seinen empfindsamen, aber in seinen Augen oberflächlichen Bruder zu ertragen. Sobald es möglich ist schließ er sich dem Widerstand an und schlägt auch später eine militärische Laufbahn bei der Fremdenlegion ein. Eine enge Verbindung haben die beiden Brüder nicht und ihre Eltern sehen sie nie wieder.

    In seinem autobiographischem Roman widmet sich Georges-Arthur Goldschmidt hauptsächlich dem Leben seines Bruders. Wie die Familie aus ihrer vermeintlich sicheren bürgerlichen Existenz gerissen wird ist wirklich tragisch, wobei zu bedenken ist, dass auch das Selbstbild zerstört wird. Plötzlich aus einer Gesellschaft ausgestoßen zu sein, zu der man sich zugehörig fühlte, lässt einen sicher halt- und orientierungslos zurück. Doch durch ihr Exil erhalten die Jungen, insbesondere Erich, einen Blick von außen auf das perfide Nazi-Regime. Und so bekommt Erich die Chance, die Nazis im Widerstand zu bekämpfen. Es ist ergreifend, wie schwierig das Leben bleibt, als Einzelkämpfer, dessen Bindungen schließlich eher bei der Fremdenlegion liegen als bei der Familie. Dieser kurze, sehr lesenswerte Roman schildert eindringlich das Hadern mit dem auferlegten Schicksal, welches nie wirklich aufhört.

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  1. Die Geschichte des älteren Bruders

    „Es ist ein sonderbares Gefühl, so nahe aneinander gelebt zu haben und so wenig vom älteren Bruder zu wissen.“ (Zitat Pos. 166)

    Inhalt
    Erich Goldschmidt ist fast fünf Jahre alt ist, als am 2. Mai 1928 sein Bruder Jürgen-Arthur geboren wird und dieses schreiende Baby ist für Erich ein Eindringling. Dennoch fühlt er sich später für seinen Bruder verantwortlich. Besonders ab diesem 18. Mai 1938, an dem die Eltern sie beide zu Verwandten nach Italien schicken, um sie in Sicherheit zu bringen, denn plötzlich sind sie keine Deutschen mehr, sondern Juden. Da ist Erich vierzehn Jahre alt, Jürgen-Arthur zehn. Bald ist auch Italien nicht mehr sicher und am 17. März 1939 werden sie nach Frankreich geschickt, wo sie die nächsten Jahre im Internat einer Privatschule verbringen. Nach dem Abitur ist Erich für die Résistance tätig, um seine neue Heimat Frankreich im Kampf gegen die Nationalsozialisten zu unterstützen. Dennoch wird Erich immer das Gefühl haben, irgendwo zwischen Deutschland und Frankreich zu stehen, in Deutschland verfolgt, weil er Jude ist, in Frankreich nach Kriegsende verfolgt, weil er Deutscher ist.

    Thema und Genre
    Im Mittelpunkt dieses autobiografischen Romans steht diesmal der ältere Bruder des Autors. Es geht darum, wie sehr die Verfolgung, Lebensgefahr und Flucht aus Deutschland das Leben eines jungen Menschen, im konkreten Fall das Leben von Erich, nachhaltig prägen.

    Charaktere
    Erich ist Deutscher, protestantisch erzogen und als er plötzlich aus dem Freundeskreis des Gymnasiums ausgeschlossen wird, weil er Jude ist, bricht für ihn die Welt zusammen, er versteht das nicht. Dieser Verlust der Heimat prägt sein ganzes Leben, obwohl er sich rasch in Frankreich zu Hause fühlt, bleibt eine innere Zerrissenheit.

    Handlung und Schreibstil
    Der Autor erzählt die Geschichte seines Bruders chronologisch, wobei Kindheit und Jugend im Mittelpunkt stehen, vor allem die Ereignisse ab dem Jahr 1938. Immer wieder müssen sie fliehen, entkommen nur knapp, werden versteckt und im Jahr 1943 trennen sich ihre Wege. Während Jürgen-Arthur bei Bauern untertaucht, beginnt Erich, für die Résistance tätig zu sein. 1947 treffen sich die Brüder kurz, aber die hier erzählte Geschichte erfährt der Autor von seinem Bruder erst, als sie sich Ende der siebziger Jahre in Deutschland wiedersehen. In leiser, eindringlicher Sprache schildert der Autor das Leben eines Menschen, der von seiner persönlichen Vergangenheit geprägt ist und sich selbst damit den eigenen Lebensweg zu versperren scheint.

    Fazit
    „Warum bin ich gerade der, der ich bin?“ (Zitat Pos. 812). Diese autobiografische Geschichte erzählt von einer Generation, die in Deutschland aufwuchs, um über Nacht plötzlich als Jude verfolgt, bedroht zu werden und gerade noch durch Flucht aus dem Land entkommt, das für sie bisher Heimat war.

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Besetzte Gebiete: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Besetzte Gebiete: Roman' von Arnon Grünberg
3.15
3.2 von 5 (13 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Besetzte Gebiete: Roman"

Der fünfzehnte Roman des niederländischen Bestsellerautors Arnon Grünberg wird von Kritik und Publikum als Höhepunkt seines schon vielfach preisgekrönten Werkes gefeiert. Ein schockierender und humorvoller Roman über einen »unmenschlich guten« Psychiater. Wegen einer fehlgelaufenen Liebesgeschichte und falschen Anschuldigungen verliert Otto Kadoke seine Approbation als Psychiater in Amsterdam. Vor dem Nichts stehend, beschließt er, die Einladung seiner Verwandten Anat, einer fanatischen Zionistin, ins Westjordanland anzunehmen. Als der überzeugte Atheist und Anti-Zionist dort ankommt, muss er sich der Etikette halber zunächst als Anats Verlobter ausgeben, verliebt sich aber schließlich ernsthaft in sie. Sie willigt jedoch nur ein, ihn zu heiraten, wenn die beiden eine gottgefällige Ehe – das heißt mit vielen Kindern – führen, um das Heilige Land zu bevölkern und den Holocaust wettzumachen. Auf Kadoke warten viele Prüfungen. Ein Roman mit fast wahnwitzigen Wendungen und urkomischen Szenen, der zeigt, wie sehr die Vergangenheit unser Verhalten bestimmt. Die tragischkomische Liebesgeschichte des Antihelden Kadoke verwebt schonungslose Gesellschaftskritik, historische Analyse und die Untersuchung tiefmenschlicher, existenzieller Fragen. Ein Buch, das in den Niederlanden Begeisterungsstürme auslöste und auch in Deutschland seine Wirkung nicht verfehlen wird.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:432
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Besetzte Gebiete: Roman"

  1. Grotesk

    Der niederländische Psychiater Kadoke steckt in Schwierigkeiten. Seine Patientin Michette erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Arzt Denn nicht nur die Betreuung des pflegebedürftigen Vaters Kadokes war Teil ihrer Behandlung, sondern die „alternative Therapie“ soll auch in einer Liebesbeziehung zu Kadoke geendet haben. Nachdem Michettes neuer Liebhaber ihre Geschichte in einem Roman veröffentlichte, verliert Kadoke seine Zulassung. So beschließt Kadoke mit seinem Vater zu Anat, einer entfernten Verwandten, ins Westjordanland zu ziehen, ja sogar diese zu heiraten. Doch auch in Israel ist das Leben eine einzige Katastrophe.
    Der Beginn dieses Romans - Besetzte Gebiete von Arnon Grünberg - schien vielversprechend. Der Prolog als einzige Wutrede einer gekränkten und verletzten Frau, eine skurrile Familienkonstellation und ein absolut unzuverlässiger Erzähler machten den Einstieg leicht und auf den Fortgang der Geschichte neugierig.
    „…ein feiger Bluthund …mit ein paar Pillen, alternativer Therapie und Musiktherapie im Angebot und sonst nichts…“
    So also ist Kadoke, dazu ist er nicht praktizierender Jude, Anti-Zionist. Dieser unangenehme Typ verliebt sich also Hals über Kopf in Anat, sodass er in eine fundamental-zionistische Gemeinschaft zieht, in einem Container haust und als das Wunder gilt, Anat zu einer großen Kinderschar zu verhelfen. Der Protagonist und die Geschehnisse werden zunehmend unglaubwürdiger. Was anfangs vielleicht noch als schmieriger Schmuddelwitz niedrige Bereich in meinem Humorzentrum ansprechen konnte, führt mehr und mehr zum Fremdschämen bis zu absolutem Unverständnis. Alles was Kadoke passiert, lässt dieser passiv und widerspruchlos über sich ergehen. Aus Satire wird immer mehr Groteske.
    „Besetzte Gebiete“. Das sind jene Gebiete unter israelischer Kontrolle, die außerhalb der 1949 mit seinen Nachbarn geschlossenen Waffenstillstandslinien des Staates Israel liegen.

    Wir alle haben „besetzte Gebiete“, Glaubenssätze, Vorurteile, Wertvorstellungen. Über Geschmack und Humor kann man streiten (oder nicht), meinen Geschmack hat dieses Buch nicht getroffen.

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  1. 2
    08. Jun 2021 

    Wie immer: eine Frage des Geschmacks. Meiner war es nicht...

    Zum Inhalt verweise ich diesmal auf den doch recht ausführlichen Klappentext. In Kurzform gebracht: ein jüdischer aber nichtgläubiger Psychiater flieht vor den medialen Verleumdungen in den Niederlanden ins Westjordanland. Dort verliebt-verlobt er sich Hals über Kopf in seine Großgroßgroßcousine Anat und gerät dadurch in eine absurde Situation nach der anderen.

    Die vorgestellten Charaktere wirken vollkommen überzogen, was zu dem satirischen Stil des Romans jedoch auch wieder passt. Gefallen müssen einem die vorgestellten Personen deswegen aber nicht. Weder die militante Zionistin Anat noch ihre durchgeknallte Mutter, der ich gleich mehrere psychiatrische Diagnosen attestieren könnte, sind in der Form vorstellbar, ebenso wenig wie Kadoke selbst.

    Dieser stellte sich für mich zunehmend dar wie ein Schoko-Osterhase: eine weltfremde Hohlfigur. Irgendwie hat er nie eine wirkliche Meinung, ein eigenes Interesse, einen inneren Antrieb, jede*r kann auf ihn projizieren was er/sie will, und das lebt er dann - bis das nächste um die Ecke kommt. Alles "passiert" ihm einfach, er hat allenfalls kurz Widerstände dagegen, gibt diese aber auch gleich wieder auf - im Sinne der "Assimilation".

    Beim Lesen drängte sich mir eine Frage auf: Ab wann ist Satire zu drüber? Darauf gibt es vermutlich keine Antwort, allenfalls eine subjektive. Es ist kaum zu übersehen, wohin Arnon Grünberg mit seiner Satire-Keule zielt, nämlich auf alles, was in sein Sichtfeld gerät. Das weite Feld der Psychiatrie ebenso wie das (orthodoxe) Judentum, der Zionismus, der Nahost-Konflikt, die Altenpflege, Probleme zwischen Mann und Frau u.a.m. Jede Menge also.

    Für mich jedenfalls zu viel, weil solch ein Rundumschlag sich wenig scharf auf ein womöglich wichtiges Thema konzentrieren kann. Fest steht jedenfalls, dass so manche Äußerung im Buch bezogen auf das Judentum in der Form wohl nur von einem Juden getätigt werden durfte, jeder andere käme da gleich in eine gefährliche Schublade...

    Anfangs fand ich einzelne Passagen noch ganz amüsant, doch zunehmend stellten sich Gefühle wie Fremdschämen bis hin zur Langeweile ein. Eine absurde, abstruse, groteske, überzogene, derbe, peinliche oder unvorstellbare Szene reiht sich hier an die nächste, so dass mich die ständigen "es kommt noch schlimmer" Geschichten immer kälter ließen. Es scheint, als ob Grünberg einfach nichts auslassen wollte – doch bei zu vielen Provokationsversuchen tritt zunehmend Gleichgültigkeit ein. Jedenfalls bei mir.

    Für mich war das beileibe kein Pageturner – dieser Roman bremste mich geradezu aus. Oftmals habe ich nur noch widerwillig weitergelesen. Mein Gratmesser von Satire und dem von mir so geliebten schwarzen Humor wurde hier eindeutig zu oft überschritten. Die letzten Seiten habe ich schließlich nur noch über mich ergehen lassen, hatte auch keine Lust mehr, mich über irgendetwas aufzuregen oder zu ärgern, Provokationen hin, Tabubrüche her - egal.

    Grünbergs Schwester lebt selbst in einer der fundamental-zionistischen Siedlungen im Westjordanland. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Art der Annäherung an das nicht unproblematische Thema dem Familienfrieden dienlich ist… Aber das soll mein Problem nicht sein.

    Wie immer: eine Frage des Geschmacks. Meiner war es leider nicht…

    © Parden

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  1. 5
    05. Jun 2021 

    satirisch und grotesk

    Der niederländische Autor Arnon Grünberg tummelt sich in den unterschiedlichsten literarischen Gattungen. Er schreibt Romane, Reportagen, Essays, Gedichte, Filmskripte. Für viele seiner Werke ist er in seiner Heimat ausgezeichnet worden. Ich bin gespannt, wie sein aktueller Roman „Besetzte Gebiete“ in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Denn dieser Roman ist mutig, unbequem und vor allen Dingen grotesk. Grünberg nimmt sich darin eines sehr sensiblen Themas an, bei dem die meisten Menschen der Nachkriegszeit sich in Zurückhaltung üben würden, aus Angst, dass ihnen die Political Correctness abgesprochen würde.

    In "Besetzte Gebiete" geht es vordergründig um das Judentum und das Jüdischsein sowie die unterschiedlichen Standpunkte zu diesen Themen. Jeder, der sich öffentlich zu diesen Themen äußert, begibt sich auf dünnes Eis. Denn schnell wird man in die Nähe des Antisemitismus geschubst, sobald man nur den Verdacht einer Kritik am Judentum und dessen Auslegung äußert. Doch Grünberg scheint davor nicht bange zu sein, denn in seinem aktuellen Roman nimmt er das moderne Judentum auf brachiale Weise aufs Korn.

    Der Titel dieses Romans ist Programm. „Besetzte Gebiete“ – darunter versteht man in Israel das Westjordanland, in dem jüdische Siedler Land annektiert und sich dort niedergelassen haben – sehr zum Unwillen der Palästinenser, die das Westjordanland als ihr Eigentum ansehen. Vor lauter UN-Beschlüssen, die über die Jahre getroffen und wieder aufgehoben wurden sowie diversen Anektionen blickt man nicht mehr durch. Fakt ist: Jede Partei fühlt sich im Recht und beansprucht das Westjordanland für sich. Hinzu kommt auf israelischer Seite noch die vermeintlich religiöse Legitimation. Denn Palästina gehört zu demjenigen Land, das Gott den Juden verheißen hat (nachzulesen in der Hebräischen Bibel).

    Inmitten dieser schwierigen Verhältnisse landet ein niederländischer Psychotherapeut: Kadoke, jüdisch, wenn auch nur auf dem Papier. Kadoke ist der Protagonist dieses Romans, begleitet wird er von seinem senilen und gebrechlichen Vater.

    Doch zunächst blicken wir zu Beginn des Romans auf die Zeit, vor Kadokes Ankunft im Gelobtne Land. Wir erfahren, dass Kadoke in Amsterdam zuhause war und hier seine Zulassung als Psychiater verloren hat. Seine"alternativen Therapiemethoden" sorgten für einen Skandal. Die Folge für unseren Protagonisten: der Job ist weg, der Ruf ist ruiniert, er wird zum Opfer der Medien und zieht den Zorn der Öffentlichkeit auf sich. Seine alternativen Therapiemethoden bewirken also, dass er eine Alternative für sein bisheriges Leben benötigt. Und diese Alternative sieht er in Israel, wobei die Liebe ihm bei dieser Entscheidung geholfen hat.

    Kadoke wandert also ins gelobte Land aus. Anat, die Frau, für die sein Herz schlägt, ist eine entfernte Verwandte, die ihn zufällig in Amsterdam besucht hat, und in die er sich scheinbar verguckt hat. Sie lebt in einem Kibbuz inmitten des Westjordanlandes. Hier tobt der Konflikt zwischen jüdischen und arabischen Siedlern, in dem es um die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Besiedlung des arabischen Landes durch jüdische Siedler geht. Anat ist eine, fast schon fanatische Verfechterin der jüdischen Argumentation. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Hier will nun Kadoke leben, der aus Amsterdam andere Wohn- und klimatische Verhältnisse gewohnt ist. Er versucht also, sich ein neues Leben aufzubauen, was sich als schwierig gestaltet. Denn das Leben mit seiner Freundin, der Schwiegermutter in spe sowie der Kibbuzgemeinschaft ist nicht einfach für jemanden, der zum Einen andere Lebensumstände gewohnt ist und zum Anderen überzeugter Atheist und Anti-Zionist ist.

    Arnon Grünberg hat mit "Besetzte Gebiete" einen aberwitzigen und schockierenden Roman geschrieben. Vieles in dieser Geschichte scheint an den Haaren herbeigezogen, ist aber dennoch zum Brüllen komisch. Menschliche Befindlichkeiten und Bedürfnisse prallen aufeinander, werden überspitzt dargestellt. Ich fühlte mich unweigerlich an die Filme von Monty Python erinnert, die sich mit ihrer Komik ständig an der Grenze zur Geschmacklosigkeit bewegt haben. Dieselbe Komik findet sich auch in diesem Roman wieder.

    Für mich ist "Besetzte Gebiete" eine groteske Satire. Doch hier kommt der Punkt, der mich durchgängig während der Lektüre dieses Romans beschäftigt hat: Was genau kritisiert Arnon Grünberg? Seine Kritik ausschließlich auf den Konflikt des Westjordanlandes zu begrenzen, erscheint im ersten Moment offensichtlich, hinterlässt jedoch Zweifel.

    Tatsächlich wäre ich nicht in der Lage, die Thematik dieses Romans in einem Satz zusammenzufassen . Allerdings könnte ich eine Riesen-Liste an Schlagwörtern erstellen, die mir während des Lesens eingefallen sind und bei denen ich jedes Mal gedacht habe: Stimmt ja, darum geht es auch.

    Selbstverständlich würden die Wörter Judentum und Westjordanland ("Besetzte Gebiete") darauf stehen. Doch mir ist es zu wenig, diesen Roman darauf zu begrenzen. Ich sehe andere Aspekte. Um bei meiner Schlagwortliste zu bleiben: Standpunkte, Opfer/Täter, Selbstwahrnehmung, Gerechtigkeit, Moral, Doppelmoral, Glaube, Schubladendenken, Political Correctness, Leben und Lebenlassen ... und es gäbe noch vieles mehr, je länger ich darüber nachdenke.
    Aber ich schaffe einfach nicht, diese Schlagwörter miteinander in Einklang zu bringen. Obwohl sie doch irgendwie zusammengehören, kriege ich die Aussage dieses Buches nicht auf den Punkt gebracht, was mich aber nicht stört. Stattdessen weiß ich, dass mich dieser Roman noch lange beschäftigen wird. Und ich mag Bücher, die mich nicht loslassen. Es gibt zuviele Bücher, die ich gelesen und für gut befunden habe. Nach ein paar Wochen hatte ich aber schon wieder vergessen, warum mir das Buch gefallen hatte. Bei diesem Buch wird mir das garantiert nicht passieren.

    Fazit:

    Ein verrückte Satire mit einem Humor, der sich an der Grenze zur Geschmacklosigkeit bewegt. So etwas muss man mögen, ich mag es. Die Kernaussage dieses Romans lässt sich kaum in Worte fassen, so dass dieser Roman mich noch lange beschäftigen wird.

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  1. Leider nichts für mich

    Der Hauptprotagonist hier in Grünbergs Roman ist Kadoke, ein Psychiater. Ein Psychiater, der extreme Wege geht, indem er einer suizidgefährdeten Patientin, Menette, anbietet, sich um seine pflegebedürftige Mutter zu kümmern. Eine Handlung, die der Patientin zwar hilft, aus beruflicher Sicht allerdings nicht vertretbar ist.
    Es kommt wie es kommen muss, Menette verliebt sich, ausgerechnet in einen Schriftsteller, der gleich einen Roman über diese Alternative Therapie veröffentlicht. Er bezichtigt den Psychiater in dem Buch etwas mit seiner Patientin gehabt zu haben. In einem Interview offenbart Menette, dass es sich um Kadoke handelt, und ihm wird seine Zulassung entzogen.
    Kadoke ist am Boden zerstört , zumal seine Mutter, die eigentlich sein Vater ist, nun wieder ihr ursprüngliches Wesen annehmen will. Die Anfeindungen und alles lassen sich nur schwer ertragen, also nimmt er das Angebot von Anat an, zu ihr ins Westjordanland zu ziehen. Er, der sich mit dem Judentum wenig auseinandergesetzt hat, wird nun hinein katapultiert in eine ihm fremde Welt. Die Tatsache, dass er Anat erst vor kurzem kennengelernt hat, und nun sein Leben mit ihr verbringen möchte, sie sogar ernsthaft zu lieben meint, ergab für mich überhaupt keinen Sinn und wirkte sehr unrealistisch. Warum man seinen alten Vater, der Pflege braucht, umsiedelt, erschloss
    sich mir auch nicht. Die weiteren Handlungen bestürtzten mich noch viel mehr, doch ich möchte nicht zu viel vorweg nehmen.

    Grünberg ist ein hoch gelobter, niederländischer Autor. Wäre er nicht selbst Jude, wäre ich noch entsetzter gewesen, was im weiteren Verlauf der Handlung noch so alles geschieht. Die Wirren um seine Mutter/Vater setzten allem die Krone auf.
    Sicher kritisiert er viel und es zeugt von Mut diese Themen anzusprechen, doch ich war oft verwirrt und brüskiert.
    Kadoke ist ein zerrissener Charakter, dem ich wenig abgewinnen konnte. Das Ende wühlt auf, und ich bin mir sicher, kein weiteres Buch über Kadoke zu lesen.

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  1. Ein Psychiater auf der Suche nach Liebe im Westjordanland

    "Er erkennt, dass das Hindernis auf dem Weg zu Anats Liebe nicht der Ewige ist und auch nicht der Zionismus, sondern ihre Mutter." (Buchauszug)
    Wegen falschen Anschuldigungen seiner Borderline Patientin Michette verliert der Psychiater Otto Kadoke seine Approbation. Fortan wird er in Amsterdam nicht nur als Täter angesehen, sondern muss auch antisemitische Tiraden über sich ergehen lassen. Als seine Cousine Anat, eine fanatische Zionistin aus dem Westjordanland, ihn besucht, lädt sie ihn ein, nach Israel zu kommen. Als Kadoke nichts mehr zu verlieren hat, reist der überzeugte Atheist aus Liebe zu Anat, zusammen mit seinem Vater nach Israel. Dort verliebt er sich ernsthaft in sie. Trotzdem Anat seine Liebe nicht erwidert, heiraten beide. Weitere harte Prüfungen warten vonseiten Anats Mutter, die erhofft, das Kadoke mit ihrer Tochter viele Kinder zeugt.

    Meine Meinung:
    Ich wusste zuvor nicht, dass dieser Roman da beginnt, wo sein Buch "Muttermale" zuletzt aufgehört hat. Den in diesem Buch ging es schon um Otto Kadoke, seinem ungewöhnlichen Vater und seiner Patientin Michette. Zwar kann man dieses Buch durchaus ohne das Vorherige gelesen zu haben verstehen, doch ich finde es besser, wenn man es schon kennt. Otto Kadoke gehört sicherlich zu den wenigen gutgläubigen Menschen, die meinen, ihren Mitmenschen helfen zu müssen, ohne darüber nachzudenken, was dies für Folgen für ihn haben kann. Deshalb hat er sich der austherapierten Michette angenommen und sie als Pflegerin für seinen Vater (die hier noch die Mutter ist) engagiert, um sie vor weiteren Selbstmordversuchen zu schützen. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie ihn wegen eines Schriftstellers verlässt, der ein Buch über ihr eigenartiges Arzt-Patientin-Verhältnis, Missbrauch und Liebe schreibt. Es kommt wie nicht anders zu erwarten zu einer "MeToo" Debatte, die ihm schlussendlich seinen Job als Psychiater kostet. Zudem gibt dem gekränkte Kadoke das Bild als jüdischer Frauenschänder den Rest. Er verliebt sich in seine entfernte Cousine Anat aus dem Westjordanland, die ihn bittet, mit seinem Vater nach Israel zu kommen. Man könnte Eindruck haben Kadoke erhofft mit Liebe alles wegwischen zu können, was bis dahin in seinem Leben schiefgelaufen ist. Doch leider verändert ihn seine lieblose Ehe immer mehr, bei der er sogar Gänsefett und Pulverkaffee akzeptiert. Und so wird sein Leben in Israel weiter geprägt von grotesken Situationen die teilweise so überspitz ins Lächerliche gezogen werden, das man dieses Buch nur noch als Satire ertragen kann. Natürlich hatte ich bei dem Klappentext etwas vollkommen anderes vermutet und nicht, das mich eine Satire erwartet. Was sicherlich daran liegt, dass dies mein erstes Buch von Arnon Grünberg ist. Doch was bewegt einen Autor so über sein eigenes Volk zu schreiben? Ist es eine Art Abrechnung mit dem Zionismus, den er durch seine Schwester kennt, die ebenfalls im Westjordanland lebt? Sicherlich liegt es vor allem daran, weil diese Siedlungen einen doch recht stark Messianismus und Idealismus pflegen, der sich nicht mehr so ganz mit der heutigen Zeit vereinbaren lässt. Allerdings vermute ich, dass dieses Buch nicht bei allen Zionisten gut ankommen wird. Ich denke jedoch nicht, dass der Autor mit seinem Buch die Zionisten verurteilen möchte. Sondern ich glaube, er möchte mit diesem Buch eher humorvoll aufzeigen, wie diese denken und leben. Nur gut, dass viele Juden Humor haben und sehr gut über sich selbst lachen können. Den das braucht man bei diesem Buch, das teils recht haarspalterisch, übertrieben und mir in einer Szene sogar zu vulgär ist. So bittet zum Beispiel Kadoke seinen Vater um den Segen für seine bevorstehende Ehe und dieser erwidert dann: "Hättest Du nicht besser einen Hund nehmen können? Wenn Leute in Deinem Alter sich einsam fühlen, können sie sich doch ein Haustier anschaffen?" Allerdings endet diese komödiantische einseiteige Liebe am Ende in einer wirklich erschütternden Tragödie mit der Hoffnung auf eine weitere Fortsetzung.Trotzdem gibt es von mir 4 von 5 Sterne, weil ich viel lachen durfte.

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  1. Eine bitter-böse Satire

    Nach dem Klappentext handelt es sich um einen schockierenden und zugleich humorvollen Roman über einen Psychiater, der als Atheist und Anti-Zionist ins Westjordanland geht, um sein Glück zu suchen. Was der Klappentext nicht sagt, ist, dass es sich hier um eine bitter-böse Satire handelt, die jegliche schlüssige Handlung vermissen lässt und – jedenfalls bei mir – nur Kopfschütteln und Fragezeichen hinterlässt.

    Der Roman beginnt zunächst noch in den erwarteten Bahnen. Der Psychiater Kadoke hat Ärger mit der Ärztekommission. Anlass des Ärgers ist seine ehemalige Patientin, Michette. Michette war akut selbstmordgefährdet und galt als "austherapiert", was so viel heißt, dass das Gesundheitssystem für sie keine Hilfe mehr anbot und sie sich letztlich selbst überließ. Kadoke nahm Michette bei sich auf, um sie dennoch zu therapieren. Bereits diese alternative Therapie verstieß gegen die medizinischen Leitlinien. Darüber hinaus machte Kadoke den Fehler, Michette als Altenpflegerin für seine Mutter (bei der es sich eigentlich seinen Vater handelt) einzusetzen. Die ungewöhnliche Situation findet ihr Ende, als Michette sich in einen Schriftsteller verliebt und Kadoke verlässt. Der Schriftsteller schreibt und veröffentlicht die Geschichte Michettes. Er dichtet der realen Patientin allerdings auch eine fiktive Affäre mit dem realen Psychiater an. Die Geschichte wird publik und die Ärztekommission aufmerksam. Kadoke wird die Zulassung als Arzt entzogen.

    Seiner beruflichen Perspektive beraubt, gerät Kadokes Leben aus den Bahnen. Er wendet sich seiner erst kürzlich kennengelernten entfernten Verwandten Anat zu. Er meint, in die fanatische Zionistin Anat verliebt zu sein und folgt ihr (mit seinem pflegebedürftigen Mutter-Vater) ins Westjordanland, um sie zu heiraten. Dort eingetroffen, muss Kadoke sich mit seltsam anmutenden Gepflogenheiten und Lebensumständen in den Besetzten Gebieten auseinandersetzen.

    Spätestens hier verliert der Roman für mich seinen roten Faden und verliert sich in einer irrationalen Aneinanderreihung überspitzter Seltsamkeiten, deren realen Kern ich nicht einzu-schätzen vermag. Um nur die Spitzen des Eisbergs zu nennen: Kadoke muss, bevor er Anat heiraten darf, seine Potenz beweisen – vor den Augen von Anats Mutter. Anat verlangt nach der Eheschließung, dass Kadoke beim Sex die Mütze eines SS-Offiziers trägt. Kadoke flüchtet sich schließlich in eine homosexuelle Beziehung, mit einem Palästinenser.

    Alles zusammen war das einfach zu viel für mich. Zu abstrus, zu konstruiert. Warum dieses Buch gefeiert wird, verstehe ich nicht. Daher nur drei Sterne.

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    13. Mai 2021 

    Ein säkularer Jude im Westjordanland

    Kadoke ist Psychiater in Amsterdam, der nach einer sehr unkonventionellen Behandlung einer Patientin seine Approbation verliert. Doch nicht nur das: Es gibt einen Medienskandal, der durch einen nicht sehr geglückten Auftritt Kadokes in einer TV-Show noch verstärkt wird und ihn antisemitischen Beschimpfungen aussetzt. Er steht vor den Trümmern seiner Existenz und beschließt, gemeinsam mit seinem schwer pflegebedürftigen Vater nach Israel auszuwandern. Anlass dafür war der wenige Monate zurückliegende Besuch der orthodoxen Ururgroßcousine Anat, die überzeugte Siedlerin im Westjordanland ist und ihn mehrfach zu einem Besuch zu überreden versuchte. So landet der atheistische Anti-Zionist in einer orthodoxen Siedlung im Westjordanland und versucht, ein neues Leben zu beginnen.

    Was nun beginnt, ist eine Aneinanderreihung von skurrilen Begebenheiten und grotesken Dialogen, die sich Monty Python nicht schöner hätten ausdenken können ;-) Wie der ungläubige Kadoke von den orthodoxen Bewohnerinnen der Siedlung als ein von Gott Gesandter gefeiert wird oder seine künftige Schwiegermutter strickend dem vorehelichen Sex beiwohnt, um sicher zu gehen, dass er in der Lage ist, genügend Judenkinder zu zeugen – man könnte glauben, der Gipfel des Absurden wäre erreicht, um jedoch einige Seiten später eines Besseren belehrt zu werden. Oder das Gespräch zwischen Vater und Sohn:

    „,Lieber Vater, habe ich deinen Segen, und hat sie den auch?’“
    Vater wirft Kadokes Künftiger einen kurzen Blick zu, dann sagt er zu seinem Sohn: ,Hättest du dir nicht besser einen Hund nehmen können?’
    ,Einen Hund?’
    ,Ein Haustier. Wenn Leute in deinem Alter sich einsam fühlen, können sie sich doch auch ein Haustier anschaffen?’
    ,Was sagt er?‘, fragt Anat.
    ,Er will wissen, warum ich mir keinen Hund zugelegt habe, aber ich mag keine Hunde.’
    ,Was sollen wir mit einem Hund? Ich will ein Kind. Darum heiraten wir, um Kinder zu bekommen. Keinen Hund.’“
    Seite 248

    Trotz des komödiantischen Tonfalls berührt der Roman eine Vielzahl von ernsthaften Themen, die man in dieser Menge nicht erwartet hätte: Rassismus, Antisemitismus, MeToo-Skandal, Fake News, Fundamentalismus, Medienshitstorm – vermutlich habe ich noch was vergessen. Und dennoch ist die Geschichte damit nicht überfrachtet, denn alles greift ineinander, weil alles ein Teil des Lebens von Kadoke ist.

    Ein skurriler, schräger, amüsanter Roman mit einem eher farblosen Antihelden, der einem doch ans Herz wächst. Und von dem man (ich ;-)) wissen will, wie es mit ihm weitergeht.

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    06. Mai 2021 

    Eine literarische Monthy-Pyton-Geschichte

    In “Besetzte Gebiete” schickt Arnon Grünberg den Leser auf eine Reise mit total verrücktem Personal von Amsterdam nach Israel. Er führt sie durch eine skurrile Geschichte und stellt ihnen Situationen vor, die komplett unkonventionell sind.
    Kadoke ist ein jüdischstämmiger Psychiater in Amsterdam, der in der Selbstmordprävention tätig ist. Eine seiner Patientinnen, Michette, nimmt er zu Hause auf, als er für sie keine weiteren Möglichkeiten mehr sieht, sie weiter zu therapieren. Zu Hause kümmert sie sich dann um Kadokes Mutter, die eigentlich sein Vater ist, sich aber seit dem Tod der Ehefrau in diese neue, andere Person verwandelt hat. Diese Maßnahme für Michette hat insofern Erfolg, da sie sich nicht nur nicht umbringt, sondern sich sogar neu verlieben kann. Für Kadoke allerdings bedeutet diese Art von Therapie das Ende seiner Karriere als Psychiater, da ihm sein Verhalten als Missbrauch des Arzt-Patienten-Verhältnisses ausgelegt wird.
    Mit Abbruch seiner Karriere und seines Status als erfolgreicher Psychiater spielt für ihn auf einmal seine jüdische Herkunft eine Rolle, die für ihn ansonsten nie von Bedeutung war. Hassbotschaften, die sein Judentum aufgreifen, verfolgen ihn und werden zur alltäglichen Erfahrung.
    Da erinnert er sich an den kürzlich stattgefundenen Besuch einer entfernten Verwandten, Anat, die ihn und seinen Vater zu sich nach Israel, genauer in eine Siedlung in den besetzten Gebieten, eingeladen hat. In dieser ausweglosen Situation wird die Erinnerung an einen One-Night-Stand mit ihr zu einer Basis für eine angeblich erwachte Liebe. Und so packt Kadoke seine Sachen und seinen altersschwachen Vater ein und flieht vor der Schmach nach Israel in die jüdische Siedlung im „Feindesland“. Diese jüdische Siedlung ist wenig wohnlich und heimelig. Sie ist bevölkert mit absurden Charakteren, die merkwürdigsten Gewohnheiten nachgehen. Sicher kein Ort, an dem Kadoke und sein Vater gut aufgehoben sind. Und doch bleiben sie. Die Situation um dieses Personal des Romans entwickelt sich so weit, dass am Ende der Geliebte von Kadoke getötet wird und die schwangere Anat im Gefängnis landet. Was alles noch zwischendurch passiert, das sind viele absurde und skurrile Szenen und Ereignisse, die bei mir als Leserin eine nicht weiter zu erklärende Mischung aus Kopfschütteln, Lachanfällen und Grausen hervorgerufen haben.
    Mein Fazit:
    Mit dieser Mischung von Gefühlsäußerungen bei der Lektüre stehe ich nun da und weiß nicht weiter bei meinem Fazit über dieses Buch. Es hat mir Freude gemacht, es hat mich geärgert angesichts übertriebener Szenen und Darstellungen, es hat mir Charaktere in mein Gedächtnis eingebrannt, die ich auch nach Tagen immer wieder vor mir sehe, es hat mir wenig neue Erkenntnisse gebracht über das Israel unserer Tage und das Judentum in diesem Land, es hat mich konfrontiert mit einem Übermaß politischer Unkorrektheiten, die gerade in Bezug auf das Judentum so überraschend und unkonventionell sind.
    Was mache ich mit all diesen Eindrücken und wie bewerte ich sie letztendlich?
    Auf jeden Fall:
    - Es sind viele, sehr viele Eindrücke, die länger Bestand haben.
    - Es ist ein unkonventionelles Buch, das sich eben einer konventionellen Bewertung verschließt.
    - Es vermittelt eine Art von Humor, die tief, aber die nicht unbedingt meine ist.
    - Es ist also auf jeden Fall eines, nämlich INTERESSANT!
    Und das gibt dann eben gute 4 Sterne! Auch wenn ich vieles immer noch nicht begreife und einzuordnen weiß.

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  1. Zu viel, zu knallig, zu absurd ...

    Kadoke, Psychiater in Amsterdam, geschieden und mit seinem alten Vater zusammen lebend, sitzt im Schlamassel: Er hat eine stark suizidgefährdete Patientin privat zu sich genommen und mit der Pflege des Vaters betraut. Die Beziehung, als "alternative Therapie" gedacht, wird zur Missbrauchsaffäre aufgebauscht und Kadoke durch eine mediale Hype gezerrt. Unfähig, sich energisch zur Wehr zu setzen, verliert er seine Existenz, bekommt Berufsverbot. In dieser Situation findet er keinen anderen Weg als den nach Israel: Er nimmt die Einladung seiner entfernten Großcousine Anat an, sie in ihrer Siedlung in den Westbanks zu besuchen.

    Dort angekommen - den pflegebedürftigen Vater hat er mitgenommen - wird er als "Verlobter" Anats akzeptiert und gerät als säkularer und anti-zionistischer Jude ins Schlepptau seiner Gastgeber. Er muss "jüdische" Speisen essen, die ihm weder schmecken noch bekommen, er muss den verkommenen Haushalt ebenso akzeptieren wie den "geistigen Führer" von Anats Familie, einen steinalten Rabbi, der angeblich in Träumen zu der Mutter spricht. Und anstatt, wie erhofft, Anats Geliebter werden zu können, muss er sich einem gottgefälligen Familienbild unterwerfen, das geradezu mittelalterlich anmutet; bis hin zu einer Szene, in der er vor den Augen seiner zukünftigen Schwiegermutter seine Zeugungsfähigkeit unter Beweis stellen soll.

    Ich empfinde es als schwierig, über die Inhalte dieses Romans zu schreiben, weil die charakterliche Entwicklung, die Liebesbeziehung zu Anat, der politische Hintergrund völlig überdeckt werden von einer Situationsregie, die von Slapstick über Groteske bis zu völligem Irrwitz reicht. (Hier gibt die Leserin klaren Punktabzug für das Frauenbild, das der Roman vorexerziert: Unter den vielen Frauen, die darin vorkommen, sind praktisch nur Karikaturen.) Man kann spekulieren, warum Kadoke all die sich immer weiter steigernden Zumutungen ohne Widerspruch hinnimmt - weil ihm seine Umwelt, ob jüdischen Glaubens oder nicht, ununterbrochen zu verstehen gibt, wo er "als Jude" hingehört, was er zu tun und zu lassen habe: Letztlich erreicht Kadokes Passivität einen Grad, der für mich nicht mehr glaubwürdig war. Ein wenig Erholung boten die immer wieder eingestreuten innigen Szenen mit seinem alten Vater, der gegen seinen Willen in jene Siedlung verpflanzt wurde, der aber mit Kadoke auf eine Art und Weise liebevoll verbunden ist, an der all die widrigen Umstände nichts ändern können. Auch im letzten Teil des Romans, als Kadoke in seinem neuen Umfeld eine Arbeit sucht und eine neue Liebesbeziehung findet, nimmt die Handlung einen merkwürdig grellen Verlauf, so dass ich das Gefühl hatte, der Autor wollte einfach nichts auslassen, was immer sich als Drama anbietet.

    Gekonnt geschrieben ist das Buch. Es stellt eine Lebensform vor, über die ich bisher so gut wie nichts wusste. Es zeigt, wie jemand durch den Sog der Ereignisse, allein durch Nachgiebigkeit, in eine immer absurdere Situation gezogen wird. Und es führt vor, wie der arme Kadoke, der sich als Atheist und Niederländer begreift, durch sein Umfeld - man kann es kaum anders nennen - "zum Juden erzogen" werden soll. Leider taugt die Geschichte in meinen Augen nicht als politischer Roman oder Gesellschaftsbild. Was da aufgeboten wird, ist einfach zu viel, zu knallig, zu absurd bis zu Unappetitlichkeit - letztlich ist es einfach ein Buch über einen allzu passiven Helden in einem Umfeld völlig abgedrehter Menschen.

    Es tut mir leid, wenn mir möglicherweise einige Untertöne und Deutungsmöglichkeiten entgangen sind: Das Buch hat für mich persönlich nicht die Atmosphäre hergestellt, die zum Nachdenken reizt; ich konnte es nur als Groteske lesen.

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    05. Mai 2021 

    Spezielle Art von Humor

    Der 1971 in Amsterdam geborene Arnon Grünberg ist in den Niederlanden ( und nicht nur dort ) ein gefeierter Autor.
    Hauptfigur in seinem 15. Roman ist der Psychiater Kadoke. Grünberg- Leser kennen ihn schon aus dem letzten Buch „ Muttermale“ . ( „Besetzte Gebiete“ lässt sich aber problemlos ohne den Vorgängerroman lesen.) Er ist ein Spezialist für Suizidprävention. Bei einer Klientin ist er aber zu weit gegangen. Er hat Michette, eine junge Frau, die als austherapiert galt, bei sich aufgenommen und sie mit der Pflege seines alten Vaters betraut. Für sich hat er das Ganze als „ alternative Therapie“ betrachtet.
    Es schien auch gut zu funktionieren. Doch nun bezichtigt ihn Michette der Übergriffigkeit und zu allem Übel hat ihr Schriftstellerfreund ihre Version der Beziehung zu Kadoke zu einem Roman verarbeitet. Ein handfester Skandal entwickelt sich, in dessen Verlauf Kadoke nicht nur seine Approbation als Psychiater verliert, sondern auch seinen guten Ruf. Wüste Beschimpfungen wildfremder Menschen, darunter auch viele antisemitischer Natur ( „ jüdischer Vergewaltiger“ ) treffen Kadoke sehr. Er fühlt sich plötzlich als Paria in seiner Heimatstadt.
    Wohin geht ein Jude, wenn er sich ausgestoßen fühlt? Nach Israel.
    Da trifft es sich gut, dass überraschend eine entfernte Verwandte zu Besuch kommt und Kadoke sich in diese verliebt. Obwohl Anat völlig gegensätzliche Anschauungen hat als er. Kadoke ist zwar von Geburt her Jude, versteht sich jedoch als Atheist und Anti- Zionist, während Anat als orthodoxe Jüdin und überzeugte Siedlerin im Westjordanland lebt.
    Kadoke nimmt ihre Einladung an und reist mit seinem betagten Vater ins Gelobte Land.
    Und ab hier wird die Geschichte immer absonderlicher. Hier prallen Welten aufeinander - da der liberale Westen , hier die Siedler, die im 19. Jahrhundert stecken geblieben scheinen.
    Die Situation, die die Niederländer dort erwartet, ist wenig einladend. Drückende Hitze, karges Land mitten in der Wüste; Vater und Sohn werden in einem heruntergekommenen Wohnwagen untergebracht, die Bewohner beobachten sie misstrauisch. Bis sich Kadoke als Verlobter von Anat ausgibt. Ab diesem Zeitpunkt wird er als gottgesandter Heilsbringer angesehen, der Anat vom Makel der Kinderlosigkeit befreien wird. Schnell wird die Hochzeit angesetzt. Doch zuvor muss Kadoke vor Anats Mutter noch den Beweis seiner Männlichkeit antreten. Die Mutter ist die befremdlichste Frauenfigur im Roman. Ihre Wohnung starrt vor Dreck, doch es lohnt sich nicht, die kurze Zeit, bis der Messias kommt, mit Putzen zu vergeuden. Sie steht völlig unter dem Einfluss eines uralten, im Koma liegenden Rabbiners in New York, der ihr im Traum Anweisungen gibt.
    Kadoke, ein höflicher Mann, der keinen Anstoß erregen will, beugt sich beinahe allem. Dafür hofft er auf die Liebe von Anat, doch diese hat nur ihren Kinderwunsch im Blick. Das Gefühl, angenommen zu werden, erlebt Kadoke erst in den Armen eines Palästinensers. Doch dies führt zu einem gewaltsamen Ende.
    Der Roman lässt sich für mich nicht als realistische Geschichte lesen. Grünberg zeigt menschliche Verhaltensweisen auf und führt sie ins Absurde. Das Buch ist voll mit grotesken und haarsträubenden Episoden; dabei überrascht der Autor mit immer neuen Einfällen. Sein Humor ist schon sehr speziell, den muss man mögen, um Freude an der Lektüre zu haben. Beim Lesen wechselte ich zwischen Kopfschütteln, Ekel und lautem Lachen. Dazwischen finden sich aber auch immer wieder bedenkenswerte Sequenzen. Z.B.:
    „ Was ist das für ein Leben, wenn man für niemanden der wichtigste Mensch ist, nur für sich selbst - was ist man dann?“
    „..., man kann auf vieles verzichten, mehr als man denkt. Die Anpassungsfähigkeit des Menschen ist sein Segen und sein Fluch.“
    Grünbergs Figuren sind meist Karikaturen, nicht immer ist klar, was sie antreibt. Es fällt schwer, Empathie für sie aufzubringen. Kadoke möchte man öfter am liebsten schütteln, um ihn abzuhalten, von dem, was er tut. Einzig die Beziehung zwischen Vater und Sohn berührt. Obwohl der Ton zwischen ihnen ruppig ist, so hängen sie doch sehr aneinander. Auch Grünbergs Frauenbild ist fragwürdig.
    Der Autor macht keinen Hehl aus seiner Einstellung zur israelischen Siedlungspolitik. Manches, was er schreibt, darf so nur ein Jude formulieren. Politisch korrekt ist hier nichts.
    Grünberg hat eine Menge Themen in seinen Roman gepackt, alle gut eingebunden in die Handlung: von der Me Too Debatte über die Rolle der Medien, vom Umgang mit dem Alter über Antisemitismus bis zu religiösem und politischen Wahn, von der Liebe bis zur Besatzungspolitik und manches mehr.
    Ich weiß eigentlich immer noch nicht, wie ich den Roman bewerten soll. Grünberg kann schreiben, das ist unbestritten. Und das Buch beschäftigt einem noch lange , nachdem man es zugeschlagen hat. Doch in der Summe war es mir zu viel: zu viel Absurdes, zu viel Abstoßendes, zu viel Sex. Teilweise wiederholt sich Grünberg auch, da hätte leicht gestrichen werden können. Letztendlich verstehe ich auch nicht ganz, was der Autor mir hier sagen will. Vielleicht steckt die Quintessenz in den letzten Sätzen:
    „ Man darf sich mit dem Schicksal nicht anfreunden, es war ein Irrtum, das zu denken, man darf sich nicht daran binden wie an einen streunenden Hund, nein: Darüber lachen muss man. Die Lebenden müssen ihr eigenes Schicksal verlachen, lachen über das anderer Leute dürfen nur die Toten.“
    Grünberg schreibt an seinem dritten Kadoke- Roman; ich weiß nicht, ob ich den lesen möchte.

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  1. Eigen und despektierlich, nicht mein Humor

    Dieses Buch ist speziell, wundervoll erzählt, aber es macht es dem Leser nicht leicht, es zu mögen.

    Grundsätzlich wandert hier ein niederländischer Jude aus, mitten hinein ins Westjordanland. Kadoke ist nicht besonders religiös, landet aber in den besetzten Gebieten, wo strenggläubige Juden in einer sektenähnlichen Gemeinschaft ihr eigenes Leben leben.
    Ein hoch interessantes Thema mit viel Zündstoff, das Arnon Grünberg humorvoll verpackt, allerdings ist sein Humor eigen.

    Hier wird alles bis an die Grenzen des guten Geschmacks überspitzt. Seine Figuren sind Karikaturen. Bei dem Versuch, die Motivation des ein oder anderen Protagonisten nachzuvollziehen, kann man als Leser verzweifeln. Es folgt ein jeder seiner ganz eigenen Logik, die bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehbar ist, dann aber doch absurde Formen annimmt. Der Leser wird verstickt, verwickelt, auch unterhalten, aber doch an seine Grenzen geführt. Irgendwann hört der Spaß auf, die Grenze ist fließend, aber Herr Grünberg legt immer noch eine Schippe drauf.

    Es hagelt Seitenhiebe zu zahlreichen Themen, natürlich geht es um religiöse Eiferer, aber auch um Traditionen, Außenseiter, sexuelle Identität, alternative Lebensweisen, Schubladendenken, die Liste ist endlos und es bekommt jeder sein Fett weg. Leider wird dabei nicht so ganz klar, was denn nun eigentlich sein Anliegen ist. Ja, das ist „schonungslose Gesellschaftskritik“, bissig und erbarmungslos, klug und auch bisweilen poetisch, aber sie hat kein festes Ziel.

    Dieses Buch ist wie ein absurdes Theaterstück. Es verwirrt, verstört und schockiert und weigert sich, Stellung zu beziehen. Für mich überschreitet es aber viel zu oft die Grenzen des guten Geschmacks, landet gerne unter der Gürtellinie.
    Ich hätte ihm drei Sterne gegeben für ein Buch, das gut geschrieben ist, nur eben nicht meinen Humor besitzt, würde es nicht zum Ende hin auch noch mit der moralischen Keule ausholen und zuschlagen, dass die Fetzen fliegen.

    „Besetzte Gebiete“ ist ein Buch mit ganz eigenem Charme, das ganz sicher seine Fans finden wird. Für mich ist es in vielerlei Hinsicht zu viel des Guten.

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  1. Jude wider Willen

    Zuerst wollte ich als Rezensionsüberschrift „enfant terrible goes politics“ nehmen, aber der Autor ist sicherlich seit ewigen Zeiten politisch. Viel politischer als ich. Doch diese englisch-geschredderte Überschrift hätte angezeigt, welche beiden Komponenten im vorliegenden Roman zu erwarten sind. Einerseits ein schlimmes enfant terrible, das den Leser mit Igittsexdetails schockt, andererseits gilt es, einen politischen Roman zu entdecken. Der politische Teil ist allerdings verdeckt durch allerhand skurriles Personal, ja, manchmal tief vergraben.

    Wenn man den Roman gut besprechen will und nicht einfach nur „shocking“, „igitt“ schreit und wegrennt, sozusagen (k)eine innere Lese-Emigration stattfindet, dann muss man interpretieren. Und ein jeder Leser und eine jede Leserin wird ihre eigene Interpretation mitbringen, sie über das Buch legen oder sie sogar tatsächlich auf den Romanseiten finden.

    Vordergründig geht die Story so: angesehener Psychiater entschließt sich angesichts einer austherapierten Patientin zu einer ungewöhnlichen Therapieform, wird der Übergriffigkeit beschuldigt, verliert seinen Ruf und seine Approbation und wandert nach Israel aus. Auf Probe, wie Kadoke, unser Psychiater sich vormacht.

    Untergründig haben wir einen Juden, der sich als Nichtjude fühlt und völlig atheistisch lebt, in dessen Familie jüdische Geschichte kein Thema ist, man lebt gemütlich in den Niederlanden, man ist Niederländer von den Zehen bis zum Scheitel. Aber irgendwann in der Vita wird man als Jude, der man eben von Geburt an doch ist, ob man will oder nicht, mit dem Jüdischsein konfrontiert. Jude wider Willen. Nämlich dann, wenn man ein Paria wird. Wo soll man hin als Jude? Nach Israel. Mit anderen Worten, der jüdischen Herkunft kann man auf Dauer nicht entkommen.

    Szenenwechsel. Israel. Eine Siedlung im besetzten Gebiet. Hier wird Israel in Gestalt der Anat, Kadokes Urururgroßcousine, zur Hure. Kadoke spricht es einmal sogar aus. Dass Anat eine Urururgroßcousine ist, kommt nicht von ungefähr. Die jüdische Geschichte hat, wohin man schaut, immer tiefe Wurzeln, die weit weit weit zurückreichen.

    Anat, die ich mit Israel selbst gleichsetze, suhlt sich in der geschichtlichen Opferrolle, indem sie ihren Liebhaber dazu zwingt, beim Sex eine Kopfbedeckung der Nazis zu tragen. Das ist heftig. Das stößt ab. Nicht nur, weil im Zentrum des Romans eine andere, unerträglich sexistische Szene steht und das Frauenbild Grünbergs eventuell zu hinterfragen wäre, sondern auch von seiner politischen Aussage her. Nur ein jüdischstämmiger Schriftsteller darf so etwas schreiben.

    Die Mutter, gleichzusetzen mit den in der USA lebenden jüdischen Gemeinde, schaut penibelst, aber auch voyeuristisch auf das Geschehen, ist aber weit weg und hat keine Ahnung. Die hat nur Anat, also die vor Ort lebende Gemeinschaft. Die sich ganz folgerichtig mit einem Präventivschlag von ihren Verfolgern befreit, echten und vermeintlichen, ganz gleich, was für Opfer dafür erforderlich sind. Man muss das Eigene retten und bewahren. Kollateralschaden ist hinzunehmen.

    Dies ist eine Interpretation. Meine. Das Beste, was ich mir vorstellen kann. Das skurrile Personal lässt einen oft auflachen, zum Beispiel, wenn Kadokes alter, gebrechlicher Vater wieder und wieder den Sohn bittet „mach mich tot“. Aber das Lachen bleibt einem doch im Hals stecken und mündet schließlich in die Conclusio: es ist alles so vergeblich, so marode, es gibt keinen Ausweg, schon gar keine Lösung. Dennoch müssen wir weitermachen mit dem Leben. Einfach Leben. Einfach weitermachen.

    Falls man nicht in eine irgendwie geartete, möglichst politische Interpretation einsteigt, bliebe nur zu sagen, ein abscheulicher Roman. Grotesk. Brutal. Vorführend. „Besetzte Gebiete“ ist ohne literarische oder politische Überhöhung untragbar.

    Es mache sind nun jeder selber ein Bild.

    Fazit: Als politischer Roman gesehen schildert „Besetzte Gebiete“ die jüdische desaströse Situation, spart aber nicht mit Kritik. Das dortige Lebensgefühl ist gut herausgearbeitet, von destruktiv bis unlösbar, deprimierend, dreckig. Aber lebendig! Und nicht totzukriegen: die Existenz Israels ist und bleibt ein Paradoxon.

    Kategorie. Satire. Politischer Roman
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2021

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  1. Eine Schussfahrt durchs Horrorkabinett der Absurditäten

    Der, wegen seiner umstrittenen alternativen Therapie, von der Ärztekammer hinausgeworfene Psychiater Kadoke, sieht nach erfolglosen Rehabilitationsversuchen keine Zukunft mehr in Amsterdam und macht sich auf den Weg ins Gelobte Land. Seine letzte Patientin hat ihm sozusagen das Genick gebrochen und ist mit ihrer Geschichte zu einem Schriftsteller gezogen, der sich mit der Veröffentlichung eines Enthüllungsbuches einen Literaturpreis erhoffte.
    Das einzige Opfer dieser Aktion und nun als jüdischer Vergewaltiger gebranntmarkte Kadoke, redet sich kurzentschlossen ein, dass die überraschende Besucherin, eine entfernte Cousine und orthodoxe Anhängerin des Zionismus, doch seine große Liebe sein könnte.
    Mit Sack und Pack und seinem pflegebedürftigen Vater macht er sich auf den Weg zu ihr und landet in einem verdreckten Wohncontainer in der Wüste der von Israel besetzten Gebiete. Misstrauisch wird er dort empfangen und erst als Kadoke behauptet, er sei der Verlobte dieser Cousine, wird er plötzlich zum herbeigebeteten und sehnsüchtig erwarteten Wunder der Gemeinschaft. Doch vor seiner Hochzeit mit der widerwilligen Braut, soll er auf Potenz getestet werden. Schließlich sei es das einzige gottesfürchtige Ziel, zahlreiche Nachkommen zu zeugen.

    Leider, leider verliert sich der Roman nach anfänglichen aufflammenden Antisemitismus und Israel-Debatte, und handelt dieses Thema mit wenigen Sätzen zum Schluss ab: die Ermordung eines Palästinensers im Namen des Jüdischen Glaubens.

    Was dem Leser bis dahin an houellebequescher Überspitzung und Dantes Hölle entsprungenen Charakterzeichnungen der Frauen in Kadokes Umfeld zugemutet wird, lässt bestimmt so manch empfänglichen Geist auf offener Strecke zurück. Da hilft der winkende Zaunpfahl, der von Kadokes allererstem Stolperstein mit den Worten "ein oberflächliches Lesen sei an allem schuld" präsentiert wird, nicht wirklich weiter.

    Mir blieb der Spaß an der zugegeben schönen Sprache und den ersten harmlosen Kalamitäten dann irgendwann im Halse stecken. Darauf konzentriert, herauszubekommen, wie die Protagonisten ticken, was ihre Ziele sind, die sich minütlich zu ändern schienen, dabei die liederlichen Szenen umschiffend, wurde ich zusehends ungeduldiger und ja, vielleicht auch oberflächlicher. Ratlos, irritiert und mit keinerlei Erkenntnissen habe ich das Buch zugeklappt, wenn ich etwas erinnere, dann wohl den gebrechlichen Vater, der sich mit seinem "Mach-mich-tot-Wunsch" als einzige verständliche, aber leider vernachlässigte Komponente in dieser Geschichte entpuppte.

    Grünberg wird in seiner Heimat gefeiert, "Besetzte Gebiete" sei auch ohne seinen Vorgänger "Muttermale" zu lesen, aber mir erschließt sich nicht das Ziel und schon gar nicht der Weg dorthin. Ich bin lost!

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Koskas und die Wirren der Liebe: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Koskas und die Wirren der Liebe: Roman' von Guez, Olivier
2
2 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Koskas und die Wirren der Liebe: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:336
Verlag:
EAN:9783351034801
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Rezensionen zu "Koskas und die Wirren der Liebe: Roman"

  1. 2
    23. Mai 2020 

    Ein unsagbar nerviger Protagonist!

    Puh - mit so einem unsympathischen Protagonisten habe ich selten so viel Zeit verbracht.
    Jaques Koskas und ich, wir werden definitiv keine Freunde!

    Von Paris bis Israel - von 2003 bis 2010.

    Körperliche Reife spät - emotionale Reife nie.

    Scheitern und Niedergang...selbst verschuldet oder ein „Produktionsfehler der Eltern, für den man Schadensersatz fordern kann“?

    Aber der Reihe nach:
    Diesen 336-seitigen Roman zu lesen, war für mich fast ein „Muss“.
    Ich habe von Olivier Guez „Das Verschwinden des Josef Mengele“ gelesen und den Autor in einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse erlebt.
    Das Buch über den NS-Arzt war lesenswert, faszinierend und erschütternd und Herrn Guez, ein interessanter Mann mit Humor, empfand ich sympathisch, tiefsinnig und belesen.

    Jaques Koskas, in Kindheit und Jugend ein schmächtiger, braver, fleißiger und angepasster Spätentwickler, will seiner jüdischen Familie, die in Frankreich lebt und die jüdischen Traditionen hochhält, den Rücken kehren und seinen eigenen Weg finden.
    Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden, aber wenn man als Leser verfolgt, wie er das macht und wie er sich entwickelt, sträuben sich einem die Nackenhaare.

    Beruflich kommt Jaques auf keinen grünen Zweig und beziehungstechnisch klappt es auch nicht. Außer wilden Träumen und zahlreichen Affären läuft nichts und durch den beruflichen Alltag als Journalist schlängelt sich der Mittdreißiger irgendwie hindurch.

    Aus dem einstigen Bilderbuchknaben wird immer mehr ein selbstbezogener, oberflächlicher, verantwortungsloser Lebemann, Luftikus und Frauenheld, der andere blendet und sich die Welt und seine Misserfolge schönredet.

    Anfangs schmunzelte ich noch über seinen klammernden, fürsorglichen und besorgten Vater, bald ging er mir ziemlich auf die Nerven und wenig später konnte ich ihn verstehen.

    Als Eltern kann man nur besorgt sein, wenn sich der Sprössling so entwickelt.

    Nachvollziehbarerweise fragen sich Jaques‘ Eltern, ein Gynäkologe und eine Urologin, wie aus einem so folgsamen und fleißigen Knaben ein derart phlegmatischer und unambitionierter Mann hatte werden können.

    Dann passiert ihm bei der Arbeit ein verhängnisvoller Fehler.
    Er bekommt einen ordentlichen Dämpfer und in der Folge geht es zunehmend bergab.
    Jaques torkelt oberflächlich, unreif und ziellos durchs Leben, hangelt sich von Sexabenteuer zu Sexabenteuer, bekommt Ekzeme und Burnout-Symptome und landet in der Klinik, wodurch erstmals Hoffnung auf Besserung aufkeimt.

    Aber das währt nicht lange.
    Jaques lebt schließlich genauso selbstgefällig und unbeständig weiter. Ein Aufschneider und Taugenichts mit Größenphantasien und ohne Durchhaltevermögen, der nur nach dem Lustprinzip lebt.
    Es ist kaum auszuhalten!

    Und dann kommt der Tiefpunkt.
    Dieses nachvollziehbar einschneidende Ereignis bewirkt bei Jaques endlich den Entschluss, „sich am Riemen zu reißen“, weil dies der „Beginn seines zweiten Lebens“ war.
    Mit dem Lotterleben „war es jetzt aus und vorbei.“

    Ob das klappt, ob das stimmt, wie es weitergeht und endet werde ich natürlich nicht verraten.

    Olivier Guez schreibt lässig, leichtfüßig, überspitzt, mit Humor und manchmal sogar mit satirischen Unterton.
    Die streng religiösen Verwandten werden z. B. mit subtilem Witz, ironisch oder überspitzt dargestellt.
    Ich musste anfangs manchmal amüsiert die Augen verdrehen und oft laut lachen.
    Mir kam der Gedanke, dass sich das Buch zum Verfilmen eignen und dass daraus eine französische Komödie à la „Bei den Schtis“ werden könnte.

    Einen abwechslungsreichen Kniff hat der Autor angewendet, als er vorübergehend zur Tagebuchform wechselt.

    Gekonnt arbeitet er den Kontrast zwischen der konservativen, streng gläubigen Familie und der Leichtlebigkeit des Protagonisten heraus.

    Die äußerst zahlreichen Einsprengsel das Weltgeschehen betreffend störten meinen Lesefluss. Da wäre weniger mehr gewesen.

    Wirklich schlimm für mich waren die unfassbare Oberflächlichkeit und die nicht enden wollenden Frauengeschichten von Jaques.
    Ich langweilte mich irgendwann und mit der Zeit ging mir das alles ziemlich auf die Nerven. Auch hier hätte es nicht geschadet, mächtig zu kürzen.
    Etwa ab der Hälfte fragte ich mich ständig, ob und wie lange das noch so weitergeht.

    Der Autor beherrscht sein Handwerk. Er spielt gekonnt mit Extremen, Überspitzungen und Ironie und er schafft es scheinbar mühelos, dem Leser den Protagonisten nahezubringen und die passenden Gefühle (z. B. genervt sein) in angemessener Dosierung (im Falle des Genervt seins ausgesprochen stark) zu erzeugen.

    Trotzdem kann ich den Roman beim besten Willen nicht empfehlen, weil er mir nur sehr wenig Lesevergnügen bereitet hat.

    Schade :-(

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Sag, dass es dir gut geht

Buchseite und Rezensionen zu 'Sag, dass es dir gut geht' von Barbara Bisický- Ehrlich
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Sag, dass es dir gut geht"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:200
EAN:9783957712042
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Rezensionen zu "Sag, dass es dir gut geht"

  1. 4
    16. Feb 2020 

    Aufrüttelnd und ehrlich...

    Barbara Bišický-Ehrlich zeichnet als Chronistin ihrer eigenen Familiengeschichte ein mehrfaches Generationenporträt, angefangen bei ihren Urgroßeltern in der ehemaligen Tschechoslowakei, über die Zeit ihrer Großeltern und Eltern, bis hin zu ihren eigenen Erfahrungen als Enkelin von Holocaust-Überlebenden – ausgerechnet in der Bundesrepublik Deutschland. Immer wieder kreuzt die Weltgeschichte den Weg dieser Familie. Schreckensnamen wie Bergen-Belsen und Theresienstadt sind damit ebenso verknüpft wie die Zeit des Kommunismus nach 1945 in der CSSR und der Prager Frühling. Die Gefahr eines gewaltsamen Todes hängt beständig wie ein schwarzer Schatten über allen Familienmitgliedern. Entwurzelung, Neuanfang und erneute Entwurzelung sind die Folgen.

    Diese Geschichte erzählt vom einem Leben zwischen den Extremen, mit unerwarteten Wendungen, mit Traumata, die an Kindern vererbt werden und mit dem unglaublichen Überlebenswillen eines jeden Nachkommen. Barbara Bišický-Ehrlich lässt den Leser durch die Schilderung ihres Familienschicksals mühelos Jahrzehnte überbrücken und in die Zeitgeschichte eintauchen. Sie schafft eine Nähe, die dem Leser erlaubt an den Ängsten und Hoffnungen der Menschen teilzuhaben, die sich nichts sehnlicher wünschen als Frieden auf Erden. Zwischen Prag und Frankfurt am Main, zwischen Gefahren, Bedrohungen und den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, schwebt die eine große Frage: »Wie gehe ich mit Vergangenheit um?«.

    Dieser Klappentext schildert hervorragend, worum es in diesem Buch geht. Barbara Bišický-Ehrlich erzählt hier eine sehr besondere Familiengeschichte, die aufzeigt, wie sich erlebte Traumata durch die Generationen ziehen und damit Auswirkungen auch auf die Nachkommen haben.

    "Mirek weinte bitterlich, drückte seine Tochter und sagte: 'Falls wir uns nie wieder sehen, wünsche ich dir ein schönes Leben.'"

    Dabei werden nach und nach alle Mitglieder der weitverzweigten Familie beleuchtet, was zeitweise etwas verwirrend für mich war. Der bebilderte Familienstammbaum zu Beginn sorgte dann aber für ausreichende Orientierungsmöglichkeiten. Durch zahlreiche Fotos aus dem Familienalbum bekommen die Namen in dem Buch auch ein wirkliches Gesicht. Und letztlich zeigte sich die Schilderung der einzelnen Schicksale doch auch als bedeutsam für das Verständnis der Verhaltensweisen und Ängste der Autorin selbst. Auch als Urenkelin der Opfer des Holocaust leidet sie noch unter dessen Auswirkungen.

    Die Zeit des Kommunismus nach 1945 in der Tschechoslowakai und der Prager Frühling verschärften die Lage zusätzlich - die Enteignung der Juden ging beispielsweise damit einher. In der Folge emigrierten die Eltern der Autorin - ausgerechnet nach Deutschland. Die Entwurzelung, die Suche nach einer neuen Identität, die Sehnsucht nach der Heimat - das Schicksal der Migranten. Alles zusammen ein schweres Erbe, das ohne Zweifel Spuren hinterlassen hat.

    "Manchmal denke ich, dass es mögicherweise als reflektierender und hinterfragender Mensch sogar schwerer ist, mit einer 'Tätervergangenheit' der Familie klarzukommen, als in einer Opferfamilie groß zu werden. (...) Wir mussten mit den Traumata klarkommen, die Täterangehörigen mit der Schuld. Da ist es klar, wem das Solidarisieren leichter fiel."

    Schonungslos ehrlich schildert die Autorin die Folgen all dieser Ereignisse für sich und ihre Familie, und jenseits von Schuldzuweisung oder Abrechnung schafft sie den Spagat zwischen Verständnis und - ja, auch Verzeihen. Dabei lassen trotz der distanziert geschilderten Ereignisse des Holocaust einzelne Szenen beim Lesen den Atem stocken.

    Aufrüttelnd und ehrlich erscheint dieses Familienportrait, das die Autorin im Andenken an ihre Familie geschrieben hat, nicht zuletzt aber auch für sich und für ihre Standortbestimmung im Leben. Unbedingt lesenswert!

    © Parden

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