Brüste und Eier: Roman

read more
 

Ich bin ein japanischer Schriftsteller: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ich bin ein japanischer Schriftsteller: Roman' von  Dany Laferrière
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ich bin ein japanischer Schriftsteller: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:200
Verlag:
EAN:9783884236284
read more
 

64

read more

Rezensionen zu "64"

  1. Deutscher Krimipreis International 2019

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Jan 2019 

    Mikamis Tochter ist verschwunden, sie haderte mit ihrem Aussehen, das nach ihrem Vater kommt. Als Pressesprecher bei der Polizei setzt Mikami alles in Bewegung, um seine Tochter zu finden. Er ist überzeugt, dass die drei Schweigeanrufe, die er und seine Frau bekommen haben, von ihr getätigt wurden. Die Suche nach der Tochter lenkt Mikami nicht von der Arbeit ab, als noch relativ neu eingesetzter Pressesprecher muss er bei den Presseleuten einige Schwierigkeiten überwinden. Und nun wird auch noch der Besuch eines hohen Beamten aus Tokio angekündigt, der den Vater eines Entführungsopfers aufsuchen will. Ein seit vierzehn Jahren ungelöster Fall, der von Verjährung bedroht ist.

    Mikami ist wie zerrissen, eigentlich möchte er sich nur um die Suche nach seiner Tochter kümmern. Immerhin hat er hier seine gesamte Kollegenschaft hinter sich. Doch auch die Arbeit fordert seine volle Aufmerksamkeit. Besonders den Besuch gilt es vorzubereiten. Der Vater des vor Jahren entführten und zu Tode gekommenen Mädchens scheint allerdings kein großes Interesse haben, den Polizeioberen zu empfangen. Er scheint das Vertrauen in die Polizei verloren zu haben. Die Überzeugungsarbeit, die Mikami leistet, fruchtet nur in geringem Maß. Misstrauisch geworden, beginnt Mikami zu untersuchen, weshalb der alte Mann so reagiert. Er ahnt nicht, was er damit lostritt.

    Gerade beendet, schon bekommt dieser Roman den deutschen Krimipreis 2019 in der Sparte International verliehen. Eine Ehrung, die diesem umfangreichen Werk wohl zusteht. Der japanische Autor entführt einen in den Moloch der japanischen Polizeiverwaltung. Wie kann das spannend sein, könnte man sich fragen. Nun, nach der Lektüre wird es keinen Zweifel mehr geben, dass sich hinter einer eher trockenen Thematik eine fesselnde Geschichte verbergen kann. Die Verwaltungsstrukturen, die inneren Zwänge, das Hadern Mikamis damit, seine Sorge um die Tochter, die ihn so Manches ertragen lässt, was er unter anderen Umständen wohl verweigern würde. An die Art, wie die Ränkespielchen innerhalb der Verwaltung dargelegt werden, mag einem zunächst etwas sperrig vorkommen, doch schon nach wenigen Kapiteln ist man gefangen genommen und die fast 800 Seiten sind wie im Flug gelesen.

    4,5 Sterne

 

In Liebe, Dein Vaterland II: Der Untergang

read more

Rezensionen zu "In Liebe, Dein Vaterland II: Der Untergang"

  1. dystopisch, satirisch, spannend

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Aug 2020 

    Bis ins Jahr 1945 war die koreanische Halbinsel über 100 Jahre lang eine Kolonie Japans. Koreaner waren während dieser Zeit für die Besatzer Menschen zweiter Klasse und sind es leider bei vielen Japanern heute noch. In dem zweiteiligen Japan-Nordkorea Epos "In Liebe, dein Vaterland" von Ryū Murakami wird der Spieß umgedreht und Nordkorea ist plötzlich die Macht, die eine japanische Halbinsel besetzt und deren Bevölkerung in die Unterwerfung zwingt.
    In Anbetracht der Historie und dem schlechten Ruf, den Nordkorea in der Welt hat, wäre dies ein Schreckensszenario, das man sich durchaus vorstellen könnte, und das der Autor in seinem Zweiteiler genüsslich inszeniert hat.
    In dem ersten Teil "In Liebe, dein Vaterland I. Die Invasion", den ich vor ein paar Monaten gelesen habe, konzentriert sich die Handlung auf die unmittelbaren Anfänge der Besatzung von Fukuoka durch eine militärische Eliteeinheit Nordkoreas. Nach einem offenen Ende dieses Teils, war ich natürlich gespannt, wie die weitere Entwicklung in Fukuoka sein würde. Und wie das bei Mehrteilern so ist, fragt man sich natürlich, ob die Fortsetzung genauso gut wie der erste Teil ist. Soviel vorweg: Der 2. Teil steht dem 1. Teil in nichts nach.
    Eine nordkoreanische Militärtruppe besetzt also die japanische Halbinsel Fukuoka. Sie errichtet hier ihr Hauptquartier und bildet gleichzeitig die Vorhut für weitere 120.000 nordkoreanische Soldaten, die sich auf dem Seeweg nach Japan befinden.

    "Die Nordkoreaner schienen überhaupt sehr darauf zu achten, keine Ressentiments bei der Bevölkerung zu schüren. Nicht dass sie Waisenhäuser gestiftet, älteren Bürgern über die Straße geholfen oder Unkraut im Park gejätet hätten, doch beispielsweise achteten sie strikt darauf, ihr Lager sauber zu halten. Außerdem waren sie höflich und verstießen nie gegen die guten Sitten."

    Zu Beginn des zweiten Teils "Der Untergang" erleben wir, dass mittlerweile der Alltag in Fukuoka eingekehrt ist. Die Bevölkerung ist bemüht, sich mit den Besatzern zu arrangieren. Bis auf wenige Ausnahmen in der Bevölkerung haben die wenigsten jedoch Grund, sich über die Nordkoreaner zu beschweren, sind diese doch ausgesprochen höflich und zurückhaltend im Umgang mit den Einheimischen - vorausgesetzt, dass man nach nordkoreanischen Regeln spielt. Der Feind scheint nicht Nordkorea sondern die eigene Regierung zu sein. Denn durch den fehlgeschlagenen Versuch der Regierungsbehörden, einen versteckten Angriff auf die Besatzer zu wagen, mussten Menschen sterben, darunter viele Einheimische.
    Daraufhin wird man vorsichtig bei der Wahl der Mittel. Wer will schon Schuld am Tod der eigenen Landsleute haben? Die japanische Regierung stellt Fukuoka zunächst unter Blockade. Flug- und Schiffsverkehr sowie jeglicher Warenverkehr werden eingestellt. Da es keine Alternativen für die Bewohner der isolierten Halbinsel gibt, lassen sich die Einheimischen auf Geschäftsbeziehungen mit den nordkoreanischen Besatzern ein. Denn diese müssen die Versorgung und Unterbringung der 120.000 Soldaten organisieren, die in Kürze eintreffen werden.

    "Wieviele Handys würden sie wohl benötigen, wenn die 120.000 eintrafen. Bei der schwächelnden Wirtschaft Fukuokas würden sich eine Menge Händler die Hände reiben. 120.000 Zuwanderer würden die Nachfrage enorm steigern."

    Nicht alle Einwohner Fukuokas wollen die Besatzung der Nordkoreaner hinnehmen. Und hier begegnen mir meine persönlichen Helden aus dem ersten Teil wieder: Eine Gruppe von Aussenseitern will den Kampf gegen die feindlichen Besatzer aufnehmen, wobei die Bezeichnung "Aussenseiter" nur eine harmlose Vorstellung über diese Gruppe suggeriert. Tatsächlich handelt es sich um Soziopathen, vorwiegend in jugendlichem Alter, die durch die direkte oder indirekte Beteiligung an unvorstellbar brutalen Verbrechen und den daraus resultierenden Konsequenzen eine sehr spezielle Kindheit verbracht haben. Das Verrückte an Murakamis Darstellung der einzelnen Charaktere dieser Gruppe ist, dass man trotz der individuellen Vorgeschichten ein hohes Maß an Empathie für diese Charaktere entwickelt - zumindest für die Jüngeren unter ihnen. Dies liegt nicht nur daran, dass sie als Underdogs dem nordkoreanischen Feind die Stirn bieten wollen. Tatsächlich stellt der Autor Ryū Murakami das Menschliche dieser Charaktere in den Vordergrund. Letztendlich haben wir es hier mit jungen Menschen zu tun, die ihre Kindheit unter extrem schlechten Bedingungen verbracht haben, und die als "Problemkinder" von der Gesellschaft ins Abseits gestellt wurden. Nun haben sie sich in Fukuoka zu einer Gruppe zusammen gefunden, in der ihre persönliche Geschichte und Herkunft nur eine untergeordnete Rolle spielt. Hier steckt also hinter jedem Charakter ein Schicksal. Und genau das stellt Murakami in den Vordergrund.

    "Endlich hatten sie ein äußeres Ziel, auf das sie all die zerstörerische Energie richten konnten, die in ihnen schlummerte. Woher dieser Drang zur Zerstörung kam, war unklar, aber Mori wusste, dass alle hier davon beherrscht waren."

    Ryū Murakami schreibt nicht nur Romane, sondern er ist auch Regisseur und Drehbuch-Autor. Das merkt man diesem Buch an. Genau wie der 1. Teil ist "Der Untergang" unglaublich spannend und bietet genügend Potenzial, um einen Actiothriller daraus zu drehen. Der Sprachstil des Japaners ist dabei sehr visuell. Er lässt Bilder im Kopf des Lesers entstehen, die streckenweise sehr drastisch sind. Wie sich das für einen guten Actionstreifen gehört, knallt und scheppert es, dass es eine wahre Wonne ist. Explosionen, Schießereien, Blut und reichlich Tote und Verletzte ... hier hat Murakami alles in seinem Buch untergebracht, was das Action-Thriller-Herz begehrt.

    Dennoch sollte man nicht den Fehler begehen, diesen Roman auf Action, Mord und Totschlag zu reduzieren. Denn, genau wie der erste Teil, ist dieser Roman mehreren Genres zuzuordnen. Er ist eine anspruchsvolle Dystopie, die sich mit einer nahen Zukunft beschäftigt. Er ist Satire, die sich die japanische Gesellschaft vorknöpft und er ist Politthriller. Und auch hier gilt: Fiktion und Realität liegen sehr dicht beieinander.

    Leseempfehlung!

    © Renie

 

Sweetest Fruits: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Sweetest Fruits: Roman' von Truong, Monique
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Sweetest Fruits: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:347
Verlag:
EAN:9783406750748
read more
 

Die unheimliche Bibliothek: Erzählung (Taschenbücher)

Buchseite und Rezensionen zu 'Die unheimliche Bibliothek: Erzählung (Taschenbücher)' von Murakami, Haruki
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die unheimliche Bibliothek: Erzählung (Taschenbücher)"

Format:Taschenbuch
Seiten:64
EAN:9783832162931
read more

Rezensionen zu "Die unheimliche Bibliothek: Erzählung (Taschenbücher)"

  1. Ein gruseliges Lesevergnügen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Apr 2020 

    Wer das dünne Büchlein öffnet, landet in einem Alptraum bzw. in einem gleichermaßen poetischen wie verstörenden Horrormärchen, das mit fabelhaften Zeichnungen von Kat Menschik illustriert wird.

    „Die unheimliche Bibliothek“ hat mich rasch in ihren Bann gezogen. Ich las dieses Werk mit fantastischen und unlogischen Elementen in einem Zug und war am Ende fasziniert und gleichzeitig etwas ratlos.

    Über den Inhalt möchte ich nicht allzu viel verraten - das würde das schaurige Lesevergnügen mindern.
    Nur soviel: ein Junge, der eigentlich nur ein Buch in einer Bücherei ausleihen will, landet in einem gruseligen Kellerverlies. Dort erlebt er schaurige Geschehnisse und trifft auf skurrile Gestalten.

    Murakami gelingt es, mit einer einfachen und schnörkellosen Sprache, eine dichte, düstere und unheimliche Atmosphäre zu schaffen. Vor dem geistigen Auge spielt sich ein Film ab, in den man emotional hineingezogen wird.

    Ein echtes Lesevergnügen, wenn man sich darauf einlässt.

 

Nagasaki, ca. 1642: Novelle

read more

Rezensionen zu "Nagasaki, ca. 1642: Novelle"

  1. Völkerverständigung der besonderen Art

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Apr 2020 

    "Kommt man in der einen Welt nicht auf seine Kosten, dann eben in einer anderen."
    (aus "Candide oder der Optimismus" von Voltaire)

    Einer, der in der einen Welt nicht auf seine Kosten kommt, und daraufhin sein Glück in der anderen Welt sucht und hoffentlich findet, ist Abel van Rheenen, ein Niederländischer "Dolmetsch".

    Wir schreiben in etwa das Jahr 1642 und befinden uns in Nagasaki. Vor kurzem ist das Handelsschiff "Middelburg", das unter der Flagge der niederländischen Ostindien-Kompanie die Weltmeere umsegelt, hier eingetroffen. An Bord befindet sich Abel, ein junger Holländer, der die japanische Sprache einigermaßen beherrscht. Daher soll er bei den ersten Kontakten zu den Japanern als Übersetzer fungieren. Die Holländer haben ein Auge auf die kulturellen Errungenschaften sowie exotische Handelsware der Japaner geworfen. Je wertvoller und exotischer desto besser. Im Gegenzug wollen Sie ihre eigenen europäischen Waren in Japan an den Mann bringen. Unter dem Deckmantel der Völkerverständigung versuchen sie herauszufinden, welche Vorteile sie aus den Japanern herauskitzeln können. (Der Gedanke der Überlegenheit gegenüber anderen Kulturen geisterte auch damals schon durch die Köpfe der Europäer.) Doch in den Japanern der Zeit um 1642 haben sie ihre Meister gefunden. Die gehen sehr clever mit den merkwürdigen Europäern um, geben nur ein Mindestmaß von sich Preis und halten die Europäer an der kurzen Leine, ohne dass ihnen dies auffällt. Doch einer von ihnen ist nicht auf den Kopf gefallen: Abel, der Dolmetsch. Er ist ein cleveres und neugieriges Kerlchen, das verstehen will, wie die Japaner "funktionieren". Seinen Lehrmeister findet er dabei in dem Samurai Seki Keijiro, aktueller Inspektor des Handelsstützpunkts in Nagasaki und bekannter japanischer Schwertkämpfer a. D.

    "Seit gut zwanzig Jahren hatte Keijiro keinen Haarschneider empfangen, da er dies, wie so vieles, nicht nötig hatte. Er trug seine Haare, wie Haare nun einmal wuchsen, und wenn alles ins Gesicht hing, drehte er einen neuen Knoten, und wenn sie zu lang wurden, schnitt er sie ab. Er sah aus wie ein Räuber. Und jung, sagten die Mägde. So gut erhalten, der edle Herr Seki, wie eingelegter Rettich. Kaum grau auf dem Kopf mit siebenundfünfzig Jahren, und steht da wie ein Birkenbaum, obwohl er immer nur sitzt."
    Dieser Samurai ist ein sehr spezieller Charakter. Er ist faul. Jede überflüssige Bewegung kostet ihn Überwindung. Am liebsten hat er seine Ruhe. Er hat etwas von einer tyrannischen Diva. In seinem Haushalt, in dem er mit Frau, Schwiegervater und Bediensteten lebt, zittern die Menschen vor seinen Launen und versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen.
    Sein Verhalten ändert sich, als er Abel begegnet. Der quirlige und neugierige Niederländer weckt sein Interesse und seine Lebensgeister. Denn er bietet Abwechslung zu seinem Alltag als pensionierter Samurai. Und so lernen sie gegenseitig voneinander. Denn wir haben es mit zwei Figuren zu tun, die sich zwar über die Merkwürdigkeiten der anderen Kultur wundern, aber wissbegierig genug sind, diese Eigenarten verstehen zu wollen.

    Diese Geschichte erinnert mich an einen Schelmenroman im Stile eines "Der abenteuerliche Simplicissimus"(ET 1668; Autor: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen), der in etwa zur gleichen Zeit spielt wie Christine Wunnickes Roman. Tragik und Komödie liegen hier dicht beieinander. Generell scheint "Nagasaki, ca. 1642" eine Geschichte der Kontraste zu sein. die japanische Kultur trifft auf die europäische Kultur; Jung trifft auf Alt; Moral trifft auf "Unsittlichkeit" (gemessen an den damaligen moralischen Grundsätzen).
    Christine Wunnicke schildert diese Kontraste mit einem Augenzwinkern. Ihre Charaktere bewegen sich dabei an der Grenze zur Skurrilität. Sie sind nicht ernst zu nehmen. Kraft ihrer Funktionen und Ämter wird ihnen zwar von ihren Mitmenschen ein gewisses Maß an Respekt gezollt, doch tatsächlich stolpern sie von einem Fettnäpfchen ins andere. Das ist sehr lustig und macht das Aufeinanderprallen der Kulturen zu einem großen Spaß.

    "'Wer mag Huren nicht?', fragte Abel. 'Aber sie sind nicht unbedingt meine ... Benehmens-Bewunderungen, Nachahmungsangelegenheiten, meine ...'
    'Vorbilder', seufzte der Inspektor."

    Mein Fazit:
    Ein sehr originelles Buch über eine ungewöhnliche Freundschaft, in dem das Aufeinanderprallen zweier Kulturen in sehr amüsanter Weise erzählt wird. Pointe folgt auf Pointe. Fettnapf folgt auf Fettnapf. Man kommt aus dem Grinsen nicht mehr raus. Nur schade, dass dieses Buch nur etwas mehr als 100 Seiten hat. Von dieser Art humorvoller historischer Geschichte hätte ich einiges mehr vertragen können.
    Leseempfehlung!

    © Renie

 

Das Seidenraupenzimmer: Roman

read more

Rezensionen zu "Das Seidenraupenzimmer: Roman"

  1. Ein brillanter Mix aus Realem und Fantastischem.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Jun 2020 

    „Sich den außerirdischen Blick herunterladen, um zu sehen, wie die Welt wirklich ist“ - ein brillantes Werk, in dem real Mögliches und Phantastisches gekonnt vermischt werden!

    Die Ich-Erzählerin Natsuki ist zu Beginn des 256-seitigen Romans 11 Jahre alt.
    Mit ihren Eltern und ihrer zwei Jahre älteren Schwester Kise fährt sie wie jeden Sommer zum Ahnenfest (Obon-Fest) zu den Großeltern, die in den Bergen von Akishina wohnen. Dort wird sich die Verwandtschaft väterlicherseits treffen.

    Schon im Auto verspürt Natsuki Vorfreude auf ihren geliebten Cousin Yu.

    Der Leser wird im Folgenden mit einem rührenden und herzerwärmenden Rückblick der beginnenden Liebe zwischen Natsuki, einem „Magical Girl“ und Yu, einem „Außerirdischen“, überrascht.

    Natsuki fühlt sich ihrer Familie nicht wirklich zugehörig. Ihre Mutter, die ihre Schwester Kise bevorzugt, ist desinteressiert, verständnislos und behandelt Natsuki lieblos und abfällig.

    Es ist eine große Wiedersehensfreude, als sich Natsuki und Yu in dem Bergdorf endlich wieder treffen. Sie hatten große Sehnsucht nacheinander.

    Im Haus ihrer Großeltern bewohnt Natsuki das Seidenraupenzimmer, den Raum, in dem früher Seidenraupen in Bambuskörben gezüchtet worden waren.

    Vor dem Abschied, der verfrüht stattfindet, weil Kise krank wird, „heiraten“ Natsuki und Yu auf dem Friedhof, weil sie in dem Bündnis ein Gegengewicht zu ihren jeweiligen Familien sehen, in denen sie sich nicht wohl fühlen.

    Natsuki und Yu flüchten sich in eine sichere und glückliche Phantasiewelt, weil die reale familiäre Welt so herzlos und kalt ist: der Ausserirdische Yu und das Magical Girl Natsuki finden als verheiratetes Paar die Sicherheit und Geborgenheit, die ihnen fehlt und nach der sie sich sehnen.

    Wieder zu Hause in Chiba, einer japanischen Großstadt in der Nähe von Tokio, denkt Natsuki seltsam distanziert, entmenschlicht und nüchtern-biologisch über die Menschheit, Paare, Familiengründung und Kinder nach.

    Der Leser lernt schließlich Natsuki’s Lehrer Herrn Igasaki kennen, der ein allzu großes Interesse an ihr hat und er erfährt, wie gemein Natsuki von ihrer aggressiven Mutter und von ihrer verzogenen und hysterischen Schwester behandelt wird.

    Gedanken an und Vorfreude auf Yu, den sie beim nächsten Ahnenfest wieder treffen wird, trösten und beruhigen sie:
    „Aber meine Liebe zu ihm hielt mich aufrecht. Der Gedanke daran wirkte wie ein Schmerzmittel.“ (Kindle, Kapitel 2, Position 597)

    Natsuki schlängelt sich durch ihre Welt, indem sie nüchtern und sachlich über die Realität denkt, sich emotional in ihrer Phantasiewelt einkuschelt und lernt, ihren Körper zu verlassen.
    Ein „Magical Girl„ zu sein und „zaubern“ zu können hilft ihr, den Alltag zu meistern.
    Ihre Phantasie gibt ihr Mut, Kraft und Erklärungen, die sie dringend braucht, um alles durchzustehen.

    Zeitsprung, 23 Jahre später:

    Inzwischen ist Natsuki 34 Jahre alt und mit Tomoobi verheiratet. Das Paar lebt recht zurückgezogen und führt eine respektvolle, gleichberechtigte, aber distanzierte Beziehung.
    Natsuki hat für sich endlich eine Möglichkeit gefunden unabhängig und frei zu leben - eine unbedingte Notwendigkeit nach ihrer schwierigen und belastenden Biografie.

    Eines Tages entscheiden sich Natsuki und ihr sonderbarer Mann Tomoobi für eine Reise nach Akishina. Sie wollen einige Zeit im Haus der inzwischen verstorbenen Großeltern verbringen. In dem Haus, in dem nun Yu wohnt...

    Vor dem Hintergrund an Abwertungen, Lieblosigkeiten und Grenzüberschreitungen verwundert es nicht, dass Natsuki eine ausgeprägte Selbstwertproblematik hat und sich als Versagerin fühlt.
    Es ist nachvollziehbar, dass sie sich deplatziert und überflüssig fühlt, dass sie ihren Gefühlen nicht traut und an sich zweifelt und dass sie sich an einen anderen Ort - nämlich auf den Heimatstern ihres außerirdischen Ehemanns Yu - wünscht.
    Psycho-logisch ist auch, dass sie, weil sie ihrem „Sein“ keinen Wert beimisst, bestrebt ist, ihre vermeintlichen Funktionen als Mitglied der Gesellschaft perfekt zu erfüllen, um wenigstens über dadurch erhaltene Wertschätzung eine Existenzberechtigung zu haben, einen Platz in der Welt zu finden und ihr inneres Gleichgewicht zu stabilisieren.

    Erleichternd und wohltuend lesen sich Passagen, in denen Oma, Onkel, Freundin oder Lehrerin dem Mädchen Freundlichkeit und Wohlwollen entgegenbringen.

    Es ist interessant, einen Einblick in einen japanischen Alltag und in den Brauch des alljährlich stattfindenden Ahnenfestes zu bekommen, an dem, ähnlich wie an Allerheiligen, der Toten gedacht wird.

    Von der kulinarischen Gepflogenheit, in Sojasoße zubereitete Heuschrecken zu essen, zu erfahren, ist gleichermaßen interessant wie befremdlich. Sie sollen wohl knusprig und süß schmecken ;-)
    Misosuppe und Sobanudeln erscheinen da schon vertrauter.

    Es war auch interessant, etwas über Seidenraupen zu erfahren und immer mal wieder über typische Begriffe wie Hikikomori oder Kotatsu so stolpern, die ich dann recherchierte, um sie mir wieder klarer ins Gedächtnis zu rufen.

    Es geht in dem Roman um erschwerte Entwicklungsbedingungen (abwertende, desinteressierte, verständnislose gewalttätige Eltern, Mobbing, Missbrauch) und welche Folgen sie nach sich ziehen können.
    Es geht um Macht und Ohnmacht, um Normen, Tabus und Rollenklischees, um Erwartungsdruck, Anpassung und Unterwerfung, sowie um Funktion und Wert des Menschen.
    Und es geht um Strategien, all das auszuhalten:
    Funktionieren, gehorchen und sich anpassen, emotional abstumpfen, rebellieren, sich auf ein freudiges Ereignis in der Zukunft freuen, zaubern und sich wegbeamen.

    Sayaka Murata konfrontiert den Leser nicht nur mit der Macht des Staates, der Gesellschaft, der Familie, der Eltern und mit der Ohnmacht und dem Ausgeliefertsein der Kinder, sondern auch mit der familiären und elterlichen Einmischung ins Leben der erwachsenen Kinder.

    Kann man sich heimlich durch vorgetäuschte Anpassung dieser Macht entziehen?
    Sollte man sich unterwerfen und mitspielen oder aktiv und offen aufbegehren und seinen eigenen Weg gehen?

    Die Autorin hat all diese Themen in eine packende Geschichte eingebettet und mit wunderbaren Metaphern und Begrifflichkeiten versehen.

    Sie löst mit ihrer Geschichte Empörung und tiefes Mitgefühl, ungläubiges Staunen, Verwunderung, Ekel, Gänsehaut, Entrüstung und Wut aus.

    Es ist ein beklemmender und gleichzeitig fesselnder Roman.
    Man möchte das Buch zuschlagen und gleichzeitig weiterlesen.

    Es ist, wie auch schon „die Ladenhüterin“ ein brillantes ernsthaftes, aufwühlendes und beklemmendes Werk, das mich aufgrund der scharfsinnigen Beobachtung, der psychologisch treffenden, realitätsgetreuen und tiefgründigen Beschreibungen, der leicht und flüssig zu lesenden, bildlichen und wuchtigen Sprache und dem fesselnden Inhalt absolut überzeugte.

    Um eine Vorstellung davon zu geben, wie eindrücklich und intensiv sie schreibt, möchte ich einen kurzen Absatz zitieren:
    „Aber da ich mein Herz abgeschaltet hatte, spürte ich nichts und wartete still, dass die Zeit verging. Wie in einer in der Erde vergrabenen Zeitkapsel eingeschlossen, ertrug ich alles reglos, so gelang es mir, mit knapper Not, mein Leben für die Zukunft zu bewahren.“ (Kindle, Kapitel 2, Position 706)

    M. E. weist die Autorin mit ihrem Werk implizit auf die Notwendigkeit und Bedeutsamkeit hin, immer wieder mal einen Schritt zurückzutreten und die Dinge aus einer gewissen Distanz bzw. mit anderen Augen - z. B. mit den Augen eines Außerirdischen zu betrachten. Nur dann ist es möglich, den Kurs zu verändern und wirklich seinen eigenen Weg zu erkennen. Sie weist wiederholt darauf hin, versäumt aber auch nicht, darüber nachzudenken, dass es sich möglicherweise einfacher lebt, wenn man sich unreflektiert anpasst und so in das „Spiel der Gesellschaft“ eingetaucht ist, dass man gar nicht mehr auf die Idee kommt, die Regeln zu hinterfragen.
    Eigenverantwortlichkeit und Freiheit kann schwieriger sein, als Funktionen zu erfüllen und Befehlen zu gehorchen, denn Rollen, Funktionen und Befehle können Halt geben. Ohne sie kann man den Boden unter den Füßen verlieren. Im folgenden Satz wird das wunderbar zum Ausdruck gebracht:
    „Ich habe zwar meine Freiheit bekommen, aber ich bin so schlecht darin, frei zu sein. Anders als bei einem Befehl gibt es keinen Wegweiser.“ (Kindle, Kapitel 6, Position 2685)

    Die Autorin zeigt m. E. indirekt auch auf, dass weder totale Unterordnung und Selbstaufgabe noch Anarchie anzustreben sind.

    Gegen Ende würden manche Leser sicherlich sagen, dass die Geschichte abgedreht, irreal und fantastisch wird und dass die Phantasie mit Sayaka Murata durchgegangen ist. Aber ich las diese Stellen als große und eindrückliche Metapher.

    Mein Votum:
    Absolute Leseempfehlung für Leser, die auch vor ernsthaften, beklemmenden und empörenden Geschichten, die aufwühlen und nachwirken, stellenweise ins Phantastische oder Absurde abdriften und Thriller- bzw. Horrorelemente enthalten, nicht Halt machen.
    Sayaka Murata präsentiert mit dem „Seidenraupenzimmer“ keine leichte Kost.

    Deshalb sehe ich, was das Lesepublikum betrifft, Einschränkungen, die ich an dieser Stelle unbedingt erwähnen möchte:
    Labile oder zart besaitete Menschen sollten sich gut überlegen, ob und wann sie den Roman lesen wollen, da es schockierende, eklige, makabre und brutale Stellen gibt, die, weil es eben weder Krimi noch Thriller ist, besonders nahe gehen.

    Meines Erachtens ist das Werk aufgrund der Triggergefahr nicht für Menschen mit Missbrauchserfahrung geeignet.

    Wenn jdm gar nichts mit phantastischen Gedankenspielen anfangen kann, ist das Buch vielleicht auch nicht das Richtige, weil gegen Ende so Einiges absurd und abgedreht erscheint, wenn man es nicht als große, gelungene Metapher oder Gedankenexperiment liest.

    Für alle Anderen, die sich auf das Abenteuer dieser Lektüre einlassen, wird es ein großes Lesevergnügen sein!

 

Die Ladenhüterin: Roman

read more

Rezensionen zu "Die Ladenhüterin: Roman"

  1. Ungewöhnliche Protagonistin

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mai 2020 

    Sayaka Murata, 1979 geboren, ist eine erfolgreiche japanische Schriftstellerin. Ihr Roman „ Die Ladenhüterin“ erhielt 2016 einen der renommiertesten Literaturpreise ihres Landes.
    Die Ich- Erzählerin Keiko, eine Frau Mitte Dreißig, arbeitet schon seit vielen Jahren als Aushilfe in einem sog. Konbini, einem kleinen Supermarkt, der rund um die Uhr geöffnet hat. Keiko ist eine Außenseiterin. Schon als Kind fiel sie durch ihr sonderbares Verhalten auf. Sie scheint eine leichte Form von Autismus zu haben. Keiko hat Schwierigkeiten mit Gefühlen, verspürt selbst wenig Emotionen und kann die anderer nicht nachempfinden. Immer wieder werden ihre Eltern zur Schulleitung gebeten, weil die Tochter unangenehm auffiel. Keiko beschließt deshalb, sich in Zukunft still zu verhalten. Für die Eltern ist es nicht leicht mit einem solchen Kind. Trotzdem hält sich Keiko für geliebt.
    Als Studentin findet sie einen Job als Ladenhilfe in einem Konbini. Hier herrschen strenge Verhaltensregeln; es gibt genormte Sätze, die man im Kontakt mit den Kunden benutzen muss. In Übungsvideos sieht Keiko, was von ihr erwartet wird und sie imitiert die Verhaltensweisen perfekt. Dieser Job ist geradezu ideal für die junge Frau, denn er gibt ihr Sicherheit im Umgang mit anderen.
    Zitat: „Zum ersten Mal war es mir gelungen, am normalen Leben teilzunehmen. Als wäre ich gerade geboren worden. Mein erster Tag im Konbini war mein Geburtstag als normales Mitglied der Gesellschaft.“ ( S. 22 )
    Was ursprünglich als Übergangslösung gedacht war, wird für Keiko zur Lebensaufgabe. Sie überlegt ständig, welche Verbesserungen sinnvoll wären, wie man bestimmte Produkte gezielter verkaufen kann usw. Sie identifiziert sich völlig mit ihrem Laden, kennt ihn auch besser als alle anderen Mitarbeiter, da sie am längsten hier arbeitet.
    Allerdings stößt dieser Job bei ihrer Familie und ihren ehemaligen Studienkolleginnen auf Unverständnis. In ihrem Alter sollte man einer qualifizierteren Arbeit nachgehen. Und vor allem müsste eine Frau Mitte Dreißig längst verheiratet sein und Kinder haben. Ein Gedanke, der Keiko völlig fremd ist.
    Da kommt ihr eine neue männliche Aushilfskraft gerade recht . Shiraha ist ein verlotterter, fauler Mann, der sich total dem Arbeitsleben verweigert. Eigentlich ist Keiko abgestoßen von ihm, aber vielleicht würde eine Heirat ihr die gesellschaftliche Anerkennung bringen. Doch dieser Typ kann nicht die Lösung sein.
    Sayaka Murata beschreibt hier zwei völlige Außenseiter der japanischen Gesellschaft. Doch während der Leser für Keiko mit ihrer Andersartigkeit und ihrem Bemühen, ein für sich richtiges Leben zu führen, Sympathien entwickeln kann, stößt einem Shiraha mit seinem rücksichtslosen Egoismus ab. Beide Figuren sind skurrile Charaktere, die leicht überspitzt gezeichnet sind. Die Autorin zeigt an ihnen, unter welchem Druck Menschen stehen, die nicht den Erwartungen anderer entsprechen.
    Gleichzeitig bietet der Roman einen interessanten Einblick in den Arbeitsalltag von Angestellten in Japan. Er schildert anschaulich und leicht satirisch die japanische Gesellschaft mit ihrem Leistungsdruck und den dort herrschenden starren Konventionen.
    „ Die Ladenhüterin“ ist ein unterhaltsamer, leicht zu lesender Roman aus dem heutigen Japan mit einer ungewöhnlichen Protagonistin.

  1. Die wahre Bestimmung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Mär 2020 

    Schon als Kind war Keiko anders, sie nahm es schon damals allzu wörtlich. Fand sie einen toten Vogel, dachte sie, er könne zum Verzehr geeignet sein, während ihre Schwester das Tierchen ehrenvoll bestatten wollte. Und so zieht es sich durch ihre Kindheit und Jugend. Ihr Studium schafft Keiko zwar mit Ach und Krach, aber einer richtigen Anstellung fühlt sie sich nicht gewachsen. Ihr Aushilfsjob in einem Convenience Store einem sogenannten Konbini ist wie eine Offenbarung. Endlich hat sie ein Vorbild im Verhalten ihrer Kollegen und ein Handbuch, endlich fällt sie nicht mehr auf.

    Doch in diesem berührenden kleinen Roman bleibt es nicht lange bei dem angenehmen Leben im Konbini. Mit Mitte dreißig hat Keiko ihre Aushilfsstellung immer noch inne und wieder fällt sie auf. Normale junge Frauen haben in dem Alter eine ordentliche Arbeit, Hobbys, eine Familie. Keiko beginnt zu überlegen, wie sie ihre Situation verbessern könnte. Vielleicht bietet der neue Mitarbeiter, der ihr irgendwie ähnlich zu sein scheint, die Rettung.

    In diesem kurzen Hörbuch/Büchlein steckt eine ganze Menge. Wie engstirnig ist die Gesellschaft - und das ist hier sicherlich nicht viel anders als in Japan - wenn sie eine junge Frau wie Keiko nicht einfach so sein lassen kann wie sie ist. Augenscheinlich hat Keiko eine Art autistische Störung, die sie zwar ganz gut funktionieren lässt, sie aber doch von denen unterscheidet, die sich als normal bezeichnen. Gut kann man Keikos Erleichterung nachempfinden als sie endlich im Konbini angekommen ist und ihre Bestimmung gefunden zu haben scheint. Warum verlangt ihre Familie von ihr, normal zu werden. Warum lassen ihr die Kollegen nicht einfach ihren Job? Wie traurig, dass sie darüber nachdenken muss, etwas an ihrem Leben zu ändern, um nicht mehr aufzufallen. Und mit ihrem männlichen Gegenpart findet sie tatsächlich einen, neben dem sie wie ein Ausbund an Normalität wirkt. Am Ende befreit sich Keiko von allen Konventionen und geht mit Freude und Erleichterung ihrer waren Bestimmung nach.

    Ein gefühlvoller kleiner Roman, der einem vor Augen hält, dass Menschen grundsätzlich so genommen werden sollten wie sie sind.

  1. Lesetipp

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Dez 2019 

    Es geht um Keiko, eine Mittdreißigerin mit autistischen Zügen.
    Der Roman beginnt mit einer treffenden Beschreibung ihrer Empathielosigkeit und ihrer Unfähigkeit/Schwierigkeit des Zugangs zu ihrer eigenen Gefühlswelt. Der Leser erfährt, dass für Keiko nur Ratio und Logik zählen und dass sie durch Imitation einen Weg findet, um in der Gesellschaft einen, wenn auch noch so kleinen, Platz und eine Aufgabe, die ihr Sinn gibt, zu bekommen, um sich „normal“ zu fühlen und um in Ruhe gelassen, also nicht gemobbt, kritisiert oder bevormundet zu werden.

    Mit dem Eintritt Shirahas, einem extrem unsympathischen, abwertenden, unverschämten und selbstgefälligen Mann in Ihr Leben, werden interessante und bedeutsame Themen eingeführt und beginnt der Weg in den Irrsinn und in die Absurdität, der dann aber, glücklicherweise, ein für Keiko recht gutes Ende findet.

    Es geht um Anpassung, Unterwerfung, Konformität versus Individuation, Unabhängigkeit und Freiheit.

    Eine These ist: Anpassung führt zur Akzeptanz, während Andersartigkeit zu Ausstoßung und Ausgrenzung führt.

    Ins Auge springende Stilmittel der Autorin sind Übertreibungen, Extreme und Zuspitzungen bishin ins Absurde.

    Shiraha, der Mann, der ihr Leben aus dem Tritt bringt, vertritt solch’ extreme Positionen, dass man sich nur über ihn empören kann. Dennoch führt gerade diese Aggravierung dazu, dass man sich wirklich mit dem Thema auseinandersetzt. Dass man sich wirklich fragt, ja fragen MUSS, ob in seinen Thesen ein Körnchen Wahrheit liegt.

    Während er zwar verbal gegen Anpassung, Gesellschaftsdruck und Konformität rebelliert, passt er sich an und resigniert aus Bequemlichkeit, fehlendem Mut und Selbstgefälligkeit.

    Keiko hingegen ist da etwas aktiver. Sie will etwas tun und verändern, aber ihr Ziel ist zunächst auch nur Konformität und Ein-, Unterordnung, um dazu zu gehören. Sie erkennt, dass Veränderung notwendig ist. Aber ist die Veränderung, die sie vornimmt bzw. vorzunehmen bereit ist, eine andere, als Anpassung und Resignation? Nein, zunächst nicht. Sie fügt sich fast, erwägt, dem (vermeintlichen) gesellschaftlichen Druck nachzugeben, um dazuzugehören und Kritik zu umgehen.

    Der Preis, den sie dafür - zunächst - bezahlt, ist ziemlich hoch. Denn sie „muss“ sich dafür erneut unterordnen... einem Taugenichts, Pascha, Hallodri und Filou… und sich dadurch demütigen (lassen).
    Der Preis: ein falsches ICH und faule Kompromisse.

    Verbergen sich hinter der „ach so fortschrittlichen und toleranten Welt“ vielleicht tatsächlich archaische, konservative und eig. vollkommen veraltete Vorstellungen, Werte und Normen, die auf uns einwirken und uns antreiben?

    Die Autorin greift eine unglaublich spannende, ernste und tiefgründige Thematik auf, aber manchmal scheint es mir, als würde sie den Leser zu sehr mit der Nase darauf stoßen. So, als würde sie ihm nicht zutrauen, zu verstehen, um was es geht.
    Aber sie bettet das Thema in eine kurzweilige und unterhaltsamer Geschichte ein; das gefällt mir und hält mich bei der Stange.

    Was halte ich von der These, dass Anpassung zu Akzeptanz und Andersartigkeit zur Ausstoßung führt?
    - Manchmal ist das so. Zum Beispiel unter Kindern.
    - Nicht überall ist das so. In manchen Kulturen scheinen es eher Exklusivität und Einzigartigkeit zu sein, die angestrebt werden.
    - Das ist bestimmt nicht immer so.
    - Es gibt viele Menschen, die selbstverständlich davon ausgehen, dass dieser Zusammenhang stimmt und die befürchten, dass das Bedrohliche - Zurückweisung und Ablehnung wegen fehlender Konformität - eintritt.

    Fragen drängen sich auf:
    Muss es Abwertung und Außenseitertum geben, um sich der eigenen „Normalität“ und Größe zu versichern?
    Müssen lästernde Äußerungen und sich einmischendes Verhalten sein, um sich der eigenen „Richtigkeit“ und Großartigkeit zu versichern?
    Darf man Toleranz erwarten und Normen hinterfragen?
    Wird man als „unnormal“ abgestempelt, wenn man nicht ins Bild passt?

    Als Keiko nach ihrer Kündigung ihre Uniform auszieht habe ich das Gefühl, dass sie einen großen Fehler macht. Ich hätte sie am liebsten davon abgehalten. „Tu‘s nicht!“ Ich hatte die Sorge und den Eindruck, dass sie ihr ICH und ihren Lebenssinn an den Nagel hängt, um zu tun, was MAN tut. Dann das zu erwartende Resultat: Wehmut über den Verlust des bisherigen Lebensinhalts. Verlust von Halt, Orientierung und Struktur. Vernachlässigung ihrer selbst. Depression.

    Da sie kaum Zugang zu ihrer Gefühlswelt hat und alles mit Verstand und Logik anzugehen versucht, kommt ihr der Gedanke, wieder Halt zu finden, indem sie ihre „ursprünglichste“ Funktion erfüllt: gebähren. Glücklicherweise wird sie davon abgebracht.

    Keiko wird immer mehr zu Shirahas Marionette und geht sogar auf sein Geheiß zu einem Bewerbungsgespräch. Fast zumindest. Glücklicherweise führen Intuition und Instinkt sie dahin zurück, wo sie sich wohl und sicher gefühlt hat: In ein Konbini. Zu ihrer „Bestimmung“ und zu dem, was sie kann. Zu dem, was ihr Sinn, Halt und Struktur gibt.
    Zum vllt. ersten Mal weigert sie sich aktiv, sich unterzuordnen. Sie widersetzt sich Shiraha und findet ihren Weg wieder, den sie seit seinem Eintritt in Ihr Leben Schritt für Schritt verlassen hat. Und den sie vor seinem Eintritt noch gar nicht bewusst als ihren Weg gesehen hat. Den sie zunächst auch nur gegangen ist, um sich „normal“ zu fühlen, zu dem sie jetzt aber aus selbstbestimmteren und eigenmotivierteren Motiven zurückkehrt.

    Mir gefiel das kurzweilige, unterhaltsame, z. T. verstörende und gewichtige Themen enthaltende Buch sehr und ich empfehle es gerne weiter.

  1. Japanische Außenseiter

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 13. Feb 2019 

    Ein Buch über zwei Außenseiter in Japan. Ein Land in dem die Gleichförmigkeit der Individuen ein wichtiger Aspekt der Kultur ist/war. Die Hauptpersonen, Keiko Furukara, 36-jährige Protagonistin, fiel ihrer Umgebung schon in jungen Jahren negativ durch fehlende Empathie auf, da sie selbst diese negativen Empfindungen der Umgebung nicht nachvollziehen kann, entschließt sie sich, sich in sich selbst zurückzuziehen, und versucht einfach Personen ihrer Umwelt nachzuahmen um nicht negativ aufzufallen. Genau aus diesem Grund sucht sie sich auch einen Aushilfsjob in einem Supermarkt und fängt diesen 18-jährig an. Und über die folgenden 18 Jahre verschmilzt sie förmlich mit diesem Job, er wird ihr Lebenszweck. Die zweite Person ist Herr Shiraha, kommt zur Aushilfe in die Supermarktfiliale, ein Kritiker des Systems an sich, aber eigentlich nur darauf aus, jemanden zu finden, der ihn aushält. Er unterbreitet Keiko seine Sichten darüber, was einen Menschen in der Gesellschaft zu einem wertvollen Mitglied macht, seine Arbeitskraft für die Gesellschaft und seine Zeugungskraft zum Erhalt der Gesellschaft. Alle anderen werden ausgegrenzt. Und Keiko überlegt und handelt … . Den Sarkasmus in diesem Buch finde ich schon hervorragend. Aber trotzdem finde ich solche Aussagen als sehr einfach, zu sehr Schwarz/Weißdenken. Jedes Individuum grenzt doch das aus, was es nicht verstehen kann bzw. will. Und Sichtweisen sind doch hoffentlich bei jedem Individuum verschieden. Sicherlich ist das in der japanischen Welt noch etwas Anderes. Aber ich denke doch das Menschen rein gefühlstechnisch überall auf der Welt ähnlich ticken/empfinden, die kulturellen Prägungen kommen nur zu den sozialen hinzu. Aber auf jeden Fall eine originelle Geschichte, die auch einen großen Sog besitzt.

  1. Schräge Lektüre mit viel bösem Witz

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Apr 2018 

    Keiko Furakawa ist 36 Jahre, ledig und arbeitet seit 18 Jahren als Aushilfe in einem Konbini, einem Supermarkt. Sie ist intelligent, doch Emotionen sind ihr völlig fremd, das Leben und die Menschen um sie herum verwirren sie, denn sie geht an Alles ausschließlich mit Logik heran (vielleicht ein bisschen wie Mr. Spock ;-)) Schon als Kind ist ihr klar, dass sie anders ist als alle Anderen und sich ihre Eltern große Sorgen um sie machen. So versucht sie nicht aufzufallen und wird ein stilles zurückgezogenes Mädchen. Sie besucht die Universität und arbeitet nebenher in einem Konbini, in dem sie sich zunehmend wohler zu fühlen beginnt. Dort wird sie als 'normaler' Mensch akzeptiert, auch deshalb weil sie sich angewöhnt, die Verhaltensweisen ihrer Kolleginnen zu imitieren, was niemandem auffällt. Doch ihre 'FreundInnen' beginnen sie argwöhnisch zu betrachten: in ihrem Alter, unverheiratet, kein richtiger Beruf - was stimmt nicht mit ihr? Da kommt sie auf eine aberwitzige Idee - ganz logisch natürlich.
    Würde man der Ich-Erzählerin Keiko im wahren Leben begegnen, würde sie einem sicherlich nicht auffallen, denn ihr Verhalten dürfte kaum von dem ihrer Kolleginnen zu unterscheiden sein. Doch durch ihre Gedanken wird einem klar, wieviele Mühe es sie kostet, diesen Schein aufrecht zu erhalten und wie absurd eigentlich dieses scheinbar so normale Verhalten im logischen Sinne wirkt. Durch ihre Augen sieht man die Welt in ihrer Irrationalität und bald schon drängt sich die Frage auf, wer hier eigentlich zu den 'Normalen' gehört.
    Doch ebenso deutlich wird, wie wichtig diese vermeintliche Irrationalität ist. Keiko zieht, ganz rational, den Sinn ihres Lebens allein aus ihrer Arbeit. Als diese wegfällt, bricht ihr Leben in sich zusammen: Weshalb soll sie sich noch pflegen, regelmäßig schlafen, essen, trinken?
    Ein dünnes Büchlein (gerade einmal 141 Seiten hat es), das einem nicht nur die Absurditäten unseres Lebens vor Augen führt, sondern auch nach meinem Empfinden ein Appell für mehr Menschlichkeit ist.

 

Kopfkissenbuch (Manesse Bibliothek, Band 14)

read more

Rezensionen zu "Kopfkissenbuch (Manesse Bibliothek, Band 14)"

  1. Unterschiedliche Wirkungen, gemischte Gefühle...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Feb 2020 

    Wer Lust hat, einmal weit über den Tellerrand hinauszublicken, sollte dieses überwiegend interessante und oft amüsante Werk lesen und sich in eine völlig andere Zeit und Kultur begeben.

    Beim „Kopfkissenbuch“ wird der Leser von der einstigen Hofdame Sei Shōnagon 1000 Jahre zurückkatapultiert und in den Kaiserpalast Japans entführt.

    Es handelt sich hier nicht um einen Roman, sondern um eine in Kapiteln gegliederte Aneinanderreihung von Listen, Erinnerungen und Gedanken der Autorin.

    Sie vermittelt in einer Art Brainstorming tiefe Einblicke in den Palastalltag. Der Leser bekommt eine gute Vorstellung von den Gepflogenheiten bei Hofe, von der höfischen Etikette, von der Bedeutung von Gewändern und erlesenen Stoffen, von buddhistischen Vorträgen, von Dichtkunst und von Festtagen sowie von den Haltungen, Gedanken und Gefühlen der Menschen, die zu den sogenannten Ranghöheren im Palast gehörten.
    Vor dem geistigen Auge entstehen lebendige Bilder, Szenen und Filme.

    Formal besteht das Buch aus 3 verschiedenen, nicht chronologisch geordneten, sich abwechselnden Arten von Kapiteln:
    -Auflistungen konkreter Dinge
    -Abschnitte, in denen sie Gedanken und Meinungen anhand von Beispielen kundtut
    -Kapitel, in denen sie Erlebnisse schildert.

    Die Auflistungen fand ich nur mäßig interessant und deshalb langweilten sie mich. Zum Teil war es da dann auch unnötig, zu den Anmerkungen nach hinten zu blättern, weil sie keine besonders erhellende Aussage hatten.
    Es waren dies z. B. Auflistungen von Bergen, Schluchten, Brücken, Kräutern, Blumen, Tieren, Bäumen...Diese Listen überflog ich irgendwann nur noch recht oberflächlich.

    Die nach dem gleichen Schema aufgebauten Abschnitte mit Überschriften wie „Bange Gefühle“, „Gegensätzliches“, „Was mit den Erwartungen nicht im Einklang steht“, „Unausstehliches“, „Worüber ich mich totärgern könnte“... interessierten, faszinierten und amüsierten mich nicht zuletzt deshalb, weil so viele Parallelen und Überlappungen zwischen heute und damals festzustellen waren.
    Um einen Eindruck von diesen Abschnitten zu vermitteln, zitiere ich im Folgenden ein paar Kostproben:

    „Bange Gefühle weckt auch ein Kleinkind, das noch nicht reden kann, wenn es sich trotzig gebärdet und schreit, ohne sich auf den Arm nehmen zu lassen.“

    „Ein Besucher, der genau dann kommt, wenn ich dringende Dinge zu erledigen habe, und dann endlos daherschwatzt ist sehr unangenehm!“

    „Wenn mir bei einem Brief, ganz gleich ob ich ihn von mir aus oder als Antwort auf einen erhaltenen Brief verfasst habe, der eine oder andere viel treffendere Ausdruck erst einfällt, wenn ich ihn schon abgeschickt habe - dann könnte ich mich totärgern. “

    Die Kapitel, in denen Sei Shōnagon Erlebnisse an ihre Zeit als Hofdame erinnert und beschreibt, haben mich gefesselt und begeistert.

    Das Werk ist in gut lesbarer, flüssiger, lebendiger einfacher und direkter Sprache geschrieben, wobei die verschiedenen Rangbezeichnungen und japanischen Namen sowie das Hin- und Herblättern zu den meist hilfreichen, aber bisweilen überflüssigen Anmerkungen am Ende des Buches, die Lektüre immer wieder ins Stocken bringen.

    Die selbstbewusste, ca. 30jährige Autorin ist eine äußerst interessante Frau, die scharfsinnig beobachtet, kein Blatt vor den Mund nimmt und schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sie hat klare Prinzipien, unumstößliche Ansichten und unverrückbare Meinungen.

    Sie hat zu wirklich allem etwas zu sagen, ist schlagfertig und gewitzt.
    Manchmal musste ich wegen der herablassenden, unsensiblen Art der Autorin und der damaligen höherrangigen Hofleute schlucken.
    Nicht selten musste ich schmunzeln und ab und zu war ich, wie bereits oben erwähnt, gelangweilt.

    Die konservative und traditionsbewusste Autorin war Tochter eines Lyrikers und hatte nicht nur eine Vorliebe, sondern ein herausragendes Talent für Wortspiele und Gedichte.
    Im damals beliebten Stehgreifdichten war sie äußerst bewandert.
    Sie war sehr modebewusst und extrem belesen.

    Sehr interessant und hilfreich für ein besseres Verständnis sind Nachwort und Glossar.

    Summa summarum:
    Ich bin froh, dass ich mir dieses Werk vorgenommen habe, weil ich japaninteressiert bin, viel Neues gelernt habe und überwiegend recht gut unterhalten wurde.
    Und jetzt bin ich froh, dass ich es beendet habe und dass ich es beiseite legen und mich wieder einem „richtigen Roman“ zuwenden kann.

 

Seiten