Sie kam aus Mariupol

Buchseite und Rezensionen zu 'Sie kam aus Mariupol' von Natascha Wodin
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Sie kam aus Mariupol"

Format:Taschenbuch
Seiten:368
EAN:9783499290657
read more

Rezensionen zu "Sie kam aus Mariupol"

  1. Romanhafte Ahnenforschung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Jan 2019 

    Ein Leben lang hat Natascha ihre Familiengeschichte du Herkunft möglichst weit von sich geschoben und sich von ihr weitgehend losgesagt.
    Aber dann kommt ein Moment in den 90er Jahren, in dem sie folgenschwer eine kleine Anfrage im Internet stellt. Und mit diesem kleinen Moment führt sie uns fulminant in ihren Roman „Sie kam aus Mariupol“ hinein:
    „Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.“
    Und damit beginnt mit einem der besten ersten Sätze, die mir jemals untergekommen sind, eine historische Spurensuche, die Natascha und mit ihr die Leser manchmal faszinieren, manchmal schockieren, nie aber unberührt bleiben lassen wird.
    Vollkommen unerwartet erhält Natascha auf ihre Internetanfrage ein Ergebnis und bald auch einen Ansprechpartner: Konstantin, der irgendwo im Norden Russlands sitzt und sich in seiner Freizeit zur Aufgabe gemacht hat, genealogische Spurensuchen durch die für so lange Zeit vollkommen verschlossenen sowjetischen Archive und Geschichtsbücher zu betreiben. Fortan entwickelt sich ein intensiver Austausch zwischen Konstantin und Natascha und erstaunliche Funde werden gemacht und helfen dazu, die Vergangenheit von Nataschas Eltern puzzleartig zu entwickeln und eine Geschichte zum Leben zu erwecken, die eine Unzahl von Abgründen der Geschichte, die durch die Ukraine und über sie hinweg gerollt ist, aufdeckt. Das Buch stellt dies in verschiedenen Stadien dar:
    1. Das Auffinden von Dokumenten über Nataschas Ahnen
    2. Das Auffinden von Personen, die entfernte Verwandte von Natascha sind
    3. Die Geschichte, die das Lebenstagebuch von Lidia Ivanschtschenko, einer Tante Nataschas, erzählt
    4. Rekonstruktion der Geschichte von Vater und Mutter anhand weniger geschichtlicher Fakten
    5. Die Familiengeschichte aus den Kindheitserinnerungen von Natascha.
    In diesen 5 Schritten wird eine Familiengeschichte erzählt, die nicht nur ungemein packend erzählt ist, sondern die mir als Leserin auch immer wieder ein ungemeines Staunen über die möglichen Abgründe und Unglücke, die eine Familie treffen kann, eingegeben hat. Was ich als Leserin da erfahren habe, hat mich wirklich ungemein berührt, ein ungemein hohes Maß an Leid, dass diese Familie in einem unglücklichen Landstrich erfahren musste, habe ich erlesen dürfen. Dabei gleitet der Schreibstil aber nie ins Depressive/Negative ab, sondern spiegelt die angespannte Neugier gegenüber der eigenen Familiengeschichte wieder. Ich habe so mit „Sie kam aus Mariupol“ ein selten erlebtes intensives Leseerlebnis gehabt, das mich noch sehr lange bewegt halten wird.
    Was ist das für eine Familiengeschichte?:
    Natascha wächst als Kind von staatenlosen Ausländern in Deutschland in abgetrennten Siedlungen auf, in denen die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland verbliebenen Ostarbeiter – aus den zeitweise eroberten Ostgebieten verschleppte Zwangsarbeiter, die während des Krieges die ausgefallenen Arbeitskräfte deutscher Männer zu ersetzen hatten. Nach dem Krieg konnte eine ganze Reihe von ihnen zwar die Arbeitslager verlassen, in denen sie bis dahin eingesperrt waren, um Arbeiten zu verrichten, die sie angesichts ihrer Härte, der nicht ausreichenden Nahrungsmittelversorgung und der zum Himmel schreienden hygienischen Bedingungen dahinvegetierten. Die Rückkehr in die Heimat aber ist nach Kriegsende sehr vielen von ihnen versperrt, denn zu Hause in der Sowjetunion würde sie wegen angeblicher Kollaboration mit dem Feind (Zwangsarbeit) Lagerhaft im stalinistischen System erwarten. Eine Alternative, der diese Zwangsarbeiter dann doch den Verbleib im Feindesland, in dem sie über Jahre hinweg drangsaliert wurden, vorziehen. Diese Menschen werden nach dem Krieg in Siedlungen untergebracht, die sie als Außenseiter brandmarkt und eine Integration in die deutsche Nachkriegsgesellschaft verhindern soll. Als Opfer des Dritten Reiches gelten sie nun Russen, als Vertreter des Feindes und werden ausgegrenzt und diskriminiert. Natascha lernt so schon als Kind ihre Rolle als Ausgestoßene in ihrem Anderssein kennen und wünscht sich dabei nichts mehr, als dazugehören zu können. Das aber ist mit der Adresse in den „Häusern“ mit einem Vater, der Alkoholiker und gewalttätig ist, und einer Mutter, die sich in depressive Passivität und schließlich in den Suizid flüchtet, eine reine Illusion. Deshalb ist ihr vollkommenes Desinteresse an der Familiengeschichte und an der Vergangenheit ihrer Eltern auch durchaus verständlich.
    Das Interesse bricht dann aber im Alter doch auf und sie begibt sich mit ihrer Internetanfrage als Initialisierung auf die Spurensuche.
    Dabei findet sie eine Geschichte, die sie in die ukrainische Stadt Mariupol am Ufer des Asowschen Meeres führt. Dort lebt im 19. Jhdt. eine bunte Gesellschaft, zusammengewürfelt aus vielen Teilen Europas. Die Mutter entstammt einer reichen italienischstämmigen Familie. Der Vater hat Ahnen aus dem deutschbaltischen Adel. Der ukrainische Bürgerkrieg in den 1920er Jahren beutelt die gesamten Gesellschaftsschichten mit Hunger und Gewalt, der Sieg und der Einmarsch der Sowjets haben insbesondere für Familien mit Besitz und adliger Herkunft verheerende Auswirkungen. Nataschas Vater lebt lange in Lagerhaft und auch eine Schwester gerät in die Fänge des Stalinregimes und kommt in ein Lager im nordisch eisigen Karelien. Nach den Sowjets fallen dann die Deutschen in den 1940er Jahren über die Stadt her und nehmen sie ein. Nataschas Mutter verliert ihre Arbeit als Lehrerin als die Schule geschlossen wird und arbeitet ab diesem Zeitpunkt aus purer Not und mangels irgendwelcher Alternativen, die das Überleben ermöglichen könnten, an gleicher Stelle für die Deutschen im „Arbeitsamt“, in dem Ukrainer unter Vorspiegelung falscher, mehr als beschönigender Tatsachen für Arbeiten im Deutschen Reich angeworben werden. Als dann die Sowjets die Deutschen zurückdrängen, bleibt Nataschas Mutter nichts als die Flucht, denn mit dieser Arbeit für die Deutschen konnte sie auf keinen Fall auf Stalins Milde bauen, sondern mit dessen harter Strafe (erschossen oder in sibirischer Lagerhaft). Die Flucht führt sie zunächst nach Odessa mit einer kurzen Zeit des Durchatmens, dann aber rücken die Sowjets näher und sie verpflichtet sich zur Fremdarbeit in Deutschland und wird dorthin abtransportiert. In Deutschland arbeitet sie alsdann in einer Leipziger Rüstungsfabrik, untergebracht unter wenig menschenwürdigen Bedingungen, bis das Kriegsende diese Phase des Lebens beendet. Aber, wie oben angesprochen: an Rückkehr ist nicht zu denken und jegliche Pläne, nach Amerika auswandern zu können, zerschlagen sich mit der Zeit. In die deutsche Gesellschaft jedenfalls können sie sich nie integrieren und werden auch ganz bewusst aus dieser separiert. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zählten lange zu den "vergessenen Opfern des Nationalsozialismus“, also zu den Opfergruppen, die vom deutschen Entschädigungsrecht nicht berücksichtigt wurden. Die DDR lehnte aufgrund ihres Selbstverständnisses als antifaschistische Neugründung darüber hinaus sowieso jegliche Entschädigung für ausländische NS-Opfer ab. Eine mehr als klägliche Wiedergutmachung für die Ostarbeiter gab es erst in den 1990er Jahren.
    Natascha erkennt bei ihrer Recherchearbeit im Alter dann auch, dass eine literarische Stimme dieser Opfergruppe des Nationalsozialismus sich nie erhoben hat und so ist dieses Buch von ihr, das sie selbst in den Mittelpunkt der Geschichte stellt und ihre eigene, ganz persönliche Geschichte aufarbeitet eine Arbeit zur Schließung dieser gewichtigen Lücke.
    Mich hat das Buch und das erzählte Schicksal vollkommen gepackt und gefangen gehalten. LESEN! Ist meine absolute 5 Sterne-Empfehlung.

 

Mein Name ist Judith: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Mein Name ist Judith: Roman' von Martin Horváth
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mein Name ist Judith: Roman"

Gebundenes Buch
Wenn sich Geschichte wiederholt ... ein hellsichtiger und sehr berührender Roman

Wien in der nahen Zukunft. Seit einem Attentat auf dem Hauptbahnhof ist der Ausnahmezustand zur Regel geworden. Auch die Welt des Autors León Kortner ist aus den Fugen geraten: Bei dem Anschlag sind Frau und Tochter umgekommen, seitdem führt er ein Leben unter Toten. Einsam versucht er einen Roman über die jüdische Familie Klein zu schreiben, die bis zur Flucht vor den Nazis eine Buchhandlung in dem Haus führte, in dem León wohnt. Eines Morgens sitzt ein fremdes Mädchen in einem altmodischen Mantel in seiner Küche. Wer ist diese Judith, die behauptet, dass ihrem Vater der Buchladen gehört?

Mit großem Feingefühl erzählt Martin Horváth von Verfolgung, Flucht und Exil einer jüdischen Wiener Familie und zieht Parallelen zu unserer Zeit - ein kluger, eindringlicher Roman über die Macht des Erzählens und das Vergessen, Vergessen-Wollen und Nicht-vergessen-Können.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:368
EAN:9783328600107
read more

Rezensionen zu "Mein Name ist Judith: Roman"

  1. Hier und jetzt und damals

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Okt 2019 

    Wien in einer nicht allzu fernen Zukunft. Ein Anschlag auf den Hauptbahnhof vor zwei Jahren kostete einigen Menschen das Leben. Seither trauert der Schriftsteller Leon Korten um seine Frau Lydia und seine Tochter Hanna. Er verkriecht sich aus Einsamkeit und Kummer in seiner Wohnung. Doch eines Tages ist da ein kleines Mädchen in seiner Küche, Judith Klein, geboren vor fast hundert Jahren, verschwunden und vermutlich verstorben im Holocaust.
    Martin Horvath beschreibt ein Wien, ein Szenario, das ich so nicht kenne, aber das genauso sein könnte. Und doch kenne ich dieses Wien, über das der Autor „Mein Name ist Judith“ schreibt. Ich kenne die Leopoldstadt, die Stolpersteine, die orthodoxen Juden mit ihren Pelzhüten und weiße Strümpfen. Ich kenne die Parolen, die polemischen Redner, die die Angst schüren, kenne die Forderungen derer, die Freiheit gegen Sicherheit aufrechnen. Leon Korten kennt all das auch und er weiß auch vom damals, als in der Wohnung, die er heute bewohnt einst die jüdische Familie Klein lebte. Leon wohnt mit vielen Geistern der Vergangenheit, seinen eigene und denen der Familie Klein. Mit der Kraft der Erzählung schafft er für die kleine Judith eine neue Realität. Aber auch für sich selbst findet er dadurch einen neuen Lebenswillen, findet einen Abschluss zu seinen Geistern, seinen Toten.
    Damals wie heute, hier und jetzt: Mein Name ist Judith ist eine Einladung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, aus der Geschichte zu lernen.

 

Honigtot: 2 CDs

Buchseite und Rezensionen zu 'Honigtot: 2 CDs' von Hanni Münzer
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Honigtot: 2 CDs"

Ungekürzte Ausgabe. 807 Min.
MP3 Audio CD
Als sich die junge Felicity auf die Suche nach ihrer Mutter macht, stößt sie dabei auf ein quälendes Geheimnis in ihrer Familiengeschichte. Nachforschungen führen sie zurück in das dunkelste Kapitel unserer Vergangenheit und zum dramatischen Schicksal ihrer Urgroßmutter Elisabeth und deren Tochter Deborah. Ein Netz aus Liebe, Schuld und Sühne zerstörte das Leben beider Frauen und warf über Generationen einen Schatten auf Felicitys eigenes Leben.

Format:Audio CD
Seiten:0
EAN:9783869522661
read more
 

Persepolis Gesamtausgabe

Buchseite und Rezensionen zu 'Persepolis Gesamtausgabe' von Marjane Satrapi
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Persepolis Gesamtausgabe"

Broschiertes Buch
Aus der Perspektive eines kleinen Mädchens erzählt die gebürtige Iranerin Marjane Satrapi von der islamischen Revolution von 1979 und vom Krieg mit dem Irak - und zwar in einer einfachen, aber effektiven Bildsprache.
Um dem iranisch-irakischen Krieg zu entkommen, wird sie als Jugendliche von ihren Eltern aus Teheran nach Wien geschickt. Nach vier Jahren kehrt sie trotz der Faszination der europäischen Jugendkultur wegen Heimweh nach Teheran zurück, wo sie als dekadent gilt und mit den täglichen Widerwärtigkeiten des islamischen Regimes konfrontiert wird. Von nun an ist sie nirgendwo mehr zuhause.

Format:Taschenbuch
Seiten:356
EAN:9783037311172
read more