Das doppelte Gesicht: Ein Fall für Emil Graf

Buchseite und Rezensionen zu 'Das doppelte Gesicht: Ein Fall für Emil Graf' von Heidi Rehn
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das doppelte Gesicht: Ein Fall für Emil Graf"

München, August 1945. Der Krieg ist zu Ende, die Stadt versinkt im Chaos. Die Reporterin Billa Löwenfeld, eine aus dem Exil zurückgekehrte Jüdin, soll den Kriegsheimkehrer Viktor von Dietlitz interviewen – und findet ihn erschossen auf. Der junge und noch unerfahrene Ermittler Emil Graf soll den vermeintlichen Routinefall aufklären. Schon bald geschehen zwei weitere Morde nach demselben Muster. Und Emil findet heraus, dass ausgerechnet Billa die gesuchte Verbindung zwischen den drei Opfern sein könnte … Ein hervorragend recherchierter Kriminalroman im München der Nachkriegszeit über die Frage, was einen Menschen zum Täter macht

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:352
EAN:9783746637075
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Rezensionen zu "Das doppelte Gesicht: Ein Fall für Emil Graf"

  1. Gelungener Startband einer Krimireihe...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Dez 2020 

    Frau Rehn konnte mich bereits mit zahlreichen Büchern begeistern, einen Krimi hatte ich bis dato noch nicht von ihr gelesen. Gespannt begann ich zu lesen, um mich im Nachkriegs-München wiederzufinden.

    Nach dem überstandenen Krieg herrschen immer noch Unruhen in München. Als Kriegsheimkehrer auf seltsame Weise sterben, soll der junge Ermittler Emil Graf diese Fälle untersuchen. Als Zeugin stolpert ihm die amerikanische Reporterin Billa in den Weg. Was steckt hinter den Fällen? Und warum verliert Emil beinahe immer seine Sprache, wenn Billa in seiner Gegenwart ist?

    Richtig gut gelungen ist, dass man sich das zerstörte München bildlich vorstellen kann. Jeder hat die schrecklichen Taten an Menschen im Kopf, wenn er an Krieg denkt, nie aber die zerstörten Häuser und Kulturgüter. Man wandelt regeltrecht durch die Häuserschluchten mit einer Gänsehaut.

    Sehr interessant fand ich es mal über eine amerikanisch besetzte Zone zu lesen und auch über das Schicksal von Displaced Persons mehr zu erfahren.

    Der Fall an sich weist genug Puzzleteile auf, dass man als Leser gern miträtselt, was eigentlich dahinter steckt. Es gibt zahlreiche Überraschungen und man tappt des Öfteren im Dunkeln.

    Emil Graf ist einfach ein Schatz als Hauptfigur. Seine schüchterne Art hat mir sehr gefallen. Und dennoch weiß er sich durchzusetzen, kann er als Ermittler doch auch Erfolge verzeichnen.

    Billa Löwenfeld ist das genaue Gegenteil zu Emil. Mit ihr konnte ich mich gut identifizieren, weil sie sehr temperamentvoll ist und auch mal über die Stränge schlägt. Ich mochte, dass sie sich um andere kümmert und nicht nachgibt, wenn sie etwas herausfinden möchte.

    Das Knistern zwischen Emil und Billa ist immer mal wieder zu spüren, steht aber nie im Fokus, so dass keiner Angst haben muss, dass es irgendwann kitschig wird. Es ist die perfekte Dosis Liebe in rauen Zeiten.

    Die Auflösung des Falls habe ich lange nicht erahnt und fand sie schlüssig und nachvollziehbar.

    Fazit: Ein guter erster Band, der zu begeistern weiß. Ich freue mich jetzt schon auf mehr Stoff von den Beiden. Unbedingt lesen!

 

MATTHEW CORBETT in den Fängen des Kraken: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'MATTHEW CORBETT in den Fängen des Kraken: Roman' von Robert McCammon
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "MATTHEW CORBETT in den Fängen des Kraken: Roman"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:491
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "MATTHEW CORBETT in den Fängen des Kraken: Roman"

  1. Matthew Corbett Band 6

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Okt 2020 

    Durch eine Challenge habe ich ein Buch kennengelernt, welches mich in einer abenteuerlichen und auch etwas phantastischen Weise unterhalten hat. Wunderbar! Gerade in den jetzigen etwas eigenwilligen Zeiten, ist dieses Buch für mich ein Buch, wo ich wunderbar abschalten konnte. Und da dieses Buch einer Reihe von Büchern um Matthew Corbett angehört, weiß ich, dass mir diese Reihe sicher eine dringend benötigte Ablenkung in den kommenden Monaten bieten wird.

    Doch um was geht es. Zeitlich ist die Handlung des Buches in das frühe 18. Jahrhundert zu verordnen, die Geschichte spielt im frühen New York und auf den Bermudas. Merkwürdige Brandsätze erschüttern das junge New York und Matthew Corbett, ein Ermittler, wird von Professor Fell gerufen. Denn dieser kriminelle Professor benötigt Corbetts Hilfe. Eine Menge an eigenwilligen Figure bevölkern Robert McCammons Geschichte, Figuren, die den Leser begeistern und auch verzaubern können. Ich fühlte mich etwas an Johnny Depp in "Sleepy Hollow" erinnert, aber auch die Karibik-Serie lässt etwas grüßen. Auf jeden Fall ist dieses Buch wunderbar unterhaltsam und ich freue mich schon auf weitere Bücher der Reihe, die auch noch besser sein sollen als dieses hier. Denn diese Bücher bieten durch ihre interessante und spannende Geschichte eine Ablenkung, die wir alle in diesen etwas dunklen Zeiten gebrauchen können.

 

Schüssler und die verschwundenen Mädchen

Buchseite und Rezensionen zu 'Schüssler und die verschwundenen Mädchen' von Viktor Glass
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Schüssler und die verschwundenen Mädchen"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:296
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Schüssler und die verschwundenen Mädchen"

  1. Spannender Krimi im Augsburg von 1890

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Sep 2020 

    Ludwig Schüssler hat eine Ausbildung bei der Polizei absolviert. Heute ist er allerdings Fachmann für spezielle Ermittlungen. Er wird von Firmenchefs angeheuert, um Diebstähle aufzudecken und er hat vor kurzem erst erfolgreich ein kleines, entlaufenes Mädchen zu seinen Eltern zurückgebracht. Letzteres hat ihm einigen Ruhm eingebracht. Gerne sitzt Ludwig Bier trinkend und Zigarre rauchend in seiner Stammkneipe „Zum Lahmen Hasen“. Eines Abends kommt der junge Soldat Augustin Hipp zu ihm, um seine Dienste in Anspruch zu nehmen. Hipp vermisst seine Verlobte Luise, die als Hausmädchen in Stellung war und plötzlich ohne Absage an ihn nicht mehr aufzufinden ist. Die Zeiten für die einfachen Frauen sind schwer in Augsburg: Durch die zunehmende Industrialisierung werden laufend weniger weibliche Arbeitskräfte gebraucht, die Not ist groß. Immer wieder kommt es vor, dass sich junge Frauen in ihrer Hoffnungslosigkeit das Leben nehmen oder in anderen Gegenden ihr Glück suchen.

    Trotzdem nimmt Ludwig den Fall an. Als Leser begleitet man den mittelalten, etwas schrulligen Ermittler durch die Altstadt Augsburgs, man spürt die Atmosphäre der alten Gassen, man sieht das bunte Publikum der Kneipen vor dem inneren Auge, alles ist sehr bildlich dargestellt. Man ist bei Schüsslers Ermittlung im Textilgeschäft dabei, als er einer gerissenen Diebesbande das Handwerk legt. Dort lernt er auch die couragierte Caroline Geiger kennen, die in einem Kloster angestellt ist und sich dort um vier alte Damen kümmert. Dadurch kann sie ohne Ehemann eigenständig leben. Caroline ist fasziniert von Ludwigs Arbeit. Die beiden befreunden sich schnell und fangen an, im Team zu arbeiten. Beide sind sehr aufmerksame und gute Beobachter. Mit ihrem detektivischen Talent können sie verschiedene Sachverhalte miteinander verknüpfen, gerne kommt ihnen auch der Zufall zur Hilfe. So wird bald klar, dass nicht nur Luise verschwunden ist, sondern noch weitere junge Mädchen. Offensichtlich standen sie alle mit einem Maler Berwanger in Verbindung. Als dann auch noch kompromittierende Fotos der Vermissten auftauchen, wird klar, dass es sich hier um ein organisiertes Verbrechen handeln muss, für das mehrere Täter verantwortlich sind…

    Von Beginn an hat mir das Buch gut gefallen. In einzelnen Episoden werden die Figuren und ihr Umfeld sorgfältig vorgestellt. Man erfährt einiges über die Besonderheiten Augsburgs, über die schwierige Zeit und das Leben der einfachen Leute im ausgehenden 19. Jahrhundert. Zunächst hat der eigentliche Kriminalfall fast eine untergeordnete Bedeutung, erst mit der Zeit spürt man, wie sich die einzelnen Kapitel verzahnen. Ziemlich geradlinig kommt das Ermittlerduo dabei vorwärts, kann seine Erkenntnisse verknüpfen und liegt immer richtig dabei. Die Guten und die Bösen sind relativ leicht zu durchschauen. Das hat mich bestens unterhalten. Es muss nicht immer kompliziert sein. Einziger Kritikpunkt: Das Ausmaß des letztendlich aufgedeckten Verbrechens ist so immens, dass die geschilderte Tragweite für die Opfer fast verharmlost wird. Vielleicht muss man das aber auch vor dem Hintergrund der Zeit sehen. Die Persönlichkeit des Einzelnen, noch dazu die von Frauen, hatte vermutlich keine Bedeutung. Man musste einfach nur funktionieren.

    Insofern empfehle ich diesen Roman sehr gerne weiter. Für mich, als ungeübte Krimileserin, war er spannend, unterhaltsam und durch das historische Setting lehrreich. Ich bin gespannt, ob es noch weitere Krimis mit dem Ermittlerduo geben wird.

 

Der Petticoat-Mörder

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Petticoat-Mörder' von Leonard Bell
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Petticoat-Mörder"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:356
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Der Petticoat-Mörder"

  1. Vielversprechender Reihenauftakt

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Nov 2020 

    1958 kommt der junge Fred Lemke zur Berliner Kriminalpolizei. Obwohl er den Lehrgang sehr schlecht abgeschlossen hat, ist der Personalmangel so groß, dass er eine Stelle als Assistent im Morddezernat bekommt. Eine zweite Quereinsteigerin fängt gleichzeitig mit ihm an. Die geheimnisvolle Ellen von Stain, für die besondere Regeln zu gelten scheinen. Offensichtlich hält jemand mit Einfluss seine schützende Hand über sie.

    Fred bekommt es in den ersten Tagen sofort mit einem Tötungsdelikt zu tun, ein Mann wurde erschossen am Ufer eines Sees aufgefunden. Sein Chef findet die Deklaration als Raubmord sehr schlüssig und weil es vage Verdächtigen gibt, möchte er den Fall schnell abschließen. So hat man es vor anderthalb Jahrzehnten auch gemacht und ist nach seiner Meinung nicht schlecht dabei gefahren. Aber das kann Fred nicht hinnehmen, sein Ehrgeiz ist geweckt und mit einem Fundstück, aus Tatortnähe, einem befleckten Petticoat, macht er sich auf eigene Spurensuche. Die Ehefrau des Opfers, genau wie die Geliebte, scheinen nicht allzu betrübt über den Tod und als Lemke auch noch von dessen NS-Vergangenheit erfährt, ergeben sich ganz neue Ansätze.

    Mit diesem ersten Roman um den jungen, nicht angepassten Fred Lemke, möchte der Autor eine Reihe etablieren. Die späten 50iger und frühen 60iger sind ja auch ein interessanter Hintergrund, bereits historisch, aber noch nicht allzu fern in unserem Gedächtnis. Der Kriminalroman ist in Berlin angesiedelt und das ist sehr farbig und detailreich erzählt. Die Stadt zeigt noch deutliche Trümmerwunden, aber auch das Wirtschaftswunder ist schon zu spüren. Immer mehr Automobile bevölkern die Stadt und jede Menge Leute mit Vermögen machen ihre Geschäfte. Das wirkt sehr gut recherchiert und das Buch bekommt dadurch viel Authentizität. Auch das Opfer gehörte zu den Gewinnern der Nachkriegszeit. An vielen Schaltstellen der Behörden und der Wirtschaft, ja auch bei der Polizei sitzen noch genügend Ewiggestrige, für die der verlorene Krieg nur ein Unfall war. In diese Kategorie gehört auch Freds Chef.

    Ich fand die Story spannend erzählt, es verführte zwar nicht zum Nägelknabbern, hatte aber eine eigene Dynamik. Als Reihenauftakt geplant, ist natürlich der Hintergrund von Fred Lemke und Ellen von Stain besonders ausgeleuchtet worden, was dem Krimi ein wenig Tempo nahm. Der Kriminalfall selbst entwickelte sich eher langsam, aber immer sehr schlüssig. Als Leser war ich immer auf Wissens- und Augenhöhe von Fred Lemke.

    Mir hat dieser gut geschriebene Krimi sehr gefallen und auf eine Fortsetzung bin ich schon gespannt. Die Epoche bietet noch viel Stoff für weitere Fälle des sympathischen jungen Ermittlers, denn er hat – genau wie die geplante Serie – eine Menge Potential.

  1. Ein leiser Reihen-Auftakt...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Nov 2020 

    Berlin 1958 – Fred Lemke, ehemals Laternenanzünder, jetzt Quereinsteiger bei der akut unterbesetzten Berliner Kriminalpolizei, wird mit seinem ersten Mordfall betraut. Am Ufer des Fennsees wurde eine männliche Leiche gefunden. Sein Kollege würde den Fall am liebsten als Raubmord klassifizieren und zu den Akten legen, doch Lemke sieht die Sache anders. Zuerst geraten Ehefrau, Haushälterin und Geliebte des Toten ins Visier, doch dann erfährt er mehr über die Vergangenheit des Opfers und über dessen Verstrickungen in den Nationalsozialismus. In einem Berlin, in dem aus den Kellern zerbombter Häuser Rockmusik dringt, und wo sich die jungen Leute auf den Straßen kleiden wie die großen amerikanischen Stars, ermittelt Fred Lemke gemeinsam mit seiner Kollegin, der selbstbewusst-schillernden Baronesse Ellen von Stain. Und sie stoßen dabei auf Widerstände, die zeigen, wie viel Macht die alten Kader noch immer haben.

    Mit dem ersten Fall des Ermittlerduos Fred Lemke und Ellen von Stain im Berlin der 50er Jahre präsentiert Leonard Bell (ein Pseudonym) einen leisen Reihen-Auftakt. Der 23jährige Fred Lemke kommt frisch aus seiner Polizei-Ausbildung und hat dort als Zweitschlechtester seines Lehrgangs abgeschlossen. Dies liegt weniger an seinem fehlenden Engagement oder Talent als vielmehr an seiner Art, Dinge zu hinterfragen und nicht einfach nur Befehle auszuführen.

    Es hat ihn erstaunt, dass er mit diesem Zeugnis bei der Mordkommission angenommen wurde, und tatsächlich schaut von seinem direkten Vorgesetzten bis hin zum Pförtner zunächst jeder auf ihn herab. Auch die ebenfalls als Berufsanfängerin eingestellte Baronesse Ellen von Stain nimmt anfangs keine Notiz von Fred, benimmt sich aber auch keineswegs wie ein Neuling. Im Gegenteil: Fred stellt schnell fest, dass selbst die Vorgesetzten dieser neuen Kollegin nicht zu widersprechen wagen und dass diese sich viele Freiheiten herausnehmen kann.

    Doch bevor Fred diesem Geheimnis um seine junge Kollegin auf die Spur kommen kann, wird er an einen Tatort gerufen. Während der dienstältere Kollege die Geschehnisse rasch als Raubmord abtut, schaut sich Fred am Tatort genauer um. Es gibt zahlreiche Indizien, die nahelegen, dass ein Raubmord auszuschließen ist - doch der Vorgesetzte will davon nichts hören. Und so beginnt Fred einen zähen Kampf gegen verschlossene Zeugen und Verdächtige, maulfaule Angehörige und widerborstige Kollgen. Ein mühseliges Unterfangen...

    Vor allem als Fred in der Vergangenheit des Ermordeten zu ermitteln beginnt und dessen eindeutige Rolle während des Nationalsozialismus ans Licht kommt, erwacht der Widerstand der älteren Ermittler. Fred wird untersagt, weiter in der Richtung zu ermitteln, und alle Bestrebungen, mögliche Verdächtige in Verbindung mit der Vergangenheit des Opfers herauszufiltern, werden im Keim zu ersticken versucht. Alte Seilschaften ziehen sich bis ins Jahr 1958, und das braune Gedankengut ist keineswegs bereits aus allen Köpfen verschwunden. Im Gegenteil...

    Fred versuchte, seinen Groll über alles, wofür die Nazis standen und was sie angerichtet hatten, zu unterdrücken. Es sind längst andere Zeiten, sagte er sich wie so oft in den letzten Jahren, wohl wissend, dass es nicht ganz der Wahrheit entsprach... (S. 140)

    Der 23jährige Fred Lemke steht im Mittelpunkt der Erzählung, ihn begleitet der Leser bei seinen Ermittlungen sowie in seiner freien Zeit, in der er liest, durch Parks streift oder in seinem Skiff (Einer) rudert. Einzelne Aspekte seiner Vergangenheit fließen im Verlauf ein und runden die Charakterzeichnung ab. Er ist ein einsamer, nachdenklicher junger Mann, dem zu schaffen macht, wie zerstört sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Fred schließt nicht leicht Freundschaften, sehnt sich gleichzeitig aber nach Kontakt. Er weicht ungern von seinen Prinzipien ab und versucht seinen Weg geradlinig zu verfolgen - auch wenn ein anderer Weg womöglich leichter und weniger schmerzhaft wäre.

    Dem jungen Polizisten zur Seite stellt der Autor vor allem starke Frauenfiguren. Da wäre zum einen die geheimnisumwitterte Ellen von Stain, die sich einen feuchte Kehricht darum schert, was andere von ihr denken könnten, die das Leben zu leben versteht und gewohnt ist, sich zu nehmen, wozu immer sie Lust hat. Zynisch und ironisch begegnet sie Fred häufig, gewährt ihm aber immer wieder auch Deckung und Feuerschutz seinen ihm wenig wohlgesonnenen Vorgesetzten gegenüber. Aber auch die Sekretärin des Polizeichefs sowie Freds Vermieterin sind solch starke Frauenfiguren - ungewöhnlich in einem von Männern dominierten Leben in den 50er Jahren. Diese drei sind alles andere als Nur-Hausfrauen, die dem Mann ein liebes Frauchen sind und ihm ein wohliges Heim bereiten. Mir persönlich hat dieser Aspekt sehr gut gefallen.

    Die Ermittlungen selbst liefen etwas schleppend und - naja - anfängerfehlerbehaftet. So oft, wie Fred sich Beulen und Blessuren eingefangen hat und von den Vorschriften bei den Ermittlungen abgewichen ist - erstaunlich. Das fand ich nicht immer überzeugend, aber zugegebenermaßen hatte der junge Polizist auch niemand Erfahrenen zur Unterstützung an seiner Seite. Um dem Mordfall wirklich auf den Grund zu gehen, war Fred auf sich allein angewiesen - und so brachte er sich und andere ein ums andere Mal in Gefahr.

    Was mir dagegen sehr gut gefallen hat, das war die authentische Atmosphäre sowie das detaillierte Bild der Stadt Berlin (West) in den 50er Jahren. Seien es die Straßenzüge, geprägt von Lücken und Ruinen auf der einen Seite, hässlich-funktionalen Bauten auf der anderen, dem aufkommenden Aufschwung mit der krassen Änderung in Mode und Musik, dem zunehmenden Autoverkehr, dem Verschwinden der Gaslaternen, den Folgen der Besetzung der Stadt durch die Siegermächte, die zunehmende Trennung von Ost und West, die Nachwehen des Krieges und des Nationalsozialismus u.v.m. Da kann ich nur sagen: wow, eine tolle Recherche, die da in beinahe jeder Zeile ersichtlich wird.

    Alles in allem habe ich den jungen Polizisten Fred Lemke gerne bei seinem ersten Fall begleitet und hoffe auf mehr! Ein Charakter, der sich entwickeln kann... Für Fans historischer Krimis: empfehlenswert!

    © Parden

  1. Rezension zu Der Petticoat-Mörder

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Sep 2020 

    Berlin 1958
    Fred Lemke, ein ehemaliger Laternenanzünder, wird als Kriminalassistent der Kreuzberger Kriminalpolizei zugeteilt und bekommt es direkt mit einem Mordfall zu tun. Am Ufer des Rixdorfer Teiches wurde eine Leiche gefunden, sein Vorgesetzter möchte es am liebsten als Raubmord direkt zu den Akten legen, aber bei Lemke erwacht der Ermittlerinstinkt. Schnell scheint ein Tatverdächtiger festzustehen, aber Lemke will den Fall weiteruntersuchen und so geraten auch die Ehefrau und die Geliebte erstmal ins Visier. Seine Nachforschungen führen ihn auch in die Zeit des Nationalsozialismus zurück, denn das Opfer scheint nicht so unbescholten zu sein, wie es nach außen scheint. Mit seiner Kollegin Ellen von Stain, stößt er auf massive Widerstände, die zeigen wieviel Macht und Einfluss die alten Kader noch haben.

    Der Petticoat-Mörder ist der erste Teil der Lemke –und-von Stain-Reihe und stammt aus der Feder von Leonard Bell.

    Nachkriegsdeutschland – Fred Lemke, darf nach seiner Ausbildung direkt bei der Abteilung Delikte am Menschen in Berlin anfangen, und das obwohl er der zweitschlechteste seines Jahrganges war. Sein erster Fall ist auch direkt ein Mordfall, den er zusammen mit seinen Kollegen untersuchen soll. Dieser möchte es direkt als Raubmord abtun, aber Fred Lemke sieht das anders und stößt damit direkt auf wenig Gegenliebe bei seinen Kollegen.

    Fred Lemke ist ein junger Mann, der mit seinen 23 Jahren noch nicht wirklich in der Welt angekommen ist. Sein neuer Beruf und die Menschen die er dadurch kennenlernt zeigen ihm eine neue Welt in Berlin und nur langsam kann er sich darauf einlassen. Als Ermittler scheint er aber die richtige Spürnase zu haben, denn trotz aller Widerstände lässt er nicht locker, was mir wirklich gut gefallen hat. Als Charakter mag ich Lemke eigentlich, auch wenn er manchmal ein wenig weltfremd wirkt, hat er das Herz auf dem richtigen Fleck.

    Ellen von Stain, seine Kollegin, ist schwerer zu fassen, man erfährt so einiges aus der familiären Vergangenheit, allerdings bleibt sie in vielen Bereichen undurchsichtig und geheimnisvoll, was für mich aber ein zusätzlicher Reiz darstellte, denn ich wollte die ganze Zeit immer wissen was es mit ihr auf sich hat.

    Der Fall selbst ist interessant und spannend, die Verstrickungen des Opfers in der Nazizeit lassen einen nur erschauern und ehrlich gesagt auch wenig Mitleid mit ihm aufkommen. Mir persönlich hat der Schauplatz im Nachkriegsdeutschland sehr gut gefallen, so langsam wird wieder gelebt, aber auf der anderen Seite haben immer noch viele Menschen Einfluss die schon im Naziregime was zu sagen hatten. Auch die Polizeiarbeit wirkt aus heutiger Sicht teils erschreckend, natürlich gab es viele Ermittlungsmethoden noch nicht, aber wie ermittelt wird und teils mit welchen Methoden Menschen in Verhören unter Druck gesetzt wurden nur um das gewünschte Ergebnis zu bekommen, ob es wahr ist oder nicht, wirkt schon sehr abschreckend.

    Dem Autor ist es für mein Empfinden gut gelungen in diesem historischen Krimi die damalige Zeit einzufangen , das neue Lebensgefühl und die alte Denkweise, die hier auch gerne mal aufeinander prallen.

    Mein Fazit:
    Für mich ein gelungener Serienstart, der Lust auf mehr macht. Ich bin schon auf den nächsten Teil der Reihe gespannt.

 

Arrowood - Die Mördergrube: Kriminalroman für Sherlock Holmes Fans

Buchseite und Rezensionen zu 'Arrowood - Die Mördergrube: Kriminalroman für Sherlock Holmes Fans' von Finlay, Mick
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Arrowood - Die Mördergrube: Kriminalroman für Sherlock Holmes Fans"

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:432
Verlag:
EAN:

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Rezensionen zu "Arrowood - Die Mördergrube: Kriminalroman für Sherlock Holmes Fans"

  1. Miss Birdie

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 27. Feb 2020 

    Wie immer muss William Arrowood neidvoll zugestehen, dass Sherlock Holmes einfach die bessere Presse bekommt. Er ist in die Suche eines jungen Adligen einbezogen. Zu Arrowood kommt dagegen das Ehepaar Barcley. Dieses will herausfinden, wieso ihre Tochter Birdie, die seit ein paar Monaten verheiratet ist, ihre Eltern nicht sehen will. Es ist nicht schwierig, die frisch Verheirateten zu finden. Birdie und ihr Mann leben auf einer Farm. Doch bei einem Treffen ist kaum ein Wort aus Birdie herauszukriegen. Allerdings wirkt sie nicht sehr glücklich. Neugierig geworden, beginnen Arrowood und sein Partner Barnett mit weiteren Nachforschungen.

    Dies ist der zweite Fall, in dem Arrowood und Barnett ermitteln, wobei Arrowoods Konkurrenz zu Sherlock Holmes nur am Rande auftaucht. Zu beschäftigt sind die beiden mit ihrem neuen eigenen Fall, die sie natürlich nicht in gehobenere Kreise führt, sondern eher in die Reihen der weniger Betuchten. Birdie ist dem Anschein nach eine freundliche, aber eher schlichte junge Frau. Sie schafft es nicht, sich aus ihrer Situation zu lösen. Ist sie überhaupt gerne verheiratet? Und was geht sonst noch auf der Farm vor sich? Ein Besuch dort ist unerläßlich und Arrowood erfährt, dass die Farm mehrere Arbeiter beschäftigt, die offensichtlich geistig eingeschränkt sind.

    Nach dem ersten Band, in dem Arrowood wie eine Art armer Verwandter des weithin bekannten Holmes auftaucht und der dadurch seinen Charme bezieht, fehlt diesem zweiten Band diese Überraschung zwangsläufig. Am Beginn entwickelt sich die Geschichte so langsam und betulich, dass man zu der Überlegung kommt, ob man dem Roman sei es auch nur als Hörbuch noch mehr Zeit widmen möchte. Erst recht spät kommt der Autor zu dem eigentlichen Thema, der Behandlung oder eher Misshandlung der geistig Behinderten im ausgehenden 19. Jahrhundert, wobei einige Beschreibungen kaum zu ertragen sind. Doch man beginnt mitzufiebern, ob nicht wenigstens ein paar der bedauernswerten Menschen aus ihrer Lage gerettet werden können und einer besseren Zukunft entgegensehen können. Dass Arrowood, um das ehrenvolle Ziel zu erreichen, teilweise seine schlechteren Seiten zeigen muss, nimmt man ihm nach einigen Erläuterungen nicht allzu übel.

    Angenehm vorgetragen wird dieses Hörbuch, das einiges Durchhaltevermögen einfordert, sich dann aber einen sehr interessanten Thema zuwendet, von Alexis Krüger.
    3,5 Sterne

 

Der rote Judas: Paul Stainer 1

Buchseite und Rezensionen zu 'Der rote Judas: Paul Stainer 1' von Thomas Ziebula
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der rote Judas: Paul Stainer 1"

Leipzig, Januar 1920. Der Polizist Paul Stainer kehrt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Deutschland taumelt durch die Nachkriegswirren, nichts ist mehr so, wie es einmal war, und in viel zu vielen Nächten wird Stainer vom Grauen der Schützengräben eingeholt. Doch ein aufsehenerregender Fall zwingt den Kriminalinspektor, sich mit der Gegenwart zu befassen: In der Villa eines Fabrikanten werden mehrere Menschen erschossen.

Alles sieht nach einem missglückten Einbruch aus, doch eine verängstigte Zeugin und ein Koffer voller Dokumente führen Stainer bald auf die Spur der "Operation Judas", Männer, die über Leichen gehen, um ihre Verbrechen zu vertuschen. Was der Inspektor nicht ahnt: Die Mörder haben ihn längst ins Visier genommen und planen seinen Tod.

Format:Audible Hörbuch
Seiten:0
EAN:
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Das verlassene Haus

Buchseite und Rezensionen zu 'Das verlassene Haus' von D. M. Pulley
3.5
3.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das verlassene Haus"

Von der preisgekrönten Erfolgsautorin von »Der tote Schlüssel«.

Fünf Familienschicksale und ein altes Haus voller Geheimnisse …

Hunters Eltern wollen mit der Vergangenheit abschließen – in einer neuen Stadt, in einem neuen Zuhause. Sie kaufen das renovierungsbedürftige Anwesen Rawlingswood. Doch das alte Haus scheint sich gegen die Familie zu sperren. Während die Eltern nicht zur Ruhe kommen, beginnt Hunter, Fragen nach Rawlingswoods Vergangenheit zu stellen.

Wer waren seine früheren Besitzer und warum gilt es als »Mordhaus«? Liegt auf dem Haus wirklich ein Fluch oder gibt es natürliche Gründe dafür, dass die Familie sich ständig beobachtet fühlt?

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:467
Verlag: Edition M
EAN:
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Rezensionen zu "Das verlassene Haus"

  1. Wie gehabt

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Mär 2020 

    Im letzten Quartal habe ich die beiden ersten Romane aus der Reihe um den Inspector Armand Gamache von der Sûreté Québec gelesen. Der erste gefiel mir gut, so dass ich am Ball blieb. Der zweite fiel schon etwas ab, aber eröffnete eine Nebenhandlung, die, so ließ es der Klappentext des dritten vermuten, aufgelöst würde. Doch meine Hoffnung wurde nicht erfüllt, dazu später.

    Im dritten Fall geht es um eine allseits beliebte Frau, die auf eine raffinierte art und Weise ermordet wird. Das beschauliche Three Pines bekommt Besuch von einem Medium, Anlass für zahlreiche aus dem Vorgängerroman bekannte Figuren an einer Sèance teilzunehmen. Verläuft die erste noch mit harmlosen schaudern, so beschließen die Teilnehmer eine Wiederholung im berüchtigten Hadley-Haus, dem Schauplatz der Morde in den Vorgängerromanen. Doch aus dem Spaß wird Ernst, denn bei dieser Sitzung stirbt Madleine Favreau, die oben erwähnte allseits beliebte Frau. Doch kann man an einem Schreck sterben? Gamache und sein Team finden heraus, dass das Opfer herzkrank war, mit Tabletten vergiftet wurde, so dass der Schreck nur noch der letzte Baustein zum herbeigeführten Tod war. Doch wußte angeblich keiner von der Herzschwäche, auch war der Bseuch des Mediums nicht planbar, außerdem scheint niemand ein Motiv für die Tat zu haben. Es bedarf einiger Recherchen Gamaches und seiner Leute in der Vergangenheit des Opfers und der übrigen Teilnehmer der Séance, um mögliche Motive (die es dann zuhauf gibt) und den Täter zu ermitteln.

    Dabei kommt nun die Nebenhandlung ins Spiel. Gamache, der vor Jahren einen kriminellen Vorgesetzen in der Sûreté überführt hatte und deshalb dort karrieremäßig stagniert sowie zahlreiche Feinde hat, gerät in den Fokus der Medien, die ihn selbst als korrupt und kriminell hinstellen und auch nicht davor zurückschrecken, seine Familie mit in den Sumpf zu ziehen. Doch Gamache, der mit dieser Auseinandersetzung rechnen musste und gerechnet hat, ist nicht unvorbereitet. Doch selbst wird überrascht, als sich der Hintermann der Intrige zu erkennen gibt, der aus einer ganz anderen Ecke als aus der erwarteten kommt. Und damit bin ich bei meiner Kritik. Offensichtlich wird die oben erwähnte Nebenhandlung weiter fortgeführt, was ich als Leser auf Dauer ermüdend finde, vor allem deshalb, weil die eigentlichen Fälle ausreichen, um den Leser zu unterhalten. Außerdem findet auch in diesem Roman das pseudo-philosophische und -religiöse Gequatsche seinen Fortgang, auch darauf kann ich gut verzichten. Ich habe noch einen weiteren, deutlich späteren Gamache-Roman auf meinem Lesetisch, den ich sicherlich auch irgendwann lesen werde, aber vorest ist ersteinmal Pause, was diese Reihe betrifft.

  1. Ein düsteres Haus, das die Geschichten seiner Bewohner bewahrt

    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Jan 2020 

    „Die Tür hing reglos an ihren Scharnieren und wartete. Sie war nicht saniert worden, die Spuren von so vielen Menschen – den Bauarbeitern, den Landstreichern, den vorherigen Besitzern, den Bediensteten – schlummerten im Holz und hingen im Furnier.“ (Zitat Pos. 818)

    Inhalt
    Rowlingswood ist ein altes Haus, erbaut im Kolonialstil mit britischem Charme, von einem großen Grundstück umgeben. Es steht in Shaker Heights, zehn Kilometer von Cleveland, Ohio, entfernt. Erbaut 1922 von der Rawlings-Familie, war dieses Haus im Laufe der Zeit von zwei weiteren Familien bewohnt worden und steht seit 2016 wieder leer. Myron und Margot Spielman kaufen das renovierungsbedürftige Anwesen im Mai 2018 auf Grund des günstigen Preises. Gerüchte gibt es viele über dieses Haus und irgendwie scheint es ein Eigenleben zu führen, düster und beinahe feindselig. Hunter, der Sohn der Familie, beginnt nachzuforschen, wer die Vorbesitzer waren und was in diesem Haus wirklich passiert ist.

    Thema und Genre
    Dieser Roman ist ein Thriller in der Form eines klassischen Schauerromans. Ein düsteres Haus mit dunklen Ecken und Gängen, unheimliche Schatten und eigenartige Vorkommisse, für die es keine logische Erklärung zu geben scheint. Gleichzeitig geht es auch um das Schicksal von Familien und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

    Charaktere
    In jeder Familie, die in diesem Haus bisher gewohnt hat, gab und gibt es Geheimnisse, wobei die Autorin ihre Charaktere und deren Konflikte nachvollziehbar schildert. Die dunkle
    Ausstrahlung des großen Hauses mit den vielen, teilweise unbewohnten Räumen, wirkt sich zusätzlich beklemmend auf die Bewohner aus. Hunter, ein in sich gekehrter Teenager, von den Eltern oft nicht verstanden, wollte nicht aus seinem alten Umfeld wegziehen. Seine Mutter findet das Haus gruselig, und auch er findet es unheimlich. Dennoch beginnt er, sich mit der wechselvollen Geschichte der ehemaligen Bewohner auseinanderzusetzen.

    Handlung und Schreibstil
    Die Geschichte umfasst vier Erzählstänge. Im Mittelpunkt steht jeweils eine Familie, deren Schicksal in diesem Haus abwechselnd erzählt wird, wobei jeweils der chronologische Zeitablauf eingehalten wird. Schließlich fügen sich die Abläufe im Jahr 2018 zu einem Gesamtbild. Der Name der jeweiligen Familie und das Datum in der Kapitelüberschrift machen es einfach, der Handlung zu folgen. Die Sprache ist dem Genre angepasst, wobei es die Autorin versteht, wie in einer klassischem Gothic Novel die Spannungs- und Schauerelemente leise, subtil, aber eindrücklich einzusetzen.

    Fazit
    Ein Thriller im Stil eines klassischen Schauerromans, bei dem es um die Schicksale der Menschen geht, die in einem Zeitraum von beinahe einhundert Jahren in einem großen, inzwischen alten und etwas verwahrlosten Haus gelebt haben. Die Wände, die Räume, alles in diesem verzweigten Gebäude scheint den neuen Besitzern 2018 flüsternd Geschichten von den Geistern der Vergangenheit zu erzählen.

 

Haarmann: Kriminalroman

Buchseite und Rezensionen zu 'Haarmann: Kriminalroman' von Dirk Kurbjuweit
4
4 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Haarmann: Kriminalroman"

Im Hannover der 1920er-Jahre verschwinden Jungs, einer nach dem anderen, spurlos. Steckt ein bestialischer Massenmörder dahinter? Für Robert Lahnstein, Ermittler im Fall Haarmann, wird aus den Gerüchten bald schreckliche Gewissheit: Das Deutschland der Zwischenkriegszeit, selbst von allen guten Geistern verlassen, hat es mit einem Psychopathen zu tun. Lahnstein, der alles dafür gäbe, dass der Albtraum aufhört, weiß bald nicht mehr, was ihm mehr zu schaffen macht: das Schicksal der Vermissten; das Katz-und-Maus-Spiel mit dem mutmaßlichen Täter; die dubiosen Machenschaften seiner Kollegen bei der Polizei; oder eine Gesellschaft, die nicht mehr daran glaubt, dass die junge Weimarer Republik sie vor dem Verbrechen schützen kann. Dirk Kurbjuweit inszeniert den spektakulärsten Serienmord der deutschen Kriminalgeschichte psychologisch raffiniert und extrem fesselnd. Eindringlich ergründet er die dunkle Seite der wilden 1920er-Jahre, zeigt ein Zeitalter der traumatisierten Seelen, der politischen Verrohung, der massenhaften Prostitution. So wird aus dem pathologischen Einzelfall ein historisches Lehrstück über menschliche Abgründe.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
EAN:9783328600848
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Rezensionen zu "Haarmann: Kriminalroman"

  1. Kannibale, Totmacher, Werwolf

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Apr 2020 

    “Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck, aus den Därmen macht er Würste und den Rest, den schmeißt er weg.”
    (“Haarmann-Lied”)

    Ich kann mich gut daran erinnern, dass meine Mutter manchmal dieses Lied sang, als ich noch klein war. Das machte mir keine Angst, denn für mich war Haarmann eine ähnliche Gestalt wie der böse Wolf – nur ein Märchen, kein Teil meiner Wirklichkeit. Erst Jahre später begriff ich, dass es diesen Mann tatsächlich gegeben hatte, und dass auch die grausigen Details nicht rein der Fantasie eines Liedermachers entsprungen waren.

    Als ich in der Verlagsvorschau diesen Roman entdeckte, klang die Melodie des Liedes wieder in meinen Ohren und ich wollte das Buch lesen – nicht unbedingt als Krimi, sondern eher als Tatsachenroman, als Bild der Zeit.

    Als reiner Krimi gesehen, ist das Buch tatsächlich eher schwach.

    Man weiß ja von Anfang an, wer der Mörder war – und den, der das ganze Haarmann-Lied kennt (ich habe hier absichtlich nur die erste Strophe abgedruckt), kann auch eine unerwartete Wendung im Fall nicht mehr überraschen.

    Damit fällt ein Großteil dessen weg, was einen Krimi normalerweise antreibt: 1) die Suche nach der Identität des Täters, 2) eine oft darauf folgende Jagd und 3) für manchen Hardcore-Leser vielleicht auch die schockierend beschriebenen, bluttriefenden Details der Morde, auf die Dirk Kurbjuweit (dankenswerter Weise) verzichtet.

    Aber der Autor webt ein atmosphärisch dichtes, vielschichtiges Bild der Zwischenkriegszeit.
    Und darin liegt die große Stärke des Romans.

    Er beschreibt in bestechender Klarheit das alltägliche Leben der ‘kleinen’ Menschen, insbesondere der Unterschicht: Ihre Armut im geschichtlichen Wandel, am Rande der Goldenen Zwanziger. Ihr Misstrauen gegenüber der ersten deutschen Demokratie. Das nachhallende Trauma des Ersten Weltkriegs. Die Korruption in den Reihen der Polizei.

    Und die Schattenexistenz der “Puppenjungs” – blutjunge Stricher in einer Zeit, in der “beischlafähnliche Handlungen” unter Männern nach Paragraph 175 immer noch strikt verboten sind und mit Gefängnis geahndet werden können.

    Auch jenseits der Prostitution entwickelt sich erstmals eine Art Schwulenszene, doch Homosexuelle werden verächtlich “175er” genannt –von Akzeptanz ist das noch weit entfernt. Dass die Opfer Haarmanns vor allem in dieser Szene vermutet werden (zumindest in diesem Roman), empört die Eltern, die eine möglicher Homosexualität des eigenen Kindes weit von sich weisen.

    Aus all dem ergibt sich eine ganz andere Art von beklemmender Spannung:

    Fritz Haarmann ist trotz der im Verlaufe der Handlung rasant steigenden Anzahl von Opfern eher Symbolfigur all dessen, was in dieser Zeit im Argen lag, als “nur” Täter und Bösewicht eines Krimis.

    Mal wirkt Haarmann einfältig oder gar massiv intellektuell beeinträchtigt, dann fragt man sich als Leser wiederum beklommen, ob er das nicht einfach nur geschickt vortäuscht: der (Wer)wolf im Schafspelz. Und die Menschen rund um Haarmann – warum haben die nichts bemerkt, als er die Opfer in seiner schäbigen und sicher dünnwandigen Wohnung totbiss, sie zerlegte und ihre Schädel zertrümmerte?

    Hier wurde das Wegschauen und Weghören offensichtlich perfektioniert. Man erahnt darin schon die fatalsten Jahre der deutschen Geschichte…

    Auch den anderen Charakteren kommt bei aller Realitätstreue Symbolcharakter zu. Die meisten gab es wirklich – der Protagonist Robert Lahnstein ist jedoch halb Erfindung, halb Konglomerat der Kriminalbeamten Hermann Lange und Heinrich Rätz.

    Er wird in seiner Ermittlung behindert und verspottet von Kollegen mit zwielichtigen Eigeninteressen, geschmäht von Presse und Öffentlichkeit, inbrünstig beschworen von teils weinenden, teils zornigen Eltern, während er noch mit seinem eigenen Kriegstrauma kämpft…. Und er hinterfragt im Stillen seine eigene Sexualität, während er gleichzeitig um Frau und Sohn trauert.

    Für viele wird er zum Inbegriff der Unfähigkeit der Weimarer Republik, ihre Bürger zu schützen. Als er Fleischwaren darauf untersuchen lässt, ob sie Menschenfleisch enthalten, wird er als “Kommissar Wurst” abfällig verlacht.

    Als Charakter ist Lahnstein manchmal zu gut für diese Welt. Er glaubt an die Grundwerte der Demokratie und daran, dass auch die Polizei gewisse Grenzen nicht überschreiten darf – zum Beispiel durch die Folterung Verdächtiger. Im Laufe des Buches wird er mehr und mehr an die Limits dieser Überzeugung gebracht, denn jeder Tag, der verstreicht, kann das nächste Opfer bringen.

    Seine Menschlichkeit und seine ehrliche Toleranz machen ihn zum Sympathieträger, aber ich fragte mich beim Lesen dennoch, wie wahrscheinlich und glaubhaft eine Einstellung wie seine vor dem Hintergrund dieser Zeit ist.

    Ein geschickter Schachzug: Dirk Kurbjuweit lässt seinen Helden auf den Philosophen Theodor Lessing treffen. Der beschwört Lahnstein eindringlich, die Grenzen der Demokratie nicht aus Verzweiflung zu überschreiten, weil Haarmann einfach kein Geständnis ablegen will. Im echten Leben veröffentlichte Lessing 1925 das Buch “Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs”, in dem er auch die dubiosen Machenschaften der hannoverschen Polizei anprangerte.

    Im Großen und Ganzen verwebt der Autor Realität und Fiktionales gekonnt.

    Nur manchmal überstrapaziert das Buch den Zufall etwas – inwiefern, das kann ich hier nicht schreiben, ohne zu viel zu verraten – oder spricht mehr sozialphilosophische und gesellschaftskritische Themen an, als der Fall Haarmann als Gerüst gut tragen kann.

    Dennoch, es liest sich flüssig und… Was? Ich scheue davor zurück, einen Tatsachenroman, in dem es um Serienmord geht, ‘unterhaltsam’ zu nennen, aber er wird nie langweilig und vermittelt ein rundes Bild der Zeit.

    Der Stil ist meist auf den Punkt gebracht und prägnant formuliert. Interessant ist auch, wie Tätersicht, Opfersicht und Ermittlersicht aufeinander zulaufen, um ein Gesamtbild zu vermitteln.

    Fazit

    Verkehrte Welt: hier steht ein wahrer Kriminalfall im Mittelpunkt, das eigentlich Interessante ist meines Erachtens jedoch der Kontext, in dem er geschehen konnte.

    In den Zwanzigerjahren tötete der Serienmörder Fritz Haarmann 24 Jungen und junge Männer. Er handelte zu der Zeit mit Kleidung und Fleischkonserven – ein Teil der Kleidung ließ sich später zu seinen Opfern zurückverfolgen, während der Verdacht, auch bei den verkauften Konserven habe es sich mitunter um deren Fleisch gehandelt, nicht bewiesen werden konnte.

    Der Autor zeichnet ein sehr lebendiges Bild der Zwischenkriegszeit in Hannover und nimmt den Fall zum Anlass, die ein oder andere gesellschaftliche Entwicklung zu beschreiben und kritisch zu durchleuchten – “Haarmann” ist in meinen Augen eher der Aufhänger als das eigentliche Sujet.

  1. ein überzeugendes Gesellschaftsporträt der 20er

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Apr 2020 

    Fritz Haarmann war ein Serienmörder, der Anfang der 20er Jahre in Hannover sein Unwesen trieb. In einem Zeitraum von 6 Jahren wurden 24 Jungen und junge Männer auf bestialische Weise von Haarmann umgebracht. Dabei bewies der irre Mörder ein hohes Maß an Kreativität in der Beseitigung seiner Opfer, inklusive Resteverwertung. Die Bevölkerung atmete auf, als Haarmann schließlich gefasst und in einem aufsehenerregenden Prozess zum Tode verurteilt wurde.

    In dem Kriminalroman "Haarmann" von Dirk Kurbjuweit geht es um die Ermittlungen und die Suche nach dem prominenten Serienmörder, der Deutschland in Atem hielt.
    Wir erleben ein Hannover der 20er Jahre, also einer Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die Bevölkerung Hannovers hat immer noch unter den Nachwehen des 1. Krieges zu leiden - sowohl seelisch als auch wirtschaftlich. Die meisten kommen irgendwie über die Runden. Man will nicht auffallen. Weder will man den anderen stören, noch will man gestört werden. Aber dennoch hat man alles im Blick. Sitte, Anstand und Moral sind wichtig. Ansonsten gibt es ja auch nicht viel, für das es sich einzutreten lohnt. Um wieviel misstrauischer werden daher Menschen beäugt, die mit ihrer sexuellen Gesinnung gegen den landläufigen Begriff von Sitte, Anstand und Moral verstoßen. In dieser Zeit ist Homosexualität ein Verbrechen. Im deutschen Strafgesetzbuch gab es bis in die 90er Jahre den Paragrafen 175, der die sexuelle Handlung zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte. Im Volksmund wurden daher Homosexuelle gern als "175er" bezeichnet.
    Und in das Milieu dieser 175er führen die Ermittlungen über die Morde an den Jungen und Männern. Der Ermittler ist Lahnstein, ein Kommissar der von Düsseldorf nach Hannover versetzt worden ist und seinen neuen Kollegen, die bisher in den Ermittlungen nicht vorwärts gekommen sind, vor die Nase gesetzt wird. Lahnstein reibt sich mit den Ermittlungen auf, woran nicht nur die mangelnde Kooperationsbereitschaft seiner Kollegen Schuld ist. Jedes neue Mordopfer empfindet er als persönliches Versagen. Im Rahmen seiner Ermittlungen wird er auch Fritz Haarmann über den Weg laufen. Und sein kriminalistisches Gespür sagt ihm, dass Haarmann der Mörder ist.

    Lahnstein steht im Mittelpunkt dieses Kriminalromans. Der Leser erlebt die damaligen Ermittlungsarbeiten aus seiner Sicht. Dabei erweist sich Lahnstein als ein Protagonist, der mit sich und der Welt nicht im Reinen ist. Er leidet nicht nur unter den jüngsten Erinnerungen an den Krieg, in dem er als Pilot in Kriegsgefangenschaft geraten ist. Vielmehr lassen ihn die schmerzlichen Erinnerungen an seine verstorbene Frau und das gemeinsame Kind nicht mehr los. Im Privaten hat er nichts, was einen Ausgleich zu dem beruflichen Druck, dem er ausgesetzt ist, darstellen könnte. Er steht unter permanenter Kritik durch seine Vorgesetzten, seine Kollegen und der Öffentlichkeit. Dies verunsichert ihn, so dass ihm bei seinen Ermittlungen die Souveränität fehlt.

    In diesem Roman findet ein häufiger Wechsel zwischen der Perspektive Lahnsteins sowie derjenigen Haarmanns statt. Die Sichtweise Haarmann macht deutlich, um welchen kranken Geist es sich bei dem Serienmörder gehandelt hat. Zusätzlich zu den Perspektiven von Lahnstein und Haarmann finden sich auch wenige Einschübe zu Haarmanns Opfern. Die Opfer gewinnen dadurch an Profil, indem sie einen kurzen Einblick in ihr Leben gewähren und somit aus der Anonymität der Opfermenge herausragen.

    Der Roman "Haarmann" zeichnet ein eindrucksvolles Gesellschaftsbild der damaligen Zeit. Und das macht für mich die Stärke dieses Romans aus. Man bekommt eine sehr genaue Vorstellung darüber, was in der Gesellschaft wichtig war. Die Menschen litten unter den Nachwehen des ersten Weltkrieges. Die Wirtschaft in Deutschland war am Boden. Politisch gesehen erleben wir die Anfänge eines Adolf Hitlers und seiner Anhänger, die sich nicht nur auf verbale Auseinandersetzungen mit den immer noch vorhandenen Monarchisten eingelassen haben. Jeder versuchte seine Überzeugungen durchzusetzen. Die Menschen waren auf der Suche nach Normalität und nach einem Alltag, der ihnen ein gewisses Maß an Wohlstand und Sicherheit versprach. Haarmann ist diesem Wunschdenken in die Quere gekommen. Deshalb wurde Haarmann auch zu einem Politikum. Solange der Mörder nicht gefasst und zur Rechenschaft gezogen wurde, konnte von Sicherheit keine Rede sein.

    Fazit:
    Ein beeindruckender Roman, der mich eher als historischer denn als Kriminalroman begeistert hat. Der Autor gibt einen sehr überzeugenden Zeitgeist der 20er Jahre wieder, in dem der die Ermittlungen um den Serienmörder Haarmann als Aufhänger nimmt.
    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. Weit mehr als ein Kriminalroman

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Apr 2020 

    „Warte, warte nur ein Weilchen,
    bald kommt Haarmann auch zu dir,
    mit dem kleinen Hackebeilchen,
    macht er Schabefleisch aus dir.“

    Fritz Haarmann, der Werwolf von Hannover, Deutschlands vielleicht berüchtigtster Serienmörder ist keine erfundene Figur. Zwischen 1918 und 1924 ermordete er mindestens 24 junge Burschen und Männer, Haarmanns „Puppenjungs“. Lockte sie mit der Aussicht auf eine Mahlzeit oder eine warme Unterkunft nach Hause, verging sich an ihnen und töte sie, indem er sie zu Tode biss.
    Viele künstlerische Rezeptionen gibt es zu diesem bizarren Fall: Lieder wie das eingangs erwähnte „Warte , warte nur ein Weilchen“, Filme um Fritz Langs „M- Eine Stadt sucht einen Mörder“ aus dem Jahre 1932 zu erwähnen, Rainer Werner Fassbinders „Zärtlichkeit der Wölfe“ oder „Der Totmacher“ mit einem eindrucksvollen Götz George als Haarmann. Dazu die Prozessbeobachtungen des deutschen Philosophen Theodor Lessing „Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs“
    Und nun auch der aktuell vorliegende Kriminalroman „Haarmann“ von Dirk Kurbjuweit. Der deutsche Autor bedient sich hier einer ganz besonderen Erzählweise. Für einen Kriminalroman untypisch stellt er nicht den Mörder, das Monster, den Totmacher in den Vordergrund, sondern Robert Lahnstein, einen fiktiven Charakter, den erfunden leitenden Ermittler im Fall Haarmann. Lahnstein ist ein Getriebener, Zerrissener. Der ausgestandene Erste Weltkrieg hat seine Schrecken für Lahnstein noch nicht verloren. Er hat in Kriegsgefangenschaft überlebt, vermisst seine Frau und seinen Sohn aufs Schmerzlichste. Das Schicksal von Lahnsteins Familie ist lang nicht bekannt, doch ahnt man schon von Anfang der Geschichte nichts Gutes. Lahnstein reibt sich auf an den Ermittlungen, die ins Homosexuellenmilieu, zu den gesellschaftlich geächteten 175ern*), führen. Er traut den eigenen Kollegen, deren Homophobie evident ist, nicht mehr. Dabei ist Lahnstein sich seiner eigenen sexuellen Orientierung nicht wirklich sicher und fühlt sich aufgrund seines monatelanges Scheitern beim Fahndungserfolg mitverantwortlich für den Tod der jungen Männer.
    Aus wechselnder Perspektive bewegt Dirk Kurbjuweit den Ermittler, eines der letzten Opfer Haarmanns und den Mörder selbst aufeinander zu. Die Ermittlungen verlaufen linear - durchbrochen werden sie von Lahnsteins Kriegserinnerungen – bis zum Prozess und Urteil.
    Lahnstein gibt der Zeit nach dem Krieg, der Gesellschaft von damals Gesicht und Sprache. Es sind schwierige Zeiten und besonders schwierige Umstände: Es waren keine „goldenen“ 20er Jahre in Deutschland: Kriegsversehrte, wirtschaftliche Not, die Etablierung der jungen Republik, politische Skandale und Machtkämpfe zwischen Monarchisten, Sozialisten, Kommunisten und das wachsenden Geschwür Nationalsozialismus prägen den Alltag.
    In wahren Kriminalgeschichten geht es selten um die Auflösung. Hier ist der Ermittler Protagonist und die Zeitgeschichte, nicht der Mörder! Letztlich ist dem Autor mit „Haarmann“ ein eindringliches historisches Sittenbild gelungen. Mit dem Auftritt des real existierenden Journalisten und Philosophen Theodor Lessings wird das Werk auch zum Plädoyer für die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Das ist weit mehr, als ich von einem einfachen Kriminalroman erwarte!

    *) Der § 175 des deutschen StGB stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Erst am 11. Juni 1994 trat Paragraf 175 außer Kraft - und wurde durch eine allgemeine Jugendschutzvorschrift ersetzt.

  1. Der Totmacher

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Apr 2020 

    Der Totmacher

    Dirk Kurbjuweit hat sich in seinem Kriminalroman mit dem Serienmörder Fritz Haarmann eingelassen, der in Hannover um 1920, einige Jungen auf dem Gewissen hat. Der Autor hält sich an reale Fakten, doch die Figur des Ermittlers Robert Lahnstein, ist frei erfunden.
    Robert Lahnstein soll in Hannover Licht ins Dunkel bringen. Viele Jungen sind spurlos verschwunden, meist sind es Ausreißer, doch auch ihr verschwinden fällt irgendwann auf. Lahnstein ist Witwer, und man merkt, dass er mit dem Verlust schwer zurecht kommt. Seine Zeit im Krieg hat ihn ebenso geprägt wie fast jeden damals zur Zeit der Weimarer Republik.
    Sein Kollege Müller ist nicht mit ihm auf einer Wellenlänge. Lahnstein hat oft das Gefühl, dass man sich über ihn lustig macht im Dezernat. Dabei sind seine Ansätze und Ziele gut, ihm scheint wirklich etwas am Verbleib der Jungen zu liegen. Nach kurzer Zeit bemerkt Lahnstein das Fehlen der Akte Haarmann und pocht darauf sie zu bekommen. Lahnstein verzweifelt fast an der Aufklärung des Falles, es gibt keine konkreten verwertbaren Hinweise, er setzt sich selbst stark unter Druck.
    Viele Andeutungen von außen lassen in ihm den Verdacht aufkommen, dass Haarmann etwas mit den Morden zutun haben könne. Als er die Akte dann bekommt, geht er der Sache nach. Er ist sich bald sicher, dass Haarmann der Täter ist, doch wie soll er dies beweisen. Folter? Er lehnt dies strikt ab, doch ab wann rechtfertigt der Tod vieler junger Menschen solche Maßnahmen?

    Im Roman wird einiges über Haarmann und seine Vergangenheit erzählt. Es war interessant und erschreckend zu erfahren, dass er die Taten sehr offensichtlich begann und niemand etwas dagegen unternahm. Zum anderen spiegelt es auch einen Mann wider, der in der Lage war, nach außen etwas anderes vorzugaukeln, als er wirklich war. Dies alles und die derbe Beschreibung der Morde macht diesen Roman zu einem Werk, dass nicht mal eben so nebenher gelesen werden kann. Die Tatsache, dass es so stattgefunden hat, brachte mich häufiger an einen Punkt, an dem ich das Buch kurz weglegen musste.
    Ein dunkles Thema, gut in Szene gesetzt. Ich möchte hiermit eine Leseempfehlung aussprechen!

  1. Mehr Abbild der 1920er Jahre als Krimi

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Apr 2020 

    Friedrich „Fritz“ Haarmann – die meisten von uns werden schon einmal etwas von diesem Serienmörder gehört haben. Ich bringe damit oft den von mir geliebten Film „Der Totmacher“ mit dem großartigen Götz George in Zusammenhang.
    Nun zählt der Kriminalroman „Haarmann“ von Dirk Kurbjuweit zu meinen zukünftigen (guten) Erinnerungen dazu.

    Der Autor hat dabei jedoch alles andere als ein literarisches Denkmal für Fritz Haarmann geschaffen; wer mit diesen Erwartungen an das Buch herangeht, wird vermutlich enttäuscht werden. Es gibt (wenn überhaupt) nur rudimentär neue Erkenntnisse für die Leserinnen und Leser. Allerdings bin ich der Meinung, dass man mehr über Haarmann gar nicht wissen muss.

    Vielmehr geht es Kurbjuweit in seinem Buch darum, die Stimmung in der jungen Weimarer Republik wiederzugeben. Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Politik (egal ob demokratisch oder links, (leider) weniger von rechts) und - speziell im Raum Hannover, wo Haarmann sein Unwesen trieb - gegenüber der Polizeiarbeit wächst.

    Und hier kommt der fiktive Kommissar Robert Lahnstein ins Spiel, der die Misserfolge der Hannoveraner Polizei bei der Suche nach verschwundenen Jungen in einen Erfolg „umwandeln“ soll. Lahnstein ist ein in sich gekehrter und an sich selbst zweifelnder Charakter, dem das Leben schwer zugesetzt hat. Er wacht immer wieder aus Alb- oder Tagträumen auf, in denen seine Frau Lissy und sein Sohn August eine Rolle spielen. Was mit Frau und Sohn passiert ist, wird allerdings erst sehr spät deutlich.
    Zunächst ist auch Lahnstein´s Arbeit nicht von Erfolg gekrönt, da immer mehr Jungen verschwinden, seine Kollegen intrigieren und er in Folge dessen immer mehr Druck von außen und von innen ertragen muss. Ein Flug mit einer Albatros-Maschine bringt schließlich die entscheidende Wende…

    Mehr sei an dieser Stelle gar nicht verraten, zumal das Ende (Haarmann wird gefasst, verurteilt und hingerichtet) bekannt ist.

    Der etwas ungewöhnliche, eher nüchtern-trockene Schreibstil sowie keinerlei „wörtliche Rede“ ist zunächst ungewohnt, sollte jedoch kein Grund sein, diesem Roman keine Chance zu geben. Auch die am Ende eines jeden Kapitels kursiv dargestellte Sichtweise von Haarmann sowie die ebenfalls kursiv dargestellten Texte aus der Sicht der Opfer werden sachlich und ohne jedwede „Wertung“ von Kurbjuweit wiedergegeben.

    Alles in Allem liegt mit „Haarmann“ ein großartiger Kriminalroman vor, der von mir die verdienten 5* sowie eine Leseempfehlung bekommt!

    ©kingofmusic

  1. Mordserie in der Zeit zwischen den Weltkriegen...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Apr 2020 

    Im Hannover der 1920er-Jahre verschwinden Jungs, einer nach dem anderen, spurlos. Steckt ein bestialischer Massenmörder dahinter? Für Robert Lahnstein, Ermittler im Fall Haarmann, wird aus den Gerüchten bald schreckliche Gewissheit: Das Deutschland der Zwischenkriegszeit, selbst von allen guten Geistern verlassen, hat es mit einem Psychopathen zu tun. Lahnstein, der alles dafür gäbe, dass der Albtraum aufhört, weiß bald nicht mehr, was ihm mehr zu schaffen macht: das Schicksal der Vermissten; das Katz-und-Maus-Spiel mit dem mutmaßlichen Täter; die dubiosen Machenschaften seiner Kollegen bei der Polizei; oder eine Gesellschaft, die nicht mehr daran glaubt, dass die junge Weimarer Republik sie vor dem Verbrechen schützen kann.

    Warte, warte nur ein Weilchen,
    bald kommt Haarmann auch zu dir,
    mit dem kleinen Hackebeilchen,
    macht er Schabefleisch aus dir.
    Aus den Augen macht er Sülze,
    aus dem Hintern macht er Speck,
    aus den Därmen macht er Würste
    und den Rest, den schmeißt er weg.

    Ich bin sicher nicht die einzige, die dieses makabre Liedchen kennt. Bisher wusste ich jedoch wenig über den Fall an sich - wobei ich den Film / das Kammerspiel 'Der Totmacher' mit Götz George vor etlichen Jahren angeekelt-fasziniert geschaut habe.

    Der Titel des Buches impliziert, dass es hier vorrangig um den Serienmörder geht, und so war ich doch zunächst erstaunt, dass im Fokus des Geschehens der (erdachte) Ermittler Robert Lahnstein steht. Aus Bochum nach Hannover versetzt, soll er Licht bringen in die zahlreichen Fälle vermisster Jungen, von denen kein einziger wieder aufgetaucht ist.

    Lahnstein selbst in ein Zerrissener, der wie die meisten anderen Deutschen auch im Verlauf des 1. Weltkriegs traumatische Erfahrungen machen musste und sich nun neu zu orientieren versucht. Seine neuen Kollegen zeigen sich alles andere als kooperativ - der alte Geist der Kaiserzeit zieht noch durch die Polizeiflure, und v.a. Lahnsteins Kollege Müller legt ihm Steine in den Weg, wo er nur kann.

    Zugegeben: ich mochte Lahnstein als Charakter nicht sonderlich. Der Kampf mit seinen eigenen Dämonen nahm für meinen Geschmack phasenweise zu viel Raum ein, die Ermittlungen plätscherten zudem lange Zeit einfach vor sich hin, ohne dass auch nur ein Hauch an Dynamik hinzukam. Ein Junge nach dem anderen verschwand, ohne dass Lahnstein etwas ausrichten konnte.

    Erst spät gab es eine Kehrtwende, und bis dahin tauchte der Leser ein in eine düstere Zeit der Nachkriegswirren, in die politisch-gesellschaftliche Unsicherheit, in den nur zögerlichen Wandel von Recht und Moral, in die wackeligen Gehversuche der Weimarer Republik. Dirk Kurbjuweit setzt nicht Haarmann in den Mittelpunkt der Erzählung, sondern die dunkle Seite dieser Epoche mit der Erkenntnis von menschlichen Abgründen allüberall.

    Ein interessanter Ansatz, der zudem erklärt, wie es so lange dauern konnte, bis Haarmann überhaupt gefasst wurde. Kurbjuweit hangelt sich in seinem Roman eng an den tatsächlichen Fakten des Falles entlang: Protokolle, Schriftstücke, Dokumente - viele der genannten Unvorstellbarkeiten lassen sich im Internet recherchieren und bestätigen auch die teilweise absurd-skurrilen Ereignisse, die hier geschildert werden.

    Der Schreibstil ist sperrig, die Schilderungen düster, die wörtliche Rede ist nicht markiert. Auch dies war für mich gewöhnungsbedürftig. Im Verlauf verschob sich meine anfängliche Bewertung von knappen drei jedoch zu überzeugten vier Sternen, da ich finde, dass der Zeitgeist der damaligen Epoche hier hervorragend wiedergegeben und der Fall Haarmann passend in diesen Kontext eingebettet wurde.

    Sicher nicht der Kriminalroman, den ich erwartet habe. Aber ein überzeugendes Zeitdokument, das den Fall Haarmann abseits der grausamen Fakten auch aus einer anderen Perspektive beleuchtet und dabei auch die gesellschaftlich-politischen Umstände kritisch hinterfragt.

    Überraschend anders...

    © Parden

  1. Fritz Haarmann, der Schlächter von Hannover

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 24. Mär 2020 

    "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Hackefleisch aus dir." (Hawe Schneider)
    In Hannover verschwinden in den 20er Jahren mehrere Jungs im Alter zwischen 10 und 22 Jahren. Die Polizei steckt in einer Krise, da sie sich nicht sicher sind, ob hinter dem Verschwinden ein Serienmörder steckt. Kommissar Robert Lahnstein wird deshalb nach Hannover berufen, um seine Kollegen zu unterstützen. Als weitere junge Männer verschwinden wird aus den Gerüchten immer mehr die Gewissheit, dass sie es mit einem gefährlichen Psychopathen und Serienmörder zu tun haben. Doch auch Lahnsteins Ermittlungen stecken fest, weil er keinen Verdächtigen findet, besonders da seine Kollegen und die Gesellschaft wegschauen. Als er jedoch von Fritz Haarmann erfährt, ist er sich ziemlich schnell sicher, dass er der Täter sein könnte. Nur wie soll er ihm die Taten nachweisen? Ein Katz und Maus Spiel zwischen Täter und Lahnstein beginnt.

    Meine Meinung:
    Das düstere Cover mit dem Mann, der jemanden verfolgt, passt, sehr gut zu der Geschichte. Der Schreibstil ist für mich etwas gewöhnungsbedürftig, schon alleine dadurch das die wörtliche Rede im gesamten Buch nicht mit Satzzeichen markiert wurden. Zudem fehlte es für mich total an Spannung und vom eigentlichen Täter erfuhr ich viel zu wenig. Stattdessen ließ der Autor sehr viel Belangloses aus dem Privatleben Lahnsteins, in dem Fall hineinfließen. Gerade die vielen Rückblenden in Lahnsteins Vergangenheit, die ich als nichtig empfand, störten dann zusehends meinen Lesefluss. So stand ich mehr als einmal kurz davor dieses Buch abzubrechen. Der Vampir, der Schlächter, der Kannibale oder der Werwolf von Hannover wie der Massenmörder Fritz Haarmann ebenfalls genannt wird, kannte ich schon zuvor. Von daher war dieser Fall nichts Neues für mich. Doch trotz der realen und fiktiven Umsetzung konnte mich die Darstellung des Autors nicht in allen Belangen überzeugen. Zwar erfahre ich von vereinzelten Jungs was ihr Verschwinden von zu Hause anbelangt, doch selbst dies fand ich zu wenig. Ich hätte mir hier weitaus mehr gewünscht. Genauso wie über Haarmanns Motivation, die mir hier selbst am Ende noch nicht ganz klar dargestellt wurde. Ebenso wäre eine Namensaufstellung der toten Jungs am Ende oder Anfang des Buchs von Vorteil gewesen, sodass ich dafür nicht immer im Nachschlagen musste. Im Grunde erfuhr ich über Haarmann selbst nicht mehr als das, was ich schon wusste. Was mich von daher enttäuscht hat, besonders da der Autor ein renommierter Reporter ist. Dass Haarmann die Jungs beobachtet hatte, sie mit zu sich nahm, kennenlernte, missbrauchte und dann totbiss, kann einen schon erschüttern. Doch das so viele Menschen rücksichtslos weggesehen haben oder die Polizei ihm seinen Taten lange nicht nachweisen konnte, ist schon erschreckend. Dass dies, genauso wie seine sexuelle Neigung, Korruption, sowie die unerlaubten Vernehmungsmethoden im Buch angesprochen wurden, hat mir dagegen gut gefallen. Ungeachtet dessen kann ich diesem Buch nur 2 1/2 von 5 Sterne geben, da es für mich im Grunde nichts weiter Relevantes zutage brachte, wie das was ich sowieso schon über den Haarmann wusste.

  1. Der Werwolf von Hannover

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 21. Mär 2020 

    In den unruhigen 20iger Jahren trieb Haarmann in Hannover sein Unwesen. Er ermordete über 20 junge Männer und zerstückelte ihre Leichen. Die Spitze der Perversität war der Verkauf des Fleisches an die notleidende Bevölkerung. Wie Jack the Ripper ist auch Fritz Haarmann längst in die Kriminalgeschichte eingegangen. Seine Taten haben Filme und Bücher inspiriert.

    Auch der Autor Dirk Kurbjuweit hat diesen Stoff aufgenommen. Sein Buch ist ein Roman, hält sich bei der Beschreibung Haarmanns eng an die vorhandenen Dokumente. Als Gegenspieler führt er die fiktiven Kriminalisten Lahnstein und Müller ein. Lahnstein ist erst kürzlich aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und noch nicht richtig im zivilen Leben angekommen. Er trägt schwer am Verlust seiner Frau und seines Sohnes, über deren Schicksal der Autor den Leser fast bis zum Schluss im Unklaren lässt.
    Die Suche nach dem Mörder der Jungen zeigt die wirren Zeiten der Zwischenkriegsjahre. Die Bevölkerung leidet Not, die politische Situation ist mehr als unsicher und die noch junge Demokratie überhaupt nicht gefestigt. Extreme politische Anschauungen finden nicht nur bei der Bevölkerung Anklang, auch im Kommissariat sind mit dem Sozialdemokraten Lahnstein und dem reaktionären Müller zwei gegensätzliche Standpunkte vertreten. Müller nutzt auch die Stimmung um gegen den angeschlagen wirkenden Lahnstein zu intrigieren.

    Damit illustriert der Autor auch die historisch nachgewiesenen Fehleinschätzungen der damaligen Polizei und der zum Teil dilettantisch anmutenden Ermittlungen, die dem „Werwolf von Hannover“ jahrelang weiteres Morden ermöglichten. Kann man die Persönlichkeit des wohl krankhaft veranlagten Haarmanns überhaupt erklären? Hier hatte ich nicht das Gefühl, da blieb für mich vieles im Dunkeln.

    Der Kriminalroman ist auch ein Zeitbild der Zwanziger Jahre, die für weite Teile der jungen Republik und ihrer Menschen lange nicht so Golden war, wie es Filme oder Bücher suggerieren. Ein wenig habe ich die Spannung vermisst, vielleicht auch durch die Gewichtung auf die Figur des Kommissars Lahnstein. Auf alle Fälle aber ein interessanter Roman mit kriminalgeschichtlichem Hintergrund.

    3,5 Sterne

  1. An der Leine

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Mär 2020 

    In den 1920er Jahren verschwinden in Hannover junge Männer. Kommissar Robert Lahnstein kommt aus Bochum nach Hannover, um die Ermittlungen zu übernehmen. Sein Kollege Müller ist nicht sehr erfreut. Er steht politisch auf einem anderen Standpunkt als der Demokrat Lahnstein. Die Untersuchung gestaltet sich schwierig. Immer wieder werden junge Männer von ihren Eltern als vermisst gemeldet. Kommissar Lahnstein ist von seinen Erlebnissen im ersten Weltkrieg gezeichnet. Als Flieger hat er seiner Meinung nach nicht genug Abschüsse erzielt, was ihn dazu verleitet hat, in Erzählungen zu übertreiben. Außerdem werden seine Nächte von den Gedanken an seine Familie beherrscht.

    Im groben bekannt dürfte die Geschichte des Serienmörders Fritz Haarmann einem größeren Publikum seit dem Film „Der Totmacher“ sein. Dennoch ist das vorliegende Buch eine interessante Art, sich die Geschichte dieses sehr gestörten Täters in Erinnerung zu rufen. Lahnstein und sein Kollege Müller, der fast wie ein Gegenspieler wirkt, die politische Grundstimmung in den 1920ern, die auch einen Einfluss auf die Ermittlungen hat, das Milieu, in dem die Verbrechen angesiedelt sind. Etliche Spuren, selbst Informationen über die Vermissten scheinen nirgendwo hin zu führen. Und der Leiter der Ermittlungen hat mitunter genug mit seinen eigenen Problemen zu tun. Dennoch berührt ihn das Schicksal der verschwundenen Jungen und er gibt sein Bestes, um den Täter zu finden.

    Mit einer gelungenen Mischung aus Fiktion und Fakten vermag der Autor ein authentisches Bild über Leben und Stimmung in den 1920ern zu zeichnen. Logischerweise nutzt er dabei Quellen, die sich aus den originalen Aufzeichnungen speisen. Dennoch schafft es Dirk Kurbjuweit dem Thema einen eigenen Ton zu geben. Sein in Teilen unsicherer Ermittler, der jedoch mit aller Hartnäckigkeit ermittelt. Das politische Gefüge, das ahnen lässt, wie schwer die Welt nach dem ersten Weltkrieg mitgenommen ist. Und auch Lahnsteins Stellung in seiner eigenen Behörde. Man meint eine düstere Bühne zu betreten, in der es kaum eine Lösung des Falles geben kann. Allzu lange gibt es kaum belastbare Hinweise. Mit seiner ganz eigenen Stimmung eröffnet der Roman einen neuen Blickwinkel auf einen bekannten Fall, auf einen Täter, der in seiner Grausamkeit wohl nie verstanden werden kann.

  1. Zeitkolorit pur

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Mär 2020 

    „Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir…“ Ein makabrer Gassenhauer aus den 20er Jahren über einen spektakulären Kriminalfall, der die Stadt Hannover in Atem hielt.
    Darum geht es hier. Es verschwinden auffallend viele Jungs 1923 in Hannover. Robert Lahnstein wird aus Bochum angefordert, um bei den Ermittlungen zu helfen. Zeugen berichten von merkwürdigen Vorkommnissen in Zusammenhang mit einem Fritz Haarmann. Warum wird das nicht untersucht? Lahnstein durchforstet die Homosexuellenszene Hannovers, kommt aber nicht so recht weiter.

    Dirk Kurbjuweit erzählt uns, wie es gewesen sein könnte. In einer sehr eigenen aber auch sehr plastischen Sprache beschwört er die 20er Jahre herauf. Es ist schwül, finster, unheimlich, dekadent, manchmal auch grausam. Der Erste Weltkrieg ist noch längst nicht überwunden. Lahnstein hat oft an finsteren Erinnerungen zu knacken. Ein hingeworfenes „Versailles“ ist eine gängige Erklärung für Missstände oder auch ein makabrer Witz.
    Wir blicken in die unterschiedlichsten Köpfe, sehen die Welt mit Lahnsteins Augen, aber auch mal aus Haarmanns Sicht oder aus Sicht des Jungen, der ausgerissen ist und in Hannover umsteigen will. Ist er das nächste Opfer?

    Dieses Buch ist Zeitkolorit pur, dichte Atmosphäre, ein authentisches Stück Geschichte und ein Mordfall, der ekelhafter nicht sein kann. Ein Pageturner ist es allerdings nicht, hier wird mehr ein historisches Ereignis innerhalb des Zeitgeschehens beleuchtet, als dass mit Spannungselementen gespielt würde. Ich fand das hoch interessant, kann aber verstehen, dass Krimifans vielleicht enttäuscht sind, ein typischer Krimi ist das nicht.
    Ein bisschen zu kurz kam mir die Motivation des Ganzen. Haarmann bleibt der sadistische Irre aus dem Lied, warum er der wurde, der er war wird hier nicht gemutmaßt, obwohl man mit dem Auftreten seiner Schwester durchaus näher auf seine Kindheit hätte eingehen können. Aber vielleicht wollte der Autor auch einfach keine Entschuldigungen für einen bestialischen Serienmörder anbieten.

    Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und möchte es geschichtsinteressierten Lesern dringend empfehlen. Es ist ein eindrucksvoller Ausflug in ein finsteres Kapitel der Stadtgeschichte Hannovers und auch ein stimmiges Zeitportrait der 20er Jahre in Deutschland.

 

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