Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten

Buchseite und Rezensionen zu 'Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten' von Helga Schubert
4.35
4.4 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783423282789
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Rezensionen zu "Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten"

  1. Alles ist gut!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Jul 2021 

    Helga Schubert wurde 1940 in Berlin geboren. Ihr Vater fiel im Krieg, als sie ein Jahr alt war. Die Mutter flieht 1945 mit dem fünfjährigen Kind vor der Roten Armee von Hinterpommern nach Greifswald zu den Eltern ihres verstorbenen Mannes. Helga Schubert wächst in der DDR auf, geht zur Schule, studiert, wird klinische Psychologin. Schon immer hat sie geschrieben, Prosatexte, Hörspiele, Theater- und Fernsehstücke. Als Künstlerin hatte sie die Möglichkeit, in den Westen zu reisen, wurde aber dort im Allgemeinen nicht als Schriftstellerin wahrgenommen. 1980 erhielt sie eine Einladung zum den Tagen der deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt, bei denen der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen wird.

    Sie durfte nicht ausreisen, ob sie „dem Reich-Ranicki vortanzen wolle“, wurde sie gefragt.

    2020, mit dem Werk „Vom Aufstehen“ erhielt Helga Schubert 80-jährig den Ingeborg Bachmann Preis.

    „Mein Sehnsuchtsort ist eine Erinnerung…“

    So beginnt Helga Schubert ihr Leben in Geschichten zu erzählen. Es sind 29 Texte unterschiedlicher Länge, nicht chronologisch sortiert. Erinnerungen, Gedankensplitter, biographische Anker. Jedes Wort ist überlegt. Nie pathetisch, nicht anklagend, manchmal sehr fein humorvoll. In der Audioversion bekommt die Erzählung durch Ruth Reinecke eine besondere Stimme. Als ob sie mir gegenüber säße:
    Vom Leben in der DDR als Bürgerin generell, als Schriftstellerin besonders, von der Wende, vom Leben danach. Von politischem Engagement. Von der Kraft geschöpft aus dem Glauben als evangelische Christin. Vom Kind sein ohne Vater. Vom Alter(n). Und immer wieder ihre Mutter.

    Zwei Regimes haben Helga Schuberts Leben geprägt. Das politische Regime, mit aller Widersinnigkeit der Diktatur. Das mütterliche Regime, mit dem späten Erkennen von der Freiwilligkeit der Liebe.

    „Ich verdanke dir, dass ich lebe, es ist alles gut.“

    Nicht jede der 29 Geschichten hat mich gleichermaßen angesprochen. Aber die persönlichen, sehr privaten Momente dieser ganz speziellen Mutter Tochter Beziehung haben mich sehr berührt.

  1. Zeitlos schön

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Mai 2021 

    Klappentext:

    „Drei Heldentaten habe sie in ihrem Leben vollbracht, erklärt Helga Schuberts Mutter ihrer Tochter: Sie habe sie nicht abgetrieben, sie im Zweiten Weltkrieg auf die Flucht mitgenommen und sie vor dem Einmarsch der Russen nicht erschossen. In kurzen Episoden erzählt Helga Schubert ein deutsches Jahrhundertleben – ihre Geschichte, sie ist Fiktion und Wahrheit zugleich. Als Kind lebt sie zwischen Heimaten, steht als Erwachsene mehr als zehn Jahre unter Beobachtung der Stasi und ist bei ihrer ersten freien Wahl fast fünfzig Jahre alt. Doch vor allem ist es die Geschichte einer Versöhnung: mit der Mutter, einem Leben voller Widerstände und sich selbst.“

    Helga Schuberts Schreibstil ist etwas besonderes und geht ab der ersten Seiten seinen ganz eigenen Weg mit dem Leser. In den kurzen Texten, erleben wir eine Art Biografie und Erzählung und Schubert nimmt uns in ihre ganz persönliche Familiengeschichte mit. Jede Geschichte ist anders genau wie das Leben und hier wird nichts beschönigt. Schubert erlebt alles, was das Leben zu bieten hat. Schubert erzählt aber nicht nur aus dem was vergangen ist, sondern auch aus ihren Gedanken. Jede Geschichte hat ihren eigenen Stil und sie passt ihn den Darstellern an. Wir erleben alle Emotionslagen die es gibt und Schubert schafft es ausnahmslos fesselnd, begeisternd aber auch auf gewisser Weise auf Distanz zu bleiben. Sie zieht uns Leser nicht mit hinein, wir dürfen die Geschichten erfahren, brauchen aber nicht mit ihr mitleiden o.ä.. Es gehört unheimlich viel dazu, so einen Stil zu schaffen und die Leserschaft damit zu begeistern. Für mich war dies eine wirklich wunderbare Leseerfahrung und dieses Buch wird definitiv in die Sparte: „immer wieder lesbar“ einsortiert - 5 von 5 Sterne!

  1. Zeit nehmen und genießen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Apr 2021 

    Aus sportlicher Sicht bin ich eher der Mittelstrecken-Leser. Ab und zu wage ich mich auch an die Langstrecke. Aber Kurzstrecke ist nicht so meins. Denn habe ich gerade meine Lesegeschwindigkeit erreicht, ist der Leselauf bereits vorbei.

    Anders ausgedrückt: Ich lese höchst selten Kurzgeschichten und Erzählungen. Wenn allerdings die Autorin einer Erzählung das Prädikat Bachmann Preisträgerin trägt, begebe ich mich auch mal auf eine Kurzstrecke, so geschehen bei Helga Schuberts Lebensgeschichten "Vom Aufstehen". Mit der titelgebenden Geschichte gewann Frau Schubert in 2020 den Ingeborg Bachmann Preis.

    Die Geschichten in diesem Buch beinhalten Erinnerungen und Episoden aus Helga Schuberts Leben, genauso wie Gedanken über das Leben und Alter(n) an sich. Frau Schubert ist mittlerweile Anfang 80 und blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Geboren und aufgewachsen in der DDR, hat sie sich in späteren Jahren bereits hier einen Namen als Schriftstellerin gemacht. Als erfolgreiche DDR-Schriftstellerin hatte sie das Privileg, berufliche Reisen in fremde Länder zu unternehmen. Sie erlebte die Wende und die Maueröffnung, engagierte sich politisch und schrieb auch später noch das eine oder andere Buch. Ihre Heimat hat sie nie verlassen. Sie lebt nach wie vor in den neuen Bundesländern (sofern man heute noch von "neu" sprechen kann). Mittlerweile ist es ruhiger um Frau Schubert geworden. Doch sie hat immer noch viel zu erzählen, wie sie mit dem Buch "Vom Aufstehen" unter Beweis stellt.

    Sie erzählt darin von ihrem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, sie erzählt von ihrem Leben als DDR-Schriftstellerin und Bürgerin der DDR, sie erzählt von ihrem Leben als Bürgerin der BRD und sie erzählt vom Alter(n).

    "In allen Zügen sitze ich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und sehe in die entschwindende undeutlicher werdende Landschaft, sie trennt sich von mir und bleibt doch da, bei jeder Fahrt erkenne ich sie erst, wenn sie schon vorüber ist. In der Fahrtrichtung sitzend, bin ich der Zukunft ohnmächtig ausgeliefert, kann ich nicht entweichen, müsste die Augen schließen oder wegsehen, mich unterhalten, lesen, die Sonne mit all ihren Schatten stürzt durch die Scheibe, in mich hinein, ist in mir gefangen.
    Ich sehe in die Vergangenhiet, wende mein Gesicht in die Schatten und spüre die Wärme der Sonne in meinem Rücken."

    Ich kann nicht behaupten, dass mich jedes Kapitel abgeholt hat. In Summe waren es diejenigen Kapitel, die das Alter(n) betreffen, die mir sehr viel gegeben haben. Frau Schubert legt im Alter eine Haltung an den Tag, die ich mir für mich ebenfalls erhoffe: Gleichmut und Freude gegenüber dem, was noch kommt, ohne die bange Frage zu stellen, wieviel Zeit noch bleibt. Unduldsamkeit gegenüber Menschen und Dingen, die einem nicht gut tun. Niederlagen, Verluste und Tiefschläge als Teil seines Lebens zu akzeptieren, und die dazu beigetragen haben, dass man zu dem Menschen geworden ist, der man ist.

    Die Eindrücke, die ich aus diesen besonderen Episoden über das Alter(n)mitgenommen habe, überdecken die Ratlosigkeit oder Ungerührtheit, die andere Geschichten dieses Buches bei mir erwirkt haben. Dies sind Geschichten über das Leben und Ereignisse in der DDR. Oder aber auch Geschichten, deren tieferer Sinn sich mir entzog und meine Interpretationsfähigkeit an ihre Grenze brachten.

    Schriftstellerisch betrachtet beherrscht Frau Schubert die Schreibkunst ganz hervorragend. Diejenigen Geschichten, die mir gefallen haben, strahlen eine große Ruhe und Poesie aus. Die Autorin ist unglaublich wortgewandt und tiefgründig. Aber diese Tiefgründigkeit findet sich erst, wenn man Frau Schuberts Geschichten die volle Aufmerksamkeit schenkt, sich also weder äußerlich noch innerlich von irgendetwas ablenken lässt. Bei Frau Schubert scheint jedes Wort wohl überlegt zu sein. Sie schreibt nicht, um dem Leser zu gefallen, sondern um mit sich selbst im Einklang zu sein. Auch ein Vorzug des Alter(n)s: Das zu machen, was man will und nicht das, was andere von einem erwarten.
    Viele werden dieses Buch vermutlich anders wahrnehmen als ich. Aber das macht gute Literatur aus: wenn bei jedem Leser eine eigene Wirkung erzielt wird, wird das Gelesene für den Leser sehr persönlich. Und das kriegen nur die wenigsten Autoren hin.

    "Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht auch hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz.
    Mein unveräußerlicher."

    Wie bewerte ich nun einen Erzählband, dessen Geschichten mir mal mehr und mal weniger gefallen haben? Nach dem Mehrheitsprinzip? Je mehr positiv wahrgenommene Geschichten, umso besser fällt das Gesamturteil aus? Nein, ich bewerte dieses Buch anhand der Nachhaltigkeit dieses Buches, die bei mir durch einzelne Kapitel hervorgerufen werden. Es reichen einige wenige Geschichten aus, die bei mir den nötigen bleibenden Eindruck hinterlassen, um dieses Buch als besonderes Lesevergnügen weiter zu empfehlen.

    © Renie

  1. Wenn du doch damals bei der Flucht gestorben wärst...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Apr 2021 

    Drei Heldentaten habe sie in ihrem Leben vollbracht, erklärt Helga Schuberts Mutter ihrer Tochter: Sie habe sie nicht abgetrieben, sie im Zweiten Weltkrieg auf die Flucht mitgenommen und sie vor dem Einmarsch der Russen nicht erschossen. In kurzen Episoden erzählt Helga Schubert ein deutsches Jahrhundertleben – ihre Geschichte, sie ist Fiktion und Wahrheit zugleich. Als Kind lebt sie zwischen Heimaten, steht als Erwachsene mehr als zehn Jahre unter Beobachtung der Stasi und ist bei ihrer ersten freien Wahl fast fünfzig Jahre alt. Doch vor allem ist es die Geschichte einer Versöhnung: mit der Mutter, einem Leben voller Widerstände und sich selbst.

    Kurzgeschichten! Das ist ja immer so ein Ding, eine Kunst für sich. Und noch dazu das Buch einer Preisträgerin – im Vergangen Jahr gewann Helga Schubert mit 80 Jahren den Klagenfurter Ingeborg Bachmann Preis. Erfahrungsgemäß tue ich mich mit den Werken von Preisträgern oft schwer, schreiben die doch meist wenig erbaulich für die gemeine Leserschaft, sondern zeichnen sich vielmehr durch Besonderheiten im Aufbau, dem Schreibstil, des Themas aus, womit ich persönlich meistens wenig anfangen kann.

    Nicht so aber hier. Die 29 Erzählungen, die zumeist mit wenigen Seiten auskommen, sind stilistisch eher einfach geschrieben, mit kurzen Sätzen und allgemeinverständlichem Vokabular – und doch merkt man jedem einzelnen Wort an, wie gefeilt und geschliffen es eingefügt wurde. Manche Erzählungen wirken fast eher wie Prosagedichte, und tatsächlich erscheint manches sehr poetisch. Die Geschichten überraschen mit Kippmomenten und Widersprüchlichkeiten und sind oft pointiert auf den letzten Satz zugeschrieben.

    Helga Schubert, die, wie sie in einem Interview verriet, nur nachts schreibt, wenn alles dunkel ist und niemand etwas von ihr will, durchdenkt die Themen ihrer Erzählungen lange, manchmal jahrelang, bevor sie sie zu Papier bringt. Das Schreiben bedeutet für sie nicht das Aufarbeiten von schwierigen Situationen, sondern ist quasi die Essenz dessen, der Endpunkt – alles ist im Kopf verarbeitet, bevor das erste Wort zu Papier gebracht wird.

    „Ich schreibe nicht, um was loszuwerden, sondern um ein Kunstwerk zu schaffen…“ (Quelle: Interview)

    Das erklärt vermutlich auch die Fähigkeit, selbst zu bedrückenden Lebensthemen eine Distanz zu wahren, die in den Erzählungen deutlich wird. Zumeist fließen hier in die Geschichten auch autobiografische Anteile ein, was das Buch zu einem sehr persönlichen macht. Gleichzeitig gibt es in den sehr genauen, detailgeschliffenen Schilderungen von Situationen und Gefühlen aber auch eine große Allgemeingültigkeit, so dass man sich beim Lesen angesprochen und berührt fühlt. Mir erging es jedenfalls so.

    Die Erzählungen sind nicht chronologisch angeordnet, sondern schwanken zwischen Kindheitserinnerungen und dem Erwachsenenleben hin und her, teilweise zu DDR-Zeiten (die Mauer fiel, als Helga Schubert 49 Jahre alt war), aber auch danach bis hin zur Gegenwart. Auch das Alter wird nicht ausgespart. Es gibt wiederkehrende Themen: der gefallene Vater, den die Autorin so gar nicht kennenlernen konnte, die friedvolle Zeit bei der Großmutter väterlicherseits als Kind, die strenge und offenbar auch harte Mutter („Wenn du doch damals nach der Flucht gestorben wärst.“ S. 150), die Drangsalierungen in der DDR, das Gefühl von Bedrohung und der Mut, der diesem Gefühl entgegengesetzt wurde, trotz allem, die Auflösung der Grenzen und das Danach, das Leben mit einem pflegebedürftigem Partner im Hier und Jetzt u.a.m.

    Ich möchte jetzt nicht so tun, als hätten mich alle Erzählungen gleichermaßen angesprochen. Mit einer Geschichte konnte ich tatsächlich z.T. gar nichts anfangen, da erschloss sich mir der Zusammenhang nicht. Gelegentlich werden Themen und Zusammenhänge nur angedeutet, und wenn man sich mit der Deutsch-Deutschen Geschichte nicht auskennt, wird man wohl die Internetsuche bemühen müssen, um die Bedeutung der Erzählung nachvollziehen zu können.

    Was mich an den Erzählungen aber fasziniert hat, ist der leise, oft zart-melancholische Ton, das Fehlen von jeglichem Pathos, die Gefühle, die trotz des distanzierten Schreibstils deutlich zwischen den Zeilen mitschwingen. Dabei klagt Helga Schubert niemals offen an, ihre Verwunderung, Verbitterung, Traurigkeit klingen an, geraten aber eben nie „pathetisch“. Ich mochte, wie mich manche Passagen unerwartet berühren konnten, schlucken oder plötzlich auflachen ließen, denn ja, auch ein zynisch-trockener Humor scheint der Autorin nicht fremd zu sein. Deutlich wird in den Erzählungen aber auch die Stärke der Autorin, ihre Reife, die dem Leben, dem Alter und ihrer Ausbildung als Psychologin geschuldet sein dürften, der unbedingte Wille, der Mut, der Trotz, das Dennoch in vielen Situationen, aber auch ein Annehmenkönnen und Friedenschließen mit Dingen, die nicht zu ändern sind.

    Ein längeres Zitat aus der Geschichte „Alt sein“ kann das vielleicht verdeutlichen:

    „Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werde (…) Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz. Mein unveräußerlicher. Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben.“ (S. 170)

    Ich hoffe, dass ich das eines Tages auch so sehen kann…

    Für mich ist dieses Buch aus 29 Erzählungen tatsächlich ein besonderes. Leise im Ton, nicht anklagend, aber doch deutlich benennend, lässt Helga Schubert den Leser / die Leserin ein wenig in ihr Leben blicken, in das was für sie bedeutsam ist, in ihre Erinnerungen Gedanken und Empfindungen, in kleine Dinge ihres Alltags, aber auch in Verletzungen und nicht zu vergessen auch in ihren Humor. Definitiv ist das ein Buch, was bei mir bleiben darf - es hat mich auf ganz eigentümliche Weise immer wieder berührt.

    © Parden

    ***

    Hier geht es zum Interview mit der Autorin!

    https://www.swr.de/swr2/literatur/vom-aufstehen-helga-schubert-ueber-leb...

  1. Die leise Wucht ehrlicher Worte⁣

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Apr 2021 

    Bedachtsam, einprägsam, wundersam: “Vom Aufwachen” liest sich wie aus einem Guss, obwohl die einzelnen Episoden in zahlreiche Zeitebenen und Themenbereiche zersplittern. Dabei werden die Risse, Macken und Schweißnähte dieses Lebens keineswegs versteckt oder beschönigt – gerade das hat die fragile Schönheit von japanischem Kintsugi.⁣

    Nicht alle Geschichten sind gleich ausdrucksstark oder gleich dicht; manche wirken beinahe wie Auszüge aus einem Tagebuch, das nicht für fremde Augen bestimmt ist und das man daher auch nur oberflächlich erfassen kann. Aber das Gesamtbild ist leuchtend und wirkungsvoll, ein wunderbarer Einblick in dieses Leben und diese Epoche(n) der Geschichte.⁣

    “Alles gut.”⁣

    Diese Worte fallen im Buch immer wieder, oft gerade dann, wenn eben nicht alles gut ist. Halbwaise, Kriegskind, Flüchtlingskind, später Schriftstellerin in der DDR, Tochter einer toxischen Mutter, Ehefrau eines pflegebedürftigen Mannes und mehr – Helga Schubert hat viel zu erzählen und erfüllt dabei ihre eigenen Anforderungen an gute Geschichten.⁣

    “Die guten Geschichte sind wie das Leben tragikkomisch, plötzlich reißt mich die Geschichte aus dem Mitleid in die Ironie, aus der Ironie in die Verachtung, aus der Verachtung ins Verständnis. Und alles in dem Moment, in dem ich mich auf eine Sicht eingelassen hatte.”⁣
    (ZITAT)⁣

    Im Zentrum stehen meines Erachtens vor allem der Untergang der DDR und der Untergang einer von vorneherein zum Scheitern verurteilten Mutter-Tochter-Beziehung. Nebenher gewährt das Buch auch noch scheinbar wahllose Einblicke in Helga Schuberts Leben – kleine Einsprengsel, die sich aber dennoch immer ins große Ganze einfügen und dadurch als durchaus relevant erweisen.⁣

    Da ich immer schon im Westen Deutschlands lebte, war die DDR für mich als Kind und Jugendliche ganz weit weg. An den Mauerfall kann ich mich zwar gut erinnern (da war ich 13 und fühlte mich mittendrin), an die Euphorie, die Ernüchterung, die Vorurteile – aber eben immer nur aus der Ferne. Später habe ich Bücher gelesen, Dokumentationen gesehen, Museen besucht.⁣

    Aber “Vom Aufstehen” gibt mir das Gefühl, jetzt erst zumindest leise erahnen zu können, wie sich das Leben in der DDR anfühlte – insbesondere für eine intelligente kreative Frau, deren Tätigkeit als Schriftstellerin sich notwendiger Weise beißen musste mit Zäsur und Propaganda.⁣

    “Wenn du doch damals nach der Flucht gestorben wärst.”⁣

    Das sagt die Mutter einmal ganz ruhig. Sie ist ihrer Tochter gegenüber meist eiskalt und verbittert; sie schlägt, straft und ätzt. Und doch hat Helga auch eine Erinnerung daran, wie sie als kleines Mädchen lebensbedrohlich erkrankt war und die Mutter mit der Waffe an ihrem Bett saß: “Wenn du jetzt stirbst, erschieße ich mich.” An diesem Widerspruch reibt sich Helga ihr ganzes Leben lang.⁣

    Meist werden die Episoden aus der Ich-Perspektive erzählt. Nur manchmal tritt die Autorin einen Schritt zurück und spricht in Episoden, die besonders das Verhältnis zur Mutter thematisieren, von sich selber in der dritten Person als “ihre Tochter”. Will sie uns damit zeigen, wie wenig Halt dieses Familiengefüge ihr gab, wie wenig verwurzelt sie darin war? Sie nimmt ihre Identität ganz heraus aus diesem Konstrukt, in dem sie sich selber den Namen verweigert und sich nur auf ihre Rolle als Tochter reduziert.⁣

    Diese Beziehung schmerzt beim Lesen. Die Tochter trägt sie mit sich wie ein ewig blutendes Stigma. Selber schon eine alte Frau, sucht sie nach dem Tod der Mutter schließlich geistlichen Rat, weil sie das vierte Gebot nicht befolgen könne. Doch die Pastorin sagt ihr, sie habe sich da ganz umsonst bekümmert – das Gebot verlange lediglich Achtung, Liebe sei freiwillig und immer ein Geschenk.⁣

    So ganz leise schwingt da ein Aufatmen in den Worten mit, ein Abschluss, vielleicht sogar ein Stück weit Vergebung. Überhaupt kann die Autorin das gut, ganz lebensklug mit leisen Tönen auch Versöhnliches transportieren.⁣

    Generell ist die Sprache eher schlicht. Sie ist glasklar und prägnant, bar jeden Kitsches oder unnötiger Verschnörkelung. Kein Pathos, keine emotionale Anklage – und doch hat der Text keine Kälte, keine Sterilität. Die Themen kommen und gehen, und doch schwingt jedes davon lange nach, so dass sie sich zu einem großen Themenkomplex vermischen.⁣

  1. Helga Schubert schreibt über ihr Leben

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Apr 2021 

    Helga Schubert schreibt über ihr Leben

    In mehreren kurzen Episoden beschreibt sie in schöner Sprache, was sie bewegt hat in den 80 Jahren ihres Leben.
    Wir erfahren von der politischen Situation in der DDR, von der Wende, aber auch vom schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, die nur mit ihrer Tochter und einem dreirädrigen Kinderwagen floh.
    Der Leser darf ebenso teilhaben am Wohlgefühl, das sich einstellt, wenn die noch junge Helga Schubert im Garten der Oma in der Hängematte schaukelt und Apfelkuchen ist, den sie ja bei ihrer Mutter nicht bekommt.
    Das interessante beim lesen war für mich, dass die Autorin alles eher nüchtern erzählt, ich hörte kaum Anklagen heraus.
    Vieles konnte ich sehr gut nachempfinden, doch es gab auch einige Geschichten, mit denen ich nicht warm wurde, die mich mit einem Fragezeichen zurück gelassen haben.
    Liegt es daran, dass ich jünger bin und im Westen aufgewachsen bin? Kann ich deshalb einiges nicht verstehen? Oder fehlt mir die Fähigkeit um ein paar Ecken zu denken? Ich weiß es nicht, habe aber in der Leserunde von Whatchareadin festgestellt, wo wir gemeinsam den Roman gelesen haben, dass es nicht nur mir so ergangen ist.
    Muss man als Leser jede Geschichte ins kleinste analysieren und für sich etwas mitnehmen? Im Großen und Ganzen würde ich diese Frage definitiv mit ja beantworten. Doch hier erzählt jemand über sein Leben. Wie kann ich mich da beschweren, dass mir da einiges verschlossen bleibt? Es fließt in so einem Fall ja viel persönliches Gedankengut und Empfinden mit ein.
    Ein großer Zwiespalt, der mir die Bewertung sehr schwer macht. Auf der einen Seite steht die tolle, ruhige Erzählform, dann die Verwirrung, wenn nach dem lesen einer Geschichte keine Erkenntnis erfolgte.
    Warum die Autorin die Geschichten bunt durcheinander gewürfelt aufgereiht hat, erschließt sich mir auch nicht. Sie wechselt zwischen Kindheit und Alter, teilweise wirken die Geschichten wie eine kurze Momentaufnahme, ein kleiner Eindruck eines Ereignisses, die Beschreibung einer Landschaft und ihre Eindrücke dazu. Lediglich die Tasache, dass sie die Episode, deren Titel auch der Titel des Romans wurde, ans Ende gesetzt hat, war für mich ein nachvollziehbares handeln.
    Nach dem lesen habe ich mir ein Interview der Autorin durchgelesen. Vieles wird von der Autorin dort plausibel begründet. Schade, dass ich dieses Gefühl nicht während der Lektüre hatte.
    Ich bewerte mit meiner Sterne Vergabe hauptsächlich den Mut der Autorin, soviel aus ihrem Leben preisgegeben zu haben, ebenso wie den angenehmen Schreibstil. Hätte ich die Verwirrung , die mich nach einigen Geschichten ergriff miteinbezogen, wäre das Ergebnis einiges schlechter ausgefallen, doch dabei hätte ich mich nicht gut gefühlt.

  1. Klug und lebenserfahren

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Apr 2021 

    Die Schriftstellerin Helga Schubert wurde im vergangenen Jahr mit dem Ingeborg - Bachmann - Preis ausgezeichnet. Sie war die älteste Teilnehmerin bisher in Klagenfurt. Allerdings wurde sie schon einmal hierhin eingeladen, 1980. Doch Helga Schubert, in der DDR lebend, durfte nicht einreisen, u.a. weil Marcel Reich- Ranicki, „ der Kommunistenfresser“, in der Jury saß.
    „ Ich bin ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung.“ Im Leben der Autorin lassen sich achtzig Jahre deutsch-deutsche Geschichte ablesen.
    Helga Schubert wurde 1940 in Berlin geboren. Ihr Vater fiel an der Ostfront, als Helga ein Jahr alt war. „ Er ist ein Trauma meines Lebens: Dieser zerrissene, mir doch unbekannte Mann...“
    Die Mutter flüchtet 1945 aus Hinterpommern mit der nunmehr fünfjährigen Helga vor den anrückenden Russen nach Greifswald zu den Schwiegereltern. Aufgewachsen in Ost- Berlin studierte Frau Schubert an der Humboldt- Universität Psychologie und war danach als klinische Psychologin tätig. Heute lebt sie zurückgezogen in einem kleinen Ort in Mecklenburg - Vorpommern und kümmert sich um die Pflege ihres schwerkranken Mannes. Zeitlebens hat Helga Schubert geschrieben, kurze Prosatexte, Kinderbücher, aber auch Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehspiele. Im Westen war sie wenig bekannt. Doch das hat sich seit dem Bachmann- Preis geändert. Mit dem Text „ Vom Aufstehen“ überzeugte sie die Jury und „ Vom Aufstehen“ heißt nun auch der Erzählungsband. Neben dem Siegertitel enthält das Buch weitere 28 Geschichten unterschiedlicher Länge, meist aus der Ich- Perspektive erzählt.
    „ Ein Leben in Geschichten“ - so der Untertitel - das ergibt keine vollständige Biographie. Trotzdem kommt man der Autorin, ihrem Leben und ihren Gedanken, hier sehr nahe.
    Es gibt zwei immer wiederkehrende Themen, zum einen die Erfahrungen mit dem Leben in einer Diktatur, zum anderen die Beschäftigung mit der eigenen Familie und hier vor allem die schwierige Beziehung zur Mutter.
    Helga Schubert schreibt über das Eingesperrtsein im „ Zwergenstaat“, von der Sehnsucht nach „der normalen zivilisierten Welt“ da draußen, vom Bespitzeln der eigenen Person und von den Privilegien eines Schriftstellers in der DDR. „ Sie ließen mich beobachten, fanden mich feindlich-negativ, und sie ließen mich trotzdem in den Westen reisen. Ein unglaubliches Privileg. Ein Privileg, das verdächtig machte,...“
    Trotzdem bleibt Helga Schubert im ungeliebten Staat, ihrem Mann, ihrem Sohn zuliebe. Sie passt sich nicht an, wird aber auch keine Dissidentin.
    Dem Mauerfall begrüßt sie freudig. „ Der Kaiser war nackt - mein Lieblingsmärchen wurde wahr nach achtundzwanzig Jahren, zwei Monaten und siebenundzwanzig Tagen.“
    Was hat sich verändert nach der Wende? Vieles. Zum Beispiel gibt es endlich Spargel und Erdbeeren für alle, die hier leben. Nicht wie früher, als alles für Devisen in den Westen ging.
    Und nun, wo die ganze Welt offen steht für Helga Schubert, braucht sie die Ferne nicht mehr. „ Seit ich ohne behördliche Erlaubnis in die weite Welt reisen darf, ist mein zerstörerisches Fernweh geheilt.“
    Es sind Alltagsbeobachtungen, die sie beschreibt, oftmals kleine Details, die aber auf das große Ganze verweisen.
    Das zentrale Thema jedoch war und ist für Helga Schubert das problematische Verhältnis zu ihrer Mutter. Helga erfuhr als Kind wenig Liebe, keine Zärtlichkeit, stattdessen Vorwürfe, Ablehnung, verbale Verletzungen und Schläge. Die Autorin leidet ihr Leben lang darunter. Vor allem macht sie sich Vorwürfe, weil sie ihrer Mutter keine Liebe entgegenbringen kann. Für sie, als evangelische Christin, ist das vierte Gebot wesentlich. Erst das Gespräch mit einer jungen Pastorin entlastet sie. Denn: „ Von Liebe ist im Gebot nicht die Rede. Gott verlangt von uns nicht, dass wir unsere Eltern lieben. Wir brauchen sie nur zu ehren“.
    Es sind harte Sätze, die die über hundertjährige Mutter am Sterbebett zu ihrer Tochter sagt.
    „ Ich habe drei Heldentaten vollbracht, die dich betrafen. Erstens: Ich habe dich nicht abgetrieben, obwohl dein Vater das wollte. Und für mich kamst du eigentlich auch unerwünscht. Wir haben deinetwegen im fünften Monat geheiratet. Zweitens: Ich habe dich bei der Flucht aus Hinterpommern bis zur Erschöpfung in einem dreirädrigen Kinderwagen im Treck bis Greifswald geschoben, und drittens : Ich habe dich nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten.“ Doch zu diesem Zeitpunkt ist Helga Schubert zum Vergeben bereit. „Ich verdanke dir, dass ich lebe, es ist alles gut.“
    Denn das Buch ist keine Abrechnung mit der Mutter. Helga Schubert versucht zu ergründen, warum ihre Mutter zu der werde, die sie war: Ein prügelnder Vater, jung verwitwet, alleinstehend mit Kind, die Flucht als lebenslanges Trauma. Es war ein hartes, kein glückliches Leben, das die Mutter gehabt hat.
    Es finden sich aber noch andere Geschichten im Buch, Erinnertes, Betrachtungen und Überlegungen. Eine bestimmte Chronologie ist nicht erkennbar, wobei der prämierte Text „ Vom Aufstehen“ gewissermaßen die Quintessenz darstellt. Doch jede Geschichte steht für sich selbst.
    In der ersten „ Mein idealer Ort“ träumt sich die Autorin zurück in die Sommerferien, die sie jedes Jahr bei der geliebten Großmutter verbracht hat. Bilder vom Liegen in der Hängematte unter Apfelbäumen, vom Duft des warmen Streuselkuchens werden heraufbeschworen. Erinnerungen, die ihr bis heute Halt geben. „ So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.“
    Die 80jährige Autorin macht sich Gedanken über das „ Alt sein“. Kein Gejammer über körperlichen und geistigen Verfall, nein. Helga Schubert sieht auch hier das Positive. „ Das ist das Gute, Sanfte, das Glückbringende am Alter: Ich muss gar nichts.“
    Und man wünscht sich, dass man selbst irgendwann das gleiche Resümee ziehen kann: „ Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir....Das ist nämlich mein Schatz.
    Mein unveräußerlicher.“
    Helga Schubert ist gläubige Christin, davon zeugen Liedtexte und Gebete, aber ebenso ihre Überlegungen zum Osterfest. „ Heute weiß ich: In dieser einen Woche vor Ostersonntag passiert alles, was ich inzwischen vom Leben verstanden habe:
    Wie schnell sich das Schicksal für einen Menschen ändert,
    dass man verraten werden kann.
    Dass es immer unvermuteten Beistand gibt und einen Ausweg.
    An diese Hoffnung will ich erinnert werden.
    Einmal im Jahr.“
    Es ist ungewöhnlich in der ( deutschen ) Gegenwartsliteratur, dass sich ein Autor zu seiner Religion bekennt. Die Kraft ihres Glaubens ist aber auch spürbar in Helga Schuberts Verständnis von Vergebung und Verzeihen.
    Sie erinnert an Leitsätze in ihrem Leben, die sie über Jahre begleitet haben , wie ein Zitat von Marie von Ebner- Eschenbach: „ Nicht, was wir erleben, sondern wie wir erleben, was wir erleben, macht unser Leben aus.“
    Die ganze Poetik ihres Schreibens umreißt Helga Schubert so : „ Die Geschichte hat etwas herausgehoben aus dem Lebensfluss, das ich nun betrachten kann, mit Freundlichkeit oder Trauer, mit Bewunderung oder Abscheu.“ Nichts erscheint ihr unwichtig, wenn man es nur genau und von allen Seiten betrachtet. Geschichten müssen keinen Anfang haben und kein Ende, denn in der Wirklichkeit gibt es auch keine solche Trennung. Wichtig ist ihr dagegen „ der letzte Satz. Vielleicht sogar eine Pointe.“ „ Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel.“
    Natürlich gibt es auch schwächere Erzählungen in dem Band ( wie es in jedem Buch starke und schwache Passagen gibt ). Dafür sind die anderen großartig. Helga Schubert ist eine kluge Beobachterin, die in einer klaren und unpathetischen Sprache schreibt, dabei voller Poesie und Rhythmus. Alles ist durchdacht, jeder Satz wohl überlegt. Aus ihr spricht Lebenserfahrung und Reife. „ Vom Aufstehen“ ist kein Buch zur schnellen Lektüre. Es erfordert einen aufmerksamen Leser, der dafür reich belohnt wird.

  1. Leider sehr anstrengend zu lesen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Apr 2021 

    Die Autorin Helga Schubert erzählt in einzelnen kurzen Epsioden von ihrem Leben.

    Mich hat die Beschreibung sehr neugierig gemacht und ich wollte wissen, was die Autorin in all ihren Lebensjahren alles erlebt und aufgeschrieben hat.
    Der Einstieg in das Buch gelang mir leider nicht so gut, denn den Schreibstil empfand ich ziemlich anstrengend. Er wirkte oft sehr beobachtend, aus der Ferne betrachtet. Dadurch konnte ich keinen Zugang zu den Geschichten finden, keine wirklichen Emotionen aufbauen.
    Die einzelnen Episoden, insgesamt 29 Stück, waren unterschiedlich lang, mal sehr kurz, mal länger. Im Prinzip waren es meines Erachtens alles Kurzgeschichten, von denen ich grundsätzlich kein Liebhaber bin, da mir meist der Tiefgang fehlt. Hier kam noch erschwerend hinzu, dass die Erzählungen nicht chronologisch sortiert waren, sondern bunt durcheinandergewürfelt. Ich hatte das Gefühl, als wenn die Autorin einfach das aufgeschrieben hat, was ihr gerade einfiel, ohne die zeitlichen Aspekte zu betrachten. Vielleicht war es aber auch absichtlich so gewählt, dann habe ich den Hintergrund allerdings nicht gesehen. Einige Episoden gefielen mir, weil sie nachdenklich machten und einen tieferen Sinn hatten. Andere verblassten sofort nach dem Lesen. Was auf jeden Fall absolut spürbar war, war das schwierige Verhältnis zu der Mutter, die sich teilweise schrecklich und abstoßend verhalten hat.
    Obwohl im Laufe der vielen Jahre, die hier betrachtet wurden, auch einige geschichtlich interessante Dinge dabei waren, fehlten mir die bewegenden und ergreifenden Momente. Ich möchte berührt werden und ein Buch soll unterschiedliche Emotionen bei mir hervorrufen, die mich packen. Das war hier leider nur vereinzelt der Fall.

    Mich hat dieses Buch leider nicht überzeugt, so dass ich 3 von 5 Sternen vergebe.

  1. Ein Kriegskind, Flüchtlingskind und ein Kind der deutschen Teilu

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Apr 2021 

    "Nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus." (Marie von Ebner-Eschenbach)
    Die erst kürzlich mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet Autorin beschreibt in 29 Geschichten aus der Sicht ihres Lebens. Dieser Preis hätte ihr schon 1980 zugestanden, doch die DDR Regierung wollte, dass sie ihn ablehnt. Ihre Geschichten erzählt die Autorin hier in der Ich-Form, in knappen kurzen Sätzen und mitunter wiederholen sich einzelne der Begebenheiten. Die Geschichten sind nicht chronologisch angeordnet, sondern ich habe eher den Eindruck, als wenn sie das niedergeschrieben hat, was ihr gerade in den Sinn kam. So schildert sie von der Nachkriegszeit und dem viel zu frühen Tod ihres Vaters, den sie selbst nie kennenlernen durfte, da er im Krieg gefallen ist. Und auch wenn sie ihn nicht kannte, bleibt sein Verlust doch immer ein Trauma für sie. Weil sie nie erfahren wird, ob wenigstens er sie geliebt hätte. Den ihre kaltherzige und lieblose Mutter vertraut lieber der eigenen Mutter ihr Kind an, als sich selbst um sie zu kümmern. Dort jedoch erlebt Helga meist ihre schönsten Zeiten. Besonders, wenn sie in den Ferien zwischen zwei Apfelbäumen in der Hängematte liegt und den Duft von Großmutters frischem Streuselkuchen ihr in die Nase steigt. Zumindest bei ihr fühlt sie Liebe und Geborgenheit, die ihr die eigene Mutter nie geben konnte. Die Mutter dagegen vermittelt ihr bei jeder Gelegenheit, das sie Helga eigentlich erst abtreiben, auf der Flucht zurücklassen und vor den Russen fast vergiften wollte. Was müssen solche Aussagen bei einem Kind für Spuren hinterlassen? Es muss für sie doch jedes Mal wie ein Stich gewesen sein, mitzuerleben, dass die eigene Mutter sie nie haben wollte. Lag diese Ablehnung daran, weil Helga ihrer Schwiegermutter und ihrem Vater so ähnlich war? Selbst mit dem vierten Gebot hadert sie, weil sie ihre Mutter ebenfalls keine Liebe zeigen konnte. Doch eine Theologin kann sie diesbezüglich etwas beruhigen. Und erst als die Mutter stirbt, beginnt sie ihre Leben mit diesem Buch aufzuarbeiten. Bei vielen Geschichten schreibt sie über den Alltag und das Regime der ehemaligen DDR, unter dem sie ebenfalls zu leiden hatte. Sie berichtet von ihrem ehemaligen Nachbarn, der sich erhängt hat, genauso wie über ihren Ehemann, dem Sohn der Enkelin, dem Altwerden und der Pflege, so wie den Vorlieben für gute Gerüche. Da schreibt sie z. B. über ihre Erinnerung an den Duft nach Nelkenseife, das Lavendelsäckchen neben dem Kissen und der Duft ihrer Bettwäsche, der in einem diese Gerüche widerspiegelt. Sie lässt den Leser in ihren Geschichten die Erinnerungen nicht nur fühlen, sehen, schmecken, sondern ebenso riechen. Leider kam ich nicht immer mit ihrem Schreibstil klar, der doch mitunter sehr anspruchsvoll war. Oft musste ich Sätze mehrmals lesen und sogar herausfinden, über wen sie gerade in der Geschichte erzählt. Doch die Emotionen, Tragik, mitunter Humor und insbesondere die Traurigkeit, die sich darin widerspiegelt, die spüre ich auf alle Fälle in ihnen. Und trotzdem sie mit so wenig Mutterliebe gesegnet wurde, habe ich das Gefühl bei ihren Geschichten, das sie mit ihrem Leben glücklich und zufrieden ist. Was sie sicherlich ihrer Großmutter, ihrem Mann, der Familie, dem starken Willen und ihrem Glauben zu verdanken hat. "Vom Aufstehen", einem autobiografischen, sehr persönlichen und intimen Einblick in ihr Leben und über Verletzung und Heilung, dem ich 4 von 5 Sterne gebe.

  1. Ein Reigen voller Geschichten

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Apr 2021 

    Helga Schubert wurde 1940 geboren und verbrachte ihr Leben bis zur Wiedervereinigung 1990 in der DDR. Als studierte Psychologin war sie im Hauptberuf als Psychotherapeutin tätig, widmete sich aber auch immer wieder dem Schreiben. Neben Prosatexten waren das u.a. Kinderbücher, Theaterstücke und Hörspiele. Mit „Vom Aufstehen“ legt sie ihr erstes Buch mit 29 Geschichten vor, die einen Bogen über ein ganzes Leben spannen und sehr viel autobiografischen Hintergrund besitzen. Mit der letzen 19-seitigen und titelgebenden Geschichte gewann die Autorin den Ingeborg-Bachmann-Preis 2020.

    Die Erzählungen sind thematisch sehr vielseitig. Mal nimmt die Autorin nur einen Gedankensplitter auf, mal reflektiert sie bedeutungsschwere Ereignisse aus ihrem Leben oder verarbeitet erlittene Verletzungen. Dabei gibt es keine Chronologie und keine logische Einbettung, kein Vor- und kein Nachwort. Jede Geschichte steht für sich und doch stehen sie auch im Zusammenhang und bewegen sich auf jene letzte Erzählung „Vom Aufstehen“ zu, die einige Themen wieder aufnimmt und komplettiert. Der Untertitel des Buches „Ein Leben in Geschichten“ hat also unbedingt seine Rechtfertigung. „Die Geschichte hat etwas herausgehoben aus dem Lebensfluss, das ich nun betrachten kann, mit Freundlichkeit oder Trauer, mit Bewunderung oder Abscheu. (…) Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel“ (S. 128f)

    Wir lesen über einen Sehnsuchtsort der Kindheit bei der geliebten Oma in Greifswald, wir erfahren wenig vom bereits 1941 gefallen Vater, dafür aber viel von der Mutter, die mit der kleinen Helga vor den Russen flüchten musste und wenig Unterstützung erfuhr. Die schwierigen Familienverhältnisse, insbesondere zwischen Mutter und Tochter, sind ein wiederkehrendes Kernthema. Es geht dabei aber nicht nur um Verletzungen und mangelnde Mutterliebe, sondern auch um das herausfordernde Verstehen und Vergeben am Ende des Lebens. Dieser Tenor haftet fast allen Erzählungen an. Man spürt die jahrelange Erfahrung Helga Schuberts in der Psychotherapie. Sie weiß, wie man Familiengeschichte interpretieren muss, sie weiß um die Verwicklungen, die eine Generation an die nächste weitergibt, sie kann sie aufdröseln und ihr den Stachel nehmen. Manchmal geht sie dafür in die Distanz, schreibt in der dritten Person, bekommt dadurch vielleicht einen klareren Blick von außen: „Eine Wahlverwandtschaft“ verlangt dem Leser einiges ab.

    Das Leben in der DDR ist ein weiteres, breit angelegtes Thema. Als Autorin wurde Helga Schubert über Jahrzehnte überwacht, genoss aber auch Privilegien, wie zum Beispiel das Reisen. „Sie ließen mich beobachten, fanden mich feindlich-negativ, und sie ließen mich trotzdem in den Westen reisen: Ein unglaubliches Privileg. Ein Privileg, das verdächtig machte, sowohl gegenüber den Mitbürgern, die nicht reisen durften, als auch den Menschen außerhalb der DDR-Grenze.“ (S. 27)

    Anhand scheinbar kleiner Ereignisse macht Schubert deutlich, was es heißt, in einer Diktatur zu leben: So war es keinesfalls selbstverständlich, in die Ostsee raus zu schwimmen, denn die Küste wurde strengstens überwacht. Spargel aus eigenem Anbau durfte man nicht selbst essen, denn er wurde ins Ausland verkauft. Die Reisefreiheit wird der Autorin nie selbstverständlich sein, zu sehr hat sie sich in all den Jahren in der DDR danach gesehnt. Helga Schubert hat die Balance zwischen Unauffälligkeit nach außen und festen Standpunkten nach innen während der Diktatur gefunden. Sie lernte, sich mit dem System zu arrangieren. Jetzt genießt sie die Geborgenheit ihres kleinen Heimatdorfes, in dem sie lebt: Wenn man erst einmal reisen darf, nimmt die Sehnsucht danach ab.
    Einen verlässlichen Beistand findet sie auch in ihrem protestantischen Glauben, christliche Lieder und Texte sind ihre ständigen Begleiter. Auch das Schreiben darf man getrost als Therapie verstehen.

    Das Buch ist keine leichte Lektüre. Die Texte brauchen volle Konzentration. Man muss sich auf jeden Text neu einlassen, ihn neu verorten. Wenn man einer anderen Generation als die Autorin angehört und dazu noch aus dem Westen kommt, kann man nicht jede Anspielung, nicht jede Pointe auf Anhieb verstehen. Es fehlen die Anknüpfungspunkte. Zudem gibt es wie in jedem Erzählband auch schwächere Geschichten. Doch die sind in der Minderheit. Unter dem Strich bleiben die starken Texte in der Erinnerung haften. Aus vielen geschilderten Begebenheiten kann man etwas Allgemeingültiges herauslesen, etwas, das bleibt und zum Nachdenken anregt. Es macht Spaß, der Autorin in ihren Lebensgeschichten zu folgen, zumal der Schreibstil ein Genuss ist.

    Obwohl so vieles autobiografisches Erleben ist, bleibt das Buch frei von Pathos und Sentimentalität. Helga Schubert erzählt lebensklug, kritisch, verständnisvoll und stets reflektiert. Sie verwendet eine wundervolle literarische Sprache, teilweise poetisch, aber auch mit Humor gewürzt und insbesondere, wenn es um die Paradoxien der DDR-Diktatur geht, streut sie gern ironischen Sarkasmus ein. Sie schreibt Sätze zum Niederknien.

    „Vom Aufstehen“ ist ein Buch zum Innehalten, zum Genießen und Eintauchen. Es eignet sich definitiv nicht zum schnellen Konsumieren. Wer mit der richtigen Erwartungshaltung an das Buch herangeht, wird mit Sicherheit nicht enttäuscht sein. Es ist etwas Besonderes, es ist ein eindrückliches Stück Deutsch-Deutscher Literatur.

  1. Politisches und Privates, Erschütterndes und Erhellendes...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Apr 2021 

    Dieser Erzählungsband von Helga Schubert, die 2020 mit dem Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, enthält 29 sehr persönliche Erzählungen, die ihr Leben und ihre Sichtweise aufs Leben fokussieren und fast ein ganzes Jahrhundert beleuchten.

    Er ist trotz aller privaten Details nicht als Autobiografie zu verstehen, weil neben den wahren Episoden ganz entscheidende Bereiche, z. B. ihre eigene Nachkommenschaft, ausgeklammert sind.

    Die 80-jährige Helga Schubert, die sich als „Kriegskind“, „Flüchtlingskind“ und „Kind der deutschen Teilung“ bezeichnet, jahrelang von der Stasi observiert wurde und fast 50 Jahre alt war, als sie erstmals frei wählen durfte, präsentiert uns ruhig, unaufgeregt und gelassen ausgewählte Erinnerungen aus ihrem außergewöhnlichen und bewegten Leben.

    „Vom Aufstehen“ ist ein Sammelsurium aus persönlichen Erinnerungen und Gedanken, die keiner Chronologie bedürfen und politische sowie persönliche Themen ansprechen, die für Frau Schuberts bisherigen Lebensweg und ihre Entwicklung eine Bedeutung hatten.

    Sie ist eine Frau, die es ihrer kalterherzigen lieblosen und barschen Mutter, die uralt wurde nicht recht machen konnte, deren Vater 1941, ca. zwei Jahre nach ihrer Geburt, im zweiten Weltkrieg vor Moskau fiel, die Halt und Geborgenheit bei ihrer Großmutter und im Glauben fand und die sich im hohen Alter um ihren todkranken Mann im Nebenzimmer kümmerte.

    Sie musste sich damit arrangieren, dass ihre Mutter ihr tiefgründige emotionale Verletzungen zufügte und fand Entlastung in der Aussage einer Theologin, dass man seine Eltern nicht lieben müsse.

    Die 1940 geborene Helga Schubert äußert Kritik am DDR-Regime und erinnert sich daran, dass im DDR-Alltag nichts selbstverständlich war, jeder kontrolliert und alles reglementiert wurde.

    Der Band versammelt überwiegend sehr kurze, nur selten mehrseitige Texte, die in ruhigem, überwiegend melancholischem Ton und in angenehmer Sprache von Geschehnissen und Begebenheiten aus dem Leben der Schriftstellerin erzählen.
    Sprachwitz und Ironie fehlen dabei nicht und kritische Sätze wie „...und dass ich zur Belohnung für mein Wohlverhalten Lesereisen im Westen unternehmen durfte, ein ungeheures Privileg.“ (S. 88), strotzen vor Sarkasmus.
    Zynismus und trockener Humor scheinen Frau Schubert nicht fremd zu sein.

    Die Texte mit persönlichem Inhalt sind meist leicht lesbar und gut verständlich, wenngleich manches verschlüsselt erscheint

    Daneben gibt es viele Texte die sich auf historische und politische Begebenheiten beziehen.
    Da ist es hilfreich, wenn man sich mit der deutsch-deutschen Geschichte befasst hat, weil sonst manche Anspielungen verloren gehen oder Andeutungen ins Leere laufen. So z.B. die Erschießung des RAF-Terroristen Wolfgang Grams in Bad Kleinen.

    Dass mir manche Erzählungen besser als andere gefielen liegt in der Natur der Dinge und unterm Strich zählt ja das Gesamtpaket.

    Geschichten, in denen Lebenserinnerungen stecken und Anekdoten aus ihrer privaten Biografie berührten mich mehr und gefielen mir persönlich besser als Geschichten mit politischen Inhalten. Sie strahlten für mich eine große Ruhe und Poesie aus.
    Das ist aber natürlich reine Geschmackssache.

    Mit einigen wenigen konnte ich nichts anfangen. Ich verstand deren tiefere Bedeutung oder hintergründige Symbolik nicht.

    Manche Geschichten waren, wie gesagt, sehr komplex und manche Sätze waren sehr lang, was das lesen mühsam machte und viel Aufmerksamkeit erforderte, so dass ich nicht selten noch mal von vorn zum Lesen anfangen musste.

    Die herausragende letzte und titelgebende Geschichte ist ein Höhepunkt. Sie rundet die Sammlung von Erinnerungen ab, stellt eine Art Essenz der vorhergehenden Texte dar und bildet damit einen wunderbaren Abschluss ihres Werkes.
    Mit dieser Geschichte hat die Autorin den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.

    „Vom Aufstehen“ ist ein sprachlich und inhaltlich höchst interessantes und tief beeindruckendes Buch mit allerlei tiefgründigen und weisen Gedanken und Überlegungen, die man festhalten möchte.

    Die Autorin spricht zahlreiche interessante Themen an.
    Zum Beispiel die Bedeutung von Wahlmöglichkeiten, auch wenn man sie nicht ergreift. Aber wenn man sie hat, dann fühlt man sich frei.
    Zum Beispiel die Bedeutsamkeit, auch das vermeintlich selbstverständliche immer wieder zu beachten und zu schätzen.
    Denn vieles ist und war für Viele niemals selbstverständlich.
    Ihre Gedanken beziehen sich meist konkret auf die DDR, können aber unschwer verallgemeinert werden und das macht das Buch besonders wertvoll.

    Eine Passage, die mich ganz besonders beeindruckt hat, möchte ich gern zitieren.
    Genauso möchte ich das auch einmal empfinden und sehen, wenn ich „ganz alt bin“:
    „Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werde…
    Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten.
    Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz. Mein unveräußerlicher. Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben.“ (S. 170)

    „Vom Aufstehen“ ist kein durch und durch unterhaltsames oder besonders vergnügliches Buch, in dem man schwelgen kann und durch das man fliegt.

    Die Lektüre ist phasenweise mühsam und manches konnte mich emotional nicht wirklich berühren oder gar fesseln.

    Die literarische Qualität und das hohe erzählerische Niveau kann man dem Werk aber keinesfalls absprechen.
    Frau Schubert ist eine sprachgewandte und tiefgründige Autorin. Jedes Wort scheint wohl überlegt zu sein.

  1. Prägung und Schmerz

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Apr 2021 

    Kurzmeinung: Dieses Buch erschließt sich nicht von Anfang an ...

    Was prägt uns? In den Texten, mal sehr kurz, mal etwas länger, von Helga Schubert sind die wesentlichen Prägungen auf das Leben der Autorin gut erkennbar. Es ist ein sehr persönliches Buch.

    Ein Kriegskind nennt sie sich, 1940 geboren. Die Mutter zuerst aus Berlin evakuiert, dann aus Hinterpommern geflüchtet. Das Kind, also die Autorin, schwerkrank irgendwo angekommen. Von freundlichen Menschen zu einem Arzt geschafft, sonst wäre sie, Helga, gestorben.

    Im Osten gelebt. Widerwillig. Widerständig. Scheinangepaßt. Im Westen schließlich mit dummen Fragen „Fühlen Sie sich als DDR-Schriftstellerin?“ gelöchert, dem äußeren Frieden einen inneren Frieden abgepressst, aber immer noch unter den Nachklängen der Diktatur gelitten. Diktatur macht etwas mit dir. Ob du willst oder nicht.

    Die Texte im Buch sind spröde. Nicht leicht erschließbar und kommen dir dann doch nahe. Das äußerst schmerzhafte Verhältnis zur Mutter, die uralt wurde, das eigene Alter, die Autorin ist jetzt 81 Jahre alt wiegt etwas, ein pflegebedürftiger Mann.

    Helga Schuberts Sprache ist sprunghaft, lyrisch, assoziativ, thematisch läßt sie sich von ihren Gedanken tragen. Kommt immer wieder auf das Wesentlichste zurück.

    Was ist das Wesentliche? Das müssen wir uns alle fragen. Das Gute im Bösen erkennen? Das Kleine schätzen lernen? Sich selber kennen. Einen Glauben haben. Etwas mit Worten festhalten. Etwas zu bewältigen versuchen. Was ich in diesem Buch in jedem Text finde, ist Schmerz. Schmerz, der nicht für sich stehen bleiben kann. Mit dem man etwas machen muss.

    Helga Schuberts Texte in „Vom Aufstehen“ sind anspruchsvoll. Man muss tief eintauchen und langsam lesen. Man versteht nicht alles, aber was man versteht, ist, dass eine Diktatur noch jahrzehntelang nach ihrem Untergang Spuren hinterläßt. Und dass Schmerz unvermeidlich ist. Jeden Morgen Aufstehen könnte mitunter das einzige Mittel sein, ihn zu bewältigen.

    Fazit: Anspruchsvoll.

    Kategorie: Kurze Texte/Kurzgeschichten
    Verlag dtv, 2021

 

Nachricht aus dem Jenseits 2.0 | Bestseller-Autor und Medium Pascal Voggenhuber berichtet: Warum geht es allen Verstorbenen gut? Wie kommuniziere ich mit Toten? Trost und Kraft in Zeiten der Trauer

Buchseite und Rezensionen zu 'Nachricht aus dem Jenseits 2.0 | Bestseller-Autor und Medium Pascal Voggenhuber berichtet: Warum geht es allen Verstorbenen gut? Wie kommuniziere ich mit Toten? Trost und Kraft in Zeiten der Trauer' von Pascal Voggenhuber
NAN
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Inhaltsangabe zu "Nachricht aus dem Jenseits 2.0 | Bestseller-Autor und Medium Pascal Voggenhuber berichtet: Warum geht es allen Verstorbenen gut? Wie kommuniziere ich mit Toten? Trost und Kraft in Zeiten der Trauer"

Format:Broschiert
Seiten:200
EAN:9783906872834
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Über die Grenze

Buchseite und Rezensionen zu 'Über die Grenze' von Maja Lunde
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Über die Grenze"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
Verlag: Urachhaus
EAN:9783825151515
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Rezensionen zu "Über die Grenze"

  1. Ernstes Thema kindgerecht erzählt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Nov 2019 

    "Über die Grenze" erzählt die Geschichte der zehnjährigen Gerda, die 1942 zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Otto zwei jüdische Geschwister Daniel und Sarah von Norwegen über die Grenze nach Schweden bringen möchte, wo deren Vater auf sie wartet.

    Die vier Kinder sind lebensecht dargestellt und handeln wie Kinder dieses Alters. Manchmal sind sie zu vertrauensseelig, auf der anderen Seite aber nicht voreingenomen wie manche Erwachsene, sondern gehen offen durch die Welt. Die Charaktere Gerda, Otto und Daniel sind dreidimensional beschrieben und sehr verschieden. Während Gerda quirlig, abenteuerlustig und mutig ist, verhält sich ihr Bruder zurückhaltend und ist sehr schlau.

    Die Flucht ist spannend. Immer wieder geraten die Vier in Gefahr und müssen verschiedene Schwierigkeiten bewältigen. Einfühlsam und kindgerecht stellt Maja Lunde das Thema Judenverfolgung dar. Man erlebt, was es heißt, auf der Flucht zu sein und um sein Leben oder das anderer zu fürchten.

    Die Sprache ist einfach und bildhaft, sodass Kinder ab neun Jahren der Geschichte gut folgen können. Schöne und einfach gehaltene Illustrationen durchbrechen den Textfluss.

    Fazit:

    Einfühlsam und kindgerecht erzählt die Bestsellerautorin Maja Lunde von vier Kindern, die von Norwegen nach Schweden flüchten, und dabei so einigen Gefahren trotzen müssen.

  1. Glaub an dich selbst und du kannst alles schaffen!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Okt 2019 

    Maja Lunde kennt man ja eher von ihren Erwachsenenbüchern, die auf den Zustand des Klimas aufmerksam machen. Hier schlägt sie einen ganz anderen Weg ein, was mir richtig gut gefiel.

    In der Geschichte geht es um Gerda, die Abenteuergeschichten über alles liebt. Doch dann erwartet sie ein echtes Abenteuer, denn Sarah und Daniel sind Juden und brauchen ihre Hilfe. Gemeinsam begeben die Kinder sich auf die Flucht, doch werden sie diese waghalsige Aktion wirklich meistern können?

    Gerda fungiert in der Geschichte als Ich- Erzählerin und schildert ihr Leben, welches sie mit ihrem älteren Bruder Otto führt. An ihr hat mir vor allem ihr Mut und ihre Abenteuerlust gefallen. Sie geht gerne Risiken ein, um ihre Ziele zu erreichen. Ihren Bruder Otto, der das genaue Gegenteil ist, kann sie nicht so gut leiden.

    Mir hat richtig gut gefallen, dass der Fokus nicht nur allein auf der Flucht lag, sondern dass auch die Streitereien zwischen den Geschwistern beleuchtet werden, denn dadurch wirkt die Handlung noch realer. Ansonsten wird die Flucht spannend geschildert, so dass man nicht weiß, ob der Plan wirklich gelingt.

    Besonders empfand ich zudem, dass die Geschichte mal nicht in Deutschland spielt wie so viele andere, sondern im besetzten Norwegen. Schnell vergisst man, dass zu der Zeit der rechte Terror in vielen Ländern herrschte und die Juden auf der Flucht waren.

    Das sehr ernste Thema wird in meinen Augen sehr kindgerecht erzählt, so dass die Vergangenheit auch für die Generation Smartphone greifbar und verständlich ist.

    An jedem Kapitelanfang sorgen Zeichnungen zur Handlung für zusätzliche Unterhaltung, denn so können sich die Kinder das Gelesene noch besser vorstellen.

    Fazit: Für geschichtsinteressierte Kinder und Leseratten genau das Richtige. Lesemuffel werden das Buch wahrscheinlich als zu langweilig empfinden, da man schon Interesse an der Thematik mitbringen sollte.

 

Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen

Buchseite und Rezensionen zu 'Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen' von Margareta Magnusson
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen"

Wenn man darüber nachdenkt, was einmal bleiben soll, kommt das Leben jetzt in Ordnung. Frau Magnusson zeigt wie!

In Schweden gibt es eine Tradition, die sich Döstädning nennt - die Kunst die Dinge des Lebens zu ordnen. Es geht darum, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, darüber nachzudenken, was man bewahren und weitergeben möchte. Keiner weiß darüber mehr als die über achtzigjährige Margareta Magnusson. Sie hat für sich bewusst entschieden, was sie weitergeben will und was dem Vergessen anheimfallen soll und dies in ihrem Buch "Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen" festgehalten. Ob es sich um Erbstücke, Familiengeheimnisse oder den Facebook-Account handelt, sie weiß, wie man damit umgehen muss. Egal in welchem Alter man sich befindet, Frau Magnusson hilft uns lebensklug und charmant. Sie weiß, wie wir uns das Leben einfacher machen können. Denn wenn man an das denkt, was über den Tod hinaus bleiben soll, kommt überraschenderweise das Leben in Ordnung.

"Voll mit positiven und praktischen Anregungen - dieses kleine Buch kann Ihr Leben verändern" Juliet Stevenson

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
Verlag: S. FISCHER
EAN:9783103973235
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Rezensionen zu "Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen"

  1. Praktisch, einfühlsam und humorvoll

    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Mai 2019 

    „Manchmal muss man sich von liebgewonnenen Dingen trennen und kann nur hoffen, dass sie bei jemandem landen, der bald eigene schöne Erinnerungen damit verbindet.“
    (Zitat Seite 57)

    Inhalt:

    Die Schweden haben ein eigenes Wort dafür: döstädning, das Aufräumen des Lebens. Genau darum geht es in diesem Buch.
    Wir Menschen neigen dazu, nicht nur Erinnerungen, sondern auch Dinge zu sammeln, aufzubewahren. Wir alle tun dies, einerseits, weil wir vermuten, einen Gegenstand, der noch in Ordnung ist, vielleicht doch irgendwann wieder brauchen zu können, andererseits, weil uns etwas gefällt, wir es gerne in unserem Wohnraum haben, um uns daran zu erfreuen. Im Laufe des Lebens sammelt sich da vieles an, Hausrat, Erinnerungsstücke und auch Dachboden, Keller, Garage und Werkzeugschuppen füllen sich.
    Genau über diese Situation machte sich die Autorin Gedanken und begann mit dem Sortieren und Aufräumen. Ihre Erfahrungen und Tipps hat sie in diesem Buch gesammelt.

    Thema:

    In diesem Buch geht es darum, wie wir besser Ordnung halten können und was man speziell mit fortschreitenden Alter tun kann, um den Nachkommen eines Tages ein langwieriges Auflösen des Haushaltes zu ersparen oder dies wenigstens zu erleichtern.
    Eine Möglichkeit dazu ergibt sich, wenn man ohnedies aus einer großen Wohnung oder Haus in eine kleinere Wohnung zieht. Doch im Grunde ist es jederzeit sinnvoll, den persönlichen Besitz in Ruhe durchzusehen, sich zu erinnern und dann loszulassen – oder den einen oder anderen Gegenstand bewusst zu behalten.
    In kurzen, übersichtlichen Kapiteln spannt die Autorin den Bogen ihrer Themen, vom Möbelstück über Bücher bis zu Küchenutensilien in mehrfacher Ausführung. Auch Haustiere sind ein Thema. Viele unterschiedliche Anregungen und Tipps sorgen dafür, dass Leserinnern und Leser die jeweils für die persönliche Situation passenden Ideen und Vorschläge finden.
    Anders als bei diesem Thema vielleicht vermutet, handelt es sich hier keineswegs um ein trauriges Buch, sondern die Autorin schreibt mit viel Einfühlungsvermögen, lebensbejahend und humorvoll.

    Fazit:

    „Nach ihrem Tod wird niemand seine kostbare Zeit damit verschwenden müssen, den Krempel zu entsorgen, den Sie schon jetzt nicht mehr benötigen.“ (Zitat Seite 155). Dieses praktische, humorvolle Buch ist für alle Leser, die diese Ansicht teilen.

 

Sterben: Eine Erfahrung: 4 CDs

Buchseite und Rezensionen zu 'Sterben: Eine Erfahrung: 4 CDs' von Cory Taylor
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Sterben: Eine Erfahrung: 4 CDs"

Eine Erfahrung. Lesung. 248 Min.
Audio CD
2015 erfährt Cory Taylor, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. In nur wenigen Wochen hat sie ihre Memoiren verfasst, die kurz vor ihrem Tod im Juli 2016 erschienen. Auf bemerkenswerte Weise reflektiert sie über den Sinn der Zeit, die ihr noch bleibt. Sie lässt uns teilhaben an ihrer Erfahrung, was das Sterben sie gelehrt hat. Der universellen Frage über ein Leben nach dem Tod begegnet sie als nicht-religiöser Mensch in einer für sie selbst überraschenden spirituellen Form. Ergreifend und zutiefst weise sind ihre Gedanken über das Sterben, die zugleich eine Hymne an das Leben sind.

Autor:
Format:Audio CD
Seiten:0
EAN:9783957130747
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Sechs Jahre: Der Abschied von meiner Schwester

Buchseite und Rezensionen zu 'Sechs Jahre: Der Abschied von meiner Schwester' von Charlotte Link
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Sechs Jahre: Der Abschied von meiner Schwester"

Das persönlichste Buch von Charlotte Link


Auf eindringliche Weise berichtet Bestsellerautorin Charlotte Link von der Krankheit und dem Sterben ihrer Schwester Franziska. Es ist nicht nur das persönlichste Werk der Schriftstellerin, voller Einblicke in ihr eigenes Leben, sondern auch die berührende Schilderung der jahrelang ständig präsenten Angst, einen über alles geliebten Menschen verlieren zu müssen. Charlotte Link beschreibt den Klinikalltag in Deutschland, dem sich Krebspatienten und mit ihnen ihre Angehörigen ausgesetzt sehen, das Zusammentreffen mit großartigen, engagierten Ärzten, aber auch mit solchen, deren Verhalten schaudern lässt und Angst macht. Und sie plädiert dafür, die Hoffnung nie aufzugeben – denn nur sie verleiht die Kraft zu kämpfen.


Ein subtiles, anrührendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit. Ein Buch, das Kraft gibt, nicht aufzugeben und um das Leben zu kämpfen.


Format:Taschenbuch
Seiten:320
EAN:9783734102554
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Rezensionen zu "Sechs Jahre: Der Abschied von meiner Schwester"

  1. Ein Buch über den Abschied, die Liebe und eine unendliche Geduld

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Jun 2017 

    Die für ihre Kriminalromane bekannte Schriftstellerin Charlotte Link hat sich mit dem Buch Sechs Jahre auf ein ihr bislang völlig fremdes Terrain gewagt - vor allem, weil sie es ihrer Schwester versprochen hatte.

    Anfang 2006 wird bei Charlotte Links Schwester Franziska im Alter von 41 Jahren Darmkrebs diagnostiziert. Die Situation wird von den Ärzten als kritisch eingeschätzt: Sie befürchten, dass bereits die Lymphknoten und das Bauchfell befallen sein könnten. Die Behandlung mit Chemotherapie, Bestrahlung und anschließender Operation beginnt praktisch sofort. Was jetzt so wirken mag, als hätte Charlotte Link das Wechselspiel der unterschiedlichen Therapieformen auf ein ganzes Buch ausgedehnt, ist falsch. Das Schreiben ist ihr Weg, sich mit dem langsamen Sterben ihrer ihr sehr nahestehenden Schwester auseinanderzusetzen und den Verlust zu verarbeiten.

    Bereits als junge Frau war Franziska zum ersten Mal an Krebs erkrankt: Sie litt unter Morbus Hodgkin, einer sehr seltenen Erkrankung des lympathischen Systems, die mithilfe von Chemo- und Strahlentherapie gut heilbar ist, wenn sie früh erkannt wird. So war es auch bei Franziska: 17 Jahre lang galt sie als krebsfrei, doch der dann auftretende Darmkrebs soll nicht zu ihrem Hauptproblem werden. Was ihr in den nächsten Jahren zu schaffen machen wird, sind die Vernarbungen auf der Lunge, die Jahrzehnte zuvor im Zuge der Morbus-Hodgkin-Therapie entstanden sind: Sie beginnen, sich auszubreiten und die Lungenkapazitäten allmählich dramatisch zu reduzieren. Franziska wird sechs Jahre mit allen nur erdenklichen Höhen und Tiefen, mit Hoffnungen und Enttäuschungen erleben. Sie klammert sich an ihr Leben und will sehen können, wie ihre Kinder aufwachsen.

    nnerhalb des ersten dieser sechs schweren Jahre stellen drei Ärzte unabhängig vomeinander Diagnosen, die alle mit Prognosen über Franziskas noch zu erwartende Lebenszeit einhergehen und sich später als falsch erweisen. Diese Diagnosen werden mit Attributen wie "Sie leben Ende des Jahres nicht mehr" oder "Nichts zu machen!" versehen und zum Teil so gefühlskalt und gnadenlos vorgetragen, dass sie in der Patientin schwere seelische Erschütterungen hervorrufen. Für psychisch labilere Menschen als es Charlotte Links Schwester war, können solche Situationen der Anlass für einen Suizid sein. Doch auch das Verhalten des Pflegepersonals in einer der beschriebenen Kliniken eignet sich nicht dazu, Menschen die Angst vor dem Klinikaufenthalt zu nehmen.

    Die Familie trifft jedoch bei ihrer Suche nach geeigneten Behandlungsmethoden auch auf sehr gute Mediziner, die so sind, wie sie sich jeder Patient wünscht: kompetent, geduldig und einfühlsam. In den Krankenhäusern, in denen sie tätig sind, geht auch das Pflegepersonal sehr fürsorglich mit den Patienten um. Möglicherweise gibt es hier einen Zusammenhang.

    Ich habe vereinzelte Rezensionen gelesen, in denen Charlotte Link vorgeworfen wurde, das Schicksal der Schwester und damit der ganzen Familie für ihr Buch auszuschlachten. Auch, dass es noch viele andere Menschen gibt, die genauso leiden wie Franziska, aber deren Schicksal nicht öffentlich wird, weil sie nicht prominent sind, wurde kritisiert. Prominenz hat jedoch hier einen großen Voteil: Die Stimme einer bekannten Person wird gehört, sie kann ihren Einfluss in der Öffentlichkeit und auf Entscheidungsträger nutzen. So war es auch hier: Noch während sie ihr Buch schrieb, wurde Charlotte Link bereits von zwei Kliniken um Lesungen gebeten. Den beiden Krankenhäusern ging es um den Umgang mit Schwerstkranken bzw. die Spätfolgen der Strahlentherapie. Die Medizin hat in den letzten Jahren das Dilemma einer klassischen Krebstherapie erkannt: Auch wenn die Erkrankung bei einem Patienten besiegt werden kann, kann er sich auch nach vielen Jahren seines Lebens nicht sicher sein.

    Sechs Jahre ist ein - naturgemäß - sehr emotionales Buch, das die Hilflosigkeit, in der unzählige Schwerstkranke und ihre Angehörigen stecken, zeigt. Es ist aber auch ein Buch voller Hoffnung und der Botschaft, in einer schweren Situation erst dann aufzugeben, wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind. Es ist kein Buch, bei dem man nach dem Lesen der letzten Zeile nahtlos zum Tagesgeschehen zurückkehren kann.

  1. Charlotte Link: Sechs Jahre -

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Jun 2016 

    Charlotte Link: Sechs Jahre - Der Abschied von meiner Schwester

    Von Charlotte Link habe ich "Das Haus der Schwestern" und "Die Rosenzüchterin" gelesen. Das ist schon sehr lange her. Und da ich damals noch kein Lesetagebuch führte, wollte ich die Bücher irgendwann noch einmal lesen. Bis heute bin ich nicht dazu gekommen, obwohl ich "Das Haus der Schwestern" zwischenzeitlich auch schon gehört habe.

    Nun bin ich über ein sehr privates Buch der Autorin gestolpert: "Sechs Jahre - Der Abschied von meiner Schwester".
    Schon im Vorwort lese ich, was mich in diesem Buch erwartet und dass es keine leichte Kost ist. Sechs Jahre lang kämpfen Charlotte Link und ihre Familie an der Seite ihrer Schwester Franziska gegen den Krebs, um am Ende doch zu verlieren. Franziska stirbt am 7. Februar 2012 mit sechsundvierzig Jahren nach sechsjährigem Kampf an dieser Krankheit. Sie nahm Charlotte vorher das Versprechen ab, darüber zu schreiben.

    Zwischen den Schwestern bestand seit ihrer Kindheit eine unheimlich enge Verbindung. Charlotte verlor mit dem Tod ihrer Schwester den wichtigsten Menschen ihres Lebens. Dieses Buch zu schreiben, war wohl auch ein Stück Trauerbewältigung.

    Doch nicht nur das. Sie war der Meinung, dass das, was sie in diesen sechs Jahren in Krankenhäusern erlebt haben, öffentlich gemacht werden sollte. Auf die Missstände sollte so lange hingewiesen werden, bis sich etwas Entscheidendes ändert.

    Als man im Februar 2006 bei Franziska Metastasen findet und auf die Suche nach dem Tumor gehen will, ist sie noch ganz ruhig. Sie war von den beiden Schwestern immer die sachlich und rational Agierende. Noch dazu war ihr die Situation vertraut. Achtzehn Jahre zuvor hat sie das schon einmal erlebt.
    An einem Vormittag hatte sie einen Termin bei einer Onkologin, zu dem sie noch ganz zuversichtlich ging. Innerhalb einer halben Stunde hat diese Onkologin dafür gesorgt, dass ein Psychologe Franziska wenig später eine tiefe Traumatisierung bescheinigt.
    Diese Onkologin sagte Franziska auf den Kopf zu, dass es für sie absolut keine Hoffnung gibt. Mit einer Chemo-/Strahlentherapie und der Entfernung des Tumors wird sie höchstens noch bis zum Ende des Jahres zu leben haben. Sie solle doch über den Verlauf ihres Sterbens ein Fotoalbum anlegen, damit ihre Kinder etwas hätten, das sie sich dann immer wieder anschauen können.

    Fehldiagnosen wird Franziska noch so einige bekommen. Zumeist negative, die sich dann doch nicht einstellen. Aber diese Erfahrungen macht es unmöglich an positive Diagnosen zu glauben.
    Noch eine Erfahrung, die die Familie in diversen Krankenhäusern gemacht hat: Sobald der Patient mit zwei Dingen zu kämpfen hat, die es nötig machen würden, stationsübergreifend zu arbeiten, ist er aufgeschmissen. Dazu scheinen die meisten Krankenhäuser nicht in der Lage zu sein. In einer Lungenklinik zum Beispiel wird überhaupt nicht darauf reagiert, dass Franziska nichts essen kann. Man stellt ihr das Tablett hin und holt es abends wieder ab. Ohne darauf zu reagieren, dass sie gar nichts zu sich nimmt. Wenn die Familie nicht Essen mitgebracht hätte, wäre sie dort einfach verhungert.

    Das Verhalten vieler Ärzte machte Charlotte Link sprachlos und mich als Leserin wütend. Sie fragte sich, warum ein Arzt einen helfenden Beruf ergreift,

    "wenn er gleichzeitig so menschenverachtend, rücksichtslos und fast feindselig mit Menschen umgeht, die sich in einer wehrlosen Situation befinden".

    Und wie kann es sein, dass solche Ärzte für ihr Tun nicht bestraft werden. Dass sie sich für Fehldiagnosen in rauen Mengen nicht entschuldigen und schon gar nicht verantworten müssen.

    Es hat sicherlich rechtliche Gründe, aber ich finde es äußerst schade, dass diese "Ärzte" hier nicht mit Namen genannt wurden.

    Glücklicherweise haben sie aber auch andere Ärzte und Klinikpersonal kennengelernt. Sie haben erlebt, dass man sich auch in einem Krankenhaus geborgen fühlen kann, wenn Ärzte und Schwestern mit den todkranken Patienten respektvoll und freundlich umgehen.

    Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Wie schon am Titel zu erkennen, gibt es kein Happy end. Trotzdem macht es ein bisschen Mut, die Hoffnung nicht zu schnell aufzugeben.
    Zwei Jahre wurden Franziska anfangs noch gegeben. Sechs Jahre hat sie noch geschafft. Sechs Jahre, die sicher nicht leicht waren, die sich die Familie aber noch gehabt hat.

 

Hätte ich doch. . .: Von Den Sterbenden Lernen, Was Im Leben Wirklich Zählt

Buchseite und Rezensionen zu 'Hätte ich doch. . .: Von Den Sterbenden Lernen, Was Im Leben Wirklich Zählt' von Doris Tropper
NAN
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Inhaltsangabe zu "Hätte ich doch. . .: Von Den Sterbenden Lernen, Was Im Leben Wirklich Zählt"

Format:Taschenbuch
Seiten:208
Verlag: mvg
EAN:9783868822809
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